Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 15 (1936) - farbig
- Issue
- 26 (25.6.1936)
- Date
- 1936-06-25
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2277379-9449481-9449391--10506-9449145- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 26 * 1. Beiblatt 25. Juni 1936 CYZeitunq Die Trauerfeierlichkeit Am Montag, 'dem 22. Juni, wurde Julius Brodnitz’ leibliche Hülle im Krematorium Berlin-Wilmersdorf den Flammen übergeben. Seine Asche wird auf dem Jüdischen Friedhof am Pfingstberg in Potsdam beigesetzt werden, einem Platz, den er sich schon vor Jahren erwählt hatte, weil Potsdam mit seinen Wäldern und Seen seinem Heimatgefühl aufs innerste verbunden war. Rote Rosen und weisse Kalla schmückten den schlichten Sarg; eine unübersehbare Fülle wirklich leidtragender Menschen ging unter Klängen des Harmoniums in die Halle. In grosser Zahl waren erschienen Hauptvorstandsmitglieder, Landesverbands- und Ortsgruppenvorsitzenden des Central- Vereins, an ihrer Spitze die Stellvertreter des Vorsitzenden Dr. Rudolf Callm an n, Köln, Dr. Herzfeld, Essen, Ernst Wallach, Berlin, und Dr. Bruno Weil, Berlin, sowie die Mitarbeiter der Hauptgeschäftsstelle, geführt von den Geschäftsführenden Syndici, die Gattinnen der verstorbenen C, V.-Vorsitzenden Horw i t z und F u c h s. Ausserdem hatten sämtliche jüdischen Organisationen und Körperschaften ihre leitenden Persönlichkeiten entsandt. Für die Reichsvertretung der Juden in Deutschland war erschienen Dr. Otto Hirsch mit seinen Mitarbeitern Direktor Friedrich Borchardt, Dr.Paul Eppstein, Studienrat Dr. Leschnitzer, Dr. Arthur Lilienthal, Dr. Georg Lubinski; für den Preussischen Landesverband jüdischer Gemeinden Kammergerichtsrat i. R. Leo Wolff und Rabbiner Dr. Galliner; für die Jüdische Gemeinde Berlin Direktor Heinrich Stahl, das Vorstandsmitglied Moritz Rosenthal, der Vorsitzende der Repräsentantenversammlung und zugleich Vorsitzender der Vereinigung für das religiös-libe- Wir sehen in dieser Stunde Julius Brodnitz vor uns, so, wie wir ihn in so mancher Stunde vor uns, unter uns gesehen haben, und, wenn es uns so sein will, auch in dieser Stunde, als hörten wir ihn zu uns sprechen, uns ist, als könne es gar nicht anders sein, als spreche er zu uns auch jetzt, ein beruhigendes, ein versicherndes, ja, fast ein 1 eiteres Wort. Denn dieses Heitere, dies, s Ausgesöhnte, diese hilaritas, von der die alten Klassiker sprechen, zu denen er von der Jugend her die Liebe hegte und denen er die Treue hielt, dieser Humor war ein Grundzug seines Wesens. Er hatte in seinem Leben vieles und viele kennengelernt, Menschen und Geschehnisse, grosse und kleine, kommende und gehende, beginnende und endende, und er hatte sich mit der Erfahrung versöhnt. Er wusste um die Grenzen, um die endlichen Seiten von Menschen und Dingen. Das hat dem Entschlafenen eine innere Freiheit gegeben, diese Freiheit, überall auch hinter dem Unvollkommenen das Menschliche zu sehen, diese Freiheit der Sympathie, die das eigene Ich mit dem des anderen, auch wenn er gegenübersteht, rale Judentum, Rechtsanwalt Heinrich Stern; für den Jüdischen Frauenbund Prof. Cora Berliner undHannah Karminski, für die Gesellschaft ORT Wilhelm Graetz; für die Zionistische Vereinigung für Deutschland Dr. Franz Meyer, Dr. Michael Traub und Amtsgerichtsrat a. D. Dr. Tuchler. In Vertretung des zurzeit von Berlin abwesenden Bundesvorsitzenden des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten waren die Mitglieder des Führerrats des RjF-, Walter Callmann (zugleich für das Elternhilfswerk), Dr. Fleischer, Bruno Kleyff und Rechtsanwalt Ferdinand Samo je erschienen, von der Bundesleitung des RjF. Dr. Gurt Elsbach, Dr. Ernst Rosenthal, Kammergerichtsrat i. R. Dr. Dienemann und der Hauptschriftleiter des „Schild“, Dr. Hans Wollenberg; für den H i 1 f s v e rein de r Judenin Deutschland Dr. Mark Wischnitzer und Dr. Werner Rosenberg; für das Kuratorium des Hilfsvereins Bankier Dreyfus; für den Joint Professor Dr. Eugen Mittwoch; für den Zentralverband jüdischer Handwerker Wilhelm Marcus; für den Jüdischen KulturbundDr. Kurt Singer und Dr. Werner Levie; für den Deutschen Makkabikreis Paul Lewinsohn; für den KC Dr. Hermann Berlak, Dr. Kurt Levy und Dr. Ernst Reichmann, für die Jüdische Auswandererschule Fritz Schwarzschild; für den Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden Dr. Otto Weiler, München; für die Jüdische Jugendhilfe Otto Eskeles. Von bekannten Führern der dem C.-V. nahestehenden jüdischen Jugend waren anwesend: Heinz Kellermann, Martin Sobotker, Gerhard Kann, Dr. Kurt Julius Riegner; für den Reichsausschuss der jüdischen Jugendverbände Dr. Bruno Sommerfeld, für die Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums Professor Dr. Ismar Elbogen. doch immer verbunden weiss, die im Tadel und mit dem Tadel doch zugleich beschwichtigt und versöhnt, die in der Auseinandersetzung, im Angriff, doch zugleich wieder zusammenführt. Der Verewigte war immer gerecht, aber niemals nur gerecht. Er war immer ein freier Mann, und das bedeutet doch: ein menschlicher Mann. Darum war er nicht nur einer, der auf einen Platz gelangt war, sondern auf jedem Platz, auf dem er stand, immer er selbst, immer die freie Persönlichkeit, und darum im Grunde unersetzlich. Das hat ihn im besten, ja im staatsmännischen Sinne des Wortes zum Politiker gemacht, und das hat ihn von den kleinen, den unfreien Parteigestalten immer unterschieden. Er durfte zulernen, er durfte andere anerkennen, weil er frei war, weil er die Selbstverständlichkeit seines Wesens hatte, weil er die Weite des Denkens und des Empfindens besass. Das, was ihm in Kindheit und Jugend die Wege der alten Heimat, von der er so gern sprach, gegeben hatten, diese Verwebung von Tradition und Gegenwart und des Sinnes für das Jüdische und des Sinnes für das Deutsche lebte stets in ihm, die alten Verbindungen seiner Bildung, die Hinneigung zum Humanismus, zu dem Geiste Lessings und Goethes, und doch zugleich die Erschlossenheit für alles Neue blieben in ihm lebendig. Und alles stand für ihn immer in einem Grösseren, gleichsam in der Unendlichkeit und Ewigkeit, in der Welt des Religiösen, in diesem Grossen, in dem alle Grenzen befasst sind. In der grossen Einheit sah er alles Gegensätzliche: er sah es mit der Tiefe des Empfindens und dem Humor der Versöhntheit, treu darum allem, was er je ergriffen, was ihn je erfasst — ein Mann, man kann es ganz nur mit einem Wort der Bibel sagen: „isch emunot“, und es ist so schwer, es ganz in unsere Sprache sich zu übersetzen: „ein Mann der Treuen“, der Treue gleichsam in ihrer Allheit, in all ihrer Vielheit und Mehrzahl, ein Mann der Treuen, der Treue auf jedem Wege des Lebens. Es gibt eine Verschlossenheit und Enge der Treue, einen Egoismus in ihr, der nur den eigenen Kreis, das Haus, die Gruppe kennt, und es gibt eine Offenheit der Treue. Sie hat der Heimgegangene besessen. Er war „isch emunot“, „ein Mann der Treuen“'. „Der Treuen“ — im Worte das letzte, im Gedenken, im Empfinden das erste ist, was er so seinem Hause war. Ihm war es geschenkt, dass er seine Frau besass. Es ist das Grösste, das von dem Bunde eines Mannes und einer Frau gesagt werden kann, dass sein Leben, auch sein öffent- In bitterer Klage trauern wir um ein Leben, das, wenn auch plötzlich abgebrochen, gleichwie ein gerundetes Ganze harmonisch in seiner Form und ssäuern Gehalt, vor uns steht, als ob es seine Bahn seinem Gesetze treu vollendet hätte. Wir stehen hier in Bann geschlagen von dem Bilde des Mannes, dessen Heimgang nun eine Wirklichkeit geworden ist, vor der uns bangte, wenn immer wir an ihre Möglichkeit dachten. Und wenn ich versuche, die Empfindungen in Worte zu fassen, die die Vorstellung dieses unermesslichen Verlustes weckt, so weiss ich, dass ich kaum zu unterscheiden brauche zwischen den Gefühlen der ihm eng Verbundenen und denen der grossen Gruppe der Menschen des Central-Vereins, für die ich hier stehe. Es gibt unter ihnen heute wohl niemanden, der nicht erbebte in dem Gefühl der Trauer um einen Mann, der wie kaum einer, jeden, der ihn sah oder hörte, den Fl auch seiner starken Persönlichkeit verspüren liess, sei es, dass er vor Hunderten den Idealen seines Lebens das beredte Wort verlieh, sei es, dass er sich mit den Menschen seines vertrauten Arbeitskreises in der Beratung traf, in der er anscheinend Rat suchte, in Wahrheit aber, schlicht und bescheiden, über der Sache stehend, meisterhaft den Zusammenklang des Entgegengesetzten fand. Wenn er auftrat in der 0Öffentlichkeit, so verstummte die Kritik an seinem Worte, denn liches Leben, auch das Leben seiner grossen Erschlossenheit, seiner „Treuen“ nicht gedacht werden kann ohne seine Frau, ohne diese Treue. So war es dem Verewigten beschieden, das war das grosse Geschenk seines Lebens, und es ist wie ein Sinnbild, dass sein Leben ausgeklungen war in Wochen, in denen er ganz seiner Frau nud sie ganz ihm gehören konnte, in denen er Neues ganz sehen, ganz erleben konnte, weil er es mit ihr sah, mit ihr erlebte, dass seine letzten Schritte ein Weg zu ihr sein wollten, um ihr Freude zu schenken, um mit ihr zu denken und zu empfinden. Und er hatte seine Kinder, die Söhne, jeden in seiner Art mit ihm verbunden und jedem besondere Treue schenkend, nah und fern, und fast ein Sinnbild wieder ist es, wie es ein Ausklang seines Lebens wurde, dass er sein Enkelkind sehen durfte, den Träger des Namens. In diese „Treuen“ war der Verewigte mit allen den Seinen, den Geschwistern und den ihm zu Geschwistern Gewordenen und allen, die zu ihm gehörten, geeint, allen verbunden, die mit ihm arbeiteten, mit ihm dachten, allen, die das Leben je zu ihm geführt hatte, „isch. emunot“, „ein Mann der Treuen“. Von dem Manne der Treuen rühmt es der Bibelsatz — und wenn der Entschlafene jetzt zu uns spräche, er würde Worte wie diesen Bibelsatz zu uns sprechen dürfen in seiner Art, beschwichtigend, versichernd, ausgesöhnt, fast heiter, in dem Bewusstsein, dass, wenn seine Tage auch nicht ganz erfüllt, doch sein Ich, sein Wesen erfüllt worden ist: „isch emunot raw berachot“, „Der Mann der Treuen ist an Segnungen reich“. So bleibt für uns alle Julius Brodnitz. wie er den Menschen gegenübertrat, hoch erhoben das Haupt, doch ohne Eigendünkel, selbstbewusst und doch bescheiden, fest und bestimmt und doch gütig und verständnisvoll, da war es eines, das alle spürten durch das Gefüge seiner Sätze und durch den Aufbau seiner Gedanken hindurch: hier spricht ein Mensch, erfüllt von seiner Aufgabe und in schmuckloser Ehrlichkeit hingegeben seiner Idee; der es verschmähen durfte, mit billiger Rethorik Seelen zu fangen, da ihm aus der Quelle des ehrlichsten. Wollens die Worte einer ernsten Ueberzeugung strömten. Er glaubte, was er sagte. Aber er sagte auch, was er glaubte;und da es zumeist seine Gedanken waren, die er aussprach, und er bis zu seinem letzten Tage jünger war als die meisten der Jungen, so waren auch seine Gedanken jung, und oft mussten wir unsere Bewunderung teilen zwischen der Weisheit seines Alters und der jugendlichen Kraft seines fortreissenden Idealismus. Vergangenheit als Tradition und Gegenwart als Aufgabe fand in ihm eine Vereinigung, die sich uns darbot als ein Selbstverständliches, in ihrer Problematik nicht aufgehoben, aber überdeckt und gemildert von der Wärme seines Empfindens und dem Humor seines Geistes. Seine grossen Jahre aber waren seine letzten, und sein letztes Bild wird uns das Bild eines jüdischen Menschen sein, der mit tiefer, innerer Ueberzeugung hinter dem Oie Trauerrede von Rabbiner Orm JLeo RaecU Ansprache von Rudolf Callmann9 Köln %