Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 15 (1936) - farbig
- Issue
- 22 (27.5.1936)
- Date
- 1936-05-27
- Page
- [Seite] (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2277379-9449481-9449365--10422-9449065- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nummer 22 5. Beiblatt der C.-V.-Zeitung 27. Mai 1936 Wache Träume ,iDenn wo viel Sorgen ist, da kommen Träume.” (Der Prediger Salomo, 5. Kap., Vers 2.) Der Tag wird lang, die Helligkeit läßt es nicht amnerken, -daß sie ermüdet und sich zurückziehen will. Der Tag wird lang, und die Arbeit reicht nichtihn auszusüllen. Nur die Sorgen lassen sich strecken. Noch vor kurzer Zeit konnte man sie früher zu Bett bringen, jetzt' werden sie vom Frühlingswind getrieben, vermengen sich mit seiner schmerzlichen Leichtigkeit und seiner wehmütigen Lust und wehen mit ihm über die Wirklichkeit hinweg in eine pastellene Ferne. Sie verspinnen sich zu Träumen. „Denn wo viel Sorgen sind, da kommen Träume" und getragen vom Frühlingswind, scheint cs manchmal, daß die Sorgen, die mit ihrer Reiche Erfahrung in Ausstattungen jeder A usführung / Un verbin di ich e Bera tung DORA APFEL J1 6131 Wäsche-Atelier Berlin W15, Kurfürstendamm 210 großen Schwere recht im Gegensatz zu den leichten Träumen stehen, gerade diesen Gegensatz herausfordern, daß sie mit Willen durch das zarte Traununedium, das sie ja ohnedies nicht tragen kann, heruntersinken, um sich kraft ihres plumpen, großen Gewichtes tief in die Erde zu vergraben. Hier halten sie sich versteckt, es ist halb sieben Uhr Abend, und der Himmel spannt seine duftigste Seide über die scharfen Dachfirste. Ten Träumen ist das Feld geräumt. Das ist ein gefährlicher Augenblick. Jeder darf mit klarem Kopf behaupten, daß es fruchtlos und unsinnig sei, die Zeit ' mit wachen Träumen zu verschwenden und, der niederträchtigen Wirklichkeit Schnörkel und Effekte anzuhängen, die sie niemals besitzt. Jeder wird mit klarem Kopf gleich mit ein paar Dutzend Vorschlägen kommen, wie man praktischer und vernünftiger den lang gewordenen Tag nützen kann, und jeder wird meinen, daß man schon genug Illusionen, die sogar nicht einmal traumhaft waren und der Wirklichkeit ziemlich nahestanden, aufgeben mußte, um sich dann noch neue, viel irrealere und unhaltbarere anzuschaffen. Nur wegen des Frühlingswindes? So rechnet man mit klarem Kopf und mit den Träumen ab. Aber hat man beim Träumen einen klaren Kopf? Ist man beim Träumen Praktisch, kann man beim Träumen rechnen und ökonomisch sein? Und hat man zuguterletzt den Frühlingswind erfunden, ist man für seine seltsame Wirkung, die ihm doch niemand streitig machen kann, verantwortlich? Nichts von alledem. Wir wollen die Frühlngsträumer nicht weiter verteidigen, daher die Anklagen, die gegen sie erhoben werden, können sie nicht treffen. Zwischen dem Land, aus der die An- MARTIN BESSER Seide u. Wolle für den verwöhnten Geschmack Kurförstendamm 190 J1 (Bismarckl 797 Jeden Freitag Reste u. Abschnitte An ein Kind Kleines Walterle, welch ein Glück, daß Du mit Deinen drei Jahren noch nicht lesen kannst! Sonst hätte ich Dir diesen Brief heute nicht schreiben können, den ich Dir doch gern schreiben will. Was ein Brief ist, davon hast Du vielleicht schon ein bißchen Ahnung; Du selbst schreibst ja oft genug: an die Mutti, die neben Dir sitzt, oder an den Onkel, der Dir einmal die schöne Eisenbahn mitgebracht hat, oder an die Entchen im Park, weil sie so buntglänzende Federn haben. Du hast also wirklich schon ein bißchen Ahnung von dem Wesen eines Brieses; aber soviel noch nicht, daß.Du, wüßtest, daß man über einen erhaltenen Brief auch mal traurig sein kann. Für Dich ist es vorläufig immer nur etwas sehr Erfreuliches, wenn der Mann mit der blauen Jacke und der blauen Mütze kommt und ein Kuvert mit einer bunten Marke überbringt. So wirst Du auch meinen Brief in Empfang nehmen. Du wirst die Mutti oder die Oma bitten, ihn Dir vorzulesen und etwa in dieser Art werden sie es tun: ■ „Liebes Walterle! Wie geht es Dir? Bist Du immer hübsch brav und gesund? Machst Du der Mutti viel Freude? Ißt Du immer Dein Süppchen auf, ganz ohne Weinen, wie Du es mir damals versprochen hast, als ich Dich zum letzten Mal besuchte? Und wie geht es Deinen tapferen Soldaten? Hast Du auch weiterhin drangedacht, daß Du fremde große Hunde auf der Straße nicht streicheln darfst — Du weißt doch noch, wie einer mal nach Dir geschnappt hat, nicht wahr?! Hier ist auch so ein kleiner Junge, der mich manchmal mit seiner Oma besucht; er ist so alt wie Du und ich erzähle ihm viel von Dir, besonders, daß Du sehr lieb bist; nun mußt Du es aber auch wirklich sein, denn sonst hätte ich ja geschwindelt, und Du weißt doch, daß man das nicht darf! Ich besuche Dich auch bald wieder. Ein liebes klage kommt, und dem, wo der Angeklagte lebt, steht eine undurchdringliche und unübersehbar hohe , Mauer, die beiden Länder sind einander so fremd, sie sind so gegensätzlich — so verschieden, daß keine Meinung für sie gemeinsam Geltung hat. Der Träumer steht jenseits von Gut und Böse, er träumt wider alle Vernunft, aber mit allem Genuß, dessen sein Fühlen fähig ist, und zu allem fürchtet er nicht einmal die Rückkehr aus dem Traum in die kalte Wirklichkeit, denn sie ist nicht ganz so schmerzhaft, wie man vermuten könnte. Freilich fangen alle Träume mit dem unzulässigen „wenn" an und schließen damit gleich alle Sorgen aus, die man durch das helle klare Denken niemals vertreiben kann. Dieses Anfangswort ist unleugbar der große Schönheitsfehler aller Träume, er ist unvermeidlich, dafür aber auch der einzige. Denn nachher geht es wundervoll glatt, die günstigsten Zufälle und Situationen, die besten Gaben und Talente stehen einem zur Verfügung, um sein geträumtes Schicksal in eine glückliche Bahn zu steuern. Und meistens ist auch der ganze Verlauf sogar vernünftig, denn wie leicht ist es, vernünftig zu sein, wenn die großen Sorgen, denen man auch mit der allergrößten Vernunft nicht beikommen kann, ausgeschaltet sind. So sind also diese wachen Träume eine Flucht in eine dem einzelnen viel besser angepaßte, also für ihn viel vernünftigere Welt, die niemand die ehr- und schamverletzende Zumutung stellt, sich mit unlösbaren, wahrhaftig unvernünftigen Sorgen zu beschäftigen. Die Flucht kann mau nicht feige nennen, hier wird auch keine Vogelstraußpolitik oder eine ganz bequeme, 'systemlose und undisziplinierte Phantasterei getrieben, es ist viel mehr die notwendige und natürliche Erholungsreise der zermarterten Gedanken. Auch das Träumen in den blauen Himmel ist eine Form des Denkens, und sie ist alles, nur nicht unproduktiv, denn cs ist ja nichts Besseres und nichts Schlechteres als die Anspannung aller Phantasie, als das Dichten schlechthin. Daß diese Dichtungen sich nur um die eigenen persönlichen Angelegenheiten drehen, daß sie keine allgemeingültigen Aspekte aufweisen, wie es bei der wahren Dichtung ist, tut in diesem Falle nichts zur Sachlk. An der privaten Rolle, und es ist in den wachen Träumen immer eine Heldenrolle, die man spielt, wird gefeilt und gebosselt, bis alles sitzt und klappt, und man es zum happy end gebracht hat. Oh nein, man macht es sich auch hier nicht allzu leicht, das happy end, das unentbehrliche Zeichen aller wachen Träume,, sozusagen. die Spezialität dieser geträumten Dichtungsform, muß erkämpft werden, es legen sich allerhand Hindernisse in den Weg, aber weil man, wie schon gesagt, in seinen Träumen allemal ein Held ist,, räumt man die Hindernisse ohne Zögern und ohne mit der Wimper zu zucken, fort, kämpft gegen alle Sorten von Teufeln mit bewunderswertem Mut und noch be- Küßchen und Grüße für Mutti und Oma fchlcrt Deine Tante Hilde." So oder ähnlich wird man Dir vorlesen; doch es stimmt nicht, Walterle,. in dem Brief stehen ganz andere Dinge drin. Aber bis Du die verstehst, werde ich selbst vielleicht nicht mehr verstehen, daß ich sie einmal geschrieben habe; dann werde ich vielleicht auch nicht mehr böse sein, wenn Du mich Tante nennst — heute will ich das nicht, das weißt Du. Das Wichtigste, was ich Dir sagen wollte (wenn Du es verständest, würde sich die Mutti jetzt sehr ärgern,, weil es nämlich ganz „unpädagogisch" ist — aber Du versteht es ja nicht und ich kann nur wünschen, daß Dein rechtes Gefühl selbst das Gleiche erkennt), das Wichtigste also: höre nicht auf die Tante Hertha, wenn sie Dir mit ihrem süßen Lächeln immer wieder predigt: „Du mußt gleich lieb und freundlich fein zu allen Onkeln und Tanten." Das ist nicht wahr, Walterle, das mußt Du . nicht. Du bist es ja auch nicht, und das beruhigt mich. Nicht, daß ich es richtig fände, wenn Du zu manchen Menschen abstoßend unliebenswürdig wärest; das ist unklug fürs Leben, solche Eigenart ist uns eben nicht gestattet. Aber dieses „lieb und freundlich" in Tante Herthas Sinn bedeutet, daß Du allen ihre meist albernen Fragen geduldig beantworten sollst: wie Du heißt, wie groß Du bist, ob Du dieMutti lieb hast und ob Du das kleine Schwesterchen verkaufen willst und solcher Dinge mehr, endlos. Das ist unter Deiner Würde, glaub es mir. Denn: du darfst überzeugt sein, daß die Menschen dies alles viel besser wissen als Du — sie wollen nnr sehen, wie Du Dich besinnst, hören, wie Du sprichst und der Mutti große Komplimente über Dich machen. Nein, Walterle; an diesen Menschen verliert man nicht so sehr viel. Sei gleichmäßig höflich zu ihnen und damit Schluß, suche Dich eben ihrem Gefrage zu entziehen; klug genug bist Du dazu. Wenn nämlich jemand wirklich ernsthaft etwas von Dir wissen will, dann fragt er Dich nicht viel ans; dann nimmt er Dich bei der Hand und geht mit wundernswerterem Erfolg und genießt dann den wohlverdienten Sieg mit gebührender Muße und ebensolchem Stolz. Das ist das Raffinierte an den wachen Träumen, daß einem das Glück nicht mir nichts dir nichts , in den Schoß fällt, daß man erst seine Fähigkeiten, seinen Verstand, seinen Witz, seinen Charakter, kurz alles was zum Helden gehört, unter Beweis stellen muß. Und hier beginnt die moralische Seite der wachen Träume, hier kann man vielleicht auch den Grund dafür finden, warum das Erwachen ans dem Märchenland nicht so schrecklich ist. Man stellt sich in seinen Träumen, in seiner Traumrolle selbst auf die Probe. Mag sich die Phantasie noch so grenzenlos verlaufen, wenn sie daran geht, alle äußeren Glücksfälle zu erfinden, wenn sie die Sonne scheinen und die' Millionen regnen läßt, wenn sie in ferne Länder führt oder eine besonders ehrenvolle und verantwortliche höchste Position bereithält, wenn sie einen unendlich geliebt wissen will und auch schon den dazu notwendigen Partner ausgedacht hat, sie beginnt sich einzuschränken und verliert an Schwung, wenn sie einen selbst in alle den möglichen Situationen zu schildern beginnt, wenn sie einen denken, handeln, sprechen, fühlen läßt, damit man sich sein Glück verdiene und es nachher verwalte. Auf einmal hat die Phantasie Grenzen, und die Grenzen übertragen sich auf das Traum-Jch, das inmitten von Glanz und Pracht täppisch herumstolpert und sich ziemlich unbehaglich fühlt. Der Traum hat zwar schnell einen neuen Glücksfall bereit, die Blawage soll vertuscht werden, aber das neue Glück schmeckt schon fade und man hat langsam sich im Verdacht, dieser Menge von Freude und Helle nicht gewachsen zu sein. vis Schneiderin MOtiClIdtBÜßl’ SCilillBf Der Schneider für die elegant gekleidete Dame Berlin NW6, Schiffbauerdamm 12, a.Bhf.Friedrichstr.. 0 2 Weidend.2137 Da ist nun der Augenblick gekommen, wo der Abschied aus dem wachen Traum nicht mehr so schwer fällt. Man hat etwas zugelernt, was noch nicht ganz klar und deutlich auszusprechen ist, aber was ungefähr die eigene menschliche Substanz zu den Wünschen seiner Seele in eine Beziehung bringt, vielleicht auch an der unendlich großen Aufnahmebereitschaft für Glück zweifeln läßt, und einen ahnen macht, daß die wachen Träume, die der Frühlingswind aus unfern Sorgen gesponnen hat, aus jener Sehnsucht nach dem Unbekannten bestehen, das nie erreicht und nie gefunden werden darf, damit die Sehnsucht nicht enttäuscht werde. Wenn der Himmel um halb sieben Uhr abend seine duftigste Seide über die geraden Dachfirste spannt, dann überlasse man seine Sorgen dem Frühlingswind. 6.'H. Abschied von Paula Neufeld ' Paula Neufcld verläßt in diesen Tagen Berlin, um in Amerika neue Arbeitsmöglichkeiten zu suchen. Mit ihr geht eine liebenswürdige Schilderin der alten Heimat fort, eine begabte Künstlerin, die mit ihren Arbeiten zu vielfachen Hoffnungen berechtigt. In ihrem Atelier sah man die letzten Zeichnungen, Oelbilder und Radierungen. Noch einmal hörte man aus Paula Neufelds Mund, wie oft und gern sie das Berlin der alten Schifferstadt mit dem Zeichenblock durchwanderte, wie sie auf manchem Spreekahn sitzend, die ihr liebgewordene Gegend malte. Dabei ließ sie das umfangreiche Mal- und Zeichenwerk vor uns erstehein duftige Schilderungen, im Dunst des Vormittags zu Papier gebracht, jenen Blick an der Spree von der Stadtkasse aus, ein Ausschnitt vom Mühlendamm, eine Farbstiftskizze vom Borsig-Steg. Und daneben das neue Berlin: der Potsdamer Platz und der Grunewald; zuerst macht Paula Neufeld die Skizzen zu den Gemälden, um sich innerlich festzulegen. Aus Schwarz-Weiß wird später das Farbige, man sah noch einmal, wie ernsthaft diese Künstlerin arbeitet. , lind dann . hielt man weiter Umschau im Atelier. Bei Jaeckel und bei Spiro, bei Leo von König - und dann im Kollektiv der Annot- Jacobi, der Großnichte Menzels, hatte Paula Neufeld gearbeitet. An den Bildern der früheren Paula Neufeld: Selbstbildnis Fot. Abraham Dir zu Deinen Spielsachen, Ihr werdet zusammen Häuser bauen oder ein Schlachtenheer aufstellen oder er wird Dir vorlesen; oder er trifft Dich im Park und zeigt Dir die Entchen, gibt Dir. Brot, um sie zu füttern, geht sehr langsam mit Dir an den blühenden Blumenbeeten vorbei oder, wenn es Winter ist, läßt er Dich einen Schneeball machen und Ihr lacht zusammen, wenn Euch die Kälte den ganzen Körper überrieselt; zuerst werdet Ihr sicher nicht viel reden; aber dann, wenn Du willst, erzähle diesen Menschen alles, alles, was Du nur weißt und gib ihm das beglückende Empfinden „Kind" wieder, denn er verdient es und wahrscheinlich hat er sich sehr danach gesehnt. Oh, wenn die Tante Hertha wüßte, was ich da eben alles gesagt habe! Und wenn sie's wüßte? Wäre auch nicht schlimm, Walterle! Nur keine Angst haben! Die schwarzen Männer, von den Dir Deine Kinderfrau mal erzählte, gibt es nicht. Manche Menschen allerdings, auch Große, setzen sie sich selbst ins Herz und dann haben sie sie mitzuschleppen, oft ihr ganzes Leben lang. Wenn inan offene Augen hat und einen gefunden Kopf und starke Arme und Beine, dann wird man schon fertig mit der Welt, und wenn sie sich noch so sträubt; und das tut sie oft, mein kleiner Junge, damit mußt Du auch rechnen. Aber wir wären ja gar nicht zufrieden, könnten wir unsere Kraft nicht an ihr messen. Und außerdem ist ja da noch einer, der Dir immer sehr Helsen wird, wenn Du ihn kennst: das ist der liebe Gott. Für Dich ist er jetzt noch ein guter alter Mann mit weißem Bart — ich habe Dir oft von ihm erzählt; so sieht er später nicht mehr aus. Aber das ist auch ganz gleich: wie Du ihn finden wirst, ist es gut. Nur mußt Du immer wissen, daß er nicht dazu da ist, um Dir ein bequemes Leben zu schaffen; er hat Dir ja schon die ganze Welt geschenkt und das ist viel, sehr viel. Und wie Du Dich in ihr bewegen sollst, sagt er Dir auch noch, in den stillsten Stunden der tiefen Nächte. Aber helfen wird er Dir immer nur, wenn Du selbst zum äußersten Einsatz Deiner Kräfte bereit bist. Denk mal, wie herrliche er hat so viele Tausende und Tausende von Menschen, um die er sich alle kümmern muß, und dabei ist er immer bei jedem einzelnenwenn er mit dem Herzen gesucht wird, auch bei Dir. Und dann erzählt er Dir ganz leise, daß nur Du es hörst, von all den anderen Menschen, von den Tieren und Pflanzen, von den Lüften, dem Wasser und der Erde — er lehrt Dich die Welt und das Leben; das tut er auf seine Art, die Du nur verstehen mußt. . Was sage ich Dir denn da alles? Es kann ja sein, kleiner Walter, daß Du jetzt, während ich das schreibe und Du drei Jahre alt bist, viel mehr Ahnung hast von diesen Dingen, unbewußt, als wir Großen, die wir uns den Kopf viel zu viel darüber zerbrechen und schon vergessen haben, was dieses Süßeste des ganzen Lebens überhaupt ist: Kind zu sein. Nur manchmal ist die Sehnsucht nach dieser Zeit in uns ebensehr groß—-besonders, wenn uns der Dag wieder mal mit recht harten Fäusten angepackt hat — und wir träumen uns zurück, ohne zu wissen, ob unser Traum nur annähernd so ist wie Deine Wirklichkeit. Einigen von uns mag ein solches Zurücksinken recht gut gelingen: das sind die jungen Mütter und die Dichter. Aber auch sie vergessen vielleicht, daß Du wahrscheinlich genau wie wir Deinen Kummer hast, daß für Dich der Schmerz um ein zerbrochenes Spielzeug ebenso groß sein kann wie unser Schmerz um eine zerstörte Berussmöglichkeit. ■ ' Du wirst auch das, was Mutti Dir als diesen Brief vorgelesen hat, bald wieder vergessen haben; das ist gut, Walterle. Und wenn Du einmal, viel später, die Zeilen hier wirklich finden solltest, dann komm zu mir, damit ich aus Deinem Verstehen den Tag wieder erlebe, an dem ich Dir einen solchen Brief geschrieben habe. Hilde Marx. DAM PF WÄSCHEREI BERNER LAND „Die gute Wäscherei1' Garantie f. schonendste Behandlung BERLIN-ZEHLENDORF Klem-Nachnower Weg 9/11, H 4 (Zehlendorf) 2830