Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 2 (1947/48)
- Issue
- 8 (20.7.1947)
- Date
- 1947-07-20
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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leite 8 — 20.Juli 1947" JÜDISCHES GEMEINDEBLATT FÜR DIE BRITISCHE ZONE 2. Jahrgang — Nr. 8 rr Dr. Kurt Alexander (JLondon): Eine Weltorganisation der Juden aus Deutschland Die aus Deutschland vertriebenen Juden haben Deutschland selbst einst als ihre Heimat angesich in fast allen Ländern der Welt, in denen sie sich in einer größeren Anzahl wiedergefunden haben, zu Organisationen zusammengeschlossen.. . * . , In den von. «den Nazis überrannten westeuropäischen Ländern sind diese Organisationen in der Besatzungszeit vernichtet worden, aber unmittelbar nach der Befreiung hat man die Kraft gefunden, sie wieder aufzubauen. Diese Verbände der jüdischen Flüchtlinge aus Deutschland hatten die Aufgabe, die Rechte Ihrer Mitglieder in den Ländern zu .wahren, die ihnen Zuflucht gewährt haben. Nur in den eigentlichen Einwanderungsländern, wie in Palästina f und in den Vereinigten Staaten von Nordamerika, war die rechtliche Lage von vornherein gesichert, während in allen anderen Ländefti dem größten. Teil der Einwanderer nur eine vorübergehende Zuflucht gewährt war. Neben dieser Unsicherheit über die Zukunft bestanden erhebliche Schwierigkeiten in der Erlaiigung der Erlaubnis zur Ausübung eines Berufes oder einer Angestellten-Tätigkeit. Die Flüchtlingsverbände betrachten es aber nicht nur als ihre Aufgabe, für die Lösung, der Schwierigkeiten, unter denen ihre eigenen Mitglieder leiden, einzutreten, sondern sie nehmen aktiven Anteil an all den Fragen, die alle Juden aus Deutschland, gleichviel wo sie leben, belasten. Dazu sehen sie es als ihre vornehmste Pflicht an, sich in das Hilfswerk für Juden in Deutschland und für Juden in den besetzten und später befreiten Gebieten einzuschalten. *' ■? Sehr bald wurde erkannt, daß dieses Aufgabengebiet den Machtbereich einer einzelnen Organisation überstieg. Infolgedessen träten die verschiedenen gleichgerichteten Verbände miteinander in Verbindung. Es begann mit einem brieflichen Gedanken- und Erfahrungsaustausch. Eine andere Zusammenarbeit war ln einer Zeit, in der der Krieg Reisen fast unmöglich machte, undenkbar. Als die/ zu lösenden Gesamtprobleme sich immer deutlicher abzeichneten, mußte die lose Zusammenarbeit durch eii\ festeres Organisationsband ersetzt werden. Im Frühjahr 1945, unmittelbar vor dem Ende des europäischen- Krieges, legte Dr. Siegfried. Moses, der frühere Vorsitzende der Zionistischen Vereinigung für Deutschland und Mitglied des Präsidial-Ausschusses dej* Reichsvertretung der deutschen Juden, als er zu einer internationalen Konferenz in Amerika war, den Grundstein zu dem Organisatorischen Zusammenschluß unserer Flüchtlingsverbände. Die Olej Irgun Merkaz Europa in Palästina, die Association of Jewish Refugees in Great Britain, die Federation of Jews from Central Europe und das German Representative Committee des World Jewish’ Congreß, beide in New York, schlossen sich zum Council for the Protection of the Rights and Interests of Jews from Germany zusammen. Der erste offizielle Schritt dieses Council war "ein Memorandum, in dem die Forderungen der jüdischen Flüchtlinge aus Deutschland der San Franzisco-Konferenz überreicht würde. Die Geschäftsführung des Council war zunächst in Amerika. Nachdem Dr. Leo Baeck aus Theresienstadt nach London komnien konnte, w§r es. der einhellige Wunsch aller Beteiligten, ihn, den Führer der Juden in Deutschland, nun wieder zum Führer der Juden aus Deutschland zu haben. Er übernahm die Präsidentschaft des Council, der damit nach London verlegt wurde, und dessen Geschäftsführung verbunden wurde mit dem General-Sekretariat der großen' englischen - Flüchtlingsorganisation, der Association of Jewish Refugees in Great Britain. Seit dieser dbgahisatorischen Neuordnung sind außer den vier genannten sog. Gründer-Organisationen wohl alle Verbände, die jüdische Flüchtlinge aus Deutschland vertreten, dem Council beigetreten. Er darf sicli mit Recht als die einzige Vertretung der jüdischen Flüchtlinge aus Deutschland; bezeichnen und Cr wird heute auch als solche in der Welt anerkannt. Gerade jetzt nehmep seine Vertreter neben den Vertretern der ''großen internationalen jüdischen Organisationen an der Konferenz in New York teil, in der die jüdischen Forderungen für die Friedensregelung mit: Deutschland und Oesterreich Vorbereitet werden. Der Council hat es von Beginn seiner Tätigkeit an als seine Pflicht angesehen, engste Fühlung mit den Juden, den jüdischen Gemeinden „ und jüdischen Organisationen in Deutschland zu unterhalten, da er sich bewußt ist, daß eine Fülle der ihm obliegenden Fragen in gleicher Weise die noch in Deutschland lebenden wie die früher in Deutschland -gelebt habenden Juden . angehen. Adolf Schoyer, Mitglied des engeren Vorstandes des Council, ist fast ständig als sein Vertreter in Berlin., Die Arbeit des Council dürfte von wesentlicher Hilfe für die Juden in Deutschland sein. Niemand wird die Juden in Deutschland besser . verstehen als die, die sehen haben, die durch vielfache Famiiien- und Freundschaftsbande sich verbunden fühlen. Die Beziehungen, die die Gruppen der deutschen Juden in der freien Welt anknüpfen konnten, «werden sie einsetzen, wenn es gilt, die Lage der Juden in-Deutschland zu erleichtern. Ein entscheidendes Aufgabengebiet des Council ist das Problem der Wiedergutmachung. Hier sind wichtige Vorschläge von ihm den für die Verwaltung Deutschlands heute maßgeblichen Behörden überreicht worden. Da man weiß, daß seine Mitglieder die beste Erfahrung und umfassendste Sachkenntnis haben, wird er immer wieder; zu Rate . gezogen. Vor einigen Monaten, ist ihm von der entscheidenden englischen Behörde, dem Control Offi- Walter Spengemann: ce fcr Germany and Austria, der Auftrag erteilt worden, ein offizielles Büro in Lonion und in anderen Ländern zu errichten, das den Flüchtlingen bei der Verfolgung ihrer Ansprüche zur Seite stehen soll. Am 15. und 16. Juni fand in London die erste Plennarsitzung des Council statt. (Vgl. „Drinnen und Draußen“, „Gemeindebiatt“, Nr. 6/7 vom 9. Juli). Es war das erste Mal, daß auf einer internationalen Konferenz die Flüchtlinge selbst die Sprecher in ihfen eigenen Angelegenheiten waren. ■ , Eine der Gegenstände der Tagesordnung war die Erörterung der Kulturaufgabert, die uns Juden aus Deutschland obliegen. Unsere Verpflichtung ist es, das große jüdische Kulturgut, das die deutschen Juden geschaffen haben, zu erhalten und der Welt weiter zu geben. Es ist ein Zeichen des ungebrochenen Lebenswillens der Juden, daß sie trotz des furchtbaren Schicksals, durch das sie hindurchgegangen sind, sehr schnell die Kraft wiedergefunden haben, sichv zu sammeln und in gemeinschaftlicher Arbeit einen neuen jüdischen Lebensweg zu bahnen. ■ „An der Grenze der Demokratie” Selbstverstümmelung würde nach deutschen Militärgesetzen streng bestraft. Darf man anders urteilen, wenn eine Staatsform mutwillig zur Selbst Vernichtung treibt? Hören Sie ein Beispiel aus unserer Zeit. Herr Fischer ist ein Handelssdiullehrer in Lübeck und außerdem Landesvorsitzender der NLP, die sich jetzt „Deutsche Partei“ nennt, in Schleswig-Holstein. Er hat sich auf dem Parteitag der. Deutschen Partei, in Celle zu einem Thema geäußert, das nicht zu diesen Zuständigkeiten gehört. Nach dem 'Bericht unserer und anderer Reporter hat er zur Frage der. Naziverbrechen gesprochen. Der uns zugegangene Bericht, der von drei Berichterstattern verschiedener Zeitungen und Sender gleichlautend niederges.chrieben wurde, sagt folgendes: Herr Fischer, Lübeck, äls Vorsitzender des Landesverbandes Schleswig-Holstein, brachte al$ Beispiel seiner Kritik gegen die Regierung seines Landes die Tatsache vor, daß man in Schleswig-Holstein ’ einem' Kinderheim den Nämen „Lidice“ gegeben hat. Nach seinen Worten sei diese Benennung. „unerhört“ und genau so untragbar 'wie die Absicht der schleswig-holsteinischen Regierung, dem tschechoslowakischen Staate Geldmittel zum Auf— bau, des zerstörten Dorfes Lidice zu geben, da dies in einer Zeit. geschehe, „wo wir selbst jeden Pfennig brauchen“. Weiterhin betonte Herr Fischer, daß es endlich an der Zeit sei, aus der Presse die Namen Auschwitz, Dachau, Mauthaüsen und Belsen zugunsten der Begriffe Wittenberg, Worms, Weimar und Wartburg verschwinden zu lassen. -Herr Fischer hat also drei Erklärungen abgegeben. Er hält es für unerhört, und untragbar, einem Heim für Kinder, die durch den Krieg und das Naziregime eitern-, heimat- und sippenlos geworden sind, den Namen „Lidice“ zu geben. Zweitens hält er es, für untragbar, daß ein deutsches Land dem tschechoslowakischen Staat Geld zur Verfügung stellt, um das von der SS dem Erdboden gleichgemachte Dorf Lidice wiederaufzubauen. Und schließlich verlangt er, daß Schandtaten, die gestern im Namen Deutschlands begangen würden, aus der Erinnerung ausgelöscht und gegen deutsehb Verdienste ausgerechnet werden, die vor vielen Jahrhunderten erworben wurden. Herr Fischer von der „Deutschen Partei“ fin-, det es unerhört und untragbar, daß eine deutsche Landesregierung sich für ein sinn- und maßloses Verbrechen verantwortlich .fühlt, das im Namen Deutschlands begangen ist. Er empfindet offenbar weder Scham noch Reue, noch die moralische Pflicht .zum Wiedergutmachen. Er scheint immer noch auf dem NS.- Standpunkt von dem Recht der deutschen Herrenrasse zu stehen, die sich über alle . Gesetze der , Menschlichkeit hinwegsetzeg. und sogar, das fünfte Gebot nach Belieben mißachten kann. Welche grauenhafte Verwirrung der sittlichen und gesellschaftlichen Grundbegriffe spricht aus den Worten 'dieses Mannes! Und wie steigert er die erschreckende Amoralität. seiner Aussprüche ins Unbegreifliche, wenn er den Versuch macht, die kulturellen Verdienste' eines Martin Luther und eines Wolfgang Goethe aufzurechnen gegen Seine Schuld und die seiner Zeitgenossen! Niemand kann doch den Enkel von einem Verbrechen freisprechen, weil sein,e Ahnen begnadete Genies waren! ■ r . Man könnte überall diese Dinge hinwegsehen und sie für die individuelle Verirrung eines Einzelnen halten. Aber zwei Tatsachen sind es, die diesen Fall ins Staatsgefährliche und ins Symptomatische steigern. Einerseits ist Herr Fischer ein Lehrer der Jugend. Insofern ist seine Einstellung eine Gefahr für die Zjikunft. Zum andern aber fanden seine Worte den lauten Beifall vieler Teilnehmer^ am Parteitag der „Deutschen Partei“ in Celle. Wir. müssen daraus entnehmen, daß ein erheblicher _ Teil seiner Parteifreunde, und zwar maßgebende Männer (denn aridere" Werden nicht zu Parteitagen entsandt) seine Meinung teilen. Und hier wächst das Problem ins Grundsätzliche, denn wir sind angelangt an der Grenze der Demokratie. Nie wieder darf man es Menschen erlauben, wie vor- 1933 die Mittel der Demokratie zu mißbrauchen, um mit ihnen die Demokratie zu vernichten. Voraussetzung aller demokratischen Rechte muß die. Anerkennung der Gesetze der Moral und Menschlichkeit sein. Der große Dichter Thomas Mann, um dessen, verbrannte Werke am 10. Mai 1934 junge und alte Deutsche, wie . in uralten Zeiten die Wilden um ihre Opfer, getanzt und gesungen haben, ist jetzt in Europa. Er war in England, fährt nach Schweden und in die Schweiz, wird in Paris sein und wird in sejuti Heimatland nicht kommet. Das Herz des Dichters schmerzt — denn dichten verlangt Herz und Gefühl. Ein Dichter ist kein Politiker. Er liebt nicht, wenn die Liebe nötig ist und haßt nicht, wenn die Machtinteressen es verlangen. Er liebt sein Volk, wenn es der Liebe wert ist, wenn es auch wiederlieben kann — er haßt sein Volk, wenn vom Volk Haß ausgeht. Thomas Mann ist der Geist des noch-nichtgeb.örenen Deutschland, er ist das Herz eines Deutschlands, das vielleicht einmal, nach Jahrhunderten, kommen wird. Und daher sagte der große Dichter: „Ich werde Deutschland noch einmal sehen, jetzt ist es aber noch zu früh“. Alle großen Politiker, in deren Händen die Umerziehung desdeutschen Volkes liegt und denen das Schicksal von Millionen , Europäern nicht gleichgültig ist und nicht sein kann, müßten, über diese Worte Thomas Manns tief nachdenken. Komisch erklingen die Erklärungen mancher ausländischer Politiker: Deutschland ist auf dem Wege zur Demokratie. Zu groß^and erhaben ist der Begriff der Demokratie, daß der Weg zii ihr ein so leichter sein soll. Zwei Jahre nach Maidanek — das ist ein zu kleiner Zeitraum für die Entwicklung' zur demokratischen Selbstverwaltung. Thomas'Mann hat das verstanden: „Der Nationalsozialismus hat seine tiefen Wurzeln im geistigen Charakter, und in der Tradition Deutschlands; ein zentralisiertes Deutschland wird eine ewige Gefahr für den Weltfrieden. sein“. Thomas Mann, kennt sein Volk. Wer kann besser die Seele Deutschlands erfühlen als sein Dichter? Wer versteht das deutsche Voik so wie Thomas Mann? Einen „schönen“ We^ zur Demokratie kann ein Volk niemals haben, wenn es, geeint, eine Gefahr für den Weltfrieden bildet! Thomas Mann haßt „sein“ Volk nicht. Er liebt aber die Menschheit, er liebt Europa, und weil er Europa liebt, kann-er nicht die Feinde Europas lieben. Weil er die Menschheit liebt, kann er nicht die Feinde der Menschheit lieben. Deswegen ist es noch „zu früh“. Wir lieben den Deutschen Thomas Mann. Es tut uns weh, daß nur Einzelne die großen, menschlichen Deutschen, waren. Es. ist ein Beweis dafür, daß wir keine Nation hassen; wir hassen nur schlechte Menschen. Wenn aber die Nation in überwiegendem Maße aus schlechten Menschen besteht? ... Und darum sind wir auch der Meinung, daß es noch zu früh ist für die Rückkehr eines Thomas Mann nach^ Deutschland. (Aus dem Jüdischen übersetzt von I. Ingster). bitten unsere Leser, uns einige Exemplare der Nummern 2/3, 6, 7, 8, 9, 19, 22 des ersten Jahrganges zur Ergänzung unseres Archivs freuudlichst zur Vertilgung stellen zu wollen» Die Redaktion Geschäftsstellenan ollen wichtigen Plätzen' der Westzone^ Seit 75 Jahren im Dienste der heimischen Wirtschaft Verhängnisvoller Antisemitismus Auf der Anklagebank ein Mann, dem die giftige Unduldsamkeit auf der engen Stirn geschrieben steht. Dabei spielt er den Ueberlegenen, er, dessen stechender Blick nie hinweggereicht hat über das „Stürmer“-Analphabetentum. Unmöglich, von ihm ein mutiges, aufrechtes, unverdrehtes Wort zu hören. Wenn rabulistisches Äbstreiten nicht verfängt, verschanzt er-sich, ein primitiver Sophist, hinter angeblichen Amtspflichten. . Arrogant reckt er den Hals, die spitze Nase in dem verkniffenen Gesicht sticht nach oben. Das ist er: der 54jährige Schneider Wilhelm Betzmann aus Charlottenburg, - ein Musterexemplar des braunblütigen Adels, des rassereinen „Herrenmenschen“, des gemütsverkorksten Edelariers, des dummstolzen Pogromhidalgos. Wütend sieht er hinüber zu dem weißhaarigen alten Mann am Zeugentisch, der mit leiser Stimme, ohne Haß und ohne vergeltungheischendes Pathos von dem unsäglichen Leid erzählt, das der Angeklagte über ihn und seine Familie gebracht, hat, damals ... Und wir atmen wieder die stickige Luft jenes unmenschlichen Judenhasses, der Menschen wie diesen angeklagten Schneider schon außer sich, brachte, wenn er nur einen Juden sah. Betzmahn, der während des Krieges Polizist wurde, war der böse Geist der Familie Mandelbaum. Ausgestoßen, als Paria, entrechtet, wehrlos, ewig gedemütigt, lebteder Zeuge Mandelbaum unter der dauernden zermürbenden Furcht, dorthin geschickt zu werden, wo die Schornsteine der Verbrennungsöfen rauchten. Und: „Ich werde ihn schon dahin bringen, wohin ich ihn - haben. will . . .{“ versicherte Betzmann. Von der Forderung um Ausweisung des „lästigen Juden“, für die er Unterschriften sammeln' ging, bis zur mehrfachen fälschlichen Anzeige wegen Nichttragens des Judensterns, vom Boykottverlangen, das er an 'die Kunden des Geschäfts der. nicht-, jüdischen Frau Mandelbaum richtete, bis zur Einleitung einer Staatsaktion gegen sein völlig eingeschüchtertes Opfer, weil es iir\ seiner Wohnung angeblich provozierend Zigarren geraucht habe (Zigarren, die ein Mitleidiger dem Verfolgten ins offene Fenster geworfen hatte), ließ Betzmann' nichts unversucht, das Ver-, hängnis heraufzubeschwören. Wir hören, wie der Angeklagte unter Beschimpfungen Fraü Mandelbaum im Luftschutzkeller so heftig schlug, daß die Brustamputation, der sie sich später unterziehen mußte, mit höchster Wahrscheinlichkeit auf diese Mißhandlung zurpekzuführen ist. Wir hören, daß es dem Angeklagten wirklich gelang, Herrn Mändelbaum nach Auschwitz zu bringen, der dort Furchtbares erdulden mußte. Und wir hören endlich, daß auch der. Sohn der Eheleute Mandelbaum durch das Eingreifen des Angeklagten für 2% Jahre ins'Köä^ zenträtionslager kam. Nach seiner glücklichen Befreiung durch die Sowjettruppen ist. er dättnauf dem Heimtransport ums Leben gekommen. Sechs Jahre Zuchthaus und zehn Jahre Ehrverlust lautete das Urteil der 4. Großen ^Strafkammer. Jawohl, es muß diesem antisem’.tisclien Ungeist unvergänglich eingebrannt, werden, daß Rassenhaß nichts, aber auch gar nichts mit einer etwa denkbaren Weltanschauung zu tun hat, sondern klobige Niedertracht ist, erbärmliche, verachtungswürdige, aus den niedrigsten Instinkten und dem Gefühl der eigenen Minderwertigkeit geborene Bösartigkeit, und daß seine Betätigung nicht Politik war, sondern ehrloses Verbrechen. Procontra. Rassenlehre — Rassenlüge Es ist kein Zufall, daß die Rassenlehre am Ausgang des 19. Jahrhunderts sich ausbreitete und von Männern wie Gobiheau, H. St. Chamberlain u. a. systematisch entwickelt’ wurde. Denn in jenen Jahrzehnten vor der Jahrhundertwende, bahnte sich eine neue Epoche des Kapitalismus f an, die Epoche des Monop Jismus, des Finanzkapitals, die imperialistische Epoche. Immer mehr verschwand die der freien Konkurrenz entsprechende liberalistische Ideologie. Das Finanzkapital strebte nicht nach Freiheit und Gleichheit für alle, sondern nach Herrschaft für sich. Und dementsprechend schuf es sich eine neue Ideologie. Es war der Marxist Rudolf Hilferding, der die Rassenideologie als Ideologie des Imperialismus entlarvte. Er schrieb 1909: . , „In der Rassenideologie" ersteht so Jne naturwissenschaftlich verkleidete Begiündung des Machtstrebens des Finanzkapitals, das so die naturwissenschaftliche Bedingtheit und Notwendigkeit seiner Handlungen nachweist. Ah Stelle des demokratischen Gleichheitsideals ist ein oligarchisches Herrschaftsideäl getreten.“ ' ' ' r . (Rudolf Hilferding, Das Finanzkapital): Schon Vor dem ersten Weltkrieg entwickelte sich diese Rassenideologie in Deutschland in beträchtlichem Umfange, gefördert vom1 Alldeutschen Verband und änderen . chauvinistischen Verbänden. Besonders, aber schhß . damals der Antisemitismus als Teil dieser Rassenideologie in die Halme. Heinreh - Manns „Untertan“ gibt ein treffliches Bild davon. Als sich der deutsche Imperialismus von der Schlappe im ersten Weltkrieg erholt hatte und wieder aufzurüsten begann, würde die Rsssenlüge seine ideologische Hauptwaffe. Und unter dem Naziregime,1 das ja die terroristische Diktatur der reaktionären Imperialisten war, wurde die Rassenlüge zur . offiziellen Sraatsideologie erklärt. -Sie diente den Nazis nicht nur zu groben Geschichtsfälschungen ä la Rosenberg, sondern wurde ’ praktisch angewandt: in den Nürnberger Gesetzen, in den „Arisierungsgeschäften“ skrupelloser Edelarier und in den Vernichtungslagern Auschwitz, Maidanek ü. a. i