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Central-Verein-Zeitung · 1936-05-14 · 20 (14.5.1936) · p. [Seite]

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
15 (1936) - farbig
Issue
20 (14.5.1936)
Date
1936-05-14
Page
[Seite] (sequence 18)
Language
German
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partöi). Die Tatsache, dass Dr, Khaldi, Bürgermeister von Jerusalem, also einer Stadt mit jüdischer Mehrheit, in dieses Komitee eingetreten ist, hat natürlich das Vertrauen der jüdischen Bewohner Jerusalems, als deren Führer der Vizebürgermeister Daniel Auster gelten kann, in ihr Stadtoberhaupt erschüttert. Ein den Stadtverordneten unterbreiteter Antrag, einen Betrag von 1500 LP zu gleichen Teilen für die jüdischen und arabischen Opfer der Unruhen zu verwenden, ist daher von jüdischer Seite abgelehnt worden. Ueberhaupt ist in Jerusalem die Unruhe in den letzten Tagen besonders fühlbar gewesen. Die starke Mischung der Nationen dort hat naturgemäss bei den arabischen Geschäftsleuten, Handwerkern und Arbeitern vielfach Bedenken gegen die Zweckmässigkeit eines einseitigen Streiks ausgelöst. Die arabische Streikleitung hat deshalb die Jugendorganisationen als Terrorgruppen eingesetzt, um die Schliessung der Geschäfte zu erzwingen. Besonders ausgebildet scheint in der Landeshauptstadt auch die Technik zu sein, den Sitrassenverkehr durch Ausstreuen von Nägeln und Glasscherben zu unterbinden. Auch auf der Chaussee nach Tel-Aviv — wo im übrigen wie auf den anderen Strecken der normale jüdische Ueberlandverkehr trotz gelegentlicher Zwischenfälle wieder aufgenommen worden ist — sind mehrfach solche Sabotageversuche unternommen worden. Auf der anderen Seite wagt sich auch in Jerusalem der Widerstand gegen die Streikhetze ziemlich deutlich hervor. Angesehene arabische Geschäftsleute sowie eine Organisation arabischer Chauffeure haben in öffentlichen Erklärungen das Abblasen des Streiks gefordert. In der jüdischen Siedlung Nathania erschienen die Oberhäupter der umliegenden arabischen Dörfer und teilten mit, dass sie durch den Terror gezwungen seien, sich dem Streik anzuschliessen, dass sie aber hofften, bald zur friedlichen Zusammenarbeit zurückkehren zu können. Auch die Hafenarbeiter von Jaffa sind unzufrieden mit der langen Dauer des Streiks und dem damit verbundenen Verdienstausfall. Aehnliches wird man von den vielen Droschkenkutschern, Transportarbeitern, Schuhputzern, Strassenhändlern annehmen müssen, die bisher in Tel-Aviv ihr Brot fanden. Inzwischen gehen die Tel-Aviver Bemühungen, das Monopol von Jaffa endgültig zu brechen, weiter. Abgesehen davon, dass immer neue Pläne ausgearbeitet werden, wichtige Waren nördlich von Tel-Aviv, an der Mündung des Jarkon neben Stadion und Messe ausbooten zu lassen, ist es in letzter Zeit doch gelungen, alle dringlichen Sendungen unter polizeilichem Schutz mit jüdischen und arabischen Arbeitern aus dem Hafen und dem Bahnhof von Jaffa herauszubringen und die zentralen Regierungsbehörden — Landgericht, Distriktskommissariat, Einwanderungsamt und Grundbuchamt — haben, zunächst provisorisch, Dienststellen in Tel-Aviv eröffnet, um den Juden den Weg nach Jaffa zu ersparen. Bei der Feier des ersten Mai bekundeten arabische Vertreter vor Versammlungen jüdischer Arbeiter ihren Willen zu freundschaftlichem Zusammenleben. Und es soll auch in diesem Zusammenhang nochmals hervorgehoben werden, dass auf dem Lande mehrfach Araber ihren jüdischen Nachbarn bei Abwehr arabischer Ueberfälle geholfen haben. Diese Brandstiftungen freilich nehmen allmählich ein erschreckendes Äusmass an. Herzl- Wald und Balfour-Wald, sowie die Felder und Gärten des Emek Jesreel und des Emek Chefer werden noch täglich oder vielmehr nächtlich von Bränden heimgesucht und Hunderte von Duam an Getreide und jungem Wald sind — trotz energischen Eingreifens der Siedler und der Polizei — schon zerstört worden. Auch aus Jaffa, Haifa und Jerusalem werden täglich neue Brandstiftungen gemeldet; in einem Falle wurden sogar aus den vor Haifa liegenden englischen Kriegsschiffen, die sonst noch nicht in Aktion getreten sind, 250 Matrosen zur Hilfeleistung bei Bekämpfung eines Grossfeuers herangezogen. Im übrigen aber arbeitet der Hafen von Haifa mit Hochbetrieb. Er bewältigt nicht nur den ganzen zusätzlichen Verkehr, der ihm durch den Ausfall von Jaffa zufliesst, sondern auch die zahlreich ankommenden Einwanderer und Touristen werden reibungslos gelandet und die Weiterreise nach den anderen Plätzen ist ebenfalls jederzeit unter völlig normalen Bedingungen möglich. In der Stadt selber freilich kam es zu schweren Zwischenfällen, in deren Verlauf ein vor nicht allzu langer Zeit aus <X>O<XXXXXXX><>C>O<X>O<XXXXX><X><><>0<><> Das Organ des britischen Kolonialamtes über die Lage in Palästina „Great Britain and the East“, das halbamtliche Organ des britischen Kolonialamtes, führt zur Lage in Palästina u. a. aus: Man darf sich nicht wundern über die Unruhen in Palästina, so grausam es zum Teil dort zugegangen ist; nur diejenigen zeigen sich überrascht, die glauben, dass oberflächlicher Wohlstand Volkszufriedenheit schafft. Durch die Unruhen sind besonders zwei Unternehmungen betroffen worden: der Plan, eine arabische Delegation nach London zu bringen, um mit dem Kolonienministerium über den Legislative Council zu beraten, sowie die Levante-Messe in Tel-Aviv. Würde man heute eine Kommission nach Palästina zur Untersuchung der jetzigen arabischen Unzufriedenheit entsenden, die Kommission würde keine wesentlich anderen Ursachen der Unruhen feststellen können als seinerzeit die Shaw-Kommission, die nach den Unruhen im Jahre 1929 nach Palästina entsandt wurde. Die Shaw-Kommission und Sir John Hope Simpson haben Realitäten festgestellt, die noch heute gelten. So sehr man mit dem wehrlosen Juden mitfühlt, der von einem primitiven Araber angegriffen wird, so kann man aber auch nicht an der Tatsache vorübergehen, dass alle Anstrengungen der Palästina-Regierung zusammen mit dem ganzen von den Zionisten ins Land gebrachten Reichtum es nicht vermocht haben, die Araber zu bewegen, sich mit ihrem jetzigen Los zufrieden zu geben. Wenn die jetzigen Unruhen verhältnismässig auf beschränktem Raum sich abspielten, so ist das nur der Wachsamkeit der Palästina-Administration zuzuschreiben, die sich nicht hat überraschen lassen, In gewissen jüdischen Kreisen kritisierte man die Nachlässigkeit der Mandatarmacht gegenüber den brutalen Angriffen; besser informierte offizielle zionistische Kreise haben aber die Schnelligkeit und Durchschlagskraft der Bemühungen der Regierung zur Beendigung der Unruhen anerkannt. Die Unruhen in Dschennin im Vorjahre waren ein Signal für die Unruhen jetzt; nur die aufrichtigen Bemühungen des High Commiesioner, einen politischen Mittelweg zu finden, haben vorübergehend beruhigend gewirkt. Zum Unglück aber haben die Parlamentsdebatten über den Legislative Council dem Unruhependel einen neuen Stoss gegeben, der Araber nahm seine frühere Stellung des Misstrauens und der Verzweiflung ein. Wer sich über diese wichtige Tatsache nidit Rechnung abzugeben vermag, der versteht die heutige Lage in Palästina nicht. 'OOOO^OOOOOOOOOOOOOOOOOOO^O'WO Deutschland eingewanderter Jude — „ein geachteter Bürger der Stadt“, wie es in dem amtlichen Polizeibericht hiess — als zwanzigstes jüdisches Opfer das Leben verlor. Auf jüdischer Seite hat sich vom ersten Tage an eine völlige Einheitsfront aller'Parteien und Organisationen herausgebildet. Man weiss, dass die disziplinierte und besonnene, zugleich aber auch entschlossene Haltung der jüdischen Bevölkerung grossen Eindruck auf die amtlichen Stellen gemacht hat. Der Ausnahmezustand ist aufgehoben worden. Niemand gibt sich einer Täuschung darüber hin, dass die Ereignisse der letzten Wochen, ganz abgesehen von ihrer menschlichen Tragik, auch für die junge jüdische Wirtschaft einen schweren Schlag bedeuten. Wenn auch die Araber ein wenig aktives Element in der palästinensischen Wirtschaft darstellen, so macht sich doch die Unterbrechung der gewohnten Arbeite- und Absatzbeziehungen zwischen Juden und Arabern auch an vielen Stellen des jüdischen Sektors empfindlich spürbar und die Transportschwierigkeiten, die sich aus dem Streik, trotz seiner Lückenhaftigkeit, ergeben, sind ebenfalls äusserst schädlich. Die wirtschaftlichen Folgen lassen sich heute noch nicht abschätzen, da niemand mit Sicherheit den weiteren Gang der Ereignisse vorauszusagen vermag. Nur eines kann heute schon mit Bestimmtheit gesagt werden: Die wirtschaftlichen Schäden wären weit grösser gewesen, wenn die Juden des Landes nicht zum frühest möglichen Zeitpunkt, unter Einsatz von Mut und Energie, ihre Arbeit wieder aufgenommen hätten. Die jüdischen Zentralinstanzen stehen in ständiger Fühlung untereinander und mit den englischen Behörden. Am Tage vor dein Empfang der arabischen Führer hatte der High Commissioner eine eingehende Unterredung mit Dr. Weizmann. Der Waad Le’umi hat, wie erinnerlich, dem High Commissioner eine Resolution unterbreitet, in der er mit ungewöhnlich scharfen Ausdrücken gegen die irreführende und den Tatsachen widersprechende Darstellung der Ereignisse und der Parlamentsrede des britischen Kolonialministers Thomas protestiert, und fordert, dass diese Schilderung „ohne Verzögerung“ amtlich berichtigt werde. Minister Thomas hat jetzt im Unterhaus das in seiner früheren Rede nicht erwähnte erste Communique des High Commissioner, das nicht von „Zusammenstössen zwischen Arabern und, Juden“, sondern von arabischen Mordüberfällen auf Juden spricht, bekanntgegeben. Ueberhaupt hat sich der Ton der amtlichen Berichterstattung entsprechend den Schwankungen der englischen Polizeipraxis mehrfach gewandelt. Nach den ersten Verlautbarungen vermied man es zu erwähnen, in welchem Lager die Urheber der im Polizeibericht erwähnten Missetaten zu suchen seien. Heute spricht auch das offizielle Communique, das nicht mehr dreimal, sondern nur noch einmal täglich erscheint, ganz offen von arabischen Brandstiftungen, Steinwürfen und Schüssen. Auch vorbeugende Verhaftungen von Arabern, die man etwa an einer Chaussee auf der Lauer liegen fand, kommen vor, und wiederholt wurden, in letzter Zeit die Brandstifter und Attentäter ermittelt und verhaftet. War noch vor vierzehn Tagen ein Araber wegen verbotenen Waffengebrauchs zu einer minimalen Geldstrafe, dagegen ein Jude wegen Ueberschreitung der Polizeistunde zu Gefängnis verurteilt worden, so scheinen die kürzlich verhängten Strafen etwas gesundere Proportionen anzunehmen. Die Teilnehmer an den Tel-Aviver Demonstrationen, die am Freitag vor Ausbruch der grossen Unruhen bei Beerdigung ermordeter Juden stattgefunden hatten, erhielten Gefängnisstrafen von ein bis neun Monaten; einer von ihnen wurde freilich zur schwersten Strafe verurteilt, die einen in Palästina lebenden Juden treffen kann, zur Deportation. Er brach bei Verkündung des Urteils ohnmächtig zusammen. Das auf der Strasse versammelte Publikum brachte den Verurteilten Ovationen dar. Bei Beurteilung dieser Strafen sollte man die Vorgeschichte nicht vergessen. Gewiss war die improvisierte Demonstration an diesem Unglücksfreitag gegen den Willen der jüdischen Zentralinstanzen entstanden, und die damit verbundene Aufpeitschung der Leidenschaften war ein Verstoss gegen die Disziplin und wohl auch ein taktischer Fehler. Aber abgesehen davon, dass die Demonstranten wohl kaum einen Ueberfall auf Jaffa vorhatten — wie die Polizei in ihrer Sorge um die Sicherheit der Araber annahm, sollte man sich den Anlass zu dieser ganzen Demonstration ins Gedächtnis rufen. Es handelte sich um die Beisetzung eines aus politischen Gründen von Arabern ermordeten Juden, und schon vorher waren Terrorakte erfolgt, aber alle Warnungen an die Regierung vergeblich geblieben. Aber die Teilnehmer an einer verbotenen Demonstration in der rein arabischen Stadt Tulkerem erhielten je drei Jahre Gefängnis, und dem Streikleiter in Jaffa wurde wahlweise Hausarrest oder Gefängnis auferlegt: er wählte das Gefängnis. An einigen Stellen teilten die Behörden den arabischen Stammes- und Dorfhäuptern mit, dass sie ohne weiteres für alte in ihrem Bezirk vorkommenden Brandstiftungen verantwortlich und schadensersatzpflichtig gemacht werden würden. In andere besonders aufrührerische arabische Dörfer wurden auf Kosten der Dorfgemeinde Polizeiposten gelegt, und wieder andere Stämme bzw. Dorfgemeinden wurden zu Kollektivstrafen verurteilt. Auf der anderen Seite aber wird in manchen jüdischen Siedlungsgebieten darüber geklagt, dass die Regierung, obwohl ihr ausreichende Kräfte zur Verfügung stehen, den Polizeischutz nicht genügend verstärken und andererseits die von den Siedlern selbst getroffenen Vorsichtsmassregeln durch formalistische Beanstandungen er-, schwere oder gar verhindere. So kämpfen die arabischen Streikleiter zur Zeit nach drei Fronten. Sie üben Terror gegen die Juden und gegen den friedliebenden Teil der arabischen Bevölkerung, und sie stehen im offenen Widerstand gegen die Staatsgewalt. Die Engländer zeigen sich zwar gewillt. Leben und Eigentum friedlicher Bürger zu schützen, aber bei allem merkt man deutlich, dass sie äusserste Konsequenzen gern vermeiden würden. Im benachbarten Aegypten herrscht zurzeit eine unklare Lage: ein unmündiger König, grosser Wahlsieg der arabischen Nationalpartei und das Grenzland Abessinien mit dem Tanasee. dem Schlüssel zu den Nilwässern, praktisch in der Hand der siegreichen Italiener. Im benachbarten Syrien hat die Nationalbewegung soeben eine kleine, aber vielleicht docn bezeichnende Probe ihrer ungebrochenen _ Kraft gegeben: Der Boykott der unter französischem Einfluss stehenden Strassenbähngesellschaft in Damaskus wurde von der Bevölkerung wochenlang mit solcher Konsequenz durchgeführt, dass die Gesellschaft eich zur Einstellung des Betriebes entschliessen musste. Und wenn auch die nochmalige Aufrollung der ganzen Mandatsfrage, die ja unlöslich mit den Rechten des jüdischen Nationalheims zusammenhängt, \Vohl nur theoretische Bedeutung hat, so ist doch auch dies eine Belastung der Atmosphäre. Man mag die Handlungen und Unterlassungen der englischen Politik so oder so werten: dem Jischuw ist sein Weg — bei allen Meinungsverschiedenheiten über Einzelheiten des Vorgehens — klar vorgezeichnet. Stärkung der jüdischen Position im Lande durch beharrliche Weiterführung des Aufbaus, und, auf lange Sicht, Entwicklung einer eigenen, aktiven Araber-Politik, die bei entschlossenster Wahrung aller Rechte und schärfster Abwehr aller Uebergriffe doch darauf hinausläuft, einen Weg zum gegenseitigen Verständnis wenigstens mit den friedliebenden Elementen der ansässigen Araber zu suchen. * Auf der Levantemesse wurden am Mittwoch nachmittag (6. Mai) die restlichen Pavillons, deren Fertigstellung sich durch die Unruhen verzögert hatte, eröffnet. Bisher waren nur wenige Pavillons, so die Tozereth-Haarez-Ausstellung mit ihrer eindrucksvollen Leistungsschau der palästinensischen Industrie, der Regierungspavillon, die landwirtschaftliche Ausstellung der Arbeitersiedlungen mit Musterbeeten und -Stallungen sowie kleine Einzelpavillons fertig. Eine Palästina-Reise vor 70 Jahren Zum 100. Geburtstag von Max Eyth am 6. Mai Auf seinen Ingenieur-Fahrten kreuz und quer durch die IVeit kam Max Eyth im Jahre 1865 auch nach Palästina, als er versuchen sollte, Beirut „mit Trink- und Waschwasser zu versorgen". Wie er das damalige Palästina auf seinem kurzen Ausfluge dorthin sah und erlebte, schildert er lebendig in seiner Selbstbiographie „Im Strom unserer Zeit“ (Bd. 1). Jerusalem, 26. September 1865. Mit dem Lloyddampfer „Maximilian“ kam ich in Jaffa an, um meine Pilgerfahrt anzutreten. Ich glaubte schon, der einzige „fromme Pilger“ zu sein. Doch im Landungsboot zeigte sich, dass der Ärchimandrit der russischen Gesandtschaft in Konstantinopel desselben Weges zu ziehen gedachte. Ein sogenanntes „Englisti Hotel“ fand ich in Choleraangst halb geschlossen, und so befand ich mich eine Stunde später nach vielem Treppensteigen in dem Franziskanerkloster der Stadt, einem gemütlichen Bruder und, weil es Freitag war, einem frugalen Mahle gegenüber, unter den schweren Kreuzgewölben des römischen Klosterstils. Schon nach wenigen Minuten stellten sich Dragomans und Pferdeverleiher in Menge ein. Man sagte mir, dass die österreichische Post noch mit Sonnenuntergang abgehe und morgen um 9 Uhr in Jerusalem sein werde; nichts sei klüger, als sie zu begleiten. Die österreichische Post besteht aber nicht etwa aus einem Eilwagen, sondern aus einem Mohren eifern Gaul und aus einer ledernen Tasche. Obgleich noch halb seekrank, entschloss ich mich, den Vorschlag anzunehmen. Zwei Pferde erschienen. Auf dem einen mein Koffer und mein Reitknecht, auf dem andern ich, so ging’s um fünf Uhr, der „Post“ voraus, in den herrlichen Abend hinein. Zuerst, über den Hügel von Jaffa hin, kommen grüne Gärten, von mannshohen Kaktusbirastauden eingehegt, dann Felder, Heiden, kahler und kahler werdend, da und dort ein Dorf im Schatten von Oliven und Feigenbäumen, endlich Steine, Kalkfelsen, Sand und halbe Wüste. Nach einer halben Stunde holte ich die russische Geistlichkeit mit ihrer Karawane von Packpferden und Kawassen ein. Es war finstere Nacht, als wir uns nach zwei Stunden Ramleh näherten, dem einzigen grösseren Orte zwischen Jaffa und Jerusalem. In dem dortigen griechischen Kloster hatte mein hochwürdiger Reisegenosse im Sinn, einige Stunden zu schlafen; und da die Post mich noch nicht eingeholt hatte, oder der österreichische Mohr bei Nacht vielleicht gar nicht sichtbar war, so liess ich mich gerne überreden, zur Abwechslung unter die Fittiche der griechischen Kirche zu kriechen ... Um zwei Uhr ging es weiter. Sternenhimmel. Oede, stille Wildnis. Der Weg wird etwas hügelig und geht streckenweise über blosgelegte weisse Kalkfelsen, ein unangenehmes Reiten in der Finsternis. Endlich dämmert der Tag, und wir erreichen mit dem ersten Schimmer einen elenden Khan (syrisches Wirtshaus), wo ausser Kaffee und Arak selbst um ein beträchtliches Bakschich nichts zu haben ist; er liegt am Eingang eines Felsentals, das uns in die Berge von Judäa hinaufführt. Hier auf einer alten Römerstrasse, deren fester Bau und halsbrechende Eigenart den Rossen und Reitern des alten Roms alle Ehre machten, geht es nach kurzer Rast weitet. Bald, von dem Kamm der mit Dorngestrüpp bedeckten Hügel aus, erscheint das ferne Meer und Jaffa in unserm Rücken, bis man in ein zweites tiefes Tal hinuntersteigt, wo bei einem Dorf eine zerfallene Kirche aus Kreuzfahrerzeiten steht. Abermals ein Khan, Kaffee, Arak und Trauben. Und wieder geht es aufwärts, der Wasserscheide zwischen dem Toten und Mittelländischen Meere zu. Oben ein Wartturm, plump und schwer, ringsum kahle, felsige Täler, dann noch ein Wartturm und noch einer, und als der vierte erscheint, ruft der landeskundige Führer des Archimandriten: „Jerusalem!“ Nach wenigen hundert Schritten liegt die Nordwestseite der heiligen Stadt vor uns. Den Vordergrund bildet eine nach Süden sanft abfallende Ebene, mit Geröll und Steinen und spärlichen Oliven bedeckt. Links auf derselben stehen die stattlichen Gebäude des russischen Konsulats. Rechts ist das Tal „Hinnom“, das sich nach Süden rasch vertieft. Von der Stadt sieht man fast noch nichts als die stattlichen Mauern, die sich über den Berg Zion hinziehen, den man in seiner ganzen Länge vor sich hat. Ungefähr in der Mitte der uns zugekehrten Westseite der Stadtmauer erhebt sich der „Turm Davids“, die jetzige Zitadelle der Stadt. Die Nordseite verschwindet hinter dem Rücken des Hügels, von dem wir herabkommen. Links im Hintergrund endlich ist der Oelberg mit der Himmelfahrtskirche auf seiner Höhe, rechts, Zion überragend, der „Berg des bösen Rats“, und zwischen beiden, einen vollen Blick in das Gebirge über dem Toten Meer gestattend, die tiefe Schlucht des Kidron ... Was soll ich nun schreiben, was nicht schon hundertfältig besser und ausführlicher geschrieben worden wäre? Seit zweitausend Jahren haben Dichter und prosaische Menschen, Künstler und Gelehrte, Geistliche und Laien, Baumeister, Naturforscher und Philologen der Welt erzählt, wie Jerusalem aussieht. Von Kindesbeinen an haben wir uns aus all dem ein Bild geschaffen. Nichtsdestoweniger findet fast jeder neue Pilger, wie falsch dieses Bild ist, wie sehr sein „erster Eindruck“ hinter seinen Erwartungen zurückbleibt oder dieselben übertrifft. Dem einen ist Jerusalem zu schlecht, dem andern zu gut, dem einen zu kalt, dem andern zu heiss, dem einen ist Moria zu bergig, dem andern Zion nicht hoch genug; der eine kann sich über die erbärmlichen Zustände, in denen Häuser und Strassen, Menschen und Tiere, Berge und Täler, ja selbst das Wetter befindet, nicht beruhigen, während der andere — in meinem Zimmer liegt eine englische Bibel, nach englischer Art dem Gasthof für den Gebrauch der Reisenden geschenkt; auf dem ersten Blatt steht auf Deutsch eingeschrieben: „0 du schönes Jerusalem!“ Es kommt wohl daher, dass ich den Anblick orientalischer Städte mit ihren engen Gassen, ihrem Staub und Schmutz und ihren Trümmerhaufen gewohnt bin, -- mir gefällt die Stadt; die zinnengekrönte Mauer, die Häuser mit Hunderten von kleinen Kuppeln, die das fehlende Bauholz ersetzen müssen, das Auf und Ab der Gassen, und vor allein die tiefen, schluchtartigen Täler von Josaphat und Hinnom . . Es gibt zurzeit zwei Gasthöfe in Jerusalem, das Hotel von Damaskus und das Mediterranean Hotel, die beide seit Monaten völlig leer stehen. Letzteres wird von einem guten Altbayern in schwäbischer Mundart regiert und hat die Ehre, mich :n meiner einsamen Grösse zu beherberg >. Beide kennen die Allerweltsschablone nöch nicht, sind aber gute, winklige Häuser mit kleinen Zimmerchen unter Kreuzgewölben, mit Treppen auf und ab und einem Dach, auf dem man über Kuppeln stolpert und den ersten erstaunten Blick auf das Innere der Stadt wirft ,« ,

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