Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 15 (1936) - farbig
- Issue
- 26 (25.6.1936)
- Date
- 1936-06-25
- Page
- [Seite] (sequence 23)
- Language
- German
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Palästina-Umschau der C.-V.-Zeitung “ M m i ■>V^"';l ft * ■i - r •.TfS f f **t Die drei Strömungen in der Palästina-Wirtschaft Von unserem ^-Palästina-Berichterstatter Tel-Aviv, 16. Juni. Dass es in den gegenwärtigen Unruhezeiten noch schwerer ist als sonst, einen exakten Befund über den Zustand der palästinensischen Wirtschaft abzugeben, ist einleuchtend. Die beiden Sektoren der Wirtschaft, der jüdische und der arabische, klaffen noch weiter auseinander. Der arabische ist, rein wirtschaftlich gesehen, durch Streik und Terror so gut wie vollständig lahmgelegt, wenn auch die lebenswichtigen Arbeiten wie Ernte, ein sehr beschränkter Lebensmittelverkauf, ein Bruchteil des Autoverkehrs zur Beförderung der Streikhetzer und sogar stundenweise der Betrieb der Cafehäuser, allerdings ohne Schach- und Würfelspiel — aufrechterhalteil und aus den inländischen Streikfonds sowie den ausländischen Streikunterstützungen finanziert werden. Auf der anderen Seite geht im jüdischen Sektor die Wirtschaft, im grossen gesehen, ihren völlig normalen Gang weiter, wenn ihr auch in den letzten Wochen schwere Wunden geschlagen worden sind. Aber nicht nur die unterschiedliche Entwicklung im jüdischen und arabischen Sektor erschwert eine einheitliche Diagnose der wirtschaftlichen Gesamtlage. Auch im allgemeinen, in dem weiterlaufenden Teil der Wirtschaft, das heisst also vornehmlich in dem von den Juden bestimmten Bezirk, sind gegenwärtig drei verschiedene Strömungen wirksam, deren endgültiger Einfluss auf die Gesamtentwicklung sich heute noch keineswegs eindeutig feststellen lässt. Zunächst ist daran zu erinnern, dass die Wirtschaft schon vor Ausbruch der Unruhen unter einem gewissen konjunkturellen Druck gestanden hatte, der zum grössten Teil durch die aussenpolitischen Verwicklungen im Mittelmeer, -zum Teil aber auch durch innere Spannungserscheinungen, durch eine gewisse Ermattung nach der Prosperity, hervorgerufen worden war. Ein deutliches Zeichen dafür sind die jetzt bekanntwerdenden Ergebnisse des A u s s e n h a n d e 1 s im Monat März und im ganzen ersten Quartal des Jahres 1936. Die rückläufige Bewegung gegenüber dem gleichen Zeitraum des Vorjahres, die schon im Februar zu beobachten war, hat sich im März fortgesetzt, so dass sich für das ganze Quartal folgendes Bild der Wareneinfuhr und Warenausfuhr ergibt: In Millionen L. P. Einfuhr Ausfuhr Erstes Quartal 1035 1936 1935 1936 Lebensmittel .. 0,85 0,86 2,42 1,92, Rohstoffe. 0,34 0,27 0,02 0,04 Fertigwaren. 2.71 2.05 0,07 0,09 Insgesamt 3,90 3,18 2,51 2,05 Wie aus diesen Zahlen ersichtlich, ist allein durch die schlechtere Orangenernte der letzten Saison in diesem Quartal ein Exportausfall von rund einer halben Million entstanden. Inter- Jüdische Jugend im Alltag Palästinas 8. Fortsetzung 2. Wege in ein neues Leben „Aussichten in Palästina“ Von. Deutschland her gesehen, sieht alles nicht so schwierig aus: wer mit Geld aus wandern kann, geht als „Kapitalist“ auf Zertifikat A I nach Palästina, wo ihm viele Wege offen stehen. Er kann ein Ladengeschäft eröffnen, Vertretungen übernehmen, eine kleine Fabrik begründen, Grundstücksmakler werden oder aufs Land ziehen, um Hühner zu züchten oder Gemüse zu pflanzen. Wer aber kein Geld hat, tritt in den Hechaluz ein, lernt ein Handwerk oder geht auf landwirtschaftliche Hachscharah, lernt dazu ein wenig Hebräisch, um dann nach etwa zwei Jahren ein „Arbeiter-Zertifikat“ zu erhalten. Ist er drüben, so geht er „erst einmal“ .in den Kibbuz — kluge Leute pflegen dies zum Beispiel mit der Begründung zu raten, dass man so die Akklimatisationsschwierigkeiten der ersten Zeit, die Krankheiten und anderen Miihsale, am besten überwinden kann, während es sonst schon rein wirtschaftlich sehr schwer ist, diese Zeit der Eingewöhnung zu überstehen! Dann stehen auch ihm viele Wege offen: er kann im Kibbuz bleiben oder als Einzelarbeiter in die allgemeinen Siedlungen gehen oder er kann in der Stadt Bauarbeiter werden oder sonst eine Anstellung in der Industrie finden, ja er kann als selbständiger Handwerker sein Brot zu verdienen suchen und vielleicht — vielleicht! — gar wieder in einem kaufmännischen Beruf Unterkommen. Es ist völlig unnötig, nachdem seit Jahren nicht immer optimistische Briefe aus Palästina kommen, über diese naive Vorstellung vom Wesen einer Auswanderung noch ein Wort zu verlieren. Niemals wird Palästina ein Land gewesen sein, in dem wirklich Milch und Honig floss. Wer freilich ein Menschenalter nach Beduinenart in der Wüste herumgezogen war, dem mochte es essant aber ist, obwohl die Ziffern an sich noch geringfügig erscheinen, die Zunahme des Industrieexports, die deshalb besondere Beachtung verdient, weil es sich hier ebenfalls um eine seit Monaten anhaltende Tendenz handelt. Insbesondere die Bekleidungs-, Metall- und Konservenindustrie hat in den Nachbarländern, aber auch auf dem übrigen Weltmarkt, Erfolge erzielt, und die Rolistoffausfuhr ist ebenfalls dem Industrieexport zuzuzählen, da sie zu einem erheblichen Teil auf die Brom- und Kaligewinnung aus dem Toten Meer entfallen dürfte. Abgesehen von der stetigen Leistungssteigerung der palästinensischen Industrie ist es eine allgemein bekannte Erscheinung, dass in Zeiten ermattender Inlandsmärkte die Ausfuhrintehsität zunimmt. In den Einfuhrziffern des Januar, Februar und März aber zeigt sich die Einschränkung der'Einkaufsdispositionen, die durch die Kredit- und Vertrauenskrise im Herbst 1935 ausgelöst worden war. Und da die zu Beginn des Jahres ins Land kommenden Importwaren normalerweise erst allmählich, also bis Mitte des Jahres, vom inneren Markte absorbiert werden, so lassen sich aus diesen Ziffern gewisse Rückschlüsse auf den gegenwärtigen Umfang der Geschäfts- und Investitionstätigkeit ziehen. Allerdings muss man dabei vorsichtig zu Werke gehen. Man muss zunächst berücksichtigen, dass sehr reichliche Läger vorhanden waren und dass wahrscheinlich die Einfuhr vor der Herbstkrise teilweise über den wirklichen Bedarf hinausgegangen war. Sodann ist nicht nur die Einfuhr von Produktionsmitteln zurückgegangen, sondern auch die Einfuhr von Konsumgütern. Hierbei aber handelt es sich nicht oder doch nicht nur um eine Wirkung verminderter Kaufkraft, sondern einfach um ein Zeichen dafür, dass der heimische Konsumgüterbedarf in steigendem Ausmass von der heimischen Industrie gedeckt wird, eine Tatsache, die durchaus als wirtschaftsförderndes Moment zu werten ist. Schliesslich liegt der Außenhandel in seinen wesentlichen Positionen noch immer über dem Stande von 1934. Ein weiterer Beweis dafür, dass die Unruhen das Land in einem Stadium leicht abgeschwächter Konjunktur trafen, ist auch der Rückgang der Eisenbahneinnahmen von 78000 LP im Januar 1935 auf 66 000 LP im Januar 1936. Und wenn endlich der britische Vertreter vor der Mandatskommission des Völkerbundes darauf hinwies, dass gewisse typische Prosperity-Posten des Staatshaushalts — Gebühren aus Grundstückstransaktionen und Zolle auf Produktionsmittel — neuerdings eine leicht sinkende Tendenz zeigten, so deutet dies in die gleiche Richtung. Dass diese Lage durch die gegenwärtige Unsicherheit, die nunmehr neunwöchige Stilllegung eines der beiden grossen Häfen, die Verschlechterung der Verkehrsverhältnisse und die schweren Sachschäden, deren Vergütung noch immer nicht restlos geregelt ist, weiter erschwert worden ist, bedarf keiner Erklärung. wohl so scheinen. Und wer aus den kleinen Städtchen der jüdischen Massensiedlungen Osteuropas kommt, dem erscheint Tel-Aviv als eine Gressstadt, wie sie schöner auch in Europa nicht zu finden ist, und wer im Osten ohne rechten Arbeitsplatz und ohne Aussicht, je einen zu gewinnen, gelebt hatte, dem ist Palästina als ein Land, als das Land, wo er Arbeit finden kann, tatsächlich das „Land der Verheissung“. Der Jude in Deutschland versteht aber unter denselben Worten etwas anderes. Wenn er von „Grossstadt“ spricht, denkt er an Berlin oder Hamburg oder München — und diesen Städten gegenüber verblasst aus selbstverständlichen Gründen das Bild Tel-Avivs —, und wenn er einen Arbeitsplatz sucht, so will er geregelte, der Leistung entsprechend und regelmässig bezahlte Arbeit, tragbare Kündigungsfristen und ein System von Wohlfahrtseinrichtungen, die ihm im Notfall rechtlich zur Verfügung stehen. Palästina ist aber nicht Westeuropa, so, wie es sich heute, nach Jahrhunderten wirtschaftlicher und sozialer Entwicklung darstellt, sondern ein sehr junges Land, dessen Entwicklung durchaus planlos, ungesichert und ohne den Boden der Erfahrung vor sich geht. Hier haben Lebensanschauungen keinen Platz, die dort, wo sie gewachsen sind, die Frucht einer Entwicklung darstellen, die im neuen Land ja erst beginnen soll. Am Tage nach der Landung in Jaffa oder Haifa entdeckt der „Oleh“ (Einwanderer), dass er über genau so viel Kraft, Geld, Zuversicht, Ideen und Werkzeug verfügen wird, wie er mitgebracht hat. Es ist nicht so, dass nun plötzlich geheimnisvolle Kräfte in die Herzen der Einwanderer einströmten und sie beflügelten. Zwar hat das Land seinen Schwung und seinen Rhythmus, mitreissend und kräftigend, aber gerade diesem Schwung und diesem Rhythmus steht der aus Deutschland Kommende zuerst fremd gegenüber, natürlich grenzenlos enttäuscht, dass das, was den Ostjuden so begeistert, ihn nicht gleich überwältigt. Palästina ist kein Land der „unbegrenzten Möglichkeiten“. Seine Möglichkeiten sind begrenzt — dafür auch wirkliche Möglich- Aber man soll darüber nicht vergessen, dass auch jetzt das Massiv der jüdischen Wirtschaft intakt ist, dass im wesentlichen die gesamte Arbeit wie gewöhnlich vonstatten geht. Gewiss, die Siedlungen stehen unter einem Druck, der nur mit heroischer Anspannung aller Kräfte zu tragen ist; wie in Esras Zeiten müssen die Bauern und Arbeiter tagsüber ihrer schweren Arbeit nachgehen und nachts wachen, um feindliche Ueberfälle zurückzuschlagen. Aber sie arbeiten und versorgen die Städte und Dörfer lin unvermindertem Umfang mit Milch und Butter, mit Eiern und Geflügel, mit Gemüse und Fleisch. Die zuversichtlichen Aeusserungen in der Generalversammlung der Schemen-Oel-Werke sowie die _ steigenden Absatzziffern der Palestine Electric zeigen, dass auch die Industrie im Gange ist, und in den jüdischen Städten und Siedlungen ist neuerdings sogar eine Belebung im Hoch- und Tiefbau festzustellen. Und schliesslich ist der dritte Kräftestrom in Rechnung zu stellen, der zum Teil gerade durch Krise und Unruhen ausgelöst worden ist; die anhaltende Auftriebskraft der jüdischen Wirtschaft in Palästina und die Reserven, über die dieser junge Organismus schon heute verfügt und die eben durch die Erschütterungen der letzten Wochen mobil gemacht worden sind. Schon die ausserordentliche Widerstandsfähigkeit des Grundstücks- und Kapitalmarktes in den letzten Wochen liess die Stärke dieser Reserven ahnen. Ein solcher Rückhalt wird auch nötig sein, denn wenn auch die Gründungstätigkeit noch immer recht lebhaft ist, so sind doch auf der anderen Seite manche bestehenden Unternehmungen, namentlich solche, deren finanzielles Fundament ohnehin nicht sehr stark war, durch die jüngste Entwicklung erschüttert worden. Auch gibt es wohl zweifellos noch heute im jüdischen Palästina vereinzelte Elemente, die ausschliesslich an ihre und ihres Geldes Sicherheit denken; der Jischuw aber kann auf solche zweifelhaften Mitstreiter verzichten, denn in seiner überwältigenden Mehrheit hat er den Willen und die Fähigkeit zur Mobilmachung aller Kräfte gegen die schwere Prüfung dieser Tage bewiesen, und jeder weiss, dass er in seinem eigensten Interesse handelt, wenn er das Fundament des Ganzen kräftigen hilft. Eben jetzt ist die Sammlung zur produktiven Arbeitslosenhilfe abgeschlossen worden; sie hat allein aus freiwilligen Spenden der organisierten Arbeiterschaft einen Ertrag von mehr als 78 000 LP erbracht. Beinahe genau das gleiche Ergebnis erzielte in knapp fünf Tagen die Zeichnung der Hafenaktien, richtiger des allgemeinen Fonds zur Stärkung der jüdischen Position in Schiffahrt und Hafenarbeit. Nach den ersten improvisierten Hilfsaktionen ist jetzt weiterhin, unter Führung aller jüdischen Zentralinstanzen, ein Fonds zur produktiven Flüchtlingshilfe unter dem Namen „Hilfe und Konsolidierung“ ins Leben gerufen - worden. Seine Aufgabe ist es, den vielen, die zur Rettung ihres Lebens ihre alten Wohnstätten verlassen mussten, zu helfen, und diejenigen an neuen Wohn- und Arbeitsplätzen unterzubringen, die, wie z. B. so viele Kleingewerbekeiten. Im Tausch gegen eine grosse Anstrengung, gegen Arbeit, die auch ohne grossen Lohn vorerst getan wird, kann der mittellose, aber zionistisch überzeugte Einwanderer aus Deutschland zu einem Lebensstandard kommen, der ihn zufriedenetellt. Freilich ist an eine Existenzgründung im europäischen Sinn mit nichtarbeitender Frau, fester Stellung und Altersrente nicht zu denken,. Wo lebt jüdische Jugend aus Deutschland in Palästina? Man hat hier meist den Eindruck, dass der grösste Teil der Arbeiter-Einwanderer aus Deutschland drüben in den Arbeiter-Gemeinschaftssiedlungen, den Kwuzoth und Kibbuzim lebt. Dies trifft nicht voll zu. Wenn auch die im Hechaluz organisierte jüdische Jugend sich im allgemeinen verpflichtet, eine bestimmte Zeit „aufs Land“, und zwar in einen Kibbuz zu gehen, so ist die Zahl derer, die nach Ablauf dieser Frist und häufig auch schon vorher den Kibbuz wieder verlassen, nicht gering. Dies liegt nicht etwa daran, dass diese Menschen unter Vorspiegelung falscher Tatsachen im Hechaluz gearbeitet hatten, ohne je wirklich den festen Willen besessen zu haben, aufs Land zu gehen, sondern liegt ebensosehr im Wesen der Menschen wieim Wesen des Kibbuz begründet. Nicht jeder Mensch passt aufs Land und für die Landarbeit. Und es ist ja auch kein Geheimnis, dass Handwerk, Handel und Industrie bedeutende Massen palästinensischer Arbeiter ernähren. Abgesehen von Ausnahmen, über die man besser die Akten schliesst, haben tatsächlich die Menschen, wenn sie vor ihrer Alijah stehen, den ehrlichen Willen, in den Kibbuz zu gehen. Aber drüben zeigen sich dann die Schwierigkeiten. Wenn auch einzelne Kibbuzim heute in steigendem Masse Stadtarbeiter erfassen — also mit auf „Aussenarbeit“ aufgebaut sind, so ist doch der Kibbuz, seinem Wesen nach, eine ländliche Gemeinschaftssiedlung. Sowie er Stadtarbeiter in seinem Rahmen erfassen will, und zwar ständig in der Stadt Arbeitende, nicht etwa solche, die nur vor ihrer Ansiedlung einige Jahre in der treibende in Jaffa und anderen arabischen Städten, in arabischer Umgebung ihre Existenz verloren haben. Es ist u. a. beabsichtigt, neue Siedlungsblocks zu schaffen, die nach den Erfordernissen der Wirtschaftlichkeit und der Sicherheit so widerstandsfähig wie möglich sein sollen, und andere Massnahmen zugunsten dieser Unruheopfer zu treffen. All diese Projekte dienen gleichzeitig der Arbeitsbeschaffung und damit auch der Stützung der allgemeinen Konjunktur. Auch der Teilumbau der Messe zu einem Hafen- und Industrieviertel ist schliesslich ein solches Programm, das aus einem Notstand geboren wurde, aber durchaus wirtschaftlich fruchtbare Wirkungen zeitigt. Drei wichtige jüdische Gesellschaften — um nur einige zentrale Beispiele zu nennen, — erweitern gerade jetzt ihre Kapitalbasis und ihr Arbeitsprogramm: Die Strassenbaugesellschaft „Palestine R o a d - Construction“, die künftig auch andersartige Bauprogramme ausführen will, die South African Binjan Company, die neben dem Bau- und Hypothekarkredit jetzt auch sonstige Kreditoperationen in ihren Geschäftsbereich aufnehrnen wird, und die „B i - z u r", die neue jüdische Finanzierungsgesellschaft für öffentliche Arbeiten. Bei alledem ist ein weiterer natürlicher Auftriebsfaktor nicht zu vergessen, der dem Jischuw in seinem Kampf zur Hilfe kommt. Die Einwanderung von Menschen und Kapital hält sich weiter auf einem hohen Stand. Der Zug nach Palästina ist zu stark und zu zwangsläufig geworden, als dass er selbst durch trübe Nachrichten aus dem Lande der Sehnsucht gänzlich unterbrochen werden könnte. Da aber jeder Zustrom neuer produktiver Elemente neue Konsumkraft und neue Arbeitsmöglichkeiten ins Land bringt, so schafft sich die Alija nicht nur zu einem guten Teil — wie Dr. Weizmann in seinem Brief an den High Commissioner ausfülirte — selber ihren Lebensraum, sondern sie kann auch dafür sorgen, dass immer eine gewisse Wachstumsbewegung erhalten bleibt. Dass die jüdische Wirtschaft neben ihrem Abwehrkampf auch ihre materielle Existenz so erfolgreich verteidigen konnte, beruht eben auf diesem Widerspiel dreier Kräfte. Zwar trafen auf der einen Seite die schlimmen Folgen der Unruhen eine ohnehin schon geschwächte Konjunktur, aber auf der anderen Seite wirkte ihnen das Beharrungsvermögen einer schon weitgehend in sich gefestigten Wirtschaft sowie positive Auftriebsidie trotz oder sogar gerade wegen der Unruhen wirksam wurden, entgegen. Das ist, soweit die > Dinge sich heute übersehen lassen, die wirtschaftliche Zwischenbilanz an der Schwelle des dritten Aufruhrmonats. Palästinensische Wertpapiere an der Kairoer Börse zugelassen Der Ausschuss > der Börse in Kairo hat, wie der JTA aus Jerusalem gemeldet wird, den Handel in Aktien und Schuldverschreibungen der General Mortgage Bank of Palestine Ltd. an der Kairoer Börse zugelassen. Stadt arbeiten, um besser das nötige Geld sparen zu können — höherer Lohn der Stadtarbeit! —, ändert er sein Wesen und wird, wie noch später gezeigt werden wird, höchst problematisch. Wer also dauernd in der Stadt arbeitet oder arbeiten will, wird im allgemeinen den Kibbuz verlassen. Dann gibt es viele, die die enge Gemeinschafisbindung, die der Kibbuz seinen Mitgliedern nun einmal auferlegt und auferlegen muss, nicht glauben, ertragen zu können. Sie wollen wohl auf dem Land leben, aber auch, ähnlich dem freien Stadtarbeiter, ein Leben auf Eigenverantwortung aufbauen. Auch diese Menschen braucht das Land: sie finden als Eiuzeiarbeiter in den Kolonien ein schweres Brot. In jüngster Zeit schliessen sich auch Gruppen der Arbeiter-Alijah aus Deutschland zu Siedlungsgruppen zusam- 4 men, die sich in der Form des „Moschaw-Owdim“, einer weitgehend genossenschaftlich, aber auf Eigeninitiative aufgebauten Kleinbauernsiedlung,- ansiedeln werden. Noch ein anderer, sehr ernster Grund ist in manchen Fällen für den Austritt aus dem Kibbuz ausschlaggebend: die Notwendigkeit der Elternhilfe. Zwar können auch Eltern in den Kibbuzim Aufnahme finden, wenn diese erst etwas zur Ruhe gekommen sind, aber doch immer nur in beschränktem Umfange. Und Geldsendungen nach Hause, die es auch gibt, sind ebenfalls nur sehr beschränkt möglich. In solchen Fällen, wenn die Not der Eltern daheim gebieterisch verlangt, dass die Kinder für sie sorgen, verlässt oft ein Chawer oder eine Chawerah den Kibbuz, um eine besser bezahlte Stellung in der Stadt nicht aus eigennützigen Motiven, sondern den Eltern zuliebe anzune'hmen, die so zumin- . dest finanziell besser unterstützt oder auch „angefordert“ werden können. Schliesslich gibt es noch zahllose persönliche Gründe, die einen Menschen veranlassen können, dem Kibbuz den Rücken zu kehren: Krankheit, die ein Leben in der Siedlung untersagt, menschliche Enttäuschungen, die auch in einer Gemeinschaftssiedlung nicht ausbleiben, die Möglichkeit, 1 in einem Geschäft oder einer Wirtschaft, die die , inzwischen auch eingewanderten Eltern eröffnen, I