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Central-Verein-Zeitung · 1936-06-25 · 26 (25.6.1936) · p. [Seite]

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
15 (1936) - farbig
Issue
26 (25.6.1936)
Date
1936-06-25
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Die Stunde der Bernlang Aus schmerzlichem Anlass taucht nun zum zweiten Male innerhalb weniger Monate die eigenartige geistige Atmosphäre aus den Jahren 1919 und 1920 auf. In jeder Woche sammelte sich im Arbeitsausschuss die Elite jüdischen Geistes aus, allen Berufsständen, um die vielfältigen Probleme, welche jene Jahre brachten, ihrer Lösung näherzuführen. Alle Tagesfragen wurden gleichsam in eine geistige Sphäre erhoben, ohne dass sie ihre Konkretisierung verloren. Im Kreis der Vorstandsmitglieder, aus denen der zahlenmässig kleine Arbeitsausschuss gebildet war, fiel die starke geistige Persönlichkeit Julius Brodnitz, sein trotz des weissen Bartes zeitlos wirkendes Antlitz auf. Er besass schon damals die seltene Fähigkeit, nach lebhafter Diskussion aus dem Widerstreit der Meinungen mit wenigen Worten die klare Linie zu bilden, die notwendig war, um eine Frage zum Abschluss zu bringen. Sein starkes Verantwortungsgefühl, seine von den Quellen des Humanismus gespeiste Betrachtungsweise wirkten besonders charakteristisch durch die anspruchslose, bescheidene Art, die ihm eigen war. Eugen Fuchs, unter dessen temperamentvoller Führung der Central-Verein in der bewegten Zeit nach dem Kriegsende seine Renaissance erlebte, hatte Julius Brodnitz als seinen Nachfolger ausersehen. Rückschauend stellt man fest, dass Leid und Erschütterung in jeder Zeit mit anderem Wertmass gemessen wird. Die noch lebenden Vorstandsmitglieder und Mitarbeiter werden sich der tiefen Bewegung erinnern, welche jene denkwürdige Arbeits - Ausschusssitzung als eine historische Stunde unvergesslich werden liess, in der Eugen Fuchs seinen Rücktritt von der Führung der Vereinsgeschäfte ankündigte. Im Gegensatz zu seiner sonst übersprudelnden Redeweise sprach Eugen Fuchs langsam und leise. Man hatte die Empfindung, dass er mit tiefster Schmerzlichkeit Abschied von einem teueren Kinde nahm, ja, dass er den baldigen Abschluss seines Lebens vorausahnte. Im spärlich beleuchteten Arbeitszimmer, unter dem grünen Schirm der Schreibtischlampe, die das Gesicht geisterblass erscheinen liess, gab Eugen Fuchs seinen schweren Entschluss bekannt und wies gleichzeitig auf Julius Brodnitz als den Würdigsten hin, dessen Verantwortungsbewusstsein er die Der Eintritt in leitende C-V-Arbeit Dr. jr. Julius Brodnitz Berlin C 19 Wallstrasse 17—18 f ■A/y * Sr C&LjLj Sy - t. Wahrung des Schicksals der Juden in Deutschland anvertrauen wolle. Keine seiner späteren, offiziellen Rücktrittserklärungen in der Hauptvorstandssitzung und in anderen Gremien. hat einen ähnlich starken Eindruck hinterlassen. ,tDie von Eugen Fuchs vorgezeichnete Linie der Üeberbrückuug und des Ausgleichs aller inneren Gegensätze — wie häufig fiel in Debatten über die Zionistenfrage sein mahnendes Wort „Nicht das Tischtuch zerschneiden zwischen unseren Brüdern“ — hat Julius Brodnitz weiter durchgeführt. Sie entsprach seiner inneren Einstellung, sie war seine Stärke bis in die letzten Jahre, deren schicksalhafte Wendung niemand voraussehen konnte. Lucia Jacoby. Gedanken einer Diaspora stand, die er bejahend erlebte mit ihrem Leid und ihrem Segen, mit der Bereicherung seines eigenen Wesens, das sich in der Auseinandersetzung mit einem anderen bewährt und kräftiger zu sich selbst zurückkehrt, der in schlichter Grösse tapfer* und selbstlos seinen Weg ging und in dessen Leben wichtiger war, was er zustande brachte als was ihm widerfuhr. Wie er Zeit seines Lebens aufgeschlossen war allem Schönen, Guten und Freudvollen, so war er aufgeschlossen dem Leide und fand in Stunden des Leidens als einer unter ganz Wenigen die zeitgerechte Form jüdischen Wirkens. Ihm war immer, wo er auch auftrat, das Judentum nicht eine Vielheit von Judentümern, deren jedes sich ängstlich um die Wahrung seines Machtbereichs sorgte, sondern Judentum war ihm das Einzige und Allgemeine, um das er sich sorgte, in seinem, innersten Wesen gehalten und getragen yon der, Idee, die ihm bis zuletzt nichts anderes war als die individuelle Tönung seines, unseres Judentums. Und so stand er in den letzten Jahren vor uns allen nicht nur als der allverehrte und geliebte Vorsitzende des C.-V., sondern als ein jüdischer Meister, der sich der Organisation bediente um der Gemeinschaft willen, der im Ganzen die Vielheit wertete nur um des Ganzen willen, und der in erster Linie es war, der dem Judentum in Deutschland in den Zeiten seiner schwersten Prüfung,auf dem Weg zur Einigkeit und Vereinigung hingebungsvoll zur Seite stand. ' r Das Ziel, das er damals allen wies, hatte er selbst erreicht: die Vereinigung der Lebensgegensätze in dem Wesen seiner abgeklärten Persönlichkeit. Die Linie seines Fuhlens und Denkens war die Linie der Ideologie, der er diente, und sie war ihm nicht npr die Form des Begreifens, weil sie einmal da war und man sich ungern von alten Formen löst, sondern sie war ihm die selbstverständliche Norm sei-? nes Lebens, das Gesetz,. naph dem er angetreten war und ausgeharrt hatte. Er brauchte nicht über Ideologie zu sprechen, denn sie sprach aus ihm; er durfte sie auch um eines Grösseren willen einmal zum Schweigen, bringen, denn sie lebte in ihm unverlierbar; so wie er seine Person zurückstellen konnte, ohne fürchten zü müssen, än seiner Persönlichkeit zu Verheren. So war er der Lautere und Gerechte, der Ritterliche und Tapfere, der Ver* stehende und Gütige, ein adeliger Mensch. Man sagt, jeder Mensch sei ersetzbar; 6 r ist unersetzbar. Er ist unersetzbar, nicht nur weil jeder Mensch, der dies ganz ist, als Persönlichkeit eine Einmaligkeit ist, sondern auch deshalb, weil wir niemanden sehen, der uns geben könnte, was er uns gegeben hat. Trostlos ptehen wir in unserer Trauer um den prachtvollen und lieben Menschen, eins uns fühlend mit seiner verehrten Gattin und seinen Söhnen im Wissen um die Grösse des Verlustes, und es wird uns stets einen die Erinnerung an ihn, der nur mit seiner Körperlichkeit hinweggegangen ist; die'Spuren seines reichen Lebens aber > werden bleiben und es bleiben die Tugenden und Gaben, die er seinen Kindern geschenkt hat, es bleibt das Bild seines Wesens, sein Vorbild, wie er es uns allen eingeprägt hat; unverlierbar setzt sich seine Persönlichkeit fort in dem Kreise, in dem er gelebt hat, in den Herzen all derer, die er geliebt und für die er gearbeitet hat. Treu werden wir ihm die Liebe bewahren über das Grab. * Nachdem Rabbiner Dr. Leo B a eck das Totengebet gesprochen hatte, sang Oberkantor John Jacobsohn das El mole rachamim. Dann leitete das Harmonium über zu dem Gesang „Ruhe sanft im ewigen Frieden“, den der Chor des Berliner Kulturbundes unter Leitung seines Dirigenten Berthold Sander klang- und stimmungsvoll vortrug. Langsam versank der Sarg. Leo B a e c k sprach das Käddisch, und Harmoniumtöne gaben der ergreifenden Feier letzten Ausklang. Der Freund des „Morgen66 Eine Stunde, bevor der todbringende Unfall seinem Schaffen ein Ziel setzte, sprach Justizrat Brodnitz mit wenigen seiner engsten Mitarbeiter über den „Morgen“. Als einer der tätigsten Freunde der Zeitschrift hatte er um diese Be- ^unrechüng gebeten, weil ihm bestimmte .u_*bgUngen am Herzen lagen und weil er mit M%ie<ier einmal über Pläne und Er- Wir . fahrungen berichten lassen wollte. Vor allem aber lag ihm daran, einen kritischen Einwand zurückzuweisen, der da gemeint hatte, das Niveau der Zeitschrift sei für den Durchschnittsleser zu hoch. „Sie wissen ja, dass ich den „Morgen“ sehr liebe“, so hatte er sich der Schriftleitung gegenüber vorher schriftlich geäussert und das Gespräch stand ganz im Zeichen dieser Gesinnung. Wir erörterten die Aufgabe einer gehobenen, den Tageskleinlichkeiten entrückten Betrachtungsweise, wie sie die Monatsschrift fordere und voraussetze. Er bekannte sich rückhaltlos zu dieser Notwendigkeit. Der Gedanke, die Ereignisse aus Enge und Rechthaberei heraus in ihre geistige Sinnbeziehung zu retten und ihnen vertiefte Deutung zu geben, entsprach so sehr seinem eigenen Wesen, dass er nicht müde wurde, ihn zu vertreten. Dabei missachtete er, der sonst so mitten im Leben stand, die Beweiskraft von Zahlen und geschäftlichen Erfordernissen. Er machte keine Zugeständnisse auf Kosten des Niveaus und ermutigte unseren Willen durch seine eigene Entschlossenheit. Er war sein ganzes Leben lang gewöhnt die geistigen Sphären dieser Welt in ernstem und mühevollem Suchen sich zu erschliessen. Seine harmonische Persönlichkeit war ihm nicht als Gnadengeschenk eines Schöpfungsaktes gegeben, er hatte sie in rastlosem Streben erarbeitet. Darum machte er unser Verlangen, in stürmischer Zeit eine Stelle der Sammlung zu erhalten, auch zu dem seinen. Er wusste und empfand es als Entbehrung, dass andere Möglichkeiten dieser Art verlorengegangen sind. Um so höher schätzte er die eine, die er im „Morgen“ verwirklicht sah. Mit einer unumwundenen Absage an die geistig Trägen und mit einem erhebenden Bekenntnis zu der Idee des „Morgen“, ihrer Gestalt und ihrer Höhe, klang jene Unterredung aus. Au£ dem Heimwege haben wir uns gegenseitig sein Bild gezeigt, wie wir es in uns trugen und wie es uns diese Stunde wieder enthüllt hatte. In tiefer Dankbarkeit wurden wir uns bewusst, was wir an ihm besassen und wie er uns wieder einmal von der Kraft seiner Unbedingtheit gegeben hatte. Wir ahnten nicht, dass die Worte, die wir damals sprachen, schon fast ein Nachruf waren. Wir wiederholen sie heute als Dank und Gelöbnis: Den „Morgen“ als sein Vermächtnis weiterzuführen, wird die Probe unserer Treue sein. Dr. Eva Reichmann-Jungmann. Der Anwalt Es ist kein Zufall, dass die drei Männer, welche dem C.-V. das Gepräge gaben, dass Maximilian Horwitz, Eugen Fuchs und Julius Brodnitz Juristen, und dass sie alle drei Anwälte gewesen sind. Es ist auch charakteristisch, dass sie nicht, wie vielfach sonst Politiker, die von der Jurisprudenz ausgingen, ihren Beruf nur nebensächlich ausübten, sondern dass sie sich schon in jungen Jahren durch ihre beruflichen Leistungen zu Zierden des Anwaltsstandes entwickelten. Ebenso wie sie sich in ihrem öffentlichen Wirken bei aller gemeinsamen Zielrichtung grundsätzlich voneinander unterschieden, hoben sich auch auf beruflichem Gebiet ihre Persönlichkeiten scharf voneinander ab. Während Horwitz die forensische Betätigung in jeder Geste und jedem Worte spüren liess, Fuchs in der Art seines Vortrages und als Debatter den Anwalt niemals verleugnete, verriet die ruhige, abgeklärte, diplomatische Art von Brodnitz niemals, dass er aus der Anwaltschaft kam und in ihr einen wertvollen Platz einnahm. Nun, wer einmal seinen Rai und seine Hilfe als Anwalt in Anspruch nahm, hat erfahren, wie sein Einfühlungsvermögen und sein klares schnelles Urteil in den verwickelsten Dingen, seine Zähigkeit in der Verteidigung der ihm anvertrauten Interessen, seine kühn zupackende Art, wo es zur Erreichung der ihm übertragenen Aufgabe nötig war, ihn zu einem hervorragenden Rechtsbeistand stempelten. Dass diese Fähigkeiten gepaart waren mit einem durchdringenden Verstände und einem warmen Herzen, bewirkte, dass er der wahre Rechtsfreund seiner zahlreichen Klienten wurde, die ihm oft ein Lebensalter hindurch treue Anhänglichkeit bewiesen. Die Kollegen wussten zu schätzen, dass zu diesen wertvollen Eigenschaften auch noch hervorragende Rechtskenntnisse hinzutraten. Was Brodnitz aber als Anwalt wirklich bedeutete, kann in vollem Umfange nur der ermessen, dem es, wie dem Schreiber dieser Zeilen, vergönnt war, nahezu zwei Jahrzehnte in beruflicher Verbundenheit neben ihm zu wirken. Trotz einer von Jahr zu Jahr wachsenden Tätigkeit im jüdischen Leben war er stets für seine Klienten zu sprechen. Immer fand er die Zeit, die schwierigsten Rechtsprobleme mit umfassender Gründlichkeit zu erörtern und einer Lösung zuzuführen. Gerade die Gründlichkeit und Elastizität, mit der er die unendlichen Wandlungen des Rechts seit Kriegsausbruch studierte und sich, fern von aller Routine, die er verabscheute, mit echter Wissenschaftlichkeit zu eigen machte, bewiesen, dass er zum Juristen geboren war, und dass ihm der erwählte Beruf nicht nur äusseren Erfolg, sondern auch innere Befriedigung brachte. Dem Bilde von der Persönlichkeit des Juristen Brodnitz würde ein wesentlicher Zug fehlen, wenn man die ethische Lebensauffassung unerwähnt Hesse, die den Grundakkord seiner beruflichen Betätigung bildete. Ihm war es, trotzdem er einer individualistischen Epoche entstammte, niemals allein um das Einzelinteresse zu tun. Er sah stets weiter und suchte, wie es der echte Anwalt stets tun soll, die Individualansprüche mit den allgemeinen Erfordernissen in Einklang zu bringen. Dieser Sinn für die Gemeinschaft brachte es mit sich, dass er gern seine Hilfe leistete, wenn es galt, Unternehmen zu begründen, die ihre Wirksamkeit über einen grösseren Kreis erstreckten, mochten sie auf privatwirtschaftlicher oder gemeinnütziger Grundlage ruhen. So hat er sich, ratend und fördernd, bei Gründungen auf den verschiedensten Wirtschaftsgebieten, bei bedeutenden Konzernen und Kartellen betätigt, so hat er als Aufsichtsrat führender Werke, als Syndikus und Testamentsvollstrecker seine wirtschaftliche Erfahrung und sein juristisches Wissen in den Dienst der von. ihm Betreuten gestellt. Er war gern und in erster Linie Wirtschaftsjurist. Dabei hatte er aber auch, wenn er vor Gericht auftrat, stets das Ohr der Richter, die seine vornehme Persönlichkeit hoch zu schätzen wussten, und bei denen sein Name guten Klang besass. Seine Plaidoyers waren eindrucksvoll und verfehlten ihre Wirkung nicht. Der beredte Mund ist jäh verstummt. Der sorgende, nimmer müde Geist, der stets einen klugen Rat, ein helfendes Wort zu rechter Zeit wusste, ruht auf immer. Uns jüdischen Juristen war und bleibt er ein Vorbild. Er hat auch uns durch sein Leben ein Vermächtnis hinterlassen. „Und verbringst Du, kräftig milde, Deiner Laufbahn reine Kreise, wirst Du auch zum Musterbilde Jüngeren nach Deiner Weise.“ Dr. Fritz Wieluner.

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