Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone · 1947-07-20 · 8 (20.7.1947) · p. Seite 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
Volume
2 (1947/48)
Issue
8 (20.7.1947)
Date
1947-07-20
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/9498581-9498587-9504378--397-9498437
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

Seite IF^~20r'Jiii lMf JÜDISCHES GEMEINDEBLATT FÜR DIE BRITISCHE ZONE - ~ — 2. Jahrgang ~ Nr. 8 --- - - - - [ ■ ------ -.---. ...-..- _ . . . . ~ . " - - - nimmt an, daß die seltenen Manuskripte* aus den Beständen mittelalterlicher Bibliotheken auf uns gekommen sind. Aber auch in Bagdad, Kairo, sowie in Cordoba blühte jüdische. Geistesregsamkeit * und die Juden, Jö einer Atmosphäre gegenseitiger Achtung, taten es ihren arabischen Landsleuten gleiGh: sie unterstützten Gelehrte, errichteten Bibliotheken* So kam es, daß durch den regen Gedankenaustausch zwischen Arabern Und Juden bedeutende arabische Werke, geschrieben mit hebräischen Lettern, in die jüdische Literatur eingingen. Das Volk Israel verehrt die Bücher. Niemals wurde ein hebräisches Manuskript fortgeworfen, noch entäußerte man sich seiner durch Verkauf; dies gilt besonders von Schriften religiösen Inhalts. Vielmehr wurden, nicht mehr in Benutzung befindliche Werke in eine Art Abstellraum gegeben, wie er sich an jeder Synagoge befand, genizah genannt, deren bekannteste diejenige in Kairo ist, mit einem fast unerschöpflichen Schatz wertvollster Handschriften, von denen heutigentagä viele Wohlgeordnet in der Cambridger Universitätsbibliothek auf bewahrt sind. Manche dieser Manuskripte datieren aus det® 8. Jahrhundert, andere Sind nur zwei bis Vier Jahrhunderte alt; alle behandeln sie biblischen oder talmudischen StofL ' Jedoch war nicht nur die genizah reich an Kostbarkeiten. Wir hören auch von sehr beachtlichen Privatbüchereien in Kairo, Kultivierte Juden, insbesondere Äerzte, wetteiferten mit ihren arabischen Nachbarn in .der Mannigfaltigkeit und Anzahl der gesammelten Bände. Sie hielten sich eigene Schreiber, Gelehrte und •Buchbinder* Diese Sammlungen bestanden zumeist aus juristischen, medizinischen undanderen wissenschaftlichen Büchern* wie sie zu jener Zeit um das 10* und 11, Jahrhundert bekannt waren. Im Jahre 1223 gab es eine Auktion von Werken aus dem .Besitze Abraham ben Hillels (ärabisiert: Abul — Izz) in Palästina, der neben den biblischen Schriften auch diejenigen von Maimonidesr Galen, Averroes, Hippakrates; besaß*- Zu Beginn^ des 14. Jahrhunderts gelangte wiederum eine jüdische Bibliothek unter den Hammer; die Sammlung Leo Mosconis, eines Arztes und Gelehrten aus Mallbrka, der einen Kommentar zu dem des Ibn Ezra geschrieben hat* Wie ben Hillel, sammelte auch Mosconi etliche nichtreligiöse Werke. Unter ihnen Aristoteles (Physik, Ethik und Metaphysik), Averroes, Galen, Proiemäus, Hippokrates, Avicenna, Abhandlungen über Musik, Logik, Ethik, Grammatik. Um Sie gleiche Zeit lebte ili Frankreich der jüdische Arzt David D'Estella; auch er ein Bibliophile, unter dessen Schätzen sich hauptsächlich Werke seines Faches befänden; über Fieberkrankheiten, praktische Heilkunde, Physik, Zoologie. , Aus dem übrigen SSuropa des Mittelalters fehlt jegliche Kunde jüdischer Bibliotheken. Jüdische Büchereien haben düsteres Schicksal. Wie sie durch die Jahrhunderte häufig blinder Zerstörungswut der Verfolger 1 preisgegeben waren, so liegen heute unzählige unr serer Gotteshäuser und Bibliotheken in Trümmern, Stätten der Gelehrsamkeit in Asche, Hebräische Bücher wurden verstreut, konfisziert; in die Flammen geworfen. Wir haben authentischen Beweis, daß bei der Plünderung der Judengemeinden Kastiliens die Bücher zusammen mit anderem jüdischen Eigentum 'vernichtet worden sind. In Lissabon zog man jüdische Manuskripte ein und tibergab sie christlichen Bibliotheken — so mögen sie* vor der gänzlichen Vernichtung bewahrt worden Sein. Während einer Judenverfolgung in Savoyen im Jahre 1440 versenkten die Juden ihre kostbaren Schriften in einem Brunnen. . Das hebräische Manuskript und Buch hat besonderen. »Nachdruck auf den schönen, sauberen Satzspiegel zu legen gewußt. Man kennt auch illuminierte ^Handschriften, doch sind Sie selten.' Das mag auf das jüdische Verbot jedweder Bildnisdarstellüng zurückzuführen sein. Daher beschränkten sich die Illuminatoren auf geometrische. Ornamente. , " ■ Im Schicksal der Bücher, eines V'olkes-offenbart sich desspn eigenes-Schicksal. Unsere geistige Entwicklung sucht Anknüpfung an die Tradition, Mit ihrer Hilfe wird es*uns gelingen, Stätten jüdischen Wissens wieder erstehen Zu lassen, das Buch zu pflegen. Uh UNI Albert M. Hyamson: „The Jewish. Year Book“ (Verlag des „Jewish Chronicle“, Londorf); die 50* Auflage des bekannten Nächschlagebuchs auf dem Gebiete jüdischen „Schadenersatz an Verfolgte“ Vor einigen Tagen ging durch die Presse die Nachricht, daß ein Gericht in Bückeburg eine Schadensersatzklage in folgendem Falles abgewiesen habe: Im Jahre 1936 habe ein Arbeiter geäußert, man solle Hitler zum Teufel jagen, ein Pg. habe ihn darauf artgezeigt; auf die Anzeige ist der Arbeiter — anscheinend wegen Heimtücke oder als Volksschädling — zu einer-mehrjährigen Zuchthausstrafe verurteilt worden. Sein jetzt geltend gemachter Anspruch gegen den Denunzianten ging auf Schadensersatz wegen des Fortfalls einer Sozialrente während der Zeit der Einkerkerung. Dies6 Schadensersatzklage wurde abgelehnt mit der Begründung, „es sei damals nicht nur Sitte, sondern für einen Pg* sogar Pflicht gewesen, einen Mannj der Hitler zum Teufel jagen wollte, anzuzeigen.“ Diese Begründung und das .Prozeßergebnis sind falsch und mit dem geltenden Recht nicht;, zu vereinbaren, abgesehen davon, daß sie darauf schließen lassen< daß dem Gericht der Unterschied zwischen Sitte auf der einen Seite und Unsitte und Verbrechen ‘ auf der anderen Seite nicht ganz klar zu sein scheint. Es bedarf wohl keiner Erörterung mehr darüber, daß eine Denunziation, die zu einer Verfolgung aus politischen, religiösen oder .rassischen Gründen während des Naziregimes führte, unter Berücksichtigung, der Sich aus Lebens in Großbritannien und dem britischen Empire. Franz Kafkas sämtliche Werke, Neuausgabe (Schocken-Verlag, New York); die ersten fünf Bände, die bisher vorliegen, enthalten „Erzählungen und kleine Prosa“, die Romane „Amerika“, „Der Prozeß“, „Das Schloß“, „Beim Bau der chinesischen Mauer“. — Kafka ist der IM Jahre 1924 ift Wien verstorbene jüdische Prosadichter, „The Laws Affecting the Jewish Communities in the Territory of the British Zone before and after 1938“ (Gesetze betreffend die jüdischen Gemeinden im Gebiet der britischen Zone vor und nach 1938), herausgegeben vom Rechtsberater der Jewish Relief Unit, 81 H. Q., Jewish Relief,Unit, B. A. O. R., in der Reihe »jLegäl Aspe cts of Jewish Rehateilita- , tion in Nermany - Stüdies and Documents“. Diese in deutscher Sprache erschienene kleine Sammlung bezieht sieh auf die Rechtsverhältnisse der jüdischen Gemeinden in Preußen (1920), in Westfalen und der Rheinprovinz (1847), Schleswig (1854), Holstein (1863), Hamburg (1864), Lübeck (1865), Braunschweig (1908), Schaumburg-Lippe (1911), Lippe (1924), Oldenburg (1927)* Wiedergegeben Sind ferner u. a. das Reichsgesetz vom 26. März 1938 betr, die Rechtslage der jüdischen Kultusvereinigungen (mit der dazugehörigen Verordnung vom 30. Januar 1939) sowie die 10. Ausführungsverordnung zum Reichsbürgergesetz vom 4. Juli 1939 und das Gesetz Nr. 1 der < Militärregierung betr. Aufhebung nationalsozialistischer Gesetze. dem Gesetz Nr. 10 ergebenden Rechtsnorm als Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu werten ist. Der Verstoß gegen die in diesem Gesetz enthaltene Norm des Verbots der Verfolgung aus politischen, rassischen öder religiösen Gründen ^verpflichtet den Täter zum Schadensersatz. Daneben stellt die Denunziation aber auch einen Verstoß gegen die guten Sitten . im Sinne unseres bürgerlichen Rechts dar. Gute Sitten sind das Anstandsgefühl aller billig und gerecht Denkenden, nicht aber die Unsitten, die sich aus Auffassungen und Handlungen sittlich nicht gerade als Vorbilder anzusehender Kreise ergeben. Auch eine Sogenannte „Pflicht“ zum Verstoße gegen Grundgesetze der Menschlichkeit ist kein Entschuldigungsgrund. Sie schließt, wie unter ande- - rem in dem dem Gericht anscheinend gänzlich unbekannten Nürnbej-ger Urteil zu lesen ist, die eigene Verantwortung des Handelnden nicht aus. Aus diesen kurzen Hinweisen ersieht man, daß neben der Strafbarkeit der Denunziation auch eine zivilrechtliche Haftung des N Denunzianten für den durch seine Handlungsweise angerich-r teten Schaden besteht. Er haftet dafür wegen unerlaubter Handlung. Eine weitere Frage entsteht in diesem Zusammenhänge, ob auch diejenigen Personen, die auf Grund unmenschlicher Gesetze zu unmenschlichen Strafen verurteilt haben, eine Schadensersatzpflicht trifft, also im vorliegenden Falle diejenigen,, die auf die erfolgte Denunziation hin den Arbeiter zu mehrjähriger Zuchthausstrafe verurteilt haben. Das Bürgerliche Gesetzbuch besagt, daß ein Beamter, der bei einem Urteil in einer/Rechtssache seine Amtspflicht verletzt, nur dann für den daraus entstehenden Schaden Verantwortlich ist, wenn die Pflichtverletzung mit einer im Wege des gerichtlichen Strafverfahrens zu verhängenden Strafe bedroht ist. Es wäre also, zu prüfen, Ob die Anwendung unmenschlicher Gesetze und die Verhängung unmenschlicher Maßnahmen (die zu der „Tat“ in keinem Verhältnis stehen), etwa als Rechtsbeugung oder ebenfalls als Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu werten sind* Dabei darf nicht außer acht gelassen werden, daß nach Artikel 4 der Weimarer. Verfassung, der auch vom Nationalsozialismus nicht außer Kraft gesetzt worden ist, die bindenden. Regel® des Völkerrechts Bestandteile des deutschen Reichsrechts waren; ein Gesetz und eine Maßnahme, die im Widerspruch zu diesem Verfassungsgrundsatz stand, durfte also nicht angewandt werden. Eine im Widerspruch zu den allgemeinen Grundsätzen des Völkerrechts erfolgende Anwendung eines Gesetzes, das diesen widerspricht, ist Rechtsbeugung. Hat das Gesetz einen unmenschlichen Inhalt, d. h. dient es insbesondere der durch Völkerrechtliche Norm verbotenen Verfolgung aus politischen, rassischen oder religiösen Günden, so stellen Handlungen, die auf Grund dieses Gesetzes begangen Sind, ebenfalls strafbare "Verbrechen gegen die Menschlichkeit dar. Tritt man dieser Auffassung bei, so sind die Voraussetzungen auch für Schadensersatzansprüche gegen diejenigen gegeben, die seinerzeit Strafen au Grund einer Denunziation verhängt haben; si‘ würden also neben dem Denunzianten hafter , (Naehtexpreß, Berlin ■-S ■;’UfiWftivte r . , li laggg still war. Spätes* erfuhren wir, daß eine von den Frauen, eine Krankenschwester, die während des Krieges ausgezeichnet worden war, in ihren Kleidern ein Rasiermesser versteckt hatte. Unter ihren Leidensgenossinnen waren etliche,, die lieber sterben wollten, als ins Bordell kommen, aber sie wußten nicht, Wie sie es anfang^n sollten. Die Krankenschwester hatte ihnen angeböten, ihnen die Adern zu öfftien und sie hätte es schon bei faSt> einem Dutzend Frauen gemacht, die nun alle in einer Ecke des Waggons saßen den Tod erwarteten und sich übergaben, während die anderen Schlange standen. - Aber es gab eine zweite Gruppe, solche die. fürchteten, bestraft zu werden,. Weil sie ihre* Gefährtinnen nicht angezeigt hatten. Diese hatten %ich beraten und sich schließlich gestritten,. bis eine versuchte, der Krankenschwester das Rasiermesser zu entreißen; die Gruppe der Selbstmörderinnen hatte sie verteidigt und es war ein Handgemenge entstanden, in dessen vlrlauf einer der Frauen das Gesicht zerschnitten wurde. Sie hatte deshalb zu schreien' angefangen, worauf die anderen natürlich mittaten. Sie heulten, sprangen, tanzten , und schlugen mit dem Kopf "gegen die Wände. Als die Frauen sich unter der Dusche beruhigt hatten, holten die Soldaten diejenigen aus dem Wagen heraus, die sich hatten umbringen wollen, legten sie auf den Weg und verbanden sie. Sie fesselten ihnen die Hände auf den Rücken, um zu verhindern, daß sie den Verband mit den Zähnen abrissen und trugen sie eine nach der anderen in ein Abteil des Bewachungswagens,wo sie sie einsperrten. Durch das Gitter sahen wir sie vorbeikommen, sie waren gehorsam und Still, eine Einzige mußte geknebelt werden.; Dann gingen die Soldaten den Zug entlang, sahen durch die Gitter und schrien, daß defr ganze Wagen bestraft würde, wenn es noch einmal vorkäme, daß Tote nicht gemeldet würden. . Dann kehrten sie zu ihrem Picknick im Steinbrüch zurück, der Zug beruhigte sich, die Sonne brannte weiter, je länger desto, heißer und diev Vögel kamen wieder. Ein oder zwei Stunden später fuhr ein Personenauto mit zwei Offizieren den Weg herauf, der zum Steinbruch fühlte und hielt hinter den beiden Lkws. Die Wache stellte sich, auf, und die Offiziere schritten die Reihe ab. Sie sprachen einige Minuten lang miteinander; dann bildete die Wache ein doppeltes Spalier von den Lkws. bis zum letzten Waggon mit den „Unbrauchbaren Juden“ Auf den Sitz jedes Lkws. stieg ein Soldat und ließ den Motor anlaufen. Wir beobachteten die Auspuffrohre, ihnen entwich zuerst ein blaugraues Gemisch, dann, als der Motor" sich warm gelaufen hatte, entfärbte es sich, aber mgn konnte an der vibrierenden Luft erkennen, daß beständig Gas herauskanf. Dann wurden ( die, Schiebetüren des letzten Waggons geöffnet und die „Unbrauchbaren Juden“ gingen einer nach d^m anderen zwischen dem Doppelspalier der Wache nach vorne und stiegen in die Lkws* Diese öffneten sich am Ende nicht ganz, so wie etwa Möbelwagen, Sondern sie hatten eine enge Tür mit einem kleinen Griff aus Holz, sö daß die Juden, von denen einige sehr alp waren, ohne Schwierigkeit einsteigen konnten. Am Fuß jedes Trittbretts stand ein Offizier, eine Liste in der Hand, rief die Namen auf und machte jedesmal einen Bleistiftstrich, wenn ein Mann oder eine Frau in dem Wagen verschwunden waren. Manchmal'gab es einen Irrtum beim Vornamen’ oder beim Geburtsdatum ,und sie sagten es dem Offizier, damit er es auf der Eiste berichtige. Es gab Viele Ehepaare, die vereint durch das Spalier der Wache .schritten, die alte Frau hatte ihre Hand auf den Arm des alten Mannes gelegt, der sich ritterlich über sie neigte, wie am Hochzeitstag. Sie schienen sehr gepflegt und sogar im Sonntagsstaat, und wir fragten uns, wie sie das in ihrem Waggon fertig gebracht hatten. Was uns noch mehr überraschte war, daß die Mehrzahl dieser alten Leute einen Hut trug, einen schwarzen Filz oder ein kleines Seide ikäpp- Chen, die sie lange mit' ^em Aerrnel gebürstet haben mußten. Einige schritten zwischen der Doppelreihe dahin, indem sie mit lauter Stimme Gebetfe sprachen, San geh und sich, wie in ihren Tempeln, mit der Faust gegen die Brust Schlugen, nicht demütig,’ sondern , eher zornig Order stolz; keiner beachtete die Soldaten. Als die beiden Lkws. voll waren, gab der.eine Offizier ein Zeichen, und die Türen schlossen sich. Da sahen wir, daß diese Türen sehr dick waren und von komplizierter Konstruktion; sie glichen denen von Stahlschränken und mußten absolut luf dicht sein. Als sie geschlossen waren, gab der Offizier den Fahrern, die sich über ihren Sitz hinauslehnten, um ihn sehen -zu können wieder ein Zeichen. Die beiden Motore donnerten los, aber'die Wagen rührten sich nicht. Wir beobachteten die Auspuffrohre und sahen das hellblaue Gas entweichen. Dann zog der Offizier seine Uhr heraus ünd^gab den Fahrern ein drittes Zeichen. Die Motore'liefen weiter, die Wägen blieben wie festgenagelt stehen, aber aus den Auspuffrohren kam kein Gas mehr heraus. Die Soldaten setzten sich auf den Abhang links des Weges und fingen an, Zigaretten zu drehen. Her Offizier blieb zwischen den beiden Wagen stehen, die Augen auf die Uhr gerichtet, die er in der Hand hielt. Man hörte nichts außer dem Geräusch der" Motoren dieser zwei unbeweglichen Wagen. Das dauerte mehrere Minuten, ohne daß draußen sich etwas zu verändern oder zu rühren schien. Nichts als die Sonne, und die Schienen und der Himmel Und die Steine. Dann sagte ein Kamerad in - meinem' Waggon, es, röche nach Gas und er fing an sich;zu erbrechen, und vielen von uns wurde es schlecht; wir teilten unsere letzten Zigaretten und rauchten. Nach etwa zwanzig Minuten — vielleicht mehr, vielleicht weniger —■ niemand von uns wußte die Zeit — steckte-der. Offizier seine Uhr in die Tasche und sah durch eine-Art Guckloch zuerst in den einen, dann in den anderen Wagen. Er gab ein Zeichen; das Mötorengerausch würde schwächer, v Wufde normal und die Wagen setzten $i$h in Bewegung. Sie fuhren schwankend und rüttelnd den schmalen, staubigen und steinigeri Weg hinab. Dieser Anblick machte uns von neuem krank, denn wir dachten daran, wie nun der Inhalt der Wagen auf dem holprigen Weg geschüttelt und durcheinander geWörfen werden mußte. Die Vögel flogen fort und folgten dem Wagen, hoch am Himmel kreisend. Dann verschwenden Wagen und Vögel und alles war wieder ruhig. ' Aber nach Verlauf einer halben Stunde kämen die Wägen zurück; sie knirschten äuf dem Weg, von dem sich eine weiße Staubwolke erhob. Sie waren leer' und ihre Auspuffrohre rauchten fröhlich, Wie die von normalen Und gesunden. Lastwagen. Sie machten eine halbe Drehung und blieben genau an der Vorigen Stelle stehen. Die ■ hinteren Türen öffneten sich, die Trittbretter wurden heruntergelassen, die Wache bildete ein doppeltes Spalier. Diesmal. wurden sie mit dem ersten Waggon der „Unbrauchbaren Juden“ fertig und fingen schon mit dem zweiten an. Das dauerte den ganzen Nachmittag und auch noch den halben Abend. Als es ganz dunkel geworden war, bekam die Wache, die Spalier stand, Fackeln in die Hand, keine Taschenlampen, sondern richtige Pechfackeln. Die letzten Juden, die darauf warteten, daß sie an die Reihe kamen, fingen wieder ah pi singen. Sie hatten fremdartige Gesänge, heitere, »die sich traurig anhörten und traurige, die fast heiter klangen. Aber ihr Lieblingsgesang war der, den wir schon gehört hatten, als wir ln den Zug einstiegen; wir hörten ihn jetzt viel kräftiger, denn die Türen der Viehwagen standen ja offen. Wenn ein Jude durch die doppelte Reihe ging, dann ließen, die Fackeln in den Händen der Männer, einen Schatten auf den Felsen tanzen, und wenn er das Trittbrett erreicht hatte, drehte er sich um,. bevor er in den Wagen eintrafc, hob die Arme zum Himmel und rief zum Waggon hin: Wie feiern wir, wenn der Messias kommt? und die noch im Waggon Verbliebenen antworteten singend: Mit Fleisch von Behemoth feiern wir. -■ Der Mann oben auf dem Trittbrett wandte sich dann mit einem kleinen Tanzschritt zur Türe hin' und verschwand im Wagen, und der Folgende hob die Arme und fragte: Was trinken wir, wenn der Messias kommt? und die Anderen sangen: Den Wein vom Berge Carmel trinken wir Deborah, unsere Mutter, sitzt zu Gericht, Moses, unser Lehrer, liest das Gesetz für uns, David, unser König, tanzt für uns, Und wir freuen uns, wenn der Messias kommt. Nach Mitternacht waren die fünf Waggons mit „Unbrauchbaren Juden' leer, und man hörte kein Singen mehr. Die beiden Offiziere fuhren in ihrem Auto ab, das Licht ihrer Scheinwerfer sprang von Fels zu Fels. Nach einer kleinen Weilg. kam unsere Lokomotive keuchfend und spuckend aus dem Tal nerauf, und wir fuhren" ab. Im Laufe der Nacht hatte® «wir neuen Wagen-Wechsel an verschiedenen Bahnhöfen. Der Wagen mit den Zigeunern , Wurde von unserem Zug abgehängt, ebenso die beiden Waggons, die die zukünftigen Prostituierten enthielten* jeder an einem’ anderen Bahnhof und mit verschiede tvm Bestimmungsort. Am Morgen holte man mich und zehn andere aus meinem Waggon. Man brachte uns in ein Reiseabteil mit heruntergelassenen Vorhängen. Wir fuhren den ganzen Morgen und kamen gegen Mittag in der Stadt an,'aus der .wir 36 Stunden zuvor abgefahren waren. Man brachte uns in unser Gefängnis jiurück. Es muß*e ein Irrtum in de» Listen gewesen sein, wir gehörten nicht in diesen Zug. Als ich meine alte Zelle, wieder sah, .war ich so glücklich, daß ich-den Eisenriege) meiner Tür küßte. . . Da^. ist die Geschichte eines der vielen gemischten Züge. Sie ^tehen äuf keinem Fahrj plan, aber sie rollen jede Nacht in allen Richi tungen — zehn — zwanzig verriegelte Viehi wagen, gezogen von einer alten .Lokomotive, i die Funken in die Nacht spuckt. I ■ (Aus „Arrival and beparture“)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.