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Central-Verein-Zeitung · 1936-06-25 · 26 (25.6.1936) · p. [Seite]

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
15 (1936) - farbig
Issue
26 (25.6.1936)
Date
1936-06-25
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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„Die Italiener", erklärt Professor Claar, „empfinden die Rassenfrage überhaupt nicht, weil eben doch der Faschismus keine völkisch aufgebaute Bewegung ist. Aber sie begründen darüber hinaus ihre Ablehnung jeder Rassenpolitik in doppelter Weise. Sie weisen darauf hin, daß die 49 000 Juden unter 43 Millionen Italienern, auch wenn sie wollten, keinen Schaden anrichten könnten und daß außerdem die italienischen Juden im Risorgimento des 19. Jahrhunderts stets in der vordersten Reihe der italienischen Patrioten gestanden haben. Und gerade dieser Punkt bedarf der Klärung. Die italienische Einheitsbewegung wandte sich zwischen 1815 und 1870 gegen drei ausgesprochen katholische Mächte: Vor allem das Papsttum selber, ferner den Kaiser von Oesterreich und den König von Neapel. Diese Tatsache gab dem ganzen Risorgimento einen liberaldemokratischen Anstrich antiklerikalen Charakters. Daher auch die große Rolle der Freimaurerei, gar nicht zu reden von den Gründungen, wie zuerst die Carbonari und dann Mazzinis Giovine Jtalia. Wenn also sich die italienischen Juden an diesem Kampf mit Begeisterung beteiligten, so braucht man ihren subjektiven Patriotismus nicht zu leugnen, indem man seststellt, daß die ganze Einstellung des Risorgimento ihren demokratisch-antikirchlichen Neigungen in hohem Maße entgegenkam. Der Faschismus lehnt also eine Anerkennung der Rassenfrage ab, weil er nicht völkisch ist/ er sollte sich dabei aber nicht als Grund auf den historischen Patriotismus der italienischen Juden berufen. Unter allen Umständen gestattet ihm der Verzicht auf jede Rassenpvlitik in seinem kulturellen Wirken, an dem gefährlichen Widerstandsherd des internationalen Judentums glatt vorbeizukommen." Nationale Bewegung in China Neben anderen Ländern ist auch das weitausgedehnte China in den Gesichtskreis jüdischer Auswanderungsbestrebungen gerückt. Um so mehr dürfen die jüngsten Politischen Wirren in dem gelben Niesenreiche uns interessieren, über deren tiefere Hintergründe Otto Karow in einem Beitrag „Die .Bewegung Neuen Lebens' in China" („Nationalsozialistische Monatshefte", 7. Jahrgang, Nr. 75) näheres mitteilt. Als im Jahre 1911 die Revolution in China ausbrach, glaubten — wie Karow ausführt — manche revolutionären Führer, daß es ihnen ein Leichtes sein würde, den Frieden und die Ordnung wiederherzustellen und den daniederliegenden Handel und die schwer ringende Industrie wieder aufzubauen. Eine Besserung der gesamten chinesischen Lage gelang erst dem Mann, der sich nicht nur die innere Befriedigung des Landes zum Ziel setzte, sondern auch die Herzen des Volkes für die neuen Ideen gewinnen wollte: Marschall Tfchiangkaischek. Dieser tatkräftigen Persönlichkeit ist es zu verdanken, daß die Eroberung Chinas vorn Süden aus erfolgte, und ihm mit der Einnahme von Peking im Jahre 1928 die Einigung des gesamten Reiches — wenigstens militärisch — gelang. Getreu dem Vermächtnis seines großen Vorkämpfers Sunjatsen, gründete Tfchiangkaischek die „Bewegung Neuen Lebens", die sich dieser gewaltigen Aufgabe widmen wollte. Tfchiangkaischek ging auf die alten Klassiker zurück und gab seinem Volke die Begriffe, wenn auch in neue Formen gegossen, wieder, die einst das chinesische Reich hatten groß und stark werden lassen. An Stelle eines ungebildeten, schwelgerischen und undisziplinierten Lebens sollte wieder Mäßigung, Zucht, Ordnung und gute Sitte treten. Vor allem wollte diese Bewegung das vaterländische Gefühl wecken und auch dem einfachsten Mann des Volkes die Pflicht zum Eintreten für das Vaterland nahebringen, denn nur als wehrhaftes Volk kann China erfolgreich seinen zahlreichen äußeren Feinden entgegentreten. Zwei Jahre sind seit der Gründung der „Bewegung Neuen Lebens" vergangen. Nicht weniger als 100 000 chinesische Menschen aller Stände und Berufe haben sich mit ganzem Herzen in den Dienst der Sache gestellt und ihren Volksgenossen ein persönliches Vorbild gegeben. F. P. Liste jüdischer Badeärzte ergänzt Die Reichs Vertretung der Juden in Deutschland teilt mit: Zu der von der Reichsvertretung der Juden in Deutschland herausgegebenen Liste der jüdischen Badeärzte und Kuranstalten ist eine Berichtigung erschienen, die auf Anforderung von der Reichsvertretung der Juden in Deutschland, Berlin-Charlottenburg 2, Kantstraße 158, geliefert wird. Strassen-Umbenennun gen Die Spinoza-Straße in Hannover ist in Nietzsche-Straße umbenannt worden. Nach Meldung des ,,Wilhelmshavener Kuriers" ist die Heine- Straße in R ü st r i n g e n in Ruseler-Straße umbenannt worden. Die Schule Heine-Straße heißt jetzt Ruseler-Schule. In Frankfurt a. M. wurde auf Vorschlag des Oberbürgermeisters die bisherige Paul- Hey s e - Straße in Chamissostraße umbenannt. Manfred Swarsensky: Joseph und seine Brüder. Die erste Serie der Vortragsreihe „G e - st alten.der Bibel" im Berliner Jüdischen Lehrhaus (vgl. C.-V.-Zeitung Nr. 21, 24 und 25) schloß Dr. Manfred Swarsensky mit einem Referat über „Joseph und feine Brüder" ab. In feiner Einleitung wies Swarsensky darauf hin, daß die Geschichte Josephs und seiner Brüder, die von Voltaire als „eines der kostbarsten Denkmäler" bezeichnet wurde, in der Literatur wie auch in der bildenden Kunst und in der Musik außerordentlich oft verarbeitet worden fei. Er gab anschließend eine ausführliche Darstellung der Josephs-Geschichte, so wie sie die Bibel erzählt, wobei er im besonderen auf die bedeutsame Rolle der Träume hinwies, in denen sich — im Gegensatz zu den Träumen der Stammväter — Gott nicht unmittelbar offenbart. In der hellenistischen Literatur wurde der „Bodenreformer" Joseph als der Urheber der ägyptischen Zivilisation angesehen, in den späteren jüdischen Schriften immer stärker als Symbol der Tugend und Keuschheit. Für die jüdischen Kommentatoren des Mittelalters ist Pharao das göttliche Werkzeug des Planes, die Juden nach Aegypten zu bringen: das Wandernmüssen sei nicht als ein Verhängnis, vielmehr als Weg zu neuen Verheißungen zu betrachten. Der Midrasch entwickelt eine Kette von Analogien: alles, was Jakob begegnet sei, sei auch Joseph zugestoßen; und weiter: was Joseph begegnet sei, sei auch dem jüdischen Volk geschehen. Unter den zahlreichen modernen Darstellungen der Josephs- Geschichte hob Swarsensky den Roman Thomas Manns hervor. Vom jüdischen Standpunkt müsse die Auffassung Manns, in Joseph die Verkörperung von Schönheit und mythischem Geist, in der Erzählung zugleich reales Geschehen und Spiegelbild einer Götterwelt zu sehen, abgelehnt werden. Jüdischer Auffassung entspräche die Darstellung Manasfe ben Israels, der in der Josephs-Geschichte das Sinnbild des Leides und der Erhebung Israels erblickt. 8. B—n. Julius Bab: Vom religiösen Drama der neuen Zeit. Als letztes Werk innerhalb seiner Vortragsreihe „Vom religiösen Drama der neuen Zeit" behandelte Julius Bab im Berliner Jüdischen Kulturbund Shaws „Heilige I o h a n - n a". Trotz der sommerlich vorgeschrittenen Jahreszeit war der Logensaal bis auf den letzten Platz gefüllt. Bab, als einer der ersten Shaw- Biographen zu seinen Ausführungen besonders legitimiert, hielt sich, wie bei früheren Themen, lediglich an die bewegenden und gestaltenden Grundkräfte des Stückes: er verzichtete auf alle ästhetischen und dramaturgischen Maßstäbe für die Bewertung der breit gesponnenen Szenenfolge und charakterisierte Shaws Werk, entsprechend dem tiefen religiösen Weltgefühl des Dichters, als den höchsten symbolischen Ausdruck religiösen Erlebens in der modernen Dramatik. Ganz im Sinne des Apologeten und Puritaners Shaw ist das siebzehnjährige lothringische Bauernmädchen Johanna von Arc für Bab ein Genie und eine Heilige, die dennoch mit beiden Füßen fest auf der Erde stand. Das Geniale hat bei dieser jugendlichen Märtyrerin, die ihre heldische Opferbereitschaft auf dem Scheiterhaufen büßen mußte, die jedem Genie eingeborene Form übernatürlicher, geheimnisvoller Kräfte angenommen; durchdrungen von ihrer heiligen Mission fühlt sie sich unmittelbar von Gott zu ihrer Sendung berufen, und indem diese höhere Sendung sie in den Tod führt, vollendet Johanna die Tragödie des wahrhaft gotterfüllten Menschen. Keiner von Shaws Vorgängern hat, wie Bab hervorhob, mit so leidenschaftlichem Ernst an die irdische Heiligkeit dieser Johanna geglaubt, weder Shakespeare, der sie aus der Perspektive des Zeitnahen Engländers als wirkliche Hexe schilderte, noch Voltaire, der seinen satirisch-unanständigen Witz an ihr ausließ; weder Schiller, der in seiner „romantischen Tragödie" zu dem eigentlichen Problem keine Stellung nahm, noch — in späterer Zeit — Anatole France, für den Johanna von Arc nur eine geschichtlich interessante Figur war. Erst Shaw hob die Gestalt — wie der wundervolle Ausklang des Stückes lehrt — zum Sinnbild der ewigen Messiassehnsucht aller gläubigen Menschen empor, die der erlösenden Stunde harren, wo Gott auf Erden wandelt. Elternabend in Pankow Das jüdische Jugendwohnheim und Leh r li n gsh eim in B er lin-Pankow veranstaltete einen Elternabend in Form eines Gartenfestes. Die „Belegschaft" beider Abteilungen des Hauses hatte gemeinsam die Ausgestaltung übernommen, für eine reizende Beleuchtung durch Lampions gesorgt, eine Bühne mit besonders originellen Bühnenbildern und Garderoben (Ent- Wurf und Anfertigung in eigener Werkstatt) zusammengebaut und die Erfrischungen zurechtgemacht, die den zahlreichen Zuschauern in Per Pause geboten wurden. Der Leiter des Heims, Joseph, zeigte in kurzen Worten auf, wie die anfänglichen Schwierigkeiten erfolgreich in der gemeinsamen Erziehung dieser Jungen zwischen 14 und 21 überwunden wurden, und richtete schließlich an die Versammelten den Appell, zu den verantwortlichen Gemeindestellen und Erziehern volles Vertrauen zu haben. Nach den Darbietungen einer Singgruppe und einer guten Rezitation von Zuckermanns „Auserwähltes Volk" wurde ein Sprechchor von Hans Ehrlich „Das jüdische Haus", danach ein heiteres Spiel: „Durchkreuzungen" aufgeführt, in dessen Farbigkeit sich. manche junge Begabung zeigen konnte und das,! seiner Länge wegen, allein abendfüllend hätte fein stkönnen. ' Hilde Marx. 't, - r Frau Margarete Fried, die 15 Jahre hindurch die Groß-Berliner Frauenarbeit des C.-V. geleitet hat, hat aus Gründen der Arbeitsüberlastung diese Arbeit niedergelegt. Frau Fried \ wird vom Oktober ab ehrenamtlich für den C.-V. tätig sein. Postschlüsse nach Uebersee Vorbemerkung: Diese Uebersicht erscheint wöchentlich. Sie ist ohne Gewähr. Postschluss für Luftpostsendungen ist in Berlin beim Postamt C 2, in FrankfurtlMain beim B^hnpostamt 19 oder Flughafen. Einwurf bei -anderen Postämtern oder in anderen Orten bis zu 1 Tag früher als hier vermerkt. Nordamerika a) Seeweg 29. 6. ab Berlin; 29. 6. ab Hamburg 19 Uhr („Europa“ 30. 6. ab Bremen); 6. 7. an New-York 30.6. „ „; 30.6. „ „ 17 Uhr (..Manhattan“ 1.7. „ Hamburg); 9.7. „ „ 1.7. „ „; 2.7. „ „ 8 Uhr („Deutschland“ 2. 7. „ Cuxhaven); 10.7. „ „ b) Luftweg 30. 6. ab Berlin; 1. 7. ab Köln (Flughafen) 10 Uhr; 1. 7. ab Cherbourg (Schiff); 6. 7. an New-York (Zuschlag auf Auslandsporto 15 Pf. für je 20 g) Südamerika a) Seeweg 1. 7. ab Berlin; 2. 7. ab Hamburg 6 Uhr (Schiff 2. 7. ab Hamburg); 15. 7. an Klo; 18. 7. an Buenos Aires 9. 7. „ „; 10. 7. „ München 9 Uhr (Schiff 11. 7. „ Neapel); 23.7. „ „; 27.7. „ „ b) Luftweg 27. 6. ab Berlin 9 Uhr; 27. 6. ab Frankfurt/Main 13 Uhr (Französische Luftpost), .Laufzeit 5 Tage 1.7. ,, „ 21 Uhr 1.7. „ ,, 24 Uhr (Deutsche Luftpost), Laufzeit 3 Tage (Zuschlag auf Auslandsporto nach Brasilien 1,25 RM für je 5 g, nach Argentinien 1,50 RM für je 5 g) Südafrika a) Seeweg 30.6. ab Berlin; 1.7. ab Köln 21 Uhr; 3.7. ab Southampton (Schiff), Laufzeit 15—17 Tage 3.7. „ ,,; 3.7. ,, Hamburg 24 Uhr; 4.7. ,, Hamburg (Schiff), Laufzeit 15—17 Tage 4. 7. „ „; 4. 7. „ Köln 21 Uhr; 6. 7. ,, Southampton (Schiff), Laufzeit 15—17 Tage b) Luftweg 27. 6. ab Berlin 10 Uhr 15 Min,; ab München (Bahnp. Amt 1) 13 Uhr, Laufzeit 8—9 Tage 1. 7. „ „ 10 Uhr 15 Min.; „ „ (Bahnp. Amt 1) 13 Uhr, Laufzeit 8—9 Tage (Zuschlag auf Auslandsporto 35 Pf, für je 5 g) Palästina 27. 6. ab Berlin; 30.6. „ „; 4.7. .. ..; 28. 6. ab München 1. 7. 26. 6. ab München (Bahnp. Amt 1) 18 Uhr 27. 6. „ Berlin 6 Uhr; 28. 6. „ Berlin 10 Uhr 30. 6. „ München (Bahnp. Amt 1) 18 Uhr 1. 7. ,, Berlin 6 Uhr 2. 7. „ Berlin 10 Uhr; a) Seeweg 9 Uhr (Schiff 30. 6. ab Piräus); 9 Uhr (Schiff 2. 7. „ Brindisi); 9 Uhr (Schiff 7. 7. ,, Piräus); b) Luftweg 27. 6. ab München 18 Uhr, 2. 7. ab München 18 Uhr, 3. 7. an Jaffa 6.7. „ 9.7. „ Haifa Laufzeit bis Jaffa 2 Tage Laufzeit bis Jaffa 2 Tage Laufzeit bis Jaffa 2 Tage Laufzeit bis Jaffa 2 Tage Laufzeit bis Jaffa 2 Tage Laufzeit bis Jaffa 2 Tage (Zuschlag auf Auslandsporto 10 Pf. für je 5 g, mindestens 15 Pf.) unterdrücken zu können. Er sprach weiter, wenn auch weniger bestimmt: „Halorka hat von der Gnade des Ewigen gesprochen, daß keinem von uns Schaden an Leib und Leben widerfahren ist. Darum laßt uns dreifach aufachten. Auch von der Besatzung einer Brigantine kann Unheil über uns kommen. Wir haben nur wenig Waffen ..." „Waffen verunzieren den Mann!", sagte eine Stimme. Es war der Arzt Dagreda, von dem man nie wußte, ob feine dauernden Zitate Ernst oder Spott bedeuteten. Älfaro überhörte den Zwischenruf und fuhr fort: „Eö ist ohnehin eine Angelegenheit, mit der wir uns befassen müssen. Alle Knaben, von den Sechs- und Siebenjährigen bis zu denen, die bald mündig werden, treiben sich ohne Schutz von Morgen bis zum Abend am Strande umher. Sie verwildern, ste werden zuchtlos. Ich sage das, obwohl mein Sohn Juda darunter ist!" Bevor jemand eine Entgegnung wußte, nahm Alfaros AintSgenoffc, der zweite Stellvertreter des Vorstehers, Gerfon ben Abraham, das Wort, ein Mann mit weißem Haar, aber mit jungem Gesicht. Er ivar Juwelier von Beruf, und auS Gründen, die keiner kannte, unbeweibt geblieben. Er galt als klug und belesen, und er ivar beides noch weit mehr, als man glaubte. „Ich denke", so meinte er, „man lasse den Knaben ihren Zeitvertreib. Macht sie nicht vorzeitig zu Männern, nur Kinder sind glücklich!" „In der Jugend sind wir Männer, im Alter Kinder!", bemerkte Dagreda vielsagend. Auch Gerfon tat, lvie jeder in der Gemeinde, als wenn er die spitzen Worte DagredaS nicht vernahm. „Ich sehe keine Gefahr für" die Knaben", meinte er, „weil irgendwo eine Brigatine zu sehen ist!" Alfaro aber gab seinen Standpunkt nicht auf. „Je schwerer die Zeit, um so strenger die Zucht!", brachte er vor^. . . „Es sei ohnehin ein Unglück, daß der alte Lehrer Halevi in Santander vorder Einschiffung gestorben wäre!" Die Männer der Gemeinde drängten nach vorne. Ein solcher Streit zwischen den Regidores ivar etwas ganz und gar Ungewöhnliches. Da fiel die Hand Rabbi Isaaks schwer und laut auf daö vor ihm liegende Buch. Langsam erhob sich die mächtige, von der Last seiner achtzig Jahre ungebeugte Gestalt. Wie ein Turm stand der alte Mann auf seinem Hochsitz. „Sha!", sagte, er mit ganz dunkler Stimme. „Sha! . . Ruhe!" Aber cS war schon still. Dann beugte sich der Rabbi nach vorne und suchte Manast'e mit den Augen. Als er ihn gesunden hatte, sagte er: „Manasse Pinchon! Niemand hält dich, wenn du zurückkehren willst. Bleibst du aber, so wirst du an einem bestimmten Tage der Woche, siebenmal hintereinander, einen Fasttag einlegen!" Manasse hcugte seinen Kopf. Isaak fuhr fort: „Gerson hat recht, und Alfaro hat recht. Gerfon hat keine Kinder: darum liebt er sic. Alfaro hat einen Knaben; darum ist er streng mit ihm. Jede Minute deS Kindseins ijt aber ein Geschenk des Ewigen. Wenn Alfaro sagt, die Knaben werden wild und zuchtlos, so denke er, daß sie auch hart und stark werden. Und das wird vielleicht nötig sein. Aber da unser Glaube in den Knaben weiterleben wird, so müssen wir sie behüten. Solange das Schiff an der Küste liegt, werden sie nicht zum Strande gehen. Die Väter werden sie verwarnen, und ein jeder wird die Seinigen mehrere Stunden am Tage in der Lehre unterweisen . . . Euch allen aber sei gesagt: wie groß die Züchtigung deS Ewigen ist, so groß ist auch seine Gnade . . . Amen!" 4* rvCm Strande erscholl wieder der Lärm der Knaben. Das Schiff hatte zwar noch am Abend des gleichen Tages, an dem es gesichtet ivar, die Segel gehißt und war am Horizont verschivunden. Aber dennoch nmßten die Knaben zioei ganze Tage im Lager bleiben und bekamen viele und strenge Verwarnungen zu hören. Dazu lasen die Väter mit ihnen aus der Schrift oder ließen sie eine größere Anzahl Ncethaphern auswendig lernen. 2luch als der dritte "Tag herankam, hielt es eine Anzahl der Väter iveiter für richtig, ihre Söhne unter Aufsicht zu behalten. So ivaren es noch keine hundert Knaben, die an diesem Morgen ivieder zuin Meer herübergingen. Lcvi Alfaro ivollte ebenfalls seinem Sohne die Erlaubnis, zum Strande zu gehen, verweigern, aber als Hajim und einige andere kamen, um Juda abzuholen, mochte er bei aller vorgenommcnen Strenge seinen Vorsatz nicht ausführen und ließ Juda gehen . . . Mit diesem war eine Veränderung geschehen. Abwesend saß er im Sande, gab keine Antwort, wenn man ihn nach etivas fragte und achtete auch nicht darauf, als Hajim einen neuen Griff vorführte, durch den er beim Ringkampf unfehlbar jeden Gegner zu Boden zwang. Während die andern bewundernd der Kunst Hajims zusahen, stand Juda auf und schleuderte am Strande entlang, an dem sich die Knaben verteilt hatten. Er sah sich um, als wenn er jemand suche. Endlich sah er auf einem Plateau zwischen hohen Binsen und breiten Blattbüscheln Joseph liegen, der die Finger ineinander verschränkt über das Gesicht bewegt hatte, um die Augen gegen Sonne zu schützen. Als Juda vor ihm stand, stieß er ihn leicht mit den Zehen an, denn seine Füße waren — wie es bei den Knaben üblich war — nur durch eine Bastsandale geschützt. Ohne daß Joseph seine Hände herunternahm, fragte er: „Was willst du, Juda?" Er mußte ihn durch die Fugen zwischen den Fingern erkannt haben. Juda setzte sich neben ihn: „Ich muß dich . . . etwas fragen!" sagte er. Joseph zeigte durch nichts, daß er zu einer lcknterhaltung bereit sei. Aber Juda ließ sich nicht abschreckcn. „Joseph!" sagte er, „ich will wissen, ob du an diesen Gott glaubst?" „2ln welchen Gott?" fragte Joseph gclangweilt. „An diesen Gricchengott, an den Gott der Vernunft!" Joseph nahm die Hände vom Gesicht und setzte sich auf: „Das ist gar kein Gott. Die Griechengötter heißen . . .!" „Die kenne ich!" unterbrach ihn Juda, „du brauchst sie nicht aufzuzählen. 2lber du hast ihn doch einen Gott genannt!" „Das war nur ein Ausdruck. Euhomeros meint, daß Vernunft ist: nur zu glauben, was man sieht. 2lllein diese 2lnsicht mäste die Welt regieren. Du kannst daS Buch lesen!" „Ich will es nicht lesen, ich will nur wissen, woran du glaubst?" Joseph sah mit zusammengekniffenen Augen aufs Meer. Er mußte aber JudaS Frage verstanden haben, er wandte seinen Kopf und antwortete: „Woran ich glaube?" ... Ec faßte sich an einen Arm und an ein Bein. „Das glaube ich, daß das hier mein Arm ist und das hier mein Bein! Und noch an etwas glaube ich . . .!" Er verzog sein Gesicht: „daß ich Hunger habe, nur daran glaube ich bestimmt!" „Nein!" rief Juda laut. „Doch! Und wenn du willst, kannst du damit zum Rabbi laufen. Dann wird es mir ergehen wie Manasse Pinchon!" „Ich werde nicht zum Rabbi laufen!" entgegnete Juda gekränkt. Dann herrschte Stille. Nach einer Weile meinte Juda: „Es muß doch einen Sinn haben, daß wir nicht mehr in Spanien sind. Ich habe mit meinen Eltern in einem großen Hause gewohnt, und jetzt wohnen wir in schlechten Zelten und hungern. Das darf nicht sinnlos sein!" In Josephs Antwort lag etwas wie eine Spur von Wärme: „Das ist das Schlimme, es hat keinen Sinn, mein Juda! Es ist alles sinnloser Zufall!" (Fortsetzung folgt.)

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