Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 2 (1947/48)
- Issue
- 13 (8.10.1947)
- Date
- 1947-10-08
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/9498581-9498587-9504472--446-9498481- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 6 8. Oktober 1947 JÜDISCHES GEMEINDEBLATT FÜR DIE BRITISCHE ZONE Die Schmach des gelben Sterns Anfang September'1941 bekam die deutsche Presse vom „Prorrii“ die Anweisung, den' sechsten, Jahrgang der Verkündung der Nürnberger Gesetze nicht ohne eine „tief fundierte Würdigung : dieses geschichtlichen Aktes“ vor» , übergehen zu lassen und\ hierbei anzudeuten, daß sieh „das Reich zu weiteren Sicherungsmaßnahrhen gegen die in seinen Grenzen lebenden Juden genötigt sähe.“ „Was führt man nun .wieder im Schilde?“ bangten '.die nicht emigrierten deutschen Juden und sahen mit ■ düsteren Ahnungen ihren Feiertagen entgegen, die man ihnen 1935 durch die Proklamation der Schand- und Schmachgesetze verbittert hatte. „Wir werden ihnen ihr Fest versalzen!“ hatte Herr Streicher, wohl das übelste' Subjekt in Hitlers Umgebung, damals ausgerufen, Diesmal „versalzte“ man sie ihnen durch eine neue Demütigung, ejn Dokument .niedrigster-und gemeinster Gesinnung, das am 19. September Gesetzeskraft erhielt und von den Pgs und* Vgs mit Begeisterung, von den anständig denkenden Deutschen aber mit mühsam verhaltener Empörung aufgenommen1 wurde. , " Es. war^ein erschütternder Anblick: am Morgen des 19. September . schlichen bedrückt, scheu, piit niedergeschlagenen Augen- Männer und Frauen undr Kinder durch die Straßen Berlins, an der ßKist trugen sie den großen gelben Stern, den ■ sie' sich aufnähen ‘lassen mußten, und in den Läden, an den Arbeitsstätten, in den Verkehrsmitteln begegnete ihnen der triumphierende, Höhn der schadenfrohen-Volksgenossen, die sieh heute vor den Entnazifizierungskommissipnen drängen; auf der Straße-rief man den so Gekennzeichneten Schimpf- und Spottworte nach, der „VB“ vermerkte mit Genugtuung, -daß in Berlin 90 000 Glaubensjuden und 40 000 „andere Rassejuden“ das schmachvolle Zeichen-tragen müßten, upd der „Stürmer“, dem diese Emiedri-, gung immer noch nicht genügte, kreischte: „Sie sollen zufrieden sein, daß man ihnen nicht wie im Mittelalter, das spitze Hütchen aufsetzt- und. das Schandmal ihrer Rasse in die Stirne brennt!“ . n Nein, die Schmach,* brannte nicht auf ihrer Stirn, aber sie brannte, in ihrer Seelen die Schmach, kein Kino, kein Theater, kein Re* staurant, kein Cafe betreten, kein Radiogerät, kein Telefon, keine Leihbücherei, keine Verkehrsmittel benutzen zu dürfen. Die Schmach, nicht einmal bestimmte Straßen überqueren, nur'zu bestimmten Stunden einkaufen und sich nur auf bestimmte Banke setzen zu dürfen. Und weil Wir das alles schon.wieder, ver» gessen haben, diese Infamien gegen wehrlose,, erniedrigte, beleidigte und -gehetzte Menschen, darum wollen wir diesen 19. September als eines'Tages gedenken, an deih der Nazismus , sich selÖSt das Schandmal, seiner Schmach", seiner Unkultur, seiner Roheit und seines primitiver! Hasses auf die Stirn brannte und an dem das . unglückliche jüdische Volk eine weitere Etappe äuf dem Leidenswege zu seiner fast völligen Vernichtung durch die brau-, *ne Barberei zurücklegte; ® ' („Telegraf“, Berlin.)' Rassenhetze feierte Auferstehung Während einer kleinen Familienfeier der Familie Rybak, Ahlen, Südstraße 14, die zu dem rassisch Verfolgten des Naziregimes zählt, fiel vor dem Fenster ein-Schuß, dkm gleich darauf ein Bombardement pit Koks gegen 4ie Fensterscheiben folgte. Die sofort benachrichtigte Polizei nahm im '^gegenüberliegenden Hause eine Durchsuchung vor und stellte bei der Familie Schleier die Koks-Wurfgeschosse Test. Weitere Durchsuchungen förderten auf de.m Bod.en des Hauses eine Pistöle zu Tage, als deren Besitzerin Helga Kohne ermittelt wurde, die bei der Familie Schleier'verkehrt. Eine besondere Note erhält diese unerhörte Provokation eines rassisch .Verfolgten hoch dadurch, daß einige Tage nach dem Vorfall bei Herrn Riegelhaupt, Ahlen,; Südstraße 14, der an der Feier teilgenommen hatte und ebenfalls Verfolgter des Naziregimes ist, ein Mann erschien und R. eine Pistole zum Kauf anbot. Riegelhaupt erklärte dem Mann; daß er sich, erst Geld beschaffen müsse und verabredete einen' Treffpunkt in einem Lokal. Mit der sofort benachrichtigten Kriminalpolizei gelang es, den-Mann festzunehmen und die Pistole sicherzustellen.'. Einige Tage später erschienen nun plötzlich bei Riegelhaupt zwei Kriminalbeamte aüs Warendörf, - um eine Haussuchung durchzuführen mit der Begründung, ,daß der Verdacht bestehe, er * handele mit Pistolen. , . . . ' * * Wir sind der Ansicht, daß sich die Kriminalpolizei in Warendorf auf einer falschen Fähr» te befindet. Es bedarf keines kriminalistischen Scharfblickes,, um festzustellen, daß zwisphen beiden geschilderten Fällen ein Zusammenhang besteht. Vielleicht betätigt sich die Kripo einmal in , einer anderen Richtung. Wir sind davon überzeugt, daß . Sie zu überraschenden, Ergebnissen kommen wird! Die, Vorfälle bestätigen, daß die Rassenhetze heute noch sehr eifrige Verfechter besitzt. Den” demokratisch denkenden Kräften Rollten sie. ein weiterer Beweis dafür sein,. daß schöne Worte nicht .dazu angetan sind, diese Provokateure zu beseitigen. Hier helfen nur schärfste Maßnahmen, wenn wir nidht eine Wieder-' holung dessen erleben wollen,, was uns an den Rand des Verderbens _ geführt hat. („Westdeutsches, Volksecho“.) Dr. S.SCHAPIRA: Ich bin schon seit drei Wochen im Lande'und kam noch nicht dazu, Ihnen einen Bericht zükommen. zu lassen. Die Ursachen sind erklärlich. Die höchste Temperatur des Jahres. Die größte politische Spannung während der Tagung der UN-Kommission, die. Reaktion der radikalen Gruppen auf das bestätigte Todesurteil der drei .Juden vom Attentat auf ' das Gefängnis Akko und schließlich die Euch gewiß bekannte Affäre' „Exodus 19.47“ mit ihren schwerwiegenden. Folgen für den Jischmy. Der Eindruck, den das Bänd und die Menschen. auf den neuen Immigranten machen, ist Imbeschreifolich. Wenn man in des Diaspora von. der Leistung der Juden im Lande begeistert ist, so schimmert latent, im Unterbewußt» sein doch .‘der Zweifel, ob alles-denn wirklich so ist wie es in der; „Propaganda“ geschildert wird. Öb tatsächlich' Juden, die; ehemaligen Händler, Vermittler 'und sonstige „Luftmenschen“ zü konstruktiver Arbeit fähig sind. Ob zur. schweren Arbeit bei Straßen- und Häuserbauten, Brücken- und, Maschinenbau und dgl. nicht doch Nichtjuden verwendet werden'’ Ob Juden, die in der ganzen Welt als 'die an Ordnung und Disziplin nicht .gewöhnten Elemente verschrien werden, Unter sieh Ordnung und Disziplin walten lassen. Ob die als schmutzige Ostjuden verfemten „Typen“ Reinlichkeit und Hygiene bewahren. Ob die unzählige'Spra.-’ eben, Dialekte Und Idiome, der. aus aller Welt hierherkommehden Juden nicht Wie eine' ,Kakaphoüie“ wirken. ' * Ich habV in .der kurzen Zeit meines*'- hiesigen Aufenthaltes, zufolge verschiedener militärischer Einschränkungen und auch zufolge meiner persönlichen Angelegenheiten* vorerst nür die großem Städte Tel Aviv, Jerusalem. und, Haifa besucht und möchte kurz folgendes fest stellen': .. ' . Das Tempo des Betriebes in Tel Aviv kann nur mit New York verglichen werden; Der Verkehr i$t iminens. Die schönsten Gesehäftsauslageh mit dfen neuesten Erzeugnis» sen der Weltimdustrie. Die elegantesten Luxuswagen.* In jeder Straße Tankstellen, Reparaturwerkstätten und sonstiger Autoservice. Zeitungen und Bücher, von aller Welt in ungeheuren Mengen. Luxuskaffeehäuser - über füllt. Die Leute blitzsauber und hygienisch angezogen. Der; Straßenverkehr wickelt sieh f ohne Störungen ab. Die Omnibusse (Straßen-, ßenbahn gibt es hier, nicht), funktionieren wie eine.'Schweizeruhr. Die Menschen drängen nicht. Jeder wartet iri der Reihe. Nur Sitzplätze werden verkauft. Man braucht nicht' drängen, weil; anschließend schon ein weiterer, leerer Wagen wartet: Kein Schaffner im den Omnibussen. Die Fahrscheine kauft man, beim' Motorführer' und keinem wird es -'infällen, ohne Fahrkarte zu fahren. Beim ersten Anblick könnte man glauben, daß man zufällig' an einem* Feiertag in, diese Stadt gekommen ist, wo alle Mensehen wie feierlich angezogen in den Kaffeehäusern sitzen. Dem ist nicht so. Die Menschen arbeiten ■ tjier sehr schwer; Der, Lebensstandard hier' ist bei-den Juden ziemlich oder sogar sehr' hoch; Um sich erhalten zu-können, muß, man schwer'arbeiten. Es gibt keine gute oder schlechte Arbeit. Es gibt kein Fach; welches ehrenhafter oder ansehenerregender als das andere wäre. Auch Frauen arbeiten in allen .Fächern, und Spezialitäten. Fachleute urid Spezialisten haben immer Verdienstmöglichkeiten. Nach der Arbeit badet man _ (jede, auch die kleinste Wohnung hat i Bad),* zieht saubere Wäsche und schneeweiße Kleidung an und geht auf die Strandprome- - riade, inKaffeehäuser oder zuBekannten. In den Kaffeehäusern, Omnibussen , und Parkanlagen; sieht man Fragten — nach der Berufsarbeit — mit Handarbeiten. Es ist direkt bewunde» rungswürdig,- wie bei Straßen- und Häuser- , bauten ■— die unaufhörlich fortdauern — Juden, nur Juden, die schwersteJ Arbeiten — auch während der größten* Hitze »- verrichten. ‘ Ein aus Hannöver . mit mir zusammen angekommener 60jähriger ehern! Fabrikant aus Warschau erzählte» mir vön?seiner Arbeit beim „Kvish“ (Straßenbau), wo er L. 1,10' täglich verdient und sehr zufrieden sei. Es ist direkt 'unglaublich, welche Ordnung und Disziplin im Straßenverkehr herrscht; Nur selten und nur in den Hauptverkehrszentren sieht man einen; Verkehrspolizisten (Juden) den Verkehr regulieren." Meistens wickelt ^ich der Verkehf, der riesige Verkehr,- reibungslos und ohne Zwischenfalle ab. Man hat das Gefühl,, daß mit dem Betreten des. heiligen Bodens von Erez Israel die Menschen anders werden und, "sich freiwillig und. mit Vergnügen, den Regeln und Gesetzen des Bandes unterwerfen. Diesbezieht sich auch auf die Spräche. Es ist direkt unglaubhaft, wie leicht und wie schnell diese Diasporamensphen — auch. die ältere Generation — die hebräische Sprache erlernen, und . wie sicher und selbstverständlich sie sich ihrer bedienen. ,Im Omnibus, äuf der Straße,, in den Geschäften und Kaffeehäusern wird nur hebräisch gesprochen. Die Kinder sprechen ' nur hebräisch. Eine Ausnahme bilden die deutschen Juden, die soviel Sentiment und Anhänglichkeit zu Deutschland auf bringen, ddß sie Kinderfräulein halten, um mit den Kindern deutsch zu sprechen, denn wie sie behaupten, hebräisch werden sie so wie so. können. In Wirklichkeit liegt latent'verborgen der" Gedanke, an eine Rückkehr nach Deutschland. Zu meinem größten Vergnügen gehört es, eine „Sabra“ — in Erez geboren^ Kinder, nach der Kaktusfrucht, die äußerlich rau und I innen süß ist,, genannt — auf eine Straße oder j sonstige . Auskunft zu fragen. Die klare unj zweideutige Antwort erweckt Staunen.- ... j Im ganzen Lande wird viel gebaut". Es i herrscht» aber dennoch. Wohnungsmangel in den großen Städten. In den kleineren Städten und1 auf dem Lande gibt es . Wohnungen* und Arbeitsmöglichkeiteij. Leider drängen fast alle, neue Olim nach den Großstädten und überwiegend nach -Tel Aviv, -ich möchte Ihnen davon abraten, damit Sie' keine Enttäuschungen erleben und so' sich über die Verhältnisse im Lande'ein. unrichtiges Bild -machen. Lieber andere Fragen öesJischuw sowie über das Leben in der Provinz! und im Kibutz werde ich in meinem nächsten Brief schreiben. Tel Aviv im Juli 1947. iiiiiiiiiHiiiiiiiiiiiiiiniiiiiii|Miiiiiiiiir(iiiiiiniiiiHiiii!iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii<niiiiiiimi!iiiiiHii;!iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiirniiiiiiimuniiiiiiiiiuiiiiinimmmmiiiimifiuiiHuiiimiiiiuiiiii<ii!iiiiiiiiii A, STEILBERGER: Eine drückende Gluthitze .lastet über dem ganzen-wLand. Kurorte und Sommerfrischen sind "überfüllt mit erholungsbedürftigen Städtern.. "Fast 200 km von-der ehemaligen Landeshauptstadt Karlruhe, am Zusammenfluß von Main und Tauber, hart an der bayerischen Grenze, liegt das wehrhafte ' Städtchen Wertheim. Jahrhunderte sind scheinbar spurlos über diese fränkische Landschaft hinweggezogen. Der 30jährige Krieg und auch die beiden Weltkriege haben Wertheim unversehrt .aus. den Rückfällen in die Barbarei hervörgehen lassen. Spitzgiebelige Fachwerkhäuser mit Erkern ynd Bögen, enge winkelige Gäßchen münden auf einen köstlich verwünschenem Marktplatz. Spitzweg und Richter sind lebend dig, das Zeitalter der Romantik, lebt 'noch. Darüber wacht auf einer das Mäin-Taubereck beherrschenden Höhe die machtvolle, gut erhaltene. Burgruine, des ausgestorbenen Raubrittergeschlechts der Grafen von Wertheim. •Eine merkwürdige Unrast bewegt das .Leben und Treiben der Bewohner. Man erwartet Ruhe und Behäbigkeit und* findet schon morgens in aller Frühe viele Menschen unterwegs. Des Rätsels Lösung-ist die Rückwanderung des deutschen Ostens und die^frei- und unfreiwilligen Evakuierungen. 4500 Einwohner wurden in Friedenszeiten gezählt, jetzt sind daraus rund 10 000 Menschen geworden. Das braucht Zeit bis-es in einem kleineren Gemeinwesen verdaut ist. ’ . / $ Die Vielen hervorragenden offiziellen Sehens-. Würdigkeiten liegen hinter einem; die Zeit der eigenen planlosen Entdeckungsfahrten beginnt. Dabei kann es Vorkommen, daß. man auf Dinge stößt, die jucht . fürv Ortsfremde bestimmtsind. Eine ■ Mauerbresche unterhalb der Burg, auf einem äbselts gelegenen Pfad, führt unverhofft zu einem falten jüdischen Waldfriedhof. -Der Friedhof ist in guter Ordnüng, der ältere Teil ist wieder Wald geworden, hundertjährige Buchen streben empor, die Grabsteine sind versunken, yon Gestrüpp und Efeu unvwuchert. Wohl die wenigsten Juden wissen, daß wir eine der ältesten Stätten unserer Anwesenheit auf deutschem Boden vor -* uns haben „Die Heimatgeschichte, der badischen Juden“ von Berthold Rosenthal weist nach, daß in einer Eingabe der Wertheimer Jüden an die Grafen von Wertheing 1523 bemerkt wird, daß - *;1 der israelitische Friedhof daselbst der älteste im Reiche sei, da Steine darauf stünden," die schon vor 600 Jahren gesetzt worden seien. In einer anderen Eingabe -aus der gleichen Zeit heißt . es: „Es ist, wie wird Von unseren in Gott ruhenden Vorfahren berichtet, auch wohl mit brieflichen Dokumenten, beizubringen, in dem römischen Reich keine ältere Synagoge Und Begräbnis nicht hx finden“. ( Haben von 100 Wertheimer Jüden die Ausrottüng überlebt, .ist vielleicht' der eine Öder * andere aus den KZ-Lägetn wieder herausgekommen? Die Landespolizei vermag keine Auskunft zugeben;, sie ist erst neu, auf gestellt 'und befaßt sich nicht mit derartigen Angelegenheiten. Von der Stadtpolizei erhält man die aufschlußreiche Mitteilung, daß sämtliche Juden entweder rechtzeitig ausgewandert oder, an 1940 nach Gurs ,und später nach Polen gekommen seien; zurückgekommen wäre noch keiner der* Verschleppten,' somit gäbe es am Platz keinen einzigen Juden. Der Beamte verbessert sich, es wäre seit -der Besetzung noch ein polnischer Jude. da,", der am Marktplatz wohne. Das ist ein Fingerzeig, der nicht unbeachtet bleibt. ‘ich melde mich bei meinem Glaubensgenossen . an, der mir sicherlich über die .derzeitigen Verhältnisse' Auskunft zü geben vermag. Die Begrüßung ist nicht vielversprechend. Ein überreizter Mensch mit flackernden Blicken und .ünstätem Wesen tritt einem entgegen, Dife Verständigung, ist nicht einfach, ep spricht jiddisch-deutsch, an das . sich das Öhr gewöhnen' muß. Langsam faßt er Zutrauen und gibt'Einzelheiten aus seinem Leben bekannt, Er stammt aus Radom,, ist 47. Jahre alt, ngacht aber den Eindruck eines Sechzigjährigem. Er wurde mit 20 Jahren verheiratet unk war Vater einer vierköpfigen Fämilie. Polen würde bekanntlich, besetzt, die jüdischen Familien verschleppt, die Mitglieder ih .verschiedene KZ.-Lägern getrennt verbracht. Fünf Jahre mußte er durch die Hölle, von Frau und Kindern hörte er nichts mehr. Die Amerikaner befreiten ihn, 'seit 1K> Jahren hält er sich, in Wertheim auf. Er zeigt mir zwei Affidavits von seinen prüderri aus; New York, seine übrigen " Papiere sind in Ordnung, die Ueberfahrt gebucht, Seine- Ansicht ist ein tiefgründiger Pessimismus, die Nr. 13 4- 2. Jahrgang Für Veröffentlichungen’ unter . dieser Rubrik übernehmen wir keine Verantwortung. D: Red. Eriqh Kaim, Köln, schreibt uns: - „In drei Zuschriften („Stimmen der Leser“) haben meine Ausführungen „Hand in Hand — Brief an einen orthodoxen. Freund“ (Gemeindeblatt Np. 4) lebhafte Zustimmung gefundeh. Dies, zwingt mich, in diesem Falle aus der Anohymität herauszutreten und nochmals auf die Frage 'einzugehen. Eserscheint mir für die heutige deutsch-jüdische Situation bezeichnend, daß sich die, Zuschriften durchweg nur „mit dem Absatz über die Mischehen beschäftigen, während das Kernproblem, worum es also hauptsächlich ging und was auch den größten, Teil", der. Ausführungen, einnahm, unberührt blieb. Man könnte dieses "Wesentliche kurz, wenn auch nicht erschöpfend; „Toleranz im Judentum“ nennen. Ereignisse der letzten Zeit haben aber leider gezeigt, daß von der im obigen'; „Brie??, geforderten und -erhofften Toleranz gar keine* Rede sein kann. Im Gegenteil, der Ungeist dfr Intoleranz, fast möchte man'sagen, des Fanatismus geht um. Wer die Resolution der Kultus-Kommission gelegentlich des zweiten Kongresse^ in Harzburg-Belsen gelesen hat, weiß, woher - der Wind weht. Diese Resolution" wurde in der Presse nicht veröffentlicht; sie. wurde gelegentlich einer __öffentliehen Repräsentantensitzung der Kölner Geriieihde verlesen,, und einige Satze fanden sowohl aus der Repräsentanz; als auch aus dem Zufiörerkreis heraus heftigen Widersprüch. Sie wurde ferner in . Köln und dies ist anzunehmen :— wohl auch in anderen Gemeinde^ durch Aushang •bekannt gegeben, ■ so daß jeder , sie lesen .und sich selbst ein Urteil bilden, kann. Ich versage es mir, auf Einzelheiten einzugehen, denn diese „Dinge; gehören nicht vor die' breite Oeffentlichkeit und ' das „Gemeindeblatt“ (eigentlich ja nur für die. Gemeindemitglieder bestimmt) wird leider öffentlich . .verkauft. Es genügt wohl, auf dieses Dokument hinzuweisen, um zu erkennen, wie manche Kreise ohne Rücksicht, auf tatsächliche Verhältnisse die Dinge'gestalten möchten. Der Ungeist deir Toleranz geht um, aber, niditnur auf religiösem Gebiet, äohderiw auch1 im „nationalen Sektor“. In einer Frötestversammlung in .Düsseldorf am 9. September "(Gemeindeblatt Nr. 11). dekretiert Herr Rozyne, daß Juden, die erst hach-1933 zum Zionismus gefunden haben, nicht voll zu werten sind, wenn sie nicht auch die " feste Absicht haben,' nach Palästina auszuwandem.. Ich glaube, daß ein sehr erheblicher Teil der z.„ B. amerikanischen Juden (die ja das stärkste Kontingent der Judenheit stellen), zu solchen Gedanken nur mitleidig den Kopf schütteln kann., j Es gibt in der Welt - unendlich v viel Juden, die überzeugte Zionisten (älteren um neueren Datums) sind, die aber doch , nicht nabh Palästina-. auswandern würden. Die Gründe, im einzelnen sicher individuell -Sehr oft verschieden, interessieren, hier nicht. Das Wesentliche aber: von allen, die nach Palästina auswandern w o'l 1 e n, wird nur ein Bruchteil es können. Herr Rozyne weiß es genau wie jeder andere, daß Palästina —»■ namentlich nach dem Teilungsplan — viel?u klein ist,» um alle zionistisch Denkenden auf-, zunehmen und daß aus . sehr erklärlichen Gründen die Einwanderung der iri Frage kommenden sich etappenweise über Jahre; wahrscheinlich sogar Jahrzehnte hinzieheh muß, Wenn das Land nicht an plötzlichem Menschenüberschuß ersticken soll. Das alles weiß Herr Rozyne sicher so gut, Wie jeder halbwegs ' Eingeweihte; warum also werden m$ einem unhaltbaren und recht , willkürlichen Argument diejenigen vor den Kopf und zurückgestößen, die nach 1933 zum Zionismus gefunden haben? Daß überhaupt'ein Untere schied zwischen Zionisten von „vor 1933“ (wer erinnert sich da nicht an die „alten. Kämpfer“ unseligen Angedenkens) und solchen von „nach 1933“ gemacht werden soll, wirft ein bezeichnendes Licht auf die in 'manchen jüdischen Kreisen herrschende Mentalität. — Wehe- Israel, wenn Intoleranz oder gar Fanatismus und Starrsinn sich führender Kreise bemächtigen. Die Gedanken /gehen unwillkürlich zurück, fast 2000 Jahre zurück* _. die Frage, Woran damals das Reich in der Hauptsache zugrunde ging, ist nicht , schwer zu" be- ^ltworten.“ v ■ ’ 'mimwiiiiiiiniiuiiniuiiiHiiiiniiimniiiiiHiimnnroiiHniiiii!iiiiiiiinjiiiii":!iniijuiimiiiiniiin Lebensfreude mangelt; nochmals drüben von vorne anzufangen, läßt ihn schwarz sehen. Um wieder Merisch zü werden, braucht er Ruhe-Scholaum. . •' Ich bemerke, daß ich den' jüdischen Friedhof in güteiri Zustande gefunden habe, wörauf er kurz aufiacht. Wie er einträf, >meinte er, hätte er die Grabsteine, umgestürzt vorgefunden und die Einfassungen wären herausgerisseh gewesen.;Auf seine . Veranlassung habe der ‘Bürgermeister alles! wieder m Ordnung bringen lassen, wahrscheinlich hat die Anwesenheit der Amerikaner etwas nachgeholfen. Auf eine ander'e Frage, wieso es kommt, daß ein frischet Grab mit einem Hölzkreuz, einer russischen Inschrift vom Juni 1947 vorhanden sei, stellt er die völlig überraschende Gegenfrage: warum sollen! auf einem jüdischen Friedhof nicht auch Me'nschen anderer Rasse und Religion ruhen, dürfen? Wann werden, die. Völker begreifen lernen, daß auf unserer kleinen Erde sie nur dann bestehen können, wdim sie gegenseitig Toleranz üben?