Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 2 (1947/48)
- Issue
- 11 (13.9.1947)
- Date
- 1947-09-13
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/9498581-9498587-9504468--427-9498464- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
%. Jahrgang — Nr.. 11 JÜDISCHES GEMEINDEBLATT FÜR DIE-BRITISCHE ZONE 13. September 1847 — Seit« 5 wältigenden Mehrheit es unterlassen hatten,' den. Wage- und Heldenmut zu zeigen, den z. B. die- Bewohner der Niederlande und der skandinavischen Länder bewiesen, — sondern mindestens ebensosehr darauf, daß nach 1945 so gar kein Beweis der Individual- oder Kollektiv-Reue Und Gewilltheit,wenigstens teilweise wieder-gut-zu-machen, zu bemerken war. Ich fürchte, der „grüne Tisch“ war in dieser Hinsicht nicht besser, noch schlechter als „der kleine Mann auf der Strafe“. Ich habe Einblick in die vielmonatlichen Sabotageversuche angeblich demokratischer Staatsregierungen gegen ein noch zu erlassendes Wiedergutmachungs-Gesetz. "Ich habe eine lückenhafte und doch bedrückend* lange Liste vom Schändungen jüdischer Friedhöfe und von Attentaten auf Leute, die es mit demokratischem Neubau ernst nehmen, welche in, jüngster Zeit begangen wurden. Ich hörte jedoch leider Von keinem einzigen Einzelfall, der als Beweis dafür gedeutet werden, könnte, daß deutsche „Arier“ beklagen/ was ifh Namen Deutschlands und durch (mindestens) Zehntausende von Deutschen den Juden und anderen Völkern zugefügt wurde. Sie leugnen — im Gegensatz zu Kart . Jaspers oder Pastor Niehlöller —.nicht.nur die moralische Schuld der' Deutschen, sondern stellen ihre ,,große politische Instinktlosigkeit“ in ein so rührendes Licht, -daß der Leser meint, daß Sie zwar von/ einem „Fehler“ sprechen, ihn aber doch fast als „reizvolle Eigenheit“ * (ä la „Parsival, der reine Tor“)' empfinden. Wollen Sie allen Ernstes plädieren, daß das deutsche Volk politisch sich auf den. Paragraph 51 berufen soll? Dann dürften die Alliierten ja, wirklich nicht an Wiederherstellung deutscher Selbstverwaltung denken, sondern müßten Deutschland, das sich selbst als „unzurechnungsfähig“ bezeichnete,. auf ewig unter Zwangsverwaltung halten . . . , Sie begeben sich auf noch brüchigeres Eis, wenn sie die (ausgewanderten und vergasten) „deutschen Juden“, die „Hindenbürg wählten und stolz darauf waren, ihr Einjähriges in einem besseren deutschen Regiment abgedieht zu haben“, kontrastieren mit den „bedauernswerten Ostiuden“, die „nichts arbeiten, nach Sitte und Sprache von ihm verschieden sind und sich eines offenbaren Wohllebens erfreuen.“ In. den letzten Tagen , sah ich amtliche Dokumente, aus denen hervorgeht, daß die große Mehrheit der jüdischen DPs nicht „in den' Schlamm der Nachkriegszeit“ abgesunkerj ist, sondern in- und außerhalb der Läger'„ein tätig-nützliches Leben“ unter harten Bedingungen führt. Natürlich' befinden sich unter jenen Entwurzelten,, die 'durch Nazi- Deutschland nicht, nur ihrer Existenz, sondern auch ihrer Familien beraubt wurden, auch einige wehige, die glauben, Deutschen« gegenüber sich inkorrekt benehmen "zu. dürfen. Aber'geht dadurch «die Milchmädchen-Rechnung auf, daß, weil sich unter den. Tausenden, die „Bahnhofshallen und Züge füllen und,den ■ SchWarzen Marktversorgen, auch DPs befin-; den, die Judenaktionen, die Enteignungen und Massen Vernichtungen automatisch zu vergeben und zu vergessen sind? Diese groteske Gleichsetzung eines Polizeivergehens mit einem Kapitalverbrechen erinnert allzusehr an den früheren Reichsrechtsführer Hans Frank, der im Sommer 1946 vor dem Nürnberger Tribunal in Bezug auf die Ausrottung der Juden sagte: ,,Tausend Jahre werden vergehen, ehe diese Schuld des deutschen Volkes getilgt sein wird“* und -der wenige Monäte darauf versicherte, daß Ereignisse, die in der Zwischenzeit Stattfanden, diese Schuld vollkommen ge-- sühnt hätten. ». * Ich lehne Verallgemeinerungen über Deutsche, Juden oder andere ab. Gerade deshalb bedauere ich, daß ich von meinen Feststellungen über die Doppelenttäuschung der Welt durch die Deütsöhen nichts zyrücknehmen kann. Wenn man ihr Verhalten, sowohl vor dem Zusammenbruch des Dritten Reiches als auch in den seitdem verflossenen zwei Jahren betrachtet, dann gelangt man zu der schmerzlichen Erkenntnis,. daß dieses Volk zunächst der sittlichen Größe gebrach, dem Üebel zu Widerstehen, und dann der männlichen Mündigkeit, sich für Begangenes zu verantworten. Seit , mehr als einem Jahr hören wir in Nürn-, berg, daß allein ,^Hitler und Himmler“ an allem schuld waren. Wenn man keine Schuld auf sich lädt, dadurch, daß man Verbrechern zwölf Jahre hindurch ermöglicht, ihre Verbrechen zu begehen,was eigentlich ist dann Schuld? Achtzig Millionen Deutsche können sich ihrpr nicht dadurch entledigen, indem sie. auf .einige 'Schwarzhändler'jüdische , oder andere—deuten. Wir fordern-keine .Rache. Man müßte ein, Herz von Stein haben, wollte man des vielen unschuldigen Blutes vergessen, dasim letzten Jahrzehnt auf allen Seiten vergossen wurde. Ueber alle Grenzen hinweg eint uns die. brennende Sehnsucht nach Versöhnung, Neubau und echtem Frieden. Diese Werte körinen aber nicht durch einen neuen unehrlichen „Münchner Pakt“ erkauft werden. Die Wahrheit muß; zuerst ans »Licht und darf nicht „um des lieben Friedens willen“ verraten werden, /Dem deutschen Volk erwiese man einen schlechten Dienst, wollte man, sich dazu Vergeben, seine tiefe moralis'che' Verschuldung zü vertuschen, lediglich weil sich diese schwerlich einfügen läßt in jenes Weltbild der Ver- ' antWOrtungslosigkeit, det Selbstbemitleidung und der Cjeschichtsverfälschung, an dem so . viele hierzulande heutzutage mit einer Emsigkeit .zimmern, die einer, besseren Sache wür- «dig wäre. v ■ „ . . Hans Lamm. Etwas vom Schwarzhandel „Das Läget Bergen-Belsen wird in der ausländischen Presse ein Schwarzhandelparädies erster Ordnung genannt. Selbst die Lagerverwaltung hat zugegeben, daß das Lager ein Herd der Demoralisierung sei. 34 Prozent der Männer und 66 Prozent der Frauen werden von der UNRRA verpflegt.“ Die deutsche Presse bririgt des öfteren derart zarte Anspielungen. Die oben zitierte entstammt dem „Rheinischen Merkur“ vom 16. ' August. Vor einiger Zeitwurde von umfangreichen 'Schwarzschlachtungen in . einem Judenlager berichtet. _ . .(Nun ist' es doch so, daß weder der Normalverbraucher noch der -Schwerarbeiter von ihren Rationen leben können. Täten sie das wirklich, dann würden sie im Monat ungefähr 10 bis 15, Pfund an Gewicht einbüßeri, und jeder begabte Schuljunge könnte leicht errechnen, 'wann der j,ehrbare Staatsbürger“, zum seligen, substanzlosen Geistwerden müßte, Es ist wirklich so, daß jeder von. uris, du und ich und er und sie und es in irgendeiner Form vom Schwarzhandel leben, wenn überhaupt. Dabei ist. es völlig belanglos, ob es sich um Kompensation oder um Geld handelt- Wesentlich ist, daß derartige Geschäfte getätigt werden müssen. Seihst - der Gesetzgeber, der sie berufsmäßig *be3käinpft, nimmt persönlich ßn ihnen teil. Sonst wäre er längst tot, und könnte keine Gesetze mehr geben. Auch der „eigene Kohl“, in> Hausgarten' gepflanzt, ist zum Großteil aus schwarzem Samen entstanden. : Schwarz sind Schrot und Frucht, womit- Bai-» konhühner, Vorgarten-Ziegen und Badezimmer-Kaninchen zu bescheidenen Leistungen angeregt werden. Es gibt kein andersfarbiges Getreide. ' Warurn also der heuchlerische Hinweis auf Lager ’ — Judenlager? Wenn schon von „Paradiesen“ die Rede ist, dann ist ganz Deutschland ein Schwarzhandelparadies. Es dürfte sich inzwischen herumgesprochen haben, daß der Nazi-Friede, der Nazi-Krieg und die daraus resultierende Nachkriegszeit unter völliger Ausschaltung der Juden zu Stande gekommen sind. ' Grete Signer NiemöHer: Die VVN lehnt ihn ab Der Landesvorstand .und der Landesausschuß der hessischen VVN ^lehnten in einer gemeinsamen Sitzung den Antrag Pastor Ni e - m ö 11 e r s auf Mitgliedschaft in der Vereinigung ab, er sei „auf Grund der alten Tradition seiner Familie Antisemit“, . wie aus den G^ieimaktpn des Stabes Alfred Rosenberg bekannt geworden sei. Niemöller soll außerdem nach. seinen eigenen Aeußerüngen seit■ den zwanziger Jahren eine „positive Stellung“.1 zur NSDAP eingenominen haben. Auch habe Nie-* möller bei seinem Besuch in den Vereinigten Staaten die Lage in Deutschland nicht mit dem nötigen, „verantwortungsvollen Ernst“ geschildert. „Dieser Beschluß macht auf mich nicht den .geringsten Eindruck“, stellte Pastor Nienaöller, der an der Weltkonferenz, der christlichen Jugend in Oslo teilnimmt, gegenüber einerii Vertreter der norwegischen Zeitung „Dagblad“ fest. ,Jch kenne die Leute, die dahinter stehen, sie sind von Haß erfüllt.“; . (dpd.) Für. Veröffentlichungei; übernehmen wir keine LESER unter dieser Rubrik erantwortung. D. Red. Wiedergutmachung? Seit Kriegsende sind bereits übbr zwei Jahre vergangen und viel wurde über obiges Thema geredet und geschrieben. Im'■^Allgemeinen ist hierin sehr wenig geschehen, gar nichts jedoch hinsichtlich der „arischen“ Ehepartner getan worden! Allen gerecht Denkenden ist deshalb der betr. Absatz in dem Artikel „Hand in Hand“- (Jüd. Gern- Bl. Nr. 4)'aus der Seele geschriebenem welchem der Verfasser wahrlich mit vollem Recht schreibt, „wie sähen die jüdischen Gemeinden aus, wenn diese (arischen) Menschen nicht treu und fest zu ihrem jüdischen Ehegatten gehalten hätten, der nur dadurch den Terror überleben konnte . . In der Tat! Wieviel oder wie wenige Mitglie-, der würden wohl heute die jüdischen Gemeinden zählen, wenn die „arischen“ Ehepartner — besonders die weiblichen — während des Naziregimes mit vorbildlicher Treue urid unbeirrter Standhaftigkeit nicht nur alle seelischen Qualen, v sondern auch die wirtschaftlichen, so zahlreichen Nachteile an der Seite ihres jüdischen Ehegatten durchgehalten hätten? Alle, uns Juden damals vorenthaltenen Lebensrnittel sowie Sonderzuteilungen haben besorgte Ehepartner redlich mit uns geteilt. Gibt es oder gab es bisher vom „Joint“ oder, ariderep, . ausländischen Hilfsorganisationen Extrazuweisungen, dann wurden und werden hiervon die „arischen“ Ehepartner grundsätzlich ausgeschlossen, ja auch dann, wenn Textilien, Haushaltwaren zur Verfügung gestellt wurden. Fürwahr, eine se 1 tsam.e „W i e d e r g u t m a c h u n g“! — — Es ist deshalb nicht erstaunlich, daß man dies in anderen Kreisen nicht glauben; will und man muß sich fast schämen, als Jude die Tatsache zügeben zü müssen, daß es leider so ist. Daher ist es jetzt-, ,nac;h zwei Jahren der Unterlassung, an der Zeit, das Versäümte nachzuholen, nämlich das zu tun, was An st an# s- und Dankespflicht von Anfang an,— und zwar unaufgefordert bewirkt" haben sollten! N Aus diesem Grunde ergeht nunmehr an den „Joint“ und sonstige ausländische Hilfsorgani-. sationen die. ebenso höfliche wie dringende Bitte, diese 'obige, so «durchaus begründete „Wiedergutmachung“ bei den' jüdischen Ausgabestellen mit sofortiger. Wirkung anzuordnen ' und die ausnahmslose Durchführung zu überprüfen. Denn: Ehe man Von staatlichen und sonstigen offiziellen Instanzen eine „Wiedergutmachung“ erwartet und verlangt, sollte man diese erst mal im eigenen Hause durchführen, so wie es unseren braven, treuen Lebensrettern — denn das waren unsere „arischen“ Ehepartner —schon; längst zukommt. WiniFackenhpirri ok». . mmmm m ■ m' ■■■■*' Postscheckkonto: HANNOVER 11169 Könfimandit- Gesellschaft Georg straOe 27, II. Etg. HANNOVER Ruf; 217I45/-46, 2-4Ä71 Draht: Löhrbank.HannOver Erledigung sämtlicher bankmässigen Geschäfte POSTFACH 353 Reichsbaiikgiro: 27/47 Alice Stein - Landesmann: Rund um das rosenbepflanzte Rondell des schönen Platzes im Westen Berlins sind Bänke auf gestellt. Auf den besonnten Wegen spielen Kinder’ — ein flüchtiger Beschauer gewinnt den Eindruck von Frieden, Harmonie und Lebensfreude. ■ -. Langsam, den Hund fest an der Leine, nähert sich ein blinder Mann Von etwa vierzig Jahren dem gewohnten Platz-. Sein .Stock tastet nach der Bank, und nun setzt er sich nieder. Sein verschlossenes Gesicht ist dem herüberwehenden Rosenduft zugewendet, und allmählich breitet sich eine „Gelöstheit über' Seine Züge. Er lehnt, sich zurück, während der Hund blinzelnd rind ruhevoll zu seinen Füßen Hegt. Auf der gleichen Bank sitzt eine alte' Frau; als der Fremde sich niederläßt, hat sie. er-, schrocken auf geblickt. Sie will sprechen sie zögert. Ihr vergrämtes Gesicht" wird noch einen Schein blasser. Widerwillig,, aber wie. magnetisch ange :ogen, wendet sich ihr Kopf zu der grellgelb gestrichenen Lehne zurück. Ungläübig und entsetzt gleiten ihre Augen über die schwarzen Buchstaben hin: .„Für Juden!“ steht da ——- Soll sie diesen Ahnungslosen . aufklären? Er sieht nicht, wie ein Jude aus. Es scheint ihr unrecht, ihn so vertrauend auf seinem Platze zu lassen -r sie kämpft mit ihrer Scheu und dem ' Gefühl einer notwendigen Pflicht. Indessen hat sich ein Kind der gelben Bank genähert. Es ist ein Mädeichen von etwa sieben Jahren. Das kleine Geschöpf hat etwas leüchtend Blondes, Elfenhafte« Wie es dem Ball nachfliegt, scheint es die Unbeschwertheit seines Wesens noch zu betonen. Jetzt macht es vor dem Hunde halt und beugt ..Sich herab, um ihn zü streichein. Aber ein heftiger Anruf läßt es zurückschrecken: „Nicht, Dorle! Komm* sofort her!“ Es ist eine junge Frau, die strickend auf einer entfernten Bank sjtzt. Aber diese Bank ist braun und trägt keine Inschrift. Nichts unterscheidet sie von den vielen anderen, die das Rohdeli umsäumen. Und nichts: unterscheidet [die Frau'von anderen ihresgleichen -* — .sie ist nicht abgesondert,, gleichsam gestempelt 'wie „wir“, denkt die alte Dame, Und ihre Lippen pressen Sich in schmerzlicher Bitterkeit zusammen. : ■ > „Meinst Du, der Hund beißt?“, fragt das Kind und drängt sich an die Mütter. „Du sollst nicht dorthin gehen — da sitzen 'böse Menschen, Dorle! Dü darfst niemds zu solchen gelben Bänken gehen, hörst Du? Dü bist noch zu klein -rich kann es Dir nicht, erklären —. aber das sind Juden! Merke Dir, das Wort — die tun Böses ---“ Auf dem'' kindlichen Gesicht malt sich größte Ratlosigkeit; „Aber was haben die denn getan,4 die Leute? Sag“ doch Mptti! Ist denn der Hund auch schlecht?“ „Frage nicht — Du verstehst es doch nicht! Spiele lieber Ball mit dem netten Jungen ca drüben-- geh“, Dorle!“ Das Kind gehorcht zögernd. Im Vorübergehen heften sich seine Augen auf die beiden Menschen, die so stumm . dasitzen. Ob die wohl wissen, wie bösesie sind — richtig traurig sehen sie aps, denkt Dorle. Ahnungsvoll angerührt von dieser, unverstandenen Trauer, hat das Kind seine Schritte verlangsamt, und während es mit dem fremden Jungen spricht, muß es immer wieder zu dieser schrecklichen Bank hinsehen. „Eigentlich spiele 'ich nicht mit Mädchen!““ hat der Junge gesagt. „Aber meinetwegen —■ weil der Ball so groß ist — Du bist noch zu klein für. den Ball—“ Der Junge ist ein hübscher Kerl von etwa neun Jahren, ' mit blitzenden, heilen 'Augen unter dem blonden Schopf. > Jetzt fliegt der Ball zwischen den Kindern hin und her. Jetzt rol.lt er unter die gelbe Bank — erschrocken sieht Dorle ihm. nach. Der Junge macht eine kriegerische Gebärde — er sterrimt unternehmend die Arme in die Seiten: „Hast Du etwa Angst? Kannst. Du schon lesen?“ „Nein, wir fangen, erst an.“ „Ich kann.“ Er buchstabierte: „J-u-d-e- „Juden“ heißt das! Das steht hinter, dem Rüpken von, denen — — Pfui — — Aber mir madit das nichts — ich hole ihn doch — ich fürente mich nicht! Die sollen sich wundem!,“ ““Er schlendert langsam auf die Bank zu und betrachtet vorsichtig den Hund, der jetzt auf-, springt. Sonderbar scheint ihm der Blick des Herrn, dessen Augen *so starr in die Sonne blicken. Die alte Frau dagegen sitzt unbeweglich und anscheinend ungefährlich daneben. — — Hastig bückt sich der Junge nach dem Ball urid läuft zurück. Aber kaum hat er Dorle erreicht, als er blitzschnell nach einem Stein greift, Und nach dem. Kopf . der alten Frau zielt Dorle schreit auf. . Der Stell trifft das altmodische Hütchen und .fällt hart auf den Kies zurück. , - „Was; war das?“ fragt der Blinde ins Leere und richtet sich auf. Unruhig zerrt der Hund an der Leine. > ■ Die alte Frau kann nicht gleich antworten — sie ist so tief erschrocken.- daß sie nur ganz mechanisch mit flatternden Händen nach dem schief gerückten Hut greifen kann :— — „Kann mir keiner sagen, was hier vorgeht?“ wiederholte der Blinde seine Frage. „Hier spielen Kinder —“ wird ihm leise geantwortet. Und. nun dringt ein »Schluchzen an das Ohr des Blindenl . Durch sein Unglück . den geheimnisvollen Schwingungen stummen Leides. rätselhaft nahe, beügt er sich zu der ihm unsichtbaren Nachbarin: „Ich bitte Sie —— ich bin blind — sagen Sie mir, warum >Sie weinen — kann ich Ihnen helfen? Reden Sie doch bitte!“ Das Schluchzen verstärkt sich. Der Blinde tastet nach der Hand neben sich und nimmt sie wie schützend zwischen seine Finger. , „Sie sollten hier nicht sitzen!“ sagt,/ die alte. Frau jetzt mit. Entschluß.» „Es ist eine gelbe Bank — für Juden — so steht es auf der Lehne-^- — Darf ich Sie zu einem anderen Platz hinführen?“1 ' ■ , ' Der Fremde macht eine Bewegung der Ungeduld: „Ich habe Sie .wohl mißverstanden? Ith habe ja hier immer gesessen — nur. die letzte Woche nicht. Sie wollen doch nicht behaupten, daß inzwischen -daß eine solche Unge-, heuerlichkeit — —?“ Er stockt. : . „Inzwischen hat man zwei Bänke für uns her- ' gerichtet — —“ Ihre Stimme'ist ganz unpathetisch: „Zwei Bänke für Aussätzige — — Ein Stückchen Mittelalter, könnte man sagen, —.— ich weiß nicht, ob am "Ende das Mittelalter so unbarmherzig war? Es gibt viele Arten von Folterungen — —“ „Und ebeh .jetzt —? Was geschah eben jetzt, daß Sie weinen müssen?“ „Eben jetzt — —“ Ein letztes Zögern’: „Ejn Kind hat einen Stein nach . mir geworfen.“ ' Eine bedrückende Stille. Fast tonlos , sagt der Blinde: „Und Sie sind sicher, daß es nicht ein Versehen war? Eine Spielerei —?“ . 1 „Ich bin sicher. Das ist das Äergste; man bemächtigt £ich der Unkritischen! Man vergiftet die Seelen der Kinder — —“ . ' Der Blinde ist lauf gesprungen. Sein .Gesicht hat sich verzerrt: „Und dafür habe ich meine Augen geopfert! ( Dafür — — für dieses Deutschland habe ich 1918 mein Augenlicht hergegeben?!“ Er verstummt. Eine Gedankenkette trostloser Ueberlegungen, scheint ihn zu lähmen. ' . Man hört ein Kinderweinen? „Mutti! Komm“ weg! Der Junge ist auch ein Jude! Ich fürchte mich!“ 1 - / Beschwichtigend antwortet eine Stimme: -„Aber was für Unsinn! Wie kommst Du denn darauf, Dorle?“ » An die Mütter gedrängt, sagt das Kind: „ich weiß es doch: Der Junge ist auch schlecht! Er hat einen Stein aü£ die Fraü da .drüben geworfen. Ich habe Angst! Ich will nicht mehr mit ihm spielen! Ist er nicht ein Judenkind? Muß er nicht auch auf der gelben, Bank sitzen, wenn er so böse ist?“ Dieser Anruf an die Gerechtigkeit der Welt aug* so kindlichem Mund entwaffnet die Mutter. Sie neigt das rot gewordene Gesicht zu der Kleinen hin' — sie streichelt sie stumm. Sie weiß anscheinend "keine Antwort. „Haben Sie gehört?“ fragt die ■ alte Ffau. „Da haben Sie die tragische Verwirrung aller Begriffe — Löhnt es noch, auf einer solchen Welt' zu leben?“ .-; - A . :; Der Blinde hält die Hände der Sprecherin fest: „Erlauben Siev mir, neben Ihnen' sitzen zu bleiberi!“ sagt er bittend. „Seien Sie versichert, daß es wenig Deutsche geben wird, die anders denken wie ich!/ Sonst müßte Ich mich erschießen — aus Schäm — —“ Er kann nicht ahnen, wie -verzweifelt und ungläubig der Ausdruck im Antlitz der alten Frau-jetzt ist, wie wissend die Augen sind — Seine Blindheit beschert ihm das' Glück der Illusion, die Gnade des Glaubens an die bessere Mitwelt» ~ . - . _ Eine Welle süßen Rpsenduftes weht herüber. Die Sonne, vergoldet die leicht bewegten Gipfel der alten Bäume. ■ .Es ist ein heiterer Tag —-,