Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 15 (1936) - farbig
- Issue
- 21 (22.5.1936)
- Date
- 1936-05-22
- Page
- [Seite] (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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5.Beiblatt Paläs tina-ITiiisdbatii d©F C.-V.-Zeitung Ultimatum gegen Ultimatum Von unserem ^-Palästina-Berichterstatter Tel-Aviv, 13. Mai. , Es ist immer wieder notwendig, sich die Entwicklung der Dinge in Palästina von Zeit zu Zeit in der grossen Linie klarzumachen. Denn jeder, der sich über die Bedeutung Palästinas für die gesamte Judenheit Rechenschaft ablegt, muss sich darüber klar sein, dass es sich in diesen Tagen nicht um irgendwelche Vorgänge in irgendeinem Teil der arabischen Welt oder des britischen Reiches handelt, dass auch nicht nur das Ergehen der 400 000 Juden, die heute bereits in Palästina leben, zur Debatte steht. Es geht vielmehr um eine gemeinsame Sache aller Juden, um den Siedlungspunkt, wo sie nach eigenem Recht ein eigenes Leben aufbauen können, um diejenige Position, die zwar nicht alle Juden, auch nicht alle notleidenden Juden, aufnehmen kann, die aber schon heute — als gegenwärtige Wirklichkeit und als künftiges Ziel für zahllose jüdische Menschen in der Diaspora eine unschätzbare Kraftquelle darstellt. Gerade deshalb ist es nötig, die vielen Einzelnachrichten, die aus Palästina in die übrige Welt gelangen und dort mit so begieriger Anteilnahme aufgenommen werden, zu prüfen, zu ordnen und richtig auszuwerten. Nachrichtenbeschaffung in Palästina ist schwerer als in europäischen Ländern. Unvollständigkeiten und Irrtiimer sind gerade in einem auf Aktualität abgestellten Nachrichtendienst noch weniger zu vermeiden als anderswo. Noch schwieriger aber ist es, aus einem solchen, an sich nicht fehlerfreien Material sich selber ausserhalb des Landes ein zusammenhängendes Bild zu machen und zutreffende Schlussfolgerungen zu ziehen. Verwirrung der Tatsachen und der Meinungen ist nur allzuoft die Folge dieser Uebelstände, obwohl gerade in diesem Falle eine genaue Berichterstattung und eine vorurteilsfreie Urteilsbildung so besonders wichtig wäre. Um nur ein kleines, äusserliches Beispiel anzuführen: Die Nachricht, dass „Die jüdischen Viertel von Tel-Aviv“ abgebrannt seien, beruht auf einem tatsächlichen Irrtum — denn Tel-Aviv selbst hat nur jüdische Viertel und diese sind gottlob nicht abgebrannt, aber diese irrige Information fülj-ft naturgemäss auch zu irriger Beurteilung-der Lage. Tatsache ifet, dass die Lage sich in den letzten Ta^-en verschärft hat. Während diese Zeilen geschrieben werden, steht dem jüdischen Palästina ein kritischer Tag bevor. Am Freitag, dem 15. Mai, also am Tage der mohammedanischen Gottesdienste und der damit verbundenen Massenversammlungen, läuft die Frist ab, welche die Araber dem High Conunissioner für Drosselung der jüdischen Einwanderung und der jüdischen Bodenkäufe gestellt haben. Denn die Araber haben die ultimative Forderung, den Wirtschafts- und Steuerstreik sowie ihre Aufforderung zum Ungehorsam gegen die Beamten rückgängig zu machen, ihrerseits mit einem Ultimatum beantwortet. Die Regierung hat darauf aus Aegypten militärische Verstärkungen herübergeholt, bestehend aus einem Bataillon englischer Infanterie und zahlreichen Tanks. Die Panzerwagen werden namentlich die Möglichkeit schaffen, die Wege besser unter Kontrolle zu halten und damit die immer noch andauernden Brandstiftungen und Ueberfälle auf einzelne Autos zu unterbinden. Der High Conunissioner hat die Ankunft der neuen Streitkräfte in einer kurzen Ansprache im palästinensischen Rundfunk angekündigt und damit gleichzeitig eine Warnung vor Fortsetzung der Terrormethoden verbunden. Zur Erklärung fügte er hinzu, dass erfahrungsgemäss der Einsatz genügender staatlicher Machtmittel Menschenleben erspare, da es auf diese Weise möglich sei, Zwischenfälle und Zusammenstösse von vornherein zu unterbinden. In der üeffentlichkeit wundert man sich ein wenig darüber, dass diese unbestreitbare Wahrheit erst jetzt und nicht erst schon seit drei Wochen gültig sein soll, aber man gibt doch ziemlich allgemein zu. dass die Behörden in letzter Zeit mit Umsicht und Energie, und doch nicht ohne Erfolg, bemüht waren, wenigstens den äusseren Ablauf des täglichen Lebens wieder in halbwegs normale Bahnen zurückzuführen. Hat es aber somit den Anschein, dass die Mandatsbehörden militärisch und polizeitechnisch auf der Hut sind, so ist die politische Haltung der Mandatarmacht, zum mindesten für die jüdische Oeffentlichkeit, noch ein ungelöstes Rätsel. Der Vorsitzende der Exekutive, Professor W e i zm a n n, hat sich wieder nach London begeben, und der Arbeiterführer Ben Gurion, sein Stellvertreter, hat in einer Rede anlässlich der Eröffnung der Siedlungsausstellung auf der Messe sehr nachdrücklich auf die politische Lage Bezug genommen. Die Exekutive hat stets, selbst auf die Gefahr unpopulär zu sein, den Standpunkt loyaler Zusammenarbeit mit der Mandatarmacht vertreten. Aber, so erklärte Ben Gurion, eine solche Politik der Kooperation ist nur unter einer Voraussetzung möglich: Die bestehenden und verbrieften jüdischen Rechte auf Siedlung in Palästina stehen ausserhalb jeder politischen Diskussion, eine Aufrollung in irgend einer Form kommt nicht in Frage. Wohl dagegen mehren sich die Stimmen, die eine Aufrollung der Frage des Legislative Council nicht nur fordern, sondern auch für wahrscheinlich halten. Denn die ganze Konstruktion des gesetzgebenden Rates beruhte ja auf der lieberzeugung der massgebenden Instanzen, dass der erste Schritt zur Selbstverwaltung, die municipale Autonomie, befriedigend gearbeitet und sich bewährt habe. Nun aber hat sich gezeigt, dass zwar auch in den rein jüdischen und noch mehr in den rein arabischen Gemeinden noch mancherlei Kinderkrankheiten zu überwinden sind, dass aber m grossen Städten mit gemischter jüdisch-arabischer Bevölkerung, namentlich in Jerusalem, die neue Municipalverfassung als Erziehungsmittel zur verantwortungsvollen Zusammenarbeit versagt hat. Der Bürgermeister von Jerusalem, Dr. Khaldi, sitzt im leitenden Komitee eines Streikes, mit dem eine Minderheit seiner Gemeindemitglieder die Mehrheit zu terrorisieren sucht, und durch das Fernbleiben der arabischen Gemeinderatsmitglieder ist nach dem geltenden Statut die Stadtverordnetenversammlung beschlussunfähig, so dass auch der jüdische Vizebürgermeister D. "Auster und die übrigen jüdischen Stadträte, obwohl sie die Hälfte aller Sitze im Stadtparlament einnehmen, in ihren Wirkungsmöglichkeiten gerade in dieser kritischen Zeit stark eingeengt sind. Im Hafen von Jaffa arbeiten seit etwa einer Woche jüdische Spediteure und Transportarbeiter unter polizeilichem Schutz an der Abholung der dort aufgespeicherten Güter. Aber seit Wochen ist auf der Reede vor Jaffa — abgesehen von einem kurzen Besuch dreier englischer Panzerkreuzer, kein Dampfschiff zu sehen gewesen. Der Hafen von Haifa bewältigt bisher, trotz zunehmender Streikhetze, die erhöhten Aufgaben, die an ihn gestellt werden, aber der Bahnhof von Tel Aviv, der ebenfalls einen Teil des von Jaffa abgeleiteten Verkehrs übernehmen musste, ist schon recht verstopft. An den Ufern des Jarkon, auf den Dünen hinter dem Messegelände, ziehen, von Juden getrieben, unaufhörlich endlose Kamelreiter hin und her und bringen den für die Aufrechterhaltung der Bautätigkeit unentbehrlichen Kies, dessen Anlieferung ebenfalls zeitweilig durch den arabischen Streik zu stocken drohte. Die Gemüse- und Milchlieferung funktioniert trotz des Fortfalls der arabischen Lieferanten, nachdem zwischen der Stadtverwaltung und den Organisationen der jüdischen In acht vorhergehenden Aufsätzen haben wir versucht, die Grundlinien der Wirtschaftsgegenwart in Palästina aufzuzeichnen. Wir waren bestrebt, die wirtschaftlichen Vorgänge herauszulösen aus den weltanschaulichen und politischen Gebundenheiten, die in Palästina und noch stärker bei. der Betrachtung Palästinas von ausserhalb schwerer ins Gewicht fallen als anderswo. Sie können beileibe nicht ausgeschaltet werden und sie bestimmen letzten Endes das Tempo und die Intensität des Aufbaus, wie sie auch auf die Rückschläge verstärkend oder mildernd einwirken können. Wenn aber von übereifriger Seite uns vorgehalten wird, dass die Spielregeln und Gesetze der Wirtschaft für den Aufbau Palästinas ganz gleichgültig sind, dass in Palästina nur der Idealismus der aufbauwilligen Menschen und das Kapital, das ohne Zögern ins Land kommen solle, wo es schon von selbst richtig angelegt werde, wesentlich seien, dann vergisst man die für den Aufbau viel wichtigeren Tatsachen, dass falsch angewandter Idealismus und falsch angewandtes Kapital schlimmere Wirkungen zeitigen werden als gar kein Idealismus und gar kein Kapital. In Palästina und in Deutschland gibt es Betrachter Palästinas, die einem persönlich übelnehmen, wenn man im kapitalistischen Sektor der Wirt-. Schaft die Frage der privatwirtschaftlichen oder der volkswirtschaftlichen Rentabilität auf wirft, während allerdings wieder andere glücklich sind, wenn ihre alten Erinnerungen an ökonomische Grundsätze wachgerufen werden. Aber vieles davon ist natürlich auf die Denkweise während des Booms zurückzuführen, die überall in der Hochkonjunktur gleich ist, sei es in New- York im Jahre 1929 oder in Tel-Aviv 1934 und 1935: die Hoffnung auf die ewige Prosperity macht blind gegen alle Einwände. Zeiten politischer Hochspannung, wie die gegenwärtige in Palästina, sind ebenfalls wieder geeignet, den Blick für die wirtschaftlichen Erfordernisse und Gegebenheiten zu trüben. Wir haben bisher die politischen Motive in unseren Betrachtungen ausser acht gelassen, mit dem einzigen, aber auch wirtschaftlich bedingten und für die Konjunktur Palästinas grundlegenden, der Zahl der Einwanderer und dem damit in engem Zusammenhang stehenden Kapitalimport. Die nunmehr über vier Wochen andauernden Unruhen, deren Entwicklung und Ende noch nicht abzusehen ist, haben zunächst ephemer wirkende, aber auch auf lange Sicht bedeutungsvolle wirtschaftliche Folgen gehabt. Der ständige -"-Palästina-Berichterstatter der C.-V.-Zeitung hat auf diese Erscheinungen immer wieder hingewiesen. Zunächst scheinen die Unruhen geeignet, das Wirtschaftsbild zu verwischen. Es lässt sich nicht mehr genau feststellen, ob Arbeitslosigkeit besteht und wie gross ihre Zahl ist, wenn Hilfspolizei Leute benötigt, wenn Aufräumungsarbeiten gemacht werden müssen, wenn vorübergehend Menschen aus ihren Wohnstätten vertrieben werden und öffentlicher Fürsorge zur Last fallen, wenn an Stelle der arabischen Hafenarbeiter in Haifa und Jaffa jüdische Hände zum Entladen der Schiffe verwandt werden, wenn der Zwischenhandel in Nahrungsmitteln neue Wege suchen muss. Man hat in letzter Zeit wiederholt die Ansicht vertreten gefunden, dass die Trennung des jüdischen und des arabischen Wirtschaftssektors, die im Laufe der Unruhen eingetreten ist, für die Ausdehnung des jüdischen nur günstig sein könne, da in der inneren „Zahlungsbilanz“ der beiden Sektoren untereinander der jüdische ohnehin passiv sei, durch die Löhne, die vergütet werden, die Nahrungsmittel. die die Araber liefern und manches andere. Diese Anschauung ist recht kurzsichtig. In der Erweiterung des Absatzes des jüdischen Sektors nach dem arabischen, insbesondere der Siedlungen in der Umgebung entsprechende Vereinbarungen getroffen worden sind und durch regelmässige Veröffentlichung der als angemessen geltenden Höchstpreise eine Abwehrmöglichkeit gegen spekulative Preissteigerungen gem schaffen werden konnte. Dass aber auch die Regierung selber die Lage in Wirklichkeit nicht als entspannt ansieht, sondern im Gegenteil mit der Möglichkeit neuer Zusammenstösse rechnet, beweist die erneute Verhängung des Belagerungszustandes über Jaffa: Tel Aviv bleibt von diesem erneuten Verbot, nach 7 Uhr abends auf die Strasse zu gehen, diesmal unberührt. In den arabischen Kreisen mehren sich die Anzeichen der Streikmüdigkeit, was freilich auf der anderen Seite einen verschärften Terror der Streikhetzer auslöst. Die Behörden haben jetzt den arabischen Lebensmittelhändlern und Autobusgenossenschaften mit Konzessionsentziehung gedroht, falls der Streik nicht abgebrochen wird. . Auf der anderen Seite aber finanzieren dieselben Behörden indirekt den Streik, denn Polizei und Militär haben für ihre dienstlichen Zwecke zahlreiche der feiernden arabischen Autobusse gegen recht anständige Vergütungen requiriert. Die aus den Nachbarländern zugewanderten arabischen Gelegenheitsarbeiter, vornehmlich die Hauranier, die teilweise ein besonderes Unruheelement darstellen, werden auf Staatskosten in grossen Trupps nach Hause befördert. Umgekehrt ist damit zu rechnen, dass, wie schon nach den früheren Unruhen, ein gewisser Zuzug von Juden aus Jaffa nach Tel Aviv stattfinden wird und es schweben bereits Pläne, die jemenitischen und sephardischen Flüchtlinge, deren Elendsquartiere teilweise sogar abgebrannt sind, mit Regierungshilfe auf jüdischem Boden in der Nähe der Stadt dauernd in gesünderen Verhältnissen anzusiedeln. (Vgl. auch unseren Aufsatz „Der englischarabische Gegensatz“ auf der nächsten Seite.) Industrieerzeugung, liegt eine der Zukunftschancen des wirtschaftlichen Aufbaues; wenn die umliegenden arabischen Staaten zudem noch das Tozereth - Haarez - Produkt boykottieren, wie sie das jetzt beabsichtigen, erschweren, sie auch den langsam sich entwickelnden Export nach den wenigen naturgegebenen Absatzländern. Noch wichtiger aber ist der Umstand, dass der niedrige arabische Arbeitslohn heute in vielen Teilen der jüdischen Wirtschaft noch gar nicht entbehrt werden kann. Sollten zum Beispiel die Löhne der Regierung im Strassenbau nur auf der Höhe der jüdischen gezahlt werden, müsste die Regierung einen grossen Teil ihrer Vorhaben einstellen, weil sie die Mittel nicht aufbringen will. Wenn die Arabischen Citruspflanzer, die heute noch 40 Prozent der Orangengärten besitzen, mit der Konkurrenz des niedrigen arabischen Arbeitslohnes die Preise der nur jüdische Arbeiter beschäftigenden jüdischen Pflanzer unterbieten sollten, wäre der Absatz der letzteren sehr in Frage gestellt. Eine Verteuerung vieler Produkte im Inland, der Kapitalgüter und Konsumgüter, wäre die Folge, sowohl der Steine, die in der Bauwirtschaft benötigt werden und die heute vorwiegend noch von Arabern gebrochen werden, wie der Nahrungsmittel, die der mit geringen Verdienstspannen arbeitende arabische Kleinhandel liefert. Zudem aber müssten die Löhne der jüdischen Arbeitnehmer herabgesetzt werden, um ein Gleichgewicht wiederherzustellen. Es muss immer daran . erinnert werden, dass Palästina ein Kolonialland ist und dass der Aufbau eines Koloniallandes nur möglich ist mit der Spanne zwischen dem billigeren Preis der Arbeit der Allansässigen mit ihren bescheidenen, wenn auch später steigenden Lebensgewohnheiten und dem höheren Preis der Arbeit der Einwandernden. Auf längere Sicht hat die politische Unsicherheit, die ihre Wellen noch über geraume Zeitanstände werfen wird, andere wirtschaftliche Folgen. Die Siedlungspolitik wird revidiert werden müssen; noch mehr als bisher werden die Juden in geschlossene Wohngebiete gebracht werden müssen, um Angriffe auf isoliertere Komplexe unmöglich zu machen. Dies betrifft vor allem die drei Städte Tel-Aviv-Jaffa, Haifa und Jerusalem. In allen dreien sind die Unruhen dort ausgebrochen, wo Juden innerhalb der arabischen Viertel gewohnt und so die Zielscheibe der ersten Angriffe abgegeben haben. Man hat erfahren, dass die Umsiedlung dieser gefährdeten Menschen schon begonnen wurde, dass im Rahmen des Notstandsprogrammes der Gewerkschaften und der anderen offiziellen Organisationen Wohngelegenheiten für diese Menschen errichtet werden sollen. Man schätzt die Zahl der notwendig gewordenen Wohnungen auf 8000. Es kann also eine Belebung der Baukonjunktur eintreten als Folge der Unruhen und damit in gewissem Grad auch eine zeitweise Belebung der Wirtschaft. Aber um welchen Preis? Doch nur um den einer weitgehenden Vergeudung jüdischen Volks- und Privatvermögens. Die Umzusiedelnden, Bewohner der Altstädte von Jerusalem und Haifa, der Hafenviertel von Jaffa, sind Angehörige der ärmeren jüdischen Schicht des Landes, sie werden also kaum in der Lage sein, selbst Kapitalien für den Bau aufzubringen oder normale Mieten zii zahlen. Gerade das, dass sie bisher in den billigen arabischen Wohngegenden gehaust haben, war ein Beweis ihrer Unfähigkeit, sich die komfortableren und teueren Wohnungen der jüdischen Viertel leisten zu können. Die neuen Wohnungen müssen also, da sich wahrscheinlich wenig Privatunternehmer finden werden, die das Risiko billiger Wohnungen bei den hohen Boden- und Baupreisen übernehmen wollen, teilweise mit öffentlichen oder halböffentlichen Mitteln gebaut werden. Ihre Aufbringung mag möglich sein, sie werden aber anderen Verwendungszwecken entzogen. Dazu kommt der Wertverlust der jüdischen Wirtschaft, der aus der Aufgabe billiger, jetzt im Rahmen des jüdischen Sektors nicht mehr verwendbarer Grundstücke zugunsten teureren Bodens innerhalb des beschränkten städtischen Siedlungsraums entsteht. Eine Ersatzleistung der Regierung für die zerstörten Werte ist ohnehin kaum zu erwarten, die Versicherung für Aufruhrschäden war ihrer hohen Prämiensätze wegen bisher kaum üblich. So wird leider die jüdische Wirtschaft des Landes durch die Unruhen auch auf längere Zeit eine Schädigung erfahren, ganz abgesehen von den indirekten Folgen, die eine Verlangsamung des Kapitalzuflusses aus dem Ausland, Erschwerungen im Aussenhandel, Rückgang des Fremdenverkehrs u. ä. bedeuten. Dagegen scheint die innere wirtschaftliche Disziplin, die sich schon beim Bankenrun des letzten Herbstes gezeigt hat, auch dieses Mal wieder angehalten zu haben. Irgendwelche Schwierigkeiten, sei es durch Abhebungen bei Banken, starken Kapitalabfluss nach dem Ausland, Zahlungsstockungen sind bisher nicht sichtbar geworden. Die politisch bedingten neuen Probleme werfen aber noch stärker als bisher die Frage der künftigen Wirtschaftsführung des Landes im allgemeinen und besonders des jüdischen Sektors auf. Wir haben darzustellen versucht, wie in der letzten Konjunkturperiode entgegen den ursprünglichen Aufbauplänen für Erez Jisrael die zentrale Leitung der Errichtung einer nationalen Heimstätte von einem wenig gezügelten privaten Unternehmertum stark an die Wand gedrückt wurde. Der Bericht der zionistischen Exekutive an den Luzerner Kongress hat dies, vielleicht ein wenig zu krass, ausgedrückt mit den Worten: „Die Spekulation brachte in das Leben des Jischuw Anarchie und Demoralisation. Während sie sich in den vorangegangenen Jahren in der Hauptsache auf die Städte konzentrierte, hat sie sich in der letzten Zeit in zunehmendem Masse über die Kolonien verbreitet, vor allem in den landwirtschaftlichen Bezirken in der Umgegend der Städte.“ Das Dilemma, das diese Frage hervorruft, ist deutlich sichtbar. Sobald zwei grundsätzlich verschiedene Wirtschaftsformen, die auf der privaten Initiative beruhende und die zentral geregelte gemeinwirtschaftliche, nebeneinander entwickelt werden, muss es solche Schwierigkeiten geben. Ruft man die privaten Initiativkräfte herbei und hat man selbst keine eigene staatliche Machtvollkommenheit in den Händen, muss man diese Kräfte frei auslaufen lassen, und ihre Nachteile mit in Kauf nehmen. Es gibt keine Ausschaltung der Spekulation, denn sie ist die tragende Kraft der kapitalistischen Wirtschaftsordnung. Wenn sie sich in Palästina In erster Linie auf dem Grundstücksmarkt auswirkte, so ist dies nur ihre folgerichtige automatische Hinleitung zu dem wertvollsten Gut des Landes, das nicht beliebig reproduzierbar oder vermehrbar ist, dem Boden. Der Kampf gegen die Spekulation hat nur dann Erfolg, wenn sie ganz ausgeschaltet werden kann, d. h. wenn der private Kapitalismus überhaupt nicht möglich ist oder mit staatlichen Machtmitteln auf bestimmte Gebiete beschränkt wird. Dagegen fehlte sicher die richtige Lenkung des Kapitals: trotz aller noch so gut arbeitenden Auskunftsstellen der zionistischen Organisationen haben die Käufer den Boden ja nicht zum Zweck des Bauens oder der Kultivierung, sondern zur Kapitalanlage und zur Wiederveräusserung erworben. Die Bodenfrage, die die Regierung jetzt durch die Verkaufssperre einseitig und für die Juden ungünstig geregelt hat, muss bei der Bereinigung der Spannung zwischen Juden und Arabern, die zur Beendigung dieser Unruhen nötig ist, geklärt werden; Richtung und Abgrenzung der jüdischen Besiedlung des Landes geben den Weg auch für die Ausdehnung des Grundbesitzes. Sobald dies einmal feststeht, kann auch der Grundstücksmarkt des Landes einigermassen geklärt werden, was bei dem Zusammen-, ^Nebeneinander- und Gegeneinanderwirken von privaten und öffentlichen Käufen nicht möglich ist. .Die Vorteile der privaten Initiative sind jetzt bei den Unruh er stärker ins Licht getreten als vorher. Die jüdischen Zentren der grossen otadte und der Landgemeinden sind undiskutierbare Tatsachen, um deren Kraft halber manche Nachteile z. B. von Tel-Aviv in Kauf genommen werden müssen. Trotzdem wird, wie wir früher wiederholt ausgeführt haben, die nächste Zeit wesentlich stärker von der Initiative der in der Welt zusammengebrachten öffentlichen Fonds und dem Einsatz der Reserven des Landes selbst beeinflusst werden. Auf die Bedeutung'dieser Konaondierungsperiode kommen wir noch zu sprechen. Palästina-ABC. Zur raschen Information für Touristen etwa und Zeitungsleser hat Rudolf Levy auf etwa 30 Seiten in etwa 1000 Stichworten das Palästina der Gegenwart behandelt. Jeder Artikel umfasst nur wenige Zeilen mit den knappsten tatsächlichen Angaben und statistischen Zahlen bis zum Jahre 1934. Das Buch erscheint in diesen Tagen im Verlag A t i d , Berlin. Das Interesse der südafrikanischen Judenheit für die Hebräische Universität Jerusalem kommt in grossen Vermächtnissen zum Ausdruck, die der Universität zufallen. Morris Kootcher hat der Universität sein gesamtes Vermögen, das auf 40 000 Pfund Sterling geschätzt wird, letztwillig vermacht, um die Errichtung eines hebräisch-archäologischen Museums zu ermöglichen. Wohin steuert die palästinensische Wirtschaft? Von unserem L. B.-Sonderberichterstatter