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Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone · 1947-10-08 · 13 (8.10.1947) · p. Seite 4

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
Volume
2 (1947/48)
Issue
13 (8.10.1947)
Date
1947-10-08
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 — 8. Oktober 1947 JÜDISCHES GEMEiWDEBLA»TT FD? DIE BRITISCHE ZONE Nr. 13 — 8. Jahrgang von JEine Befrachtung zum Fall Philippe Lugrin B. S Der „Mord Von Payerne“ nimmt in den Annalen,, der Verbreeherbekämpf uüg' in der Schweiz einen einzigartigen Platz ein. Als ' eing Gruppe Von minderwertigen i Burschen am-16. April 1942 einen unbescholtenen und harmlosen, Viehhändler, Ar thur B l och, nach einem kaltblütig ausgeheckten Plan in einen Hinterhalt lockte, in grauenhafter, Weise ermordete, seiner Barschaft, beraubte und die Leichft kunstgerecht zerstückelte und beseitigte, da war es nicht in erster Linie die Geldgier, die ihr Verbrechen ausgelöst hatte. Das ursprüngliche , und für den Anführer dfer Mörderbande entscheidende Motiv war vielmehr die Absicht, einen Juden umzubringen. Seine Beseitigung sollte Aufsehen erregen und die andern Juden in Furcht versetzen. , Die Mordtat wirkte in der schweizerischen Oeffentlichkeit ■ alarmierend, weil sie die Gefahren der vom' nationalsozialistischen Deutschland geschürten antisemitischen Hetze grell beleuchtete. In den Verhandlungen gegen die Mörder, die im Februar 1943 vor dem Strafgericht in Payernestattf ändert, gab der Staatsanwalt des Kantons Waadt, „ Pierre Bewegungen, die in jener Zeit aus dem Boden schießen. Er, der eben noch von des Kanzel herab die christliche Nächstenliebe gepredigt hätte, entfaltet, eine wütende Hetze gegen seine jüdischen Mitbürger upd träufelt das Gift des Antisemitismus in die Herzen von primitiven, politisch unreifen' und gewalttätigen jun-. .gen Menschen., Der Intellektuelle sichert,* sich eineh geradezu dämonischen Einfluß . auf den beschränkten und «triebhaften, Fernand Ischy, der blindlings alle seine Weisungen ausführt,; und wird, in dein er den Anführer völlig in seine Hand bekommt, zum fnspirator und Chef der „Bande vqn Päyerne“, die sich bei den deutschen Machthabern mit gutem Grund des Rufes einer zuverlässigen nationalsozialistischen und im besonderen antisemitischen Ter* «rorgrüppe erfreut, die das Terrain für den- „Anschluß“ vorbereitet. ' * 0 Die Saat, die Lugrin gestreut hat, trägt reiche Früchte. Die Ischy, .Vallotton, Joß und Marmier werden von tiefem Haß gegen die Juden erfüllt, die ihnen immer wieder als die für alles Unglück apf‘ der Welt allein Verantwort- Boven, der Erregung des ganzen Landes liehen und als die verabscheuungs würdigen A a1« Jj. TI A J L. IJ ' t* . /4 ftv» l\/Tn-n Ausdruck, als er die Begründung seiner Straf anträge mit den Worten schloß: „Ich schäme' mich ob der Schande, die unserem Lände angetan worden ist. Ich kann es einfach nicht, fassen, daß män einen Juden getötet hat, weil er Jude war. Die geringste Schwäche wird uns als Furcht ausgelegt werden. Niederträchtigen Feinden gegenüber gibt es nur eine . Strafe: die schwerste!“ Das Strafgericht von Payeme folgte der Auffassung des Staatsanwaltes. Sein Urteil vom 20. Februar 1943, das gegen drei^Angeklägte auf lebenslängliche und gegen die zwei weiteren auf langjährige Zuchthausstrafen* lautete,' wurde denn auch weiterhin als ein entschlossener Akt der ■Sebstbehäuptung der Schweiz gegenüber den bedrohlichen Umtrieben jener * dunklen Kräfte empfunden, die die sittlichen Grundlagen der Eidgenossenschaft zu untergraben und f Zwietracht in die Reihen des Schweizer Volkes, 'zu tragen suchten*. Der Mord von Payerne ist glücklicherweise der einzige Fall geblieben, in dem in der Schweiz ein Jude wegen seiner Rassenzugehörigkeit durch Mörderhand. sein , lieben hat lassen müssen. Die Verhandlungen vor dem Strafgericht in Payerne ließen sehr bald den. dringenden Verdacht wach werden, daß sich — um mit den Worten des Staatsanwaltes zu’ sprechen — hinter der sichtbaren Szene ein anderes Drama abspielte. Es mußte ein zweiter Vorhang/ gezogen werden, damit die volle Wahrheit enthüllt wurde und die Hauptakteure ih Erscheinung traten. Dies *isf in der vergangenen Woche vor dem Strafgericht von Payerne in Moudon geschehen. Es erwies sich einwandfrei, daß die Mörder des jüdischen Viehhändlers Arthur Bloch nichts anderes, als das gefügige Werkzeug eines skrupellosen Fanatikers und , politischen Agitators, des ehemaligen waädtländischen Pastors Philippe Lugrin gewesen. sind. Dieser selber aber, war wiederum nur einer der zahllosen Agenten, 'des Dritten Reiches, die ihre ganz bestimmten Aufgaben, in der geplanten Verwirklichung der* nationalsozialistischen Weltherrschaft zu erfüllen hatten. Vor den Schranken des Gerichts erschien unter der Anklage der Anstiftung zürn Mord ein vollendeter „Herrenmensch“, wie Nürnberg sie sah, anmaßend und brutal in der Zeit der äußeren Erfolge, weinerlich und feige; als das Glück sich von seinen einst mächtigen Freunden, abwandte und er das eigene Tun nach den. Grundsätzen des Rechts verantworten sollte. " \ , Wie ist Philippe Lugrin zum Nationalsozialismus gekommen? Was man in Payerne darüber erfuhr, erscheint irgendwie typisch. Unfähig, sich eine neue Existenz zu schaffen, nachdem er im Jahre 1934 sein'Pfarramt in Moritagny hatte äufgeben müssen, jagt der damals erst 31 Jahre alte Lugrin einer „neufen- Ordnung“ nach, die alles ändern müsse,/ und verschreibt sich mit Kaut und Häaren .den extremistischen Todfeinde der Menschheit schlechthin dargefstellt werden. Man brauchte also nur die ‘Juden auszuschalten, um das Glück und die Wohlfahrt der Welt zu sichern. Einen Juden zu töten, muß geradezu ein gutes Werk sein. Als Lugrin daher im März 1942 zu Ischy äußert, es sei der Aügenblick zum Handeln gekommen, es müsse ein Jude beseitigt werden, macht sich dieser mit seinen Komplicen ohne irgendwelche ^Gewissensskrupelnvans Werk. Sie finden „einen Juden“ in Arthür Bloch, den sie kaum kennen und der keinem .von ihnen jemals etwas zuleide getan hat. Einen Juden zu ermorden -- Ischy hat es vor dem.Strafgericht in Moudon erneut bestätigt -rberührt sie nicht mehr, als wenn sie mit einem Gummi einen Namen aus einem Buche hätten ausradieren sollen. Gewiß wurde die Wahl des Opfers (nicht* der Mord als solcher) durch die Hoffnung mitbestimmt, Geld auf ihm zu finden, Wie tief aber muß der Wert eines jüdischen Menschenlebens in. den- Augen dieser Räuber gesunken sein, daß der eine, von ihnen den, Betrag Von zwanzig Pranken und einige Gläser Rotwein als eine angemessene Prämie für seine Teilnahme an der Ermordung Arthur Bloch empfunden hät? v ■Pas Bild des antisemitischen Hetzers weist, wie in so vielen ähnlichen Fällen, gleichzeitig auch die Züge des Landesverräters auf. Lugrin ' denunziert - angesehene Schweizerbürger heim ■ deutschen Konsulat in Lausanne als Feinde Deutschlands oder Freunde der Juden und liefert sie dadurch für den (von ihm herbeigesehnten) Ernstfall ans Messer.' Diese Briefe an das Konsulat unterzeichnet er mit „Heil Hitler“! , Er reist wiederholt: nach Deutschland, wo er sich als Funktionär in der Propaganda-Abteilung des Auswärtigen Amtes, in Berlin und als Mitarbeiter der antise- Wir bitten unsere Abonnenten, stets darauf zu achten» den Verwendungszweck der eingesandten Gelder sowie Nthnen klar und deutlich in -Maschinen- oder Blockschrift auf dem Postscheckahschnitt zu vermerken. Außerdem bitten wir, auf Ueberweisung der richtigen Gebühren, die aus dem, Kopf unserer Zeitung ersichtlich sind, zu »achten. Nur dann kann eine pünktliche Lieferung gewährleistet werden. mitischen Hetzzentrale „Welt-Dienst“, die sich im besonderen der Aufreizung des Auslands widmet -und in der Schweiz verboten wird, betätigt. Vor dem Mord an Arthür Bloch weist Lugrin seine Spießgesellen an, im Falle einer Verhaftung jede. Aussage vor einer schweizerischen Behörde davon abhängig zu machen, daß ein Repräsentant des Dritten Reiches zum- Verhör zugezogen würde. Nach der Verhaftung Ischys eilt er. angsterfüllt zum deutschen Konsul und entzieht sich, auf seinen Rat hin, der schweizerischen Justiz durch die Flucht nach. Paris, wo er, ein Kumpan der Qltramare und Bonny, im Solde der deutschen Besetzungsmacht das darniederliegertde Frankreich gfeistig vergiften hilft. In diesem Gemälde feines „guten Schweizers“ bedeutet es nur einen letzten- Pinselstrich, daß Lugrin’ in einem arroganten Schreiben es abgelehnt hat, der, Aufforderung dfer für ihn zuständigen schweizerischen Ortswehr, zu eipem Kurs einzurücken, Folge zu feisten; . , iiiiiiiiiiiiiiiiiiii!iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii!iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii!iiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniii!iiiiii;iiiiiiiiiiiiiiiiiiinii<in«fiHiiiiiiiiiiiiiimmiiiiiiiiimiiiii!iiiiiiiiiiiiiiiimiiiiiiiiiiHiii ::::iminiiiiiiiiiiiiiiiii Ihr werdet mir nicht glauben, aber es ist doch so, daß es mir Freude machte, meine -Arme und Beine auszüstrecken,. wenn die Kinder an einem Faden zogen. Gewiß, es war ermüdend, manchmal sehr, — aber ich kam darüber hinweg, besonders wenn ich dann die frohen Kindergesichter sah. — Lange Zeit ging es gut — bis dann ein kleines Mädchen kam'und übertrieb. Sie hatte Freude am Quälen, .das/merkte ich bald. Die Kleine zog an dem Faden, fester, immer fester und schneller, *— sie ließ mich kaum zu Atem kommen. / Es schmerzte mich körperlich — aber noch mehr seelisch. Warum, so fragte ich mich, fügt sie mir diesen seelischen Schmerz zu? Warum quält Sie mich körperlich, wo sie;doch weiß oder wissen sollte, daß ich' nur'; >zum Freudemachen geboren hin. Der Mord von Payeme und die Reaktion der Schweiz auf dieses Verbrechen gliedern sich in den großen weltgeschichtlichen Rahmen unserer Zeit ein. Ging es/doch letzten End,es um nichts anderes als um den Versuch des nationalsozialistischen Deutschland, seine propagandistische Hauptwaffe im Kampf gegen die Demokratien, den Antisemitismus, auch in der Schweiz zu erproben. Man erinnert sich des heftigen Widerstandest den die be-: setzten Völker gerade , auch der deutschen Judenpolitik entgegengesetzt haben. In einem Bericht, der am 25. April 1943 in der „Neuen Zürcher Zeitung“ erschienen ist,'ist dieser Widerstand am Beispiel Hollands überzeugend dargestellt worden: . Die Holländer spürten, so las man dort/,daß sie, wenn sie auch nur um Haaresbreite von ihrer Ablehnung jeder rassischen Diskriminierung? abwichen, den Begriff „holländisch“ überhaupt preisgeben würden. Was die Deutschen „Gefühlsduselei“ nannten, war im Grunde eine Frage des patriotischen und politischen Instinkts, des kollektiven Selbsterhaltungstriebes, - dem. die Deutsche^ auf dem Wege über .das „Judenproblem“ beizukommen' trachteten. Im, Kampf gegen die Judenverfolgungen hätten daher mehr Holländer ihr Leben geopfert oder sich in Konzentrationslager stecken lassen als, selbst im Kampf gegen den „Arbeitseinsatz“, Die Schweiz ist von einer Besetzung verschont geblieben. Die nationalsozialistischen Wühlereien-haben aber ihren Bestand ernsthaft bedroht. Nicht zufällig hat die Generaladjutantur, Abteilung Heer und Haus, in einem Wehrbrief im besonderen vor dem Antisemitismus gewarnt, den sie als „ein Einfallstor für die . fremde Propaganda“^ ‘bezeichnete. Durch'sein exemplarisches Urteil vom 20. Februar . 1943 hat das Strafgericht von Payerne sicherlich' zum Ausdruck Dringen wollen, daß es' nicht gewillt war, der These von-der Minderwertigkeit der jüdischen Mitbürger aüfeh nur die geringste Konzession zu machen und in' einer gemeinen Mordtat, weil das Opfer ein Jude war, etwa ein „politisches“ Delikt zu erblicken, wie'es die Täter und ihre Hintermänner erhofft hatten. „Päs auf zwanzig Jahre, Zuchthaus, das ist die - Höchststrafe für Anstiftung zu einer vorsätzlichen Tötung im Sinne des Schweizerischen Strafgesetzbuches, ’ lautende Urteil^ das das gleiche Gericht . vor einigen Tagen in Moudon gegen Philippe Lugrin ausgesprochen hat, bestätigt in.. einem Zeitpunkt, in dem, das nationalsozialistische Regime besiegt , ist, seine Haßideen aber noch keineswegs . überwunden sind, diese entschlossene Haltung, Der Staatsanwalt des, Kantons Waadt, Boven, hat ihr in einem Appell an die küßte, liebkoste sie' mich,, dapn aber als sife Richter und Geschworenen am Schlüsse sei* sah, daß ich glücklich darüber, recht folgsam j ner Anklagerede die eindringliche Formulie bei jedem Zug meine Arme und B^ine ausstreckte, begann sie nochmals, mich zu quälen. Recht oft nahm ich mir vor, dieser Qual ein Ende zu machen. Nie gelang es mir, —; bis ,eines Tages, sich folgendes ereignete: Ein anderes Kind machte dem Mädel Vorwürfe darüber, daß sie mich so mißhandfeite. Trotzig, wie die. Kleine war, begann sie immer fester und .schneller an. der Schnur zu ziehen, bis ich endlich so weit war: Die Schnur riß und klemmte — ' ich stand unbeweglich. — Nichts könnte mich wieder dazu bringen, mich zu fügen. Und dann, stand ich »in einer E«ke. ~ Die Kinder 'sahen mich täglich — und Wenn sie mich sahen, dann lachten sie glücklich in Erinnerung an. die »»schönen Stünden, die ich ihnen bereitet hatte. ' Ich käpipfte lange; ertrug die schrecklichsten Schmerzen und Pein— immer wieder in der j Hoffnung", daß diese Kleine einmal einsehen I Auch der kleine Quälgeist lachte — aber anwird,- daß sie mir unrecht tut. — •- Warum I ders, ganz’ anders als die anderen Kinder. ich das glaubte? Zwischen dem Quälen rühg gegeben: „Es geht darum, der Gesamtheit unserer jüdischen. Mitbürger zu beweisen, daß in dfer Schweiz das gleiche Recht für alle gilt und daß wir uns alle als Mitbürger .und Brüder im gleichen Lande fühlen.“ Wenn die Geschieht^ der 'geistigen Landesverteidisuv^- der. Schweiz in der Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft geschrieben. werden wird, werden auch die Urteile von Payerne und Moudon vom entschlossenen und erfolgreichen Widerstandswillen dieses Landes zeugen.. iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiHiiiuimiiii|iiiiiiiii!iiiHiiiiniiiitmihiiimmiiiiiininniiii::i:iiiiiiiHmiiiniuiiii Die' Presseausstellurig in Düsseldorf will in einer Sonder schau den ersten großen Ueberblick über die illegale Presse Währenddes Hitler-Regimes und die Emigrantenpresse geben. Alle, die Material dafür besitzen, werdengebeten, es für diese Ausstellung; zur Verfügung zu stellen.; Das Berliner Büro der ,Deutschen Presse- Ausstellung 1947 in Düsseldorf“ (Wilmersdorf,, Badensche Straße 48) haftet dafür, daß die Stöcke zurückgegeben werden. Kama. Kommandlt - Gesellschaft* Postscheckkonto*: HANNOVER 11169 QeorgsfraDe' 27, II. Etg. |“iÄ 1^1 INO V fc fr* Ruf: 2174-55/4©, 24471 ■ ■ Draht: Löhrbanls,Hannover - Erledigung sämtlicher bankmässlgten Geschäfte^ POSTFACH 353 Reichsbankgiro: 27/47 i Heine hat einmal bekännt, daß er nach seinem Tode zu seinem Vergnügen, nächtlicherweise /herumspuke. Herbert Eulenljerg, der bekannte fortschrittliche, den Juden sehr zugetane rheinische. Schriftsteller, der, namentlich Düsseldorf und damit-Heine in sein Herz geschlossen hat, verhilft in seinem neuesten, -amüsanten und geistreichen Buch „Heinrich Heine“ (Aufbau-Verlag* Berlin) dem Dichter dazu, die bemerkenswertessten Stätten seines Lebens noch einmal aufzusuchen. Düsseldorf steht dabei an erster Stelle. Wir lassen im Folgenden den Heine-, Eulenberg Eindrücke von seinem Rundgang „ durch —die heutige Düsseldorfer Altstadt wiedergeben. D. Red. „Ich War nicht nur erstaunt, ich war entsetzt, als ich mich dem Ursprungsort meines Lebens in der Bolkerstraße in Düsseldorf näherte. Ich habe, wie man weiß, mit inniger, dauernder Liebe an , meiner Geburtsstadt gehangen. ,Die Stadt Düsseldorf ist sehr -schön* heißt es in einem Büch Le Grand. ,Und wenn man in der Ferne an sie denkt und Zufällig dort geboren ist, wird einem wunderlich zu Mute.1 Ach! ich muß diese meine Huldigung nach'neuerer Betrachtung teilweise etwas einschränken und zqm mindesten das Wörtchen ,sehr‘streichen, Man hat der Stadt, die zur Zeit meiner Jugend sechzehntausend Einwohner hatte und nun derer 3^0 000 hat, bös mit gespielt in den letzten Jahren, und der Nationalsozialismus hat aüeh. in ihr seine schlimmen Spuren hiiiterldssen. Ich sah einstmals ln meiner Kindheit am ,Spee‘schen Graben dort, ungefähr an der Stelle, wo einer meiner kleinen Kameraden .ertrunken ist, Wie ein K^ter, sein teufliches Spiel mit einein Mäuslein trieb, das er gefangen* hätte. Er verspeiste das Tierchen nicht mit einemal.' Er zerrte es ^mehrmals zwischen seinen scharfen Tatzen hin und her, bis es ihm wüst zerzaust .und zugerichtet zum Opfer fiel. An dies. zwischen seinen Krallen abgefranste Tier' erinnerte mich der . jetzige Anblick meiner weiland.. prächtigen Heimatstadt. Freilich war ich-schon durch den Anblick des alten heiligen Köllens, das ich auf n^einer Geisterrefse streifte und das noch viel nSehr zerknittert und zerknautscht aussah, an das Antlitz des heutigen Deutschlands hach der braunen Apokalypse gewöhnt. Aber im* merhin geriet ich bei dem Anschauen der mir aus meinen Knabenjahrep so - vertrauten Plätze urid Straßen ein wenig aus der- Fassung und zerdrückte hierbei/einige Tränen. Soweit diese bittere Flüssigkeit' mir armem Sikatten noch zur Verfügung steht..- - - 1 ■' Mein Geburtshaus in der Bolkerstraße ist Von einer Brandbombe zerstört und bis auf die Vorderseite gänzlich ausgebrannt. Grün verschleierte vornehme Engländerinnen ' werden es sich kaum mehr ansehen können und .dem Dienstmädchen ein Trinkgeld geben, wenn es ihnqn die Stube zeigt,\ in der ich das Licht der Welf erblickte. Diese meine kühne Vision, der ich in meinem Buch Le Grand bewegten Ausdruck verliehen habe, ist zu Asche und Zunder geworden. Jene denkwürdige Kammer, ih. der ich meinen ersten Protestschrei gegen die Mehschenwelt ausstieß, ist ebensowenig noch vorhanden wie der Hühnerwinkel,.in der. ich zusammen mit meiner Schwester spielte: ,Mein Kind, wir, wareh Kinder, Zwei Kinder, klein und froh, Wir krochen ins Hühnerhäuschen, versteckten ufis unter das Stroh.' Nichts von alledem ist mehr da. Selbst die Bronzetafel an der Stirnwand des Hauses, die man zu meinem Gedächtnis ‘dort angebracht -hatte, ist verschwunden. fiUnd statt der jLadies, die sich durch ihre Stielbrillen alle diese Erinnerungen an mich und .meine Jugend betrachten sollten, stolzieren jetzt .britische ‘Soldaten, in ihren braunen Uniformen, hier vorüber, die sich nicht im -mindesten um mich und meine -Schöpfungsgeschichte scheren. ZU nieinem Glück bekam ich noch He gm Wilhelm Weidenhaupt, den jetzigen Eigentümer meines - Geburtshauses, .zu packen. Herr Weidenhaupt ist ein tüchtiger Bäckermeister und ein solider,., ehrsamer Bürgersmann, trotz der späten Stunde, in der er heute heimkehrte. Er lächelte* mich gutmütig an, als. ich mich ein ■ wenig darüber verwunderte, ihn noch auf der Straße zu treffen. ,Die Sperrstunde ist aufgehoben, die uns die Engländer * aufgebrummt haben,' meijate er zur Erklärung. wenn auch nicht au seiner Entschuldigung iür die Zeit, in der er noch vor seinem und-meinem Haus herumpendelte. Und dann unterrichtete er mich über däs ganze Elend, das über seine teure Altstadt gekommen sei. Wobei es diesmal nicht an lauf ausgesprochenen Schimpfwörtern gegen die verfluchten Nazis fehlte, die diesen Untergang auf ihrem völlig mangelhaften Gewissen trügen ... ,Aber, Herr Weidenhaupt!' warf ich leise dazwischen, ,die Tafel’ an meinem Geburtshaus scheint schon vor der Zerstörung dpr Stadt durch die feindlichen Bomber gelockert worden zu sein.' ,Um Himmels willen!' stammelte er und. vollführte jene Bewegung, die ich . bereits einige Male an meinen rheinischen. Landsleuten festgestellt hatte, indem'er, scheu hinter sich blickte. ,Sie ahnen nicht, wie man sich in acht nehmen müßte vor " diesem nationalsozialistischen Gesindel in., Düsseldorf wie in ganz Deutschland, Drüben der Wirt vom, ,Goldenen Kessel' wird’ es Ihnen bestätigen können. Er hatte'ein Marmorbild von Ihnen in einer Ecke seiner Kheipe 'aufgestellt. Ihr Kollege,- der Dichter Eulenberg, hat eine Rede bei _ der Einweihungdieses ■ ,Käfigdehkmals‘, . wie er es nannte, gehalten. Denn ip der Öeffentliaikeit durfte man Sie doch'nicht Ihren Mitbürgern im Bilde vorführen, weder in Oel, .noch in, Marmor. Aber auch mein Gegenüber, der das Zapfgewerbe ebenso tapfer und unbescholv ten betreibt wie ich meinen leckeren Bäckerberüf, hat dies Ihr. Standbild ebenso '.schleunigst wegschaffen müssen, wie ich jene Bronzeplatte. Que votilez-voas! Der Antisemitismus war ja auch bei uns über Nacht ausge-

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