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Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone · 1947-04-15 · 1 (15.4.1947) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für die britische Zone
Volume
2 (1947/48)
Issue
1 (15.4.1947)
Date
1947-04-15
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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' Nummer 1 r — I II Willi I JÜDISCHES GEMEINDEBLATT 15. April 1947i nw II ( i wwiingj ‘! A.: Die Sehnsucht nach dem durchschnittlicherv Leben Von Anna Bürger Eine Monatsschrift, . die in der deutschen Uebersetzung. „Morgen“ heißt - . und . von Kin- ' dern für Kinder geschrieben' wird, ist eigentlich ein. langer Kettenbrief $n die zwölftausend Kinder, die heute noch in Frankreich in der Obhut der Q.C. leben,, des , großen jüdischen Kinderhilfswerkes. Die Zeitschrift erscheint in französischer Sprache, weil sie in Frankreich herausgegeben wird, und weil .die Kinder, die heute in Frankreich leben, sie im Laufe von fünf, sechs und sieben Jahren, versteckt bei Bauern, in Klöstern und in Scheunen, verstehen lernten. Vor über, sechs Monaten haben sich einige dieser Kinder zusammengetan, um diese Zeitschrift; zu gründen, in der sie ihre Gedanken und . Probleme zum Ausdruck bringen können. Jeder Beitrag ist mit dem Namen des jungen Autors gezeichnet und trägt zusätzlich einen Altersvermerk und die Angabe, des Ortes, an dem sich der Schreiber befindet. Die meisten wohnen 1 in Heimen der O.C., aber dann steht da" plötzlich ein .ungarischer Ort oder eine polnische oder tschechische Stadt; oft liest man auch Namen aus UCbersee, New York, Washington, Ecua-' dor, Buenos, Aires, Mexiko City. Das sind Beiträge von Kindern, die inzwischen eine neue Heimat, gefunden haben.. Der fünfzehnjährige ^Ludwig; war gerade auf dem Wege mach Amerika, als er folgendes schrieb: „Es. ist schwer, Adieu zu sägen. Jetzt soll ich also nicht mehr jn der Gemeinschaft-leben," die ich so geliebt habe, und ich muß meine Freunde verlassen, jmit denen. ich über ein Jahr züsammen war. Es wird schwierig sein* ein neues Leben anzufangen. Trotz der Trennung werde ich immer an euch denken. Adieu!“ Wie sehr solche Worte von Herzen kommen, kann man erst ermessen, wenn ’ man den, Bericht vom ersten [Wiedersehen der Kinder / in New York liest. Hier haben sie sich unter dem Patronat . der New Yorker O.C. zu einer'Vereinigung zusammengeschlossen. Ein.Junge sagte mir: „Wir ^iaben gelernt, daß einer dem anderen helfen muß, und das wollen wir auch in Zukunft tün. Wir können doch heute die Kinder, vor allem die kleinen,’nicht einfach in alle Winde jauseinandertreiben lassen“ Ich fragte ihn, ob die kleinennicht bei ihren Verwandten [wohnten und zum Teil sogar ihre Eltern wiedergefunden hätten. Da . sah er mich ernsthaft an und sagte: „Was glauben Sie, wer ist heute wichtiger für das kleine elfjährige Mädchen: ein Vater, den es erst vor.drei Monaten nach endlosen Jahren wieder.. kennengelernt jhat, oder die, sechzehnjährige Freundin, die es in Buchenwald zu sich, nahm und. so am Leben jerhielt, als seine Mutter eines Tages . nicht piehr da war? Wer -wird es mehr verstehen, zu . wem wird es mehr Vertrauen” haben?“ So sind sie'.alle. .Sie sprechen untereinander kaum über das, was sich bis zum Tage ihrer Befreiung' ereignete. Man könnte meinen, daß Sie alles Leid vergessen hätten. Wer aber ..einmal tiefer in sie hineinsah, weiß,, daß sie nur über diesen Teil ihres Lebens, an ' dem sie .meist noch schwer zü1 tragen haben, nicht sprechen wollen. Es ist wohl auch der Grund, warum in der Zeitschrift „Morgen“ nichts über ihre Vergangenheit zu finden ist. Wenn mannicht wüßte, daß es eine Zeitschrift von Kindern ist, die durch harte Zeiten gegangen sind, könnte man glauben, ihr Leben sei stets •geordnet und ruhig verlaufen. Da gibt es zum Beispiel eine lange - Diskussion über das Problem der' Koedukation — " der Frage, ob Jungen und' Mädchen zusammen erzogen werden; sollen. Es gibt sowohl-Stimmen, die dafür, als auch »andere, : die dagegen sprechen. Dann die Betrachtungen, über Kunst: es finden sich Abhandlungen über die Entwicklung des amerikanischen Films. Gedichte,, Berichte; .aus Amerika und anderen Ländern. Dies alles ist wohl kein Zufall, es ist die Sehnsucht'dieser, heranwachseriden Menschen nach hOTmalen Zuständen, nach einem Durchschnittsleben. Sie sind aus der Masse Mensch herausgegriffen. und zu Sonderschicksalen bestimmt worden; ihr Leben war-_ein Zerrbild, sie haben; Probleme lögen müssen,, die es normalerweise, für junge Menschen nicht . gibt. - Sie haben 'Sehnsucht nach dem Frieden, nach den kleinen Sorgen, und kleinen ifreuden einer durchschnittlichen Jugend. V Dies.; aber ist, kein Problem, das sie . allein angeht — es betrifft jedes . Kind, dag der zweite Weltkrieg in die Feuerlinie geworfen hat. Der Junge in Köln* der: die Bombenangriffe erlebte, 'das Mädchen in Berlin, das umqüa.rtiertM ‘werden mußte, die vielen Kinder Europas, die gelernt haben, in ' G'ranattrichtern und in den Ruinen zerschossener Häuser Verstecken zu spielen — sie alle, leiden heute unter der Sehn-) sucht nach dem 'Normalzustand. (Der Tagesspiegel, Berlin). ersten unsere in der Liebe Freunde! Es ist;uns : eine besondere Freude-, daß mit. dem Erscheinen dieser Sondernummer zum ersteh Mal seit der'Wiedererrichtung jüdischer Gemeinden in' Deutschland, die Möglichkeit .gegeben ist, direkt zu Ihnen sprechen zu können. . Die Freude -ist Umso größer, wenn wir darüber nachdenken, wieviel Tausenden, ehemali-' ger deutscher Juden nun unsere Zeitung in die Hände kommt und wir die Gewißheit haben, daß nun auch unsere jüdischen Menschen in der Welt,lösen können, wie wir leben, was wir tun, was uns bedrückt und was ' uns Freude macht'- . Es ist zu hoffep, daß es uns gelingen wird, Mittler zu sein bei der Wiederherstellung früherer Freundschaften und bei der Schaffung neuer Freundschaften zwischen Ihnen; und den, überlebenden Juden, in Deutschland. - Wir bitten Sie, liebe Freunde, ■ sich unser zu bedienen,, uns zu'fragen; was Sie von uns wissen wollen, und uns zü sägen, was Sie uns zu sagen haben. - \ ‘ Wir bitten aber „auch alle diejenigen .unter Ihnen, die die Möglichkeit einer Mitarbeit haben, uns diese zur Verfügung zu stellen. Wir brauchen Wissen, wir .brauchen Erfahrung und wir brauchen Hat. Um all .das bitten wir Sie! Diese erste Gelegenheit zu Ihnen sprechen zu dürfen, wollen wir nicht vorübejgehen lassen, ohne Ihnen allen zu danken für. das Verständnis und die Hilfsbereitschaft, die Sie unter Beweis-gestellt haben. Vor einem Jahr, als wir-, zum ersten Mal den Juden' ' in Deutschland unsere Zeitung zustellten, ( da glaubten viele von uns nicht,, daß/'sie die . erste Ausgabe des 2'. Jahrganges poch in Deutschland erleben würden. Sie wurden in dieser Frage ebenso enttäuscht, wie in so vielen Anderen. Lassen Sie uns wissen,, daß dieser erste Gruß einer jüdischen Zeitung aus Deutschland in Ihjen Besitz gelangt ist und machen Sie Ihre Freunde darauf aufmerksam, daß* Sie von nun an die' Möglichkeithaben, durch Angehörige oder: Bekannte in Deutschland unsere Zeitung abonnieren zu können; - Der Herausgeber., - , - , (Fortsetzung, von Seite 2) Der Oberstädtdirektor der Stadt Düsseldorf: Die Stadtverwaltung Düsseldorf hat...die Entwicklung Ihres Blattes im ersten Jahre des Erscheinens aufmerksam verfolgt. Ihre Arbeit dient nicht nur der Mitwirkung beim Neuaufbau der , deutsch-jüdischen Gemeinden. Sie leisten vielmehr durch Ihre Aufsätze über be-j deutende jüdische Persönlichkeiten und ihren Anteil an der Entwicklung des deutschen kul-, turellen und wirtschaftlichen Lebens,, durch' Ihre. Berichte über die Leiden der deutschen und. europäischen. Judehschaft unter dem Terror Hitlers, durch- Ihre Artikel über den Antisemitismus und seine die Menschheitskultur zersetzenden Folgen auch dern. deutschen Nichtjuden einen Dienst. Hierfür _ gebühren Ihnen Dank utid* Anerkennung Aller. Ich verbinde sie mit dem Wunsch für eine erfolgreiche' Entwicklung des „Jüdischen „Gemeindeblattes“ auch in der Zukunft, . Dr, Hensel. * * * Der Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands: - Wenn Völker um das Reifezeugnis ansuchen, so mag als der erste Prüfstein gelten ihr,Verhalten zu den jüdischen Menschen in ihrem Lande, ■ sowie ihre Meinung , zur Frage .der Gleichberechtigung; aller Rassen; - Ich denke jetzt nicht nur an das- -offizielle Verhalten, dasvon Staatswegen gefordert wird, auch nicht nur an den Grad der Beteiligung an -dem. jeweils Ueblichen, sondern vorallem an die 'persönliche innere Haltung, welche die Duldung der Missetaten'oder den .Einsat£“für ihre Verhinderupg mit sich bringt. Ich suche nach Beweisen, nach kundgetaner Haltung, nach lebendigen Aeußerungen, die1 meinen Glauben an die Wandlungsfähigkeit meines Volkes bestärken. Ich' bitte meine jüdischen Mitbürger, helfen Sie, das Gute.üm deutschen Volk zu finden und Sie. werden Ihre Weltmiss,ion erfüllen. Hans Fladung. * * * SynagogenrGemeinde Köln: Der Vorstand und die Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Köln gratulieren herzlichst zum einjährigen Bestehen des jüdischen Gemeindeblattes. . Es ist erstaunlich, welche Entwicklung Ihre Zeitung trotz der zeitbedingten Schwierigkeiten bezüglich' des Inhaltes -'. wie auch des Umfanges in.-den letzten Monaten genommen hat. Da Ihr Blatt nicht nur ipnerhalb' der jüdischen, sondern auch in andern Kreisen Vefr breitung findet und gelesen wird., ist dieses heute als Sprachrohr der jüdischen' Belange dem In- und Auslande, gegenüber anzusehen. Mit'anerkennenswertem Mut setzt sich Ihre Zeitung für die jüdischen Interessen ein, damit unserer Gemeinschaft einen großen Dienst erweisend. Während? vor der Nazizeit unsere drei gfpßen jüdischen Zeitungen „Jüdisch© Rundschau“ Berlin, „Israelitisches Familienbla’tt“ Hamburg und.„Der Israelit“ Frankfurt ä., M., jede ihre eigene jüdischpolitische weltanschauliche Note trugen, kommen1 heute in Ihrem Blatt' alle jüdischen’ Probleme in objektiver Weise . zu Work Das jüdische Gemeindeblatt erfreut sich heute bereits größter Popularität und ist zu einem unentbehrlichen Bestandteil des jüdischen , Geistes*'— und Kulturlebens geworden. Erfreulich-*ist es zu hören, daß Sie jetzt auch Ihre. Zeitung in das Ausland versenden können, Dadurcn erhalten unsere Schwestern und Brüder in aller Welt ein ge-. treues Spiegelbild über die heutige Situation unserer jüdischen Gemeinden in Deutschland Dem ersten Geburtstag mögen noch viele weitere ' folgen, umrahmt und gekrönt vop vielen Jubiläen/das ist unser innigster Wunsch. . Moritz Goidschmid;t, 1. Vorsitzender. * * * Jüdische Gemeind© Kiel: ■ * Zum einjährigen Bestehen des Jüdischen Gemeindeblattes hoffe ich auch für die Zukunft auf, ein enges Zusammenarbeiten ' im Interesse.unserer Menschen und wünsche, daß das'Organ “der-jüdischest Gemeinden in der. Zukunft Mahner und Künder unserer Aufgaben bleiben wird. - Heinz Salomon. .* *. * Direktor Siegfried Seelig (Düsseldorf). 2. Vorsitzender der Synagogengemeinde, Düsseldorf und Mitglied des Vorstandes des Landesverbandes Jüdischer Gemeinden Nordrhein-Westfalen: Aus dem kleinen Mitteilungsblatt, das mir genau vor einem Jahr auf den Schreibtisch ge-, legt wurde, .entwickelte sich in dieser 'kurzen Zeit das „Jüdische. Gemeindeblatt für die britische Zone“. ' - Wenn ich mir vergegenwärtige, unter welch; primitiven Umständen und mit wie wenig Ma-' terial diese Zeitung . heute zustande kommt, j darya kann ich nicht umhin, - meiner großen ' Freude darüber Ausdruck zu geben, daß. das' Niveau" der Zeitung trotzdem ein recht gutes ist. Ich habe es stets als eine, besondere Genügtuung empfunden, daß „unser Gemeindeblatt“ in offenen und-klaren Worten den Kampf für die Gerechtigkeit, die uns werden muß, geführt hat, ,vund daß es aber auch verstanden hat, in unseren Fragen alle zur Snräehe kommen zu lassen, die in" unserer Sache'etwas zu sagen haben. '. N. , Ich beglückwünsche unsere Zeitimg in ihrem ersten Geburtstag und gebe der Hoffnung Ausdruck, daß das zweite Lebensjahr ib" >.ieht nur Erleichterung in ihrer Arbeit bringen möge, sondern sie auch in. die Lage versetzt' wird, über praktische* Erfolge berichten zu können. Geschäftsstellen an allen wichtigen Plätzen1 der Westzone Seit 75 Jahren im Dienste det heimischen i a m ö€ .. Le v y Schalltan: . ' - 1 k ' <Was Hast Du in derZeit der Revolution getan? ... . Der Mensch ist ein undurchdruhgen.es Geschöpf. Er gewöhnt sich an alles, * an Gutes und ah Böses. Er ge.wöhnt sieh und glaubt, daß es' so sein muß. Oder — noch schlimmer :— er glaubt garnicht mehr,, weil 'glauben — ' v jdenken heißt, und er - — der gewöhnliche i - Mgnsch —. nicht' mehr denkt. Er-folgt seinem 3; ' ‘Up Schicksal wie ein gehorsames Tier, alles wird | .Gewohnheit. Aus 'Gewohnheit wii;d Muß. Muß ‘wird Selbstverständlichkeit. Kurz: eine 'Apathie. „So ist es, anders kann es schon garnicht* ■ mehr sein.“ “ - - . , \ So kann der Einzelne, die Gemeinschaft und gfogar ein ganzes Volk in einen Zustand des geduldigen Lasterisqhleppens verfallen, das |hm andere aufhalsten. Bis. —> ja, bis Einer, kommt oder eine Gruppe, die mit Gewalt die. geduldige Grifppe' aus der Gewohnheit reißt. [Eine solche Tat heißt Revolution; Menschen, [die sich mit der bestehenden Lage , nicht begnügön, nennt man Revolutionäre. ' Damals war ich noch ein Kind, als ich aus dem Munde meines Vaters von der Revolution gegen den Zarenhörte, von den „Buntarep“, von denen, die die Bomben .und Minen unter" jden'Wagen des Zaren legten, von den hunderten, ■ die sich in die fernen Steppen verschicken, in die Gefängnisse sperren ließen nd hoch erhobenen. Hauptes zum Galgen 'ingen. * Mein Vater erzählte mir auch, ■ wie .je damalige Regierung-die Revolutionäre auseitschen ließ, um sie zu demütigen. Aber 'die ufständischen . erschossen die, Minister, prengten Brücken und die. Revolution nahm .mmer größeren Umfang «an und. sammelte ehr und mehr junge Menschen Um sich, nechte hatten die Strahlen der Freiheit erliefet und zogen in den Kampf. Unterdrückte, feie im Laufe der Jahrhunderte geduldig ihr . „Schicksal“ ertragen hatten, begannen zu begreifen, daß „es garnicht so sein muß“! Die Revolution entzündete Herzen, erlichtete Gehirne, erfüllte die Leidenden . mit Hoffnung und —.der Tag brach an: „Die Revolution siegte! . — Und, — fragte ich meinen Vater — was hast Du getan in dieser Zeit? Mein Vater dachte eine Weile angestrengt nach... Meine Kinderaugen schauten ihn amund ich sah, daß er nach einer. Antwort, für mich, suchte. Er verstand, daß seine ganze Vaterwürde in meinen Augen sinken' würde, wenn er mir nicht sagen könnte, daß auch er gekämpft oder zumindest .die Reyolution unterstützt hat. Er nahm ein Holzkästchen zur Hand,'in dem er verschieden© wichtige Dokumente aufhob und entnahm ihm ein Foto — ein ganz kleines Bildchen, auf dem ich mich als Baby* erkannte. Ich saß auf den Knien eines unbekannten Mannes, der ein schwarzes Hemd trug, das einen festen .Kragen hatte und an der Seite geknöpft war. .'— Dieser Mann —■ sagte mit* der Vater —' war . ein Revolutionär. Als die Weißen während des Bürgerkrieges die Stadt eroberten, versteckte ich ihn in unserer Wohnung. Später, als die Revolution gesiegt hatte, pflegte er uns . oft zu besuchen. Einmal ließ er sich mit dir föto- ..grafieren. — das ist. eben das Bild. Ich habe.verstanden,,daß mein Vater kein Revolutionär war. Das tat mir weh. Warum hatte mein Vater nicht' für Recht und Freiheit gekämpft? Aber ich fand einen Trost: mein Vater hatte einen Revolutionär ‘versteckt gehalten und ihm-so helfen können.' Er war also fü‘r die Revolution gewesen.- Er hatte wenigstens eine Kleinigkeit zum Kampf für die Freiheit beitragen können.' Als ich älter wurde, habe ich Vieles im'Zusammenhang. mit diesem Bild erfahren und es wurde mir teuer und lieb ... Jahre sind vergangen. Kein Bild ist mehr da.' Zerstört, sind unsere Heime mit den „teuren Bildern. Nichteinmal ein Bild meines Vaters ist mir geblieben.-- —-* - In. diesen Jahren haben wir, damals, während der. Revolution noch Kinddr, selbst Kriege und Revolutionen mitgemacht, Feuer und Kämpf, Verknechtung und Leid ~ miterlebt. . . . Und unsere Kinder'werden auf unseren Knien sitzen, und wir werden ihnen erzählen. Wir, werdet* ihnen Geschichten von Ghettos und Konzentrationslagern, von Leiden und Schmerzen, von Tod und Vernichtung erzählen. ' Und wir werden ihnen auch erzählen: „In jenen Tagen standen,stolze junge Männer -und Frauen auf, die gegen Schande und Verknechtung revoltierten. Von Warschau und Kowno, von Lemberg ' und Riga sind junge Juden in die Wälder gewandert, pent' Bomben und Pistolen ausgerüstet. Sie fielen in den ■ Toren der Ghettos und auf allen Kampfplätzen Europas. Sie haben für( die jüdische Ehre gekämpft und unseren Morgen mit ihrem ßlut besiegelt. /V- Und. eine ganze jüdische Brigade kämpfte unter v unserer eigenen Fahne mit Panzern und Flugzeugen. Als Fallschirm jägerinnen sprangen ünsere jüdischen Mädels hinter den Frontlinien des Feindes ab.“ S o wirst Du erzählen, — Und wenn Dein Kinä Dich fragt: „Und was hast Du, Vater, getan.? Bist'Du auch in den Ghettotagen in. den Wald gezogen?“? /?? * * * , Und weiter wirst Du,' wahrscheinlich mit Stolz, Deinem Kind beim Spaziergang am Strand von Tel-Aviv erzählen: 1 „Dieses Land ist dank stolzer Chaluzim aufgebaut worden. Der jüdische Staat. wu*de mit dem Blut seiner besten Söhne und Töchter erkämpft, Höre zu, mein Kind: Es war in den Revolutionsjahren, Juden saßen in Lagern in Deutschland. Der Krieg war bereits beendet. Nach der Zeit „der Ghettos und Konzentrationslager entstand das Wort: „Einwanderung mit allen Mitteln“. Tausende Juden' revoltierten, sie verließen die Lager, gingen über alle Grenzen hinweg in ihr Heimatland. Und , im Heimatland peitschte man Juden, der Okku-r pant saß im Lande und erlaubte nicht, einen Judenstaät zu schaffen, da entbrannte eine Revolution und blutige. Kämpfe gegen den -Unterdrücker. Man ■ verhaftete Geisel^-: sogar Generale, bis die Besätzungsmacht aufhörte, Juden zu peitschen, zu erhängen und bis es endlich gelungen, war, das Land zu erkämp-' f,en. Es kostete aber sehr viel Blut.“' Und Dein Kind wird Dich sicher fragen: — „Was hast Du zur Zeit dieser Volksrevolutioh gejan?“ ' ’??? ’ ,; Wirst Du wenigstens Deinem Kind ein Bild.-» chen zeigen' können und ihm sagen können, daß Du der Revolution geholfen hast? Wirst Du den Paß besitzen, der von Juden ausge-* steift ist und besagt,, daß Dir erlaubt ist, nach Erez-Israel zü kommen — so wie ihn ‘ alle. , Einwanderer hahen? Und Dein Kind wird Dich fragen: „Welche neue Siedlung hast. Du während dieses Kampfs. gegründet? In welchem Gefängnis warst Du eingesperrt? Welchen Widerstand hast Du geleistet? Was hast Du zur Zeit der Volksbefreiungf ge-' tan? , ' ■ ' — Und dann werden’unsere Augen vor Scham brennen, unsere Herzen * werden vor Schande Stillstehen, unsere Körper zittern,' angesichts der einfachen, natürlichen, kindlich-ehrlichen Frage: , . .???', ' (Uebersetzung aus dem Jüdischen von H. Ing$terf

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