Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 15 (1936) - farbig
- Issue
- 20 (14.5.1936)
- Date
- 1936-05-14
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 20 » 1. Beiblatt 14. MaM936 iAaeihmg Zwischen Schule und Leben Vorlehre in Berlin Das Jugendpflegedezernat der -Jüdischen Gemeinde zu Berlin hat in diesen Tagen eine Schrift „Die Vorlehre für die jüdische Jugend" herausgegeben, in der die Bedeutung dieser Einrichtung dargetan und eine ausführliche Uebersicht über die Lehr- und Arbeitspläne gegeben wird. In den Kreisen der Pädagogen spielt die Frage, ob man einen 14- bis 15jährigen Menschen als berufsreif bezeichnen kann, gegenwärtig eine bemerkenswerte Nolle. Berufspraktiker wer¬ Württemberg IWtedermsammSuEig in Ulm Dienstag, 19. Mai, 20,15 Uhr, Gemeindehaus, Dr. Rudolf H. Heimansohn-Beriin, gibt den „Ueberbiick über die Gesamtarbeit des C.-V." Mitgliederversammlung in Güppingen Mittwoch, 20. Mai, 2015 Uhr, Hotel Detielbacher, Dr.Rudolf H.Heimansoh n- Berlin, gibt den „Ueberbiick über die Gesamtarbeit des C-V." den diese Frage leicht bejahen. Der ungewöhnlich hohe Prozentsatz der Berufsunreifen erweist jedoch die Berechtigung der Fragestellung. Die Vorlehre soll berufsunreife Jugendliche durch planvoll geregelte praktische Werkarbeit, verbunden mit theoretischem Unterricht, in einem pädagogisch gestalteten Arbeitsmilieu b e r u s s - reif machen. Sie ist also bewußt berufspädagogisch ausgerichtet im Gegensatz etwa zum neunten Schuljahr, das zwar gewisse allgemein-pädagogische Ähnlichkeiten mit der Vorlehre aufweist, aber immerhin den Charakter einer Schule beibehält. Für die Wahl zwischen beiden Lehrstütten werden klare Hinweise gegeben: es muß unterschieden werden zwischen dem unterentwickelten Tyst des Jugendlichen, für den das Schulmilieu noch notwendig ist, und dem „schulbankmüden" jungen Menschen, der gerade eine Veränderung des Arbeitsmilieus braucht. Die Verschmelzung der beiden Formen wird aus Pädagogischen Gründen abgelehnt. Den Weg zum Ziel der Vorlehre zeigen die Lehrpläne. Es bestehen drei Klassen, eine für Holz- und eine für Metallbearbeitung (beide für Jungen) und eine Vorlehreklasse für Mädchen, hauptsächlich auf die Hauswirtschaft abgestellt. Kern des Unterrichts ist die Praktische Arbeit in der Werkstatt bzw. im haushaltsähnlichen Betrieb. Vom Einfachen zum Schwierigen fortschreitend, werden Jungen und Mädchen Grundzüge der handwerklichen Fertigung bzw. der hauswirtschaftlichen Arbeit systematisch nahegebracht. Die Werkarbeit dient der Vermittlung praktischer Kenntnisse und der Feststellung der Handgeschicklichkeit, des Einordnungsvermögens, der Arbeitsintensität und anderer charakterlich bedingter Faktoren. Neben der Praktischen Arbeit werden Werkstoff- und Werkzeugkunde bzw. Nahrungsmittellehre und Haushaltspflege betrieben. Dabei werden aber Fächer, die der allgemeinen und der beruflichen Bildung dienen, keineswegs vernachlässigt. Dem Lehrplan der Vorlehreklassen Holz und Metall ist zu entnehmen, daß Fächer wie Naturwissenschaften und Technik, Zeichnen, Deutsch, wirtschaftliches und technisches Rechnen, Judentumskunde und Turnen und Sport vorgesehen sind. Der Zeichenunterricht wird als Verbindung zwischen der Idee der Gestaltung und der Ausführung des Werkstückes aufgesaßt. In der Judentumskunde ist das jüdische Jahr zum Ausgangspunkt genommen, und so ist es möglich, von einzelnen Punkten ausgehend, einen Einblick in jüdische Geschichte und Lehre zu geben. Unter „Berufsbildern" werden Vorträge verstanden, die Handwerker und Kaufleute über verschiedenste Arbeitsgebiete halten. In der Vorlehreklasse Hauswirtschaft werden Nahrungsmittelkunde, Kochlehre, Waschen, Plätten, Nähen und Haushaltspflege, daneben als Ergänzungsfächer Gesundheits- und Säuglingspflege, Deutsch, Rechnen, Judentumskunde, Turnen und Sport gelehrt. Die Notwendigkeit der Vorlehre ergibt sich am besten daraus, daß in letzter Zeit allenthalben rm Reich Bestrebungen im Gange sind, solche Einrichtungen zu gründen. R. L. Grundlehre in Frankfurt a. Main Seit Monaten schon sehen viele jüdische Eltern mit großer Sorge dem Tag der Schulentlassung ihrer Kinder entgegen. Nahezu 500 Jungen und Mädels haben in Frankfurt und im Notstandsgebiet Hessen-Nassau die Schule verlassen. Lehrstellen sind für diese Jugendlichen nur in verhältnismäßig geringer Zahl vorhanden. Fast 80 Prozent der Jugendlichen, die aus Frankfurter Schulen entlassen werden, suchen handwerkliche bzw. landwirtschaftliche Berufe. Sie empfinden mit Recht die derzeitige Berufsschichtung der Juden als anormal. Sie wissen, daß nur solides berufliches Können ihre wirtschaftliche Existenz in der Zukunft einigermaßen sichern kann. Sie wissen auch, daß Palästina und andere Länder, die für die Auswanderung deutscher Juden in Frage kommen, qualifizierte Arbeiter brauchen. Diese Berufsnot der Jugendlichen hat die verantwortlichen Stellen der Frankfurter Jüdischen Gemeinde veranlaßt, in Einklang mit den Vorschlägen der Neichsvertretung der Juden in Deutschland Ausbildungsstätten für die Jugendlichen zu gründen. Die Frankfurter „Grundlehre" will nicht nur Ersatz für die mangelnden Arbeitsplätze der jüdischen Jugendlichen schaffen, sie will die jungen jüdischen Menschen beruflich, geistig, charakterlich so bilden, daß sie — wo sie in der Zukunft leben — verantwortungsbewußt und mit gutem Können ihren Platz als Juden ausfüllen. Die zur Schulentlassung gekommenen Jugendlichen sind Nachkriegskinder, die durch die wechselnden Situationen der Entwicklung in Deutschland (Inflation, Konjunktur, Umbruch 1933) hindurchgegangen sind, die stark von dem Stimmungswechsel ihres Milieus beeinflußt wurden. Während der wesentlichsten Entwicklungsjahre haben sie die wachsenden Sorgen der Eltern mitfühlen und mittragen müssen. Diese Tatsachen zwingen die Verantwortlichen Menschen, insbesondere während des ersten Jahres der Ausbildung entscheidenden Wert auf die charakterliche Festigung und die geistige Formung der jungen Menschen zu legen. Zwei große Aufgaben sind also der Grundlehre gestellt: gute berufliche Ausbildung der UNSERE VERKAUFSGESCHÄFTE. Berlin, Tauen tzlenstraße 16 Hamburg, Jungfemstieg 43 Köln a. Rb„ Hohestraße HS Basen, Lfmbeckstraße 10 Basen, Am HauptbahnhoflO Bochum, Kortumstraße 67 Frankfurt a.M„ Roßmarkt 15 Zentrale, Offenbach a. M Wuppertal-Elberfeld, Herzogstraße 36 Jugendlichen und charakterlich^ Festigung und geistige Fundierung dieser jungen jüdischen Menschen. In der Frankfurter Grundlehre werden Jungen und Mädels ausgebildet. Die Ausbildung der Jungen wird sich während des ersten Jahres im wesentlichen aus drei Grundberuse erstrecken: M e t a l lbearbeitung, H o l zbearbeitung, Gärtnerei. Unter Anleitung von tüchtigen Meistern werden so die Grundlagen für die spätere berufliche Arbeit gelegt. Nach einem Jahr ist die Grundlehre abgeschlossen. Es besteht jedoch die Möglichkeit, die berufliche Ausbildung nach einem zweiten und dritten Jahr abzuschließen. Die Mädchen werden in Hauswirtschaft, Gärtnerei, Nähen und Schneidern von sachlich qualifizierten Kräften ausgebildet. Je ein Schülerheim ist für Jungen und Mädchen, die von auswärts kommen, vorgesehen. Man kann die Fülle der Bildungsgüter nicht richtungslos und willkürlich vermitteln. Das Prinzip, von dem die gesamte geistige und charakterliche Bildung, die die Grundlehre vermittelt, ausgeht, ist die zeitliche und räumliche Einordnung der jungen Menschen in jüdische Gemeinschaft. Die Grundlehre will zu einer durch XH J „Abschiedssouper“ Von links: Jenny Bernstein, Martin Brandt und Fritz Wisten „Komtesse Mizzi“ Von links: Jose Ernesto Lerwy, Jenny Bernstein und Fritz Wisten Fot. Abraham (2) Schnitzler-Abend im Berliner Kulturbund Intermezzo Capriccios»: zwischen die schwungvoll-tönende Pathetik von „Samson und Dalila" und die leise bewegte, idyllische Behaglichkeit der ostjüdischen „Grünen Felder" hat die Berliner Kulturbundbühne einen kecken, heiteren Schnitzler- Abend gestellt. Sie hat, bei dem vorübergehenden Aufenthalt aus dieser vergnüglichen Zwischenstation, von dem alten Gewohnheitsrecht der Theater Gebrauch gemacht, dem Publikum in der Zeit des herannahenden Sommers eine möglichst unbeschwerte Kost zu bieten, in diesem Falle einen Leckerbissen, bei dem sich niemand den Magen verderben kann. Die beiden Einakter „Komtesse Mizzi" und „Abschiedssouper" liegen, ihrer Entstehungszeit nach, beinahe zwanzig Jahre auseinander; was sie zusammenhält, ist die unnachahmliche Grazie ihrer Heiterkeit, die auch im Derben noch Haltung wahrt; ist das spezifisch Wienerische ihrer Atmosphäre, in der sich alles Lastende, und käme es auch nur aus erotischen Erlebnissen, wie ein holder Erinnerungstraum löst; ist der melancholisch lächelnde Leichtsinn, die weltmännische Ironie, die durch Schnitzlers Lebens- und Menschenbetrachtung wie durch eine zarte Hülle hindurchschimmert. Hugo v. Hofmannsthal, der, als er noch Loris hieß, zu Schnitzlers Anatol-Zyklus das poetische Geleitwort schrieb, hat später einmal dem älteren Freunde bezeugt, daß er in seiner Dichtung kein Instrument mit größerer und reizvollerer Virtuosität zu gebrauchen wisse, als die Ironie. In „Komtesse Mizzi" finden wir Hofmannsthals Wort bestätigt; ja, es scheint, als ob diese beinahe romanhaften Zusammenhänge, diese merkwürdigen menschlichen Beziehungen, die sich auf dem „Familientag" in der gräflichen Villa mit der Plötzlichkeit eines unvorhergesehenen Schicksals enthüllen, nur den komischen Ernst verraten, mit dem der Dichter sich selbst verspottet. Und ganz leise huschen die Lichter der Ironie auch über die Gestalt der gereiften Komtesse, die sür die Vergangenheit, als sie völlig unerwartet in ihr umfriedetes Leben tritt, nur ein kluges, lächelndes Verstehen bereit hält. Auch im „Abschiedssouper", dem dichtesten und theaterwirksamsten aus der feuilletonistischen Reihe der kleinen sieben Anatol-Einakter, vernimmt man den Ton des überlegen-heiteren Ironikers. Er hat hier die Maske des Freundes Max angenommen, des kühlen Verstandesmenschen, der das anmutig-kapriziöse Spiel Anatols und Annies mit einer gelassenen Skepsis begleitet und dem verzärtelten Abenteurer der Liebe seine kalte, gesunde Heiterkeit entgegensetzt. Wie wir uns auch heute, in einer harten und sorgenvollen Gegenwart, zu dem Anatol-Sujet und, da in ihm schon das Wesentliche der Schnitzler-Welt beschlossen liegt, zu des Dichters Gesamtwerk stellen mögen — es bleibt für uns der Reiz einer ungemein gepflegten, auf das Feinste abgetönten, in weichen Farben schimmernden, graziösen und niemals banalen Kunst, die in ihrer Eigenständigkeit, ihren menschlichen und dichterischen Ausstrahlungen ein Stück Alt-Wiener Kultur repräsentiert. Die Aufführung ließ, wenigstens im ersten der beiden Einakter, diese repräsentative Bedeutltng nicht überall erkennen. „Komtesse Mizzi" — Regie Fritz I e ß n e r — wurde im Ton zu schwer, im Tempo nicht beschwingt genug genommen. Man schien sich mehr an das Dramatische der übersteigerten Verwicklungen als an die ironische Heiterkeit zu halten, mit der alle diese Begebenheiten umspielt werden. Man gab im Grunde mehr Sudermann als Schnitzler. Vor allem war Arthur L e w i n , eine neue Erscheinung auf der Kulturbundbühne, als Graf Arpad Pazmandy zu nüchtern, zu dumpf, zu schwerfällig; es fehlten ihm die beweglichen Allüren des ungarischen Lebemannes, und auch die bescheidene Dialektfärbung, die er mühsam anstrebte, vermochte seine magyarische Herkunft nicht glaubhaft zu machen. Auch Lilly Kann als seine eben verflossene Geliebte traf nicht den Charakter ihrer Rolle; sie schien die hausbackene Bürgerlichkeit, in die sie nach einer glänzenden Bühnenlaufbahn M Frau eines biederen Fiakerbesitzers hineinfindet, in Haltung und Spiel schon vorrvegzunehmen. Viel lebendiger und aufgeräumter ging es in der fürstlichen Umgebung zu. Den Fürst Ravenstein selbst gab Fritz Wisten sehr wirksam, mit der lässigen Würde des älteren Wiener Aristokraten, die durch einen koketten Zug amüsanter Selbstironie ihre besondere Farbe bekam. Komtesse Mizzi, von der man annehmen darf, daß sie aus der Illegitimität ihrer Beziehungen doch noch den legitimen Weg zum Vater ihres Kindes finden wird, wurde von Jenny Bernstein mit selbstsicherer, heiterer Ueberlegenheit aus der Sphäre des Sentimentalen herausgehoben, auch in der Szene, in der ihr warmer Mutterblick auf der Erscheinung des plötzlich vor ihr auftauchenden Sohnes ruht. Dieser Sohn Philipp, in dem Stück der einzige Vertreter unverbrauchter Jugend unter den schon vom Leben Angejahrten, wurde von Jose Ernesto L e w h, ganz im Sinne des Dichters, mit einer liebenswürdigen, noch etwas knabenhaften Unverschämtheit ausgestattet. (Erfreulicherweise durfte man an dem begabten jungen Schauspieler auch wesentliche Fortschritte in der Behandlung der Sprache feststellen.) „Abschiedssouper" — Regie Fritz W i st e n — gab sich in der Gesamtstimmung freier, gelöster, wienerischer. Dieser Stimmung paßte sich das schauspielerische Trio im ganzen ausgezeichnet an. Jenny B. e r n st e i n spielte hier die unverwüstliche Rolle der Annie, die früher im Repertoire keiner bedeutenden Schauspielerin fehlte, mit einer glänzenden Steigerung von betonter, natürlicher Munterkeit bis zur verwegenen, entfesselten Sektlaune. Fritz Wisten war als Anatol der elegante, verwöhnte komme ä femmes, der die Abwechslung liebt, sich aber in seiner Eitelkeit verletzt fühlt, wenn ihm die Geliebte den Abschied gibt. Neben ihm Martin Brandt in der Nolle des Max: ruhig und gemessen iü seiner humorvollen Bedachtsamkeit, ein durchaus sympatischer Raisonneur. Das Publikum, dankbar für die kurzweilige Entspannung eines Abends, nahm die beiden Einakter mit lebhaftem Beifall auf. vr, Hugo Lachmanski. Theater und Musik Elisabeth Bergner hat sich endgültig entschlossen, in Barries „Der Knabe David" die Hauptrolle zu übernehmen. Die Ausführung wird im Herbst in London erfolgen. * Die Wiener Reinhardt- Bühne hatte mit einem Gastspiel von „Ping-Pong" in W a r s ch a u großen Erfolg. * , Das Theater in der Josesstadt in Wien führte bei einem Gastspiel in B u k a r e st unter lebhaftestem Zuspruch des Publikums Franz M o l n ä r s neue Lustspiel „Große Liebe" auf. (Das Werk wird im Juli vom Berliner jüdischen Kulturbund gespielt.) * Zum 60. Geburtstag von Raoul Auern» h e i m e r findet am 17. Mai eine literarische Matinee im Theater in der Josesstadt in Wien statt. * Das renommierte Lustspieltheater in B u d a - p e st, im Besitz des amerikanischen Bühnen- und Finanzmannes Ben Blumenthal, konnte unlängst auf ein 40jähriges Bestehen zurückblicken. Von der genannten Bühne gingen insbesondere die Welterfolge Melchior L e n g y e l s („Taifun") sowie Franz Molnürs aus. * Morris Schwarz spielt mit seiner Truppe „Josche Kalb" in Lodz mit solchem Erfolg, daß sein aus 40 Vorstellungen berechnetes Gastspiel verlängert wurde. P Gustav Mahlers „Lied von der Erde" wird als Mahler-Gedächtnisfeier unter dem besonderen Protektorat des Bundeskanzlers Dr. v. Schuschnigg mit Bruno Walter als Dirigenten am 24. Mai im großen Musikvereinssaal in Wien zur Aufführung gelangen. * Bronislaw Huberman konzertierte mit glänzendem Erfolge im Redoutensaal in Budapest. Er spielte u. a. Bachs O-molI-Solosonate sowie Beethovens Kreuzersonate. Sein Partner am Flügel war Jakob Gimpel. * , Bruno Walter dirigierte in Wien arq 6. Mai Beethovens „Mssa solemuis"