Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 15 (1936) - farbig
- Issue
- 17 (23.4.1936)
- Date
- 1936-04-23
- Page
- [Seite] (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Mutter und Kind, Gemälde von Julie Wolfthorn Fot. Herbert Sonnenfeld Die Sitztante In Amerika kennt man sie längst. Sie ist ge- Kwhnlich weißhaarig, hat ein stilles, liebes Gesicht und bewohnt ein ganz kleines Zimmer in einem bürgerlichen Apartmenthans. Tagsüber hat sie irgendeinen Beruf — treibt, was sie will. Aber - am Abend — da sitzt sie. Es gibt 60 junge Ehepaare in ihrem Apart-' menthaus. Und die meisten haben ein Kind. Was macht man, wenn man am Abend ausgehen will, und niemanden hat, der bei dem Kinde bleibt? Man bittet die Sitztante. „Kommen Sie doch", sagt man, „Mittwoch abend, da wollen wir ins Kino gehen." Und dann kommt sie und sitzt. Stunden um Stunden und ohne, daß man nun tim Baby in Sorge zu sein braucht. Die jungen Leute wissen, daß man sich auf sie verlassen kann. Und weil sie eine gelernte, vertrauenswürdige ' Sitzerin ist, die sich und dem Kinde zu helfen weiß, bekommt sie 35 Cents die Stunde. Kein allzu, großer Betrag, aber — es summiert sich. Reihum ' ersitzt sie sich ihr Geld. Und ernährt sich damit. Die jungen Mütter schätzen sie, und die Ehetnänner haben Zutrauen zu ihr. Man kann so spät — oder so früh — nach Haufe kommen, wie man will: die Sitztante ist da und wacht. Wie gefällt Ihnen, liebe Leserin, diese alte Dame? Und hätten Sie nicht Lust, es auch einmal hier mit ihr zu versuchen? Weiß nicht jede einzige Frau viele, viele, die froh wären, solcherort beschäftigt zu sein, und die man allein schon glücklich machen konnte mit dem Gedanken, daß sie gebraucht werden, daß man ihrer bedarf? Helsen wir uns gegenseitig ein bißchen — notieren wir zu den vielen Adressen, die wir schon haben, auch noch die irgendeiner Sitztante, und. geben wir sie weiter, wo immer sie gebraucht wird. Die Nachfrage dürfte, will mir scheinen, heute picht eben gering sein. V. C. Frauendicht ungen ErnaLeonhard (Feld) ist nicht nur eine klar durchgeistigende Rezitatorin, sondern gleichzeitig eine Sucherin und Finderin in geistigen Be- ' zirken: sie bringt gern unbekannte' oder bisher wenig bekannte Talente zu Wort. Dies Herausstellen neuer Begabungen war auch die Hauptaufgabe ihres Abends „F r a u e n d i ch t ungen" (in der „Privaten Unterrichtsgemeinschaft Grunewald"). Nach den mit klangvoller Inbrunst vorgetragenen, bereits zum klassischen Bestand jüdischer Poesie gehörenden Gedichten und dem selbstbekennerischen Prosastück „Der Versöhnungstag" von Else Lasker Schüler machte sie die Hörer mit vier in Berlin lebenden jüdischen Dichterinnen bekannt, von denen die C.-B.-Zeitung kürzlich in der Anthologie „Jüdische Lyrik in dieser Zeit" bereits Nellh Sachs, Helene Rothbart; und Gertrud Chodziesner vvvgestellt hatte. - Grete Striem - Boas stand mit einigen in Ausdruck und Form zu herkömmlichen Gedichten ein wenig abseits von den drei tieferen und stär-, keren, eigene Wege suchenden Dichterinnen, unter denen als eigenwilligste GertrudChodziesner hervortrat. Bon Helene Nothbarth hörte man die Novelle vom „Flötist Radow". Die großen russischen Erzähler haben - diese Enthüllung eines einsamen menschlichen Herzens angeregt, das nach dem Tode der Frau diese aus der eigenen Trägheit und Gleichgültigkeit erwachsene Einsamkeit so deutlich erkennt und so schwer empfindet, daß nur der Freitod ' ihm Sühne und Ruhe geben kann. Das ist ganz unsentimental mit allsgezeichneter psychologischer Analyse geschildert und wurde entsprechend unpathetisch und klar von Erna Leonhard gesprochen. Diese unpathetische Einfachheit ist überhaupt die Stärke der Sprecherin, die sich mit einer heute seltenen, dienenden Liebe in Art und Eigenart jeder der fünf Dichterinnen einfühlte lind einwühlte. Die Gedichte GertrlidChodziesners hätten viel- ■ leicht weniger nach dem vokalischen Ton nuanciert, sondern härter aus Bild und Rhythmus heraus gesprochen werden müssen. Zwischen. den Dichtunen spielten Helene F ü r st (Geige) und Helene a ch m a n s k i - S ch a u l (Klavier) in erfrischender Wiedergabe Stücke aus dem 18. Jahrhundert von Vater und Söhn Bach, Telemann und Hasse. Es gab reichen und verdienten Beifall für diesen erfreulich hochwertigen Abend. — us. Buchausstellung in Elberfeld ' In den letzten Märztagen veranstaltete der I ü d i s ch e F r a ü e n b u n d -, ' Ortsgruppe E l b e r s e l d, eine Buchallsstellung,' die zur Nach-' ahmnng für andere Städte - dringend empfohlen werden kann. Man war erstaunt über die Fülle altertümlicher, künstlerisch wertvoller Gegenstände für den jüdischen Zeremonialgebranch, die alis Privatbesitz der Ausstellung zur Verfügung gestellt waren. Ebensosehr lockten zur Ansicht die Sonderdriicke der Soncino-Gesellschaft, die alten Gebetbücher' und Bibeln, die von ununterbrochener jüdisch-kulturellen und religiösen Lebens beredtes' Zeugnis ablegten. Alis anderen Tischen waren die zum Verkauf bestimmten Bücher und Gebrauchsgegenstände allsgebreitet. Hier fanden sich neben Kinderbüchern und -hebräischen Spielen' Werke religiösen und belletristischen Inhalts in reicher Auswahl. Die Bilder aus dem Kalender des jüdischen Frauenbundes bildeten als Wandsries einen wirkungsvollen Nahmen. ______ Hede Israel. Das Erholungsheim des Jüdischen Frauenbundes in Lehnitz bei Berlin ist kein Sanatorium und nicht etwa eine Heimstätte alten Stils für einen bestimmten Personellkreis mit voraesthricbenen Ruhe- und Ausgehzeiten. Hier soll vielmehr jüdischen Menschen des Mittelstandes Gelegenheit geboten werden, sich von den Austrengllngen der Arbeit und des Alltags völlig zwanglos' zuerholen. Der Gast, der zum ersten Male nach Lehnitz kommt, ist erstaunt, in so unmittelbarer Nähe Berlins (die Fahrzeit beträgt 40 Minuten im Vorortverkehr) ein solches Idyll der Ruhe und Abgeschlossenheit zu treffen. Oberhalb des Lehnihsees, inmitten meilenweit sich dehnender Wälder, liegt das zweckmäßig gebaute und mit allen neuzeitlichen hygienischen Einrichtungen, mit Warm-, wasfer, Zentralheizung, Bädern, versehene schöne Landhaus, dessen geräumige Terrassen und Balkons ebenso wie' der große Waldpark ideale Plätze für Liegekuren sind. Im Kindererhohmgsheim werden, die Kinder von pädagogisch geschultem Personal sorgsam betreut, unter ärztlicher lleberwachung, so daß kleine Rekonvaleszenten hier alles finden, was ihnen notig ist, um sich gründlich zu kräftigen — Anmeldungen: Der-' band Berlin des Jüdischen Frauenbundes, Berlin- Grunewald, Königsallee lia. Tel.: J 7 3746. Sprechstunden: Dienstags 16 bis 18 Uhr, Freitags 11 bis 13 Uhr. Frauen der Rothschilds Lady de Rothschild and her Daughters. 1821—1931* hy Luey Cohen« London, John Murray. 1935. 354 Seiten Drei Frauen aus dem englischen Hause Rothschild stehen - im'Mittelpunkt eines höchst interessanten Buches, das Lucy C o h e n aus Familien? papieren mit treuem Fleiß zusammengestellt' hat. Die Mütter ist Lvuisa, die Ehefrau von Anthony, dem zweiten Sohn des Nathan Meyer'Rothschild, der den Londoner Zweig des Hauses gegründet und zub Weltberühmtheit gebrächt hat. Sie 'war 1821 als Nichte des großen Philanthropen Sir Moses Montesiore geboren und durch ihre Mutter, die jüngste Tochter des alten Mayer Amschel Rothschild in Frankfurt, ihrem Ehegatten, verwandt. Aus ihrer Ehe, die im Jahre 1840 geschlossen wurde, gingen zwei Töchter hervor, Konstance, später Lady Battersea, und Annie, die Ehefrau des Hon. Eliot P o r k e. Die Mutter starb 1910, die beiden Töchter 1926 und 1931. So umfaßt das Buch mehr als ein Jahrhundert, von den stillen Zeiten des Biedermaier bis zur Katastrophe des Weltkrieges und darüber hinaus und gibt das Bild'einer sich wandelnden und umgestaltenden Welt, in der doch eines unverändert bleibt, die innige Liebe und. Zusammengehörigkeit dieser drei Frauen. Sie haben alle drei eifrig Tagebuch geführt und fleißig korrespondiert, und so stand der Verfasserin ein überreiches Material zur Verfügung, aus dki'm sie mit' Geschick das Wichtigste und Charakteristischste heraushob. "Wir lernen Louisa Montesiore erst als Braut kennen durch die Briese, die sie 1840 mit ihrem in Paris weilenden, zärtlich um sie besorgten und sie mit Geschenken überschüttenden Bräutigam wechselt.' Schon hier macht sich ihre Abneigung gegen rauschende Geselligkeit und ihre Neigung, an ihrer inneren Fortbildung -zu arbeiten, bemerkbar. Als junge Frau liest sie . mit Eifer leichte und schwere Bücher, Heine, Macaulqy und Carlyle und sucht ihre Gedanken darüber schriftlich zu klären. Aber mehr als literarische ziehen religiöse Fragen sie an. Sie erfüllt nicht nur gewissenhaft die religiösen Pflichten, sondern Macht sich auch selbständige Gedanken über die Lehren des Judentums, die sie mit denen anderer Bekenntnisse vergleicht, und über die Mängel des Gottesdienstes. Sie entfaltet tätiges Interesse für arme Juden durch die Gründung von Schulknrsen für Mädchen, für die sie auch Predigten und kleine Geschichten ausarbeitet. Bei ihrem ernsten Wesen war es selbstverständlich, daß im Mittelpunkt des Denkens die Erziehung ihrer Töchter steht. „Ich muß versuchen, sie den rechten Weg zu führen und ihnen doch ihre Individualität zu lassen; es liegt ein großer Zauber in einer starken Persönlichkeit", schreibt sie, als die Mädchen sich noch im Kindesalter befinden. Großes Gewicht legt sie dabei auf die religiöse Erziehung und da sie die Unkenntnis des Hebräischen bei sich selbst als Mangel empfindet, läßt sie ihre Töchter gerade hierin gründlich unterrichten. Sie hat das Glück, hierfür einen Lehrer zu finden, zu dem seine Schülerinnen mit besonderer Verehrung ausblicken. Es war Dr. Kalisch, der als Student aus seinem Vaterlande hatte flüchten müssen; er gab ihnen Unterricht nicht nur im Hebräischen, in dem er gelehrter Fachmann war, sondern auch in Philosophie und wußte ihre Gedanken aus unweltliche Dinge zu richten. Als er im Jahre 1885 starb, schrieb Constance: „Mehr als 30 Jahre habe ich Dr. K. gekannt; als Kind war ich ihm ganz ergeben, sein Lob war mir ebenso beseligend, wie sein Tadel niederdrückend... Ev war ein distinguierter, gebildeter und kultivierter Gelehrter, für uns war er ein entzückender und reizender Gefährte, und ich werde nie vergessen, was ich ihm /schulde. . . Wenn hie Verführung an mich heranträte, einen anderen Glauben anzunehmen, die Tatsache seiner Existenz allein hätte mich daran gehindert." Unter Dr. K a l i s ch s Einfluß schrieben Constance und Annie eine „Geschichte und Literatur der Israeliten", die bei ihrer Veröffentlichung im Jahre 1870 von keinem Geringeren als Disrae l i in zwei liebenswürdigen Briefen an die jungen Verfasserinnen gerühmt wurde. „Sie haben in einem bewegten und malerischen Stil die große Geschichte unserer Ahnen geschildert und mit Kraft und Gefühl ihre unsterblichen Annalen behandelt." , Abet es war ihr Geschick, daß sie — ebenso wie ihre Kusine Hanna, die Gattin des glänzenden Staatsmanns Lord Rosebery — Christen heirateten. Aber während Hanna Rosebery jede Berührung mit dem christlichen Gottesdienst vermied und sich praktisch nur in der jüdischen Wohlfahrtspflege betätigte, besuchten die beiden Schwestern unbefangen die christlichen Kirchen undnahmen auch an den Arbeiten ihrer christlichen Freunde und Verwandten teil, ohne jedoch jemals die jüdischen Angelegenheiten zu vernachlässigest. .Constance stellt sich zeitweilig die Aufgabe, .das Judentum zu „spiritualisieren", oder es „in eine weitere Sphäre zu heben". Aber ihr Leben verlief in Bahnen, die sie von solchen Aufgaben ablenkten. Denn ihr-/Gatte, C y r i l F l o w e r, eine reich begabte und gewinnende Persönlichkeit, stürzte sich kurz nach der Eheschließung (1877) in die Politik und wurde — seit 1880 — ein einflußreicher liberaler Abgeordneter, der Gladstoue auch bei der Parteispaltung über die Homernle-Frage treu blieb. Er wurde infolgedessen 1886 „Einpeitscher" der liberalep Fraktion und trat damit in den Mittelpunkt eines auch gesellschaftlich sehr bewegten Lebens. Constance kam in freundschaftliche Beziehungen zu den großen Führern der Partei, namentlich John Morley, dessen ansgebreitete Bildung und feine Menschlichkeit ihre „wahre Freundschaft" erwirbt. Auch Gladstone selbst lernt sie näher kennen, sowohl in Hawarden, wie aus einer Seefahrt, an der auch ihre Mutter teilnimmt. Diese schreibt begeistert: „Es ist em wunderbarer Mann — so voller Energie — intensiv interessiert an der Gegenwart erinnert er sich nicht nur, jedes historischen oder politischen Ereignisses der Vergangenheit, sondern auch jedes Buches, das er gelesen, und beinahe jeder Anekdote, die er gehört hat." Den Fünfundachtzigjährigen besucht Constance noch ein-' mal in Hawarden und begleitet ihn in die Kirche, wo die unbeirrbare innige Teilnahme des Greisen an jeder Einzelheit des Gottesdienstes sieergreift. Als Gladstone 1892 zum letztenmal Ministerpräsident wird, lohnt er Flowers treue Dienste durch Erhebung ins Oberhaus. Noch eine größere Ehre hatte er ihm zngedacht. Er bot ihm/ den Posten eines Generalgonverneurs von Neusüd-. Wales an. Herzlich gern hätte Lord Battersea diesen ehrenvollen Posten angenominen. Er kannte die große Anhänglichkeit seiner Frau an ihre Mutter, und so lag die Entscheidung tatsächlich in deren Hand. Lady de Rothschild, jetzt 72 Jahre alt, konnte den Gedanken, daß ihre Tochter nach Sydney ging, nicht ertragen und sprach sich gegen die Annähme aus. Lord Battersea brachte seiner Frau und seiner Schwiegermutter das große Opfer, aus die Berufung zu verzichten. Aber das politische Leben hatte infolge dieser Selbstausschaltung seinen Reiz für ihn verloren, und Constance kam bis zuletzt nicht über die schmerzliche Frage hinweg, ob sie ihm nicht ein allzu großes Opfer zugemutet habe. Sie hat ihren Gatten noch um 24 Jahre überlebt und ihr Leben ist bis zum Schluß ein von Tätigkeit und Interessen erfülltes gewesen. Sie war in der Frauenbewegung tätig und nahm auch an dem Internationalen Frauenkongreß in Berlin 1904 teil, an dem sie jedoch mancherlei zu kritisieren hatte. Ihr besonderes Interesse gehörte der Fürsorge für die weiblichen Strafgefangenen, wo ihre reife Menschlichkeit ein fruchtbares Betätigungsfeld fand. Sie erfreute sich der Zuneigung und Freundschaft zahlreicher hervorragender Persönlichkeiten ohne Unterschied des Glaubens und der Partei. Der Führer der konservativen Partei, Arthur Balfour, den sie den „entzückendsten Menschen" nennt, stand ihr besonders nahe. Schon lange vor der Deklaration, die seinen Namen trägt, sprach er sich mit Vorliebe über jüdische Themata mit ihr ans. Eine Tagebuchnotiz aus dem September 1895 verzeichnet eine Unterhaltung über die jüdischen Reformbestrebungen Claude Montesiores, den Balfour kennenzulernen wünscht. „Wir sprachen viel über die Juden, Fremdeneinwanderung, Synagogen, Chor und Kirche. Abends wurde gebetet. Ein Kapitel Jesaja, schön und ehrfurchtsvoll vorgelesen. Es tat meinem Herzen und meiner Seele wohl. Dann Gebete aus der Englischen Liturgie." Im November 1931 starb Lady Battersea, achtundachtzig Jahre alt. Ihre Beisetzung erfolgte nach den Vorschriften des Glaubens ihrer Väter auf dem jüdischen Friedhof. . Aber die christliche Gemeinde des Städtchens, in dem sie, verehrt und geliebt, ihren Lebensabend verbracht hatte, ließ es sich nicht nehmen, in ihrer Kirche einen Gottesdienst zu ihrem Gedächtnis zu veranstalten. Erich Eyck. Wohnungs-Reinigüngs- *yV |Kä. numiunga-nGiiiiguii] yß* Institut E. 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