Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 15 (1936) - farbig
- Issue
- 15 (9.4.1936)
- Date
- 1936-04-09
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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- Arno Nadel 1× ep/1003519
- Berthold Auerbach 1× ep/1025877
- Conrad Ferdinand Meyer 1× ep/1025389
- Elise Haas 1× ep/1011042
- Else Lasker-Schüler 1× ep/1004350
- Ernst Lissauer 1× ep/1026442
- Heinrich Landesmann 1× ep/1004839
- Hugo Salus 1× ep/1000013
- Karl Kraus 1× ep/1025266
- Kurt Pinthus 1× ep/1026269
- Ludwig Jacobowski 1× ep/1026135
- Mascha Kaléko 1× ep/1005935
- Peter Altenberg 1× ep/1024724
- Stefan Zweig 1× ep/1025800
- Süßkind von Trimberg 1× ep/1026336
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9. April Nr. 15 * 2. Beiblatt MMW W D Jf Sff F Von Dr. Kurt Pinthus Als 1772 „Gedichte von einem polnischen Juden" erschienen — seit dem Minnesänger Süßkind von Trimberg die erste Lyrik eines Juden in deutscher Sprache —, erwartete der dreiundzwanzigjährige Goethe, gerade damals mit dem Sammeln von Volkspoesie beschäftigt, in seiner Rezension (in den „Frankfurter gelehrten Anzeigen"), daß mit diesem Jsaschar Falkensohn Behr, „ein feuriger Geist, ein fühlbares Herz, bis zum selbständigen Alter unter einem fremden grauen Himmel ausgewachsen, aus einmal in unsre Welt trete . . Wenn er nichts Neues sagt, wird alles eine neue Seite haben". Von dieser nachgemachten Nokokopoesie enttäuscht, stellt der junge Goethe fest: „Wenn man aber in allem zusammen nicht, mehr leistet als ein christlicher Etudiant en belles Lettres auch, so ist es, deucht uns, übel getan, mit seiner Judenschast ein Aussehen zu machen." Goethe vermißte also in diesen „jüdischen" Gedichten gerade das Jüdische, das Erfassen der Welt vom jüdischen Gefühl, von der jüdischen Anschauung her; und das gleiche hätte er bemängeln können in den aufklärerischen. formgewandten, spielerischen Poesien und Sinnsprüchen des etwa zu gleicher Zeit dichtenden Moses Ephraim Kuh, Freund Mendelssohns und Lessings, über den später Berthold Auerbach den abenteuerlichen Roman „Dichter und Kaufmann" geschrieben hat. Die beiden ersten jüdischen Poeten deutscher Zunge zu Beginn des Emanzipationszeitalters wollten freilich bewußt mit den poetischen Erzeugnissen westlicher Bildung wetteisern, geradeso wie dann zu Anfang des 19. Jahrhunderts der ehrgeizige David Ferdinand Koress, Leibarzt des Kanzlers Hardenberg, Professor und Ministerialrat, und der schwermütige — in Schwermut Hand an sich legende — Arzt Daniel Leßmann. Ueber die Qualität des „Studenten der schönen Literatur" kam als Lyriker erst Heinrich Heine hinaus, der unter der Unzahl seiner Nachahmer auch einen Schwarm jüdischer Imitatoren hinterließ ... bis in uu.sere Tage. Der Anteil der Juden a:> der Dichtung des 19. Jahrhunderts wird gemeinhin sehr überschätzt. Sieht man von den Gebieten der Publizistik und der Geisteswissenschasten, der Satire und der Unterhaltungsliteratur ab, so werden sich im Bezirk eigentlicher Dichtung oder dessen, was man damals für Dichtung hielt, bis etwa 1890 kaum ein Dutzend Namen finden, die auchnur vorübergehend Anerkennung fanden; so nach den Berliner Dramatikern Ludwig Robert und Michael Beer besonders die Oesterreicher Mosenthal, Ludwig August Frankl, Moritz . Hartmann, Hieronymus Lorm. Betty Paoli. Erst mit dem Beginn der realistischen Literaturepoche mehrten sich die dichterischen Begabungen, unter ihnen Lipiner, Alberti, Fulda, Fischer- Gratz, I. I. David, Ludwig Jacobowski, Moritz Heimann, Georg. Hirschfeld, Georg Hermann, um dann kurz nach 1900 mit Peter Altenberg, Schnitzler, Beer-Hosmann, Wassermann, Hosmannsthal, abermals in Oesterreich, zu einem gewissen Höhepunkt zu gelangen. Aber hier ist keine jüdische Literaturgeschichte zu geben, sondern hinzuweisen aus das, was seit 1900 in der von Juden geschriebenen Lyrik lebendig oder wirksam geblieben ist. Da klang aus Oesterreich die zarte Poesie von Hugo Salus, die nervöse von Felix Dörmann, der tiefe, edle Ton der Gedichte Hosmannsthals und das schönste jüdische Lied deutscher Sprache „Schlaflied für Mirjam" von Beer-Hosmann, wie später die in Form und Haltung strengen „Worte in Versen" von Karl Kraus. In Reichsdeutschland entfalteten sich zwei lyrische Begabungen, deren Ausmaß und Nachwirkung berechtigt, sie als genialisch zu bezeichnen: der himmelweit im Kosmischen schweifende, Unfaßbares in Visionen fassende. Unsagbares sagende Alfred Mombert, und die mit dem Judentum innig sich verbunden fühlende, vielfach durch östlich-bunte Bildkraft und durch alttestamentarische Klänge bestimmte Else Lasker- Schüler. In Berlin zerbrach das grüblerisch suchende, ganz westliche Talent Walter Cal6s an der Welt, während der ekstatische Jude Arnold Nadel religiöse Weisheit in freie lyrische Rhythmen ausströmte. Ernst Lissauer, an Conrad Ferdinand Meyer geschult, brachte Gegenwart und Vergangenheit in knappe, herbe, säst formelhafte Form, indessen Stefan Zweig, der Uebersetzer Verhaerens, sich mehr »H .ch »O-O »O—O »ch »O »O »O"* »O »O »O » »A »S »O O »H* O O »O Edith L. Meyer: Abrahams Prüfung i. Wie Abraham erbebte, als er schritt, den Knaben Isaak opfernd darzubringen! Sein starkes Herz, erprobt in vielen Dingen: nun ein verwundet Tier, das stöhnend litt. O bitt’rer Weg! Zum zweiten Male schon ging über ihrem Haupt die Sonne nieder, und jede Stunde sprach ihr „Niemalswieder“ zu diesem seinem spätgebor’nen Sohn, Allein der Knabe lachte viel und sang und fragte dies und das, wie Kinder plaudern, und sah voll Ungeduld den Vater zaudern, und trieb ihn an zu immer rascherm Gang. Und als der dritte Morgen zögernd tagte, sah Abraham den Berg, der drohend ragte. II. O, wie erschrak sein Herz zum andern Mal an jenem Ort, vom Herrn ihm ausersehen! Denn furchtlos Hess das Kind mit sich geschehen, was nottat zu des Opfers Ritual. Nichtsahnend lag es da, entblösst und schmal, lag wie ein Lämmlein in des Vaters Händen. Der aber ging, sein traurig Werk zu enden, bis ihm des Engels Stimme Halt befahl. Da fühlt’ er, wie die Kräfte ihn verliessen, Und war wie ein Gefäss am Ueberfliessen und weinte laut: Doch als er sich ermannt, begriff er tief: es ist kein Weg vergebens. Und spürte froh als Quelle neuen Lebens die süsse Wärme einer Kinderhand. Ä. N. Stenzei: Gideons Brandopfer Anders als ein Schäfchen aus der Herde Ist es, den Ochsen vom Gespann zu nehmen! Sein einzig Kind wird der Pflüger geben, Sein eigen Leben, sein einzig Weib — Ein Schäfchen geht fort, nachblökt die Herde, Wenn ein Ochs fehlt, liegt tot die Erde! Gideon, der Bauer, hat das Joch zerbrochen, Hat seinen Ochsen gebunden mit eigenen Händen, Mit Stricken, leinenen, vom eigenen Felde. Das eine Horn im Acker, das andere im Himmel, Hat der Ochs sich grabend entgegengestellt! — Von Schreck und von Kraft bluten ihre Blicke! Ein Zittern ging weit über Kanaan, Als in Gideons Hand die Axt sich hob und fiel, Von dem Brüllen blieb die Sonne stehen in ihrem Lauf! Das Holz von dem Joch, das Holz von dem Pflug Hat sie angezündet, eine flammende Lohe! Gideon, der Bauer, hat zerbrochen das Joch. Von allen Männern, von den Stämmen, den zornigen, Ueber alle Berge bis zum Moria oben Hat es mit Gideons Brandopfer geatmet — Anders als ein Schäfchen aus der Herde Ist es, den Ochsen vom Gespann zu nehmen! Anders der Duft eines Opfers, wenn er so aufsteigt. Aus dem Buch: Der Widder, Deutsch von Suse Michael Elly Gross: Sonett Ich bin hinausgesprochen in den Raum Als Gottes grösstes Schöpferwort auf Erden... Heut noch Geschöpf, das einst soll Schöpfer werden. Und ahne meine Gottverwandtschaft kaum. Ich müh’ mich um des kleinen Tags Beschwerden, Und nur mein Sehnen reicht an Seinen Saum. Oft ist mir bange vor den grossen Fernen, Die mich von meinem wahren Wesen trennen, Das um die Wette kreist mit Wind und Sternen Um jenen Ursprung, den wir Vater nennen. Und nur im Geiste kann ich mich erheben In meine Heimat und zu wahrem Leben. .. Manfred Sturmann: Tränen des Volkes Allen Giessbächen der Erde gleich, Rannen die Tränen der Väter. Sje flössen zurück in die Hände des Herrn. Aus diesem Tränenstrom, reich Wie. die Regen aller Jahrhunderte, Blühte empor die Bessenheit, Da zu sein. Wir aber haben die Tränen der Väter Nochmals zu weinen, lasst uns durchwaten Den ewigen Tränenstrom! Niemand kann sich der Geissei entwinden. Nur wem das Weinen der Väter Die Brust geöffnet, der ist begnadet, Die eigenen Tränen zu mischen In die Tränen des Volkes. Ilse Weiss: Propheten In mein Bewusstsein dring’ ich wie durch Traum, Und noch im Schlaf erblühn mir die Gebärden. Seele, aufgebrochen aus dem Mass Aller Vorzeit — wehe, wehe mir, Dass ich nimmermehr den Ruf vergass, Nimmer ruhe in dem kühlen Gras Schwester, Bruder, neben dir. Herze, das Verkündigung beschwingt Wie des Zehnsaits heller Harfenlaut, Herze, das der Botschaft Last bezwingt, Diene, dulde — kein Gebet verklingt, Das vom Licht der Gottheit übertaut. Augen, Knechte meiner schwersten Pflicht, Die aus Schlaf und süssem Träumen zwang, Hüter aller Liebe, allem Licht, Wissende — so kündet das Gericht: Volk, halt ein! — Dein Weg ist Untergang! — Aber wehe! Tag um Tage blassen, Taumel höhnt des Flehens reinsten Trieb. Herr, mein Gott, sie haben dich verlassen, Hass und Haderr kriecht durch dunkle Gassen- Ach, so liebte ich noch nicht genug. Sieh, ich will mich fest in Ketten binden, Sieh, ich trage alle ihre Sünden, Strafe mich, der ich ihr Leben trug! — Aber ihnen, Einziger, vergib! Helene Rothbart: Gebet aus dunkelster Nacht Du, Gott: ich fühle dich. Ob du auch ganz verborgen Mir bist und bleibst —, ein flammenschöner Morgen Wird deine Nähe mich begreifen lassen. Dein ew’ges Antlitz hinter bleichen Sternen, Der dunkle Donner deiner starken, fernen, Geliebten Stimme wird mein Herz umfassen! Ob deine Geissei noch so weh mich brennt: Dein Kind bin ich, das deinen Namen nennt: Auch wenn dein Antlitz du von ihm gewandt. In jedem Schlag, der mir von dir gekommen, Hab’ ich noch deiner Stimme Schall vernommen Und küsste deine harte Vaterhand. Du dringst mit deinem Blick in jeden Schlaf, Und noch mein Traum brüllt auf wie Eiseswind — Bin ich vielleicht darum dein liebstes Kind, Weil deine Hand so schwer, so schwer mich traf? Arthur Silber gleit: Dem Unsterblichen Die Kraft aus eines Löwen Lende Strömt unbezwingbar in uns ein, Gedenken wir, o Ewiger, Dein! O Herr, Weltanfang und Weitende, _ Dem Sonne, Früh- und Abendröte Die Mantelschleppe nachgestaltet, Und jedes Herz sich ganz entfaltet Wie Knospentraum dem Bräut’gam Wind, Und wie vorm Schlaf ein Waisenkind Dem Himmel. Jeder Waldquell rinnt Zu Dir! Vor Deiner Allmacht sinnt Der Tod, ob er sich selbst nicht töte. Arno Nadel: Und Gott sprach — und es Ward! Lernt es, himmlische Menschen! Was wahrhaft werden soll, Das wird durch ein Wort, Ein inneres, wird durch den Willen! Die Mühe der Hand, des Kopfes, Sie kann gut sein, wirken, Nicht wirken, Uebles, Vergängliches wirken. Aber was die tiefste Wahrheit in uns redet, Wünscht, verlangt — Wird Schöpfung augenblicks. Dauert, wie die Erde dauert, Wie Gottes Wesen. Der Sprung nur, nicht Das Bedenken ist letzte Wahrheit. Gott wirkt Durchs Werde. Der Laut Des Herzens ertönt in Lüften — und schon ist Schöpfung. Gott spricht — und es wird! Hilde Marx: Gib — Gib uns nur immer das Wort, das sich von Herz zu Herzen schwingt — gib uns nur immer das Lied, das all unser Leid umsingt — gib uns die Träume der Nacht, schwebend in lächelndem Land — , gib uns die Stürme im Tag und in ihnen die haltende Hand — gib uns den Schritt, der weit in deine Fernen reicht — und gib uns, Herrgott, das Licht, das deinen liebenden Augen gleicht! Elise Haas: Jude im römischen Trier Einmal, Römer, war mein Leben wie das eure, Frei im eignen Lande, unbeschwert. Doch was hilft es, dass ich’s euch beteure, Euerm Ohr, das doch mein Wort nicht hört. Aus dem Jordanlande triebet ihr die Väter, Und ihr machtet meine Heimat stumm. Seht, ich taumle immer windverwehter, So wie Raschellaub um euch herum. Bin nicht mehr für euch als Edelsteine, Die ich fernher bringe, oder Tongerät. Kennt ihr meinen Gott? Ist unter euch nur eine Seele, die den EINZIGEN versteht? Eure Landschaft ist nur das erdachte Götterwerk, ist Wald und Feld und Sonnengold. Denkt nicht, dass ich mich drin heimisch machte, Bin Verzicht gewohnt, ein Fremdling, von euch so gewollt . . , Vom Theater her rinnt ein Gebrülle — Dort ist Tierkampf, grauenhafter Mord — Her bis zu der Judengasse grauer Stille. Schweig’ doch, schweige, Jude. Nutzlos ist dein Wort. Deine sanften Feste, die ein hehrer Gott dir gab, sind Stapfen durch die Zeit, Leuchten heller noch und wiegen schwerer Als in deiner glücklichen Vergangenheit. Lichter, die voh heimgegang’nen Seelen, Denen uns das Leben eng verband, Träumend ganze Nächte lang erzählen — Gottes Licht ist unsre Seele selber, euch verwandt. Seid an Sabbaths Eingang mir in unbeglänzter Zeit der Trost, die Ruhepause im Gescheh’n; In den Lämpchen unsrer Gräber glimmt ihr durch die Fenster Endlos aufgebauter Ewigkeiten aus nach Aufersteh’n. Starke Römer Triers, mit euren schön erbauten Toren und Palästen! Könnt ihr es versteh n, Dass wir zu den Tempeln, die wir frühe schauten, Durch die Fremde wie durch gar zu enge Tore gehn? E. Lachmann: Gesang vom Gipfel Riss der Himmel? Welch ein Klang! In die Tiefen stösst das Licht, Da der Berg mit allen Chören, Die dem starken Stein gehören, Jauchzend in den Morgen bricht. Sonnenrauch, du hüllst den Hang! Hauchend Silber ist dein Tun, Fliehend Rinnen klarer Dünste, Flimmernd seliges Gespinste, Eine Wolke bist du nun. Da erglitzert körniger Schrund! Abgrundstufe ist getürmt. Ueber Block und Klump und Schlacke Wirft sich auf die reine Zacke, Drum die Kühle perlend stürmt. Lautlos werden aus dem Grund Starre Flammen: Kreis um Kreis, Bis das Blau, dem nichts mehr wehret, Sich zu Todestiefe kläret. Pochend immer tropft das Eis. Mascha Kaleko: Finale Du hast in mir viel Lichter angezündet, Mit blauen Träumen mir den Tag erfüllt. Und alles Blühen, alles Leuchten mündet Noch im Erlöschen hin zu deinem Bild. aipschen Du kamst: zum Garten ward das Grau der Strassen.^^' Du kamst nicht: und der Tag hat nicht gezählt; “ Wie hat, allein, das Leben mich gequält, Der grosse Trug, den wir zu Zweit vergassen. Es war der gleiche Sang in unserm Blut, Die gleiche Saite, jäh entzweigerissen, Ein müder Klang, um den wir selbst nicht wissen, Jahrtausendalte, halberstorb’ne Glut. Verwehter Ton, der noch im Klingen schweigt, Gesumm, das ohne Anfang ist und Ende. Da sich der Schatten deines Ahns dir neigt, Vernehm auch ich das Segnen seiner Hände. Stumm -zu verlöschen ist der letzte Sinn. Still fortzugehen, eh’ das Feuer schwindet. — Du hast in mir viel Lichter angezündet . . . Du sollst nicht wissen, dass ich einsam bin.