Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
- Volume
- 2 (1947/48)
- Issue
- 2 (30.4.1947)
- Date
- 1947-04-30
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/9498581-9498587-9504316--343-9498388- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 2. — 2. Jahrgang JÜDISCHES GEM E IN DE BLATT, FÜR DIE BRITISCHE ZONE 30: April 1947 (Eigenbericht),. Die jüdischen Feiertage sind, das wissen die' meisten Menschen, fast immer von einem1 be.- sonders guten- Wetter begleitet. Der Sonnenschein, den wir schon in den frühen Morgenstunden des 15. April in Belsen erleben konn-' ,ten, und der den ganzen Tag anhielt, gab d e m: Feiertag, . der an. diesem Tag .stattfarid, ein ganz besonderes Gepräge. " Zur Feier der Befreiung eines der Konzentrationslager, dessen Schrecknisse in der ganzen Welt bekannt waren, waren in.erster Linie ) die - Ueberlebenden dieses Lagers, die Augenzeugen der, Verhrechen, die Menschen, die einen Kramer und eine. Grese. in nächster Nähe erlebt , haben, erschienen. Die 'Militär-Regierung war vertreten durch Brigadier Marshai, -?von der - UNRRA war.. General Fanshowe und sein Vertreter,1 CoL Dawsön erschienen. Der Lagerkommandant Maj. Fowpler und der für das heutige D.P.- Lager verantwortliche Vertreter der UNRRA, Mr. Modell mit ihren, Stäben,, gehörten zu den Ehrerigästen. ’ ’ ' , Die Jäeitung des „Gentral-Committees der befreiten Juden in der britischen Zone“ war neben dem „Rat der jüdischen Gemeinde“, vollzählig erschienen. . Unter-Führung des Direktors der Jewish Relief Unit, Dr. E. Q. Lowenthal/ waren die Mitarbeiter dieser Hilfsorganisation gekommen.1 Dr, Kurt Lewin kam m t den ausgezeichneten Helfern der „Jewish Agency for Palestine‘‘ und Sam Dallob, der Zonendirektor des „Aiperican Joint Distribution Committee'* gehörte ■ mit seinen Mitarbeitern zu den Ehrengästen des Central-Komitees. .. . - ’ Die übrigen Hilfsorganisationen, die HI AS ■ und Q.R.T. hatten ebenfalls Vertreter 'ent--, sandt. ’ . Neben den Vorsitzenden der Landesverbände der britischen Zone wared ’ eine-Reihe von Gemeindev.orständen diese.- Zone:, ebenfalls anwesend. -; . ■ , * * * ' , 9,30 Uhr. vormittags:,Auf dem großen „Freiheit s p.l a t z“ in dem D.P:-Lager Bergen- Belsen sind zirka. 5000 Menschen; in-Gruppen auf geteilt äufmarschiert. Die Ehrengäste werden bei ihrer Ankunft durch Lautsprecher begrüßt. ' Die jüdischen Fahnen und die Fahnen d^r verschiedenen Sport1-, und kulturellen Gruppeil bieten ein buhtes -Bild. , - * ’ * * * 10 Uhr: Der Sprecher am Mikrophon, bittet die Bhrengäste und Teilnehmer -des großen ,De- I v' * Mi ui ■ Wim Obern links: Generäl FansSsowe, ossgacn«r »nd Colonel Dawson. —. Reck's: Das jüd'scbe Zeaif abGomiiee. — Ünlera links:.Mor bertWotibesm am Mikrophon,—Mitte: Genera! bei seiner Ansprache. '■ Rechte Das Gebet Wßm'X die. Vertreter der jüdischen- Zeitungen der'britischen Zone folgen. Mit den, Vertretern des American Joints, der Jewish Rölief Unit und den anderen Hilfsorganisationen,.. wird die Spitze des Demonstrationszuges »geschlossen. Der eigentliche Zug schließt sich .dieser Spitze an. Es ist unmöglich,- ' die Gruppen im Ein-» zelnen aufzuführen. Beginnend' mit den Kindern der Volksschule folgen die.. Schüler des Gymnasiums., und der verschiedenen Fachschulen und des Rabbinerseminars. 1 Die politischen Parteien und Organisationen schließen sich an. Diesen -wieder folgen die jüdischen invaliden und ydie Sportvereine. Damit ist der große- Aufmarsch beendet. ' Künstlerisch auigebaute Wagen : waren Beweise dafür, daß unsere überlebenden jüdischen'Menschen' sich .wiedergefunden haben in. produktiver-Arbeit, die sie in dem Land, das ..ihnen hoffentlich bald' ihre wirkliche Freiheit wiedergeben wird, anwenden werden. ' - Um 10,30 Uhr setzte’ sich'der, Zug in Bewegung, der seinen Weg. zunächst durch dasjetzige D.P.-Lager nach dem früheren Konzentrationslager nahm. Es gab wohl keinen unter diesen 5000 Teilnehmern, der sich in diesem Augenblick nicht bewußt war, .daß ,er diesen traurigen Weg zu Ehren von 6‘Millionen gemordeter Juden z.urücklegt. . * * . * ■f ■ ’ , Um das ini vergangenen Jahr errichtete Ehrendenkmal für ..unsere, durchs die Henker Hitlers, ermordeten Brüder und Schwestern, waren Ehrenwachen aüfgestellt,' Paul Tre^man, einer der hervorragendsten Organisatoren.'dieser mächtigen Kundgebung, rief die Ehrengäste zu dem Mahnmal. - Nachdem die Fahnenträger sich um das Denkmal gruppiert, hatten, wurde durch ein Trompetenzum drittenmal an dieser ' Stelle. Das erstemal: das war eine. Zeit,. , als die ganze Welt erschüttert war von den Verbrechen, die da-. ma]s bei der Befreiung bekannt, geworden waren/ dam'als, als hier auf diesem Platz von, den uns befreienden Engländern noch, viele tausend unbeerdigte. tote Juden auf gefunden' wurden.' Zum zweitenmal sahen wir uns hier ini Vorigen .Jahr,' bei dör Enthüllung. dieses Gedenksteines, als ich ah die Welt‘den Appell richtete, unseren Menschen endlich die Frei-" -lis Vor dem Mahnmal /in Beiseh Paul Trepman ruft die Namen der Ehreh- "j gäste auf monstr.atiön$zugeS,'" sich zu - ordnen. Er ruft der Reihenfolge nach auf: Die Ehrenkompagnie der - jüdischen Lägerpolize;, yier Kinder als- Vertreter der verschiedenen Lagerschulen, die Vorstände des Central-Komitees' und des Rates der Jüdischen. /Gemeinden, Kdie Vertreter des Lager-KpmiteeS. ' Diesen folgendie ehrwürdigen Rabbiner des Lagers Bergen-Belsen und ihre . Kollegen unter Führung der Rabbiner Olewski und Halpern Der Lautsprecher ruft sodann die Vertreter der .Militärregierung und der UNRRA, denen die Jewish Agency und t ,3s; -vx t V * Mä Josef Rosenseft bei der Gedächtnisrede Möglichkeit ' zu , in’ unserem .Erez Dr. Kurt Jewish Agency Lewin _ •/ for Palestine Signal der Beginn der Feierlichkeit verkündet. Sie begann mit fünfmihütigem Gedenken der Toten. \ ’ : Der Kantor des Lagers’ sang „El Mole Rachmim“ Und der beste Schüler des Gymnasiums sprach den „Jiskor“'. , _,Die~ Rabbiner Halpern und. Olewski sprachen , Psalme und den s,Kaddisch“. . ’ , Die Gedächtnisrede wurde von Josef R o, - sensaft gehalten* der ausführte: „Eigentlich müßten wir schweigen, da es Worte nicht gibt, die das zum Ausdruck bringen können, was , wir heute hier im Andenken an unsere Väter und Brüder, Mütter und Schwestern empfinden- Nachdem zwei Jahre seit der Befreiung vergangen sind, treffen wir' uns heute neit zu, geben und. uns die schaffen, endlich - daheim Israel zu sein. .Und heute stehen Wir zum drittejuüal hier und fragen dip Welt: ’wie, .lange werden' wir: »uns noch plagen müssen, , wie lange* will 'man uns -noch in Lägern halten, wie lange müssen,wir uns noch demütigen lassen und wie lange sollen wir noch-Pogromen ,ausgesetzt\sein. Heute* ist. kein Tag, an dem man Ansprachen hält. Ah ' diesem Befreiungstag appellieren wir wiederholt an die "Vertreter der Mächte, die uns aus’ diesem Lager befreit haben und wir rufen ihnen zun Seifen Sie uns endlich, dgß wir nach Hause kommen -höhnen,’ nach Erez Israel,'bevor-es zu spät ist. , ■ Jeddr Einzelne weiß,. zu welch großem Dank wir unseren englischen' Befreiern und ihren Alliierten verpflichtet sind. Und diesen, unseren Befreiern, rufen wir zu: Helft uns, wieder Menschen, mit allen anderen Menschen gleich/zu werden. Angesichts dieser Massengräber unserer Lieben erbeben Wir unsere Hand zum Schwur: Wir werden nicht ruhen, "bis ’ sich uns. die Tore Palästinas offnen, bis das Testamentunserer Toten erfüllt ist. Und Sie, meine Herren- Vertreter dieser Regierung, der wir zu Dank verpflichtet . sind, bittan wir',, uns bei der,.-Vollstreckung, dieses Testamentes’ zu helfen.“ ’ - General Fanshowe überbrachte die. Grüße der Militärregierung und gab die Erklärung ab,, daß die Juden in Deutschland sicher sein können;* daß die We^Lt nie vergessen wird, was der Nationalsozialismus an-den Juden getan hat. Sodann erklärte er, daß er sich aufrichtig, freue, über die Tatsache, daß die ersten Transporte nach-Palästi-. na bereits ab gegangen seien, daß er sich aber noch, -mehr darüber freue, an diesem Gedenktag sagen zu dürfen, daß weitere Transporte in nächster Zeit abgehen werden. ' ' Zum Schluß gab er 1 seiner Zuversicht Ausdruck, daß die'heute anwesenden überlebenden Juden den dritten Jahrestag nicht ,met\r in Deutschland zu feiernbrauchen. ’ Norbert Wollheim hielt sodann eine Ansprache ’ in englischer Sprache. In klaren Worten erinnerte er an die -schreckliche Zeit . des Naziterrors, mit Schärfe 'Schilderte er. die Enttäuschungen der verflossenen zwei Jahre. ’ Er erhob, die Forderung Und er mahnte die Alliierten, den heute. noch , in Deutschland, Oesterreich und'Italien lebenden Juden endlich ihre wirkliche Freiheit zu geben - undi die, Tore Palästinas zu öffnen. , y ’> ' ' 1 - ■; ’• Dr. Kurt Lewin . ” v * * ■ sprach namens der Juden Palästinas. Er gab die Versicherung ab, daßdiese Menschen, wenn sie. auch fernwaren Von den: Städten des Verbrechens und des Grauens, stets mit ihren Gedanken ' bei ' ihren Brüdern und Schwestern weilten ' und . n-iöhts unterlassen haben, um zu helfen, „Die Jewish Agency for- Palestine hat uns nach Deutschland geschickt“, so erklärte Dr.; Kurt Lewin,, „um das Unsrige mit dazu beizutragen,' daß unserem- Volk endlich die Freiheit, gegeben wird, die es fordert und die es verdient-hat.“ ä . Dr. Kurt, Lewin -bat die alliierten Völker, die die Ueberlebenden aus dem Konzentrationslager, befreit haben, doch .zu verstehen, daßman es diesen .Menschen; unmöglich, zumute-n -kann, in diesem Land weiterzul'epen. ’ Mit der Hatikwäh; der jüdischen Nationalhymne und „God sa ve the King“ endete diese würdige Feier, die auf glle Anweshndfen einen, unvergeßlichen Eindruck hinterlassen h.ah Die Abschlußfeier Del- „Rat der Jüdischen Gemeinden der, britischen Zone“ Iiatte, zusammenmit dem „Central- (pomfhittee der 'befreiten Juden“, an\ Abend zu einer .Trauerfeier. eingeläden.. Der Trauerrnarsch von Chopin eröffnete diese Veranstaltung.,, . .' : j ■ Josef-Ro-se n-sa ft' -begrüßte die Vertreter, der Militärregierung,'der UNRRA, der .Jewish Agency, des American Jeint Distribution Committee, der J-ewish Relief. Uhit, .des Centralen und - deutlichen Koihitees, der Presse und aller .in Bergen-Belsen vertretenen Parteien. . Br führte u. a. aus: „Zwei Jahre sind vergangen, seitdem wir . von dem- Hitlerterror'befreit wordensind. ' Zwei Jahreder persönlichen, jedoch nichtefer nationalen Befreiung/ Und wir fragen die Welt: Warum, sollen, die Juden, die vom Kriege zerbrachen sind', sich nicht der Früchte . der Befreiung erfreuen können? /Das jüdische Volk hat einen großen Beitrag; zur Befreiung dep-Welt von der Tyranneiv'geleistet; 'Wir haben ein Drittel unseres Volkes an diesem,Altar, gelassen, und unsere Soldaten kämpften auf den 1 verschiedensten Schlachtfeldern und die von - Tins gestellte jüdische Brigade ist ruhmreich ini die Geschichte des Befreiungskampfes eingegangen. In dieser -Stunde wollen wir auch unserer Kämpfer in den verschiedenen Ghettis gedenken, insbesondere , des . heldenhaften Aufstandes' des Warschauer Ghettos.“ Bei ‘diesen Worten-erhoben sichdie Anwesenden zueinem Stillen Gedenken/ / Josef, Rosensaft fuhr fort: „Was bedeuten nun für uns die letzten, zwei, Jahre. ■> Wie lange . werden wir noch nach der sog. Befreiung versklavt sein? ■ In dem Augenblick, in dem >■ das Schicksal' Deutschlandsvor dem. internationalen Forum erörtert wird, fragen wir die Welt: Wer bleibt die ' Gerechtigkeit?“ , - Der Reötier unterzog dann ‘die Methoden der Auswanderung einer Scharfen Kritik und wieV derholte immer wieder die Forderung -der Juden; in ihr. Land einziehen zü können., . Er bat die "Welt, doch endlich. zu verstehen, daß unsere jüdischen Menschen in diesem Land, dessen,Erdevon jüdischem Blut getränkt ist, nicht leben können. ■ Der Kommandant des Lagers Bergen-Belsen Maj. Bownler begrüßte die Anwesenden mgm Der beste Schüler des Gymnasiums ’ liest den „Jiskor“ namens der Militärregierung. Er dankte für die Einladung, der er mit Freuden, Folge geleistet hat. U. a. führte er’-aus: „Vor wenigen Minuten hörten, wir den Trauermarsch von Chopin. Es gibt keine Musik, die der großen Trauer Ausdruck verleihen könnte, die Sie; befallen hat. Die Opfer, die Sie bringeri müßten, waren,, so hoffen wir, nicht: umsonst; Die Welt wird* es niemals-vergessen, da-ß das was geschehen ist, gegen jedes Gesetz geschah. Die letzten, zwei Jähre. warenfür Sie große Ent-