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Central-Verein-Zeitung · 1936-05-07 · 19 (7.5.1936) · p. [Seite]

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
15 (1936) - farbig
Issue
19 (7.5.1936)
Date
1936-05-07
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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Nr. 19 *3. Beiblatt 7. Mai 1936 C.Vleihing Zwei Maler und ein Bildhauer Die Mai-Ausstellung des Sekretariats für bildende Kunst Das Sekretariat für bildende Kunst (im Reichs- Verband der Jüdischen Kulturbünde in Deutschland) konnte trotz der großen Arbeitskraft, die die vor acht Tagen eröffnete Allsstellung von Werken jüdischer Künstler in zehn Städten beanspruchte, Zeit finden für die Vorbereitung einer weiteren Bilderschall. Sie wurde im Klubheim des Jüdischen Frauenbundes in Berlin durch Lisbeth Cassirer und ihre Mitarbeiter, Dr. Max Osb orn lind Professor Erich Wolfsselb, eröffnet und zeigt das Malwerk und Proben des bildhauerischen Gestaltens dreier Künstler. C o n r a d F l i e ß, der sieben Jahre lang an der Berliner Kunstakademie gearbeitet, zeigt eine einheitliche Linie in den Werken, die jetzt vor das Publikum treten. Die menschliche Darstellung reizt ihn, wenn er zum Pinsel greift, und immer geht er von der Form au§> weniger, fast nie von der Farbe. Hub so kommt es wohl, daß in seinen Akten und Landschaften, in seinen Porträts und in seinen Figurenbildern jenes sparsame Haushalten mit den Farben bemerkbar wird, so daß auf den ersten Eindruck hin eine gewisse mattschimmernde Linie über diesem Malwerk liegt. Aber das ist gut so, weil es — persönlich ist. Und dann ist da in den Gemälden eine sympathisch berührende stabile Nanmausfassung zu spüren; bestes Beispiel das Bild der „Heimkehr" (vielleicht des Tobias?). Alls vergangene Jahrhunderte greift Conrad Fließ zurück, wenn er porträtiert; ein weibliches Bildnis mutet schon in dem Rot des Gewandes, das anders ist als der übliche Farbton einer modernen Palette, renaissancehast an, und dasselbe gilt von der weiblichen Halbfignr mit einem Apfel,, von einem Bild, dessen Delikatesse ausfällt. Eugen Her s ch, dessen Arbeiten die Ausstellung vorführt, erschöpft in zwei Stilleben alle Schönheiten und Feinheiten der Gegenstände, die er auf die Leinwand bringt. Keramiken und Gläser und Früchte dokumentieren dies in ihrer Farbigkeit und ihrer Klarheit. Zart und doch gesättigt ist auch eine Rose gegeben auf einem Blumenbild, schön ist auch eine Landschaft im satten Grün ihrer Farben. Und auch das Bild der Frau mit dem Knaben auf der Gartenbank ist durch den Rahmen, den die zarte, duftige Landschaft bildet, erwähnenswert. Anscheinend liegen die lyrischen Töne diesem Maler, sie kommen .seiner impressionistischen Neigung entgegen. Deshalb stehen wir einem Karton in Hochformat und zwei Kartons im Breitformat fremd gegenüber, nicht nur weil wir uns umschatten müssen im Aeußeren, sondern auch weil, künstlerisch genommen, keine Brücke zu senken ist zu den eingangs hervorgehobenen Arbeiten von Eugen Hersch. Die Plastik vertritt- Walter Cohn in dieser gut gehängten Ausstellung. Er ist kein Fremder mehr im Berliner Knnstbetrieb, sein Werk ist ein Anfang voller Hoffnungen. An den vielen Porträts, die er geschaffen, ist, handwerklich und technisch, möchte man es nennen, alles in bester Ordnung. Aber ich könnte mir kaum vorstellen, daß einer der Dargestellten zu den Betrachtern des Bildnisses sagt: „Ich kann nämlich so aussehen!" Das aber gerade ist doch der Kern: jenes Unbestimmte und Unwägbare, das dasein muß, der Kern, der bleibt, selbst wenn Formen und Inhalte eines Kunstwerkes wechseln! Es fehlt das Geheimnisvolle in diesen Bildnisköpfen, das mit keinem Worte zu fassen ist, wenn man es nicht fühlt! Lehmbruck, der sehr viele rheinische Juden porträtierte, der im übrigen auch die Elisabeth Bergner radierte, und der jüdische Bildhauer Cur't Krvner — sie hätten das anders gemacht. Diese beiden Frühvollendeten der Bildhauerkunst sollte man sich vor Augen führen, man sollte sich auf sie besinnen, selbst wenn von Lehmbrucks westdeutschen Köpfen gesagt wird, sie erinnern in ihrer verträumten Klassik an Maröes, der übrigens Halbjude gewesen. Gerade weil Walter Cohn zu Hoffnungen berechtigt, muß man ihm dies sagen: gemeinsam allen Inhalten bleibt der Kern, der in sich trägt, woraus es allein ankommt, das Geheimnis, das nicht zu fassen ist, wenn man es nicht fühlt! Olga Bloch. Franz Landsberger: Jüdische Porträtierkunst. Im Museumsverein, der sich immer mehr zu einer Stätte herausbildet, an der die fortschreitenden Erkenntnisse der jüdischen Forscherarbeit studiert werden können, sprach der Direktor des Berliner jüdischen Museums über „Jüdische Conrad Fliess: Mädchenbild Fot. Abraham Walter Cohn: Schwebende Fot. Sonnenfeld Eugen Hersch: Naturstudie Fot.. Abraham Porträtierkunst". Diesmal ging es ihm nicht, wie in seinem 1935 im Philo-Derlag erschienenen Werk, um problemgeschichtliche Fragen, sondern in zwangloser Folge paradierten die verschiedensten Porträts aller Zeiten im Lichtbild und im Original vorbei. Besonders interessant die Neuerwerbungen und Leihgaben des Museums aus der Hand namhafter jüdischer Meister, wie die schirmanten Mädchenbildnisse von Wilhelm Herrschet oder das mit Hilfe der Museumsfreunde erworbene Frauenproträt von Eduard Magnus. Wie sorgsam Stein auf Stein in ernster Forscherarbeit zu legen ist, bewies Professor Landsberger an den Persönlichkeiten mehrerer Maler, deren Name wohl manches Künstlerlexikon und auch manche jüdische Enzyklopädie nennt, bei der jedoch völlig im Dunklen bleibt, „woher sie kam der Fahrt", aus welchen künstlerischen Quellen sie schöpfte, wie groß überhaupt ihr Oeuvre ist. So schied man an diesem Vortragsabend mit dem tröstlichen Gefühl, daß sachliche Arbeit geleistet wird zu Nutz lind Frommen der jüdischen Kunst in ihrem schweren Ringen um eine neue Höhenlage ihres Daseins. 0. B. Richtigstellung. Das in Nr. 18 wiedergegebene Gemälde „Paris 1933" stammt nicht von D. Neumann, sondern von D. Neu m o n i>. Kunstnachrichten Die ungarische jüdische Zeitschrift „Mult es Jövö" bringt in ihren letzten Heften Aussätze über das Malwerk von Julie W o lf t h o r n (Berlin), über die nengeschassene ungarische Haggada von Kolozsvary, ein Holzschnittwerk sehr interessanter Art, über eine Fahrt nach Jericho (Eva H i r s ch - Patai), über die Vvlkskunstsammlung Julius Carlebach (Olga Bloch) sowie ein reiches Abbildungsmaterial kunstgewerblicher Art. lieber. die wertvolle Graphiksammlung, die Baron Edmond de R o t h s ch i l d dem Louvre vermacht hat, werden nun nähere Einzelheiten bekannt. Demnach handelt es sich um 20 000 lose Blätter und mehr als 50 Alben. 20 Mappen füllen allein die Blätter von Rembrandt. Unter ihnen hervorhcbenswert der Kupferstich des Mannes mit dem Säbel und dem Silbcrreiher. Die italienische Abteilung birgt als besondere Seltenheit viele Niello-Abdrücke ans Papier, die sich die toskanischen Goldschmiede zur Kontrolle ihrer gravierten und ziselierten Werke angesertigt hatten. Dies sind eigentlich schon Kupferstiche lange vor der „Erfindung" des Kupferstiches und deshalb besondere Anziehungspunkte für jeden Graphikliebhaber. In den Mappen der deutschen Graphik gibt es die seltensten Blätter von Schvngauer, besonders erwähnenswert sein Kupferstich der „Wahnsinnigen Jungfrau", von Dürer, Beham, Aldegrever, dem Hausbuchmeister und dem Meister E. S., aber auch ganz frühe kolorierte Holzschnitte, Spielkarten, Kalenderbilder und Einblattdrucke. Doch die vorläufige Einordnung dieser Mappen ist nicht konsequent durchgeführt, denn unter' „Deutschland" liegen noch viele Blätter aus der Schule Mantegnas, der Holländer und der Franzosen. Besonders umfangreich ist auch die Sammlung franzvsisllier Graphik, die von den frühesten Holzschnitten bis ins 19. Jahrhundert fast das ganze bekannte graphische Oeuvre umfaßt. Hinzu kommt noch die reiche Zahl der Handzeichnungen, hier wieder ist Rembrandt vorzüglich vertreten, auch Dürer und van Dyck. Skizzenblätter von Lionardo und Raffael kommen hinzu und zahllose Entwürfe für große Gemälde aus den Händen der bedeutendsten Künstler. Ein Skizzcnbuch von Pisanello gehört zu den kostbarsten Schätzen der Sammlung Edmond de Rothschild. Eine Filmidee von Käthe Wienskowitz DSSTERN Die Gemeinde Unterzoßnitz ist durch den Zusammenbruch der Thorner Bank in größte Not geraten. Senta Hartmann, Redakteurin des „Freitag Abend" besucht dort ihren Onkel, dessen Hilfsbereitschaft überall bekannt ist. Er zeigt seiner Nichte ein geheimnisvolles Testament, das aus China Bruchstückweise in seine Hände kam. Erbe soll die Gemeinde Unterzoßnitz sein. Während er noch mit Senta über das Dokument spricht, kommt aufgeregt Nanette Schisftan ins Zimmer. (2. Fortsetzung) „Das Armenparadies" hatte Senta früher immer die winzige Behausung der gütigen Wohltäterin von Unterzoßnitz genannt. Kein Bettler ging unbeschenkt von Frau Schifstan fort, kein Hungernder konnte sagen, daß die alte Nanette nicht den letzten Bissen mit ihm geteilt hätte. „Die Obsttante" wurde sie von Kindern und Erwachsenen gerufen, weil sie seit undenklichen Zeiten die Gewohnheit hatte, alle Menschen, denen sie eine Freude machen wollte, mit selbstgedörrtem Obst, mit gedörrten Pflaumen und 'Apfelschnitten, zu beglücken. Diese Gabe pflegte sie mit. größter Prätention in einem weißen Leinenbeutelchen zu überreichen, das sie selbst genäht hatte, und auf dem, mit zittriger Hand geschrieben, die Worte standen: „koscher al Pessach";sie brachte es aber überall mit wo sie eingeladen war, ganz gleich, ob es zum Sederabend war oder in die Sukko beini Gemeindevorstand Mendel. Vierzig Jahre lang hatte Nanette Schifstan fremde Kinder mit der Liebe und Hingebung einer wahren Mutter betreut, gepflegt und großgezogen. Nun war auch ihr Guthaben, das ihr mit den kleinen Nebeneinnahrncn, die sie als Ausbesserin noch bezog, ein sorgenfreies Alter gewährleistet hätte, bei dem Bankkrach in Thorn verloren gegangen. Doch scheu und bescheiden, wie die alte Frau im Lause ihres langen Lebens mit seinen vielen Enttäuschungen geworden war, hatte sie noch keinem Menschen ihre Nut anvertraut. Wie hätte sie es auch tun können, da sich Kinder, das schönste Gottesgeschenk, das es in Nanette Schifstans Augen gab, - in Unterzvßnitz kaum noch sattessen konnten? Heute war nun, wie Nanette stockend hervorbrachte, die Frau des Almosenempfängers und Minjanmaunes Kämmerling von Zwillingen entbunden worden, und sie war durch die mangelhafte Ernährung und die Aufregung der letzten Zeit so geschwächt, daß der Arzt daran zweifelte, sie durchzubringen. Sonst hätte Nanette selber geholfen. Jetzt aber, da sie keine Mittel mehr hatte, war? sie in ihrer Sorge zu Henoch Hartmann gelaufen. „Aber reg' dich doch nicht so aus, Nanette," besänftige Senta, „Onkel Henoch wird schon Rat schaffen und helfen." „Wie sollte ich wohl die nächste Broche sprechen, wenn ich da versagen würde?" Wieder trat Henoch Hartmann vor den Sekretär, entnahm ihm einen Geldschein und ließ ihn in Nanettes runzlige Hand gleiten. „Für den Anfang," meinte er mit seinem gütig-weisen Lächeln, als die Alte, die sich unter der Einwirkung des Zuspruchs und des Weins allmählich einigermaßen beruhigt hatte, sich wieder aus den Weg machen wollte. „Sagen Sie dem Kämmerling, ich lasse ihn und seine Frau von Herzen beglückwünschen, und das Geld' sei die Anzahlung auf die Feld- und Gartenarbeit, die er mir im nächsten Monat unbedingt leisten müsse. Was Sie ihm nicht zu erzählen brauchen, Frau Schisftan: gleich morgen früh geh' ich zum Rabbiner und zu den Paar Leuten, die vom Unglück verschont geblieben sind und sammle für den Kämmerling. Geschenke nehme ich nicht an — aber Vorschuß für jede Tätigkeit, die man dem Mann bietet. Und sie wird ihm geboten werden, so wahr ich Henoch Hartmann heiße." Als die Alte gegangen war, beugte sich Senta mit kaum zurückgehalteneu Tränen dankbar über die Hand des Onkels, die schon so viel Gutes gespendet hatte. Dann sagte sie, sich zusammenraffend: „Hier muß mehr getan werden als nur die Sammlungen, die der „Freitag Abend" eingeleitet hat. Ich sehe einen Weg, Onkel Henoch, und wenn du mir wirklich das merkwürdige Testament mit nach Berlin geben willst, fahre ich noch mit dem Nachtzug zurück!" „Der Ewige gebe dir zu deinem Vorhaben seinen Segen, Kind!" sagte Hartmann und fuhr dem erregten Mädchen leise über das dichte, blauschwarze Haar. 5. Das Schicksal der Juden von Unterzoßnitz war nicht nur den Lesern des illustrierten Wochenblattes „Freitag Abend" zu Herzen gegangen, es hatte auch das Mitgefühl von Sentas Kollegen in starkem Maße erregt. Gewiß, es waren nach Sentas Schilderungen recht erhebliche Spenden beim Verlag des Blattes eingegangen. Dennoch mußte andere, durchgreifende Hilfe gefunden werden. Jede freie Stunde sann die junge, warmherzige Redakteurin über die Papierfetzen nach, in denen das ganze Heil für die armen Glaubensgenossen zu liegen schien. Sie aß und schlief kaum noch vor fiebernder Hilfsbereitschaft. Als eines Morgens die Sonne schon hell ins Zimmer schien und der übermüdeten Senta die Augen zuzufallen drohten, hatte sie es geschafft. Das Fragment des Testaments war von ihr, durch Einfügung angenommener Buchstaben, bedeutend erweitert worden. Jede Abspannung war geschwunden. Eine eiskalte Dusche, starker Kaffee und die Freude, die sie erfüllte, wirkten Wunder. Wenn nun noch Dr. Drechsler, Sentas Verleger, so wollte, wie sein jüngstes Redaktions- Mitglied es sich dachte . . . Was sie bisher stets vermieden hatte, tat sie heute. Ohne zuerst den Hauptschristleiter, den ewas schwerfälligen Melzer, zu fragen, ließ sie sich gleich nach ihrer Ankunft in dem Verlagsgebäude bei dem Chef melden. Auch Felix Drechsler war die kleine Tragödie von Unterzoßnitz nahe gegangen, er hatte das Seine dazu beigetragen, die Not zu lindern. Aber fo draufgängerisch wie Senta Hartmann war er denn doch nicht. Für die von ihr vorgefchlagene Expedition nach China hatte er nur geringe Meinung. Der große, schlanke Mann mit den ergrauenden Schläfen und dem schmalen, energischen Gesicht, der den angesehenen Buchverlag und den Verlag des „Freitag Abend" verantwortungsbewußt leitete, glaubte, sich in Experimente nicht einlasfen zu dürfen. „Nein, Fräulein Hartmann", entschied er bestimmter, als es sonst in seiner verbindlichen Art lag, nachdem sie ihm das noch immer fragmentarische Testament vorgelesen hatte, „das kann ich leider nicht riskieren, eine Expedition ins Ungewisse loszuschicken. Ich weiß", lenkte er ein, als er Senta Hartmanns Widerspruch bemerkte, „Sie denken sich die Reise gar nicht so groß aufgezogen. Aber auch eine Einzelperson würde beträchtliche Spesen benötigen. Und selbst, wenn ich, einen Erfolg vorausgesetzt, an die Herausgabe eines Buches denken würde, so kann ich ein solches Wagnis nicht verantworten. Das, was Sie mir da eben aus dem zerstückelten Testament vorgelesen haben, imponiert mir unbedingt nach einer Richtung hin.

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