Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1936-05-14 · 20 (14.5.1936) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
15 (1936) - farbig
Issue
20 (14.5.1936)
Date
1936-05-14
Page
[Seite] (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2277379-9449481-9449363--10365-9449010
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

8 entity mentions

f>- . Denn für den Kundigen unterliegt es keinem Zweifel, daß Ihr Fortgang einen Verlust bedeutet, der nicht bloß Ihren Freundeskreis, dem ich mich mit Genugtuung zuzähle, fondern das gesamte Judentum in Deutschland trifft. Freilich, wir haben uns nachgerade an den Verlust — und jede Trennung ist ein Verlust — lieber Menschen gewöhnen müfsey. Viele unserer Nächsten sind nach Palästina übergesiedelt oder gar in alle Welt zerstreut. Fast Tag für Tag sehe ich junge Menschen von uns scheiden; das ist unabwendbar. Aber gerade zu einem Zeitpunkt, wo wir Juden in Deutschland bei dem Aufbau unserer Kulturarbeit, insbesondere der Erwachsenenbildung, auf uns selbst zurückverwiesen worden sind, ist es meines Erachtens ein nicht leicht zu ersetzender Verlust, einen Mann Ihres Formats, Ihres Wissens, Ihres Geschmacks und Ihrer Gestaltungskraft^ fürderhin in unserer Mitte zu missen. Um jedoch die Größe jenes Verlustes zu ermessen, dürfen Sie nicht Werkanalhse, kritische Zergliederung des von Ihnen bisher Geleisteten von mir erwarten, zumal da es, im Bezirk des Jüdisch-Literarischen und -Theologischen, ganz andere Fachkenntnisse, als mir zu Gebote stehen, voraussetzen würde, und nicht zuletzt auch deshalb, weil ich mich zu manchem Urteilsspruch, den Sie in zwei schmalen Bänden kritischer Schriften verkündet haben, im Widerspruch befindlich weiß. Daher soll von der Summe an Arbeit, die Sie an die Betreuung des Lebenswerks Ihres herrlichen Vaters, an die Mitarbeit an der Jüdischen Enzyklopädie, an die Sammlung der schönsten Geschichten der Weltliteratur, an die Auswertung, Fortführung und Deutung des väterlichen Erbes, an die Herausgabe des Philo-Lexikons, an das Lebensbild des Flavius Josephus, und noch zuletzt an Ihr schönes Lesebuch, „Das siebenfache Licht", gewendet haben — von all diesen Früchten Ihres beharrlichen Fleißes soll hier nicht die Rede sein. Möge es Sie jedoch nicht gänzlich verdrießen, wenn ich so kühn bin, in der Form_ eines essayistischen Psychogramms (falls ich die Form als eine solche benennen darf) mir Wiedererstehen zu lassen, was mir an Zügen Ihrer Gestalt und Ihres Wesens teuer ist. Da denke ich etwa an jenen Vortragsabend des vergangenen dunkelverworrenen Herbstes zurück, an dem Sie die Mgnen Moritz Heimanns, des verblichenen abseitigen Denkers und Dichters, der ein Freund Ihrer Familie war, so eindringlich beschworen, bis sie sich, homerisch zu sprechen, mit Blut erfüllten und uns Üeberlebenden Rede standen. Der Schauplatz, wo die Wiedererweckung stattfand, war ein denkbar unangemessener: Hinterzimmer eines großstädtischen Kaffeehauses, ungemütlich und nüchtern; Veranstalter des Abends ein literarischer Verein, durch Wahrung seiner Anonymität im Geistigen am besten zu kennzeichnen, in seiner Hilflosigkeit dem Thema gegenüber geradezu rührend. Wer, von wenigen Ihrer anwesenden Freunde, voran Ihrer verehrungswürdigen Frau Mutter, der Gattin Ihres Vaters, abgesehen, hat empfunden, was an jenem Abend vor sich ging? Was ging denn schon vor? Sie sprachen einleitend ein paar Worte und lasen dann aus Heimanns Werken vor. Also ein Vortragsabend; wozu des Aufhebens? Aber wer hätte gleich Ihnen den Bretterbuden und primitiven offenen Verkaussständen füllt den großen Platz. Darüber weg schweift der Blick zu den unzähligen Giebeln und Türmen der Altstadt, die sich im grauen Nebel verlieren — es ist ein Tag im rechten Amsterdamer Stil, mit dichten Schwaden von Feuchtigkeit; so hat Georg Hendrik Breitner seine Straßenbilder am liebsten gemalt. Vom Nieuwe Markt zieht sich die St. Anthonie - Breestraat nach Südosten, dann führt die Brücke über den Wasserlauf des Zwaneburgwal, an deren Stelle einst die Anthonie-Schleuse sich befand, und wir sind in der Joeden-Breestraat, wo gleich rechts sich die prächtige Renaissancefassade des Rembrandt-Hauses erhebt, mitten im Spektakel des Judenviertels, das seinen Charakter auch heute nicht verloren hat. * An den holländischen Künsten haben auch in jüngster Zeit jüdische Kräfte mannigfachen und redlichen Anteil. Die Namen des Bildhauers Mende da Costa, der Maler B. Bing, M. Monnikendam, Laguna, der Keramikerin Lea Halpern haben guten Klang. In der kühnen, unerschrocken experimentierenden Ausstellung der „Unabhängigen" („de Onafhankelijken") im Städtischen Museum halten eben jetzt jüdische Begabungen tapfer mit. Hier, im „Stedelijk Museum", das von dem oben besprochenen historischen Stadtmuseum wohl zu unterscheiden ist— im Obergeschoß füllt heute die grandiose van-Gogh- Sammlung von V. W. van Gogh, dem Ressen deS Meisters, als „zeitlose Leihgabe" eine ganze Flucht von Sälen, unvergeßlicher Eindruck! — hier findet man neben den holländischen Realisten des 19. Jahrhunderts eine Abteilung nachimpressionistischer und neuester Kunst, wie sie an wenigen anderen Stellen anzutresfen ist. Ein Haupttrumpf ist dabei die langgestreckte Wand mit einer ganzen Serie wahrhaft glänzend ausgesuchter Bilder von Marc C h a g a l l.' Ihre Farben glühen und leuchten mit hinreißender Kraft dem Eintretenden entgegen. Ihr phantastisches Spiel regt seine Einbildungskraft zum Flug ins Wesenskern derart konzentriert und scharf Profiliert hinzustellen vermocht, wie Sie in den einführenden Bemerkungen es taten? Kein Wort zu viel und keines zu wenig; von einer Dichte und Genauigkeit des Gedankens, bis zum Allerheiligsten der geschilderten Person vordringend! Vielleicht hätte ein prosessionsmäßiger Vortragskünstler Heimann kunstvoller, routinierter vorgelesen; mit einer reicheren Wärme des Herzens niemand. Lassen Sie mich ferner jenes schönen und stillen Freitagabends gedenken, den ich im vergangenen Winter bei Ihnen verbrachte. Noch sehe ich das einfache schmale Zimmer vor mir, in dem wir zu Abend aßen, den Tisch in der Mitte mit dem Sofa davor, wo wir saßen, den Schreibtisch am Fenster mit den Büchern und Papieren, den Schrank mit den eigenen Schriften und Manuskripten, wiederum Bücher, umsichtig geordnet in Regalen an der gegenüberliegenden Wand, vor allem die bändereiche Sophienausgabe von Goethes Werken, die deutsche Uebertragung des Talmud und vieles andere. Dort saßen wir nun und unterhielten uns. Stunde um Stunde verran, Nacht brach herein; und als das Feuer im Ofen erkaltete, da stellten Sie, um das Wohlergehen des Gastes besorgt, einen zusätzlichen Heizkörper auf. Gar schwierig wäre es, den Themenkreis unseres intellektuellen Symposions mit einiger Vollständigkeit zu umreißen. Noch erinnere ich mich, wie Sie mit einer Verachtung, die an Mitleid grenzte, von jenen Literaten sprachen, die nunmehr auch in jüdischen Dingen die Tagesmeinung zu beherrschen sich anschicken. Aber da man nicht mit jedwedem über Tiefstes und Letztes spricht, sondern nur mit demjenigen, bei dem man Verständnis erwarten darf, so lenkte ich das Gespräch absichtlich auf jene Frage, die mich zur Zeit am meisten bewegt und quält: auf das Mißverhältnis zwischen der kurzen Dauer unseres irdischen Daseins und der Unausschöpfbarkeit der Ewigen Werte in der Weltgeschichte des Geistes. Ich schilderte Ihnen meine Sorge und meinen Kummer, im Getriebe des verflachenden Alltags, in der Geschäftigkeit des Berufs, der Zeit für das Ewige beraubt zu werden! Die späte Nachtstunde, die Einsamkeit der ruhenden Gassen, die uns umgab, schufen Ihrer ernsten Antwort die Folie. Sie meinten, man dürfe sich auf das Mindeste an Geisteswerten beschränken, und stellten eine sehr strenge Auswahl her. Sie sprachen von unserem Alten Testament, von Homer und Edda; Dante gaben Sie Preis, aber sehr eindringlich wiesen Sie auf den unübertroffenen Kenner des menschlichen Charakters, aus Plutarch, hin. Von den deutschen Meistern bekannten Sie sich gerade zu denjenigen, aus die die pralle Ruhmessonne nicht gefallen ist: Claudius, Hebel, Gotthelf, Stifter und die Droste. Indem Sie Hebels „Bergwerk von Falun" verlasen, riesen Sie bei mir die Erinnerung an eine der schönsten Erzählungen wach. Dann lasen Sie noch unsäglich wehmütige und herb-süße Verse der Droste. Ungleich waren bei unserer Aussprache die Rollen verteilt: mit einer ruhigen und heiteren Gelassenheit formulierten Sie Ihre Meinung, ich war von einer dunkel pessimistischen Verzagtheit erfüllt. So sehr auch die Frage der Ewigen Werte meinen Mittelpunkt berührte (denn alles geistige Streben ist Suche nach dem eigenen Wesensmittelpunkt), so bildete sie dennoch nicht den Höhepunkt jenes unvergeßlichen Abends. Der trat erst ein, als Sie, mein Teuerer, auf das Werk Ihres nun längst über ein Jahrzehnt Heimgegangenen Vaters zu. sprechen kchnen. Mit liebevoller Hand, gleich als ob sie ein Lebendiges streichle, legten Sie einen gewichtigen Band vor mich hin, der „Sinai und Gar'izim", den ersten Teil der noch unabgeschlossenen Lebensarbeit Ihres Vaters, enthielt. Unter Ihren erklärenden Hinweisen erstand vor mir zunächst in vagen Umrissen die geistige Gestalt Ihres großen Vaters: des Mannes, den die gebildete jüdische Welt als den Sammler der jüdischen Sagen, als ■ den Urheber vom „Born Judas" kennt, und der doch in erster Linie, wie Sie mich belehrten, kritischer Erforscher der Bibel gewesen ist. Und dann traten wir in das angrenzende geräumige Zimmer, das das geistige Rüstzeug des Verblichenen barg. In der Mitte ein großer Schreibtisch, an sämtlichen Wänden in einfachen Holzregalen die umfangreiche und kostbare Forscherbibliothek Micha Josef bin Gorions, „die vielen, vielen mit Lebensblut erkauften Bücher", von denen Moritz Heimann sprach. Eine weihevolle Stimmung lag über dem Raume. Während ich, von Regal zu Regal schreitend, die Schätze bestaunte, bekannten Sie mir voller Nachdruck Ihre Absicht, durch die Heraus- Auf den 6. Band der im Schocken- Verlag vorzüglich in Ausstattung und Druck herausgegebenen „Gesammelten Schriften" von S. I. Agnon sei erneut die. Aufmerksamkeit gelenkt. Die Hälfte des Bandes nimmt die hier bereits besprochene Schilderung der „ersten" chassidischen Alija unter dem Titel „Im Herzen der Meere" ein. (Vgl. C.-V.-Zeitung Nr. 47/1935.) Sie macht uns mit einer Gruppe von Menschen bekannt und vertraut, die voll schrankenloser Gläubigkeit und unerschütterlichen Gottvertrauens alle Gefahren und Beschwerden bestehen, die sich unter den obwaltenden Verhältnissen der Verwirklichung ihrer frommen Sehnsucht entgegenstellen. Der Minjan dieser aus einem Orte stammenden Männer wird durch einen geheimnisumhüllten Fremden, die sympathische Gestalt des hilfsbereiten Chananja, ergänzt, der sich ihrem Zuge anschließt. Die zweite Hälfte umfaßt fünfzehn mehr oder minder kurze Arbeiten. Sie alle handeln nur von Juden, fast alle sind aber auch in Inhalt und Geist, in Denkart und Gefühl so ganz jüdisch, genauer: ostjüdisch, daß ihnen eine resonanzfähige Empfänglichkeit entge genkommen muß, wenn der Reiz, der ihnen anhaftet, voll empfunden und ausgekostet werden soll. Mehrere von ihnen können nur in ihrem hebräischen Gewände und bei Besitz hinreichenden jüdisch-religiösen Wissens ganz gewürdigt werden. Das gilt in erster Reihe für die prächtige Geschichte „Mein Gebetbuch". Der neue Ssiddur ist das Glück und der Stolz des damit beschenkten Knaben. Beim bloßen Durchblättern schon wehen ihm der Duft, die Wonne, aber auch die Schauer der Fest- und Erinnexungstage entgegen, von denen die Gebete handeln. Das ganze Festjahr wird ihm lebendig. Dieser Ssiddur, zunächst ein Gegenstand allseitiger lauter Bewunderung der Kameraden, wird plötzlich unter dem Einfluß des Neides zum Spott, weil er nicht in Jerusalem, sondern in Petrikow gedruckt ist. Einen kurzen Augenblick ist der gäbe der noch unveröffentlichten Bände beZ großen bibelkritischen Werkes das Vermächtnis des Vaters zu erfüllen. Darin scheint mir nun, unter lebens- und bildungsgeschichtlichem Gesichtswinkel, der Sinn Ihrer Uebersiedlung nach dem heiligen Lande zu liegen. Wenn Sie das Werk des Vaters fortsetzen und, wie ich hoffe, vollenden, so erblicke ich in dem Vorgang ein Element, das das Judentum immer wieder geschichtsfähig gemacht hat: das Pfand des Geistes —1 der Zusammenhalt des Volkes der Tora — wird von Geschlecht zu Geschlecht weitergegeben; eine Traditionskette, die noch nie abriß. Dazu kommt ein weiteres: Micha Josef bin Gorion kam aus dem fernen Osten nach dem „Westen", nach „Europa". Es ist gewiß kein Zufall, daß die Selbstbiographie Salomon Maimons, der vor ihm ebenfalls von Ost nach West ging — wie Sie mir erzählten —, eins seiner Lieblingsbücher gewesen ist. Die wissenschaftlich-kritische Arbeit an der Bibel stand im Mittelpunkt seines Lebens. Nunmehr kehren Sie, der Sohn, vom Westen, von Europa in das Land der Bibel zurück, um jene Arbeit zu Ende zu führen. So schließt sich der Ring der Entwicklung. Und weil ich darin einen geschichtlichen Sinn obwalten sehe, beuge ich mich vor der Notwendigkeit einer sinnvollen Fügung und bezwinge den Schmerz, den ich wegen Ihres Weggangs empfinde. Knabe ganz erschüttert; bald aber richtet er sich wieder auf an der Verheißung der Haggada, die im Ssiddur mitgedruckt ist: Ganz prachtvoll ist die Erzählung von dem seidenen Tuch, das der Hausherr seiner Gattin von der Messe mitgebracht hat. Sie hält es wie ein Juwel und trägt es nur an Festtagen. Aber am Tage der Barmizwa-Feier bindet sie es ihrem Sohne als Zeichen der Liebe und Ehrung um den Hals. Aus der Straße begegnet er dem von allen gemiedenen, ja verhöhnten, mit Wunden bedeckten, stadtbekannten Armen. Cr sieht gerade, wie dieser einen schmutzigen Lappen um seine offenen Wunden binden will. Da erfaßt ihn heißes Mitleid. Er will nur sein Halstuch ein wenig lockern, weil ihm schier der Atem aussetzt. Aber unwillkürlich reißt er es ganz von seinem Halse und reicht es dem Armen, daß er danüt seine Wunden verbinde. Bewegten Herzens hat es die Mutter vom Fenster aus mitangesehen. Da der Knabe, ein wenig scheu, eintritt, sagt sie nichts; aber ihr Blick sagt ihm genug und erhöht unendlich sein Glücksgefühl. — Die „Ich"-Darstellung in diesen beiden Erzählungen, die Form von Kindheitserinnerungen gibt dem Verfasser reiche Gelegenheit zur Entfaltung seiner weit ausmalenden Kunst. Als genauer Kenner und Darsteller der im Volke verbreiteten Anschauungen verschmäht Agnon abergläubischen oder mystischen Einschlag nicht, deutet aber leise seine eigene, etwas realere Ansicht an. Einige Erzählungen lassen die Schalkhaftigkeit des Verfassers deutlich hervorleuchten. Mehrere nette Geschichten können wir direkt als für unsere Jugend wohl geeignete Märchen bezeichnen, die ihr, so lange sie nicht das Original zu lesen versteht, durch Uebertragung zugängig gemacht werden müßten. Dazu rechnen wir: Die heißen Dukaten. — Die Münze. — Mein Sabbath. — Die Schchita. M. Abraham. Zu Agnons „Gesammelten Schriften“ Grenzenlose an. Stellt man Chagalls jüdischen Dorfgeiger, der über die Dächer der schiefwinkligen Hauser hingespenstert, neben Jozes Jsratzls „Sohn des alten Volkes", der gleichfalls zu den Perlen der städtischen Sammlung gehört, so hat man die beiden Endpunkte moderner Judenmalerei vor sich. DasMaihefides „Morgen* * ‘ Bei dem Versuch, den Aufgabenkreis des „Morgen" zu kennzeichnen, ohne sich darin zu verlieren, jede einzelne geistige Materie aufzuzählen, der sich die Zeitschrift in ihrer lebendigen Vielgestaltigkeit zuwendet, stößt man aus vier' aneinandergrenzende Sektoren: 1. Judentum als Lehre, geschichtlicher und gegenwärtiger Ausdruck, 2. Synthese und Spannung zwischen Judentum und Europäertum, 3. schöpserisch-dichterischer und schöpferisch-kritischer Ausdruck jüdischer Menschen des deutschen Sprachkreises, 4. Fragen allgemein kulturphilosophischer Natur. Das vorliegende Mai-Heft enthält Beiträge aus allen vier Bereichen. In den ersten gehören Aufsätze, die sich mit dem Problem der jüdischen Seelsorge befassen, und der Leitartikel, in dem 8. R.-J. zu den Ereignissen Stellung nimmt, die im jüdischen Bewußtsein eines jeden gegenwärtig an vorderster Stelle stehen: die Unruhen in Palästina. Angesichts des so vielfach bedrohten und erschütterten Lebens von 15 Millionen Juden in der Welt fordert die Verfasserin zum Schluß ihrer Ausführungen ruhiges Abwägen der gegebenen Möglichkeiten, den „klaren Blick aller, die in ihrer Zukunft ihre Aufgabe sehen". — In seiner Betrachtung über „Seelsorge im heutigen Judentum" betont Rabbiner Dr. Max Eschelbacher, daß nach den Lehren des Judentums Seelsorge Pflicht eines jeden ser. Er nennt sodann diejenigen Gruppen von Menschen, die aus irgendeinem speziellen Grunde der besonderen Seelsorge bedürfen. Weiter führt der Verfasser aus, daß mit einer ernsthaften Seelsorge die Pflicht „zurechtzuweisen und zu rügen" eng verbunden sei: Seelsorge werde eins mit Entscheiden und Urteilen. Eschelbacher stellt in diesem Zusammenhang die Forderung nach einer rabbinischen Gerichtsbarkeit wie in früheren Zeiten. Die Tatsache, daß nach talmudischem Satz die Gemeinschaft für den Verstoß jedes einzelnen verantwortlich gemacht werden könne, mache es geradezu notwendig, der Gemeinschaft zwingende und strafende Gewalt zuzuerkennen, um dadurch das Unrecht, daß ein einzelner durch sein Verhalten der Gemeinschaft zufüge, aus der Welt zu schaffen. Eine wertvolle Ergänzung zu den Ausführungen Eschelbachers bildet der Beitrag Dr. Manfred Swars e n s k y s : „Seelsorge —- heute", in dem vor allem die praktischen Ausgaben der Seelsorge im Aufgabenkreis des modernen religiösliberalen Rabbiners gekennzeichnet werden. Wie schon Eschelbacher, weist auch Swarsensky auf den grundsätzlichen Unterschied hin, der zwischen christlicher und jüdischer Seelsorge bestehe. Nach der Lehre der Kirche ist der Priester als der eigentliche Träger der Seelsorge von Amts wegen Mittler zwischen Gott und den Menschen, nach den Gesetzen des Judentums ist der Aufgabenkreis des Rabbiners durch zweierlei gegeben: lehren und entscheiden. So kann auch die seelsorgerische Tätigkeit des Rabbiners, die heute nahezu dreiviertel seiner Arbeit einnimmt, sich nur darauf beschränken, zu beraten, Beistand zu leisten und gegebenenfalls Hilfe zu schaffen. Auch in einem dritten Beitrag: „Der Jugendrabbiner" von Ulrich Steuer, steht die Frage der Seelsorge im Mittelpunkt der Betrachtungen. Der Verfasser weist auf die besonders verantwortungsreiche Stellung hin, die der Jugendrabbiner einnimmt, der sich in seiner Tätigkeit ausschließlich mit Menschen in den Entwicklungsjahren zu befassen habe. Hier spielt die Seelsorge, in deren Bereich ebenso die Ausgestaltung des Unterrichts und der reliiösen Feiern wie die persönliche Aussprache geören, eine besonders wichtige Rolle. Der 80. Geburtstag des Entdeckers der Psychoanalyse, Sigmund Freud, und der 25. Todestag Gu st avMahlers gibt dem „Morgen" Veranlassung, sich in ausführlichen Beiträgen mit der Persönlichkeit dieser beiden Mäner zu befassen, die über die Grenzen der Länder hinaus, in denen sie wirkten, universale Bedeutung erlangten. Eine seltsame Verbindung besteht zwischen ihnen, an denen so recht die Überschneidung jüdischen und europäischen Wesens spürbar wird: beide stiegen sie in die tiefer gelagerten Schichten der Seele, der eine, um sie als Wissenschaftler zu klären, der andere, um sie als Künstler zu Cer klären. Der Aufsatz Ludwig Landaus: „Das jüdische Element bei Gustav Mahler" wird nicht nur für den Mahler-Verehrer, sondern für jeden, der sich mit der Frage jüdischer Musik, jüdischer Kunst überhaupt befaßt, von hohem Wert sein. Im ersten Teil seiner Ausführungen weist Landau auf die Stileigentümlichkeiten bei Mahler hin, die uneuropäisch-orientalisch und damit zugleich jüdisch sind. Der Gedanke des melodisch-linearen Prinzips bei Mahler und des motorischen Charakters dieser Melodik — beides spezifisch orientalische Grundformen — wird wirksam an Beispielen aus Mahlers Schaffen erläutert. Im zweiten Teil seiner Betrachtungen befaßt sich Landau mit der Persönlichkeit Mahlers. Er stellt fest, daß das seelische Spannungsverhältnis Judentum— Christentum—Deutschtum bei Mahler nie vorhanden gewesen sei, er habe nicht, wie etwa Jakob Wassermann, eine deutsch-jiidische Problematik empfunden. Es ging ihm bei seinen Schöpfungen zu sehr um Elementar-Seelenhaftes und Universelles, als daß er in der Tatsache, als Jude in Deutschland zu wirken, eine echte Konfliktsmöglichkeit hätte sehen können. Anders liegt es bei Freud. Wie Hermann Kamenitzky -in seinem Artikel „Jewish Science?“ aufzeigt, hat sich Freud, dessen Lehre oft als „jüdisch" angegriffen wurde, in seinen biographischen Aufzeichnungen immer wieder zu jüdischen Problemen geäußert und dabei seine eigene, im Judentum positiv verankerte Stellung betont. In dem Beitrag: „Das System" gibt Felix Mayer eine prägnante Darstellung der Freudschen Psychoanalyse. Mit besonderem Nachdruck sei auf die Novelle „Der Jude im Spiegel" von Mala Laas^ex hingewiesen. Das Prosastück, das in seinem mystischgleichnishaften Charakter inhaltlich an den „Prozeß" von Kafka erinnert — auch hier wird einer vor ,Gericht" gerufen — ist sprachlich von bewundernswertem Bilderreichtum. Wie in fast jedem Heft bringt der „Morgen" auch diesmal Lyrik: „Michelangelos Moses" von Kurt Walter Goldschmidt. Anläßlich der Herausgabe des ersten Bandes der „Schriften aus dem Nachlaß" von Max Scheler befaßt sich Fritz Heinemann in dem für jeden kulturphilosophisch Interessierten reizvollen Aufsatz „Erlösung durch Weltliebe?" mit Schelers Idee der Weltliebe. Ein Glossenteil mit Buchbesprechungen und Zeitschristenschau beschließt das Heft, das jedem, dem an Vertiefung jüdischen Wissens gelegen ist, Anregung und Bereicherung geben wird — er muß es nur lesen! H.B—n. «

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.