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Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone · 1947-05-14 · 3 (14.5.1947) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
Volume
2 (1947/48)
Issue
3 (14.5.1947)
Date
1947-05-14
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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Nr. 4 —-. 2. Jahrgang JÜDISCHES GEMEINDEBLATT FÜR DIE BRITISCHE ZONE 28. Mai 1947 Paul Trepmann Für einen Nicht judpn, von „drüben**, der die 3 Meter hohe, stumme, gut bewachte Ghettomauer sah,' war es "fast, sicher, daß „dort“ Grabsteine und .nicht Hauser stehen, daß die Bewohner der Häuser genau dieselben Leichen sind, wie auf jedem Friedhof, - und daß der Herrscher dieser Leichen-Qäse inmitten der lebendigen und geräuschvollen Millionenstadt;' Warschau nur der. Todesengel sei. Eiben schrecklichen Eindruck machte, auf alle das äußere Bild des Warschauer Ghettos und die Stille und Strenge" der deutschen Gendarmen und politischen Polizisten, die die verbrannte Luft eines abgerissenen .Lebens atmeten.. Und doch atmete unter dem Ziegelsteinpanzer, in dem die Nazihenker die dreiyiertelmillicn jüdische. Masse .klemmten, ein jüdisches' Herz, das die Schwachen mit Ausdauer und sogar mit Kraft beseelte und die Starken zu erhabenen. Taten, zur Hilfe für die Niedergeschlagenen und zum Kampf gegen die Judenvernichr ter. antrieb. Schwer*und bitter war das Leben im Ghetto. Es war kein Tag, wo. der .Hunger nicht , einen aus der Familie wegreißen sollte. Die Menschen wurden den Tieren ähnlich, weil ihre Gesichter in sich die Wildheit einer ausgehungerten Bestie . * . trugen und ihre mageren oder geschwollenen Körper Ernährungsnester für vielerlei Ungeziefer wurden.'In den traur rigen Ghettogassen zogen lumpenbekleidete gestrige Wohlhabende, deren: geschwollene Beine bluteten oder -eiterten. Eine tragische Melodie schwebte über dem Ghetto: „Schenkt ein Stück Brot, ich bitte . . .“, „Gebt wenigstens ein Stück verschimmeltes Brot“, „Ich kann nicht nach" Hause gehen, habt Mitleid und . tragt mich heim!“ Pinkert und seine Beerdigungsanstalt arbeiteten Tag und Nacht iänd von Zeit zu Zeit machte. die .jüdische Polizei Razzien, um junge Menschen zu finden, h die man dann in; verschiedene Arbeits-' bzw. Zwangslager verschickte. In der Winterzeit lag _ man wegen der Kälte ganze Tage lang in den Retten, und als die heißen Sommertage kamen, versteckte man sich voi* der: Sonne, die die von Hunger und Krankheiten erschöpften Körper’llöteh mehr schwächte. Wer von den am Leben gebliebenen Warschauer Juden \vird denn jenentragischen Tage vergessen, als man 24 mal täglich, sich den Tod wünschte unddöch leben wollte, um zu erzählen .... der Welt und um zu rächen;, wer wird denn die " große Armee der Frauen und Männer vergessen, die auf jedem Schritt ihr Leben opferten, um in einer Volksküche oder Hilfsstelle den Ohnmächtigen oder/ Sterbenden zu helfen? Wer kann die Warschauer Fuhrleute oder Lastträger vergessen,, die in de? Ghettozeit durch die Mauer 50' Brote, einen Eimer fylHch öder Fleisch schmuggelten, . üm den Hunger ihrer Familien oder Bekannten zu lindem — wer kann denn dies vergessen? ' ' ' Und gedenken wird man. bis ins letzte Geschlecht , dieser " leuchtenden , erfrischenden Quelle im Warschauer Ghetto, die damals alle jüdischen“ Menschen erfrischte und ermutigte, vom ärmsten Bettler bis zum, Heiter des Judenviertels. — Adam Gzerniakow. Wir , meinen -dabei die Sorge um* das jüdische Kind. und die Jugend, die der einzige Trost waren. Das Warschauer. Ghetto hatte ein weitverzweigtes Schulnetz, wo die Kinder nicht nur seelische, sondern auch leibliche Unterstützung bekamen. Die Prominenten des Ghettos besorgten die finanziellen Mittel für die Schulen,“ um den Kindern ^wenigstens Während des Unterrichts die . Möglichkeit zu geben, den. Hunger zu vergessen. An der Spitze jeder •Schule stand/eine' Kommission, die .Mehl oder Kartoffeln, Graupen oder Honig sammelte und von“ diesen kleinen Spenden -^zauberten' die Frauen Essen für'die ausgehungerten Kinder. Es gab verschiedene Schulen. Herbäische, jüdische,: polnische und religiöse Schulen arbeiteten laut Muster der Vorkriegsschuleri „Tarbut“, „Jabne“, „Zischo“ oder „Bef-Jakob” und die Eltern hätten die Möglichkeit, ihren Kindem eine Erziehung in ihrem Geist oder Tradition zu. geben. .Es' versteht' sich, daß die Schulen, im Warschauer Ghetto nicht die Namen ihrer Mutterorganisationen trugen — die durch die deutsche Verwaltung aufgelöst wurden — vielmehr .unterlagen sie der Schulabteilung der Verwaltung des Juden Viertels, unter Leitung von Orenstein. Tn dieser Abteilung an der Grzybowskistraße 26 konnte man alle jüdisch-pädagogischen Kräfte sehen, So z. B. den Leiter für Kulturerziehung Rosenblum, die bekannte Sportpädagogin Mirat Jakubowicz, den immer lächelnden „Vater der jüdischen Kinder“ Janusz Kor c - zak, * den von der Vorkriegszeit bekannten Professor der Warschauer Universität. Zentnerschwer. Hier war. ihr Treffpunkt, hier holten sie sieh einen halben Laib Brot von' der Zuteilung und besprachen, ihre Schulpläne oder Allgemeines der Pädagogik und Wissenschaft.1 Im Ghetto beständen nur Volksschulen mit sieb ep jährigem Lehrzensus. Die deutsche Verwaltung verbot, Gymnasien zu errichten, 'denn laut ihrer Berechnung sollten die Juden lediglich zu Schwerstarbeit herangezogen werden oder nur für die deutsche Kriegsmaschine notwendige ^Arbeiten verrichten; und schließlich wollten sie.' doch dieses „Lumpenvolk“ ‘ . ins •Krematorium sSchickeii und dazü ist Gymnasialbildung nicht notig. Aber gegen diesen Befehl der deutschen ^Kulturträger“ bestanden und wirkten im unterirdischen . jüdischen Warschau .hunderte Sogen. * „Gymnasienkömplette“, wo die ältere Jugend von den Lehrern der bekannten Vorkriegsschulen „Cbinuch“, „Askala“, „Tachkemoni“ oder „Leor“ den gehörigen Unterricht bekam. Ein „Komplett“ zählte 10 bis 15 Schüler, die abwechselnd, in ihren Privatwohnungen zusammentrafen und dort, im Versteck, Physik öder Literatur; st,u- Von August Retz Der jüdische Schriftsteller. Schalom Asch, 'dessen Romane vor 1933 auch in Deutschland viel gelesen, wurden, hat in Amerika einen „Brief an die Christen“ veröffentlicht. Das Schlußkapitel beginnt: „Vergebt mir, Christen, die. scharfen Worte, die meiner Feder entströmt sind wie Blut. Verzeiht, Christen, daß ich, ein Fremdling, bloß-ein Außenseiter, mir die Freiheit nehme., das Gewissen in Euch unruhig und wach zu machen. Was gibt mir den Mut und, ich'darf wohl auch sagen, das Recht, Euch gegenüber 'die 'Haltung eines Bruders einzunehmen, der zu seinesgleichen spricht? Die Achtung, die ich" Euerem Glauben entgegenbringe, die Liebe, Verehrung und Treue, die ich. dem Gründer Eurer Religion' gegenüber empfinde, mein tiefer, überzeugter Glaube an die ewigen, wahrhaft religiösen und sittlichen Werte des jüdisch-christlichen Ideals.- — Ohne- UebCrtreibung darf man feststellen, daß beinahe der gesamte verbliebene Rest Israels, .der-in den befreiten Ländern noch auf gefunden wurde —..wie klein immer die Zahl auch sein mag, — seine Bewahrung- Christen zu verdariken hat, - Christen, die , in Vollbringung dieser Tat ihr eigenes Leben in Gefahr gebracht haben. Durch die Großtat der Rettung eines Teils der Judenschaft, besonders jüdischer Kinder, haben sich alle Bekenntnisse des christlichen Glaubens, angefangen vom Papst bis zu den idealistischen Quäkern,, würdig erwiesen vor dem Gott Israels und seinem Meösias, : ebenso . aber auch-.vor der Weltgeschichte. Es hat Zeiten gegeben, in denen der Papst innerhalb der engen Grenzen des Vatikans über 5000 Angehörige des jüdischen. Volkes unterhielt, die sich vor der Vernichtung zu retten vermocht hatten. - — Ueber diese Zahl von 5000 Juden hinaus haben die italienischen Katholiken Tausende und Abertausende jüdischer Familien gerettet, die in Kirchen, Klöstern und privaten christlichen 'Heimen Hilfe und Unterstützung 'fanden . . . , In Frankreich haben die- Christen unter größtem Risiko fürsich mehr als 50 000 . jüdische Kinder vor dem Tode bewahrt.. . . — Das gleiche geschah in Holland und Belgien . . . " — Sogar in Polen-und änderen, mehr zurückgebliebenen Ländern erwachte das Gewissen einfacher Christen zu ihrer Pflicht . . . —: Die Schweiz hat Tausende ■ und Tausende von Flüchtlingen aufgenörnmen, die sie bis zum. heutigen Tage unterstützt . I . — Die schwedischen Organisationen des Röten Kreuzes und der Heilsarmee haben wahre Wunder vollbracht . . .. . — - Alle christlichen neutralen Länder — mit der einzigen- Ausnahme] des faschistischen Spanien — legten eine tiefe' Menschlichkeit', ein wahres Mit-Leiden, Verständnis für unsere Not an den Tag; die lebendige Erlöseridee war die' Voraussetzung ..hierfür.“ Soweit der jüdische Schriftsteller.. Schalom Asch. ' ' Und Deutschland? •; ' . Von 540 000 Juden,; die 1933 in Deutschland lebten, haben käum 20 000 .die Nazizeit überstanden. ^317 000'wahderten äus, 135 000 würden deportiert und vergast,- 63.00Q starben, viele davon durch Selbstmord. Und Deutschland 1946:. ' . Vom Münchener Arbeitsamt wurde in .den vergangenen 14 Monaten, dpr neuen demokratischen Aera von keiner einzigen deutschen Stelle auch nur einmal ein Jude oder ein. ehenialiger KZ-Häftling angenommen . , .; —. In Mainau' -(Franken) steht noch heute 'ctas Majmmal eines von der nationalsozialistischen Lügenpropaganda erfundenen „Ritualmordes“. Der Landrät und der Landeskirchenrat in München haben sich bisher, erfolgreich gegen die Entfernung. dieser* Beleidigung gewehrt. ' In .der- Berliner.' Zeitung ‘ ,-,Der Tagesspiegel“ schreibt Fritz Eschen über die Net der deutschen Juden: ,*Die Hilfe ‘ ist dringend, damit nicht das zur Wahrheit wird, ' was' man den Judenbereits wieder mehr öder minder offen zu verstehen gibt:„Schade, daß-sie nicht alle urngekoinmen'sind!“ „ . In der Münchener ,;Süddeutschen Zeitung“ berichtet einaus dem KZ. kommender Jude:;,,Ich kam durch eine kleine Ortschaft. Vor der Tür eines Hauses standen zwei Frauen, und die eine sagte, als sie mich e’rblickte: ,Sieh, schon wieder ein Jude! Die Zeitungen schrieben doch, man hätte alle Juden verbrannt, und das ist schon der dritte, der nach Hause zurückkehrt:.“ : ‘ . — „In Rahden in Westfalen wurde das Haus des jüdischen Geschäftsinhabers. Richard Frank mit'Hakenkreuzen bgmalt und sein Auto . in Brand gesteckt“., (ZeitungsmeldungN Dez. 1946). dierten., So bekämen Viele Jugendliche das damals wohlbekanpte „geheime “ Reifezeugnis“, das 'man vorhatte, nach dem Krieg gegen ein richtiges auszutauschen.: , /, f;; Genau so arbeitete die geheime Universität im Warschauer Ghetto, unten. Mitwirkung vieler bedeutender und berühmter Professoren, aus ' den verschiedensten polnischen Hochschulen, , die durch den Hitlerismus zum Judentum getrieben wurden, diesmal aber zum Ghetto-Judentum. Es bestand eine Fakultät für Medizin, Mathematik, Geschichte, Jura und alle hatten — trotzdem niemand seine genaue Adresse'wußte — einen Rektor, eine führende ,. Hand, die für das Wohl der studierenden Jugend sorgte. Rektor der unterirdischen Universität im Warschauer Ghetto war der Ghet- ' toälteste — Ing. Adam Tscherniakow. Da1 konnte.man in /den Ghettogässen neben den Hungrigen oder Kranken einen abgfemagerten Jugendlichen.. mit seinen Büchern unterm Arm vorbeilaufen, sehm,,. Und in der Nähe der Brotkaufenden standen oft an einer Straßen-Buchhandlung Gruppen junger Juden, die unter den alten .und beschädigten Büchern irgendein Geschichts- -oder Mathematikbuqh, „Tenach“ oder hebräisches Lehrbuch suchten. Und es war bewundernswert, wie in der Zeit des schwersten Hungers nach Brot' oder Kar- . toffeln, aber auch ein gewaltiger Hunger nach Wissen, nach dem Buch herrschte. ]’ .* Tausende .von- Juden * starben im Warschauer Ghetto, Unter ihnen befanden ' sich - viele Lehrer und. Erzieher, die'die grausame Zeit nicht durchmächen konnten. Es drontfe .die "Gefahr, daß die .Schulen .ohne Lehrkräfte bleiben könnten, denn es kamen keine .neuen Lehrer. Wegen Mangel an Lehrfern mußten feinige Schulen sogar schließen, manche haben’ ihre Tätigkeit überhaupt nicht beginnen können. . *. 7 In diesem, für die Schulen im Warschauer Ghetto, tragischen Augenblick, -erschien Dr. Edmund Stein, bekannter Forscher der jüdischen und hellenistischen Philosophie und Dozent des Judaistischen. Instituts der Warschauer Universität. Er legte , den Grundstein für das Gebäude* von dem'es mit jüdischer Weisheit- und -allgemeinem Wissen über das finstere Ghettoleben strahlte — fürs. „Pädagogium“ an der. Chlodnastraße 17. --Zehn Meter ■ von der Ghettomäuer, im Lokal einer Volksschule, versammelten sich die großen Persönlichkeiten der jüdischen Wissenschaft -und beschlossen, junge Juden als Erzieher der heranwächsenden : Ghettogeneratiön zu schulen. Und der Kaplan. dieses Tempels in der braunen Wüste war der moderne Rabbi Jochanan ben Sakai — Dr. Edmund Stein. Mit der' ihm eigenen Pünktlichkeit und Intelligenz, dife an Diplomatie' grenzte, durchbrach er alle Mauern der deutschen Okkupanten und . eines Teiles der . j-üd^g sehen „Versorger“ und Anfang-März 1942 begann die Arbeit des „Pädagogiums“. Es gab zwei Abteilungen: eine judaistische und ein,e; mathemätik- und; naturwissenschaftliche. 120. Schüler, Frauen unj Männer, mehr als 20 Lektoren,. der Stolz ■. des . vorkriegspölnischen Judentums. Und Dr. Stein sorgte dafür, daß die Studenten nicht hungrig’ blieben: er rief den „König der Ghettobäcker“ — Bleimannr in den Vorstand des „Pädagogiums“, der für die.: Schüler und Lehrer Brot lieferte. Dr. Steins Gattin beeinflußte einige wohlhabende' Frauen dahingehend, daß. sie die Abendessen für die Schüler und Lehrer zubereiteten.' Die Schüler' des „Pädagogiums“, wußten, , daß Frau Dr. Stein für' sie eine Mutter war, sie füllte'in der Verwaisung der Schüler das aus, was manchem die verstorbene Mutter, oder Vater immer zu gfeben pflegte. Im „Pädagogium“ fanden die Schüler ihr zweites Heim. . Von dem ersten, dem echten, rottete der Feind brutal alles das aüs,. was. im Laufe' von Jahrzehnten den Famiilenboden befruchtet hatte, und dessen natürliches jüdisches Fluidum den Vater- Mutter-Stamm zum Paradies der,].- jüdischen Herzlichkeit ’ und der. nationalen Schicksalsgegemeinschaft gemacht > Hatte. Und in dein'“ zweiten neuen Heim, im. „Pädagogium“, welches zwischen' den Ruinen des Warschauer Judentums entstand, fanden die jungen ,Wai- Dr. Arthur As.ch: Großbritannien und sein Weltreich - eine Buchbesprechung Der Chamier-Verlag in Essen hat das Büch] von James A. Williamson „Great Britain and the Empire“ in‘ deutscher Uebersetzung herausgebrächt. Es lohnt, dieses an politischer' 1 Klugheit so reiche Buch in einer/in Deutsch-- land erscheinenden jüdischen Zeitufig zu be-, sprechen.^ Sein Wert wird dadurch nicht beeinträchtigt, daß es die, Dinge von englischer Warte aus sieht, denn augenscheinlich ist das Bestreben, des Verfassers nach' Objektivität.,- “ Das. Büch' gibt einen vorzüglichen Ueberblick über die Grundlagen,, das Werden und die, Gestaltung des Britischen Weltreiches. Im Rahmen einer -Besprechung dieses mehr als 300 Seiten stärken Büches können nur einzelne Gedänkengänge hervorgehoben werden, welche für die Juden in Deutschland von Interesse sind. ‘ ’ -■ 1; Die Bevölkerung Großbritanniens setzt siqh aus verschiedferien Bestandteilen . zusammen, die alle mit . Ausnahme . der Urbevölkerung dufch'Invasion auf die Insel gekommen sind, aber’ zu einem einheitlichen Volke wurden. Die letzte große Invasion waren die Nordmänner oder Dänen im ’9, und 10. Jahrhundert- Die Invasion, der Normannen 1066 n. Ch. war zahlenmäßig ohne Bedeutung. Die - im ' 19. Jahrhundert einsetzeride Einwanderung von ■Juden aus Deutschland und Osteuropa stellt nach, Williamsorrs Meinung wohl den bedeutsamsten . neu hin'zugekommenen Bevölkerungsbestandteil seit dem 10. Jahrhundert dar. Das Beispiel Benjamin Disraeli's zeigt deutlich, daß -England wie alle Einwanderer, so auch die Juden zu Engländern , gemacht hat. Er war es, der für England die Aktienmehrheit des so überaus wichtigen Suezkanals erwarb ünd dadurch erst imperiale Politik er? möglichte. Mit seiner Abstammung hängt es. vielleicht 'zusammen, daß; er „ein natürliches Empfinden für soHalfe^ Mißstände‘ besaß und glaubte, daß der Staat die. Verantwortung für Aufgabe^ übernehmen sollte, mit denen, der private - Bürger erfahrungsgemäß nicht fertig wurde.“ (S. 221). - . - : 2. Das politische System Englands ist das Ergebnis einer, sehr längen Entwicklung. Es beruht auf der Teilnahme des Einzelnen am öffentlichen Leben. Interessant ist,' daß diese. Teilnahme historisch;damit beginnt, daß die Bevölkerung verpflichtet War, an . den Gerichtstagen teilzunehmen, also in der Lage' war, ihre Zustimmung oder Ablehnung gegenüber den Gerichtssprüchen zuerkennen zu geben. Da an: diesen Gerichtstagen auch Fragen der Besteuerung erörtert zu werden pfleg- Ien, ist hieraus im Laufe der Jahrhunderte der Rechtssatz entständen, daß kein englischer Bürger Steuern zu-zahlen braucht, an deren Festsetzung er nicht durch seine Vertreter mitgewirkt, hat. E)as . .Steuerbewilligungsrecht des englischen ■ Parlaments ist so bedeutsam, daß es nicht einmal in Kriegszeiten'beschränkt wird — ' ein Ermächtigungsgesetz wie in Deutschlknd, das der Regierung ermöglichte, 'unbeschränkt sich der Notenpresse zu bedienen, hat es in England, nicht-gegeben. 3. .Die in England selbstverständliche Gewissensfreiheit war die .Folge der vom vielgeschmähten König . Heinrich VIII. eingeführten Reformation, die in der Hauptsache die Trennung Englands von der durchaus nicht nur religiösen Rechtsgewalt des Papstes bedeutete. (S. 40). Aus ihr entwickelte sich nach und nach eine wohltuende politische: Toleranz. Schon Heinrich VII. wußte. gewalttätige Parteiführer zu Zähmen: Hinrichtungen waren selten, dafür um so häufiger gepfefferte Geldstrafen, die die Schuldigen lebendig, aber ge- > .demütigt zurückließen. (S; 39). Besondere Förderung] erfuhr die Toleranz. ’gegen politische Gegner unter dem großen' Minister Walpole, der wußte, daß man seinen Opponenten in;die Arme des außenpolitischen Feindes treibt, wenn-man ihm jede Hoffnung im eigenen Lande nimmt./(S. 71). Die Politik wurde Zu einem fast spörtlichenx Wettstreit, in dem die führenden Männer zwischen Regierung un$ Opposition wechselten. Das hatte Zur Fölgp, daß, die Macht und . das legale Recht einer auf demokratischem ‘Wege gewählten Mehrheit, die Minderheit Willkürlich zu beherrschen, in England nicht praktisch wurde. (S. 252). Die Krankheiten der Demokratie, Intoleranz und Korruption,1 wurden -weitgehend vermieden. 4., England hatte Jahrhunderte, unter römischfer Herrschaftgestanden, aber nicht darunter gelitten. Denn das Wesen des römischen Imperiums böscaiid in der Hauptsache in einer geistigen Expansion von Ideen und Erfahrungen und nicht in einer völkischen Ueberflutung. Nur wenige Beamte kamen aus feom. Nach ähnlicher! Grundsätzen scheint sich auch die Verwaltung. des Britischen Imperiums zu. vollziehen. Der. Erfolg zeigt sich an einem Beispiel aus jüngster Zeit. Die im Kriege von 1899 bis 1902einverleibteii. Burpnrepubliken waren schon 1914 so weitgehend'Bestandteil des Imperiums geworden, daß sie im ersten Weltkrieg mehr leisteten, als England von ihnen erwartete. Ein gleiches Ergebnis hatte 'die deutsche' Politik in der Behandlung der früher polnischen Landesteile- und Elsaß- Lothringens nicht zustande. bringen können. 5. Im letzten Kapitel des Buches wird die große Wandlung der Welt seit Beginn dieses Jahrhunderts ^erörtert. Ein etwa 1880/Geborener wuchs in einer Atmosphäre der Freiheit und Wohlhabenheit auf, -als die Lebenskosten gering, - die Menschen^ voll Hoffnung und die Kriege klein und. entfernt waren. Dieses Jahrhundert der Hoffnung endete im August 1914. Der Friede von 1918 kam zu einer , zerschlagenen Welt: „Zwanzig Jahre schleppte pich die Zivilisation noch weiter, Stimmen behaupteten,: daß sich alles noch zum Besten wenden würde, — aber die Tatsachen straften, sie Lügen, bis die gleiche verbrecherische Hand den zweiten Schlag gegen sie führte. Dieser Schlag hat moralisch wie materiell noch viel größeren Schaden angerichtet Hier Hegt ein Aufgabengebiet, für-das Britische Commonwealth und aller anderen, die . relativ besser in diesem Krieg gestellt waren. Die westliche Zivilisation muß gerettet werden — oder die Menschheit ^ai sinkt in einer Nacht ohne Ende.“ (S. 322 f.) Nach Williamson's Meinüng kann das. Ziel nur durch das Beispiel vollendet werden, durqh harte Arbeit, durch Selbstlosigkeit, durch Glauben, Mäßigung und Geduld. Ob das Ziel erreicht wird, muß von der Jugend bea.r.wirtet,werden. : ' ' ’ Im Rahmen einer Besprechung t kann der Inhalt des geistvollen Buches rient'erschöpft werden.... Es ist. eines eindringenden Studiums wert.. Auch wenn und soweit der Leser die Meinung des Verfassers nicht billigt; wird er zu fruchtbringendem Nachdenken angeregt.

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