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Central-Verein-Zeitung · 1936-05-07 · 19 (7.5.1936) · p. [Seite]

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
15 (1936) - farbig
Issue
19 (7.5.1936)
Date
1936-05-07
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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Sehen und Denken der Aufklärung treu und bewahrt etwas von der Vornehmheit der Schriftsteller des 18. Jahrhunderts, die, auch' wenn sie ihre Gedanken der Ocffentlichkeit übergaben, es doch verschmähten, aus dem Schreiben, ja selbst aus der Politik einen Beruf zu machen. Diefe Frische und Klarheit des Sehens bewahrt, auch wo Börnes eigene Meinungen lange vergangen sind, verschollene kleine Tagesereignisse so frisch und natürlich auf wie Infekten in durchsichtigem Bernstein; freilich tut der Glanz des Stils das seinige dazu, sie wie lebendig zu erhalten. Dieser scharfe Blick, der die Dinge geradezu ins Auge saßt und neben politischen Matzstäben nur moralische anerkennt, sieht auch im Kunstwerk nichts als „das Spiegelbild des Lebens" und beurteilt es wie das Leben selber: er nimmt es ernst. So sagt Börne z. B. über Tells Apfclfchuß: „Ein Vater kann alles wagen um das Leben seines Kindes, doch nicht dieses Leben selbst. Tell hätte nicht schießen dürfen, und wäre darüber aus der ganzen schweizerischen Freiheit nichts geworden." Er weiß, daß große Dichter eher konservativ als revolutionär sind: „Die wahren Dichter, wie alle großen Künstler, lieben das Gewordene, das Seiende, das Notwendige, das Unbewegliche, das dem Meißel stillhält; sie lieben daher den Zwang, als den Erhalter des Bestehenden. Darum hassen sie das Werdende, das Bewegliche, das Schwankende, das Strebende und das Widerstrebende, denn sie hassen den Kamps; darum hassen sie die Freiheit." Trotzdem warf er Goethe diese Haltung mit der ganzen Leidenschaft seines Temperaments vor: den Mangel an Teilnahme an nationalen Fragen, die kühle Objektivität der alternden Exzellenz, das Höfische, gegen das auch Beethoven sich wehrte, das Unmenschliche im Selbstgenügen des Kunstwerks, — den Geist, der lieber eine Ungerechtigkeit als eine Unordnung leiden wollte. Heute ist Goethe solchem Kampf der Zeit entrückt, ein Meer, aus dem jeder sich fischen darf, was er mag; damals lebte er noch und drückte mit seiner Größe aus seine Zeit. Man konnte sich von diesem Druck nur befreien durch blind verehrende Liebe oder durch bitteren Haß, und Börne, der „Juif de Francsort", hatte noch tiefere Gründe als Herder, den jungen Goethe gegen den alten auszuspiclen: es war der Geist eines Frankfurter Patriziersohnes, gegen den er sich wandte. Wie Herder verehrte er statt dessen Jean Paul, den Freiheitskämpfer, den Menschenfreundlichen, den Humoristen. Er hat ihn in einer berühmten Denkrede gefeiert und hat viel von diesem Vorbild gelernt, wenn er auch den Ueberschwang gehäufter Bilder zu vermeiden wußte: „Ich muß Jean Paul lesen nicht, um ihn nachzuahmen — im Gegenteil! Aber er ist mir, was ein guter General ist, er gibt mir Mut, mich so kühn auszudrücken, wie ich sonst kaum wagen würde." Seine Technik des Witzes, des Aphorismus, der Antithese ist vielfach irn bildkräftigen Stile Jean Pauls, nur wirklichkeitsnaher. dringlicher, angreifend statt feststellend. Einen Aphorismus wie „Schmerz ist der Vater und Liebe die Mutter der Weisheit" könnte auch Jean Paul geschrieben haben; Börnes eigener Ton ist das Epigramm: „Als Pythagoras seinen bekannten Lehrsatz entdeckte, brachte er den.Göttern Viertel dieses Jahrhunderts wird hier bis in kleinste und feinste Einzelheiten ersichtlich. All die verschollenen Zeitschriften, in denen Rilke jahrelang seine frühen Gedichte veröffentlichte, werden wieder lebendig, ebenso in vielen kritischen Tagesartikeln die Epoche, in der Rilke ums tägliche Brot zu kämpfen hatte, bis dann, mit der Uebernahme und Betreuung seines Gesamtwerks durch den Jnselverlag, die Auflagen seiner wichtigsten Bücher zu unwahrscheinlicher tgöhe anschwellen. Jeder, der Rilke liebt, muß dies Buch besitzen, um erst völlig zu erkennen, wie schwer und verantwortungsbewußt das Werk erwuchs, mit dem der Dichter diese Liebe gewann. — Ein zweiter Teil, das „Nachleben im ersten Jahrzehnt" behandelnd soll am zehnten Todestag des Dichters, Ende 1936, folgen. —us. Das zehnte Heft der in Wien im. Herbert- Reich n e r - Verlag erscheinenden Zeitschrift für Bücherliebhaber „P hi lo b i b l o n" ist dem Gedenken Rainer Maria Rilkes zu seinem 60. Geburtstage gewidmet. Für jeden Rilke-Verehrer bedeutet dieses Heft eine ganz besonders kostbare Gabe. Neben Beiträgen, die sich mit der Persönlichkeit und dem Werk des Dichters befassen — die Gedenkrede Robert Faesis beim Tode Rainer Maria Rilkes sei als vielleicht tiefgründigste, in ihrem Sprachklang dem Dichter adägnatesto Rilke- Studie, die je veröffentlicht wurde, hervorgehoben — enthält das Heft eine Fülle von faksimilierten Gedichten, Prosastücken und Briesteilen aus früher und später Zeit, Abdrucke aus längst vergriffenen Erstausgaben und viele schöne Bilder des „traumgekrönten" Dichters, darunter die reizvolle Zeichnung Emil Orliks aus dem Jahre 1927, die Rilke zwischen Max Reinhadt. Gerhart Hauptmann und Frau Hauptmann bei einer Bühnenprobe von Hauptmanns „Winterballade" im Deutschen Theater darstellt. Wenn wir in dem materialreichen, mit außergewöhnlichem Geschmack ausgestattcten Heft blättern und dabei, angerührt von den edlen Formen der Rilkeschen Schriftzüge, die ein eigentümliches Abbild der reinen, tief verklärten Züge seines Antlitzes sind, die Verse lesen, die er selbst einem andern widmet, dann wissen um, daß er sein eigenes Wesen in diesen acht Verszeilen eingefangen hat. Unser Unvermögen, in Worten die Persönlichkeit Rilkes so festzuhalten, wie sie in ihrer gültigen Form menschliche und geistige Realität war, wird uns bei diesen Versen doppelt bewußt. eine Hekatombe dar. Seitdem zittern die Ochsen, so oft etu neue Wahrheit an das Licht kommt." Der Nus des Schriftstellers verbreitete sich rasch. Schon 1819 schrieb Rahel Varnhagen: „Dr. Börne schreibt ein Journal: Die Wage. Mir empfahl es Geich als das Geistreichste, Witzigste, was jetzt geschrieben werde, er empfahl es mir mit enthusiastischem Lobe; seit Lessing, sagte er mir, seien solche Theaterkritiken nicht erschienen!... Gentz tadelte stark seine politischen Meinungen, fand aber begreiflich, daß er sie hätte." Metternich und Gentz wollten seither Börne nach Wien ziehen: er sollte, ohne jede Verpflichtung, Rang und Besoldung eines Kaiserlichen Rates erhalten. Auch Börnes Vater setzte sich, der kaiserlichen Gunst eingedenk und mit der politischen Opposition des Sohnes unzufrieden, für eine solche Art ehrenvoller Kapitulation ein: „Ich lese gern", meinte er, „was mein Sohn geschrieben; aber ich wünschte nicht, daß mein Sohn es geschrieben." Und als man ihm darauf etwas von Gesinnungstreue des Sohnes einwandte: „Aber wer verlangt das von meinem Sohn? Was braucht der in seiner Lage Gesinnungen? Wir Juden haben in der Welt eine ganz andere Stellung, als ein großes Wort zu führen. Wir werden doch wahrhaftig den Weltlauf nicht ändern! Er schadet uns nur; er bringt uns in unseren Interessen zurück; und ich schäme mich, wenn ich nach Wien komme und bei unseren langjährigen Verbindungen mit dem österreichischen Hofe einen solchen Sohn haben muß!" Es war ein kluger Mann, dieser Bankier Baruch; weltgeschichtlich klüger vielleicht als sein Sohn. Aber der zog es dennoch vor, seinem Dämon zu folgen, und ging den Wiener. Lockungen still aus dem Wege. Cotta sandte ihn als Korrespondenten seiner Zeitungen nach Paris, wo der junge Liberalismus in der ersten Blüte stand. Dort wurde Börne, von dem Druck der deutschen Zensur befreit, ganz zum politischen Schriftsteller. Die Julirevolution von 1830 elektrisierte ihn: nun schien sich die Hoffnung auf eine Einigung Deutschlands, auf eine gerechte Verfassung auch für Deutschland zu verwirklichen. Denn auch in Paris, wo er seit 1832 dauernd lebte, gestand er, daß ihm „eigentlich nur an Deutschland liege". Aber Metternichs System erwies sich als stärker denn der andringende Liberalismus. Wenn Börne auch in Paris aus seiner Verehrung Friedrichs des Großen, aus seiner Abneigung gegen Napoleon kein Hehl machte und deutschen Geist dem französischen offen vorzog, so wurden seine Mahnrufe nach Deutschland, seine Anklagen doch immer schärfer und bitterer — immer mehr häuften sich jene „Metaphern, deren bloßer Schatten schon zu zwanzig Jahren Festungsstrafe berechtigte". Die deutschen Liberalen rückten von solcher „Zügellosigkeit" ab; und mit der wieder aufflammenden Feindschaft gegen die Inden häuften sich die Angriffe gegen den Juden Börne. In den „Briefen ans Paris" (74. Br.) erwiderte er einem solchen Angreifer: „Daß ich ein Jude geboren, das hat mich nie erbittert gegen die Deutschen, das hat mich nie verblendet. Ich wäre ja nicht wert, das Licht der Sonne zu genießen, wenn ich die große Gnade, die mir Gott erzeigt, mich zugleich ein Deutscher und ein Jude werden zu. lassen, mit schnödem in denen das, was nns zu sagen verwehrt ist, als lauterer Klang eines Begnadeten feinen Ausdruck findet: Er war von jenen Großen, Tiefen — Einer Zum Weltprophetentume leidgeweiht Und über seinen Siegen lag ein feiner Versöhnter Glanz von müder Traurigkeit. Er haßte jene Herde halber Scheiner Die sich an großen Worten heiser schreit Er schuf sich frei. Und stolzer ging und reiner Kein Großer durch die Sehnsucht seiner Zeit. ». B-n. Napoleon — Börne Vor 115 Jahren, am 5. Mai 1821, starb auf St. Helena, in Krankheit und Leiden eingekerkert, Napoleon, der erste Kaiser der Franzosen. Fast zwei Jahrzehnte hat sein Erscheinen die abendländische und auch die östliche Welt den Atem anhalten lassen: Orient und Okzident horchten untrennbar verbunden ans seine Schritte. Von der Gewalt Napoleons wurden auch die Juden aller Welt mitgerlsseii. In Palästina griff der General zum ersten Male tätig in das jüdische Leben ein. Wohl hatte er aus seinen italienischen Feldzügen den Juden Italiens Rechte gegeben, aber hier — auf dem alten Boden des jüdischen Volkes — ergriff Napoleon im Vollgefühl seiner Macht das Wort, um alle Inden des Orients auszurusen. Von diesem Aufruf haben wir keinen genauen Bericht, nur einige Zeitungen sprechen von ihm; die Nachrichten drangen aber sogar bis Berlin, und die „Vossische Zeitung" schreibt am 14. Mai 1799: Buonaparte hat, wie es heißt, eine Proklamation in mehreren Afrikanischen und Asiatischen Gegenden erlassen, um das Reich in Jerusalem wieder herzustellen. Auch soll er eine beträchtliche Anzahl Inden bewaffnet, in Bataillons sormirt haben, lind jetzt Aleppo bedrohen. Eine derartige Kundgebung war höchst ungefährlich, die Versprechungen waren nicht bindend, denn keine Macht konnte ihre Einlösung fordern, — und doch waren die Inden für Kirschenbliitem Ein Zweig von Kirschenblüten haucht den jungen Frühling mir ins Zimmer. Wie in dem weissen Märchenschimmer nun alles Dunkle untertaucht! Ein Zweig von Kirschenblüten nur — der graue Tag ist ganz verändert und taumelt selig, leichtbebändert, in eines schönen Traumes Spur. Hilde Marx 0<><>0<C><>0<X>0<X><X><>00<><C><><XX>0><X><X><X^ Murren bezahlte — wegen eines Spottes, den ich immer verachtet, wegen Leiden, die ich längst verschmerzt. Nein, ich weiß das unverdiente Glück zu schützen, zugleich ein Deutscher und ein Jude zu sein, nach allen Tugenden der Deutschen streben zu können und doch keinen ihrer Fehler zu teilen. Ja, weil ich als Knecht geboren, darum liebe ich die Freiheit mehr als ihr. Ja, weil ich die Sklaverei gelernt, darum verstehe ich die Freiheit besser als ihr. Ja, weil ich keinem Vaterlande geboren, darum wünsche ich ein Vaterland heißer als ihr." Der Brief ist 1832 geschrieben, vor 104 Jahren, ein leidenschaftliches und nun der Geschichte angehörendes Dokument, das heute noch mancherlei Empfindungen wachruft, die späteren jüdischen Generationen wohl nicht mehr recht verständlich erscheinen werden. Sollen wir den leuchtenden Anfang dieses Weges schelten, weil sein Ende in echte Sackgasse geführt hat? Mancherlei traf zitsammen, Börnes letzte Pariser Jahre zu verdüstern. Er war kränklich, schwerhörig,' mißtrauisch geworden, „müde wie ein Jagdhund". Er nahm seine Zeitschrift „Die Wage" unter dem Titel „La Balance" wieder aus trnd brütete über deutschen Zeitungen. Er hatte für Frauen und Kinder die Taschen voll Schokolade; doch wenn ein Besuch ihn langweilte, legte er sich aufs Sofa und schlief ein. Und das Leben selbst enttäuschte und langweilte ihn immer mehr. In Deutschland blieb es.still. Und daß die Verwirklichung liberaler Forderungen in der französischen 'Julimonarchie im wesentlichen der Börse ztlgute kommen sollte, hatte er sich auch nicht gedacht; es gab kaum etwas, das er so haßte wie die konservativen Kräfte der Börse, — eher noch konnte er sich mit den deutschen Fürsten als mit den Rothschilds befreunden. Er wollte nicht Ideen verwirklichen, sondern Zustände ändern. Er sah, daß dem unterdrückten Bürgertum ein unterdrückter „vierter Stand" auf dem Fuße folge und nahm manches an Gedanken des späteren Sozialismus vorweg; doch wollte er dem Volke die Religion erhalten wissen und neigte eher dem demokratischen Katholizismus des Dichters und Priesters Lamennais zu. Noch immer hatte er in Atrftretcn, Bewegung, Gang „etwas Sicheres, Bestimmtes, Charaktervolles", in der Haltung den Ausdruck „gewisser ablehnender Vornehmtheit". Dabei sehnte er sich nach Menschen; aber er mußte sich begnügen, den Strom des Lebens an sich vorbeifluten ztr sehen, mit einer Schale Eis vor sich auf dem Tisch. Und er mußte kämpfen bis zuletzt, gegen Menzel, „den Franzosensresser" und Denunzianten des „Jungen Napoleon von Wichtigkeit. Darüber hinaus war es aber ein erhebendes Gefühl, sich als den Wiederhersteller des Reiches von Jerusalem anzusehen, eines Reiches, das 1700 Jahre früher von Titus zerstört wurde, im Mittelalter unter Gottfried v. Bouillon Und seinen Nachfolgern auflebte und dessen Königstitel der deutsche Kaiser jetzt noch führte. So wie Goethe wußte auch Heine Napoleon in den Aufbau der Welt einzuordnen. Andere jedoch sahen in ihm nur den Tyrannen und Unterdrücker. Zu ihnen gehört Ludwig Börne, dessen 150. Geburtstag auf den 6. Mai fällt. Ein auerkwürdiges Zusammentreffen ist es: Napoleons Todestag und Börnes Geburtstag so nahe beieinander. — Börne war Journalist, ein Tages» schreiber. Aus dem Ghetto Frankfurts, dessen enge Mauern jede Lebensregung hemmten, hatten ihn Napoleons Gesetze befreit, und der juif de Francfort (so stand es später in seinem Paß) geißelte nun alle Untaten, die er erblickte. „Wehe den: Sterblichen, der für alle Menschen und für alle Zeiten schreibt" — das Brieswort Wielands gilt für Börne. Er schrieb nicht für ein Jahrhundert, nicht für Jahrzehnte. Er schrieb für den Augenblick. Seine Leidenschaft und sein Kampf galten den Mißständen seiner Zeit. Napoleon gilt ihm nur als der Verderber, und Heines begeisterte Liebe konnte Börne nie verstehen. Einer der neuesten Biographen Napoleons, Berthold Vallentin, nennt die bürgerliche Welt „schlechthin des napoleonischen Wesens Widerwelt". Börnes Kamps gegen Napoleon entsprang dem gleichen Gefühl wie der gegen Goethe. Börne, der aufrechte, um jeden Anstoß unbekümmerte Mann, dem Judentum so wie jede andere unterdrückte Sache in dem allgemeinen Kampf für Gerechtigkeit ausgegangen war, erstrebte den geordneten freiheitlichen Menschen. Napoleon aber war — wie Nietzsche sagt — eine „Synthese von Unmensch und Uebermensch". Den Unmenschen mußte Börne ablehnen, — so lehnte er auch den Uebermenschm ab. Börne fand für sich den Weg aus dem Ghetto in das Leben des politischen Kampfes. Er ver¬ Deutschland", gegen Heine, der ein Dichter, aber eine politische Wetterfahne war. Er ließ sich von der Freundin umsorgen tutd war wohl nicht zu böse über die Grippe und die Schwindsucht, die Anfang 1837 sein Leben zu Ende brachten. „Er tvar ein Mensch, ein Bürger der Erde, er war ein guter Schriftsteller und ein großer Patriot." So urteilte Heine in dem Buch, worin er Börne noch nach dessen Tode angriss. Wir werden das Urteil über den Patrioten still auf sich beruhen lassen, doch die schmückende Reihe der Beiworte durch ein anderes ergänzen: Börne war ein C h a r a k *. t e r. Er hatte nichts von dem unstet Schweisenden, das so oft jüdische Menschen annehmen, wenn sie den nährenden Boden der eigenen Art verlassen; das Bild der „Wage", der „Balance", ist neben dem Symbol des kritischen Richters auch ein Ausdruck seines innere:: Gleichgewichts. Er war kein Fanatiker, wie Adepten einer neuen Liebe es oft sind; Meinungen verwarf er mit Entschiedenheit, Menschen ließ er gelten. Er war kein heroischer Mensch, sondern ein Anbeter der täglichen Gerechtigkeit, ein Enthusiast des kleinen Glücks; doch er ist zum Kämpfer geworden für ein Glück, das nicht sein eigenes war, und mit der Kraft und Wärme der Leidenschaft. Auch wo er in der Menge stand, stand er allein. Sein Weg war nicht der seiner jüdischen Zeitgenossen, ist noch weniger der unsere. Es ist ein Glück, daß seine Stimme nicht vermochte, die Juden seiner Zeit aus ihrer Bahn zil locken; aber den Weg. den er ging, ging er treu, und er hat weder ihm noch hem menschlichen Geist noch dem' Judentum Unehre gemacht. Anderthalb Jahrhunderte liegen zwischen seinem Geburtstag und diesem Tag: anderthalb Jahrhunderte. Kasimir Fdschrnid: Italien — Lorbeer, Leid und Ruhm. Societäts-Verlag, Frankfurt a. M. 355 Textseiten und 24 Bildseiten. Schlägt man das Inhaltsverzeichnis des Jtalienbuches von Kasimir Edschmid auf, so bemerkt man die Namen einer Anzahl von Städten uni) Landschaften Ober- und Mittelitäliens von Bergamo bis Orvietv, vom Chioggia bis Lncca, und man ist erstaunt, daß ein Buch mit einem solchen offenbar recht eingeschränkten Inhalt ein Jtalienbuch im vollgültigen Sinn dieser großen Literatur genannt werden könne. Mehr oder minder zufällige Reisefrüchte scheinen zu einem losen Bündel von Betrachtungen zusammen^ geknüpft. Aber es scheint nur so. Die Orte und Gegenden, an welche die anmutvolle Darstellung Edschmids anknüpft, sind durch ähnliche Geschicke miteinander verbunden, jeder von ihnen ist ausgezeichnet durch die Taten und Schöpfungen von Fürsten, Künstlern, Literaten, deren kleiner Wirkungskreis längst zmn Weltruhm ansgeweitet ist, alle weisen sie über sich hinaus auf die geistige und politische Gesamtgeschichte Italiens. Dichter wie Tasso, Petrarca, Dante, Byron, Künstler wie Raffael, Signvrelli, Perngino, Vasari, nordische Könige und byzantinische Feldherren, deutsche Kaiser und venezianische Dogen, strahlende Höfe wie die von Ferrara, Urbino, Rimini, Volksszenen und geistliche Schauspiele von einprägsamer Plastizität werden in der bewegten Schilderung von Kapital zu Kapital lebendig. Dies alles hat etwas vorbildhaft Wirkliches und erscheint zugleich wie ein fernes Märchen. Das Bild Italiens ersteht groß und neu in diesem Buch und so beglückend wie jemals. Ca. zehrte sich in seinem Kampfe und starb früh. Seine Wirkung war groß und erfüllte seine Welt. lieber seinem 150. Geburtstag aber schwebt der Schatten von Napoleons Todestag. Fritz Aronstein Die Sagen der Juden, gesammelt von Micha Josef bin Gorion. Neue Ausgabe. Schocken-Verlag, Berlin. Der Schocken-Verlag hat sich das große Verdienst erworben, diese etwas schwerfällige, bisher fünfbändige Anthologie in ein — allerdings fast 800 Seiten starkes — Buch zusammengedrängt zu haben. Die Bearbeiter Rahel und Emanuel bin Gorion (Rahel bin Gorion zeichnet für die Uebertragung verantwortlich) haben dabei in bewußtem Gegensatz zu den Absichten des Autors größeres Gewicht auf den legendären Gehalt als aus wissenschaftliche Systematik gelegt. Die vom Standpunkt des Forschers aus betrachtet interessante Häufung paralleler Mythen und die chronologische Anordnung ist der Leidenschaft der spannenden Erzählung zum Opfer gefallen. Die Halacha ist gewissermaßen der Haggada gewichen. Das Ergebnis ist ein wunderschönes echtes jüdisches Märchenbuch, das von der Schöpfung bis zum Schreiber Esra reicht und die gedankenreichsten Midraschim über Gott und Welt an die Einfälle einer leichteren Phantasie reiht, so wie seit Jahrtausenden das jüdische Herz fabuliert. Eine wertvolle Gabe an die jüdische Jugend innerhalb und außerhalb der Bünde! II. K. In der Petöfi-Gesellschaft in Budapest findet am 10. Mai eine Gedächtnisfeier zum 80. Todestage Heinrich Heines statt, bei der Heinrich Horwarth über die ungarischen Uebersetzungen Heinescher Dichtungen sprechen wird. Im Festsaal des Italienischen Kulturinstitnts in W i e n sprach am 30. April Professor Giuseppe Gabatti (Rom) über „H o f m a n n s t h a l und der italienische Geist" vor geladenen Gästen. Das Schauspiel „Hoffnung" von Henry Bernst e i n erzielte (unter dem englischen Titel „Prgmise") am Shastesburh,Theater in London einen außerordentlichen Erfolg.

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