Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 15 (1936) - farbig
- Issue
- 23 (4.6.1936)
- Date
- 1936-06-04
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 23* 1. Beiblatt 4. Juni 1936 r m ^ERUNEZ^ULTUHBum^}! Schön ist, was gefällt. Wenn das richtig ist, dann hat jetzt der Berliner Kulturbund einen seiner nettesten, besten Abende gehabt; denn selten gab es in Parkett und Rang soviel heitere Gesichter, soviel Beifall. Der ging schon immer an, bevor noch das Spiel selbst begann. Denn das Hübscheste waren eigentlich die Bühnenbilder, von der schöpferischen Phantasie Heinz Condells erdacht. Eine kecke, spielerisch leichte Hand hat diese Szenerie hingesetzt, in der sich das sommerliche „Knnterbnnd vom Kulturbund" (und da wir manch heftigen Kalauer gut haben, dichten wir bedenkenlos weiter:) „in bunter Rund zu guter Stund" so behaglich harmlos und vergnügt ausnimmt. Ja, das war scharmant gemacht, die Lichtbilder, die bei den Klängen der musikalischen Einleitung sichtbar machen den Meister Johann Strauß selbst, Alt-Wien, die Welt, aus der er kam, der Uebergang vom gemalten zum realen Bühnenbild, das im zweiten Akt eine luxuriöse Fassade entfaltet und immer noch und wieder eine Unterteilung, verschiedene Schau-Plätze für das sehende Publikum, Spiel-Plätze für die munter agierenden Künstler ermöglicht, und auf welch kleinem Raum! Wir erkennen heute das Vorrecht des Gesandten und Premiers von Ppsheim nicht an, respektieren selbst die Reihenfolge des Programms nicht, sondern nennen zuerst den Lakai, Julius Kuthan als Josef. Da das beliebte und wirksame Fach: Trottel diesmal von Pechner hundertprozentig besetzt ist, wird Kuthan für andere Komik frei. Er spielt den treuen Diener seines Herrn, mit einem solchen Neberschuß an gefühlvollen und lieblichen Empfindungen, daß er sogar die pikanten Situatiönchen seines Grasen im voraus mitgenießt. Mit dem abrupten Wechsel zwischen dumm-vertraulicher Jovialität und dann darob höchlichst erschrockenem Bedientengetue hat dieser Don Juan der Probiermamsell gewonnen. Da sind die drei Schönen mit den großzügigen Herzchen und dem (angeblich) Wiener Blut, und wir wollen sie aus der Perspektive der gräflichen Amouren betrachten: die Vergangenheit, personifiziert durch die Tänzerin Cagliari, die Ruth Lehnberg als Mittelding zwischen Damenhaftigkeit und Temperament spielt, mehr nach der Seite des Schelmisch-Fraulichen, zu dem ein gerade in einer scheinbaren Kunstlosigkeit sympathischer Gesangston paßt. Die Gegenwart: das Abenteuer mit Pepi, dem ein rauhes Schicksal, oder, wenn man will, der dritte Akt Erfolg und Erfüllung vorenthält. Rita A t l a s z hat sich sehr frei gespielt, sie ist ein resolutes Kind mit beträchtlichen Energien, mit derben Juchzern und viel demonstrativ zur Schau gestellter Tugendhaftigkeit. Und dann die Zukunst: die „Richtige" nach innerster Herzensentscheidung, und, zur Hebung lobenswerter Sitten, auch nach dem Gesetz, des Grafen eigene Frau, zu der er nach allerlei Ab-, Um- und Schleichwegen endlich findet.. Ruth Salger (Wolsfreim) trifft den Operettenton, im zweiten mehr schon als im ersten Akt, aber wenn wir sagen, wie's ist, so wäre eine stimmtechnische Ueberprüfung dieser Sängerin dringend zu empfehlen, weil sie zumindest vieles bessern könnte bei einem Material, das seit „Nabucco" zurückgegangen ist. Wir sind nun bei der Fürstlichkeit angelangt: Bert Meyer als Graf Zedlau, als Mittelpunkt des Spiels, der vielfach Entflammte, mit einer gewissen schweren Eleganz, mit hellem Tenor, einem glatten und schönen „A", mit beneidenswertem Erfolg auf der Bühne und im Zuschauerraum. Dann Gerhard Pechner als sein Chef, der Tapergreis mit dem sehr späten, zu späten Johannistrieb, und einem ganz ungewöhnlich manierlichen und hochdeutsch klingenden Sächsisch. Eine Type eigener Art Siegfried N u n b e r g, als Vater der verflossenen Geliebten, kernige, kräftige Komik, die sich mit genießerischem Behagen auch in der Zornestirade ausbreitet. Martin Brandt ist der „cholde" Blödel, der bei seiner sonderbarlichen „Benehmität" die Frage offen läßt, ob Sein, ob Schein. Das Hietzinger Lokalkolorit wurde durch das Liedchen, das Cläre Arnstein zum Schisferklavier vortrug, betont, bei der Polonaise wirkte das Ballett. Die Zahl Drei ist das Kenn- und Siegeszeichen unserer Operette: drei Paare, drei Akte, drei Viertel zwischen den Balken der trennenden Taktstriche. Stereotyp ist der Schluß, in der Musik, in der Handlung. Gleichförmig die Coda, Stretta, % I —/ : lEHM&aac- /V\£y£Ä SALGEH kuthah pecha/eo^ m ÄRMSTE IA/ Kuthan ATLAS Z NUNBEfcG- T> \ - Aif/ee sid 8R.AN.DT Salg-ez. Cadenz der Walzer, gleichförmig im Geschehen die Entwirrung dessen, was längst aufgelöst ist, das Zusammensügen derer, die längst sich zugehörig wissen. Daher der schwache dritte Akt. Aber der Ansang: im Libretto die Schürzung des sich immer mehr verwirrenden Knotens (um auch diesmal das „Historische" nicht vorzuenthalten, sei gesagt, daß die Verfasser, die den Text erst nachträglich der nach Strauß' Tode zusammengestellten Musik unterlegten, Viktor Leon und Leo Stein sind) und aus ungleich höherer Ebene in den Tönen dies Anheben der Walzer, Polkas und Resrainlieder; hier ist Einfall, Einmaligkeit, Genie, das Herrlichstes in die Welt der Klänge setzt, aus ihr holt. Und eben dieser grazilen Faktur, diesem Anschleifen und Pointieren hätte Berthold Sander in seiner -musikalischen Leitung nachdrücklicher folgen kön- Wren. Sieht man davon ab, daß das Orchestrale einen Schuß Berliner Weiße weniger und Wiener Blut mehr hätte vertragen können, so war die Leistung von Dirigent und Orchester ausgesprochen gut; denn sie war korrekt, sicher, im Zusammenspiel in jedem Moment absolut untadelig. Dr. Kurt Singer als Regisseur hatte eine besonders glückliche Hand. Mit großer Freude begrüßte man in einzelnen Zügen alte Bekannte aus Singers entsprechenden Inszenierungen in den Opernhäusern der Bismarckstrahe und Unter den Linden. Das Ganze hatte Schwung, ohne die Schönheit der Musik zu überrennen, und das gelang zum Glück nicht einmal den geradezu gefährlich faulen jüdisch-aktuellen „Witzen". Am Beifall nahmen mit Recht auch die Unkostümierten teil, die künstlerischen Leiter. Ludwig Altmann. Theater in Breslau Der Breslauer Kulturbund brachte als letzten Theaterabend der Spielzeit „fahrendes Volk aus Köln": Friedl Münzer, Alfred Berliner (Balthosf) und Alfons Fink, jetzt am Jüdischen Kulturbund Rhein-Ruhr, Köln, spielten unter dem Gesamttitel „Kurz und gut" heitere Szenen, die zwar fast durchweg kurz, aber nicht durchweg gut waren. Zunächst hatte sich in einer „Büroangelegenheit" der Chef (Fink) mit Wupsi (Berliner), der „unbezahlbaren" Type eines Büroa.ngestellten, weidlich herumzuärgern. Dann erschien Fink als Straßenhändler: bewundernswert fern Redetalent, bedauernswert die verstaubte und niveaulose Angelegenheit, die er uns vorsetzte. Schließlich ein häusliches Idyll: eine mondäne Dame (Friedl Münzer) muß ihrem vertrottelten Gemahl (Berliner) die „Abrechnung" der Haushalts- und sonstigen Ausgaben vorlegen. Unnötig zu sagen, was dabei herauskommt. Zwischen diesen wenig erfreulichen Kleinigkeiten spielte man Schnitzlers „Abschieds-Souper". Das war erfreulicher, obwohl wir den Einakter schon graziöser und wienerischer gesehen haben. Alfred Berliner (Anatol) war nicht scharmant und melancholisch genug, er lärmte zuviel. Seinem Freunde Max (Alfons Fink) konnte man den sorglosen Frohsinn wohl glauben, der ihn über die Situation stellt. Friedl Münzer (Annie) war die beste Type des Stückes: echt wienerisch mit Laune und Temperament. In der geistreichen Groteske „Der Hund im Hirn" von Kurt Goetz wurden alle Feinheiten des nachdenklichen und doch so beschwingten Spiels sorgfältig herausgearbeitet, eine ausgezeichnete Leistung geboten, die allen Mitwirkenden, den Kölner Gästen und Georg F e l d m a n n (Breslau), in gleicher Weise anzurechnen ist. Die Aufführung entschädigte vollends für die Enttäuschungen des ersten Teiles. Die Bühnenbilder des gesamten Abends (Egon Markus, Köln) gefielen in ihrer anspruchslosen Schlichtheit. Der Saal war ausverkaust. der Beifall besonders am Schluß groß. Schw. Konzerte und Vorträge in Berlin und im Reich Der Referent, der über den letzten Vortragsabend von Dela Lipinskaja in Berlin berichten soll, ist einigermaßen in Verlegenheit. Er hatte das Glück, die Künstlerin zu wiederholten Malen zu sehen. Jedesmal ist dabei in der jüdischen Presse der Versuch gemacht worden, etwas im Grunde Unveränderliches: ihr Können, ihre Artistik, die Besonderkeit ihres Spiels und ihres Wesens, in immer neuen und dieser spezifischen Leistung entsprechenden Formulierungen auszudrücken, um so dem Leser ein lebendiges Bild ihrer Kunst zu vermitteln. Es besteht also die Gefahr, daß man, will man nicht schon Gesagtes wiederholen, sich um Definitionen ihrer Kunst bemüht, die zwar originell sein mögen, aber nicht mehr „treffen", weil sie outriert und überspitzt sind. So beschränken wir uns bescheiden darauf, festzustellen, daß wir von neuem von dem Zauber dieser großen Künstlerin gefangen _ genommen wurden, wenn wir auch diesmal einschränkend hinzufügen müssen: es ist nicht nur die gleiche K ü n st l e r i n, die wir von neuem hören, es ist auch fast das gleiche Programm, das sie uns bietet. Gewiß, ein ausgezeichnetes Programm. Eine geschmackvolle und vielseitige Auswahl von fremdländischen Volksliedern und Chansons, außerdem von Liedern mit betont ostjüdischem Einschlag, jedes einzelne virtuos „gebracht". Und dennoch: was wären wir der Lipinskaja dankbar, wenn sie uns bei ihrem nächsten Abend mit Neuem überraschte; gerade weil wir wissen, daß sie als Künstlerin überlegen und schöpferisch genug ist, um sich nicht auf ein bestimmtes Repertoire beschränken zu müssen, bitten wir sie darum. 8. B-n. In Hamburg gab die G e s a n g s v e r e i n i - g u n g „H a s o m i r" ein Konzert, das ausschließlich jüdischen (ostjüdischen) Volksliedern gewidmet war. Die Pflege dieses Kulturgutes hat sich der Chor zu seiner besonderen Aufgabe gemacht und, aus den Eindrücken des Abends zu schließen, mit Erfolg. Oberkantor Hermann Lieber, ein fähiger Chordirigent, bringt gerade die für das jüdische Volkslied unerläßliche Musikalität und das Verständnis mit. Seine Erziehungsarbeit verdient volles Lob. Der Chor sang diszipliniert und konnte mit seinem Liedervortrag, der dem Charakter und dem Stimmungsgehalt des ostjüdischen Liedes vielleicht noch etwas näher kommen dürfte, von einer erreichten künstlerischen Stufe überzeugen,, die beachtlich ist. Als Solisten hatten H. Lieber, A. Rimberg, Ch. Davidowitsch und A. S a l n i k einen Sondererfolg. L. F i n k e l, der die musikalische Bearbeitung der meisten Lieder durchgesührt hatte, unterstützte den Chor am Flügel vorzüglich. Das Konzert fand großes Interesse und lebhaften Beifall. Zu Beginn de? Abends sprach Oberrabbiner Dr. C a r l e b a ch über „Kunst- und Volksgesang in Israel". A. Eine angenehme Abwechslung in der Reihe der Kasseler Kulturbundveranstaltungen bot ein Rezitationsabend von Ilse Jntrator-Dav i d s o h n. Verbindende Worte skizzierten die geistige Idee, aus der heraus die Dichtungen entstanden waren, und trugen zum tieferen Verständnis wesentlich bei. ' Von Heine bis Werfel führte der genußreiche Abend. Die Künstlerin erntete lebhaften Beifall. F. Hermann Sch eh sang im Göttinger Kulturbund Lieder von Schubert, Schumann und Brahms. Die Gemeinde dankte dem großen Künstler, dessen Ruf als führender Bariton erneut gefestigt wurde. Werner Tuteur, der sich auch als ausgezeichneter Pianist bewährte, war ein vorzüglicher Begleiter. M. Dresdener Künstler bestritten den letzten Dresdener Kulturbundabenp. Walter Goldmann und Siegfried Sonnenschein konzertierten an zwei Flügeln. Tadellos aufeinander abgestimmt war die Wiedergabe von Bachs erlöstem e-moll-Konzert, Max Negers geistig und technisch meisterlich bewältigten Variationen und Fuge über ein Thema von Beethoven und den Bearbeitungen Mozartscher Musik von Busoni. Die Altistin Herta Mautner-Falk gab mit ihrer schöntimbrierten Stimme in Liedern von Tschaikowsky, Josef Marx und Richard Strauß warm empfundene Lyrik, ohne allerdings die eigenen Vortragsmöglichkeiten zu erschöpfen. Siegfried Lewinsky eröffnete den Abend mit Dichtungen von Bialik; „Nach meinem Tode" gestaltete er besonders eindrucksvoll. E.B. „Wer zählt die Völker, nennt die Namen, die gastlich hier zusammenkamen!" hätte Rahel Varnhagen beim Anblick des beträchtlichen Menschenaufgebotes sicherlich ausgerufen, das sich ihrer und ihres Kreises gedenkend, zu einem Abend der Kölner Jüdischen Kunstgemeins ch a f t einfand. Diese wohlmeinende Veranstalterin griff diesmal fehl in der allzu eifrigen Einbeziehung mannigfaltiger Künstler- und Dilettantenschichten, und so wurde das Programm trotz mancher Abwechslung -farblos und langatmig, Die beiden BERÜHMTEN ITALIENISCHEN LANDSCHULHEIME FÜR KNABEN MARE-IMONT am Meer: RUTA Dl CAMOGLI (Prov. Genua/Riviera Levante) im Hochgebirge: PONTE Dl LEGNO (Prov. Brescia/1300 m) bmm führen durch ihre vorzüglichen, allseitig geschulten Lehrkräfte Ihre Kinder am schnellsten den höheren Schulen und Universitäten Italiens zu. 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