Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 2 (1947/48)
- Issue
- 8 (20.7.1947)
- Date
- 1947-07-20
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 -r ■ 20'. Juli 1947 JÜDISCHES GEiMEINDEBLATT FÜH* DIE BRITISCHE ZONE 2. Jahrgang, — Nr. 8 Ansprache voii ,Dr. C. fepstein, Wiesbaden, , Hessischem ,Staaiskommissar Hir die Verfolgten des Naziregimes, auf der Frankfurter Tagung der judiscnept Gemeinden in Deutschland am/6. und 7. Juni 1947 / Meine Damen und Herren! Ich bin der Meinung, daß der .Landesvorstand der Interessenvertretung die erste interzonale Tagung der. jüdischen Gemeinden nicht .rein zufällig,, ganz abgesehen von der besseren Erreichbarkeit dieser Stadt,'nach Frankfurt einberufen hat. Frankfurt'hat eine große historische -Vergangenheit. Es ist nicht nur die Geburtsstadt Goethes und w4ist in seinen Mauern die berühmte .Paulskirche auf, in der vor bei-. nahe 100 Jahren aufrechte Demokratenunter Führung Heinrich von Gagerns mutig und entschlossen für die Grundsätze der Demokratie, der Toleranz und der Menschenrechte eintraten, sondern Frankfurt ist auch die Stadt der -stolzesten Tradition jüdischen Geistes- und Wirtschaftslebens. Frankfurt' verdankte einst deri Juden, bevor ' der .Größenwahnsinnig? von Braunau am Inn sie von hier vertrieb, seinen mächtigen wirtschaftlichen Einfluß und seine wirtschaftliche und kulturelle Blüte. , Besonders stolz konnte Frankfurt auch auf sein, religiöses _ Judentum sein und es gibt kaunv einen Si'dur in. der Welt,'der nicht Bezug nahm und noch nimmt auf die Riten und Minhogim der einstigen jüdischen Gemeinde dieser. Stadt. Dieser Glanz hat durch nationalsozialistische Gewalthaber ein . jähes und bitteres Ende gefunden.^ : Wir stehen hier nun, wie überall In Deutsch- >. land, vor einejn Fragment einer Gemeinde. Erschreckend kurz ist das Gedächtnis der Menschen. Kaum zwei Jahre sind seit dem furchtbaren Zusammenbruch des Hitler-Regimes vergangen, und schon beginnt sich graue Vergessenheit zu breiten über Millionen', von Toten der Gas- und Folterkammern, über Geißelerschießungen, über unglückliche 'Opfer, der Konzentrationslager, der Zuchthäuser und tGestapo- Gefängnisse: desi nationalsozialistischen Systems. Vom Windeder 'Zeit'verwehtsind die Klagen um die Ermordeten. Schami los wendet sich das öffentliche Mitleid bereits den Mördern zü. Die Opfer - des 'Nationalsozialismus werden völlig ungerechtfertigt beneidet und geschmäht. 'Von Schuld und Sühne ist 'kaum noch die Rede, dafür umsomehr von ausschweifenden Hoffnungen auf einen neuen Krieg, 'von Rache, uhd Mord.' Gäbe es nicht noch hier und: da einen Gerechten; man, müßte an, Gott und der Welt verzweifeln; man müßte die Hoffnung auf eine bessere Zukunft der Menschheit begraben. Ich will nicht die Geister der Rache herauf beschwören. Sie scheuen-das Licht. Aber wir müssen tiefstes Mitgefühl mit den Menschen haben,, die inbrünstig an Gerechtigkeit glauben,' die nach Gerechtigkeit dürsten und deshalb heute naheam Verschmachten, sind. Wir verlangen keine , Sonder vor teile für uns,. sondern lediglich Gerechtigkeit* -.Die. Gerechtigkeit verlangt nicht, daß neue,. Wunden geschlagen werden. Sie heischt' aber "gebieterisch, daß < begangenes ^nreclfl nach Kräften wieder gutgemacht wird. Es völlig zu tun, ist eine .Unmöglichkeit. - Man kann., die Millionen. Toter nicht wieder zum .Leben erwecken, und für die vielen Hinterbliebenen gibt es für den .Verlust des Teuersten, das sie im Leben besaßen, keinen Trost. ■ Aber man kann eines tun: Man kann den überlebenden Opfern das Leben ^wieder leben'swert machen. -Wir wissen wohl, e$ stört. die Behaglichkeit der Satten und •Zufriedenen', wenn man sie an die Zeiten der Konzentrationslager erinnert. Sie wollen die; Foltern und Martern nicht wahr haben. Sie würden von der bloßen Schilderung: der Leiden nur Unlustgefühle bekommen und dem gehen sie beharrlich aus dem, Wege. 1 . ■ , ' Aber die Gerechtigkeit läßt ‘Sich nicht mit Ausreden abspielen. Sie pocht laut an unsere Türen. Sie fordert zwar nicht mehr Aug um Aug und Zahn um Zahn, .sonst würde es vielen im deutschen Volk übel ergehen. Die Gerechtigkeit fordert heute nur Opfer an Gejd und Gut, Rückgabe dessen, was zu Unrecht durch Diebstahl, Raub; und Erpressung den rechtsmäßigen Eigentümern , weggenommen wordenist. . Sie Verlangt Entschädigung für die ausge'stündenen Leiden, soweit man für sie überhaupt entschädigt werden kahn. ’ Diese, Sühne zu, leisten ist, wie der stellvertretende Ministerpräsident Dr. Högener auf - der Wiedergutmac hüngskörifereüz in Tegernsee mit. warmen; Worten zum Ausdruck brächte, Ehrenpflicht auch für . ein verarmtes Volk. Das Rückerstattungsgesetz . berücksichtigt - le- > diglich einen Teil der Verfolgten., Dassogenannte Entschädigungsgesetz, das besonders die politsch Verfolgten ersehnen und mit Recht - erstreben, steht noch aus, und sein Schicksal ist ungewiß. Wir, die -wir an den. Beratungen des' Rückerstattüngsgesetzes vbm 1. Tage an, das ist vom 10. - Juli 1946 teilgenommen haben, verlangten von jeher, daß dqs Entschädigungsgesetz -‘einen integrierenden .Bestandteil des Rückerstattungsgesetzes bilden sollte, weil wir uns sagten, daß/ es - ein Gebot der Gerechtigkeit sei, ' alle Verfolgten, ob. politisch ' oder rassisch, , gleicherweise' zu entschädigen. - Die - politisch verfolgten Kameraden haben mit uns rassisch, Verfolgten, gelitten und sind ebenfalls durch ein Meer Von Blut -und Tränen .gegangen; Wir..wissen sehr 'wohl, -wie kameradschaftlich sie' uns zur Seite ■ standeri, -und 'eswäre nicht zu verantworten,, sie anders zu stellen als pns. Wir würden uns auch im Besitz des uns zu gewährenden . Vermögens nicht wohl , fühlen^ yenn wir nicht-.gleichzeitig wüßten, daß auch sife in den Genuß} der ihnen zustehenden' Vorteile kommen sollten;' Wir verlangen daher, daß ‘das Entschädigungsgebetz,. wenn nicht mehr als Bestandteil des Rückerstattungsges/izes,' .so doch diesem un* : vorzüglich folgen muß,, ' •Keish. Llonärivüx.ri verkennen, -dqS. die' 'Wiedergutmachung' ari den , Opfern des Faschismus nicht , nur .eine rechtliche Pflicht der deutschen Bevölkerung, sondern auch ein Gebot der Menschlichkeit ist. >/ Bevor Deutschland den Krieg in die umliegenden Länder, trug, iuHrte es einen leichten, aber deshalb nicht weniger unerbittlichen Kampf gegen seine Juden. Der Machtapparat eines 70-Millioneh-Völkes schlug erbarmungslos auf die kleine Minderheit von .einigen hunderttausend Menschen ein, und wir wissen heute, mit welchem Ergebnis. Jetzt hören wir in den Spruchkammern von den 8 oder 10 Millionen Parteigenossen, daß jeder von ihnen eifern jüdischen Freund hatte., Da es njir 600.000 Juden in Deutschland gab, müssen ' wir frageft,. war diese Millionen- Armiee yon., Nationalsozialisten nicht in der Lage, die kleine Zahl ihrer jüdischen Freunde vor'ihrem eigenen - Führer, zu schützen? Es war. nicht ungefährlich; wird man erwidern. Aber schon'Goethe sagte: „Wie man den- Vogel an den Federn, den Löwen an . den Klauen, so erkennt man die , Freunde an den Lanzen, die sie wohl gelegentlich fjir einen brechen.“ Die Behandlung der .Wiedergutmachungsfrage, für die politisch, Rassisch und religiös Verfolgten ist zu einem Sinnbild der‘Menschlichkeit .geworden,; zu einer Frage der politischen Reife eines Volkes. Die Lösung der Wiedergutmachungsfrage muß, wenn sie > wertvoll sein soll, von innen kommen, pie Welt muß den Wunsch Deutschlands fühlen, das begangene Unrecht wenigstens an denen gutzumachen, dje das Unrecht überlebt haben. Wir sind uns darüber klar, daß die Voraussetzung hierfür unbedingt ein Gesinnungswandel ist, ein Wandel, auf den die Welt seit über .2 Jah>* ren vergeblich wartet. Bevor das deutsche Volk nicht in scharfer Abkehr von seinem bisherigen Geiste die Hin-, Wendung, zur wirklichen Humanität vollzieht und praktische Beweise däfür liefert, bleiben alle Reden und Versprechungen leere ' Deklamationen. Solange man, nicht die begangenen Verbrechen bestraft hat und zwar nicht nur mit Proformästrafen, sondern mit solchen, die der Schwere des Verbrechens entsprechen, solange man nicht den -Räubern und Plünderern ihre Beute abgejagt und - sie den Besitzern oder ihren Erben zur Verfügung gestellt hat,, solange glaubt kein Mensch in der Welt an eine tatsächliche Abkehr. Wer, von der Welt Gerechtigkeit erwartet, muß erst beweisen, daß er selbst Gerechtigkeit zu üben versteht." „Justice begins at hörne“, Gerechtigkeit beginnt inb eigenen Hause. Nach den Kaskaden von Rechtsbrüchen, mit denen das Hitlerregime zwölf Jahre lang den deutschen Namen geschändet hat, bedeutet Wiedergutmachung nicht nur die gesetz-. lieh angeordnete oder aus * verstandesmäßi-, gern Pflichtgefühl erwachsene, sondern die freiwillige Wiedergutmachung den ersten * Schritt zur tTmkehr. . ’: _ Bei. dem. zukünftigen Friedensvertrag mit Deutschland werdenseine Bedingungen in. entscheidenden Runkten abhängig sein von der Frage, mit welchem Deutschland Frieden geschlossen * werden soll. Mit einem Deutschland, das sein Gewissen wiedergefunden hat, seine SchulcJ erkannt, den Verfolgten Genugtuung und Wiedergutmachung gewährt hat, oder mit einem Deutschland, das nur ein neues Firmenschild aufgehängt hat und sich wie ein schlechter Bankrotteur benimmt, der das Geschäft auf dem Nanxoa seiner Frau weiterführt..' , , . /■ ■■ , Außer der. ^materiellen Wiedergutmachung kennen wir ein noch viel Ixöheres Ziel, die ideelle Wiedergutmachung. Unser Kampf, ist der Kampf gegen alle Reste des Nazismus und unser Sinnen ist», ein einigendes Bandum alle' Verfolgten über alle Zonengrenzen ‘hinweg zu schmieden unter Schaffung, einesverträglichen Verhältnisses, sur gesamten Bevölkerung. ' , , Wir Verfolgten, gleichgültig aus welchem Lager die einzelnen vpn ihnei^ kommen, - wollen zusammenstehen und nie -wieder der Welt' das beschämende Bild . innerer Zwietracht und Unduldsamkeit bieten. , * Wh werden,, es daher-nicht zulassen, daß erneut /sin Keil zwischen 'Ost und West getrieben wird. Haben wir nicht alle .als Juden gelitten und, geblutet? Sind wir denn nicht alle Söhne eines Gottes; hat uns denn nicht alle eine jüdische Mutter geboren und uns' voll Liebe ans Herz "gedrückt, küßte und koste , uns nicht ein gütiger Vater und hat , uns voll Freud? ins Auge geblickt? Hat" uns denn nicht, Hitler nur als Juden behandelt, Und unsere. teueren Angehörigen ohne Rücksicht auf Ihr Herkunftsland gleicherweise vergast und verbrannt? Oder glauben Sie, meine Herren, dSß er die deutschen Juden durch einen mit v Teppichen belegten Salon in die Gaskammern trieb und die ausländischen durch den Hintereingang? Wir, die wir selbst schreckliches erfahren, die Torturen und'Folterungen bei anderen lind auch am eigenen Leibe verspürt haben, wir, die wirklich Verfolgten, sind weit davon entfernt, auf Grund. der besseren deutschen Kultur, von der wir ja gerade in den letzten 14 Jahren Kostproben erhalten haben, '.uns als höhere - und bessere Wesen dünken, wir erklären uns mit unseren ausländischen jüdischen Kameraden solidarisch und fordern sie alle zum engsten Zusammenschlüsse auf. Dieser v Zusammen-" Schluß ist auch, ein Gebot der Stunde, da wieder eine neue Welle des Antisemitismus haushoch über uns-.hinweggeht und' dör^Nazismus erneut sein freches und verbrecherisches Haupt erhebt, da wieder die Juden diffamiert uhd beschimpft werden, da wieder Schändun-' gen jüdischer Friedhöfe an der; Tagesordnung zu stehen scheinen, da, man sich erneut bei einem Teil der deutschen Bevölkerung über die Tatsache wundert, daß es' Hitler nicht gelungen sei, auch den letzten» Rest der Juden zuvernichten. ES ist in.den letzten Monaten viel und ausführlich übet die Situation geschrieben worden, in. der sich die* Juden-in Deutschland befinden. Es ist. .beschämend, wenn man'erleben rpuß, daß 2 Jahre nach dem verdienten Zusämmenbruch des Tausendjährigen Reiches noch Gewinn? von Nazis aus den durch sie frisierten -Geschäften gezogen werden, wie Karl Marx im Jüdischen Gemeindeblatt für die britische Zone (Nr. 24) mit Recht hervorhebt.; s - Es kann nicht geleugnet werden, daß die Erfahrungen " der letzten zwei Jahre .uns mit starken Zweifeln'hinsichtlich der Erklärungen von in der Öeffentlichkeit stehender! Persönlichkeiten erfüllen*, Ganz besonders hat die Erklärung (des (Pastors Niemöller, die er während seines Aufenthaltes in: Amerika ab-. gegeben hat, in Deutschland existiere’, kein Antisemitismus mehr, stärkstdh Widerspruch heryorgerufen. Pastor Niemöller kennt leider hichj; die Zustände in .Deutschland, sonst hätteer eine solche Erklärung niemals abgeben dürfen. Wir sind dem Vorsitzenden der SPD., Dr. Schumacher, Hannover, für seine zuversichtliche , Versicherung sehr dankbar, daß deutsche Juden damit rechnen könnten, als gleichberechtigte Bürger behandelt' zu Werden. Aber ist es nicht eine' selbstverständliche Angelegenheit, daß deutsche Juden in der. heutigen Demokratie allen anderen Bürgern gleichr gestellt und gleichberechtigt, sind und ist es nicht ebenso selbstverständlich,^aß sie wieder zu dem Ansehen, kommen' tnüßten, das sie früher einmal genossen haben? Schon das. Israel Gutwirt: klagen an i. Still und gleichgültig telegraphierten vor einer kurzen Zeit die ausländischen Journalisten aus. Budapest an ihre Zeitungen' die kotze, tragische Nachricht, die für sie vielleicht dieselbe Bedeutung hatte wie der neueste Böx-Kampf. Diese Mitteilung besagte: „Gestern um 5 Uhr nachmittags hat das - l;4jährige Waisenkind Eva Kurien sein Bett mit Benzin begossen und dann sich in das in Brand gesteckte Bett gelegt. Als die Nachbarn-und die;Polizei das Feuer *sahen . und. das Kind fetten wollten, schrie es in Konvulsionen und krampfhaftem Leiden: läßt' mich verbrennen und sterben, so wie meine Eltern und Geschwister hy Auschwitz gestorben sind!“ V ' Verbittert, .enttäuscht, verwaist, einsam', ohne treue Mutterhändej. die ihr das bißchen ‘Wärme,, die nötige Atmosphäre, nach denen das Kinderherz sich' so; sehnt,* geben können — beschließt die kleine, arme 14jährige Eva Kurien,'aus der falschen* und-hinter lästigen- Welt zu scheiden und dorthin zu j?ehen, wo ihre Eltern sich . befinden.. Sie glaubt, dort muß es doch' besser sein. . , Dort befinden sich doch alle ihre. Nächsten,, dort wird sieein Heim finden, wie es alle Hindei haben, dort wird sie keinen f ürchten,- auf - die sarkastisch lachenden Gesichter der Umgebung nicht schauen müssen. Dort wird sie Bücher haben, warme Kleider, ganze Schuhe und auch ein warmes Bett zum schlafen. — Das sind zweifellos die traurigen psychologischen Momente.. die die kleine Evä bejvogen haben, diesen Schritt zu machen. Vielleicht wollte die kleine Eva durch ihren außergewöhnlichen Schritt das _ Gewissen der Welt äufrütteln (wenn ein -solches, noch , besteht) und fragen: „Haben-wir denn nöetvzu . wenig,gelitten, 2 Millionen Kinder und Jugendliche haben wir auf ,, dem Altar des -europaij ccho« minWhs gelassen —( ist e?"hoch nicht genug? Habt ihr denn nicht das Geschrei meiner Brüder und Schwestern im Feuer \ on Auschwitz gehört, die bei ihren Müttern bet-, tel.ten: Mutti, laß4 mich nicht in das.Feuer schmeißen, ich werde, schön brav sein, ich werde nicht weinen, und wenn ich auch sehr hungrig sein werde ich werde gut sein! Wenn sich jetzt schon unsere Reihen so stark gelichtet haben warum peinigt man uns noch weiter? Warum haßt man uns noch v. eiter?“ II. Rosenheim, April 1947. „Nicht weit von München-steht das Kinderheim Rosenheim, wo sich die wie durqh Wunder geretteten jüdischen Kinder aus Osteuropa befinden. Das Lager liegt außerhalbder Stadl, mit grünen Wiesen, Blum^i Und Wäldern umgeben. Früher war hier ein Zwangsverschlepptenlager. Heute wonnen .hier unsere Josßlerch und Schlomole'ch, Sorele'ch41 und Rlwkele'ch — Kinder aus Hitlers Hölle. ' ■ x; . Unser Herz zerbricht, wenn wir .die 'kleinen lieben jüdischen Kinder in alten lumpigen- Kleidern herumlaufen sehen, unsere Zukunft und unser Stolz — zu grfcß oder zu klein, zu lang oder zu kürz gekleidet, so daß die Kinderso komisch aussehaii, als ob sie uns eine Komödie .Vorspielen möchten .-. . „ - •>. Wir gehen weiter. VWir besuchen die Schlafstellen, leere, arme Stuben, die kaum für 5—6 ■ Kinder geeignet sind, sind mit 15 Kindern belegt, mit dicht aneinander stehenden Betten, unter nicht sehr hygienischen Bedingungen. ' ' . ■ Wir Sehen 2 Mädels im iBett liegen und fiebern._ Die Ursache: zerrissene'Schuhe - - Dies' -ist’ cter Fall auch bei vielen, anderen Kindern. Ich sprechemit einem der Mädels: Ala Kaner, stammt aus Galizien, ihre : Eltern wurden bei einer Aktion ermordet, sie. wurde von -anderen Leuten versteckt Und war drei'Jahre; in einem unterirdischen Bunker. Drei Jahre sali sie ausdrückliche Unterstreichen dieser Selbstverständlichkeit -erfüllt uns mit -Mißtrauen. -Auch f-unser Oberbürgermeister Kolb hat in seiner - Neujahrsbotschaft, die' er durch den Rundfunk gehaltep hat, die im Auslande befindlichen deutschen Juden auf gef ordert, wieder nach Deutschland zurückzukehren, indem er ganz besonders die > wirtschaftliche Blütezeit Frankfurt? und anderer Städte hervorhob, an der die deutschen Juden 'in ganz besonderem Maße beteiligt gewesen seien. Wir sind weit davon entfernt, an .' der - Lauterkeit der Gesinnung unseres Oberbürgermeisters zu zweifeln. Wir schätzen, seinen guten Willen, aber können nicht umhin, ihn zu fragen, was denn biäher für die schon in Deutschland lebenden f Juden getan worden ist. Wenn mäh nicht in der Lage ist, ihnen, die nach ihrer Rückkehr^ aus den" Konzentrationslagern vor dem Nichts standen, zu ein^ Existenz zu verhelfen, so sollte man sich überlegen, ob - es opportun.'erscheine, noch andere Juden, die im Ausland leben, in ein Land zurückzurufen, dessen Bevölkerungviioch immer jm .Giftnebel der nationalsozialistischen Propaganda zu denken gewohnt ist und wenig Beweise dafür geliefert hat, daß es sich von seinem bisherigen ^Geiste abzuwenden gewillt ist. - ylch würde es in Ansehung der neuen Situation ' nicht verantworten können, meine «Glaubensgenossen aus dem Auslande wieder nach Deutschland zurückzurufen. Sie würden aus der Scylla in die Charybdis, aus dem Regen iri die Traufe kommen. Sie zurückzurufen, würde 'gleichbedeutend ^ein mit der „Aufforderung, «.sich vonneuem in eine Katastrophe . zu stürzen. Mögen sie sich ihr^ Rückkehr männigfach* überlegen und das Für und Wider, so oft es nur. geht, gegeneinander abwägen. .Glücksgüter erwarten rie hier nidit mehr.., ■. . . ■ DI? Bevölkerung hat bisher von sich aus nicht versucht, bekanntzugeben, daß"?ie durch die, fürchterlichen, an den Juden begangenen Verbrechen belehrt worden sei. Es' erfolgten und erfolgen Verhaftungeri' yon führenden Nationalsozialisten von Untargrundbewegungen, die zu denken geben. Der Nationalsozialismus-ist noch lange nicht tot,' im Gegenteil, er erhebt-, wie bereits betont, ’ sein freches und "verbrecherisches Haupt erneut. Und wenn es heute noch keinen aggressiven Antisemitismus gibt, so nür deshalb, weil, wie Marx, richtig sagt-, das erste Gesetzder Militärregierung ihn unter Strafe' gestellt hat* - Die Juden in Deutschland -haben ' keinen prund, zuversichtlich in die Zukunft zu. schaden. Die Verhältnisse spitzen sich von Tag zu Tag zu. Es taucht für uns die Frage auf, ob jüdische Gemeinden in Deutschland weiterbestehen können-,'soweit sie inzwischen, wieder aufgebaut worden sind. Wir glauben nicht, daß däs deutsche Judentum die Fröhlichkeit hat, zu seiner einstigeh Blüte zU gelangen oder auch nur wieder auf leben kaiin.' Wir Sind der Ansicht, daß Deutschland keine Juden mehr verdient.- Es hat uns schon einmal gezeigt, daß 'es uns nicht duldet^ und, das ist das Beschämendste an dieser' ganzen Sache, daß es für seine Weitere Unduldsam-, keitvon neuem Beweise liefert. Ueber lang oder kurz werden wir ’ nicht umhin können, uns als Liquidatoren der jüdischen Gemeinden zu befrachten. Es Wird für jeden, soweit er nicht schon zu alt oder krank ist, nichts anderes übrig -bleiben als die „Auswanderung, einebittere Tatsache, die. die Jahrtausend -„alte'. Tragödie . unseres Volkes erneut beweist. (Wied rholt, weih nur in einem Teil der vorigen Nummer enthalten.) kein Sonnenlicht: das läßt'auch ihr Gesicht : gcifort merken. Wir fragen, - ob sie zufrieden sei, was sie verlange?- „Womit kann ich schon zufrieden sein und was kann ich schon verlangen, wenn ich sq, -einsam aüf der Welt bin? . . Ich möchte werfigstens naeh Erez kommen, vielleicht sehe ich dort jemanden von meinen Verwandten und kann dort«, ein neues-'Beben anfangen . . . m. Mai. 1947. Lager Pöcking. Draußen regn<# es, die . Kälte sticht in den Rücken, alles macht einen traurigen Eindruck angesichts des Lagers, der armen Holzba'racken, wo die. Reste des europäischen Judentums, leben. Tn der Küche stehen reihenweise die* jüdischen Kinder in zerrissener Kleidung, man merkterst neu aus Rußland angekommen —mit den Schüsseln in den Händen und warfen auf das bißchen Essen. 'Ein wenig weiteri stehen, breite deutsche Häuser und ' Villen, mit schönen, gütmöblierten Wohnungen,- wo die „Besiegten“ hausen*., Glückliche Familien, die Kinder -schon’gekleidet, in weichen Polstersesseln, spielen Klavier und unterhalten sich sorglos. Undunsere Kinder, die „Siegerkinder“, wohnen indunklen Stuben, große Familien zusammengepreßt, und können, die Frage der Kinder nicht beantworten: „Warum' hat man uns hier eingesperrt; hinter . Stacheldraht uhd unter Bewachung der Miliz, sind wir denn Weiter, bei der Gestapo? Ist ■ das Freiheit?“ .: .. „Mutti, Du sägtest mirdoch damals, daß, wenn wir -befreit werden, -uns - die ganze Welt ehren.. und schätzen und ' unsere Leiden vergelten wird; Warum läßt.man uns nicht in ' das Land herein, von dem wir so viel gehört haben, wo wir glücklich sei? könnten, wie alle 'Kinder der Welt? Ich Ratte dort Bücher mit Märchen, . ich könnte mit anderen hindern, gleich leben. -Hat sich denn die- Welt gegen uns verschworen?“ ' Das* sind-Fragen, .. die-heute die Herzen und . Gehirhe aller unserer Kinder füllen. Wird*sie {'die Welt endlich hören und beantworten? I (Aus dem Jüdischen übersetzt von I. Tngsteri