Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 15 (1936) - farbig
- Issue
- 23 (4.6.1936)
- Date
- 1936-06-04
- Page
- [Seite] (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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Wenn wir so einige Punkte herausgegrifsen und für beide Seiten zu klären versucht haben, so hoffen wir, daß dies dazu beiträgt, das Verständnis der Arbeitsuchenden für die Methoden des Arbeitsnachweises zu wecken, als auch andererseits dazu verhilst, die verantwortlichen Stellen des Arbeitsnachweises immer wieder daran zu erinnern, daß sie. soweit möglich, den Wünschen der oft schwer kämpfenden Menschen nachzukommen versuchen. Mißstimmungen persönlicher Art werden sich bei einer derartigen Einrichtung nie ganz ausschalten lassen, sie können aber wesentlich gemildert werden, wenn durch offene Aussprache das gegenseitige Verständnis gefördert wird. Unter diesem Gesichtspunkt sind diese Zeilen geschrieben worden. H. W—1. Die Stellenlosigkeit der älterenJ Angestellten Nach einer Zusammenstellung der Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung ist die Zähl der als stellenlos gemeldeten Angestellten in der Zeit vom 1. Januar bis zum 31. Dezember 1935 wiederum von 333 000 auf 294 000 gesunken. Unter diesen Ende des Jahres 1935 ermittelten 294 000 stellenlosen Angestellten befanden sich aber allein mehr als 100 000, die in einem Lebensalter von über 40 Jahren standen. Der größte Teil von ihnen sind ältere Kausmannsgehilfen, deren Wiedereinstellung, wie Präsident Grießmeyer von der Reichsversicherungsanstalt für Angestellte kürzlich festgestellt hat, auch heute noch besonders schwierig ist. Die Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung klagt auch in ihrem letzten Bericht über die Ent- Blick in die Berlin, den 2. Juni 1936. In dem Vortrag, den der Präsident der deütscheu Gruppe der Internationalen Handelskammer, Abraham F r o w e i n, in der Pariser Sorbonne in der vorigen Note über „Die Wirtschasts- und Sozialpolitik des Dritten Reiches" hielt, war besonders bemerkenswert der Hinweis aus die Aufgaben nach Abschluß der eigentlichen Arbeitsbeschaffung und der Wehrhaftmachung. Nachdem Frowein aus die einheitliche Wirtschastsgesinnung hingewiesen hatte, die ihre einzige, aber endgültige Formulierung in dem Grundsatz gefunden habe, daß. die privaten Interessen den staatlichen Notwendigkeiten zu dienen hätten, nachdem er weiter unter anderem betont hatte, daß im allgemeinen die Verbrauchsgüterindustrie stark hinter der Produktions- und Jnvestitionsgüterindustrie zurückgeblieben sei und daß im Ausgleich der beiden Prodnktionsindices eine wichtige Aufgabe liege, führte er nach den vorliegenden Berichten aus: Wenn die Ansicht vertreten werde, daß mit dem Abschluß der eigentlichen Arbeitsbeschaffung und der Wehrhaftmachung auch die Konjunktur Nachlassen werde, so müsse festgestellt werden, daß auf anderen Gebieten sich wieder ein erheblicher Bedarf gestaut habe, so vor allem im Wohnungsbau. Auch die allmählich fortschreitende Belebung der Verbrauchsgüterindustrie zeige, daß hier ein gesteigerter Bedarf vorliege, dem noch nicht vollauf Rechnung getragen worden sei. Dies vergrößere naturgemäß auch den Bedarf an solchen Rohstoffen, die Deutschland nicht oder nur zum Teil im eigenen Lande habe. Daher sei eine Beteiligung Deutschlands an den Rohstoffgebieten unerläßlich. Dieser deutsche Anspruch auf Rohstoffe müsse abseits aller gewaltsamen Lösungen in gegenseitigem Einvernehmen der beteiligten Völker befriedigt werden. Als Voraussetzung dafür bezeichnete Abraham Frowein den Frieden, und zwar den wirklichen Frieden, den das deutsche Volk bis zum letzten Mann ersehne. Das deutsche Volk hoffe, daß dieses Jahr der Welt diesen Frieden bescheren werde. Nicht minder beachtlich war die Erklärung des Schatzamtes im englischen Unterhaus auf eine Anfrage, daß der Schatzkanzler keine gesetzlichen Möglichkeiten habe, die ‘ Gewährung neuer Kredite an Deutschland zu verhindern, sondern überdies wünsche, daß die regulären Handelsbeziehungen mit Deutschland unter dem bestehenden Abkommen erhalten blieben und möglichst erweitert würden; weiter die Erklärung der „Times" in diesem Zusammenhang, daß, wenn der Welthandel wieder auf alte Höhe gebracht werden solle, es für Großbritannien notwendig sei, die internationale Finanzierung sowohl gegenüber Deutschland wie anderen Ländern wiederaufzunehmen, womit nicht allein dem Welthandel gedient würde, sondern man gleichzeitig erwarten könne, daß die Besserung der wirtschaftlichen Bedingungen auch eine Besserung der politischen Bedingungen^ mit sich bringen werde. P—n. Das Problem Mitteleuropa , Die Donaufrage in der großen. europäischen Politik ist im Hinblick auf die im Donauraum lebende jüdische Bevölkerung auch für uns wichtig. In einem Aufsatz „Die Organisation Mitteleuropas" („Europäische Revue", 12. Jahrgang, Nr. 5) weist der jugoslawische Diplomat Jovan M. Jovanovic darauf hin, daß das Problem Mitteleuropas, in Wirklichkeit ein Problem der wirtschaftlichen Zusammenarbeit der Staaten. der Kleinen Entente. Oesterreichs, Ungarns, aber auch Bulgariens, Griechenlands und Albaniens ist. Alle diese, Staäten — so fährt er fort — stellen zusammen einen weiten Raum mit einer starken Verbraucherbevölkerung dar. Jeder von ihnen ist für sich klein und zeigt ausgesprochene Bestrebungen in der Richtung auf wirtschaftliche Selbständigkeit. Fast alle sind sie überwiegend Agrarstaaten, nur Oesterreich und die Tschechoslowakei besitzen eine starke und moderne Industrie. Sie sind nahezu durchweg kapitalsarn^ Wicklung des ArbeitsmarkteZ wieder darüber, daß die Unterbringung von älteren Angestellten trotz angestrengtester Bemühungen der Arbeitsvermittler nicht in ausreichendem Maß gelungen sei. Sie berichtet, daß von je 100 männlichen Angestellten, die im Januar dieses Jahres als Arbeitsuchende in Zugang kamen, 47,5 im Alter von 25 bis 40 Jahren standen, daß dagegen von den Arbeitsvermittlungen 68,5 Prozent auf diese Altersstufen entfielen. Daraus geht hervor, daß der Anteil der jüngeren Altersstufen der Angestellten an den Neueinstellungen beträchtlich größer war als an Den Entlassungen. Bei den Angestellten im Alter von 40 bis 60 Jahren hingegen war umgekehrt der Anteil an dem Zugang der Stellenlosen größer als der an den Vermittlungen. In steigendem Maße lastet also die Arbeitslosigkeit aus den älteren Jahrgängen der Angestellten. Bekannt ist, daß die Arbeitsämter die größten Anstrengungen machen, um ältere Arbeitslose wieder in Arbeit zu bringen. Durch ihre Tätigkeit zugunsten des Arbeitsplatzaustausches, der dazu dient, Arbeitsplätze für ältere Angestellte sreizumachen, sind bisher insgesamt 130 000 Arbeitsstellen für ältere Erwerbslose bereitgestellt worden. Auf Grund der oben erwähnten Feststellungen muß jedoch angenommen werden, daß diese Bemühungen bei den kaufmännischen Angestellten weniger ersolgreich waren als bei den Arbeitern. Die Ursache ist wohl darin zu suchen, daß gerade bei den kaufmännischen Arbeitgebern und Betriebsleitern das Vorurteil gegen ältere Angestellte weit verbreitet ist. Man hält diese zu Unrecht für weniger leistungsfähig als jüngere Angestellte. Durch eingehende Untersuchungen ist aber festgestellt worden, daß die älteren Angestellten in der Regel eine etwaige Minderung ihrer Spannkraft und Beweglichkeit durch langjährige Erfahrung, größeres Wissen, häufig auch durch Schaffensfreudigkeit und regeres Geschäftsinteresse reichlich ersetzen. Was insbesondere die kaufmännische Erfahrung anbetrifft, so wird diese nun einmal in der Regel nur in langjähriger Tätigkeit erworben und kann daher durch noch so große jugendliche Tatkraft und Beweglichkeit nicht ausgeglichen werden. 8. N. Wirtschaft wenn auch reich an Naturschätzen, so daß ihre Volkswirtschaft sich noch im Stadium der Ent- Wicklung befindet. Seit jeher sind sie in ihrem Außenhandel in der Hauptsache auf die Industriestaaten angewiesen, weil sie gegenseitig als Abnehmer nicht in.Frage kommen. Alle Versuche, untereinander zu einer erfolgreichen wirtschaftlichen Zusammenarbeit zu gelangen, blieben bisher erfolglos. In der Kleinen Entente selbst konnten erst in der letzten Zeit bic Tschechoslowakei und Jugoslawien eine gewisse wirtschaftliche Zusammenarbeit ausbauen. Die augenblickliche Krise trifft unter allen diesen Staaten in erster Linie Oesterreich, dann die Tschechoslowakei, weiter Ungarn und die anderen. Die Rettung liegt in einer wirtschaftlichen Gemeinschaft. die jedoch nicht nur sie allein umfassen dürste, sondern auch die umliegenden Staaten, besonders aber Deutschland. Die Ziffern für die Einfuhr aus den Staaten Südostenropas nach Deutschland sowie diejenigen für die Ausfuhr Deutschlands nach diesen Staaten zeigen, daß Deutschland die erste Stelle einnimmt, Italien die zweite. F. F. Eine Erkenntnistheorie der Volkswirtschaftslehre Reinhold Bethke (..Gesetz und Gestaltung. Ueber die Einheit und Grenze der Wirtschaftstheorie". Verlag Gustav Fischer, Jena) hat es unternommen, für den Bereich der Nationalökonomie den zwischen Denken und Handeln klaffenden Spannunasbogen nachzuzeichnen und für die wissenschaftliche Arbeit fruchtbar auszuwerten. Den Mittelpunkt der Arbeit Bethkes nimmt eine Prüfung des Gesetzesbegriffes in der Wissenschaft ein, die sich nach allen Richtungen erstreckt und zu dem Ergebnis führt: „Der Umweg über die vernünftig gesetzten Sinnzusammenhänge ist zwar ein Mittet zur Ueberwindung dieser Spannung (zwischen Denken und Handeln), aber doch nur ein letztlich unzulängliches Mittel, dessen Anwendung uns wohl das Ziel zeigt, aber damit zugleich auch seine unerreichbare Ferne. So ist Wissenschaft ,das fragende Standhalten inmitten des sich ständig verbergenden Seienden im ganzen'. Dieses handelnde Änsharren weist dabei um seine Unkraft vor dem Schicksal." An die große, beherrschende und berauschende Tatsache und Wirklichkeit des Lebens legt Bethke so die Sonde der exakten Wissenschaft an, aber mit bewußter Zurückhaltung beschränkt er ihre Aufgabe. Tue „Spannung" des schöpferischen Menschen, dessen Denken seinen Maßstab im praktischen Erfolg hat, das „Wagnis", ist ihm der Mittelpunkt der Gestaltung. Interessant ist dabei seine scharfe Wendung gegen die Theorie als Ergebnis theoretischen Denkens, gegen die Ideologie, ja selbst gegen die „gesinnungsethische" Tat, die immer einseitig und lebensfeindlich bleibt. Nur die Verantwortung vor der nackten Wirklichkeit gilt. Im Nationalsozialismus erblickt Bethke entscheidend gerade eine von den Fesseln theoretischen und ideologischen Denkens befreiende Tat, und seine historische Einmaligkeit erblickt er in seiner Tendenz, nicht als eine Weltanschauung zu gelten, die von anderen Weltanschauungen abgelöst werden könnte, sondern oberhalb dieser Ebene die wirklichkeitsgerechte Haltung des denkenden Menschen zu' repräsentieren. Zu welchen Forschungsergebnissen die von Bethke entwickelte Denkweise führen kann, läßt sein Buch nicht mit letzter Deutlichkeit erkennen. Es sind die Voraussetzungen der wissenschaftlichen Arbeit, die hier geklärt werden. Die in einem Nachwort erörterte Fragestellung „Planwirtschaft?" soll ein Beispiel für Bethkes Methode des Denkens und der Untersuchung abgeben; er kommt in ihr zu einer grundsätzlichen Ablehnung dessen, was gemeinhin unter Planwirtschaft verstanden wird, weil er Planung in dieser Form als Vergewaltigung gegenüber Der Lebenswirklichkeit empfindet. K. J. R. 182862 89