Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1936-06-18 · 25 (18.6.1936) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
15 (1936) - farbig
Issue
25 (18.6.1936)
Date
1936-06-18
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2277379-9449481-9449389--10484-9449124
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Er war zwar mehr wißbegierig als klug, jedoch neigte er zum Ehrgeiz und, wenn er auch in mancher Stunde zweifelte und grübelte, oft zur Selbstüberhebung. Auch jetzt hörte Hajim geduldig zu, wie Juda sich in frühreifer Art darüber ausließ, daß nur Italien, Venedig, Genua oder der Kirchenstaat als Ziel der Auswanderung richtig gewesen wären. Nur dort hätte der Versuch, sich ein neues Dafein aufzubaucn, Aussicht auf Erfolg, nicht aber in diesem halbwilden Lande. Hajim antwortete nicht, er hätte auch auf Judas gesetzte Worte nichts zu sagen gewußt, aber er hob plötzlich den Kopf, stieß einen hellen Ton der Ueberraschung aus und zeigte mit der Hand nach vorne. Es war zur Gewohnheit der Freunde geworden, allmorgendlich als erste dem Strande zuzuwandern. Deshalb waren sic verwundert, als s'e von dem Kamm der Dünen, der ihnen noch jede Aussicht zum Meer verwehrte, schon einen ihrer Gefährten auf sich zulaufen sahen. Sie erkannten sofort, daß es der kleine Jakob war. Der siebenjährige Jakob Falangro war ein ungelenkes, für sein Alter zartes, sogar zurückgebliebenes Kind, das von allen anderen oft als Zielscheibe ihrer Belustigungen verwandt wurde. Sein Vater lebte seit vielen Jahren nicht mehr, die Mutter hatte sich in Sedano nur notdürftig mit gelegentlichen Arbeiten ernähren können . . . Außergewöhnliches mußte vorgefallen sein, denn der Knabe glitt den steilen Pfad mehr herab, als daß er lief. Er winkte und rief auch irgendwelche Worte, die man aber nicht verstand. Erst als Juda seinen Arm um ihn legte, um ihn zu beruhigen, kam ihm die Sprache zurück. „Ein Schiff!" stammelte er. „Ein großes Schiff!" Juda gehörte nicht zu denen, die mit unbedingter Sicherheit an den Eintritt eines Wunders oder ähnlichem glaubten. Aber erließ Jakob stehen, wo er stand, und stürmte zum Dünengipfcl herauf. Hajim heftete sich an seine Fersen, und auch die anderen die mittlerweile hccangekonimen waren, folgten. Zusammengcdrängt standen die Knaben auf der Düne und sahen zum Meer herab. Das Schiff lag im Nordteil der Bucht, dreihundert Fadcnlängen oder auch noch mehr vom Strande entfernt. Nach Jakobs Begriffen mochte das Schiff ein großes, ein ungewöhnlich großes sein. Aber wenn die Knaben auch nicht am Meere ausgewachsen waren, so hatten doch mindestens die alteren von ihnen während des Aufenthaltes in der Hafenstadt Santander und unterwegs auf See die Schiffsarten unterscheiden gelernt. Das da unten war keine Kavarelle, noch weniger ein Kriegsschiff, eine Galeasfe oder Galeere, es war eine gewöhnliche Brigantine, wie sie in der Regel zum Küstcnverkehr benutzt wurden. Nur von dem kastellartigen Aufbau am Heck öe6 Schiffes konnte man sich keinen Sinn machen. Jakob, der als letzter die Düne wieder erklommen hatte, hörte nicht auf, mit seiner krähenden Kinderstimme zu erzählen, daß er es gewesen wäre, der das Schiff entdeckt hatte. Es war dec erste Erfolg seines Lebens. Aber Juda entriß ihm diesen wieder. „Sei still!", sagte er. „Das Schiff hätte jeder gesehen, der nicht blind ist!" ä)ie Tränen schossen Jakob hervor. Er warf noch einen langen Blick auf das Schiff, auf sein Schiff, dann schien er sich an etwas anderes zu erinnern. Auf der Düne prallten die Meinungen aufeinander. Aus welchem Anlaß war das Schiff in die Bucht eingelaufen? Zum Fischfang sicher nicht, denn Brigantinen diente nie zu einem solchen Zweck. Ein Kauffahrcr konnte es auch nicht sein: der Hafen von Arsila lag sechs Meilen nordwärts, und das Hinterland der Bucht war bis auf das Lager unbewohnt. Wenn man sich damit auch schon abfand, daß durch dieses Schiff kein Wunder oder ein Umschwung der Dinge eintreten würde, etwas Rätselhaftes stellte es doch dar. Der Diskurs unter den Knaben wollte nicht abreißen, ein Wort gab das widere. Schließlich sagte Samuel Dagreda, der nur für die Lehre und ihre Deutungen zu leben glaubte, obgleich sein Vater, der Arzt Dagreda, mehr alü profan dachte: „Der viel Worte macht, veranlaßt Sünde! . . . Kümmert euch nicht um das Schiff!" „Denkst du, daß wir cs kapern wollen?" spottete Juda. „Nein!", antwortete der andere. „Denn, wenn du auch Juda heißt, so bist du doch kein Makkabi!" „Aber du bist ein geduldiger Hillcl!", erboste sich Juda und hob seine Hand, als wenn er Samuel schlagen wollte, da drängte ihn ein anderer Knabe zurück. Es >var David Carsaldin, und er und Samuel waren ein ebensolches Freundespaar >vie Juda und Hajim. „Gib Frieden/", rief er. „Mit Streit und Schlägen hilfst du keinem!" „2lber mit euren Büchern und den ewigen Disputen um nichts, um gar nichts, damit werdet ihr uns helfen!", entgegnete Juda und nahm wieder seine Kampfstellung ein. Da sagte plötzlich mitten aus der Schar eine Stimme: „Ich weiß, warum das Schiff hier liegt!" „Hast du eine Eingebung, Jento?", fragte Juda, aber sein Ton war nicht mehr beißend und laut. „Ja!", lautete die Antwort, kurz und überzeugt. Alle Augen hingen sofort an Jento Pechera. Es war ein hochaufgeschossener, blasser Knabe, schon an die dreizehn Jahre, und man hätte nichts Besonderes an ihm bemerken können, wenn seine Augen nicht einen solch tiefen, aber auch flackernden Glanz gehabt hätten. Man drängte ihn, er solle sprechen. Er zögerte etwas, dann sagte er sehr schnell, als wenn ihn die Worte bedrückten und er sie loS sein wolle: „Wißt ihr, daß der König von Portugal vor Jahren zwei Schiffe ausgerüstet hat? Diele jüdische Gelehrte waren an Bord. Die Schiffe sind nie zurückgekehrt. Ich aber glaube, daß sic das Land Sepharat entdeckt haben, Und jetzt holen sie uns dorthin!" Jento sprach nicht zum erstenmal von seinen Eingebungen und Visionen, und niemand wagte über seine oft absonderlichen Aeußerungen zu lachen. Im Gegenteil: sie bildeten die Veranlassung zu den vielen Phantasicgebildcn, die in den Gesprächen der Knaben immer festere Gestalt annahmen. Alle, selbst die Sieben- und Achtjährigen, deren Mund sonst nie stillstand, schwiegen. Nur Juda nahm nach einigen Augenblicken das Wort: „Jento!", saeste er >vie mit leichtem Vorwurf. „Woher willst du wissen, daß das Land Sepharat, das noch, keiner gesehen hat, gefunden ist? Und weshalb sollte man gerade an uns denken? Das wäre ja ein Wunder, nicht anders als die Geschichte von MoscS und dem Lande Kanaan!" „Wenn cs damals Wunder gab", beharrte Jento, „dann gibt es auch heute Wunder ..." In diesem Augenblick erschien ein einzelner Knabe über dem Rand der Düne. Joseph Baco, der da wie immer allein auftauchtc, war weder ein Freund von Juda noch von sonst einem anderen. Er war ein Einzelgänger, und er war auch ein Fremder. In Santander hatte ihn ein fremder Rabbi den RegidoreS übergeben: er wäre eine Waise ohne Anhang, die Juden von Sedano möchten sich seiner annehmen. Man hatte das getan, aber der verschlossene Knabe gewann niemand für sich. WaS er sagte, klang kalt und wie Spott. Seine Augen lagen tief in den Höhlen und waren wie von einem Schleier bedeckt. Juda wußte, daß Joseph über Wunderdinge lachte. „Beeile dich!" schrie er ihm entgegen. „Du sollst ein Wunder sehen!" Diese Verkündung brachte den Ankommenden nicht aus der Ruhe. Er kam nur sehr langsam näher. „Ein Wunder!", rief Juda. „Dort unten das Schiff/" Joseph sah aufs Meer . .. „Eine Brigantine!" sagte er. „Iß das etwas Wunderbares?" „Jento sagt, sie gehöre den portugiesischen Entdeckern!" erklärte Juda, und seine Stimme verriet nicht, waS er dachte. „Sie hätten das Land Sepharat, das seit tausend Jahren gesucht wird, gefunden, und wollen uns dahin holen!" Joseph hob die Schultern: „In Deutschland haben die Rabbincn die Pcssachkuchenöfen zerschlagen, sie glaubten, das nächste Pessachfest in Jerusalem feiern zu können: der Messias wäre gekommen! Aber cs war kein Messias, es soll ein gewisser David Neuer Weg Von Siegfried Selbiger Wir finken, widerftrebend, kaum bewußt, In des Vergeffens Dämm’rung, wo nicht Geift, Nicht Wille mehr uns hohes Ziel verheißt, Da Wille Qual uns fchuf und nimmer Luft. Tief ift der Sturz, der in den Urgrund geht. Dämonen rufen uns, wir find fo klein In unferm Nichtsfein, hilflos, nackt allein, Vom Schauer des Unendlichen umweht. — Hier fchweigt der Kampf, das Weh, und ahnungsvoll Läßt Gott die längft verklungene Seele beben; Denn hier, nicht dort ift Wirklichkeit, ift Leben, Der Weg, den ftumm dein Schickfal gehen foll. IlllllllllllllllllllllllllllilllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllW Lemlein gewesen sein, ein Schreiber aus Prag!" Ilm seine Lippen zeigte jich ein verächtlicher Zug. „Warum soll Jento klüger sein als die Rabbinen in Deutsck)land? . . . Hier, das mußt du lesen!" Er zog einen schmalen, abgegriffenen Band unter dem Hemd hervor. Neugierig trat Juda heran. „Der Verfasser ist ein Grieche", sagte Joseph, „Euhemeros heißt er!" „lind was schreibt der Grieche in seinem Buch?" fragte Juda. „Daß alle Menschen lieber glauben, als Nachdenken. Er nennt seinen Gott: Weltvernunft!" Juda trat so dicht an Joseph heran, daß jeder den Atem deS anderen spürte: „Ist das auch dein Gott, Joseph?" „Laß/", wehrte dieser ab. „Laß", und wandte sich, um weiterzugehen. Nach wenigen Schritten aber drehte er sich noch einmal um: auf seinem Gesicht war eine Grimasse zu sehen: „IlbrigcnS, Juda, satt werden wirst du durch diesen Gott auch nicht!" aS große DersammlungSzelt in der Mitte des Lagers war aus derselben verschlissenen Leinwand errichtet wie die kleineren Zelte für die einzelnen Familien. Im Inneren aber waren Wände, Decke und Boden mit Teppichen bekleidet. Fast jeder der Exulanten hatte unter seinem Gepäck, so knapp cS bemessen sein mußte, einen oder auch mehrere Teppiche mitgeführt, einzige Erinnerungsstücke an den verlassenen Besitz. Im Lager aber gab eS nur ein Leben der Gemeinschaft, und jeder hatte dieser Gemeinschaft seine Teppiche zur Verfügung gestellt. Das große Zelt sollte nicht ohne Schmuck bleiben: es war der Betraum . . . Im Hintergründe vor dem erhöhten heiligen Schrank hing ein besonders kostbarer Teppich. , Der war keine Stiftung, er hatte schon in Sedano durch ein Jahrhundert hindurch zu diesem Zweck gedient. Zusammen mit den silbernen Kultgeräten hatte man ihn sorgfältig verpackt und mitgenommen. Vor der Lade war eine Art Hochsitz für Isaak ben Sched)et, den achtzigjährigen Rabbi, aufgebaut. Unterhalb dienten drei einfache Schemel als Platz für die Regidores, für den Vorsteher Josua Halorka und seine beiden Stellvertreter, Levi Alfaro und Gcrson ben Abraham. Roh gezimmerte Holzbänke für die Männer der Gemeinde füllten den weiteren Raum aus . . . Das Minchagebet war beendet. Isaak ben Schechet — cg zählte zu den wenigen, die keinen spanischen Zunamen führten —i legte seinen Talit ab, und die anderen Männer folgten seinem Beispiel. Fast alle trugen unter den weißen Gebetmänkeln spanische Tracht: den Schcckenrvck mit den dicht bei dicht sitzenden Knöpfen. Der Vorsteher Halorka gab jetzt dem Gemeindeverwaltec Rubens Bcnvenite einen Wink, mit dem täglichen Rcchenschaftsbcricht zu beginnen. (Fortsetzung folgt.) tmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmnmmmmmmmammimmmKiamammm „Sie irren sich. Miß", wandte Liborra ein, „es ist nichts Au Ihrem Schaden geschehen! Und deshalb bitte ich Sie, nichts gegen mich zu unternehmen. Ich bin Jude wie Sie, aber elternlos in einem Waisenhaus ausgewachsen und unter andersgläubigen Fremden herumgestoßen worden. Haben Sie Mitleid mit mir!" „Liegt die Jade-Tora", fragte Rex, „noch unverletzt in dem Depot, in das Bernhard Usebeck sie gegeben hat, ehrwürdiger Greis? Dieser Mann da behauptet, du habest sie ihm nicht ausgehändigt. Ist das richtig? Nur dieses eine will ich im Augenblick von dir wissen, alles andere hat Zeit bis später." „Er hat die Wahrheit gesprochen, werter Gast. Du und deine liebliche Begleiterin, ihr scheint mit wichtigen Neuigkeiten zu uns gekommen zu sein. Ist der Fremde wirklich kein Abgesandter Hartmanns aus Dee-ko oder.. „Nehmen wir an, würdiger Schammes, er sei ein armer gestrauchelter Mensch. Er gehört unserer Glaubensgemeinschaft an, und ich möchte ihn nicht gerade am Fest der Freiheit ins Gefängnis schicken. Jedenfalls", richtete er sich an Liborra, der sprungbereit dastand, „Ihre Rolle ist ausgespielt! Haben Sie mich verstanden?" Lins Gäste, als hätten sie den Inhalt der englisch gesprochenen Worte erfaßt, traten schweigend von ihm weg, und Liborra verschwand im Dunkel der Nacht. In der. Zeit, in der das Festmahl aufgetragen wurde, sah Flowerbrink, wie Lin sich tief ergriffen mit seinen mattgewordenen Augen aus den Davidstern herabbeugte, den Senta Hartmann in feine Hand gelegt hatte. Die Unterhaltung während' des mit umständlicher Feierlichkeit servierten Mahles drehte sich ausschließlich um das kostbare Erbe, das nun endlich in den berufenen Besitz der in dem Testament Bedachten übergehen sollte. Mehr als einmal mußte Flowerbrink bei der in einem mit hebräischen Ausdrücken und chinesischen Worten gemischten Englisch geführten Unterhaltung als Dolmetscher lächelnd eingreifen. Der Sederabend mit feinem heiter-ernsten Ausklang war zu Ende. Erst jetzt trippelte der Schammes zu einem alten, reichgeschnitzten Schrank und entnahm einer Lade ein umfangreiches Dokument, das er Senta mit einer säst priesterhasten Gebärde überreichte. Das Mädchen hatte die Papiere aus Unterzoßnitz hervorgeholt. Mit Flowerbrinks Unterstützung entzifferte Lin in umständlicher Lektüre die Schriftstücke. Leise hatten sich die übrigen Teilnehmer des Sederabends entfernt, da chinesische Höflichkeit ihnen gebot, den überaus ehrwürdigen Greis mit seinen ausländischen Gästen allein zu lassen. Gleich nach dem Peffachsest wollte Lin mit Senta und ihrem Begleiter nach Honan-fu fahren, wo die Tora feit einer kleinen Ewigkeit in der „China-Bank" aufbewahrt wurde. Der Scharfsinn der Journalistin hatte den zersetzten Brief in der Tat beinahe richtig ergänzt. Nur die Lage der Gemeinde war von rhr nicht genau erkannt worden. Aber jetzt waren alle erregenden Zwischenfälle der letzten Monate vergessen, und als sie Lins Haus verließen, kamen Senta und Rex sich wie frohe, glückliche Kinder vor. Ihr Gastgeber ließ es sich nicht nehmen, sie zu begleiten. Es wäre von Flowerbrink, der im ersten Hotel der Stadt wohnte, unhöflich gewesen, diesen Dienst abzulehnen. Während das Paar, in beglückende Gedanken versunken, schweigend durch die mondhelle Nacht schritt, in Richtung auf das alte Gebäude, von dessen Ostfront der Magen-David in Goldfchrist flimmerte, trippelte Lin in kurzem Abstand hinterher. Langsam tasteten sich Flowerbrink und Senta zu einander hin. „Senta", sagte der junge Engländer, als er die Hand des Mädchens warm umschlossen hielt, „große Worte haben uns beiden nie gelegen, laß Vergangenes vergessen sein und — fei meine Braut." Statt einer Antwort wandte sich das Mädchen nach dem Chinesen um, der stehengeblieben war und andächtig zu dem Zeichen entschwundener jüdischer Größe emporsah. „Wir haben uns lieb, ehrwürdiger Lin, Rex Flowerbrink und ich", bemühte sie sich, sich dem Chinesen verständlich zu machen. „Willst du hier, an dieser einst geheiligten Stätte, unseren Bund segnen?" „Es sei, wie du wünschest, meine junge Schwester", antwortete der Schammes, und murmelte einen Segensspruch. Eine leicht hingeworsene Frage Flowerbrinks verscheuchte die Rührung dieser Minuten, die von Senta Besitz ergreifen wollte. „Weißt du eigentlich. Liebes, was ,taitai' bedeutet?" „Du hast es mir doch schon damals im Flugzeug gesagt", erwiderte sie, ein wenig in Verwirrung geraten: „Freundin!" Rex lachte wie über einen Schelmenstreich. „So? Habe ich das gesagt? Lin", bat er den Greis, „würdeste du BUß Hartmann aufklären, was eine tai-tai ist?" Der letzte Schammes von Kai-fong-fu bemühte sich, ernstzübleiben. „Tai-tai? suchte er nach Worten, „tai-tai ist ein Mädchen, das vor der Hochzeit steht — eine Braut!" „Dann bin ich also ..." stammelte Senta, „dann betrachtest du mich bereits seit dem Tage, an dem wir uns wiedersahen. . ." Ein inniger Kuß Flowerbrinks gab die Antwort auf die fragmentarische Frage. 18. Nur Dr. Drechsler, der Herausgeber des „Freitag Abend", wußte bisher von der geglückten Mission Senta Hartmanns. Erst zwei Wochen nach Absendung des Telegramms konnten Senta und Rex den Rückflug antreten. Denn eine Ausfuhr der großen Altertumswert besitzenden Tora war nicht ohne weiteres möglich. Da die Heimfahrt mit der Bahn viel zu lange gedauert hätte, brachte die „Empreß of Jndia" die Glücklichen nach Europa zurück. Von unterwegs setzte Flowerbrink sich auf sunkentelegraphifchem Wege mit einem der größten New-^orker Kunsthändler in Verbindung, der ohne zu zögern oder zu handeln, die einzigartige Kostbarkeit zu einem phantastischen Preis erwarb. In Unterzoßnitz glaubte schon lange niemand mehr an einen guten Ausgang von Senta Hartmanns abenteuerlicher Fahrt. „Wo nichts ist, kommt auch nichts dazu", resignierten diejenigen, die noch am längsten an Senta geglaubt hatten, als sie hörten, daß die Einwohner einer benachbarten Ortschaft, die gemeinsam in der Lotterie gespielt, das große Los gewonnen hatten. Der erste Besitzer des Loses hatte es seinem alten Schulfreund Georg Kämmerling angeboten, als er ihn aus der Landstraße traf. Doch der hatte es nicht kaufen können, weil er kein Geld übrighatte, und nun war er dicht am Rande der Verzweiflung, weil er das Glück, das er schon gehalten, wieder von sich gelassen. Am gleichen Tage, als Georg Kämmerlings Pech in Unterzoßnitz bekannt wurde, rannten ein paar Kinder mit aufgeregten Rusen durch die Straßen. „Auf Händler Heitmann sein Kartoffelacker isw Flugzeug notgelandet! Mit ner ausländischen Flagge! Und lauter Fremde drin! Wir sollen Leute ranholen, die dem Piloten helfen!" Das war eine Sensation, die in die drückende Hitze des Ortes hineinplatzte. Wer lausen konnte, beeilte sich, aus den Acker zu kommen, wo das Flugzeug in Flowerbrinks Auftrag niedergegangen war. Senta war in der Kabine sitzengeblieben und äugte gespannt durch einen Spalt des verhängten Fensters, bis sie Henoch Hartmann erspähte. Da hielt es sie nicht mehr in der dumpfen Luft des engen Raumes, und ehe Hartmann wußte, wie ihm geschah, lag sie schluchzend an seinem Hals. Das war der Anfang einer Reihe von Festtagen in Unterzoßnitz. Und als gar bekannt wurde, daß der Erlös aus dem Verkauf der Heiligen Schrift die Summe des großen Loses weit hinter sich ließ, kannte der Jubel keine Grenzen. Senta und Rex hatten vereinbart, daß der Scheck auf die New- Borker Staatsbank am Tage ihrer Hochzeit dem Vorstand der Jüdischen Gemeinde von Unterzoßnitz übergeben werden sollte. Was Bernhard Usebeck aus tiefster Seele erhofft hatte, ging in Erfüllung. In Unterzoßnitz war statt der Not reicher Segen eingekehrt. * Rabbiner Grützmacher war an die Stätte seines früheren Wirkens zurückgekommen, um unter dem Trauhimmel der alten Synagoge den heiligen Akt der Eheschließung an Senta und Rex zu vollziehen, wobei er nicht vergaß, des alten Chinesen zu gedenken, dessen Treue nicht zuletzt dazu beigetragen hatte, das Glück so vieler Menschen zu begründen. Mit einer aus heiligem Ernst und heiliger Freude erfüllten Andacht sprach Rex Flowerbrink dem Rabbiner die Gelöbnisworte nach: „Hare at mekudesehet li betabaat su kedat Mosche wejisrael, sei mir geheiligt durch diesen Ring nach dem Gesetz Moses und Israels", während er Senta den Ring an den Finger steckte. Ende.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.