Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 15 (1936) - farbig
- Issue
- 22 (27.5.1936)
- Date
- 1936-05-27
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Hineinschlüpfen und sich wohlfuhlen Präraffaeliten behandeln — aus ihrer spezifischen, raffiniert sentimentalen Gefühls- Perspektive — das Thema mit wenig Varianten. Der Vorgänger dieser künstlerischen Bruderschaft William Blake hat der Darstellung eine eigene Note gegeben. Er ist Mystiker, auch Dichter und wurzelt wie die meisten Engländer fest in der biblischen Tradition. Er gibt die Scheideszene — Orpa kehrt ins Moabiterland zurück und Ruth zieht mit Naemi — mit großem Pathos, wohl im Anschluß an eine, schon im Mittelster geläufige Auffassung, daß hier die Scheidung der guten von den schlechten Engeln symbolisiert werde. Aber seine übersteigerte, vergrübelte Empfindung erschöpft sich in einem archaisierendem Linienspiel, in ornamentalen Parallelen und Schlangenlinien. Pathos, aber echtes, geschöpft aus einem starken künstlerischen Temperament, zeigt ein Bild von Delacroix. Den Franzosen reizt es, die äußere Atmosphäre der Bibel wiederzugeben, die ihm durch eine Orientreise vertraut war: die fremdartige Physiognomie des Landes und des Volkes, das Timbre der Landschaft, von Himmel und Sonne. Er malt die Szene vor dem Tor, wo Boas mit den Verwandten von Ruth verhandelt und es wird bei ihm durch den Gegensatz der sitzenden, ruhig wägenden Männer und der aufrechtstehenden stolzen Frau eine Entscheidungsszene von einer Dramatik, die den biblischen Worten ganz fern liegt. So wie die Dramatik dem Buch Ruth fehlt, so fehlt auch der Anreiz zum episodischen Ausspannen, zum Fabulieren. Es ist wohl kein Zufall, das in Liebermanns Oeuvre die 5 Lithographien zum Buche Ruth keine große Rolle spielen; er schildert in seinen ausdrucksvollen, auch im Flüchtigen und Momentanen unverrückbar festen Linien und Flecken Landschaft und Menschen, die in ihr leben und arbeiten, Umgebung und Hintergrund des Buches, aber es kommt nicht zu einer unablösbaren Verbindung mit dem seelischen Kern der biblischen Erzählung. Am stärksten entspricht dem Stimmungsaehalt des Buches Ruth ein Bild, bei dem die Bezeichnung „Boas und Ruth" immer wieder austaucht, aber mangels tatsächlicher Unterlagen immer wieder angezweifelt wird. Es ist R e m b r a n d t s „ I u d e n b r a u t" in 'Amsterdam, eines der viel umstrittenen Rätsel der Kunstgeschichte wie die Mona Lisa und Tizians „Himmlische und irdische Liebe". Ist es ein Porträt? — die Holländer jener Zeit ließen sich gern als historische Figuren porträtieren — ist es eine historische Szene?, ist es eine symbolische Darstellung? Gegenwärtig hat man sich für die indifferente Bezeichnung „Ein Ehepaar" entschieden. Zweifellos ist hier in der gedämpften Gebärde des Gott schläft nicht... Eine alte Legende neu erzählt von Richard Wilde Die Nacht hatte sich über den Berg Sinai gesenkt. Fern im Westen stieg die Sichel des Mondes empor, und Stern um Stern zog herauf. Jetzt strahlten und leuchteten die großen Himmelslichter — nun traten , aus dem immer wachsenden Dunkel auch die kleineren, dann die kleinsten hervor. Bis das ganze Firmament von flimmerndem Glanz erfüllt war. Weit drunten, wo die Zelte und die Hütten des Volkes Israel sich breiteten, flammten die Lagerfeuer, Lichtpünktchen in der Finsternis, in deren Fesseln die Erde ruhte. Manchmal drangen aus den Niederungen auf den Flügeln des Windes ein menschlicher Laut, der Schrei eines Tieres bis zu des Berges Höhe — wenn sie verstummten, lastete um so tiefer, um so feierlicher das Schweigen. Ein laues Lüftchen kam von Mittag her und wehte sanft und schmeichelnd um die Schläfen des Mannes, der einsam hier oben das Schicksal seines Volkes überdachte und in brünstiger Zwiesprache mit Gott, mit dem einen, einzigen Gott, zu finden suchte, was denen im Tal frommen mochte. Ein Gesetz wollte er ihnen geben, Zuchtlosigkeit in Sitte fügen, wollte sie lehren, zwischen mein und dein zu scheiden, das Alter zu ehren, die bösen Triebe zu bekämpfen. Der Mann, den sie Mose nannten, der sie aus A'egypterland, aus Fron und Sklaverei geführt, die Kleinmütigen auf gerichtet, den Verzagenden zugesprochen hatte, hob das Haupt zum Himmel. Ein Ausatmen schwellte seine breite Brust, über die silberweiß von den gebräunten Wangen der Bart herniederwallte. Mose reckte, überwältigt von der Pracht, die Arme den Sternen entgegen. „Wie schön!" murmelte er. Noch nie vermeinte er » Rembrandtschen Altersstils Wesentliches über wortungsbewußten älteren Mannes schaffen menschliche Bindung, Äber Zuneigung — hier eine Stimmung des Sakral-Innigen, der auch im wörtlichen Sinne durch Körpermenschlichen Wärme, die ins Allgemeine, Haltung und Geste gegeben — ausgesagt. Ver- Symbolische wachsend der Beziehung von trauen der Frau in die Führung des verant- Ruth zu Boas gemäß ist. Die „Leuchte" Sind, wie es den Anschein Hat, die Zeiten endgültig vorbei, da ehrgeizige jüdische Eltern von ihren Kindern verlangten, daß sie um jeden Preis — coüte que eoüte — herausragten aus der Masse des Durchschnitts? Es genügte längst nicht, ein mittelmäßiger Schüler zu sein, man hatte zu den besten zu zählen, wenn möglich gar als Primus das Osterzeugnis nach Hause zu bringen. Und wenn andere Kinder vier Jahre zur Absolvierung der Vorschule brauchten, dann mußte der kleine Kurt es in dreien schassen . . . „Wissen Sie schon, mein Junge hat eine Klasse übersprungen!" — „Nein, was haben Sie für ein begabtes Kind! « . ." Daraus kam es' vor allem an: irgendwo eine „Begabung" aüfzuweisen, ein Talentchen, nur nicht zum Durchschnitt, zur großen Masse zu gehören. In seinen „Lebenserinnerungen eines Rechtsanwalts" erzählt Max Hachenburg einen Vorfall, der sehr symptomatisch ist für diese Auffassung. Der Direktor der Schule, die er besuchte, hatte den Vorschlag gemacht, daß er auf Grund seiner besonderen Befähigung studieren solle. Darauf schilderte die Mutter dem Direktor die bescheidenen häuslichen Verhältnisse. Sie könne dem Vater das Opfer nur dann zumuten, wenn die Aussicht bestände, daß aus dem Jungen etwas Außerordentliches werde. Der Direktor erwiderte: „Wir wollen zufrieden sein, wenn er etwas Ordentliches wird." Man sollte meinen, daß der pädagogische Unfug, der sich ja im übrigen nicht nur als ein pädagogischer erwies: sich immer wieder zu exponieren, bei der veränderten Einstellung zu Gegenwartsaufgaben und -sorderungen ein Ende gefunden habe. Es ist, wie die meisten inzwischen erkennen lernten, wichtiger geworden, daß sich einer in die Gemeinschaft, in die er gestellt ist, einfügt, als daß er, von allzu ehrgeizigen Angehörigen ausgestachelt, aus dem Rahmen fällt, um statt des vermeintlichen „Ruhmes" nur Verstimmung und Mißgunst hervorzurufen. Ist es notwendig, darüber heute überhaupt noch etwas zu sagen? Kürzlich habe ich eine kleine Szene erlebt — es ist erst einige Wochen her — die mir deutlich machte, daß diese Auffassung bei manchem rmmer noch nicht revidiert worden ist. Es war am Anhalter Bahnhof, wir begleiteten einen Freund zum Zug, der nach SüdasMa aüswanderte. Wir taten das, was man als junger Mensch immer tut, wenn man von solchen Minuten des Abschieds ergriffen ist, die für die meisten einen Abschied für immer bedeuten: wir lachten, machten die albernsten Bemerkungen der Welt, „blödelten", nur um keine Sentimentalität aufkommen zu lassen ... Seine Angehörigen: die Eltern, die Großmutter, die ältere Schwester, bemühten sich weniger, ihre Rührung zu verbergen; kein Mensch konnte ihnen das verdenken. Die üblichen Bemerkungen fielen: „Vergiß nicht, in Genua gleich zu schreiben, wie du angekommen bist . . . Das Vasano ist in deiner rechten Manteltasche, na, hoffentlich verträgst du die Uebersahrt gut . . . Und dann: erledige die Sache in Kapstadt gleich, du weißt schon. . . und bleib gesund, mein Junge, bleib vor allem gesund! ..." Die Atmosphäre der gedämpften Erregung wird durch die Aufforderung der Beamten, einzusteigen, jäh gesteigert. Letzte hastige Händedrucke, letzte Zurufe, letzte Blicke. Der Zug ruckt an, schnauft schwerfällig aus der Halle, wir laufen noch ein Stück nebenher. Halbe Sätze fliegen zum Bahnsteig hinunter, zu den Coupsfenstern hinauf. Und dann dieser Augenblick, den ich nicht vergessen werde, einen so — ich möchte sagen: erschreckenden Einblick vermittelte er in die Vorstellungen der Mutter, die ihren Jungen in die Ferne schickte. Es handelte sich dabei nur um einen einzigen Satz, ob ihn der Freund, indes ihn die Räder forttrugen, noch hörte, weiß ich nicht, — ich wünschte, er hätte ihn nicht mehr gehört! Den Klang der erregten Stimme seiner Mutter habe' ich noch im Ohr: „Hans," rief sie, „werde eine Leuchte in Südafrika!" Werde eine Leuchte in Südafrika! Das war nun der letzte Zuruf in Europa, der letzte Wunsch, die letzte Ermahnung. Es genügt also nicht, daß du, Hans, der mit Zuversicht und doch auch mit ein wenig Bangen in ein neues, fremdes, sehr fernes Land gehst, dich dort zurechtfindest und einordnest, nein, du mußt unter allen Umständen unbedingt gleich eine „Leuchte" werden, einer, der von sich reden macht, der Aussehen erregt, Staunen, Bewunderung. Wozu fährst du eigentlich nach Südafrika? Doch nicht etwaum dir dort „nur" einen neuen Lebensrahmen, eine einigermaßen gesicherte Existenz zu schassen, um neue Freunde zu finden, ein paar Menschen, die zu dir halten? Du fährst eben, um eine Leuchte zu werden, weil es der ausdrückliche Wunsch aller ehrgeizigen jüdischen Eltern ist, daß ihre Kinder Leuchten werden. Der eine oder der andere wird vielleicht meinen, ich setze mich hier allzu bedingungslos für einen Nivellierungsprüzeß ein, dem anheimzüsallen nicht jeder verdiene. Das ist auch nicht beabsichtigt. Aber es gibt einen Unterschied — und aus den kann nicht nachdrücklich genug hingewiesen werden — zwischen äußerlicher und innerlicher Nivellierung. Damit kein Mißverständnis entsteht: es wird hier nicht befürwortet und verlangt, daß einer seine Fähigkeiten zurückhalte, daß er gar darauf Verzicht leiste, die Werte, die in ihm ruhen, sich selbst und anderen vor allem nutzbar zu machen. Im Gegenteil. Die Selbstbehauptung im Lebenskampf, die draußen aus den ver- Ruth Von Edith L. Meyer ßoas sass in träumerischem Sinnen bei den Schnittern, bis die Sonne sank. Eine von den Aehrenleserinnen fiel ihm auf durch Haltung, Wuchs und Gang. Und er sandte nach des Feldes Hüter: „Wess ist jenes fremde junge BlutP“ „Herr, de kam vom Land der Moabiter, ist Naemis Schnur. Und nennt sich: Ruth. Boas aber fand an ihr Gefallen, lud sie zu der Schnitter Mahl und Rast, und er zeichnete sie aus vor allen als geehrten und rvillkommnen Gast. Später dann, nachdem die Mahd beendet, und die Garben standen rings zu Häuf, deckte, von Naemi hingesendet, in der Tenne Ruth sein Lager auf. Dass sie dienend Boas Gunst erwerbe, tat sie fügsam, wie man ihr gesagt. Und sie sprach ihn an: „Du bist der Erbe. Breit’ den Flügel über Ruth, die Magd. Wie ein Kind, das vor der Rüge zittert, hockte de zu seinen Füssen hin. Boas aber neigte sich erschüttert zu der jungen Moabilerin. Und er fühlte, wie sein Blut entbrannte. Doch er blieb der Erbe und gerecht. f)a er aber Ruth als Weib erkannte, zeugten sie ein ^ömgßc/i Geschlecht. schiedensten Gründen gewiß doppelt schwer ist, wird zu einem guten Teil davon abhängen, wieweit einer „Persönlichkeit" ist, wieweit er an sich gearbeitet hat und weiterarbeitet, um seinen menschlichen Anspruch durchsetzen zu können. Aber es mutet geradezu als ein Zeichen von Lebensunerfahrenh er t an, zu glauben, den Lebenskampf dann bestchen zu können, wenn man, statt den Versuch zu unternehmen, sich in einem gegebenen Wirkungskreis in aller Solidität und Stetigkeit zu bewähren, sich bemüht, die fremde Welt als „Leuchte", somit durch aufdringliches Zur-Schau-stellen seiner Person zu erobern. In den Worten der Mutter des Freundes steckt beinahe das Gegenteil von dem, was als erste und entscheidende Eigenschaft von jedem verlangt werden muß, der als Fremder in ein neues Land kommt: Takt, Zurückhaltung, und immer wieder Maß-Haltenkönnen. Gerade in bezug auf diese Eigenschaften "sollten dir, mein Lieber, .der du nun schon seit einigen Wochen in Johannesburg lebst, die Engländer, unter deren geistig-kulturellen und wirtschaftlichen Einflüssen das Land steht, in das du gegangen bist, und ihr Gentlemanideal vorbildlich sein. Ich wünsche von Herzen, daß du inzwischen noch keine „Leuchte" geworden bist. Daß du mich verstehst, dessen bin ich sicher. Daß aber deine Mutter und mit ihr einige hundert oder tausend andere allzu ehrgeizige jüdische Mütter und Väter mich verstehen mögen, daran wäre mir viel gelegen. Heinz Berggrün die Gestirne in solcher überwältigender Fülle des Schimmers gesehen zu haben — im Innersten erschüttert, ließ er die Blicke schweifen, konnte die Augen nicht wenden von diesem unzählbaren, in Gold und Silber funkelnden Heer. In ihm war Gott, um ihn war Gott — wo er ging und stand, fühlte er die Allmacht des Herrn. Aus jedem Baum und Busch, aus jedem Quell, aus dem Vogelslug, aus jedes Grashalms Sprießen redete sie zu ihm: Wie hätte er sie nicht in dem gestirnten Himmel erkennen sollen?! Erschauernd sah er vor sich Nieder aus das Felsgestein. Auch das hatte Gott geschaffen und gefügt. Jahwe der Gestalter und Erhalter, der Anfang war und Beschluß . . . Ein Vogel der Nacht strich mit scheuem Flug vorüber — Mose achtete es nicht. Denn er war in Sinnen und Grübeln eingesponnen. Dies aber war es, was sich ihm aufdrängte, Besitz ergriff von seinen Gedanken: Gott lenkte den Laus von Sonne, Mond und Sternen, Gott ließ regnen und stürmen, er wachte über das Schicksal aller seiner Geschöpfe, soweit diese Erde reichte — würde er nie müde, senkten nie seine Lider sich zum Schlummer? Wem vertraute er die Gestirne, die Flüsse und die Ebenen, die Berge und die Meere an, während er selbst vom Werk rastete? Eine überirdische Helle ließ Mose aufblicken. Ein Engel des Herrn war zu ihm getreten. In den Händen hielt er zwei Lampen, deren ölgespeiste Dochte blendendes.Licht verstreuten, und also sprach er gütigen Tons: „Mose, der Herr sendet dir diese Lampen, daß du ihrer wartest die ganze Nacht hindurch bis zum ersten Frührotschein. Es sind geheiligte Lampen, und du sollst sie mit deinen Armen emporhalten zum Himmel und sollst achten, daß sie nicht verlöschen. Denn so will es der Herr . . Da der Engel dies verkündet hatte, verschwand er in einer rasch aufwärtssteigenden Wolke, Mose aber dankte Gott, daß er ihm aufs neue einen Beweis seiner Gnade gebe. Dann ergriff er die Lampen, die ihn sonderbar leicht dünkten, daß er ihr Gewicht kaum verspürte, und hob sie den Sternen entgegen, wie der Engel geheißen hatte. Doch merkwürdig: wie Stunde um Stunde verrann, schienen die Lampen ihm schwerer und immer schwerer zu werden. Die Arme, deren Muskeln ihn schmerzten, begannen zu sinken, und nur mit Ausbietung aller Kraft des Willens vermochte er in den zitternden noch die Lampen zu halten. Ihr Licht verschwamm in eins mit dem der Sterne, und mählich dünkte es Mose, wie wenn das der einen und der andern verbleiche. Er ries sich die Botschaft des Herrn in das müde Gedächtnis zurück, er klammerte sich an sie, um Schwäche und Schlaf zu besiegen, die ihn zu überwältigen drohten . . . Eine Stimme, die Stimme des Engels, die aus Himmelsfernen klang, weckte ihn zum Bewußtsein der Dinge. Er fand sich zusammengesunken, vom Schlaf gebunden, aus dem eben der Engel ihn gelöst hatte. Und vor sich aus dem felsigen Boden sah er die Scherben der beiden Lampen, In tiefer Zerknirschung, in stummer Selbstanklage schlug er die Augen nieder. Gott hatte ihn auf die Probe gestellt, und er hatte nicht bestanden. Hatte sich unwert erwiesen des Vertrauens. Da vernahm er aus des Engel Mund diese Worte: „Höre, o Mose, was der Allweise, der Allgütige und Allgerechte dir sagt: Deinen schwachen Händen sind die Lampen entglitten — aufschlagend sind sie zerschellt. Wenn Gott gleich dir dem Schlummer erliegen würde, so . würden aus seinen Händen die großen Himmelslichter auf die Erde stürzen und alles, was auf ihr ist, im trümmernden Fall vernichten. Merke an dem Beispiel der Lampen, daß Gott nie schläft. Daß er nimmer uneingedenk ist der Pflicht gegen seine Schöpfung . . ." Im Osten stieg aus rosigem Gewölk die Sonne des jungen^Tages strahlend empor. Mose aber warf sich auf die Knie und pries demütig aus dankerfüllter Seele den Herrn... „Oer Rabbi als Erzieher" In seiner sehr lesenswerten Autobiographie „Der Weg zu mir" (Verlag Alfred Kröner, Leipzig) erzählt der bekannte Naturforscher R. H. Francs: Eine Besonderheit von Hradisch war der Rabbi M. Neben unserem Garten stand groß und ernst die Synagoge. Auf ihrem Giebel leuchteten die Gesetzestafeln des Moses gar oft bleich und fast drohend in unsere Mondnächte nieder. Neben dem Tempel aber wohnte der alte würdige Rabbiner. Auch er hatte ein Gärtchen, und ganz von selbst spannen sich Nachbarbeziehungen hinüber. Er hatte Freude an dem Knaben; sein Haus war einsam, sein, wie ich glaube, einziger Sohn war damals Privatdozent in Wien und ist heute eine der Leuchten jener Universität. Viele Nachmittagstunden habe ich im Haus des Rabbi verbracht. Oft schickte er, der schwache Augen hatte, mich gegen Abend hinaus: „Geh' mei Sohn, schau, ob man schon den Abendstern sieht." Dann brachte man den siebenarmigen Sabbatleuchter, und das war immer ein sehr feierlicher Augenblick. An ganz heißen Sommernachmittagen saß ich in der Synagoge mit ihm. Da war es kühl, und ein angenehmes grünes Licht floß von den Gärten durch den stillen Raum. Er las murmelnd hebräische Bücher, später unterrichtete er mich selbst in der wunderlichen Schrift des alten Wüstenvolkes, und ich lernte die Thora kennen und bekam allmählich eine tiefe Achtung vor der Besonnenheit und inneren Festigung dieses patriarchalischen Judenlebens. Auf seinen studierten Sohn war er sehr stolz, und ich entsinne mich einer dafür besonders kennzeichnenden Anekdote. Der junge M. war zum außerordentlichen Professor ernannt worden, und der Vater aina völlig verklärt umher. „Weit hat Gott Ihren Sohn gebracht", sagte zu ihm darüber einer der Besucher. Der Alte lächelte, strich den langen Bart, dann wiegte er bedächtig den Kopf. „Nein", sagte er hierauf leise, „weit gebracht hat es mei Sohn und Gott hat es nur zugelassen." Das war eine der feinsten theologischen Unterscheidungen ,die ich je gehört.