Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 2 (1947/48)
- Issue
- 11 (13.9.1947)
- Date
- 1947-09-13
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 TT'" ■■*11 13. September 1947 JÜDISCHES GEMEINDEBLATT FÜR DIE BRITISCHE ZONE Nr. 11— 2. Jahrgang Wir, danken Hans Lamm auf diesem Wege für die Ueberrassung seines Briefwechsels mit Erich Kuby, den wir als Diskussionsbeitrag zu einem wichtigen Thema veröffentlichen. (D. Red.) Lieber Herr Lamra, Vor einigen Tagen ist mir der Wortlaut Ihrer Rede zugekommen, in der Sie gegen uns Deutsche den Vorwurf erheben, wir. hätten seit 1945..nicht nur nichts für die wenigen übrig gebliebenen deutschen Juden getan und auch kein Zeichen von Schuld diesen gegenüber erkennen lassen, sondern im Gegenteil Beweise für ein Fortentwickeln. der antisemitischen Verhetzung erbracht. Seither gehe ich mit mir zu Rate, ob unsere nun-bald ins zwanzigste Jahr tretende Bekanntschaft' es mir erlaubt, für die von Ihnen festgestellten, unbestreitbaren Tatsachen Erklärungen beizubringen, die letzten Endes darauf hinauslaufen, den „kleinen Mann auf der Straße,“ gegen Vorwürfe in Schutz zu nehmen, wie sie ernster und belastendernicht gedacht werden können. Damit es von seiten der einzelnen Deutschen zu spontanen Hilfsaktionen gegenüber den übrig gebliebenen deutschen Juden hätte kommen können, * hätten auf deutscher Seite ein Bewußtsein von persönlicher Schuld vorhanden sein und die in Deutschland noch oder wieder lebenden deutschen Juden als ein Teil der Einwohner Deutschlands in Erscheinung treten müssen. Beides ist nicht der Fall. Der deutschen Juden sind offenbar zu wenige; sie leben verstreut in den ^Städten, Soweit sie nicht auch in UNRRA-Lagem zusammengefaßt Sind. Die Voraussetzungeines persönlichen Schuldgefühls ist bei einem, durchschnittlichen Menschen ein persönliches Vergehen oder Verbrechen. Nur bei höchstentwickelten religiösen und durchgebildeten Indiyidueri wird man einer so großen moralischen Sensibilität begegnen,. daß Schuld stellvertretend , übernommen wird. Wie viele aber waren es, die persönlich geraubt, gemordet und in Konzentrationslagern sich ausgetobt haben? Sie erwarten nichts weniger, als daß der Deutsche schlechthin die Schuld des kleineren Teiles der Deutschen übernimmt. Sie sprechen von einem deutschen Gewissen, welches schwieige. Es gibt weder ein. deutsches, hoch ein französisches, noch ein amerikanisches Gewissen, es gibt nur das Gewissen eines Deutschen, eines Franzosen, eines ’ Amerikaners. Vielleicht halten Sie mir entgegen, daß der einzelne Deutsche eine Regierung unterstützt habe, deren Handlungen verbrecherisch waren. Ich glaube aber nicht, daß Sie der Meinung sind, Hitler hätte . diesen Anhang im .Volke gehabt, Wenn seine'wirkliche Natur und seine wirklichen Absichten bekannt , gewesen wären, ichfoV^lL damit nicht behaupten, auch in j England,, ©der Amerika wäre ein Hitler möglich gewesen. Eine so große politische Instinktlosigkeit ist zweifellos ein spezifisch deutscher Fehler. Zwischen Fehler und Schuld ist jedoch «ein .Unterschied. Den Verbrechern gehört Strafe, die Törichten aber1 müssen erzogen werden. Das soll nun geschehen. Man hat leider, das! Pferd von hinten äufgezäumt. Man hat den Hitlerwählem von gestern erlaubt, Parlamentswähler von 'heute zu-sein. Auf diese Weise haben wir wiederum Regierungen, die unsere politische Einfalt (um das mindeste zu sagen) widerspiegeln. Daß diese Regierungen es bis jetzt versäumt haben, eine deutsche Kollektivhaftung gegenüber den geschädigten deutschen Juden aus-" zusprechen, keine, Wiedergutmachungsgesetze beschlossen haben und ihre Repräsentanten bis herunter zum Bürgermeister und Landrat nicht daran denken, bei gegebenen! Anlaß . diese JCollektivhaftung zum Aüsdruck zü bringen— darüber ist nur derjenige erstaunt, der aus demokratischem Opportunismus däran glaubte, aus dem deutsehen Saulus ’ werde gleichsam über Nacht ein Paulus. Die einzelnen Deutschen, ich wiederhole es, sind in ihrer großen Mehrzahl nicht verbrecherisch wie die Hitlerleute und nicht so jämmerlich wie ihre derzeitigen Regierungen; sie bedürfen jedoch einer langen politischen Schonzeit und l'einer ebenso strengen wie gütigen Erzieh- und zur Selbständigkeit hin, damit sie für ihre guten Eigenschaften einen entsprechenden politischen. Ausdruck finden können. ■ ■ Noch in einer arideren Hinsicht scheint mir Ihr Vorwurf die Grenzen der' menschlichen Natur außer acht zu lassen. ‘ Ich gab der Ueberzeugüng Ausdruck, daß die Mehrheit sich der selbstverständlich für : jeden Deutschen bestehenden Verpflichtung zur Wiedergutmachung (soweit möglich) der an den Juden begangenen Verbrechen nicht entziehen würde, wenn ihr in der Begegnüng mit: deutschen Juden dazu Gelegenheit geboten wird. Das Denken und Fühlen des „kleinen, 'Mannes“ wird von seinen Erfahrurigen bestimmt, er' lebt vom Tag für den Tag und wirklich ist für ihn nur, was er vor Augen hat. Wen aber hat er vor Augen? Nicht die wenigen noch lebenden deutschen Juden, die sich in Sprache, Sitte und Gehaben nicht von ihm, dem Deutschen, unterscheiden und von denen nicht wenige früher in solchem Maße deutsch waren, daß sie Hindenburg wählten und stolz darauf waren, ihr Einjähriges in einfim besseren deutschen Regiment abgedient zu haben. Was er sieht, in kleinen Städten, in- Lagern zusammengefaßt- und durch massenhaftes Auftreten auffallend, sind jene meist erst nach 1945 W>r Verfolgungen i.n , ihren Heimatländern geflohenen östlichen Juden, die,' in einem doppelten ■ Sinn erbarmungswürdige Opfer der Weltpolitik, r\uri in künstlicher Untätigkeit gehalten, und zur Korruption geridezu gezwungen werden. Der „kleine Mann“ sieht nicht die politischen Hintergründe; er'sieht nur, daß diese Leüte nichts arbeiten, nach Sitte Und Sprache vdn ihm 'verschieden sind, undsich ■eines öffenbaren Wohllebens erfreuen, während er sich meist sehr elend durch den Tag schlägt. Ich weiß, daß jede Verallgemeinerung von Uebel ist; in' diesen DP-Lagern leben auch hochinteiligente. Menschen, die sich verzweifelt bemühen, das Absinken ihrer Schicksalsgenossen in den ‘Schlamm dieser ■Nachkriegszeit zu verhindern. Ich weiß, aber auch' daß vielerorts die Verhältnisse stärker sind als diese Männer, daß sie sich aus ihren eigenen Reihen der schwersten Anfeindung ausgesetzt Sehen und daß es unter ihnen einzelne gibt, „die sich aus den Lagern entfernen, unter Deutschen ansiedeln und dort versuchen, auf eigene Faust ein tätignützliches Leben zu führen (womit ich nicht sagen will, daß alle Deutschen das letztere tun). Dr. ARTHUR ASCH: Es kann nicht unsere, der Deutschen, Sache sein, - die Problematik der Existenz dieser bedauernswerten ÖstjUden/darzustellen,- "schon deshalb nicht, weil wir sie nicht lösen können. Aber wenn Sie davon sprechen, daß der Antisemitismus mit 1945 nicht sein Ende in Deutschland gefunden hat, dann muß ich Ihnen entgegenhalten, daß eine zwanzigjährige seelische Vergiftung um so weniger von heute auf morgen überwunden werden. kann, wenn dieser Antisemitismus Nahrung empfängt in den Augen /des - „kleinen Mannes“, der sich nicht an Verbrechen beteiligt hat und nicht imstande ist, die weltpolitischen Ursachen von Erscheinungen aufzudecken, die er täglich . vor Augen-hat. Er glaubt, skrupellose* Nutznießer seines Elends vor sich zu haben, undmacht sich nicht klar, daß diese Menschen . erstens mittelbare Opfer des Krieges, also Hitlers, sind; zweitens. Opfer des ungelösten. Palästinaproblems und drittens Opfer einer falsch aufgefaßten Qumanität, dank deren sie zür Untätigkeit verdammt sind/ Erich Kuby. .Lieber Herr Kuby, v ' in der Rede, die Sie zum Ausgangspunkt Ihrer Betrachtungen machten, sagte ich das Folgende;'Deutschland hat die Welt zweimal enttäuscht, zunächst durch das Verbrechen des Naiibnalsozialismus und . dann durch das Nichtvorhandensein des Willens, seine Untaten zu sühnen. Sie sagen, daß der „kleine Mann auf der Straße“ nicht all das Furchtbare gewollt oder er- I. Rosch-haschonö ist der Beginn des jüdischen Jahres. Mit Rosch-haschpno beginnen apch die zehn Bußtage, die mit dem Jom-hakippurim ihren Höhepunkt und Abschluß finden. Es überrascht; daß das Jahr mit Buße beginnt und; nicht mit ihr schließt. Nach christlicher Auffassung tritt der Mensch, belastet'mit der Erbsünde ins Leben. Er kann nur sündenrein werden durch den Glauben an Christus, der durch sein Leiden die Menschheit erlöst hat. Sein Leidenhat den Gnadenschatz geschaffen, der durch Vermittelung der Kirche ihren Bekenriern zu Gute kommt. Nach jüdischer Lehre wird der Mensch sündenrein geboren. „Mein Gott; die Seele, die Du mir gegeben hast, ist rein“, so lesen wir im täglichen Morgerigebet. Rabbi Mose ben Maimon, der große Dogmatiker des Judentums, lehrt, daß jeder Mensch reih geboren wird -uitd die Wahl hat, ob e£ ein Gerechter oder ein Frevler sein will. So, wie wir rein und schuldlos ins Leben getreten sind, so sollen wir, gereinigt durch -die Sühne der zehn Bußtage, in jedes neue Jahr eintreten, das ja ein Teil unseres Lebens ist. Darum muß das jüdische Jahr mit der Entsühnung, mit den Büßtagen beginnen. II. Die jüdische Lehre hat yon jeher die Idee der Entsühnung mit dem Gedanken des göttlichen Gerichts" verbunden. In einem alten Rosch-haschonogebet heißt es:. „Heute stellt Gott alle Wesen seiner Welten vor seih Gericht“., Alle Wesen, nicht nur die Menschen, Nach der jüdischen. Mythologie sind.auch die Engel dem göttlichen Gericht unterworfen, denn auth Sie sind vor Gott nicht untadelig. Keine Vision , hat die 'Unendliche Erhabenheit Gottes und den Abstand zwischen Gott und Mensch deutlicher zum Ausdruck gebracht,, als -die des 6. Kapitels des Prophetenbuches Jesajas. „Im Todesjahr des Königs Usijah sah ich den Herrn in einem hohen und erhabenen Tempel, und sein Saum erfüllte den Rai m. Und Lichtengel flogen auf und ab. Und einer rief dem anderen zu: Heilig, heilig, heilig ist Gott Zebaot, voll ist die ganze Erde seiner Herrlichkeit! Und es wankten die Pfosten des Hauses und das ganze Haus füllte sich mit. Rauch. Undich 'Sprach: Wehe mir! Ich vergehe. Denn ich bin ein Manri unreiner Lippen, und gehöre zu einem Volk unreiner Lippen. meine Augen 'haben gesehen den Herrn, Gott Zebaot.“ Das ganze Jahr hindurch wird Gott im dritten Segensspruch des Achtzehngebetes als der heilige Gott bezeichnet. In denzehn Bußtagen wird-er der heilige König genannt. Das hat nur darin Sinn, wenn man die Auffassung des alten Orients in .Betracht zieht, für die die königliche Gewalt in der Gerichtsgewalt Ihren stärksten Ausdruck fand. Die Ueberlieferung des Volkes hat die Könige, die gerechte' Richter waren, wie Salomo und -Harun al Raschid, mit besonderer Liebe festgehalteri. Der - Gedanke des Richtertums Gottes war deshalb für die jüdische Auffassung besonders naheliegend. Es ist für die' jüdische. Auffassung selbstverständlich, daß Gott ein gerechter Richter ist. Seine Allwissenheit kennt nicht* nur jedes Tun des Menschen, sondern auch jede Regung seines Herzens. Das göttliche Urteil »V teilt jedem. Menschen nach seinem Verdienst sein Schicksal zu. .„Am Rosch-haschono. wird geschrieben' und am Jom-hakip'purim wird besiegelt, vfer leben soll und wer sterben soll.“ Das göttliche Gericht wäre nicht vollkommen, wenn seine Gerechtigkeit nicht ihre Ergänzung, in seiner Gnade finden würde. Aber die göttliche Gnade kommt nicht von selbst,, s,ie muß verdient werden. Deshalb heißt es itri Gebet: „Ußeschuwo ußefilo uzedoko maawirin es raua hageseirq — Buße, Gebet und Mildtätigkeit wenden ab das böse Verhängnis.“ Buße und Gebet gehören zusammen, aber sie allein genügen nicht. Der Sünder muß seine Missetat durch gute Werke ausgleichen, er iriuß wiedergutmachen, Seine. Missetat" hat, so lehrt die jüdische Auffassung, die göttliche Weltordnung gestört, er kann diese Störung nur dadurch ausgleichen, daß er sein schlechr te$ Tun durch gute Taten wiedergutmacht, erst damit wird der Schuldausgleich vollzogen. III. Ebenso wie der einzelne Mensch sind auch die Völker der Erdenachjüdischer Auffassung der göttlichen Gerichtsbarkeit unterworfen; sie .unterstehen dem sittlichen Weltgesetz genau ebenso wie die Merischen. Auch den Völkern wird nach Verdienst Lohn und Strafe zugeteilt, aber auch sie haben die Möglichkeit,- das böse/Verhärigriis abzuwenden, wenn sie die von ihnen .verschuldete Störung der göttlichen, d. h. sittlichen, Weltordnung wieder gütmachen. Diese Wiedergutmachung beginnt mit der Anerkennung der sittlichen Weltordnung. Die schwerste Schuld, die ein; Volk^begeheri kann, ist die Verstocktheit des Herzens, •der' Mangel an Einsicht und Selbsterkenntnis. Wenn sich ein Volk schuldig gemacht hat, muß es — nicht anders als d’er Mensch — seine Schuld einsehen und bekennen, nicht anderswo einen Sündenbock suchen. Das hat Schon der Prophet Jesajas erkannt. Und er fragt. 'Gött, wielange die Verstocktheit -des Volkes dauern wird. Gott antwortet ihm: „Bis die Städte verödet sind und ohne . Menschen und die Häuser ohne Bewohnei; und der Boden wüst und verödet. Entfernen wird Gott die Menschen und groß wird, die Leere sein ,irri Lande.“ . ■' Die Bibel Ist das Buch des jüdischen Volkes, aber-Sie ist nicht ein Buch, bestimmt, für das jüdische. Volk allein*' Sie wendet sich an alle Menschen. Die Bibel mahnt zürn Frieden. Sie verheißt-die Zeit, wo die Schwerter in Pflugscharen und. die Lanzen in Rebmesser umgeschmiedet werden, wo nicht mehr Volk gegen Volk; das Schwert erheben und nicht mehr den Krieg erlernen wird. Das ist Schalem im jüdischen Sinne. Schalom ist mehr als Friede. Dem deutschen Wort Friede haftet der Begriff der Abwehr, des Zeitweiligen an, wie, die Wortverbindungen Bergfried und Landfriede zeigen.« Der Bergfried ist die letzte Verteidigungsstellung einer Burg, der Landfriede war auf - einzelne Tage der Woche begrenit.. Der ursprüngliche Sinn des Wortes. Schalom ist Vollkommenheit, -allgemeine Glückseligkeit, /daraus ist erst als gleichbedeutend Friede abgeleitet worden. Es ist bemerkenswert, daß das griechische Wort für Frieden „Eirene“ dieselbe Grundbedeutung hat. Judentum und Griechentum haben wesentliche Grundlagen unserer Kultur geschaffen, für beide ist der vollkomene -Frieden das höchste Ziel menschlichen .Strebens ‘und der Höhepunkt der Menschheit. IV. . Der sündige Mensch ist innerlich löhne Frieden. Rösch-haschono als Beginn der zehn Bußtage soll ihm den inneren Frieden wiedergeben. Für die Völker dep Welt gilt das Gleiche. Schalom, das ist der vollkommene Frieden, ist das Endziel menschlicher Entwicklung, durch ihn erst kanrvdje Menschheit zur Höhe geführt werden. „Scholaüm, scholaüm lerokauw welakorauw omar adonaj urfossiw — Friede, Friede dem Nahen und dem Fernen! spricht der Ewige und ich heile ihn. zeugt habe, . was Hitler und seinex Kohorten entfesselt'haben. Im Parteiprogramm1 stand tatsächlich nicht schwarz auf-weiß, daß die NSDAP, die „Endlösurig“ durch die Tötung von sechs: Millionen Juden und mehreren Millionen,' Nichtjuderi anstrebe. ... Dennoch könnten Hitler, 'Himmler, " Göring, Goebbels und die vielen anderen „Führer“ von gesterti mit Recht heute für sich beanspruchen, daß sie vor und nach 1933 ihre Ziele unmißverständlich zu erkennen gaben. Wenn die Deutschen heutzutage nicht in tragikomischer Weise vor der Wahrheit dävonliefen, konnten sie dies Wort ,für Wort in den Nazidokumenten in den Protokollen des Nürnberger Prozesses nachlesenf ja*, es stand ziemlich klar schon in (nicht:' zwischen) den Zeilen von ,',Mein Kampf“, der über ein Jahrzehnt ungezählte deutsche Bücherschränke geschmückt hat. Selbst, der Analphabet konnte schon früh die Pläne der NSjDAP aus ihren Taten ersehen: ist es unbequem, an die Mörder von Potempta zu .erinnern, denen Hitler im Herbst 1932 drahtete, daß die Bewegung ihnen.ewige kameradschaftliche Treue halten werde? Standen nicht am 1. April 1933 Boykottwachen vor allen jüdischen Geschäften? Wurden nicht im gleichen Frühjahr alle nichtarischen und sozialistischen Beamten entlassen? Wo ist der Deutsche, der gegen die . „einstimmig angenommenen“ Nürnberger Gesetze seine Stimme erhob? Litt, das deutsche Volk an feinem Anfall, vön Kurzsichtigkeit, als die Synagogen am 9. 'November 1938 in Brand gesteckt* wurden? (Die Sehfähigkeit war immerhin noch ausreichend,, um die jüdischen Läden im Rahmen der neckisch „Kristall-Woche“ genannten Aktion auszupKindern.K Ja, Auschwitz war lediglich Endglied in einer Entwicklung, die sich; in aller Oeffentlichkeit entfaltet hatte! Es ist anzunehmen, daß nicht jeder Herr Müller oder Schmidt wußte, was in Buchenwald, Belsen oder Dachau‘vor sich ging; jeder Deutsche wußte aber Seit 1933, daß ein System absoluter Rechtlosigkeit und maßloser Grausamkeit in den "immer zahlreicher werdenden KZs herrschte. Wird das deutsche Volk den - traurigen. Mut haben, sich die Verteidigung des Herrn Schacht zu eigen zu machen, der seiner Spruchkammer erzählte: „,Ich habe je-; „Das Kabinett des . Landes Nordrhein-Westfalen weiß sich einig. mit allen, anständigen deutschen Menschen, . wenn es seiner Empörung und seinem Abscheu über die in. verschiedenen. Städten von niederträchtigen und ■törichten Elementen verübte Schändung jüdischer'Gräber Ausdruck gibt,. Der Antisemi- . tismus hat unendliche Schande auf den deut- ■ sehen Namen gehäuft ,und furchtbares Elend über Millionen unschuldiger Menschen gebracht. Es muß alles geschehen, um auch; seine letzten Wurzeln zu beseitigen, wieder ’ endgültig unseren Platz .in der Gesell-1 Schaft zivilisierter. und in einer festen Rechts- . . ordriung lebenden Völker erlangen. Das Kabinett fordert deshalb die Oeffentlichkeit auf, bfej der Ermittlung der Täter und" der Verhinderung weiterer derart schmählicher Vorkommnisse tatkräftig mitzuwirken. Um Hiev' Schuldigen strenger Bestrafung züzüführen, wird die Regierung die - erforderlichen schar- 1 fen Maßnahmen treffen.“ . . - ,. . Landesregierung Nordrhein-Westfalen -■* ■ . Arnold, Dri! Menzel, Dr. Weitz, Dr. - Nölting, Lübke, , Renner, Halbfell, Dr. Amelunxen, Dr. Könen, Paul, Dr. Dr. Heinemann. - ... de "Schweinerei mitgemacht, die ich nicht zu verhindern vermochte“? Heute fragt man'dieses Volk, ob es auch nur einen .schwachen . Versuch unternahm, .„jede Schweinerei . . . zu verhindern“. ' 7. ■ Ich kann .mir auch Ihr Dogma „Es gibt weder ein deutsches, noch ein französisches, noch ein amerikanisches Gewissen“ nicht zu eigen machen. In der „Affäre Dreyfus“ hat sich das französische Gewissen eindeutig gezeigt , und bewährt, und wenn je in Amerika Unrecht geschieht, dann erheben sich so viele Ameri-' , Iraner in Protest, daß man ohne chauvinistische- Uebertreibung von; einem wachen und wirksamen Gewissen Amerikas sprechen darf. ■ , Erinnern'Sie sich, daß das Osterkonzert der Sängerin Marian Anderson 1939 nicht in der „Constitution Hall“ zu Washington durchgeführt -werden koririte, weil die reaktionären „Daugljters of the American Revolution“*, Negern die Halle verweigerten, und-daß es dann tatsächlich vor Hunderttausenden im Freien vor dem Lincoln-Denkmal stattfand? — Ich fürchte,' daß es Ihnen nicht möglich ist,; auch' nur ein vergleichbares Erlebnis eines, jüdi- , sehen Künstlers rin Dritten Reich anzuführen. * Per deutsche Bürger erwies sich dermaßen vojh Untertanengehorsam durchdrungen, daß er die Sünde beging, jene Tugend zu vergessen, die in dem Satz „Rebellion gegen Tyrannei ist Gehorsam gegen Gott“ ihren Ausdruck fand. Daß er für dieses Vergehen nun t nicht büßen soll und daß es keine Sünde der Unterlassung gebe, glaubt Ihnen die Welfr nicht. Die Deutschen wehren sich offensichtlich noch immer gegen die Wahrheit „Verrat liegt zuweilen* in dem, was jemand zu tun unterließ.“ Meine Enttäuschung konzentrierte sich aber nicht darauf, daß die Deutschen in ihrer über- VOTauungen Düsseldorf, Graf-Adolf-Str. 39/53 (Sartoiriushaus) Ruf 14277 (nach 18 Uhrt 52075) Damen- und Herre.n-Moden Wuppertal-Elberfeld im Rathaus — Fernsprecher 3508M- ÖttoHerrmann Unna (Westf.), Diirerstr. 38 Fernruf: Unna 2436 .