Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 2 (1947/48)
- Issue
- 3 (14.5.1947)
- Date
- 1947-05-14
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 4 — 2. Jahrgang JÜDISCHES GEMEINDEBLATT FOK DIE BRITISCHE ZONE 28. Mal. 1947 Brun<i Zolty:, Alle jüdischen Feiertage, ihr tieferer Sinn und Bedeutung haben ihren Ursprung im Jom- Tow Schawuoth, als „Seman Matan Thoratejnu1^ (die Uebergabe der Thora an die Juden). * ' -; Dem jüdischen Volke genügte es nach „Je-, ziath-Mizraim“, nach seiner Befreiung vom sklavischen Joch Aegyptens, .nicht durch „Männa“/ die Hungersnot zu lindern. ES galt nicht nur, den materiellen Bedürfnissen zu entsprechen. Das jüdische Volk in der Wüste war auf dem Wege zu endgültiger nationaler Befreiung und traf Vorbereitungen für die Besetzung eines eigenen Landes. Zur Verwirklichung dieses großen Zieles brauchte es eine Ideologie, sowohl als Stoß-, kraft für die Eroberung des zugesagten Landes, als' auch pine geistige Grundlage für sein nationales Bestehen. „Matan Thora“ gilt also als Voraussetzung für sein Dasein. Mit ■ „Matän Thora“ vollzog sich die Bejahung der jüdischen Völksexistenz. Im Talmud wird „Kabalath Hathora“ (die Annahme der Thora durch die Juden) als ein Dillemma, vor welches die Juden am Berge Sinai gestellt.worden' sind,- dargestellt. Wörtlich heißt es,. daß' der Herrgott den Berg Sinai die Form eines Fasses annehmen ließ, das sich,, falls die Juden, die . Thora ablehnen sollten, für. diese in ein Massengrab verwandeln sollte. /, Wir sehen also, daß', während die > anderen. Völker die Gesetze der Thora nicht annehmen' und ihren Barbarismus nicht aufgeben wollten, das physische Dasein der Juden davon abhängig gemacht wurde. Es war sein „Sine qua non“. Aber nicht nür seine Daseinsberechtigung erhielt das jüdische Volk auf dem Berge Sinai. Es übernahm auch gleichzeitig eine Sendung-für die Welt, eine Mission nicht für Welteroberung und Imperialismus, ■ sondern für wirklichen Weltfrieden. Einen Frieden, der gewonnen werden soll nicht durch Machtinteressen und Unterdrückung kleiner Nationen,' sondern durch Gerechtigkeit und Toleranz im Sinne ' unserer Propheten. „Der Säugling soll beirrt Nest der Schlange spielen können“, — wie es. in der Uebertragung Jesaiah's heißt — und „der Wolf soll neben dem Schaf wohnen ohne sich gegenseitig zu stören und Leid .zuzufügen.“ Ein Frieden durch Sozialismus, wo „die Erde voller Vernunft sein wird, gleich dem Meere, das mit Wasser bis oben , bedeckt ist.“ Die jüdische Geschichte hat von jeher' ihre- Propheten, ihre geistigen Erzieher und Mahner zur Vervollkommnung und Perfektion über ihre Könige und Kriegshelden gestellt. ■ Moses ist nicht als Kämpfer und politischer Führer, sondern * hauptsächlich als Ueberbringer der „Thorath-Mosche“, als Wortführer des jüdischen Volkes heilig geworden. Nicht Saul und Ahab, sondern Samuel und Elias sind der Stolz der jüdischen Geschichte, penn die Propheten waren es, die sich neben dem Kampf - für die nationale Existenz, durch den Monotheisnius für eine gerechte Weltordnung, für Kosmopolitik ,und Pazifismus einsetzten, Sie waren es, die nationales Bestehen . vom Nationalismus zu trennen wußten. Sie mahnten zur inneren Ergänzung, warnten aber1 gleichzeitig vor den entsetzlichen Folgen des chauvinistischen Nationalismus. „Matan- Thora“ trägt somit den Doppelcharakter einer .nationalen sowie einer . internationalen' Sendung, die treu nebeneinander erfüllt werden sollten. Leider war das Gegenteildie Wirkung. Der Berg Sinai ist zum Berg der „Sina“ — des Judenhasses geworden, („Sina.“ bedeutet,, in Hebräisch mit anderen Worten '— Haß), , wie es trefflich im Talmud gesagt .wird. Die Welt fing mit der Zerstörung des Tempels und mit der Vertreibung der Juden aus Palästina an, GEDANKEN ZUM SCHAWUOTH, . " Existenz, ging aber im Mittelalter zur religiösen Unterdrückung über. Dann sollten wir in den ^Zeiten der Emanzipation für die individuelle Freiheit unser' nationales Bekenntnis preisgeben. Bekannt ist die Erklärung des Abgeordneten Clermont Tonierre auf einer Sitzung im französischen Kabinett-im Jahre 1789: „Für die. Juden als Menschen alles, für die Juden als Juden nichts.“ Und zum Schluß kam der Nationalismus in all seinen abscheulichen Formen zum Vorschein. Der Plan , zur Ausrottung auch unserer individuellen Existenz. Es kam der Haß als die Mutter des (jetzigen) Elends. Und deshalb zog sich däs Judentum infolge des Mißbrauches seiner Sendung, im folge der Missiriterpretation seiner .Lehren in seine innere Entwicklung zurück. Bei der zweiten- Zerstörung des Tempels und der Belagerung Jerusalems durch die Römer bat der Rabbi Johanan'ben Sakai bei dem König Wespasian nur: „Ten. li Jabneh wechaehameha“ -r- „Gib mir Jabneh und seine. Gelehrten“. Der damalige große jüdische Wortführer sah die Aussichtslosigkeit eines Weiteren Kampfes und beschränkte sich daher nur auf die'Rettung der Stadt Jabneh, des größten Geistesreservoirs und seiner Gelehrten. Denn er wußte, daß mit der Fortsetzung des Thora-Geistes auch in« der Diaspora däs nationale Bestehen des jüdischen Volkes gesichert ist. Wir sehen auch, wie sich die Juden in den schweren Zeiten des Mittelalters Während der Inquisition eifrig der Interpretation der Thora und ihrer Entwicklung widmete. Sie gab ihnen Widerstandskraft und den nötigen Mut zum Durchhalten. . . So fänden sie die Bereitwilligkeit zum Schafott zu gehen, und sich für „Kidusch Haschern“ zu opfern. Nach den Legenden des Talmud verlangten die Engel die -Thora von der Vorsehung. Dr. Herbert Lewim Da lautete die Antwort: „Seid ihr denn in Aegypten gewesen? Ward ihr denn von Pharao unterjocht?“ Die Thora steht, also; in direktem Zusammenhang mjt Leiden und Verfolgungen. ' Denn ein Volk, welches gelitten und Entbehrungen ertragen hat, ist auch. zu moralischen Leistungen und zur Ausführung der Thora-Ethik fähig. * ' Auch heute,, in der Zeit des grüßen Ringens um den Weltfrieden, in der Zeit, da dieser durch Oelinteressen und Machtbestrebungen entstehen soll, während andererseits: unser Volksdasein in. che Waagschale geworfen wird, betrachten wir nie Möglichkeit eines wahren und gerechten Weltfriedens als abhängig von der Lösung unserer Frage: In der Uebertragüng des Taimud wurde die Weltkültur, bevor die Juden, die Thora angenömrhen hatten, ebenfalls vor die' Alternative gestellt: „Nehmen die Juden die'Thora an, bleibt ihr bestehen, sonst geht ihr auch mit zugrunde“. Unser nationales Dasein, das seine Bejahung in der Thora fand, und' das besonders nach den bitteren Erfahrungen der letzten Vergangenheit durch den Besitz eines' eigenen Landes bedingt ist, ist also die Voraussetzung für einen wirklichen Frieden. Auch heute geht es in der Hauptsache nicht um unsere materielle, sondern um unsere nationale Rehabilitierung.* Unser Problem ist -deshalb als Prüfstein1 der Weltmoral anzusehen, und,die Anerkennung unserer Rechte als der Garant eines gerechten Weltfriedens. - Der Frieden, das Ende der .Zerstörungsgewalt der Atombombe, aber ihre Verwendung für friedliche Zwecke, der Frieden, wie er von den Völkern angestrebt und von Jesaiah verkündet wurde, der Frieden, wo „das Schwert zum Pflug und der Dolch zum Musikinstrument“ umgebaut werden soll, kann nur dann dauerhafte Wirklichkeit werden, wenn auch unserer Mindest- Existenzforderung Rechnung getragen wird,, wenn1 auch - unsere Rechte berücksichtigt werden und uns der Platz eingeräumt wird, wo wir selbständig zum Weltfortschritt beitragen können, nämlich in unserem alt-neuen Land, in Erez-Israel. , . zurück... Rundfunkansprache, gehalten am 1. Mai 1947 im Nordwestdeutschen Rundfunk, Köln Der. 1. Mai ist der Weltfeiertag der Arbeiter. Er ist der Feiertag aller Schaffenden, die sich in sämtlichen Ländern der Erde ohne Unterschied von Religion, Nation oder -Rasse zusammenfinden, in der ( Sehnsucht nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, jenen Menschheitsidealen, die seit der, großen französischen Revolution ihrer Verwirklichung langsam etwas näherkommen. Es gibt Pessimisten, die glauben, . daß sich die; Menschheit * von diesen Idealen immer mehr und mehr entferne, Das ist entschieden falsch gesehen. Dem Hinweis, dieser Pessimisten auf die in Iden letzten Jahrhunderten angeführten Kriege, die an Grausamkeit und Häufigkeit Zunahmen, und die den Glauben , an die Mensehheitsideale zu vernichten drohten, kann insofern begegnet werden, als man klar herausstellen muß, daß Kriege überhaupt nur im Interesse einer bestimmten Schicht geführt .werden unter Ausnützung der Ideale begeisterungsfähiger Menschen, insbesondere dar Jugend. Im übrigen ist, ja die Welt, in der wir leben, noch garnichtf. so alt, als daß sie schon über die Pubertät, über die, sogenannten Flegeljahre, hinausgekommen sein könnte. Die Tatsache, daß sich die Schaffenden auf der ganzen Welt zum 2. Male nach dem letzten Kriege zu einem gemeinsamen Feiertag zusammenfinden, spricht dafür, daß wenigstens dieser Teil der Menschheit nicht nachgibt in dem Streben nach Solidarität und damit nach Frieden. Wer von seiner Hände Arbeit lebt, wer sich bemüht, in aller Ehrlichkeit durghs also jnit der Vernichtung unserer materiellen Leben zu kommen, wer aber auf der anderen pnMBateftyi.wAia'-raaTBMymttTOd --»»»“aag Alice Stein-Landes mann? .4 Seite sieht, wie Korruption und Schwarzhandel unter Mißachtung . wirklicher Arbeit das öffentliche Leben zu beherrschen versuchen, der wird bald geneigt sein, den Kampf gegen diese dunklen Elemente aufzugeben, wenn ihm nicht eine Hoffnung bliebe, nämlich die, daß .sich endlich einmal ein Wall bildet gegen das Verbrechertum an der Menschheit, auf welcher-Seite dieses auch in Erscheinung'treten mag. Der alte jüdische Staat war Theokratie und Demokratie zugleich, also' Gottesstaat und Volksstaat. Seine soziale Gesetzgebung war für die damalige Zeit vorbildlich, und. könnte auch heute noch den Staatsmännern der Welt, die sich um das Funktionieren einer UNO bemühen, in mancher .Beziehung als Vorbild dienen. . Das über dreitausend Jahre alte mosaische Regierungsprogramm umfaßt alle ethischen und sozialen Forderungen, die es überhaupt nur geben kann. .Diese Grundsätze, die Relegionsdogmen. sind, haben entschieden einen bleibenden wert:. . . Trotzdem erstanden auch damals schon . schroffe Gegensätze zwischen Reich und .Arm, weil sich einige wenige durch falschen Ehrgeiz, Geldgier und Machthunger getrieben, über' die Gesetze hinwegsetzten, und auf unfaire Art zu Reichtum gekommen, einen Egoismus an den Tag legten, der die Durchführung der ., jüdischen Sozialgesetze' lähmte. Aber da traten jene mutigen, klugen.und unabhängigen Volksmänner . auf, die wir als Propheten kennen, und ' nahmen die Interessen und Rechte der ärmeren- Bevölkerung wahr. Mit zündenden Reden brand- Ein Tor ging auf; Frei war der Weg in‘s Leben das glaubten-wir — zwei Jahre ist es her, Als wir verkrampft vor Angst mit leisem Beben zum Wachtturm: rannten, und — der Turm ■ War. leer. Ich hört4 mich selber leise „Freiheit“ sagen Das klang so fremd. Ich konnte mich night. - ■ freu4n, War es,kein Fiebertraum? Durfte iebs wagen Nun nicht mehr Nummer, sondern Mensch zu Sein? Zwei Jahre sind seit diesem Tag’ vergangen, Ein Augenblick — und eine Ewigkeit. Zwei Jahre bin ich äußerlich nicht mehr gefangen und — bin trotzdem auch heut4 noch nicht : ' befreit. Ein Schatten,, schwarz Und nie zu übersehen Verdunkelt mir noch immer jedes Glück, Bleibt stets mir nah — ich kann ihm nicht entgehen.- Und wenn ich vorwärts will — er hält zurück. So länge ich noch Trümmer sehen werde, So lange Kinder noch vor Hunger schrei'n, So lange'liegt der Schatten, auf der Erde, Und ich werd4 frei und doch noch Häftling ■. / sein. E. R. Nadel, l. Mai 1947. ■ markten sie, gleichsam als Wortführer des altjüdischen Sozialismus, unbarmherzig die Fehler und Verstöße der Könige und der dahebenstehenden korrumpierten führenden Kreise. In geistreicher Weise vergleicht der französische Gelehrte Renan, der Verfasser des Buches „Das Leben Jesu“, die Propheten mit modernen Journalisten.. Er bemerkt: „Man könnte Sägen, der erste Artikel unversöhnlicher Journalistik; sei 8 00 Jahre vor Christi Geburt geschrieben worden und habe Arnos zum Verfasser, einen jener Propheten, die nach Gerechtigkeit . dürstend in dem ununterbrochenen Ruf nach Besserung das Recht der Besitzlosen proklamierten und einen großen Gerichtstag prophezeiten, der die Revanche. der Schwachen Und die Beschämung der . Starken mit sich bringen würde. Das jüdische' Volk hat nach Ansicht der Propheten eine* heilige Mission zu erfüllen. In Palästina gibt es eine Arbeiter-Partei, Poale Zion. Sie ist die größte aller dort -bestehenden Parteien. Ihr bedeutet der 1. Mai \ ebenfalls ein Weltfeiertag, weil sie sich als Teil des schaffenden Volkes 'iri der ganzen. Welt fühlt.. Gerade die jüdische Arbeiterschaft hat-in den letzten Jahrzehnten 'besonders stark unter -der Ausbeutung, Unterdrückung und Verfolgung gelitten, welche, sich im dritten Reich bis-zur physischen Vernichtung und Ausrottung in Europa steigerten. Dienen doch Nationalismus und Rassenhaß immer dazu, die Arbeiterschaft. in der-ganzen Welt gegeneinander aufzuhetzen, um die internationale Solidarität zur verhindern. In einem neuen jüdischen Staate wird den jüdischen Arbeitern Gelegenheit geboten werden, die von ihren Urvätern erstrebte soziale Gerechtigkeit zü verwirklichen. Denn mit der Erfüllung .einer Mission muß man bei sich selbst und kann man nür im eigenen Lande beginnen, uni sie. dann auf interkonfessionellen und internationalen Boden der Vollendung entgegen zu führen. Die Welt hat in den 12 Jahren der Tyrannei,, also eben erst, an Herdenmut genug ge'J sehen. Wird sie bald die Möglichkeit haben, Männer* an'persönlichem Mut den Propheten gleich, zu Gesicht zu bekommen, die .den Willen und die moralische Kraft haben, sich für . alle Bedrängten und wirtschaftlich Schwachen einzusetzen, dadurch eine Vervollkommnung des Menschengeschlechtes herbeizuführen und dafür zu sorgen, daß die Gedanken an neue Konflikte aus den 'Köpfen der Hasardeure verschwinden? v; (Fortsetzung und Schluß) An einem trüben Oktobertage hatte, ich mir von hilfreichen. Freunden, wie 'jede Woche, etwas Brot urld Kartoffeln abgeholt, und freute mich, für die Kinder -etwas Wurst bekommen zu haben. Carlotta stand, ohne mich zu beachten, vor dem. Taubenkäfig und starrte mit verbissener Wut auf die Tierchen, hin. Ich wagte nicht, sie anzureden lind ging in die Küche, um die Tasche auszuleeren. Gleich darauf trat Carlotta ein — sie schien außer'sich, und. zum ersten Male sah ich sie unbeherrscht: -„Da läßt er mir doch wahrhaftig sagen, er wünscht heute Abend gebratene. Tauben!“ - Ich wußte keine Antwort. Mir war ohnehin die Beziehung der energischen Frau zu diesem Zülow sehr unklar. Weit über eine Woche hatte ich ihn nicht zu sehen bekommen; — Carlotta schien mir in dieser Zeit , etwas, beunruhigt. Jetzt versuchte ich, in dem zornigdn Gesicht zu lesen. „Meine Täuberiche? Stören die vielleicht? Aber nein — ich soll eben garnlchts mehr haben! Nischt von früher — — denkste!“ Mit funkelnden Augen starrte sie mich aip — In diesem Augenblick glaubte ich sie in der Manege zu sehen, wie sie einen Akrobateri mit erhobenen Armen „stemmte“ — — Der Ausdruck brutalster Wut veränderte ihr Gesicht, auf erschreckende Art. Aber ebenso plötzlich riß sie sich zusammen und berichtete in gemäßigtem Töne, daß Zülow heute „heimkam44'.;-- Er hatte verlangt, daß ein Festabend stattfand, — er würde noch einen Bekannten mitbringen — und es wären ja grade drei Tauben da! „Sonst is Ihnen der Mensch wie ‘ne Mimose — und denn soll - ich hier den Schlächtermeister machen?“ Sie sah zum Fenster hinaus und schien etwas sehr Dringliches zu überlegn: „Is schon ganz schummrig,. nich? Haben Sie mal drauf geachtet? Hier auf dem Platz an der Kirche, da trippeln doch immer.4ne ganze Menge! Früher,, da habe ich ihnen jeden Tag Futter gestreut — wollen mal sehen, ob ich heute Glück habe? — — Machen Sie Pfefferminztee, für die Kinder?“ Als sie .zurückkam — ein dunkles Tuch um-. geschlagen. '—, war ihr Gesicht gerötet. Sie lachte boshaft: „Kleinen Tausch gemacht!“ Sie holte drei Tauben hervor Und setzte sie! behutsam auf das Fensterbrett. Sie waren braunweiß und flatterten unruhig hin und her. Die Kinder machten große Augen. „Gefallen sie Euch? Es sind aber Brat tauben! Nischt von Dressur — ne! Eine is vor Euch zwei! Ich ess4 da keine von und Frau Taube' ooch nich!4-4 Sie suchte meinen Blick: „Vielleicht sehr dämlich — aber 'er soll seinen Willen haben!“ Darauf schickte sie uns aus /der Küche. Nach wenigen Minuten kam sie atemlos »an die Türe: „Ich kann nich! Wenn's ooch nich meine sind — ich kann nich!44 Sie besah stumm ihre Finger — dann ballte sie plötzlich die Hände: „Is ja Unsinn! Wenn das das Aergste wär4!“ Sie lief in die Küche zurück — wir hörten sie sehr laut singen'.—■ eswar ein eindeutiger ordinärer’ Schlager — --i Ich konnte den Ausdruck von Carlotta s Augen nicht vergessen. Bald drang der Duft von bratendem Geflügel, iri den Flur. Ich erzählte den- Kindern, wie jeden Tag; ein Märdien. Ich hatte schön Furcht vor der Frage, die allabendlich an mich gerichtet wurde: „Wann können wir zu den Eltern?“ Nur die K.einete, Irene, stellte diese flehende Frage: es schien, daß Beate eine Ahnung von der Tragödie ihres Lebens hatte — sie war sehr tapfer und fühlte sich für die Schwester verantwortlich. Später, genossen beide aufgeregt und entzückt den. lange ungewohnten Leckerbissen — aber erst, nachdem ich ihnen versichert hatte, daß es keines der geliebten Silber grauen Tierchen wäre. Carlottas Tauben wohnten jetzt auf dem Kirchplatz und schliefen gewiß längst •unter der schützenden Dachrinne. Ich lag.lange wach: in meinen Gedanken verwoben' sich die geflüchteten. Kinder mit den ausgesetzten Tauben. -- Von nebenan hörte „man schlürfende Schritte: es schien, daß drinnen getanzt wurde — die Grammophon-Musik kreischte laut. Dann setzten gröhlende Männerstimmen ein. . Am nächsten -Morgen, gegen 6 Uhr, weckte'mich das Geräusch eines . überstürzten Aufbrüchs. Flüstern, eilige Schritte, Fluchen. — Die .Jahre ständiger' Alarmbereitschaft (nicht nur durch. Bomben) hatten mich hellhörig germacht. Ich wußte, daß irgend ein Unheil geschehen war — etwas, das uns alle betraf! Ich zog mich hastig an und weckte, schweren Herzens, die Kinder., Sie kleideten sich schweigsam an und stellten keine fragen — sie waren es gewohnt, plötzlich wie eine Ware hin- und hergeschoben zu werden; Nur ihre Augen verrieten^ ihre, innere Angst! Wir waren knapp fertig, als Carlotta eintrat. Erstaunt sah sie uns an: „Woher wißt Ihr?“ . . Ich zuckte die Achseln— ich. konnte es wirklich nicht .erklären. „Ja. Ihrmüßt fort!“ sagte sie und gab jedem der Kinder ein halbes Brot. „Mit. Zülow4n — det klappt nich! Irgend ein Schwein hat ihn verpfiffen! Kann sein, det. wir nu Haussuchung kriegen! Kann Euch nich behalten.- Wußte ja, det bringt uns Unglück mit die Tauben! Det vergess4 ich ihm nich!44 Und während sie mir half, die Tasche za schließen, murmelte sie: „Wie sie die Knöchelchens zer« bissen haben — --44 „Deine Tauben wohnen unterm Dach — — sagte Irene tröstend, und Beate fügte hinzu: „Kannst* Du sie picht heute wieder-holen? Die Tauben wollen jdoch auch lieber zu Hause sein-' ' Carlotta und ich wechselten einen Blick — — Wir gingen hinaus. Im Flur blieben wir stehen — wir fürchteten uns alle drei entsetzlich vor der nächsten Zukunft. Was erwartete uns?. " „Jetzt ' gehen Sie zu meinem Brüder Albert Wanofky! Der is richtig! Können offen mit dem reden! Brunnenstraße' 160 a. — . Kellerwohnung vorne raus. — Oben hat er seine Stehbierhalle — aber Ihr geht in den Keller! Klopfen Sie viermal — denn macht er auf! Der muß Euch aüfnehmen — mac^ter ooch! Schimpfen Sie auf Zülow4n! Denn kriegt er gleich gute Laune ——44 Sie lächelte. Aber dann verwandelte sich der Ausdruck ihres Gesichtes: „Wartet — ich bringe Euch lieber hin — —Sie holte ihr Tuch, und wir gingen langsam zur Treppe. Plötzlich ertönte die helle, kindliche Stimme von Irene:'„Ist das wahr. Tante Va’nini, daß der Herr" Zülow Taschendieb ist?“ „Geht allein!“ rief Carlotta und kehrte um. Schmetternd fiel die Türe hinter ihr zu. Irene brach in Tränen aus. Beate wischte ihr' die Tränen ab: „Weine nicht! Es schadet nichts.“' Und'mit einem flehenden Blick auf mich, setzte sie hinzu:. „Wir gehen mit der Märchentante, nicht wahr?“ Ich nahm die beiden an die Hand-vertrauend legten sich die kleinen Finger ,in die meinen. Wir gingen. Ein kühler Morgen,; voller Nebel. Niemand sprach. Eine neue Station’ unseres Passionsweges lag vor uns. 8234072819708667356838431481307060465686343153849