Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 2 (1947/48)
- Issue
- 8 (20.7.1947)
- Date
- 1947-07-20
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
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süKiüili 2. Jahrgang — Nr 7 8 'JÜDISCHES GEMEINDEBLATT FÜR DIE BRITISCHE ZONE 20. Juli 1947 — Seite 9 Uraufführung einer jiddischen Tragödie In der blutdurehtränkten Geschichte der Juden gibt «s kaufn ein ergreifenderes Beispiel ihres heroischen Widerstandes und ihrer Einigkeit in der Stunde höchster Prüfung als die Verteidigung des Warschauer Ghettos im Frühjahr' 1943. Vor dem Einmarsch der Deutschen in Polen lebte mehr als ein Viertel der hauptstädtischen Bevölkerung im Ghettoquartier Nalewski. Als im Herbst 1940 von Berlin aus die Vernichtung des Ghettos beschlossen wurde, stopfte man noch weitere hunderttausend Juden hinein und riegelte es durch eine zweieinhalb Meter hohe Mauer hermetisch von der Außenwelt ab. Wer das Ghetto verließ, verfiel dem sicheren Tod. Zerlumpt und' halbverhungert hauste in dieser Schattenwelt eine halbe Mfllion Juden, mit deren Massendeportatiqn in die Vernichtungslager am 23. Juli 1942 'begonnen wurde. Als nur noch 60 Ö00 Einwohner übrigblieben, beschlossen diese, sich künftig den deutschen Evakuationsbe-; fehlen zu. widersetzen. Der erste bewaffnete Zusammenstoß zwischen den. Ghetto-Insässen, die sich vom Lager der Kommunisten bis zu demjenigen der Zionisten brüderlich Hilfe leisteten, und der SS erfolgte am 18. Jan. 1943, russische Flugzeuge und polnische Partisanen halfen mit, die militärische Organisation der verzweifelten Juden so-wirksam zu gestalten, daß am 28. April unter Anwendung aller kriegerischen Machtmittel mit nächtlichem Luftbombardements die deutsche Besetzungsarmee eingreifen mußte.'- Die 30 000 Juden, die ausihrem Geschoßhagel heil davonkämen, leiste- . ten"42 Tage lang^ heroischen Widerstand? Kein Mann, kein Haus fiel kampflos, und als am 22. Mai 1943 das letzte Stockwerk erstürmt wurde, stürzte sich der Fähnrich, in die; Fahne des Maquis, .gehüllt, nach einem Herzschuß aus der eigenen Pistole durchlöchert in die tödliche Tiefe ... Diese schauerlich-realistische' Heldenballade' schilderte am Sonntag abend, der Präsident •der Israelitischen Cultusgemein.de Zürich, Georg Guggenheim, mit schlichter Sachlichkeit im Theatersaal zur „Kauflcuten“, wo sich zum vierten Jahrestag des Aufstandes im- Warschauer Ghetto eine große Trauerversammlung. eingefunden hatte. Nach den Schlußworten: „Der vorbildliche Geist des Ghettos lebt weiter . . . erhob sie sich zu einer Minute cies Schweigens, worauf Oberkäntcr Neu unter Harmoniumb.egleitung von V. Fenigstein mit ergreifender' Inbrunst den alten Totengesang '„El mole rachamim“ anstimmte, h Nun folgte die Uraufführung der dreiaktigen \ Tragödie. ,,Un di sun hot geschajnt“ („Und die Sonne hat geschienen“)', die der oft bewährte Hau'sdichter des Perez-Vereins -Zürich, der ehemalige Völkerbund-Journalist Dr. Abrascha Stütschinsky, für diesen Anlaß geschrieben hat. Auf Grund von illegalen polnischen Zeitschriften ist dem in Litauen geborenen, schon anderthalb Jahrzehnte in der Schweiz wohnenden Verfasser ein Werk von heißem Atem und nobler Gesinnung gelungen. Nicht zuletzt ist an seiner Lebensechtheit die Verwendung der — in den Hauptpartien übrigens leicht verständlichen jiddischen Sprache, so wie sie in Wilna gebraucht wird, schuld... Die zwischen Humor und tiefem Ernst wechselnden von unbeherrschten Haßorgien auf die Nazis anerkennenswert freien Ereignisse schildern im Eröffnungsakt die herzbeklemmenden Aufregungen, die durch den Konflikt0 zwischen der jüdischen ' Widerstandsbewegung und der deutschen Besetzungsmacht' in eine ehrbare Ghettofamilie getragen werden; vort der warmen jüdischen Familien-Atmosphäre geht der zweite, dramatisch geballte Akt mit kraftvollen Strichen in die Synagogen-Stimmung kurz vor dem unmenschlichen Angriff auf das Warschauer’ Ghetto über, während der Schlußakt im trostlosen Ruinenfeld die heldenhaften Taten. in Erinnerung ruft die im Verlauf der 42tägigen Vernichtungsschladit . geschehen sind. Das ist, mit unpathetischen Mitteln und der dem jiddischen Volk abgelauschten Sprache zu einer Chronik von unmittelbarer Wirkung gefaßt, so daß wir eindringlich auf die Wiederholung hinweisen möchten, die am 4. Mai in den „Kaufleuten“ (später auch in Basel und Genf) stattfindet, — Leopold Lindtberg, der das dramatische Talent von Dr. A. Stütschinsky entdeckt hat, wan dem jungen Schauspieler-Regisseur Pinkas Braun, der als Anführer der. Widerstandsgruppe (Alexander) auch als Darsteller Temperament entwickelt, als künstlerischer Berater beigestanden. So erlebte man eine Inszenierung vpn hinreißender Wucht und sorgfältiger Detaillierung. Ap. der Tragik ihrer Aufgabe entzündete sich das anderthalb Dützend Amateur-Schauspieler des Perez-Vereins, angefangen voni jungen Leibele (Godlewicz jun.)‘ r big zum würdevollen, feurigen Rabbi Semba (gespielt vom mehr als 70jährigen Hillel Schwarz), zu erstaunlich frischen, sprachlich und gestisch unbefangenen Leistungen. Nicht wenige bekamen Figuren zu spielen, die den Todeskampf in Warschau wirklich mitgemacht haben, so der aus der „Letz-' ten Chance“ bekannte Mottel Sakhnowsky den charaktervollen, gemäßigten und gütigen Historiker Prof. Mejer Balaban, Laser Lyssy den in tragische Gewissenskonflikte geratenden Präsidenten des Judenrates, Ing. Adam Tschernjakow, und Simon Grünberg den feigen Konjunkturritter Prof. Jan Wjerschinsky. Als frei erfundene' Gestalt des irren Limonaden Verkäufers Kalmen machte Max Lyssy starken Eindruck. Wie hier Frauen -(Rosa Rasumowsky) und Männer, die tagsüber als Kaufleute, Handwerker und Gewerbetreibende ihrem täglichen Peruf nachgehen, das Martyrium und die in uralten Traditionen verankerte Seele ihres Volkes mit leidenschaftlicher Hingabe nachlebten, das wurde für Juden und Christen zu einem Erlebnis von - feierlich-schöner Gewalt. C. S. (Tagesanzeiger Zürich). Belsen: .• Die JUngsien Ilse Cohnen (London): Mittelalterliche Bibliotheken Unmittelbar vor Beginn des Krieges erschien in den Vereinigten Staaten ein Werk vön.Dr. James Westfall Thompson, „The Mediaeval Library“ betitelt (Chicago University Press, 1939), das ein äußerst interessantes Kapitel über jüdische* Büchereien enthält. Gering nur ist, unsere Kenntnis der frühen Jahrhunderte unserer Zeitrechnung, insbesondere des Mittelalters, und so bilden diese Studien eine Bereicherung unseres '"‘Wissens. Die Bibliotheken des Altertums — Roms und Griechenlands — verschwanden mit, dem Zusammenbruch dieser Reiche vom Erdboden. Vereinzelte Manuskripte tauchten^ später auf, die alsdann den Grundstock legten zu den Büchersarhmlungen des Mittelalters. In den Ländern des Okzidents hat man in, dieser frühen Epoche zwischen Kloster- und Kirchenbibliothekeri zu „unterscheiden. Zur Zeit der Renaissance, erst ließen es sich Fürsten angelegen sein, Bibliotheken einzurichten und damit die verwandten Gebiete, Druck und Einband zu pflegen. Jüdische Büchereien jedoch verdanken ihre Entstehung privatem Interesse. Daneben gehörte zu einer jeden Synagoge eine mehr oder minder umfangreiche Sammlung, denn das Gotteshaus war in jenen Tagen in erster Linie Lehr Stätte' und die Gemeinden sahen sich daher genötigt, bestimmte Werke zu -erwerben. Diese jüdische Literatur aber war weder in landesüblichem Dialekt noch auf Latein geschrieben: sie war hebräisch, eine Tatsache, die es den Juden . leicht machte, sich auf Grund der Verwandtschaft ihrer mit der arabischen Sprache Kenntnis der. philosophischen und wissenschaftlichen Werke arabischer Autoren anzueignen, ( welche' dem jungen Christentum noch gänzlich verschlossen waren. Im Läufe der Jahre gewannen die Juden auf solche Art erheblichen geistigen Vorsprung und lieferten wichtige Beiträge zur Erschließung der. Kulturgeschichte in. Westeuropa. Wo immer es schöpferische ihtellektuelle. Aktivität gegeben hat, zeichneten sichdie Juden durch Originalität aus; beispielsweise' im arabischen Spanien, da sie - sowohl Wissenschaftler und Philosophen als. auch Dichter gewesen sind. Ihre Glaubensgenossen in den nördlichen Ländern Europas hingegen hielten streng nur ap der Auslegung der Heiligen Schrift fest und verfielen nicht selten in theologische. Spitzfindigkeiten . und Haarspaltereien. Jüdische Bibliotheken damaliger Zeit umfaßten vorwiegend die zahllosen Bücher der Bibel, die zu allen Perioden unserer Geschichte auf das sorgfältigste studiert wurde. Das älteste uns bekannte Fragment ist der .Nash- Papyrus aus dem 1. Jahrhundert unserer Zeitrechnung, der. die Zehn Gebote in hebräischer * Sprache enthält. -Die .Bibel begleitete das jüdische Volk auf allen' seinen Wanderungen — auch war .sie1 leichter zu befördern als der um-’ fangreichere Talmud. Kleine und kleinste Gemeinden besaßen eine Heilige Sphrift, nicht aber immer die jabbischen Schriften. In uhrseren Tagen fand man Werke der ■'Kabbala, Astrologie,. Medizin, ' Folklore, Wörterbücher, Grammatiken, Liturgien in den Gegenden von Samarkand, Bpkhara und Teheran, und man Arthur Koestler: fDet „ge // Es gibt Züge, die in keinem Fahrplan stehen. Aber sie fahren durch ganz Europa. Zehn oder zwanzig wohl verschlossene Viehwagen, von außen verriegelt, gezogen von einer alten Lokomotive. Sehr wenig Leute bekommen sie .zu Gesicht, denn es ist Naciqt, wenn sie abfah'ren und ankommen. Ich bin in einem von ihnen gereist.. ” , * Man nennt sie „Gemischte Züge“, weil sie verschiedene' Sorten von Ladegut enthalten, Der unsrige fuhr mit siebzehrl Wagen ab. Wir wußten nicht, wohin!es ging. Man öffnete meine Zelle nach Mitternacht, es hieß: „Raus!“ In dem dunklen Flur stand eine Reiche anderer Gefangener, sie hatten die Hände auf den Rücken gebunden. Jenseits des Git- - ters beförderte man uns in eineii Lastwagen und brachte uns zum Bahnhof. Der Zug, war schön da. Fünfzehn Viehwagen, alle von außen verschlossen, tot und Kahl; nur die Lokomotive keuchte und spuckte Funken in die Nacht. Wir versuchten von unseren Wächtern zu erfahren, wghin es ginge, aber sie antworteten, daß sie es nicht wüßten und daß dies ein „Gemischter Zug“ sei. Sie stellten uns auf dem Bahnsteig auf und-bewegten •'Sich mit Taschenlampen um uns herum, lasen in der Liste und riefen sich einiges zu. Da fing eine Stimme in einem der letzten Waggons, die Wir leer geglaubt hatten, zu, rufen an (später erführen wir, daß die sieben letzten Waggons voll Juden waren). Es klang ' wie ein langer, artikulierter Schrei, der ein wenig dem Rufdes Muezzins auf seinem Minarett gli<ih. Ich verstand ihn nicht, aber man übersetzte es mir später. Es hieß: Was tun wir, wenn der Messias kommt? Und sogleich fiel der Chor im Innern des Waggons ein: p. Wir freuen, uns, wenn der Messias kömmt! Dann fragte die Stimme: '» ■ , Wer tanzt für uns, wenn der Messias kommt? Und die unsichtbare Ladung des Waggons .antwortete: David, unser König, tanzt für uns. Uhd wir freuen uns, -wenn der Messias kommt. Einer unserer Hauptwachleute brüllte: „Ihr sollt das Maul halten, zum Donnerwetter!“, und mehrere Soldaten sprangen über die Schienen und schlugen mit ihren. Knüppeln gegen die Schiebetüren der Waggons; als .das nichts half, feuerte einer seinen Revolver gegen das vergitterte Entlüftungsfenster. Für eine Sekunde war es still im Wagen, dann hörte man schreien und dann fing der Gesang/wieder an, noch stärker jetzt: Moses, unser Lehrer, liest das Gesetz für uns, David,, unser König, tanzt für uns, Und wir freuen .uns, wenn der Messias kommt. Endlich sperrten sie uns in einen Waggon, in den dritten nach der Lokomotive, sie schlossen die; Schiebetüren und verriegelten sie von außen, dann gab es ein paarmal einen Ruck, und der Zug sfetzte' sich in Bewegung. Die sieben letzten Wagen waren also, mit Juden besetzt, das heißt, zwei Waggops mit „Brauchbaren Juden“ und fünf Waggons mit' „Unbrauchbaren Juden'* mit Alten und Kranken, die fnan mitnahm, um sie umzubringen. Dann kamen zwei Wagen mit politischen Häftlingen, dabei War ich; zwe; Wagen mit jungen Frauen, die man in die Wehrmacht-Bordelle brachte, davon ein Wagen für die Offiziere, der andere für die Unteroffiziere und Mann-, schäften; uhd schließlich sechs Wagen mit Leuten, die für ein Arbeitskommando, in der Fabrik oder auf dem Lande bestimmt waren. Aus diesem Grund wurde das ein „Gemischter* Zug genannt. : Nach ein oder zwei Stunden hielt der Zug auf einem Bahnhof und rangierte. Ein Waggon mit „Politischen“ wurde abgehängt und durch zwei Waggons mit ausländischen Arbeitern ersetzt. Dann fuhren wir ab, die alte Lokomotive spuckte Funken, und das rostige Eisen unserer, Wagen klirrte wie zerbrochenes Porzellan. . Gegen .zwei Uhr morgens hielten wir wieder zu neuem Wagen Wechsel. Die Arbeiter- Waggons blieben qlle stehen, dafür/ wurden zwei neuä Wagen hinten angehängt, hinter den singenden Juden. Sie enthielten Frauen und Kinder eines ausgerotteten Dorfes, dessen Männer erschossen oder deportiert worden waren. Beim nächsten * Aufenthalt ließen wir die „Brauchbaren Juden“ und nahmen dafür zwei Waggons Zigeuner mit, von denen es hieß, daß sie sterilisiert würden. - Das alles entnahmen wir auä den'Rufen und Befahlen auf den Bahnhöfen, wenn wir hielten. Sie waren alle dunkel und verlassen, mit Bedachung und Maschinengewehren auf den Bahnsteigen. Auf jeder Station gab es, heuen Wechsel, wie beim Kinderspiel: Allgemeine .PostVerwechslung. Das schien ihnen sehr zu gefallen, weil sie ja die Organisation anbeten. Man gab uns weder zu essep noch zu trinken, hur die Frauen, die in die Bordelle gebraucht wurden, bekamen' etwas. Auf jeder Station öffneten sich die Türen' ihres Waggons• zentimeterbreit, die Wache holte die. Schmutzeimer' und brachte sie desinfiziert zurück. Außerdem erhielt jeder Wagen einen Korb mit dicken Brotlaiben, der eine“ sogar einen. Eimer Kaffee. Der Kaffee .war für die Frauen, die den Offizieren geliefert wurden. , - Unser Wagen fuhr manchmal vorwärts, manchmal rückwärts. Wir wußten absolut nicht, wohin wir fuhren; um uns herum war. pechschwarze,. rasselnde Finsternis. - Aber kurz vor Morgengrauen wurde das Schnauben der Lokomotive kurzatmiger. Daraus schlossen wir, daß wir über ein Gebirge in der Richtung der Grenze fuhren. , ' Dann hielten wir endgültig auf freiem Felde. Wir mußten, ziemlich hoch sein, nach der Kälte zu urteilen, ■ auch roch die Luft anders, da^s heißt der Gestank in unserem Wagen hatte sich geändert. Ich vergaß zu erwähnen, ■ daß wir keine Schmutzeimer hatten und daß wir so zusammengepfercht waren; daß wir uns nicht auszustrepken vermochten; man konnte nur sitzen; und da wir uns ständig bewegten, um durch das Entlüftungsfenster zu gucken, tappten wir dauernd in unserem Kot herum. Nach einer Weile fing das Gerassel vor uns wieder an, und wir begriffen, daß die Lokomotive den Zug verließ. Dann sahen wir sie auf dem anderen Gleise vorbeiqualmen, bis sie schließlich in der Richtung des Tales, aus dem wir gekommen waren, verschwand. Sie schien jetzt leichter und fröhlicher dahinzurollen, nachdem sie uns endlich los war. Der Verlust unserer Lokomotive betrübte uns alle. Nach einigen Minuten hörten wir sie im Tal leise pfeifen, als wenn sie sich Von uns verabschieden wollte. Wenig später wurde es Tag, und wir sahen, daß man uns auf einem toten Gleis an dem Rand eines verlassenen Steinbruches stehen gelassen hatte. Man kennt ja solche. Gebirgsgegenden: nichts als Felstrümmer, Kreide, Stein, das Ganze so ausgestorben wie ein Mondkrater. Als es heller wurde, sahen wir zuerst "nur felsige Anhänge mit Geröll und den HimmeL' Als dann der Nebel sich zerstreute, sahen wir die beiden Lastwagen. Sie erschienen uns ungeheuer groß, wie Möbelwagen. Sie standen da, einsam und scheinbar unnütz auf dem Weg der zurri Steinbruch hinaufführte. Wir hatten schon von solchen Wagen gehört, aber wir wußten über sie nichts; genaues. Ihre Auspuffrohre sahen ganz normal „aus. Sie standen da einsam auf einer Wegkrümmüng, ringsum kein Zeichen irgendwelchen Lebens. Ihre blinden Scheinwerfer waren zum Himmel gerichtet. Es vergingen einige Stunden, ohne daß sich etwas ereignete. Als die Sonne höher - stieg, begannen alle die Felsen und Steine um uns herum zu glühen und die Luft über den Schienen fing an zu zittern. Der Gestank .in unserem Waggon wurde immer schlimmer. Ueber unseren Köpfen hörten wir kratzen und schlagen, und schließlich entdeckten wir, daß Schwärme großer Vögel sich; auf allen Wagendächern niedergelassen hatten, zweifellos herbeigelockt durch den Geruch unseres Zuges. Wir sahen sie um die Felsen.kreisen. Vpn Zeit, zu Zeit klammerte sich einer an das Gitter der Entlüftung, zwängte seinen harten Schnabel zwischen die Stäbe und bewegte die Flügel. Nie zuvor hatte ich jemals solche Vögel gesehen. Sie hatten fahle, aasfarbene Köpfe und lange,; faltige Hälse, wie gerupfte Hühner. Wir versuchten sie zu toten, mit dem, was wir in unseren Taschen fanden, aber sie entkamen uns immer wieder. Die Wache war zum Steinbruch hinuntergegangen,'als es anfing heiß zu werden, nachdem sie oben ein Maschinengewehr aufgestellt hatte. Die Soldaten hätten Körbe mit Proviant bei sieh und frühstückten wahrscheinlich im Schatten, außer Seh- und Riechweite. Stunden, vergingen so, und es gab nichts als die Hitze, den Gestank, clie Felsen und die Vögel. Gegen Mittag fingen in einem Wagen die Frauen zu schreien an. Es begann mit ein. oder zwei Stimmen, dann tat der ganze Wagen mit, und die Vögel flogen vom Dach. Ich hatte schon Männer schreien hören, Hie .'geschlagen wurden oder denen man noch schlimmeres -antat, aber dieses hier glich demin nichts. Diese Frauenschreip durchdrarigen das Hirn, so daß es einen schauderte, man fühlte sich geschüttelt von dem Wunsche, mit aller Lungenkraft in diese Schreie einzustimmen und aufzuspringen' und mit depi Kopf gegen die Eisenwände des Waggons zu rennen. 'Einige von uns drückten sich gegeh das Gitter und fingen an die Frauen zu beschimpfen, Kurz darauf kamen die Soldaten herauf und gaben Pistolenschüsse ab in . die Luft. Aber da sie nicht wagten, die Schiebetüren zu öffnen, halten sie den Wasserschlauch;y,pm Tender, befestigten ihn an einem Behälter auf dem Dach der Zigeuner wagen und spritzten in das Innere des, Frauenwaggons, bis es dort