Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 15 (1936) - farbig
- Issue
- 25 (18.6.1936)
- Date
- 1936-06-18
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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18. Juni 1936 Nr. 25. * 2. Beiblatt Unser neuer Roman: Das NnabenschLff / i. ec Streifen Strand zwischen Meer und Dünen war nicht breit, und er war auch steinig. Trotzdem bevölkerten ihn vom Morgen bis zum Abend die Knaben aus dem Flüchtlingslager, das eine halbe Meile von der Küste in einer langgestreckten Talsenkung der mit Oleander und Zwergpalmen bewachsenen Hügellanöschast ausgeschlagcn war. Die glühende Sonne NordafrikaS war am McereSufer nicht leichter zu ertragen als im Lager. Aber die Knaben suchten auch nicht so sehr Abkühlung als Zerstreuung und Spiel. Stunden hindurch konnten sie den Zauber der sich überstürzenden Wellenkämme beobachten, sie konnten das heranflutende Wasser in sinnreich angelegte schmale Kanäle strömen lassen und das Abfließen durch hurtig vorgeworfene kleine Dämme zu verhindern suchen . . . Unzählig waren die Abarten der Spiele, welche der Strand mit seinen Steinen und Muscheln, das Meer mit den wechselnden Gezeiten den Knaben bot ... Sie saßen auch oben auf den Gipfeln der Dünen und betrachteten den unermeßlichen, stahlgrauen Spiegel des Ozeans. Jedes Segel, das sich darauf — wenn auch nur äußerst selten und dann in größter Entfernung — zeigte, gab zu den auSgefallendsten Mutmaßungen Anlaß. Einigen der Knaben war es gelungen, am Horizont einen kleinen weißen Punkt zu entdecken, von dem sie behaupteten, das wäre Spanien, es müsse das Vorgebirge Trafalgar sein. Wenn am Vormittag die Sonne die heißen Dunstwolken bildete, dann verschwand der winzige Punkt, aber er erschien von neuem in später Nachmittagsstunde, sobald sich die allererste Abkühlung bemerkbar machte. Alle Augen folgten dann der Hand desjenigen, der den Punkt wieder erspäht hatte. Mit einem Schlage wurde cs still. Vergessen waren die Wellen und das Spiel, vergessen der Sand und die Muscheln? DaS weiße Fleckchen, das war das Letzte, was die Knaben von Spanien, dem Lande, in dem sie geboren waren, und in dem sie gelebt hatten, noch sahen. Es dauerte jedesmal Minuten, bis der Lärm des Spieles wieder einsetzte. Aber nur die Jüngsten wandten sich unbekümmert dem Wasser und dem Sande zu. Die anderen saßen aus den Dünen, ihre Blicke streiften über die nun ganz öde erscheinende Fläche des Meeres hin, gleich, als müßte von hier das Wunder kommen, das sie alle erwarteten und ersehnten, am Strande und auch im Lager. Aber nie zeigte sich auf dem unabsehbaren Spiegel etwas von Bedeutung, kein Segel hielt jemals auf die Küste zu, kein Schiff, selbst die armseligste Felukke nicht, ging in der Nähe vor Anker ... Zweieinhalb Monate vorher hatten die Auswanderer ihr Lager in jener Talmulde, wie es ihnen vorgeschrieben war: „mindestens fünf Meilen von dem Ort Arsila entfernt", errichtet. Die grauen Zelte hoben sich wie kleine Inseln aus einer roten Flut ab: seit einiger Zeit standen die Oleanderbüsche, die die Hügel und Täler überwuchert hatten, in voller Blüte. Und dreieinhalb Monate waren verflossen, seitdem sich die Judengcmeinde der spanischen Stadt Sedano — an die eintausendeinhundert Menschen — im Hasen won Santander eingeschifft hatte. Es war den Regidores, den Gemeindevorständen, gelungen, einen italienischen Schiffspatron, den Messer Carlo PcSciera, ausfindig zu machen, und das wurde als ein ungewöhnliches Glück betrachtet. Nach Sedano waren nämlich die schlimmsten Gerüchte über die entsetzlichen Erlebnisse vieler Juden aus spanischen und portugiesischen Schissen gedrungen: da war aus einem Schiss die Pest ausgebrochen, und der Schisföhauptmann, der die Schuld an der Seuche auf die Juden schob, setzte diese kurzerhand an einer unbewohnten Küste an Land, wo sie alle am Hungertode zugrunde gingen . . . Ein anderer Kapitän zwang unterwegs seine Paß agiere aus einer nichtigen Veranlassung heraus die Boote zu besteigen und segelte davon, bieder das Schicksal der AuSgcsetzten war nichts bekannt ... Solche und viele andere Erzählungen hatten die Gemüter fast verzagen laßen, und darum wurde es als gutes Vorzeichen angcsehen, daß man die Reise in die ungewisse Zukunft aus italienischen Schissen antreten konnte. Die Juden von Sedano standen in ganz Nordspanien als glänzendes Vorbild da. Nur ein knappes Hundert von ihnen hatte es vorgezogcn, dem Edikt von Toledo zufolge das Haupt unter die Taufe zu beugen. Alle anderen weigerten sich, den angestammten :WMM Glauben auszugeben. Sie wollten eher das traurige Schicksal der Auswanderung ertragen, als im Lande zu bleiben und dafür „Anussims" gescholten zu werden, was soviel bedeutete, wie Gezwungene oder gar wie Verwünschte. Die unzähligen Debatten, die seit Jahren über die Frage: „Bleiben oder Nichtbleiben" auSgesochten waren, hatten ihre Klärung gefunden: jeder wußte, was zu tun war, die Gemeinde löste sich nicht auf, sie blieb beieinander, alle trugen das gleiche Schicksal. bind so mischte sich denn in der traurigen Stunde, in der die zwei Kacavellen des Messer PcSciera den Hasen von Santander verließen, in das Gefühl des Schmerzes ein Gedanke des Stolzes .. . und dadurch der Zuversicht. Aber diese sollte bald schwinden. Zwar ging die blebersahrt ohne Zwischenfälle vor sich. Keine jener Katastrophen, von denen man in Sedano hatte sprechen hören, trat ein. Jedoch von der Stunde, in der die Küste Marokkos auftauchtc, wich das Glück. In Ceuta, in bistrak, in Tagnut, die ganze Westküste entlang verwehrten die örtlichen Behörden die Landung, bicbcrall hörte man die gleichen Worte: alle Städte und Ortschaften seien überfüllt mit spanischen Exulanten, es müsse damit sein Bewenden haben. An der Ostküste, nach der man nun zurückfuhr, sah es nicht anders aus. Zwei volle Wochen, eine längere Zeitspanne, als die bleberfahrt gedauert hatte, wurden daraus verwandt, einen Hasen nach dem anderen anzulausen. Endlich ließ sich der Scheich von Arsila herab, eine Landung zu erlauben. Aber er machte die strenge Bedingung, daß die Flüchtlinge die Stadt nicht betreten dürften, sie müßten ein Lager aufschlagen, das fünf Meilen vom Ort entfernt wäre. In einer flachen Bucht, südlich Arsila, landeten die Flüchtlinge. Die Ausschiffung dauerte drei Tage. Zwei davon mußten auf den Bau einer Brücke verwandt werden. Ohne diese wäre eine Landung unmöglich gewesen, da die Schisse trotz ihres geringen Tiefganges natürlich nicht an den Strand heran konnten. Endlich hatten alle festen Grund unter den Füßen. Aber die Lage blieb weiter verzweifelt. Wohl gelang es, das Zeltlager in der Talsenkung zu errichten. Leinwand und Holz hierzu konnten die Flüchtlinge in Arsila kaufen, zum Transport des Gepäckes hatten sie sogar Esel mieten können. Aber es dauerte nur kurze Zeit, bis die Lebensmittel knapp wurden. Die Einwohner der Stadt verhielten sich immer feindlicher, sie beriefen sich aus ihre Behörden, die ihnen aufgetragen hätten, jeden Verkauf an die Juden einzuschränken. Von Fleisch und Gemüse war schon überhaupt keine Rede mehr, die Wasserversorgung war schwierig, die Milch für die Kleinkinder kaum zu beschaffen, selbst daö Mehl zum Brotbacken mußte in die kärglichsten Rationen eingekeilt werden. Die Gemeindevorstände waren gezwungen, sehr bald eine genau geregelte Verteilung unter den Familien einzuführen, denn niemand sollte vor dem anderen einen Vorteil haben ... Ein kaum zu begreifendes Geschick hatte diese Menschen aus ihrem geordneten Leben hcrauSgcrissen. Die Männer diskutierten viele Stunden am Tage, die Frauen waren an den Kochstellen und mit anderen Obliegenheiten beschäftigt, die Mädchen halfen ihnen. Nur die unmündigen Knaben waren sich selbst überlassen. Diejenigen, die bereits als Jünglinge in die Gemeinde ausgenommen waren, arbeiteten im Pcoviantzelt. Ein Tag floß in den anderen, jede aufgehende Sonne erweckte eine neue Hoffnung, und jede untergehende Sonne begrub diese Hoffnung wieder. Die Einbildungskraft der Knaben erregte und erhitzte sich immer mehr. Eine wichtige Rolle spielte bei ihren Träumen und Lustschlössern die Eroberung von großen Proviantspeichern. Denn jeder einzelne litt unter drückendem Hunger: die mitgenommenen Brotstücke wurden schon in den Morgenstunden verschlungen, und die dünne Suppe, die am Abend im Zelt auf sie wartete, versprach weder Sättigung noch Genuß. 2. echsundsiebenzig Tage des Exils waren vergangen. In der Lage der Auswanderer war keinerlei Veränderung eingetretcn. Wie an jedem Morgen gingen die Knaben in der Frühe des siebenundsiebenzigsten TagcS zum Strande. Sie hatten sich in kleine Trupps zu zweien und dreien verteilt, da der Pfad, der durch die Oleandecbüsche zu den Dünen führte, nur schmal war. Mit ^als erster ging Hajim Bonsos, ein kräftiger Knabe von über zwölf Jahren, der den Ruhm für sich in Anspruch nahm, noch nie im Ringen geworfen zu sein. Juda Alfaro, sein Freund, der genau im gleichen Alter stand, ging neben ihm. Seit frühester Jugend waren die beiden täglich zusammen. Ihre Eltern verstanden die Freundschaft nicht. Denn Hajim war grobknochig, im Wesen nicht ohne Gutmütigkeit, aber einfach, vielleicht sogar einfältig und auch langsam im Denken. Juda dagegen war nicht nur äußerlich das Gegenteil feines Freundes. DSSTERN Eine Filmidee von Käthe Wienskowitz (8. Fortsetzung und Schluss) Die Geschichte der Juden von Kai-songfu und ihrer Synagoge, die nach dem Vorbild des ersten Jerusalemischen Tempels erbaut worden war, hatte Liborra aus dem Munde Lins über sich ergehen lassen müssen. Lin hatte es bei seiner Erzählung wohlweißlich vermieden, dabei ein Wort über die kostbare Hinterbliebenschaft des Freundes über seine Lippen dringen zu lassen. Sein Mißtrauen gegen den Mann, der sich als Bevollmächtigter Henoch Hartmanns aus Unterzoßnitz ausgab, war längst geweckt, ehe Bambus überhaupt dazu kam, ihren Ehemann aus das seltsame Verhalten des Ausländers ausmerksam zu machen. Lin hatte ihn an jenem Freitagabend verstohlen beobachtet, und es war auch ihm nicht entgangen, daß diesem angeblich religiös erzogenen Juden alles jüdische Zeremoniell fremd war. Nun, der Sederabend, der in wenigen Stunden seinen Anfang nahm, mußte das Geheimnis um den Gast aufklären. Lin nahm sich vor, besonders scharfäugig und hellhörig zu sein. um so mehr, als der Fremde Joochin bei seiner Rückkehr aus Honan Andeutungen gemacht hatte, daß er jetzt in den Besitz der verlangten Dokumente gekommen sei. 17. . Als Senta in dem hellen Zimmer des alten Judentempels von Kai-song-su die Augen ausschlug, sah sie sich verwirrt in dem von Abenddämmerung erfüllten Raum um. Aber sofort wußte sie gleich wieder, wo sie sich befand, und als die bald darauf eintrctende Mrs. Austin das elektrische Licht anknipste, wurde sie von der Journalistin heiter begrüßt. Die Amerikanerin trug ein mit Speisen hochbesetztes Brett vor sich her, und über ihrem Arm hing ein frisches chinesisches Kleid für den jungen Gast. Zu ihrem Entzücken vernahm Senta aus dem Nebenzimmer das leise Rauschen rinnenden Badewassers. Ein warmes Bad war ungefähr der Höhepunkt dessen, was man ihr in diesem Haus noch bieten konnte. Das kam auch in den Dankesworten zum Ausdruck, die sie an die freundliche Missionarin richtete. Dann aber wollten wieder bittere Gedanken an Rex Flowerbrink von Senta Besitz ergreifen, der sie ein zweitesmal schon so schwer enttäuscht hatte. „Ach was — hin ist hin und weg ist weg", versuchte sie sich burschikos zu trösten, ohne verhindern zu können, daß die Sehnsucht nach ihm ihr Tränen in die Augen trieb. Während des Badens und Ankleidens gewann der Gedanke an ihre Mission in Senta wieder die Oberhand. Geführt von einem Chinesenjnngen, der seine. „Landsmännin" verwirrt anstarrte, machte Senta sicst aus den Weg zu Lin, dem letzten Schammes von Kai-fong-su. Das große Geldstück, das sie, ohne hinzusehen, ihrem Begleiter in die schmierige Rechte drückte, .als er aus Lins Haus wies, bewirkte, daß der Bengel mit Einern Jubelschrci davonschoß. Die Gasse, in der Lin lebte, wurde nur von Chinesen bewohnt, die in leichtgebauten Häuschen daheim waren. Durch die dünnen Wände drangen altvertraute Melodien an ihr Ohr. Lauschend blieb sie vor der nur angelehnten Tür stehen, und der Fuß, den sie gerade über die Schwelle setzen wollte, stockte. Träumte sie oder hatte sie wirklich daran-vergessen, daß heute Sederabeud war? Eine helle Kinderstimme, in dem ins Jiddische hinüberspielenden Hebräisch, das Senta an der polnischen Grenze oft genug gehört hatte, stellte die Frage, die mit den Worten beginnt: „Warum unterscheidet sich diese Nacht vor allen anderen Nächten?" Und als das Kind schwieg, vernahm sie ergriffenen Herzens die uralte Antwort der Pessach-Hagadda in dem herkömmlich singenden Ton: „Knechte waren wir einst des Pharao in Aegypten ..." Sie wollte gerade die vom Mondschein überstrahlte Tür ausstoßen, da griff zu ihrem Entsetzen eine feste Hand nach der ihren. Für eine Sekunde setzte ihr Herzschlag aus. Als sie sich ruckartig umwandte, sah sie Rex Flowerbrinks Gesicht vor sich. Fast gegen ihren Willen klammerte sie sich an ihn. In stummem Einverständnis betraten sie gemeinsam das Heim des Schammes von Kai-fong-su. Sie gingen den heiligen Klängen nach und sahen sich, unbemerkt von den um die Festtafel versammelten chinesischen Juden, Liborra gegenüber. Auch er hatte ihr Kommen nicht bemerkt, denn als ob er in tiefe Andacht versunken wäre, hielt er die Augen gesenkt. Senta hatte sofort den Reisegefährten aus dem Transsibirischen Expreß erkannt. Nur er konnte den Brief an Henoch Hartmann im Zug gesunden und unterschlagen haben, so daß seine Anwesenheit an der Sedertafel des Schammes von Kai-song-fu einigermaßen erklärlich schien. „Liborra", tuschelte sie Flowerbrink entsetzt ins Ohr, seinen Arm umkrallend, „der Hochstapler! Wenn es ihm nur nicht gelungen ist, die Thora an sich zu bringen?!" In diesem Augenblick hob Liborra den Kopf und starrte in die ängstlich geweiteten Äugen einer Chinesin, die ihm neben dem Europäer, irgendwie bekannt vorkam. Auch die alte Bambus war jetzt aus die Fremden aufmerksam geworden. Ihr Kommen war nur überhört worden, weil die Ankömmlinge im Vorraum in die Filzschuhe geschlüpft waren, die dort der Benutzung harrten, und ohne die kein Fremder die Räume eines chinesischen Haushalts betreten wird. Bambus war bis an die Wand zurückgewichen. Fassungslos sah sie aus die fremde junge Chinesin, die einen Davidstern unter dem vom Hals zurückgeglittenen Kimono trug. Senta glaubte sich in eine andere Welt versetzt, als sie in der ungewohnten Umgebung eine festliche Sedertafel ausgebaut sah und die Worte der Erzählung vom Auszug aus Ägypten von den Lippen eines alten Chinesen hörte. Die Tafelrunde wurde aus die Eindringlinge erst aufmerksam, als Bambus einen Berg voll Kissen heranschleppte und das Paar durch Gesten aufforderte, darauf Platz zu nehmen. Dann stellte sie, wie selbstverständlich, Mazza und Wein vor die Plätze der beiden jungen Menschen hin. Doch nur Senta ließ sich zwischen die Kissen sinken. Flowerbrink, der einen Blick des Einverständnisses mit ihr gewechselt und ihr zugeslüstert hatte: „Ich hole sofort die Polizei!" hatte sich schon wieder zur Tür gewandt. Die geheiligte Sederordnung erlitt eine Pause. Als ob er Flowerbrinks Gedanken erraten .hätte, sprang Liborra plötzlich auf und ries: „Stopp, Sir, ich ahne, was Sie Vorhaben! Bitte, Miß Hartmann, halten Sie Ihren Freund zurück! Geben Sie mir noch eine letzte Chance!" Sein geübtes Auge hatte Sentas Verkleidung durchschaut. Lin und seine Gäste standen einem Rätsel gegenüber, dem sie keine Deutung zu geben wußten. Liborra schickte sich an, ohne Erklärung den Raum zu verlassen, doch Flowerbrinks breiter Rücken, der die Tür versperrte, hinderte ihn daran. „Nicht woglassen!" schrie Senta, ihre Umgebung vergessend, „er hat die Tora!"