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Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone · 1947-06-11 · 5 (11.6.1947) · p. Seite 6

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
Volume
2 (1947/48)
Issue
5 (11.6.1947)
Date
1947-06-11
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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11. Juni 1947 — Nr. 5 JÜDISCHE^ GEMEINDEBLATT FÜR Dltf BRITISCHE ZONE 8» Jütrg&ng Seite 6 PROFESSOR Dr. HANS.JOACKIM SCHOEPS? Vor wenigen Jahren ist Franz Rosenzweig 60 Jahre alt geworden. Er war ein Iwri, ein Hinübergehender, ein Jenseitiger, als er noch lebte; er ist in den 18 Jahren, seines Todes vom Jenseits aus ein ganz Diesseitiger geworden. Die . Tiefenwirkung RosenzweigS , auf den geistig lebendigen Heil der deutschen Judenheit im letzten Jahrzehnt ihres Bestehens ist unübersehbar groß gewesen. Die Wirkung ging nicht nur von seinem Werk, sondern von seinem Leben aus. ' Gewiß ist sein „Stern der ■Erlösung“ ein aschkenasisches „Sefer Emuriot we-deot“ des 20. Jahrhunderts zu nennen, wiewohl dieses dreibändige Systemwerk nicht von der Gegenüberstellung von Glauben und Wissen, sondern vom gläubigen Wissen handelt. Gewiß hat seine mit Martin Buber zusammen unternommene Verdeutschung der Heiligen Schrift für unsere Zeit eine ähnliche Bedeutung wie sie Targum Onkelos oder Jonathan für ihre Zeit gehabt haben, ‘ weil, sie das Wort Gottes in Treue gegen den Text und in adäquater Sinngemäßheit aus Laschon hakodesch in heutigeg Sprachgut übertragen hat. Beide Taten reichten aus, um Franz Röserizweig den Anspruch auf Ewigkeit iin Strome der jüdischen Tradition zu' sichern. Seine wirkliche Bedeutung liegt auch nicht nur darin, daß er innerhalb der deutschen u. abendländischen Philosophiegeschichte seinen Platz als Bahnbrecher einer, neuen Art zu denken einnimmt, indem der Umschlag vom Neuidealismus zur Existenzphilosophie in seiner Gestalt vielleicht am sichtbarsten vollzogen ist. Das entscheidende Ereignis ist aber sein Leben selber gewesen, das in seiner Gültigkeit und Beispielhaftigkeit steht für alle Baale Teschuwoh Westeuropas. . Franz Rosenzweig war einziger Sohn eines reichen, kulturerfüllten, mit dem Judentum nur lose verknüpften Kasseler Elternhauses, erst Medizin-, dann Philösöphiestudent, der seine Karriere zum Universitätsprofessor in der relativen Gesichertheit der deutschen Vorkriegszeit ohne weiteres hätte machen können, sie aber nicht machte^ weil ,sich in den' geistig entscheidenden Jahren seiner Entwicklung (1913—1917) sein Durchbruch zum Judentum vollzog, der seinem Leben eine ganz andere Ausrichtung geben sollte. Der Umkehrer, vertiefte sich in Gesetz und Brauch, Lehre, und Gebet des Judentums. In den Schützengräben Mazedoniens -»■ büchstäblich zwischen den Gefechtspaüsen entstand der „Stern der Erlösung“, ein Werk zum „Schutz upd Panzer gegen alle Verlockungen der Philosophie Und Theologie“, das schließlich zu einer allgemeinsten und zusammenfassendsten Darstellung1;jüdischer Theologie' und Philosophie geworden ist. Als er aus dem Kriege heimkam, war seinfe erste große Tat die Gründung des „Freien, jüdischen Lehrhauses“ in Frankfurt a, M., das ein Lehrhaus für den Am haarez werden sollte, um ihm die Welt des Judentums in ihrer Fülle aufzuschließen. Diese Stätte jüdischer Erwachsenenbildung hat bis 1938 nach Rösenzweigs Tod unter der Leitung seines Freundes und Weggenossen Eduard Strauß in Frankfurt bestanden Hmd wird heute in New York weitergeführt, nachdem es vorher schon in vielen deutschen und außerdeutschen Städten zü Tochtergründungen gekommen war. Ein' offener Brief: an Hermann Co h e n „Zeit ist‘s“ hat damals auch zur Bildung der „Akademie für die Wissenschaft des Judentums“ geführt, die zur Heimstätte jüdischer Wissenschaft'in Deutschland geworden ist. Im Jahre 1922 machten sich die Anfänge einer rätselhaften todbringenden Lähmungskrarikheit. bemerkbar, die wohl auf eine, im Krieg gehqlte Kopfgrippe zurückgeht. Zuerst-begannen ihm die Beide zu versagen, dann setzte sich die Lähmung über den ganzen Körper fort. Er schrieb, solange die Hände gehorchten, er sprach, solange er die Zunge bewegen konnte. Die halbe Bibelübersetzung ist das Werk eines an Händen und Füßen Gelähmten gewesen. Auch als er nicht sprechen konnte, hielt seine geistige Wirkung unvermindert an; Ein Freund‘berichtet über einen. „Krankenbesuch“ bei Rösenzweig: „Und dann kam der Zeitpunkt, in dem ich ihn das erste Mal wieder besuchen durfte. . Trotz aller Vorbereitung, trotzdem man mir seinen körperlichen Zustande auf d%s genaueste geschildert hatte,, war es schwer,’ die Tränen zurückzuhalten. Da saß der'geliebte Freund, völlig gelähmt,, der Sprache wie fast jeder Bewegung beraubt. Während ich, um meine Erschütterung nicht zu zeigen, zuerst ununterbrochen zu reden versuchte, törichtes, belangloses und dummes Zeug aneinanderreihte in dem hastigen Bemühen, ihn die innere Bewegung nicht merken zu lassen, lächelten seine Augen , in einer so überlegenen Art, daß nach kurzer ..Zeit die Unrast, sich legte und jede Befangenheit wich. Und dann begann er antworten. Die winzig kleine Bewegung, die ihm sein,- an' einem großen Holzgestell in einer Schlinge hängender Arm noch gestattete, — es handelt sieh um eine kleine Bewegung eines Gliedes des Daumens, — wurde durch einen sinnreich von ihm erdachten Apparat auf einen Stift übertragen, der auf einer Scheibe einzelne Buchstaben anzeigte. Und aus diesen Buchstaben formte in unermüdlicher, geduldiger Arbeit seine Frau die Worte, die sie auf einer Schreibmaschine zu Papier brachte und dann verlas.- Eine innigere und vollendetere Arbeit' war nicht denkbar. Aus wenigen Buchstaben erriet sie das Wort, das er meinte, und sah an einem kaum wahrnehmbaren Leuchten seiner Augen, oh sie richtig oder falsch geraten habe. Seine Antworten und Bemerkungen waren Wie immer überlegen, von einem abgeklärten Humor, hatten nichts von der alten Frische und Prägnanz der Formulierungen verloren. So ,wmde jeder dieser Besuche, die ich wiederholen durfte, zu einem unermeßlich reichen Geschenk für dem Gast.” > Ein anderer Freund drückte es so aus: „Die Krankheit veränderte ihn garnicht, vollendete ihn nür. Seine Lebendigkeit verringerte sich nicht, sie nahm -nur andere Formen an. Man konnte von ihm sägen;, was einmal jemand in den Worten aussprach'- „Nie habe ich einen gesünderen Menschen gesehen,“ Mehr als sieben Jahre "hat die ungeheure Feuerkraft diese's Geistes — neben einer Fülle höchster geistiger Leistungen — noch einen Körper genährt und erhalten, aus dem längst jede körperliche Kraft geschwunden war, gegen jede ärztliche Erfahrung, gegen alle Regeln der biologischen Wissenschaft. Aber freilich nicht gegen die Regel der Propheten, nach der nicht die materielle Machte nicht die körperliche Kraft, sondern der Geist das Schicksal des Menschen bestimmt.” Rösenzweig ist jedem Heiligenpathos ' abhold gewesen, weswegen er den Vergleich sicher entschieden von sich gewiesen hätte, aber was Jesaja 53 vom „leidenden Gottesknecht“ berichtet, wurde in seinem Leben eine Wirklichkeit. ' '■ II. -■ Der Weg des Baal Teschuwoh aus der Indifferenz des liberalen Assimilanten zum positiven Judentum war der Weg zur Wiedergewinnung und Wiederaneignüng des jüdischen Gesetzes für das persönliche Leben. Dieser Prozeß, die Einsichten, die in diesem geistigen Ringen /aufgingen, machen einen Großteil seiner exemplarischen Bedeutung . aus. Die im Jahr 1985 publizierte Sammlung seiner „Briefe“ gestattet uns einen Enblick, der für viele Menschen Richtung gebend gewesen ist und hoch ist. Rosenzweig hat wieder begonnen, koscher zu leben, den Sabbath einzuhalten, das. tägliche Gebet zu beachten; aber er hat das alles'schrittweise und individuell errungen, es darum auch abgelehnt, daraus .. für andere eine musterhafte Vorschrift zu machen. Orthodoxen wie Atheisen gegenüber, denen, die alles und nichts fordern, hat er das Etwas,-sein Etwas vertreten. In einem .Brief an Rudolf Hallo vom 27. 11. 1922 schreibt er; „Stell dir,doch einmal vor, ich täte, was du verlangst, ich > nähme das Gesetz in seiner von S. R. Hirsch für den emanzipierten WeStjüden gebrauchsfertig gemachten Form an, — was Würde das für d ich-bedeuten? Verzeih, daß .ich dir 'ins Herz hinein antworte, oder vielmehr aus deinem Herzen heraus: du wärest sehr zufrieden, einem vermeintlichen „Alles“ gegenüber für dich das. „Nichts“ als deineh Standpunkt reklamieren zu Können. So ■ machen' es heute viele. Und ich lehne diese Alles-oder-Nichts-Politik hier wie überall ab. Uns gehört.weder das All .'noch das Nichts, uns gehört das Etwas. Das Etwas ist uns gegeben, im- Etwas haben Wir uns einzurichten. Ich sage, nicht, daß dies, mein Etwas musterhaft für irgendeinen anderen ist.- Musterhaft aber ist, daß ich den Mut "habe (Mut sowohl gegen die Idealisten des Nichts wie gegen die des Alles), in meinem Etwas zu leben. Im einzelnen musterhaft kann das nicht sein. Ich fange ja nur an. Was daraus wird, weiß ich nicht, will es nicht wissen. Ich hoffe und weiß, daß ändere auch anfengen. Aus dem zusammen wird etwas .Musterhaftes Werden.. Ich, wir, alle, die nicht „Alles oder Nichts“ sagen, wir unternehmen heut von neuem/ was der jüdische Liberalismus vor hundert' Jahren unternommen’ hat und woran er gescheiter^, ist. Er ist gescheitert, weil er erst Grundsätze aufstellen und dann ' danach bandeln wollte. Die Grundsätze sind wie die, die sie verfochten, Offiziere ohne Soldaten, so Väter ohne Kinder geblieben. Wir fangen mit den Handlungen an. Mögen wir selbst oder andere einmal die Grundsätze dafür finden. Ich hoffe im Stillen, daß ich einmal eines ‘Tages in Jahrzehnten, die Grundsätze, die Gesetze, „das Gesetz“ weiß'und dann noch einmal den Mund aüftun und lehren kann. Aber ich oder andere gleichviel — und am besten: ich Und andere. > Dahinter verbirgt sich eine tiefe Einsicht über das Wesen des Gesetzes: Das Judentum ist nicht Gesetz. Es schafft Gesetz, Aber es ist es nicht. Es „ist“ Judeseih. Rosenzweig hat als Ort £er Bewährung des Gesetzes das Lp - b e n bezeichnet, aber die Rezeption des Gesetzes eine „Bewährung durch das Opfer des Lebens“ genannt und darum für sich und seinesgleichen abgelehnt, denn „dies sind die Gesetze, nach denen der Mensch leben soll“ .— „leben und nicht sterben“, — Im mündlichen Gespräch hat Rosenzweig einmal geantwortet, als er gefragt wurde, was man denn nun vom Gesetz halten könne upd solle: „Was' du kannst, sollst. du auch tun; was du nicht kannst, wird auch nicht von dir verlangt“. Diese Antwort legt anscheinend alles in die individuelle Verantwortung und GeWissehs-» Erforschung, daß der einzelne sich ganz subjektiv seinen Sektor aus dem Ganzen des Gesetzes herausschneide und diesen Sektor;nach besten Kräften zu erweitern trachte, Rosen-, zweig hat die/hier lauernde Gefahr des Subjektivismusdurchaus - gesehen, aber geglaubt, da „die Gefahr, mein Weg führt in die Ein- Ein trüber. Novembertag senkt Sich über die Stadt,. undurchdringlicher’ Nebjel verhüllt’ die 'Ruinen. Von Zeit zu Zeit lüftet eiü Windstoß die Schleier, die Trümmerhaufen sind noch Wirklichkeit. Wenige Fußgänger sind unterwegs, die Straßenbahnen mit Fahrgästen vollgestopft. Plakats äülen locken Neügierige, das Leben geht wiedfer seinen Gang. Behörden bringen Verordnungen, Theater, Konzerte,; geschäftliche Unternehmungen werben um die Gunst' des Publikums. Das ausgebombte Staatstheater hat seine Pforten im Konzerth‘aus geöffnet, Lessings „Nathan der Weise“ steht auf dem Spielplan. Wie werden die Deutschen, die die zwölf Jahre des tausendjährigen Reiches überlebt haben, diese stärke Belastungsprobe einer hochstrebenden Dichtung aushalten? Für die älteren Generationen bedeuteten die Klassikervorstellungen unserer großen Dichter, Lessing, Goethe und Schiller ein Erlebnis für ihr ganzes Leben. Die Ideen der menschlichen Würde und Freiheit, der gegenseitigen Achtung und Duldung waren die Grundlage ihrer Geistesbildung. Der .Vorhang teilt sich, das Publikum von. 1945 sitzt, erwartungsvoll, das Hohelied der Toleranz beginnt. - Das geistige Fluidum zwischen Darsteller und Zuschauer ist spärlich vorhander# Eine; undurchdrir\gbare . Scheidewand scheint aufgerichtet zu sein. Die gütigen Worte prallen an dem geheimen Widerstand der vethärteten Herzen ab. Zögernder . Beirall setzt nach den beiden ersten Akten ein. Der, dritte Akt bringt den Höhepunk des dramati-. sehen Gedichts, die Parabel von\ den 'drei Ringen. Das Publikum lauschtgebannt. Toleranz wird in höchster, feierlichster Form gepredigt, die Nerven, sind aufs Aeußerste gespannt. Wie ein Märchen aus dem Morgenland klingen die Worte des weisen Nathan. v Das Spiel geht weiter, ' die Handlung zieht sich in die Breite. Das Interesse läßt, sichtlich nach bis der Auftritt des-Patriarchen von Jerusalem mit dem Tempelherrn erneut zum Auf horchen zwingt., Menschenrechte und Menschemyürde leiten clas Zwiegespräch der beiden Vertreter der christlichen Religion ein- Der Patriarch, ein Heißsporn und hitziger Bekenner der allein seligmachenden Kirche widerspricht leidenschaftlich den humanisticheren Gedankengängen des Tempelherrn. „Tut nichts. Der Jude wird verbrannt“, das ist die letzte Weisheit,: womit der Patriarch jede Regung des Gewissens abweist. . / Für die meisten Zuhörer sind die Worte des unbelehrbaren Patriarchen eine wahre Erlösung ihres verstockten Gewiss,ens. Sie hatten diese Tonart zwölf Jahre tagtäglich gehört und zuletzj felsenfest daran geglaubt. Ihr Glauben hat schmählich Schiffbrach erlitten, aber ein Bekenntnis ihfer Schuld^ an die begangenen Schandtaten und die Größe des angerichteten Unheils .bringen sie nicht auf. Sie warten immer darauf, daß irgendein Sündenbock ihnen die Verantwortung abnimmt. Am liebsten möchten sie wieder das Schlagwort in die Welt hinausposaunen, die Juden sind an unserem Unglück schuld, v Es ist Ein eigentümliches Gefühl, als Jude in. einer öffentlichen Veranstaltung zü sitzgn, ohne befürchten zu müssen, von einem Pg. aus dem Saal verwiesen zu werden, uni kein öffentliches Aergernis zu erregen.; Wird das deutsche Volk den richtigen Weg zur Demokratie finden und den Gedanken der Toleranz als. Grundlage der Menschenrechte anerkennen? Die deutsche Demokratie liegt in schweifen GeburtsWehen, man weiß noch nicht, ob sie schwarz, weiß oder rot, oder gar bräunlich ausfällt. Für uns Juden gibts , nur gesundes Mißtrauen, Wir* bestehen auf unserem Recht und Wiedergutmachung aller Schäden. Das Satyrspiel' ist nicht ausgeblieben. Einige Monate nach dieser denkwürdigen „Vorstellung würde der. Darsteller des Nathan von einem amerikanischen.,Militärgericht wegen Fragebogenfälschung zu einem Jahr Gefängnis und 10 000 Mark Geldstrafe verurteilt, er war langjähriger .Anhänger der NSDAP. - Ob Deutschland einmal wach wird, ist Sache des deutschen Volkes, aber für uns Juden ist die instinktive Wachsamkeit das Gebot der Stunde, A. Steilberger. samkeit, dadurch keine Gefahr ist, weil sie durch die' natürliche Kraft' des Lernens zuA sammengehalten wird mit allen anderen Wegen, sozusagen in; einer gemeinsamen Landschaft.“ / ■ Worauf es Rosenzweig immer wieder ankam, war die lebendige Erfahrung, nicht die tote Uebernahme „von ' Wissensgut, Traditionsformen oder gar Nachahmung von anderen gelebten Lebens '—ein Lernen ä la Franz' Rosenzweig wäre also das schlimmste, Mißver-. ständnis —, Sondern die Realisierung der biblischen Gesetze aus innerer Notwendigkeit durch das eigene Leben. Das Gesetz, das in der Bibel aufgezeichnet steht für jedermann, soll - zum lebendigen Gebot in dieser Stunde just für mich werden. Und wer1 in rechter Seelenhaltung Thora lernt, dem kann diese Rückverwandlung von Gesetz in Gebot auch tatsächlich, widerfahren. Gottes Wille steht noch hinter dem Gesetz, und wo einer Gottes Willen tut, wird er auch das Gesetz erfüllen. Rosenzweig hat — darf man kurz formulieren, -die Priorität der Offenbarung vor dem Gesetz, die Priorität Gottes als Gebieters vor dem Gesetzgebergott, Wieder erfahren. „Erst der Mensch in seiner -Trägheit macht aus den Geboteri durch die Art, wie er sie hält, Gesetz — systematisiertes auch ohne Furcht und Zittern ausführbares, tubares“ — schreibt er ah Bub er. ■ / > - Mit dieser Haltuhg hat Rosenzweig eii\e Position eingenommen, die jenseits von Orthodoxie und Liberalismus steht. Obwohl, er seinen liberalen Ausgangspunkt nie verleugnet hat und je orthodoxer seine . Lebensführung Wurde, er umgo betonter sich zum jüdischen Liberalismus rechnete, so hat er doch auf Sei- Wichtig für unsere Leser! Wir bitten, bei Uebefweisuftgen die Namen deutlich in Druckpder Maschinenschrift zu schreiben ( und Verwendungszweck-anzugeben. Damit sichern Sie sich die prompte Erledigung Ihrer Aufträge. ten der aufgeschlosseneren Orthodoxie viel Wohlwollen gefunden, obwohl es wirkliches Verständnis nie geworden ist. Interessant und für seine dritte Haltung aufschlußreich ist die Diskussion mit Jacob Rose n h ei m über die Frage der Einheitlichkeit der Thora gegenüber den Angriffen der modernen Bibelkritik, wie sie sich ihm aus der Arbeit an der Bibelübersetzung ergeben hatte: „Unsere Differenz* Von der, Orthodoxie liegt darin, daß wir aus unserem Glauben an die Heiligkeit, also die Sonderstellung der Thora, und an ihren Offenbarungscharakter keine Schlüsse über ihren literarischen Entstehungsprozeß und über den 'philologischen Wert des auf uiis gekommenen Thxtes ziehen können. Wenn Wellhausen mit all seinen Theorien recht hätte und wenn die, Samaritaner wirklich den^ besseren Text hätten, würde das unseren Glhüi/ feen nicht im mindesten berühren. Das ist .ein 1 tiefer Gegensatz zwischen ‘uns und/Ihn.pfC vjRt. ein Gegensatz, der, wie mir scheint, zwar durqh gegenseitige. Achtung, aber nicht durch Verstehen überbrückt werden kann.-Ich halbe in letzter Zeit viel darüber nachgedacht. .Nur der Vorder-Grund, nicht der wahre, scheint mir darin zu liegen, daß unsere prin-; zipielle Bereitschaft zu philologischen Textänderungen durch eine ebenso prinzipielle philogogische Aengstlichkeit lind ein immerwaches Mißtrauen gegen das notwendig. Hypothetische aller ’Vyissenschaften neutralisiert wird. Der eigentliche, der Hinter-Grund liegt tiefer. Auch wir übersetzen die Thora als das. eine Buch. Auch uns ist sie das Werk eines Geistes. Wir wissen nicht, Wer es war; daß es Mose, war, können wir nicht 'glauben. Wir nennen ihn unter uns mit dem Siegel, mit dem die kritische : Wissenschaft. ihren angenommenen abschließendeh Redakteur bezeichnet: R. Aber wir ergänzen diesen Rnicht, zu Redakteuren, sondern zu Rabbenu. Denn wer er auch war und was ihm auch Vorgelegen haben mag, er ist unser Lehrer, seine Theologie unsere Lehre.“ Franz, Rosenzweig hat, wie nochmals betont werden soll, seinem, eigenen Weg nicht als den Heilsweg für die moderne Judenheit gesehen. Er wußte stets, daß auch ganz. andere Möglichkeiten und Wege gangbar sind, um selbst aus? der radikalsten Assimilation wieder an die alfe Lehre* und das alte Gesetz heränzukommen*. Er hät nur darauf gedrungen, daß überhaupt wieder gegangen, wird — zu jenem Ziel ältjüdischer Gottesbildung hin, das der französische Gerzedeck Aimde Palliare als das „unbekannte Heiligtum“ gesehen hat. In dem Brief an Rudolf H a 11 o, den wir schon einmal zitierten, heißt es daher: „Seit. Abschluß des'Talmuds gab es So etwas wie eine gemeinsame Straße, wohl mit Seitenwegen, Brücken, Stätten, aber doch im/ ganzen ein4 Straße. Die ist nicht mehr da, seit einhunxiertfühfzig Jahren. Denh ihre. Verlängerung, die freilich „noch da ist“, ist doch heute bestenfalls eine unter zahllosen Straßen, nicht mehr dip Straße. So sind wir heute auf die Einheit der Landstraße, angewiesen. Mag einmal wieder eine Hauptstraße durch sie führen. Ich glaube, es wird einmal wieder so kommen. Obwohl Sicher keine eine Straße wieder. Sondern etwa ein System von Straßen*. Doch das sind' heute nur Ahnungen. Heute ist noch nicht wieder Zeit zum System. „Aber unsere individuellen Straßen sind die - rechte . Vorarbeit dazu/* sfiiisseldorf, Königsallee 20 mser Fernsprecher 15212 . - ' STAATLICH GEPR. CKPTIKEÄ Filiale: MOERS, Steinstr.il V HERRENTUCHE ‘. WÄSCHE BEKLEIDUNG INHABER! KÖLNfSÜLZ SOLZBURGSTRASSE 39 ' TELEFON 609 25 GEBR.COHN&G) HOFBLUMENHAUS D üsseldorf, GrafoAdolfcStr. 9-—Ruf 22354 u. 22364

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