Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 15 (1936) - farbig
- Issue
- 19 (7.5.1936)
- Date
- 1936-05-07
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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Die Behandlung der Judenfrage durch Napoleon Bemerkungen zu Hans Eberhard Friedrichs Buch: Napoleon I., Idee und Staat. I. Das Schicksal der Juden und ihr Verhalten in der Zeit der französischen Revolution und des Napoleonischen Kaiserreichs sind weit über die Einzelheiten des historischen Ablaufs hinaus beispielhaft für ein tieferes Verständnis der Kernfragen, die uns heute bewegen. Es ist schade, daß bei der überraschenden Fülle des urkundlichen und literarischen Materials für diese französischjüdische Epoche von 1789 bis 1815 die mit der Rechtsstellung der Juden zusammenhängenden Dokumente und Aeußerungen aller Art in den bekannten geschichtswissenschastlichen Darstellungen (im VIII. Band von Dubnows Weltgeschichte des jüdischen Volkes ist auch die neuere Bibliographie über die Zeit enthalten) in überwiegender Weise so behandelt werden, daß weder der damalige innere Zustand der Judenheit von Bordeaux bis Straßburg noch das eigentliche Problem des Zufammenpralls der neuen Ideen des westlichen Europas mit dem so grundverschieden gearteten „judentümlichen Geist" gehörig zur Geltung kommt. Die Enttäuschung, die Napoleon den französischen Juden bereitete, und das „Große Synhedrion" zu Paris haben die Mit- und Nachwelt am meisten beschäftigt. Wir lesen heute Stefan' Zweigs „Foucho" oder S i e b u r g s „Robespierre", erinnern uns vielleicht noch Büchners „Danton"; aber damit ist erst das Zeitkolorit, vielleicht noch das Moralfystem der Hauptakteure, grundiert. In dieser Welt des Aus- und Abstiegs der klassischen. Revolutionäre, der Napoleonischen Schlachtfelder und großen Reden nimmt sich die verhältnismäßig noch sehr abgeschlossene jüdische Existenz — eine Welt von Menschen für sich, die doch fast ausnahmslos fasziniert sind von den großartigen herumschwirrenden Ideen der Unüvelt — sonderbar genug aus. Wer eine Vorliebe für historische Gemälde hat, die oft die Anstrengung des Nachdenkens entbehrlich machen, blickt auf das dekorative Bild des „Großen Sanhedrins" der „Rabbins juifs“ zu Paris in schwarzen Mänteln und Hüten, das Präsidium in Samt- und Seidentalaren mit pelzverbrümten Mützen; er wird auch mit Genugtuung den zeitgenössischen Bericht eines unbefangenen kaiserlichen Kommissars, der an der Versammlung tcilgenommen hat, hören: „Wir befanden uns unter die Menge weit überragenden Männern, unter Männern mit hochentwickeltem Intellekt, denen auch das allmenschliche Wissen keineswegs fremd geblieben war. Es war nicht möglich, der jüdischen Nation, die bis dahin nur durch ihre Hefe auffiel und die nun durch den Mund ihrer erlesenen Vertreter eine höchst beachtenswerte Sprache zu führen begann, das Recht auf weitere Existenz zu versagen." Als bei der Verlesung der einzelnen Punkte die Abgeordneten die Frage vernahmen, ob die französischen Juden sich verpflichtet fühlten, ihr Heimatland zu verteidigen, sprangen sie von ihren Plätzen auf und riefen einstimmig: „Jawohl, bis in den Tod". Die gegenseitigen Ansprachen der Regierungsbank und der jüdischen Notabeln sind Musterbeispiele für reine Dekorationsreden, die die wahren Hintergründe und die natürliche Gegensätzlichkeit der Gesinnungen verhüllten. In Wirklichkeit waren die inneren sozialen und nwralischen Zustände bei den französischen „Ostjuden" des Elsaß und der anderen Ostprovinzen zerrüttet, während die sephardischen Juden des Westens mehr und mehr entjudete Voltaireianer wurden. Die Regierung, Napoleon selbst, das Volk sahen nur die jüdischen Kriegsgewinnler, Hhpothekengläubiger und Wucherer. So kam es trotz der bürgerlichen Gleichberechtigung durch die Verfassung von 1791 und trotz der „jüdischen Parlamente" zu dem kaiserlichen Dekret von 1808, das den Juden einschneidende wirtschaftliche Schädigungen zufügte und die „wohlerworbenen Rechte" wieder einmal zunichte machte. Der Kaiser selbst sah die Juden als.„eine Nation in der Nation", die er zu Mischehen und zur Ausgabe ihrer Eigenart zwingen wollte. Unverhüllt hat er später aus St. Helena seinem Arzt gegenüber seine absolute Unkenntnis der innerjüdischen Seite, des Judentums überhaupt, unfreiwillig dokumentiert. Seine phantastische Schlußfolgerung war die: „Da ihre Rabbiner ihnen klar machten, daß sie niemals gegen ihre eigene Sippe Wucher treiben dürften, aber dies gegen die Christen und die anderen tun könnten, verlangte ich dafür, daß ich ihre Rechte wieder einräumte, von ihnen, daß sie mich als das Oberhaupt ihres Volkes, wie Salomo oder Herodes, betrachteten, und meine Untertanen wie Brüder von ihrem Stamme." So sah für Napoleon die Judensrage aus. II. Der junge Historiker H. E. Friedrich, dessen Aufsätze aus der „Frankfurter Zeitung" bekanntgeworden sind, interessiert sich für die aktuelle geistig-politische Gestalt des Erben und Vollenders der französischen Revolution. Er widmet deshalb auch der Behandlung der Judenfrage durch Napoleon ein ausführliches Kapitel in seinem neuen Napoleon-Buch, dein er den Untertitel: „Idee und Staat" (Verlag G. Grote, Berlin 1936) gibt. Er lehnt billige Parallelen für heute ab; diese Parallelen seien nur formal-juristischer, vielleicht auch anekdotischer Art. Napoleon dachte persönlich scharf und ablehnend über die Inden, vertrat zugleich aber die — ideologisch von der französischen Revolution her gebundene — Auffassung, daß man die Juden den Franzosen angleichen und in die französische Nation hineinwachsen lassen müsse. Friedrich betont mit Entschiedenheit, daß die Weltanschauung der französischen Revolution nur sehr bedingt in nähere Beziehung zum deutschen Jndividual-Liberalismus gesetzt werden könne. Im Gegensatz zu anderen europäischen Nationen war es von altersher ein Grundsatz der französischen Politik, daß für die Staatsbürgerschaft die „volonte d’etre frangais“, der Wunsch, Franzose zu sein, den Ausschlag gebe. „Diese überlieferte Auffassung erhärtete sich in der französischen Revolution, die das Staatsbürgerrecht vom Individuum, seiner Natur und seinem natürlichen Recht her sah und von dem bejahenden Votmn zum Staat, zur Nation, abhängig machte. Aus diesem Boden stand auch Napoleon. Für-ihn als konservativen Vertreter der revolutionären Ent- Lebendiges Gemeinhin machen wir uns zunächst aus Büchern ein Bild vom anderen Volk, das sich in einer kurzen Formulierung zusammendrängen läßt. Kommen wir ins Land, so verwirrt uns die Vielfalt der Eindrücke, die aus keine mitgebrachte Formel zu passen scheinen. .Erst wenn wir lange alle Lebensäußerungen des Alltags behorcht haben und auch die kulturellen Zeugnisse der Vergangenheit auf uns einzuwirken beginnen, vereinfacht sich das Bild. Am Schluß steht tvieder eine Formel, die nun auf Anschauung beruht und — im Jdealsall — die Grundkraft des angeschauten Volkes umschließt. So erging es Distelbarth („Lebendiges Frankreich", Verlag Rowohlt, Berlin 1936). Wir lassen Friedrich Sieburgs sachlich sicher berechtigte Einwünde gegen die Originalität von manchen Distelbarthschen Formulierungen beiseite und bekennen, daß der Weg, den Distelbarth uns bis zu seinen Erkenntnissen führt, uns aufs höchste gefesselt hat. Am Schluß seiner Umschau in Frankreich steht als Kernkrast vor unseren Augen ein bäuerliches Ideal: „daß jeder seinen Acker in Frieden bebaue, geschützt vor Raub und Willkür . . ." Ueberraschende und doch nicht minder einleuchtende Ausblicke ergeben sich von hier, etwa wenn Distelbarth seststellt, wie alte Bauernvölker sich in unseren Tagen selbständig gemacht und die früheren Herren verjagt haben, und wie gerade Frankreich der politische Anwalt dieser Tschechen, Slowaken, Südslawen, Litauer, Letten usw. sei. (Die Polen fehlen, mit Recht, in dieser Aufzählung; Distelbarth dürfte sie dem von ihm gezeichneten Gegenbild des Bauern, dem des Kriegers, beigeordnet haben.) Aus der geprägten Form des Kulturwillens früherer Generationen in Frankreich entnimmt er ein weiteres Sinnbild zur Deutung der Gegenwart: das Gleichgewicht der Massen. So wie die Bewältigung des architektonischen Gleichgewichts höchstes Bauziel der mittelalterlichen Meister war' und nirgends so dringlich darum gerungen lvurde wie in Frankreich (wofür die Bildbeigaben hinreißende Beispiele bringen), so mag die Kunst des Regierens in Frankreich darin bestehen, die vielerlei Kräfte der Parteien dergestalt einzusetzen, daß ein Gleichgewicht entsteht, und zwar nicht das Gleichgewicht zweier Wagschalen, sondern das romanischer Kirchenbauten, in denen die Massen sich gegenseitig stützen und halten. Es kann nicht unsere Aufgabe sein, zu den Erkenntnissen Stellung zu nehmen, die Distelbarth auf die deutsch-französischen Beziehungen angewandt heimbringt. Versuchen wir vielmehr, uns Rechenschaft zu geben, was uns persönlich an dem Bild anspricht, das Distelbarth von Frankreich entwirft. Er erwähnt selbst, daß seine Wegbegleiter ihn zu „Christen, Juden und Freidenkern" geführt habeill lieber die aktive und passive Rolle von Juden in der französischen Politik fällt manches kluge Wort, ohne daß die — wie Mandel, Jacques K a h s e r, Leon Blum den verschiedensten Parteien angehörigen — Abgeordneten ausdrücklich als solche vorgestellt werden. Distelbarth rühmt die glänzende. Beredsamkeit des Radikalsozialisten Kayser, übrigens eines Neffen des Hauptmanns Dreysus. Er erörtert den Regelfall, daß Männer der Hauptstadt sich zu Bürgermeistern ihrer Heimatgemeinde wählen lassen und' die häufigen Reisen dorthin nicht scheuen, weil sie so stets die Fühlung mit dem Volke behalten. Neben Flandin nennt er in diesem Zusammenhang Mandel als Bürgermeister eines Städtchens bei Bordeaux. Fehlt die innere ursprüngliche Beziehung zum Volk, so mag ein Berufspolitiker noch so hohe Gaben des Verstandes oder der Bildung mitbringen, er wird nie das Vertrauen der Massen haben, der Feuerkreuzler Oberst de la Rocque so wenig wie der Sozialist Leon Blum. Daß auch als Gruppen in der Gesellschaft die „Konfessionen" gewisse Uebereinstimmungen aufweisen, zeigt Distelbarth an der Erblichkeit des Amtes eines Regenten der Bank von Frankreich in calvinistischen Bankiersfamilien. Er gibt an, daß im Regentschaftsrat der Bank von sechs Plätzen überhaupt fünf von den Protestanten, einer von einem Mitglied der Familie Rothschild besetzt sind. — Vom Stavisky-Skandal, sagt er, sei die Menge des Volkes in keiner Weise berührt worden, so sehr auch zeitweise Parteien der Rechten versucht hätten, die Straße rebellisch zu machen. Die Affäre Drehfus behandelt Distelbarth wiederholt. Er lehnt es ab, in ihr etwa einen „Angriff des jüdischen Händlergeistes auf den heldischen Geist" sehen zu wollen. Vielmehr erblickt er in diesem Vorgang den Kampf um die Rettung der Idee der Gerechtigkeit gegenüber dem vermeintlichen Bedürfnisse der Staatsräson. Daß die Franzosen auch in ihrer breiten Masse fähig seien, dergleichen abstrakte Begriffe klar zu erfassen, stellt Distelbarth mit einer gewissen Wicklung entschied sich das Staatsbürgerrecht am ius soli, nicht wie in unserer Zeit, am ins sanguinis." Wie sich die Tinge in: harten Raum der Tatsachen jenseits der „Ideologien" und vorgefaßten Programmpunkte entwickeln, zeigt die französische Judenfrage 1789 bis 1815. In der Verfassung von 1799 wurde der Jude nach der revolutionären. Tradition dem Franzosen juristisch gleichgestellt. Auch der Code civil schuf für niemand ein Ausnahmerecht. Wieso kam es dann doch zu dein kaiserlichen Dekret von 1808, das für die Juden wieder ein Sonderrecht schuf? Es ist die Spannung zwischen Idee (System, Programm) und der Möglichkeit, der Idee praktisches Leben zu geben so, daß die Idee auch bewahrt bleibt und unverfärbt bei ihrer praktischen Probehaltigkeit zu bestehen. Das lehrt uns die Behandlung der Judenfrage durch Napoleon. Diese Behandlung war voll von Widersprüchen, weil ihr weder Kenntnis noch Verständnis der innerjüdischen Existenz zugrunde lag. Ludwig Feuchtwanger. Frankreich Ueberraschung fest. Sie denken unaufhörlich über die großen Fragen des Lebens nach, die des Friedens vor allem. Die 'Sehnsucht nach Frieden, der Ausdruck bäuerlicher Seßhaftigkeit, sei tief, ein wahrhaft religiöses Verlangen nach göttlichem Frieden. Der Begriff „egalite“ habe gleichermaßen in der Gleichheit der Menschen vor Gott seinen Ursprung. Der Gedanke der sozialen Gerechtigkeit, auch er christlicher Herkunft, . doch jetzt verweltlicht, erfülle neben den Idealen der Freiheit und des Friedens in Frankreich durchaus die Ausgaben einer Religion. In der luftigen Welt dieser sittlichen Begriffe eine Art Geistesverwandtschaft feststellen zu wollen, mag gar zu unverbindlich oder hergeholt erscheinen. Und doch weist die klassische Literatur des Judentums die gleiche innere Beziehung zwischen bäuerlicher Seßhaftigkeit und Friedensbedürfnis auf, wofür als Beispiel der 128. Psalm nachgelesen werden möge. Nicht anders ist Emile Zvlas Pathos in der Behandlung der Affäre Dreysus, der Ausbau einer sozialen Wertordnung über dem Anlaß eines Einzelfalles, am besten zu verstehen, wenn man es an der Begriffsbildung der Propheten des Alten Bundes, an ihrem Verhältnis zu ihrem Volk mißt. Ein einzelner, eine Gruppe, die hoher Gedanken fähig sind, können nie ganz in selbstische Niedrigkeit absinken. So kommt es stets auf die Blickrichtung an, aus der man ihr entgegentritt. Distelbarth verfällt nicht der Versuchung, die Person Frankreich einseitig zu idealisieren. Neben der Prometheus-Seele, die in ihr brennt, sieht er zugleich die Wesenheit des Harpagon, des Geizhalses von Molieres Gnaden. Wir lernen in dieser Begegnung mit Franzosen viele Zeugnisse echten Menschentums kennen und wenden uns erfrischt von der Reinheit des Gesinnungsquells, der aus dem Buche sprudelt, wieder unseren Aufgaben zu, in denen auch wir ohne Glauben verloren wären. Dr. Hanns Reissner. Soldat — Marschall — König Friedrich Wencker-Wildberg: Bernadette. (Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg und Leipzig; mit zehn Bildtafeln.) Den Lebensroman eines Glückskindes nennt der Verfasser sein Buch. Doppelt berechtigt, denn romanhaft hat sich das Schicksal dieses kleinen Beamtensohnes aus Südsrankreich gestaltet, und ein Glückskind ist er zweifellos gewesen, denn für seinen Aufstieg hat Jean Baptiste nicht allzu viel mitgebracht. Guter Durchschnitt, nicht mehr. Das Format seines großen Gegenspielers Napoleon besaß er nicht. Er füllte seine Posten rechtschaffen aus, aber der geniale Funken fehlte ihm völlig. Unter den Marschällen ragte er bestimmt nicht hervor. Wenn er trotzdem nicht nur höher als sie alle emporstieg, sondern auch als einziger ein Lebenswerk schuf, das Bestand hatte, so verdankte er es in erster Linie dem Glück. Die Revolution trug ihn empor, aber er wäre vielleicht schon in ihrem Strudel wieder untergetaucht oder spätestens in einer der vielen Verschwörungen, an denen er sich, ehrgeizig und zu Intrigen geneigt, nur allzu gern beteiligte, als Opfer gefallen, wenn er nicht durch verwandtschaftliche' Bande dem Hause Bonaparte eng verknüpft gewesen wäre. Ein Stück Weltgeschichte enthüllt sich hier, aber anders als es jene Wissenschaft will, die im Geschehen eine Gesetzmäßigkeit sucht. Das Romanhafte überwuchert. Als Feldwebel wird er in Marseille in dem Hause eines wohlhabenden Kaufmanns Clary einquartiert, aber abgelehnt. Clary betrachtet es geradezu als eine Beleidigung und setzt seinen Willen durch. Er bekommt' einen Offizier als Gast. Ahnt freilich nicht, daß dieser Feldwebel später einmal — er selbst ist dann schon tot — sein Schwiegersohn wird. Bernadotte ist eng befreundet mit Joseph, dem unbedeutendsten Bruder des künftigen Kaisers, und kommt wieder in das Haus der Clary. Die ältere Julie hat inzwischen Joseph geheiratet, die jüngere ist mit Napoleon verlobt. Als Desiree den Abschied erhält, weil sich Napoleon in den Banden Josephines verstrickt hat und an ihrer Seite leichter seinen Weg zu machen glaubt, nimmt sie aus Trotz Bernadotte. Gefühle bringt sie ihm kaum entgegen, aber sie weiß um die geheime Feindschaft der beiden. Für den Marschall ist diese Ehe oft genug Rettung. Der Kaiser kann die einstige Geliebte nicht vergessen. Das nutzen Joseph sind sie jedesmal aus, ivenn Bernadotte durch seine Machenschaften, etwa mit Fouche oder Pichegru, auf das äußerste gefährdet ist. Auch die Wahl zum schwedischen Kronprinzen verdankt Jean Baptiste dieser Verwandtschaft. In Stockholm wünscht man aus politischen Gründen eine Napoleon nahestehende Persönlichkeit. Die Familienmitglieder lehnen ab. Wieder ein Zufall. Der schwedische Unterhändler, kennt Bernadotte aus dem Feldzuge an der Ostsee, wo er sich wie immer sehr menschlich betragen hat. Napoleon erteilt die Zustimmung, um seinen Gegenspieler auf gute Nrk zu entfernen. Was er sehr bald bereut. Bernadotte treibt sofort schwedische, also franzvsenseindliche Politik. Engste Anlehnung an Rußland und England. Dieser Abschnitt des Buches ist leider etwas kurz gehalten, ebenso wird Bernadottes Führung im Freiheitskrieg nur ,recht knapp behandelt, obwohl gerade diese Tätigkeit seine weltgeschichtliche Stellung begründet. , Dem äußeren Glanz entspricht übrigens das innere Glück diirchaus nicht. Seine Regierung ist dauernd von Gefahren und Schwierigkeiten begleitet, seine Ehe nur eine Formsache, denn Desiree zieht den Aufenthalt in Paris vor und erscheint in Stockholm zwölf Jahre hindurch überhaupt nicht. Insofern wird man den Ausdruck „Glückskind abschwächen müssen. Aber die Dynastie Bernadotte hat alle Stürme überdauert. Sie blüht noch heute in Schweden unangefochten und hat ihre verwandtschaftlichen Beziehungen zu fast allen benachbarten Thronen. Ein österreichischer Erzähler Alexander Lemet-Holenia: Die Auferstehung des Maltravers. Roman. Herbert Reichner Verlag, Wien. Von allen Erzählern, die heut in deutscher Sprache schreiben, hat der Oesterreicher Lernet- Holenia den elegantesten, den blitzendsten, den blendendsten Stil. Diese ungewöhnliche Fähigkeit, blendend zu schreiben, verleitet ihn freilich manchmal dazu, nur ein Blender zu sein. Aber noch solcher Bluff ist künstlerisch und amüsant, zumal sich der Erzähler dann selbst über den Leser amüsiert, den er auf diese Weise amüsieren will. Und stets wird hinter den ebenso spannend wie geistreich erzählten Geschichten, selbst hinter dem Bluff, eine tiefere Bedeutung sichtbar. Meist sind es Abenteurer, die Lernet-Holenia schildert, oft adlige Abenteurer; ihre Art zu leben, kommt seinem Stil entgegen. In seiner neuesten Erzählung kehrt ein solcher Abenteurer, ein gealteter aristokratischer Hochstapler, aus dem Zuchthaus, in dem er ivegen Falschspiels saß, ins Schloß seiner Väter, seines Bruders heim, um dort zu sterben. Aber der Tod wird zu neuem Dasein: Gras Maltravers war nur scheintot, er entrinnt der Grabkapelle und zieht wieder in die Welt, um besser zu leben und besser zu sterben; denn sein erster Tod war schmählich, von Angst erniedrigt und unwürdig seiner im Grunde und im Gestus aristokratischen Natur. Der Graf bleibt auch in seinem zweiten Leben Hochstapler, aber er wird Moralist. Seine Coups, wenn er sich bemüht, nicht nur korrekt, sondern auch fair zu operieren, mißlingen, weil er sie aus innerer Anständigkeit selber abbricht — besonders der Coup mit einem hübschen Jungen, verkrachter Boxer, dessen er sich zum Verführen und Erpressen reicher Frauen bedienen will. Der Bursche bleibt ein Naturbursche, der, durch Maltravers zum Herrn erzogen, von der ihm aufgedrungenen Rolle nichts ahnt und nicht von der Liebe eleganter Frauen angerührt wird, sondern von der einfachen Liebe zu einem einfachen Mädchen. Der Graf gibt sein Spiel verloren und damit zugleich die abenteuerliche internationale Welt, in der er lebte, denn er sieht ein, daß diese Welt, die von großen Namen, sintenhaften Gebärden und falschen Gefühlen regiert wurde, untergangsreis ist und eine neue Welt mit' klarer, im Selbstverständlichen lebender Jugend heraufzieht, deren Menschen sich nicht mehr bluffen lassen. Er schlägt sein Leben für den Jungen in die Schanze und stirbt zum zweiten Male in der adligen Haltung, die ihm gemäß scheint. So ist dies Buch, das gleicherweise von abenteuerlichen Existenzen wie von geistvollen Paradoxen glänzt, ein in mehrfacher Hinsicht moralisches Buch. Eine ausgezeichnete Unterhaltung, voll Lebensweisheit, Weltwissen und Menschenkenntnis, aufregend und tiefsinnig, witzig und ernst, verschwenderisch an Einfällen und mit großer Knnst geschrieben, besonders dann, wenn der bisher aktive Hochstapler in melancholische Passivität versinkt. Aus dem Roman Lernet-Holenias ließe sich ein ganzes Bändchen von Aphorismen ausziehen, die, gerade weil sie so paradox klingen, zum Denken reizen, was Klügerwerden bedeutet. Und zu dem gleichen dankenswerten Ziel führt noch das Unausgesprochene, das zwischen den Abenteuern und Redereien der Erzählung deutlich spricht. Kurt Pinthus. Alexander Lernet-Holenia ist auch ein Meister der historischen Anekdote: in der Novelle „Der Herr von Paris" (Herbert Reichner Verlag, Wien, Leipzig, Zürich, 1936) erzählt er einen geschichtlichen Vorgang, eigentlich „referiert" er, die Sätze sind knapp und sachlich, die Worte schmucklos und kühl, er gibt weder Deutung noch lyrische Umkränzung, allein durch das nackte Abrollen von Vorgängen, durch eine Art objektiver Strenge des Berichts erreicht er, über das rein Anekdotische hinaus ein Bild von der Zeit zu geben, in der die Erzählung sich zuträgt, von den Menschen, von den Sitten, von dem Stil dieser Zeit. „Der Herr von Paris" — das ist der Henker, der die Menschen in der „Großen Revolution" von 1789 aufs Schafott steigen ließ, das ist der Tod, der alle bedrohte, am meisten die, die wie Robespierre oder Saint-Just eben noch wähnten, selber Herr über Tod und Leben zu sein. Die Geschichte, die Lerner-Holeuia berichtet, ist die „eines in Wahrheit hübschen, in seinem Wesen und in seiner ganzen Art jedoch ungemein zurückhaltenden und bescheidenen jungen Mädchen von etwa zwanzig oder zweiundzwanzig Jahren", das aus einer kunstvoll geschilderten Verstrickung seltsamer Umstände der Hinrichtung entgeht, zu der es verurteilt wurde. Hofleute und Richter, Gelehrte und Akademiker, Offiziere und Revolutionäre ziehen wie blasse Schatten an uns vorbei, manche sind nur Statisten, manche Hauptakteure der 89er Revolution, — in ihrem Mittelpunkt aber steht düster und drohend die Gestalt des Herrn von Paris, des Henkers, des Todes. H. B-n.