Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 15 (1936) - farbig
- Issue
- 22 (27.5.1936)
- Date
- 1936-05-27
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 22 * 1. Beiblatt 27. Mai 1936 C.Vzeihjtiq W -M M M M Das Buch Ruth, das am Wochenfest, dem Fest der Ernte, in der Synagoge verlesen wird, beginnt mit Not und Mißgeschick: ein Ehepaar und zwei Söhne ziehen wegen Teuerung in die Fremde, die drei Männer sterben dort, die Frau und die moabitischen Schwiegertöchter begeben sich in völliger Armut wieder aus den Weg nach dem Lande Israels. Aber durch das Festhalten an Tugend und Glauben wird alles zu gutem Ende geführt; die Moabiterin Ruth wird die Gattin des reichen Landherrn Boas und der Schluß gibt einen Ausblick auf die ruhmreichste Zeit Israels: das letzte Wort des Buches Ruth ist das Wort David, der der Urenkel von Boas und Ruth ist. Dies alles wird ausführlich und anschaulich, frisch und anmutig erzählt im Stil einer Novelle, nach Goethe das „lieblichste kleine Ganze, das uns episch und idyllisch erhalten wurde". Der Höhepunkt der Erzählung ist das ins Poetische transponierte Treuebekenntnis der Ruth: „Wo du hingehst, da will ich auch hingehen. . . Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott." Diese lyrischen Worte sind die populärste Stelle des Buches Ruth, die jedem zuerst in Erinnerung kommen. Ebenso deutlich stellt sich gleich ein visuelles Bild ein: Ruth als Schnitterin im Felde mit Aehrenbündeln. Wer welches Bild ist es eigentlich? Selbst der mit dem Bildermaterial Vertraute kann diese Reminiszenz nicht eindeutig sestlegen; stammt sie aus der Dorveschen Bilderbibel oder aus einer anderen Illustration des 19. Jahrhunderts? Und wenn man so suchend und rückblickend die bildlichen Darstellungen des Alten Testaments durchgeht, so stellt man fest, daß die Gestalt der Ruth sich relativ selten findet. Seinen Grund hat das in dem inhaltlichen und stilistischen Charakter des Buches Ruth und in seiner Beziehung zum Neuen Testament. Diese ist vorhanden, denn Ruth ist, wie schon erwähnt, die Stammutter Davids und steht darum auch im Geschlechtsregister Christi, aber die Ereignisse des Buches Ruth gehören nicht zu den Themen der Erwartung und Vorbereitung, die auf ähnliche Geschehnisse des Neuen Testaments Hinweisen und daher traditionell bildlich neben diesen dargestellt werden. Da dem Buche Ruth diese typologische Beziehung fehlt, wird es nicht populär im frühchristlichen und mittelalterlichen Bilderkreis, und es findet sich auch nur in den Bibelillustrationen, die sich mit besonderer Ausführlichkeit dem Alten Testament widmen. Es sind dann bestimmte Marksteine im Laufe der Handlung, die vom 11. Jahrhundert an bis in unsere Zeit immer wieder zur Illustration gewählt werden: Ruth bei den Schnittern im Felde, Ruth bei Boas auf der Tenne, Boas nimmt Ruth vor den Aeltesten des Landes zum Weibe. Die Schnitterszene hat schon in einer österreichischen Bibel des 11. Jahrhunderts den Charakter des Arbeitsbildes; jedenfalls werden wir sehr genau über den Erntevorgang unterrichtet, wir sehen, daß man mit der Sichel schneidet und die Halme zu Garben bindet. Das Ganze ist formal noch stark byzantinisch beeinflußt, aber ausgeschmückt mit individuellen, naturalistischen Einzelzügen. Boas liegt aus der Tenne und hat zum Zeichen, daß er sich zur nächtlichen Ruhe begeben hat, seine Schuhe ausgezogen und neben das Lager gestellt. Das leichte Sich-Sträuben der Ruth gibt auch den Ansatz einer psychologischen Differenzierung. Von späteren Illustrationen ist die eindrucksvollste in Holbeins Bilderbibel. Volkstümlich, bildhaft klar, leicht ablesbar wird Ruth unter den Schnittern durch die zwanglos auf sie hinführenden Linien als Mittelpunkt der Handlung charakterisiert. Der landschaftliche Nahmen ist knapp aber anschaulich durch ein Aehrenfeld im Vordergrund angedeutet. Der Gefühlston ist schlicht, der textlichen Unterlage adäquat. Im allgemeinen erfahren die biblischen Themen eine Neubelebung und einen frischen Impuls im Barock. Aber dem Thema Ruth fehlt, was r Von Dr. Margarete Steinberg mt® im D/ -i&P: - >■ J. «gSHrHE: sn&nansnnntn .. i«n»n»i»»M Links oben: Ruth zu Füssen des Boas, aus der Wenzelbibel, Wien (14. Jahrhundert) — Mitte: Boas und Ruth, nach einem Gemälde von Nicolaus Poussin, Paris (17. Jahrhundert) — Ruth und Boas, von Eugene Delacroix, Paris (19. Jahrhundert) -— Ruth und Boas (Die Judenbraut), von Rem- Brandt, Amsterdam (17. Jahrhundert) diese Zeit reizt. Mit geringem Ergebnis sucht man im Rembrandtkrers, wo doch in der Gefolgschaft des Meisters sich so viel Psychologisches Interesse für biblische Themen findet und der orientalische Einschlag in den Hafenstädten immer eine äußere Anregung gibt. Im Berliner Museum gibt es eine Landschaft von Aert de Gelder mit Boas und Ruth, aber die Landschaft hat hier ihren Eigenwert als Kompositionssaktor und als Träger eines romantischen Gefühls, die prächtig orientalisch gekleideten Figuren sind kaum mehr als Staffage. Es gibt noch ein berühmtes Landschastsbild der „Sommer" mit der weiteren Bezeichnung Boas und Ruth; es gehört zu einem Zyklus die „Jahreszeiten", den Poussin für den Herzog von Richelieu gemalt hat. Was dieses Bild von dem vorher erwähnten holländischen Bild wesentlich unterscheidet, ist, daß hier Mensch und Landschaft einheitlich empfunden, aus den gleichen seelischen Ausdruck gebracht sind. Sommer bedeutet Ernte, bedeutet des Lebens Höhe, bedeutet Arbeit und Ehe. Ruth und Boas, nicht mehr jung, beide reich an Erfahrung, die sich zu Lebens- und Arbeitsgemeinschaft finden, personifizieren und symbolisieren das Stadium der Reise. Die beruhigte Stimmung des Ganzen wird erreicht durch den wohlgefügten Bau der Landschaft, die sich oft als meßbare Distanz in klaren Schichten zum abschließenden Hintergrund ausbreitet. Ganz besonders passiv verhält sich der italienische Barock gegenüber dem Buch Ruth. Ihm fehlt der äußerste Affekt, die große Tat als Höhepunkt. Es erzählt nicht von Ausnahmemenschen, von verzückten Schwärmern oder von gottgesandten Helden, die auch vor List und Blut nicht zurückschrecken wie das Buch Judith; es hat nicht den kunstvoll gesteigerten Ausbau mit dem dramatischen Umschwung wie das Buch Esther. Nicht von Blutvergießen, Rache und Feindeshaß ist die Rede, sondern es atmet eine Atmosphäre von Frieden und Gedeihen; es bietet auch keine Gelegenheit zu äußerer Vielfältigkeit, zu großer Repräsentation mit Theateresfekten. Das Ganze spielt in einer durchaus privaten Sphäre; nicht um das Volksschicksal geht es, sondern um ein persönliches Schicksal, das allerdings Anlaß gibt allerlei Probleme volkstümlich didaktisch zu behandeln. Ruth die Fremde und Fremdgläubige trennt sich von Heimat und Familie in der Sehnsucht nach Israels Gott und findet für ihre Glaubensstärke reichen Lohn. Aber alles das geschieht ohne Märchen und Wunder, ohne besondere göttliche Fügung. Es ist eine Verherrlichung von Freundschaft, Dankbarkeit, Treue, Mildtätigkeit. Ruth ist liebenswürdig, fleißig, sittsam — Boas lobt ihre Zurückhaltung gegen die jungen Männer —, Boas ist weitherzig und wohlwollend, der vorbildliche Bauer mit der Liebe zu seinem Lande, der auch. mitarbeitet; er ist sozial gesinnt, denn er hat das Aehrenlesen als Armenrecht anerkannt; er hat die höchste Achtung vor dem Gesetz, dem er erst gerecht wird, bevor er seiner Neigung zu Ruth folgt. Alles das sind Tugenden, zu denen man sich und andere zu erziehen strebt, wenn man an den Fortschritt und die Allmacht der Vernunft in ethischen Fragen glaubt, und darum entspricht das Thema so recht der Gesinnung des beginnenden 19. Jahrhunderts. Das Buch Ruth wird ein Lieblingsstosf für die Klassizisten und Nazarener, für die ja die Aufklärung mit ihren rationalistischen Normen in allen Fragen den weltanschaulichen und geistigen Hintergrund bildet. Josef v. Führich hat mehrere Szenen gemalt, gestochen, auch einen mehrblättrigen Zyklus gezeichnet. Man hat ihn den „Theologen mit dem Stift" genannt, weil ihm Religion und Weltanschauung wichtiger waren als die Kunst, aber man muß anerkennen, daß er für seine warmen Empfindungen eine gefühlvolle Liniensprache gefunden hat. Jede Kunstrichtung, die erzieherisch und moralisch wirken will, bevorzugt die Umrißzeichnung, weil diese die Deutlichmachung des Inhalts erleichtert. So entstehen um diese Zeit von verschiedenen Künstlern Zeichnungen zur Geschichte Ruth, getragen von dem gleichen, überzeitlichen, etwas blutleeren Idealismus, die die handelnden Personen klar charakterisieren und in zeitloser Tracht nach antikem Formenkanon sich bewegen lassen. Auch die englischen 9925 9999^