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Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone · 1947-07-20 · 8 (20.7.1947) · p. Seite 12

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
Volume
2 (1947/48)
Issue
8 (20.7.1947)
Date
1947-07-20
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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Seite 12 — 20. Juli 1947 DR. ERNST ROSENTHAL : (Aus den Aufzeichnungen eines Lagerarztes/ Es war halb ein Uhr in der-Nacht, als es an der Türe des den Nachtdienst versehenden Lagerarztes klopfte. Ohne eine Antwort abzuwarten, trat die Nachtschwester in das nur . schwach erleuchtete Zimmer, „Kommen Sie Herr Doktor, Frau L. ist erwacht und läßt sich nicht mehr beruhigen.“ Mechanisch griff der also Geweckte nach seinen Kleidern und fragte, wie spät es sei. „Wieder halb eins“ meldete die Schwester. Der Arzt nickte, er hatte es fast gewußt. Mit der Hand deutete er auf' einen Gläsbehalter. „Ohne Spritze wird es wohl nicht gehen“. Die Schwester nahm zwei Ampullen aus einer kleinen Schachtel „ ünd hielt-sie gegen das Licht: „Werden zwei genügen?“ Der Gefragte schien'die Worte nicht gehört zu haben. Er «war mit dem Anziehen 4des weißen Kittels beschäftigt, und diese Tätigkeit hatte anscheinend seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch genommen. Drei Nächte hatte man ihn wegen dieser Frau, die mit einem kleinen Trüpplein Flüchtlinge über die Grenze gekommen war, geweckt.1 Jeden Abend hatte er sie vor dem Schlafengehen gefragt, ob sie die Nacht wohl durchschlafen würde. Und immer hatte sie ihm fast lachend versichert, sie fühle sich so wohl wie noch nie. Und dann stellte sich doch jede Nacht punkt ein Viertel über, zwölf dieser Anfall ein, der die Frau wie ein furchtbarer* Dämon packte und durch seine unbarmherzige Heftigkeit ihre Umgebung stets von neuem erschreckte. Nur ein starkes Narkotikum, in ziemlich großer Dosis verabreicht, vermochte die Gewalt des Anfalls zu brechen. Nachher schlief die HmmHniiiiiiiiitiiimitiiiiiiitiiiiiiittuiiiiiiimHiifiuinmmiHiiniiniiiiiiiii imiimimiiniiimi JÜDISCHES GEMEINDE BLATT FÜR DIE BRITISCHE ZONE S. Jahrgang — Nr: 8 Vor 10 Jahren (Fortsetzung von Seite 11)* deshalb der Ansicht, jüdische Offiziere und Generäle werden bei einer Lehrzeit von drei Monaten eine Höhe erreichen, zu der Menschen aus anderen Völkern auch in drei Jahren nicht gelangen würden, % Was die soldatische Moral der Juden anbetrifft, so habe ich die Ansicht, daß sie keinem unter uns Sorge einflößt. Das Heer wird nur einen . Zweck haben, für alle Zelt stets nur den der Verteidigung, niemals den Angriff. Wenn dann in der Welt noch ein Heer mit so tiefem moralischen Empfinden existieren wird, so wird ihm ein jüdisches Heer der getreueste und redlichste Kamerad sein.“ Die Frage der jüdischen Eignung für die Staatsführung gelangte dann wieder auf die Tagesordnung, als man über die * wirtschaftlichen Möglichkeiten eines geteilten Palästinas verhandelt hat. Der Vertretet von Portugal beschreibt die wirtschaftliche Situation in den arabischen Nachbarländern, und er unterwirft '<&§ Kgl. Kommission einer scharfen Kritik, darum, weil sie für den Judenstaat einen so geringen - Flächeninhalt ’ bestimmt hatte. Was können die Juden auf einer so beschränkten Fläche beginnen! Der gän^e Teihmgsplan ist doch eigentlich zur Verstärkung der jüdischen Einwanderung’ geschaffen Wörden. y,Ich will schch gelten lassem daß sich auf dieser Fläche 2 Millionen Juden niederlassen können, namentlich, wenn man von den Männern der Wirtschaft etwas über die große Industrie hört, die an der ganzen jüdischen Meeresküste .entwickelt werden soll. Gerade dann aber müßte man doch dom Judenstaat eine weit größere Fläche zumessen,*. < Hier entspann sich eine lange Diskussion über den Wirtschaftsmarkt in den Nachbarländern von Erez Israel, und Ormsby-Gore hat Sich an dieser Diskussion wieder beteiligt und u. a. ' folgendes ausgeführt: „Gerade darum bin ich der Meinung, daß der künftige Judenstaat für alle seine Nachbarländer Zum Segen sein wird folgendes wird die Situation sein: Sechs Staaten wird es dort an der mittelländischen Küste zwischen der Türkei und Aegypten geben: Irak, Syrien, das Libanon-Gebiet Alexandrette,: derf Judenstaat und schließlich den arabischen Staat. Unter ihnem werden die Juden die gesamte Führung ' besitzen. Defür besteht für mich kein Zweifel. Jeder vbn;öiesen fünf anderen Staaten .wird nach Juden als Ratgebern und Bevollmächtigten Verlangen haben. Jetzt können jene noch einem Jüdenstaat und sogar einer jüdischen Einwanderung entgegen sein. Sobald aber der Jüdenstaat' ein Faktum ist, -werden sie die staatsmännische Gewandtheit und den' europäischen Rhythmus zu schätzen wissen, den die Juden in die Wüste hineinzubringen verstehen werden. ' Sie'werden an sie geradezu die Einladung ergehen lassen, in ihrem Namen das Wort in den europäischen Hauptstädten zu ergreifen, um da für sie freundliche Beziehungen bei der Finanzwelt ahzuknüpfen. Die staatsmännische Begabung der Juden war :von allen Momenten für mich das wichtigste. Um ihretwillen bin ich für die Teilung, so daß der Judenstaat in Kürze' begründet werden kann.“ ■ ■/ / ';K Noch vieles wurde in der Mandatskommission besprochen. Aber das hier Wiedergegebene reicht aus, um den Mann Ormsby-Gore und um den Geist kennenzulernen, der bei den Verhandlungen in der Mandatskommission geherrscht hat. ' : Arnold Wieper (Beuthen O.-S.)“ Kranke bleischwer bis?um nächsten Morgen und wußte dann nichts mehr von den Schmerzen und Aerigsten der Nacht. Die Schwester hatte alles Notwendige auf einer kleinen Glasplatte zusammen gestellt und wartete an der Türe auf den Arzt. Ihre weiße Schürze schimmerte im Halbdunkel des Raumes. Ehe der Arzt hinausging, öffnete er beide Fensterflügel. Fönluft, stellte $r : bei sich ..fest, kein Wunder, daß die Kranken, das spüren. Als er das Zimmer betrat, das Frau L. mit drei anderen Frauen teilte; erhob sieh eine kleine blasse Frau vom BetJ der Kranken.. „Heute ist. es besonders schlimm“, flüsterte sie und ging* mit ängstlichem Blipk-zü ihrem Lager zurück’. Die Kranke .schien weder das Kommen des Arztes noch die Worte ihrer Leidensgenossin gehört zu haben. Die Konturen ihres Gesichtes hoben sich kaum von dem Weiß des Bettlinnens ab. ' Namenloser Schmerz prägte sich in ihren Zügen. Man sah, wie die Kranke kämpfte, Wie, sie der Qualen Herr zu werden versuchte. Ihre Hände verkrampften sich in ohnmächtigem Schmerz, Angstschweiß stand auf ihrer Stirn, und obwohl die Augen fest geschlossen wären, schien die Frau zu lauschen, angestrengt, , mit allen Sinnen, voll Schmerz und Sehnsucht. Und dann quollen pjötzlich unter den geschlossenen Augenlidern Tränen hervor, zuerst vereinzelt, so wie bei einem Regen zuerst einzelne dicke Tropfen fallen; dann flössen die Tränen stärker xind schneller, als wenn .sich eine innere Quelle geöffnet hätte, und nun das Wasser unaufhaltsam nach außen strömen wollte. Immer noch waren die Augen geschlossen, aber der Mund war verzogen in unbeschreiblicher Qual. Ab und zu bewegten sich die Lippen, als wenn sie versuchten, ein Wort zu formen, aber der Schmerz verkrampfte den Mund von neuem/ Das Gesicht war eine Schale, angefüllt mit unsäglichem Leid. Es schien fast keinem Menschen mehr zu gehören. Die Schwester traf ihre Vorbereitungen, um der Leidenden die schmerzstillende Injektion zu machen. Sie nahm eine Hand der Kranken ünd entblößte den Arm. Durch den Körper der Frau lief ein Zittern. Sie friert, dachte der Arzt und faßte nach einem Wolltuch, das über dem Kopfende des Bettes hing. Die Kranke schlug die Augen aüf, ein Blick voll schreckhafter Erwartung folgte der Bewegung des Arztes, der das Tu,ch über Hals und Oberarme der Frau deckte: Plötzlich fühlte seine Hand etwas Hartes, Glattes in dem weichen Wollgewebe. Als er näher hinschaute, gewahrte er eine kleine altmodische Uhr aus Tulasilber, die'an dem Tpch befestigt M war. Ohne hinzusehen, spürte, er, daß ihn die Kranke keine Sekunde lang aus den Augen ließ. Auch als ihm die Schwester die Spritze reichte, und er die Nadel mit kurzem Ruck in den Arm hinein stach, hielt die Frau ihre Augen weit> offen auf den Arzt gerichtet, während die Finger der freien Hand sich um die Uhr krampften, ‘als Ob Sie fürchtete, daß man sie ihr nehmen wolle.; Erst ganz allmählich, als das Narkotikum zu wirken begann, wurde das Gesicht der Kranken ruhiger, ihre Züge glätteten sich, und die- Augen fielen zu.. Als der Arzt am nächsten Morgen seine Runde im Läger machte, hieß es, Frau L. sei wohlauf und habe einen Spaziergang unternommen. Gedankenschnell holte di'C Erinnerung des Arztes das Bild der vergangenen Nacht herauf. Wieder sah er die Leidende .nach der Uhr greifen/das einzige, an das ihr Wachbewüßtsein sich mit unerwarteter Heftigkeit ankla^nmerte. Sollte zwischen: der Uhr und der Krankheit ein Zusammenhang bestehen? Es war eigenartig, daß die Anfälle' sich nie tagsüber, sondern Nacht für Nacht beinahe auf die, Minute genau* auslösteri. Welches Schicksal hatte die Frau erlitten? Sollte es wirklich nicht möglich sein, sie von denfurchtbaren Eindrücken zu befreien? Eines war sicher, die Stunde zwischen zwölf und eins spielte in der Erlebnissphäre Frau L.‘S eine unglückselig bemerkenswerte Rolle. Es kam also darauf an, diese Zeitspanne zu überbrücken, ohne daß die Kranke sie bewußt durchlebtes oder durchlitt. Es wäre ein Versuch, aber baut sich nicht alle menschliche Wissenchaft und' Erkenntnis ’ auf Versuchen auf? 5 Also wurde der kleinen Tulauhr, in der man Abonnements Für Deufsch!and, England u. USA.!>ie Tarife finden Ste am Kopf unserer Zeitung. Zahlen Sie bitte die Gebühr nur auf unser Postscheck «Konto: Essen 68080 idisches Genaelndebiatt ftür die britische Zone * Düsseldorf*Benrath, Friedhofstraße 23—25 die unschuldig vermittelnde / Ursache der nächtlifihen Anfälle vermuten - durfte, -ihre Aufgabe zugewiesen. Die Pflegerin sollte versuchen, die Uhr kurz vor Mitternacht zwei Stunden vorzustellen. Ob diese Maßnahme etwas nützte, blieb abzuwarten, aber da die Anfälle Frau L/s einer zeitlichen Fixierung. unterworfen wären, bestand doch eine gewisse Wahrscheinlichkeit, das Leiden durch eine vorgetäuschte Verschiebung des kritischen Zeitpunktes zu, beheben. / In der folgenden Nacht wurde der Lagerarzt nicht geweckt. * Am Morgen berichtete die Schwester,' daß sie gemäß der erhaltenen Weisung die Uhr der Kranken kurz nach halb zwölf auf halb zwei gestellt hatte. Wie gewohnt, wurde die Kranke« gegen Mitternacht unruhig, warf sich hin und her und schaute dänn plötzlich in schreckhaft beklommener Spannung auf die Uhr. Der Ausdruck ihres Gesichtes, als sie bemerkte, daß sie die Stunde des tödlichen Grauens verschlafen hatte, war unbeschreiblich. Ueberraschung und freudvoller Schrecken wechselten auf ihren Zügen. War es möglich, daß -sie das Furchtbare nicht mehr erleben mußte? Wollte der würgende Anfall 'sie für diese Nacht verschonen, um sie in der nächsten uipso mehr zu peinigen? Mit einem Seufzer schlief sie ein und schlief bis zum Morgen, so wie. sie als Kind geschlafen hatte. Nicht einmal den Schritt der Schwester vernahm sie, die die .kleine Tulauhr wieder um zwei Stunden zurückstellte. Die nächste Nacht verlief fast in gleicher Weise, die dritte ebenfalls. In der vierten Nacht schlief Frau L. ohne zu erwachen, bis zum nächsten Morgen. Dig Brücke zur Vergangenheit war abgebrochen. Diese Geschichte wäre nicht vollständig, wollte man nicht über Frau L.‘s Schicksal berichten, das in seineih .von tausend anderen Geschicken kaum abweichenden Verlauf schier alltäglich anmutete, an dessen unabänderlicher Härte .jedoch ein anderes Menschenherz fast zerbrach. Frau L. lebte mit ihrem Manne in Wien. Das Ehepaar hatte eine, kleine Wohnung in der Vorstadt. Jeden Nachmittag fuhr der Mann in die Stadt, wo er als Musiker angesetllt war.- Um zwölf Uhr abends war sein Dienst beendet. Dann fuhr, er heim zu seiner Frau, die ihn voll Ungeduld erwartete. Jeden Nachmittag halb vier stellten Mann und Frau -ihre Uhren auf die Minute genau ein; es war ihnen stille Seligkeit zu wissen, daß, der ändere mit ■- gleicher Ungeduld auf den. Ablauf der Stunden wartete, tim Mitternacht bereitete Frau L. heißes Teewasser vor. Ihr Mann liebte es, wenn er heimkam, bei einer Tasse Tee mit ihr zu , plaudern. Diese S’tünde war den* beiden die liebste des Tages, die sie aus ihrem gemeinsamen Leben kaum wegdenken konnten. Jede Minute ab zwölf schaute Frau L. auf ihre kleine 'Tülauhr,. lauschte hinaus auf die unweit des Hauses anfahrende Straßenbahn und öffnete die Türe, wenn sie' nur*auf der Treppe' schon den- Schritt ihres Mannes erkannte. . Eiries Tages zogen die Soldaten aus dem Reich in Gestenreich -ein. Vieles wurde anders, die Politik, der Alltag, die Mensehen. Es gab ringsum Leute, die diese Zeit als groß bezeichne ten, aber der Mann ^on Frau L: behauptete, die frühere Zeit sei ihm groß genug gewesen. Die Soldaten des Reiches schienen hierüber anders zu denken, und als Frau L. eines abends wieder'ab zwölf Uhr auf die Uhr schaute,’ hörte sie plötzlich auf der Treppe statt des gewohnten leichten Schrittes zwei schwere polternde Kommisstiefel. Die schweren Stiefel gehörten einem vierschrötigen, weißblonden Menschen mit einem Gesicht, vor dessen. Härte die Frau noch irh Traume erschrackX Wie sie,ging und stand, mußte sie dem, Soldaten folgen und einen auf der Straße wartenden Lastwagen besteigen. Mit vielen andern wurde sie in ein Lager verbracht. . Von ihrem Manne hörte sie "nie mehr etwas. Nur die kleine. silberne Tulaühr war das einzige, was* sie mit ihrem früheren Leben verband. War es ein Wunder, daß die durch den steten. Anblick der Uhr hervorgerufenen Erinnerungen die Seele der Frau mit stetig wachsendem Druck umklammerten,, so daß sie sich dieses Zwanges kaum -ehr erwehren konnte? , AÜS EINEM ROMAN VON MAX SALZBERG . Auszug aus einem Roman von Max Salzberg. Der „neunte Av“ kam, der Tag, an dem einst unser Staat, unsere Tempel zerstört wurden, und unsere endlosen Leiden als Heimatlose in der Fremde, über alle Länder verstreut, ihren Anfang nahmen. . Fast zwei Jahrtausende' sind seitdem vergangen. Die Leiden wechselten, die Motive der Verfolgungen auch: bald war es Religionsfanatismus, bald die Not der 'uns beherbergenden Völker, für die wir büßen, mußten, doch die Feier zum Gedächtnis jenes Tages hat sich nicht verändert. Mit Fasten, Beten un^ Klagen wird sie begangen.- Immer noch werden während vieler Stunden dieselben Klagelieder mit gleicher Inbrunst, gesungen wie „inden früheren Jahrhunderten., Unverändert ist die Feier Wie der Anlaß/ dazu, ungeschwächt sipd die Schmerzen; denn die Zeit hat bis auf den heutigen Tag nicht vermocht, die Erinnerungen an jene Kämpfe zu mildern, geschweige denn sie auszulöschen: Unter der 'glühenden Sonne des Orients, die Zunge vor Durst an den Gaumen geklebt, vom Hunger verzehrt und durch Zwiespalt zerrissen und geschwächt, haben unsere Vorfahren gegen einen wilden, satten, . übermütigen Feind gekämpft. Verzweifelt fochten Kinder, die vor Hunger und Durst im Straßenschmutz - verschmachteten und von denep. das' Lied sägt: „Den Erwürgten .durchs Schwert geschah besser als denen, so da Hungers starben“. Willig gaben sie ihr Blut hin, denn es ging umihre Freiheit und die der Lehre. —> : : Schweigend versammelten sich die Menschen in unserer kleinen Synagoge, in der an jenem Abend beklommene Traurigkeit herrschte: Vor der Lade, in welcher die Thorarolien aufbewahrt* werden, fehlte der gestickte, seidene Vorhang; die blanken Leuchter waren entfernt./. Die Sqhatten ballten sich, : krochen längs der Wände und zwischen den Reihen der Bänke. * . Wie still es doch war. Die Menschen sprachen leise miteinander als wäre ein Schwerkranker im Raum. Auf niedrigen Sitzen kauerten sie, apf Schemeln, auf der Erde. Keine Schritte hallten, denn ohne Schuhe gingen sie einher, - wie in Trauer üm einen Toten. Zum ersten Mal hatta ich diesen Abend im Wälde. Vokaloto mit Tante Olga erlebt. Wir waren nach Sonnenuntergang fortgegangen. Die Wärme, gewürzt mit dem Duft des Harzes, däs lange der Sonnenglut ausgesetz* war, stand bewegungslos im Dunkel zwischen den Bäumen.; . . . ■ , Eine gedämpfte, klagende Stimme ließ sich, vernehmen; fremd und schmerzerfüllt, Hob sie sich aus dem Dunkel des Waldes, aufwärtssfrebend, von der Erde fort, als wäre sie nur für das Oben bestimmt. Tante Olga und ich gingen ihr nach und gelangten an eine kleine Lichtung.^ Einige Menschen waren dort versammelt. Auf Baümstämmen oder auch auf der Erde saßen sie, die Feiernden, die Trauernden; Laternen, offene Kerzen beleuchteten die Gebetbücher in ihren Händen; und sie hörten aüf den unsichtbaren Vorbeter — ich kpnnte ihn nicht entdecken. Wir hielten und lauschten ebenfalls. Ernst waren die feiernden'Menschen auch irh Walde, doch nicht traurig; Aas konnten sie auch nicht sein, denn noch strömten ihre Rleidef den Duft des Wäldes aus, ihre Lungen wä- ■ reh voll; der würzigen, reinen Luft, in ihren Gesichtern glühte noch das Sonnenlicht des verflossenen Tages. Für schmerzliche Erinnerungen war kein Platz; das weiche Geräusch der. Bäume ‘zog sie aus den Herzen, sog sie auf. Jetzt, in der Synagoge, war es anders. Hier waren-Menschen vereinigt, die den ganzen Tag bei der harten Arbeit gewesen waren, auf den Mauergerüsten, in der» heißen, ~ruSsigen Schmiede, in .Schneider-,. Schuster-, Tischlerwerkstätten, in Fabriken zwischen dröhnenden, heißen, atembeklemmenden Maschinen, seit Sonnenaufgang, seit der vorigen Nacht. Müdigkeit lähmte ihre Glieder, noch hafteten sie mit ihren Sinnen an ihrem Werk, das sie ■nicht, losläßt ... wer kennt, wer ermißt den Fleiß eines Juden in seinem harten. Kampf um kärgliches Brot für seine Familie? Noch war die staubige, verbrauchte Luft der Arbeitsstätte in ihren Lungen nicht erneuert und schon umschloß und engte sie ein Raum ein, in welchem eine Jahrtausende alte Trauer: Wieder auf erstanden war; in ihre Seelen <h*ang und,, sie mit qualvollen Erinnerungen ängstigte. Art jenem Abend war ich besonders gern in der stillen, dunklen Synagoge; die. Veränderungen hatten mich angezogen. In gedämpfter Stille wurde der Gottesdienst verrichtete Der Heringshändler betete von Man schickte sich an, die Klagelieder Jeremias aus der Bibel Vorzülesen. Jeder steckte sich eine Kerze an, um den Text verfolgen zu köm? rieh. Schon hatte ich mich auf * dem Böden installiert, als mich mein Vater plötzlich herbeirief und mich nach Hause gehen hieß. Ich sollte Muttep bestellen, sie könnten komrrien. i Unwillig über die unerwartete Störung stürmte ich fort. Ich lief besonders schnell, um nicht viel von den Liedern zu versäumen. , «p ■ ■ ' . Ich fand Mutter und.die fremde Frau allein im Dunkeln sitzen. Hastig richtete ich die Bestellung aus und wollte zurücklaufen. „Bleib hier!“, sagte meine Matter, „Du kannst uns iri die Synagoge begleiten.“ Die Aufforderung überraschte mich: Mutter ging sonst nie in die Synagoge. — Und Wolodias Mutter geht auch mit? — Das Wunderte mich noch mehr. Aber ich gehorchte. — Gut, bis zur Treppe gehe ich mit, picht weiter. Kleine Jungen gehen mit ihren Müttern in die Frauenabteilung, ich! ein Junge," der schon längst den Talmud lernt! ■— Dennoch wandte ich nichts ein, als mich an der Treppe meine Mutter auf forderte, mit ihnen hinaufzugehen. Eigenartig/ ich tat es, sogar gern. Ich fühlte plötzlich, daß ich zu ihnen' gehörte, bei ihnen bleiben mußte. Ich überließ sogar der fremden Frau meine Hand, als sie beim Hinäufsteigen nach ihr gegriffen hätte. \ Oben, in der Frauehabteilung, war die Trauer noch fühlbarer als unten. Zwei oder drei alte Frauen saßen ebenfalls auf Schemeln. Die brennenden Kerzen in ihren Händen erhelltem ihre bleichen, traurigen Gesichter, und sie hörten auf die Worte des Vorlesers, die von unten *durch die Dunkelheit zu ihnen emporstiegen »unddurch die Meinen Fenster in’der Ostwand zu ihnen gelangten. Die Vorlesung aus der Bibel war zu Ende, und die Klagelieder sollten beginnen. Was ist das? Wenn das die Menschen in der Stadt geahnt hätten! Sie wären alje gekommen.— Die Stimme des Bohrer Kantors stieg zu uns hinauf, so herrlich so traurig, als klagten in ihr die Jahrtausende alten Leiden des gepeinigten Volkes selber, von denen sein Lied erzählte. Meine Mutter* weinte leise, die fremde Frau schluchzte hörbar. Sie ging an eines der Fenster, schaute lange in die dunkle Tiefe, dann ließ sie sich kraftlos gegen meine Mutter fallen, die -sie iri ihren Armen äuffing. Wir verließen die Synagoge bevor «sie sich unten zu leeren begann und kehrten langsam heim; niernand spräch, die Frau weinte imitier „noch. Am Eingang urisefSr Wohnung blieb sie stehen; sie wollte nicht mit uns hineingehen. „Ich danke Euch!“,, sagte sie zu meiner Mutter, „Ihr habt mir dazu verliolfeh, ihn noch einmal zu sehen. Jetzt 'wird es mir leichter, abzüreisen.“

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