Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 15 (1936) - farbig
- Issue
- 19 (7.5.1936)
- Date
- 1936-05-07
- Page
- [Seite] (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdisches Leben Gespräch über Judentum E. B. Cohn und Fritz Bamberger im Berliner Lehrhaus Das Sommersemester des Jüdischen Lehrhauses wurde durch ein Zwiegespräch zwischen Dr. Emil Bernhard Cohn und Dr. Fritz Bamberger eiugeleitet. Das Thema des Abends lautete: „Systematisches und geschichtliches Judentum".. Das; es sich hierbei um eine wirkliche, im jüdischen Leben der Gegenwart aufgebrochene Antithese handelt, erläuterte Bamberger an einem Bericht über eine überbündische Jugendtagung, bei der sich zwei Parteien in großer Heftigkeit um die Frage stritten, ob die Quellen jüdischer Erziehung in der Bibel oder in der jüdischen Geschichte zu finden seien. Von diesem Einzelerlebnis ausgehend, dessen Fragestellung beide Sprecher im Sinne eines Sowohl — als auch beantworteten, warf Bamberger die Frage aus, wie eine Systematisierung des Judentums heute möglich sei, und wie man in der Geschichte, die doch als ein Strom lebendigen Lebens Gutes und Schlechtes in sich fasse, zu einer Norm gelangen könne. Er zeigte dabei die jüdische Situation unserer Zeit als einen Sonderfall der Zeitsituation überhaupt, die nach der Zertrümmerung der Werte durch Nietzsche gleichfalls auf der Suche nach einer neuen Wertnorm sich befände. In diesem Zusammenhang erwähnte er die sehr interessante und aufschlußreiche Tatsache, daß cs in Deutschland in letzter Zeit keine nennenswerten Versuche einer Systematisierung des Judentums gegeben habe, während man in England und Anierika derartige Aufätze weit häufiger finden könne. Leider wurde die Tiefe der Fragestellung in dem Zwiegespräch in keiner ■ Weise ausgelotet. Cohn faßte sie im wesentlichen pädagogisch aus und bemühte sich, Rezepte dafür zu geben, wie man die dem Judentum entfremdete Generation, die in Problematik und Prvblemtüftelei befangen sei, lvieder zum jüdischen Leben zurückführen könne. Er empfahl die Hinwendung zum jüdischen Brauchtum, die, selbst wenn sie zunächst äußerlichen ästhetischen oder rein rationalen Motiven entspringe, durch die Macht der Gefühlsassvziation zu einer wahren Religiosität führen werde. Zu dieser an sich optimistischen, wenn auch keineswegs neuen Feststellung wurde allerdings ein innerer Widerspruch bei Cohn selbst fühlbar, als er betonte, daß nur derjenige, der in seinem Elternhaus Judentum mitbekommen habe, eigentlich befähigt sei, auch wieder zum Judentum hinzufindon. In diesem Zusammenhang bezeichnete er Franz Rosenzweig als eine verkrampfte Erscheinung, er habe es trotz aller Bemühungen nicht vermocht, den Abgrund zu überspringen, der ihn von der jüdischen Tradition trennte. So erwies sich das Gespräch zum Bedauern der Hörer, die im Beginn der Aussprache eine echte und sie unmittelbar ergreifende Fragestellung gespürt hatte», als unergiebjg. Es wäre wünschenswert, daß das Thema des Abends noch einmal in anderer Form die notwendige Vertiefung erführe. E. R.-J. Lehrhaus Berlin Donnetstag-Reihe. Umlegung: Es sprechen am 7. Mai, 20.15 Uhr, Aula, Joachimsthaler Straße 13, Paul E p v st c i n und Eva R e i ch m a n n - I u n gm a n n über: „Organisches und organisiertes Judentum" (Zwiegespräch) und am 13. Mai, 20.15 Uhr, Aula, Joachimsthaler Straße 13, Mar Wiener über: „Sentimentales und natürliches Judentum." Arbeitsgemeinschaften. Es beginnen: Altmann: Mvrallehre des Talmud, 12. Mai, 20.30 llhr, Fasanenstraße 79—80. P n l v e r m a ch e r : Biblische Darstellungen in der bildenden Kunst (mit Licht- - jüdischer Geist bildern), 13. Mai, 20.30 Uhr. Marburger Str. 5, IN. S ch i l d b e r g e r - W e r t h c i m - I n st r u mental g e m e i n s ch a f t, 13. Mai, 20.30 Uhr, Fasanenstraße 79-80. In sämtliche Arbeitsgemeinschaften, sowie in die Sprach-, Handels- und technischen Kurse können Neuaufnahmen noch erfolgen. Pläne und Auskünfte im Sekretariat (10 bis 13 und 16 bis 18 Uhr). Hörerkärten und Teilnehmerkarten, für die Arbeitsgemeinschaften nur im Sekretariat und an den Abenden selbst erhältlich. Der Hilfsvereiy der Juden in Deutschland veranstaltet in Gemeinschaft mit dem Jüdischen L e h r h a u s Berlin eine Reihe von Vorträgen über Landeskunde der wichtigsten Einwandcrungsstaaten. Derartige Vorträge haben mit bestem Erfolg und st"//?, starker Beteiligung auch schon im Winterhalbiahr stattgefunden. Am 14. Mai, um 20 Uhr 15 Min., spricht Earlvta Wolfs, eine geborene Brasilianerin, über „Brasilien, Land, Wirtschaft, Zukunft." Lehrhaus Mannheim Eine bemerkenswerte, über den sonstigen Rahmen hinausgehende Veranstaltung bot das hiesige Lehrhaus im Verein mit der Mittelstelle für jüdische Erwachsenenbildung mit Lehrkursen für Lehrer und Leiter von Jugendbünden, die auch aus der Umgebung gut besucht waren. Sie wurden im Klubraum der Loge von Rabbiner Dr. G r ü n e w a l d eröffnet, der die Erschienenen namens der Gemeinde begrüßte. Hierauf sprach der Leiter des Lehrhauses/Professor Dr.Billigheimer, über „Jüdische Jugendhaltungen und religiöse Wege". Der nächste Abend brachte eine Freitagabendfeier unter Martin B u b e r, deren Gegenstand Psalmen und Semiroth waren. Höhepunkt der Veranstaltung war der Samstag, an dem Professor Martin B u b c r „Die Offenbarungen an Abraham" behandelte. Der Sonntag umfaßte die Beleuchtung der „Bibel als Geschichtsguelle" durch Rabbiner Dr. Grnnewald und eine Musikalische Arbeitsgemeinschaft, in der Musikdirektor Karl Adler (Stuttgarts in seiner prächtig lebendigen Art jüdische und deutsche Lieder behandelte. s. Das neue Studienjahr der Jüdischen Lehrer-- bildungsanstalt Berlin wurde am 27. April in Gegenwart des Präsidenten des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden, Kammergerichtsrat i. R. Wolfs, eröffnet. Der Dezernent des Landesverbandes, Rabbiner Dr. G a l l i n e r, begrüßte die Studierenden, insbesondere die nenausgenommenen Hörer, und wies darauf hin, daß vor kurzem ein für die weitere Entwicklung der Anstalt höchst bedeutsames neues Faktum eingetreten sei: Der Herr Minister habe die Abnahme der Ersten Lehrerprüfung für die erste Stufe der Anstalt genehmigt und einen Staatskommifsar zur Durchführung der Prüfung bestellt. Der Leiter der Anstalt, Dr. Fritz Bamberger, gab in einem längeren Referat den Hörern einen Ueberblick über die zurzeit besonders dringlichen Probleme der jüdischen Schulpraxis, an deren Lösung auch die Lehrerbildungsanstalt mitzuhelsen habe. Die Anstalt arbeite nach den von den Pädagogischen Akademien ausgebildeten Prinzipien; sie habe die besondere Aufgabe, diese Prinzipien auf die Ausbildung in den jüdischen Fächern und auf die Verbindung des Jüdischen mit dem Allgemeinen anzuwenden. Dr. Bamberger behandelte ausführlich den hebräischen Unterricht, die Fibel- und Lesebnchfrage, die Abschluß- und Aufbanklassen, die über die Schule hinausweifende sozialpädagogische Ausgabe des Lehrers und andere wichtige Fragen und legte dar, wie sie und in welchem Umfange sie in der ausbildenden Arbeit der Lehrerbildungsanstalt zu erscheinen hätten. Die Jüdische Lehrerbildungsanstalt umfaßt zurzeit — entsprechend der dreijährigen Ausbildung — drei Lehrgänge. * Hebräische Lehranstalt der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Anfängerkurse im neuen Semester: Klopstockstraße 58, ' Dienstags und Donnerstags von 20.30 bis 22 Uhr; Große Hamburger Straße 27: Montags und Mittwochs von 20.30 bis 22 llhr. Lehrerkurse im Svmmersemester 1936: sämtlich in der Großen Hamburger Straße Montags und Mittwochs von 18.45 bis 20.15 Uhr. Lehrer: Neier und W e r b a; 20.30 bis 22 Uhr, Dr. Goldman n. Aufnahme in sämtlichen Kursen mir nach Maßgabe der zur Verfügung stehenden Platze. Sprechstunden, des Leiters (i. V.: Tr. Goldmann): Montags und Mittwochs Große Hamburger Straße, 19 bis 20 Uhr; Klopstockstraße: Dienstags und Donnerstags, 16 bis 17 Uhr. Verein Israelitisches Krankenheim, Bad Reuenahr. Wie uns berichtet wird, ist der Verein bereit, Patienten sür eine Heilknr in Neuenahr schon jetzt anfzunehmen. Bewerber oder Bewerberinnen wollen sich schriftlich bei dem Vorsitzenden Siegfried Simon sen., Köln, Gereonstraße 1—3, unter Beifügung eines ärztlichen Attestes, einer Bescheinigung des jüdischen Gemeindevorstandes über ihre wirtschaftlichen Verhältnisse, ferner unter Angabe des Namens, des Alters und des Berufs und unter Mitteilung, welcher Kostenanteil von dem Patienten selbst oder von dritter Seite übernommen werden kann, melden. Professor Georg Gottstein Am 21. dieses Monats starb in Locarno im Alter von 67 Jahren der frühere Primärarzt der chirurgischen Abteilung des Israelitischen Krankenhauses, Professor Tr. Georg Gottstein. Gottstein hatte 13 Jahre lang als Assistenzarzt von Professor Dr. v. M i k u l i c z - R a d e ck i an der Breslauer chirurgischen Universitätsklinik gearbeitet und auch in seinem späteren Wirken hat er sich diesen Meister der Chirurgie stets zum Vorbild genommen. Gefördert von seinem berühmten Lehrer konnte sich Gottstein im Jahre 1902 als Privatdozent für Chirurgie an der Universität seiner Vaterstandt habilitieren. Nach dem Tod des Privatdozenten Dr. Reinbach im Dezember 1906 wurde Gottstein einstimmig znm Primärarzt der chirurgischen Abteilung des Israelitischen Krankenhauses gewählt. Hier hat er in 25jähriger Tätigkeit mit unermüdlicher Arbeitskraft eine von hohem wissenschaftlichen Geiste und humanitärem Empfinden getragene Wirksamkeit entfaltet und die chirurgische Abteilung dank seiner hervorragenden Kunst als Arzt, Operateur und Wissenschaftler zu stets wachsender Entwicklung gebracht. Wenn das jüdische Krankenhaus in Breslau sich in den weitesten Kreisen der Bevölkerung aus Stadt und Provinz größter Beliebtheit erfreut, so war dies in erster Reihe dem ärztlichen Ruf und dem hohen Ansehen Gottsteins zu verdanken. Als Anerkennung für seine außerordentlichen wissenschaftlichen Verdienste wurde Gottstein bereits im Jahre 1907 durch die Ernennung zum Professor ausgezeichnet. Seine zahlreichen wissenschaftlichen Arbeiten bewegen sich auf den verschiedensten Gebieten der Medizin. Seine Veröffentlichungen über Speiseröhrenerkrankungen, über Krankheiten der Luftröhre, des Mastdarms, insbesondere aber über Erkrankungen der Blase und Niere haben in wissenschaftlichen Kreisen berechtigte Anerkennung gefunden. Ans dem Gebiete der Urologie hatte Gottstein als Arzt und Wissenschaftler internationale Bedeutung. Für die Ausbildung junger Chirurgen hat Professor Gottstein sehr viel getan, wie die Anerkennung beweist, der sich die aus seiner Schuld hervorgegangenen Fachärzte im In-und Wüslande erfreuen. Ter Ausbildung jüdischer Krankenschwestern hat er in seiner Eigenschaft als Leiter der am Israelitischen Krankenhaus bestehenden Krankenpslegeschnle ganz besondere Sorgfalt zugewendet. Für seine zahllosen Patienten war Gottstein nicht nur der unermüdliche Helfer, sondern auch der mitfühlende Menschenfreund im wahrsten Sinne des Wortes. Allseitige Dankbarkeit; und Verehrung wurde ihm aus den Kreisen seiner Patienten stets entgegengebracht. Anläßlich des 25jährigen Primärarztjubilauins im. Dezember, 1931 ist Professor . Gottstein in, dnnkbarer Anerkennung der außerordentlichen Verdienste, die er sich um das Israelitische Krankenhaus erworben hatte, die Ehrenmitgliedschaft der Israelitischen Krankenverpflegungsanstalt und Becrdignngsgesellschaft verliehen worden. Seit März 1935 infolge schwerer Krankheit an der Ausübung seiner ärztlichen Tätigkeit behindert,. trat Professor Gottstein am 1. Oktober 1935 in den Ruhestand. Tie Hoffnungen, die er an einen längeren Aufenthalt im Süden knüpfte, sind nicht in Erfüllung gegangen. Die Breslauer Gemeinde undweit darüber hinaus zahllose Freunde, Verehrer und dankbare Patienten trauern um den Heimgang dieses um das Wohl der Menschheit so hoch verdienten Mannes, dessen Andenken in der wissenschaftlichen Welt bewahrt bleiben wird. Rabbiner Dr. Armand Kaminka siebzig Jahre alt Kaminka, eine der hervorragendsten Person-, lichkeiten der Wiener jüdischen Gesellschaft, gilt als ein ausgezeichneter Wissenschaftsmann, Philosoph und hebräischer Dichter. Man spricht von ihm als von dem gründlichen Kenner und Verdeuter der Maimonidesschen Philosophie. In dem Lehrinstitut „Maimonides", das Kaminka vor mehr als einem Jahrzehnt in Wien gründete, vermittelt der Gelehrte die Lehre seines Meisters ans dem 12. Jahrhundert. Eine gewisse Zeit hielt der Jubilar auch an der Wiener Nniversität Vorträge über jüdische Wissenschaft. Als hebräischer Dichter ist Kaminka vielgestaltig. Zahlreich sind die Abhandlungen, die Kaminka schrieb und die alle Wissensgebiete des Judentums berühren. In den letzten Tagen hat er ein Bibel- Schauspiel „König Ahab" in hebräischer Sprache vollendet. Als langjähriger Sekretär der „Israelitischen Allianz" hat Kaminka überaus Ersprießliches , geleistet. Geistigschaffende und Intellektuelle haben ihm entscheidende Förderung zu danken. Unvergeßlich sind seine intimen Beziehungen zuThedorHerzl. Er verstand es, der Allianz auch in den Nachkriegsjahren Bestand und ehrenvollen Anerkennung zu sichern. Die Wiener Juden verehren in Kaminka einen ihrer Besten. Hsjjim Bloch. Kulturarbeit in Landeshut (Schlesien). Unter der Leitung des Vorsitzenden des C.-B., Prehjger F a l k e n st e i n , fanden in den letzten Monaten nicht weniger als 20 Veranstaltungen statt, von denen die Vorträge Heinrich G r ü n s e l d s (Berlin) über eine Palästinareise,Hans P re raue rs (Landeshüt) über „Die Tätigkeit des C.-B.", Dr., Breitbarths (Breslau) über „Die praktische Arbeit des C.-B.", Referate der Rabbiner Dr. Sänger (Breslau), Dr. V o g e l st e i n (Breslau), Dr. Kokotte! (Waldenburg) und von Prediger Falken st ein genannt seien. Dieser kurze Bericht zeigt, wie heute auch noch in kleinen Gemeinden unter aktiver Führung ein reges kulturelles Leben gepflegt werden kann. Schön, wir wissen jetzt, oder vielmehr. Sie glauben es zu wissen, daß die Tora auf einer „China"-Bank in Lantschon deponiert ist. In der Provinz Kansu hat tatsächlich, wie tch zufällig weiß, eine jüdische Gemeinde bestanden." Er nahm einen Lexikonband vom Regal hinter seinem Schreibtisch und blätterte umständlich darin. Großer Gott, dachte Senta, hier geht es doch um Menschenleben. Dr. Drechsler ist ein so reicher Mann, daß er wahrscheinlich Sven Hedin eine Expedition ausrüsten könnte und mir macht er Schwierigkeiten wegen der paar tausend Mark, mit denen man vielleicht Hunderten von Darbenden für immer aus der Rot Helsen könnte. „Da, überzeugen Sie sich selbst, Fräulein Hartmann", sagte Dr. Drechsler väterlich und reichte ihr den ausgeschlagenen Lexikonband über den Tisch. „Lantschou hat etwa eine halbe Million Einwohner. Und da wollen Sie, ohne das Land, seine Sprache und seine Gepflogenheiten zu kennen, einen einzelnen Juden ermitteln? Haben Sie denn wenigstens den Namen des Mannes zusammenbringen können, der den Depotschein in Händen haben soll?" Schuldbewußt schüttelte sie den Kopf und brachte das neuergänzte Testament abermals zum Vorschein. „Leider ist es wohl für alle Zeit unmöglich, Ihre Frage zu beantworten, Herr Doktor", erwiderte sie traurig. „Denken Sie nur, wieviel Möglichkeiten es gibt, aus dem Anfangsbuchstaben „F" und dem einzelnen „n", von dem wir auch nur cm» nehmen können, daß es dazu gehört, einen Namen zu bilden. Aber auch ohne diesen Namen gibt es doch noch eine Menge Anhaltspunkte", fügte sie wieder höffnungssreudiger hinzu. „Wir wissen, daß es sich um Lantschou handelt —" „Sie glauben es zu wissen", unterbrach Dr. Drechsler hartnäckig, doch Senta ließ sich nicht aus dem Konzept bringen. „Wir wissen ferner, daß es. einen Juden dort gibt", fuhr sie fort, „der nicht nur den Depotschein bewahrt, sondern auch ein englisch geschriebenes Duplikat des halbzerstörten Testaments als Treuhänder aufhebt." „Wenn er nicht inzwischen in die Ewigkeit eingegangen oder mit der Erbschaft längst über alle Berge ist", lachte Drechsler, jetzt besser gelaunt. „So gut wie Sie, Fräulein Hartmann, möchte ich auch noch von meinen Mitmenschen denken können. Außerdem aber das noch Näherliegende: der vortreffliche Lihungtschang, oder wie er heißt, kann doch aus der Stadt sortgezogen sein, nicht wahr? Ausgeschlossen, Fräulein Hartmann, ans so vage Vermutungen hin etwas zu unternehmen. ,Man legt nicht Pas Lebendige aus das Tote', pflegte meine verstorbene Mutter in solchen Fällen immer zu sagen. Wissen Sie was? Als Pflaster aus die Wunde, die ich Ihnen geschlagen habe, interviewen Sie Alexander Kipnis; man hat mir gesagt, daß er gestern spät hier eingetroffen ist. Sein Hotel kenne ich auch. Sie 'sehen also, auch in Berlin warten Ihrer Aufgaben. Ich muß jetzt die zweite Post durchsehen, und Sie werden auch allerhand zu tun haben. Wiedersehen nachher bei Redaktionsschluß." Das war eine deutliche Verabschiedung. Blaß und unglücklich wollte Senta in ihr Arbeitszimmer zurück. Aber ein, wie sie fand, „blendender Gedanke" ließ sie nicht dazu kommen. , . Sie erbat sich in der Telephonzentrale ein Blatt Schreibmaschinenpapier. und fertigte darauf eine Namensliste sämtlicher Verlagsangehöriger an. Wenn sie sich alle an den Reiseunkosten nach China beteiligten, konnte die chinesische Erbschaft vielleicht doch noch gerettet werden. Sogar die Botenjungen trug sie ein. Sie wollte nichts unversucht lassen, um den ihrer letzten Spargroschen beraubten Gemeindemitgliedern von Unterzoßnitz Hilfe zu bringen. Als sie nach Schluß der Redaktionssitzung diese Liste, aus der jeder das Scherflein vermerkt hatte, , das er für. Senta Hartmanns Schützlinge geben wollte, Dr. Drechsler vorlegte, starrte er betroffen darauf nieder. Kleinste Beträge standen daraus verzeichnet, aber auch größere; kein einziger Angestellter des Buchverlages und der Redaktion des „Freitag Abend" hatte versagt. Freilich) mehr als 300 Mark waren nicht zusammengekommen, ein verschwindender Bruchteil dessen, was für eine Reise nach der Provinz Kansn nötig war. Aber der Opfersreudigkcit, die selbst die Kleinstverdiencr seines Betriebes beseelte, wollte der Besitzer keineswegs nachstchen. Er griff zur Füllfeder und schrieb ein paar hastige Zeilen an den Schluß der Liste und schob sie Senta Hartmann, die ihn nicht ans den Augen gelassen hatte, lächelnd zu. „Zufrieden, Fräulein Quälgeist?" Mit zuckenden Lippen las sie: „Ich zeichne die Differenz zwischen der bereits zur Verfügung gestellten Summe und dem Nest der Kosten für die Hin- und Rückfahrt sowie einen dreimonatigen Aufenthalt im Fernen Osten. Meine Bedingung besteht darin, daß eine besonders geeignete Persönlichkeit gesunden werden muß, die die Interessen der jüdischen Gemeinde Unterzoßnitz in China aus das Beste wahrnimmt." „Nun, ist vielleicht einem von Ihnen ein solcher Ostasienkenner bekannt, meine Herrschaften?" Fragend sah sich der Herausgeber des „Freitag Abend" in der Runde um. Absichtlich übergingen seine Blicke Senta Hart- MaNn, die maßlos enttäuscht das Spendenverzeichnis hatte sinken lassen. Dr. Drechsler war schließlich im Recht; die Aufspürung der kostbaren Tora schien Männcrarbeit zu sein, aber keine Frauenarbeit. Trotz dieser Einsicht wagte sie einen schwachen Einwand. „Ich bin, außer meinem alten Onkel Henoch, das letzte Mitglied der Familie Hartmann, Herr Doktor. Und in dem Testament wird doch der Wunsch ausgesprochen . . ." ,,. . . daß jemand aus' Ihrer Familie oder ein von Ihrem Herrn Onkel Bevollmächtigter den Depotschein in Empfang nimmt", vervollständigte Drechsler den Satz. „Sie sehen, daß ich völlig im Bilde bin!" „Ehrgeiz hat unser Redaktionsküken gar nicht", meinte ein Kollege, und die altjüngferliche Betreuerin der Frauenbeilage murmelte so leise, daß es alle hören mußten: „So, so — und ich dachte wirklich, die Hartmann handle nur aus reinster Menschenliebe. Na ja, irren kann sich jeder!" Betroffenes Schweigen herrschte. Niemand wußte in seinem Bekanntenkreis eine' Persönlichkeit, die den erforderlichen Bedingungen entsprochen hätte. Mit einemlnal tat Sentas Herz einen harten Schlag. Feine Röte trat in ihr reingeschnittenes Gesicht; ihre Augen begannen wieder groß und belebt zu blicken. Unverständlich, wie sie nur daran hatte, vergessen können, daß sie selbst den einzigen Mann kannte, der vom Schicksal geradezu für die Rettung der Erbschaft bestimmt zu sein schien. Er besaß große Teeplantagen in Kansu, sprach eine ganze Anzahl d chinesischer Dialekte, war kühn, hilfsbereit und vermögend, freilich auch überlegt und selbstbewußt. Leider war Senta Hartmann bei ihrem Abschied aus England -im Bosen von Rex Flowerbrink geschieden. Ein belangloser Streit hatte zu dem Zerwürfnis Zwischen ihnen beiden geführt ... Ueber alle Bedenken hinweg faßte Senta einen schnellen Entschluß. Von ihrem Platz auffahrend, sprudelte sie eifrig hervor: „Ich habe einen Bekannten, Herr Doktor, der allen Ihren Anforderungen entsprechen dürste, und der auch von meinem Onkel bevollmächtigt werden lvürde. Es ist ein englischer Jugendfreud'von mir . . ." „Ich versteh' immer Jugendfreund," witzelte der Feuilletonredakteur Pretzel, „aus dem Kindergarten, wollste wohl sagen, Hartmann?" „Ruhe!" ries es von allen Seiten, und auf eine Handbewegung des Verlegers fuhr Senta wütend fort: „Es handelt sich um meinen Jugendfreund Rex Flowerbrink ans London!" (Fortsetzung folgt.)