Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 15 (1936) - farbig
- Issue
- 14 (2.4.1936)
- Date
- 1936-04-02
- Page
- [Seite] (sequence 20)
- Language
- German
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Statistische Notizen Berlin Das Statistische Amt der Stadt Berlin bat in dresen Lagen das „Statistische Jahrbuch 1935" herausgegeben. Im Kapitel „Sonstige Nclsqwns- 6^^?H^aften", das sich in seinen Angaben aus I^tteilungen der Religionsgemeinschaften stützt, ftnden sich auch Zahlen über die Jüdische Gemeinde Berlin nach dem Stande vom 1. Januar 193 4. Danach wohnten an diesem Stichtage, gemäß einer Schätzung, 163 000 Glaubensjuden in Berlin. Die Zahl der Synagogen wird mit 16, die der Versammlungsräume für gottesdienstliche Zwecke mit 25 angegeben. 17 Geistliche, und 3 Hilfsgeistliche wurden ermittelt. Im gesamten Jahr 1934 fanden 470 Konfirmationen, 480 religiöse Trauungen, 2132 Bestattungen mit kirchlicher Begleitung statt. Die Zahl der Austritte aus der Gemeinde betrug in demselben Zeitraum 521. Besondere Ziffern sind für die Gemeinde Addas Jisroel (200 Mitglieder. 2 Synagogen, 2 Geistliche) und die Gemeinde Spandau (596 Mitglieder, 1 Synagoge und je 1 Geistlicher und Hilfsgeistlicher) genannt. Die Zahl der rein-jüdischen Ehe schließungen betrug, wie aus dem Kapitel „Bevölkerung" ersichtlich, im Jahre 1 9 3 4 1025. In demselben Zeitraum wurden 371 Mischehen geschlossen, einschließlich der Ehen zwischen Juden und Konfessionslosen. Um aber zu einem brauchbaren Vergleich zu kommen, muß man berücksichtigen, daß in Wirklichkeit 2050 rein-jüdische Ehepartner diesen 371 jüdischen Mischehepartnern gegenüberstehen. Ans rein-jüdischen Ehen gingen 473 Kinder, d. h. 220 Knaben und 253 Mädchen, hervor. Die Zahl der Kinder aus Mischehen dürste bei 130 liegen. Der geringen Geburtenzahl steht eine hohe Sterbeziffer gegenüber: sie betrug im Jahre 1934 insgesamt 2401. Bemerkenswert ist auch die Schulstatistik. Danach gab es am 1. Mai 1934 in Berlin 1506 jüdische Schüler an den öffentlichen höheren Knabenschulen, am 1. Mai 1933 noch 3267. Für die Mädchen lauten die entsprechenden Ziffern 1258 und 2715. Die städtischen Mittelschulen waren von insgesamt 204 Schülern (1933: 377), die städtischen Volksschulen von 4614 (6264), die städtischen Sonderschulen, d. h. die Hilfsschulen, von 113 (123) Schülern besucht. E. G. L. Bamberg Für die Bevölkerungsbewegung einer bqyerischen Mittelgemeinde sind Zahlen kennzeichnend, die die Veränderungen innerhalb der Israelitischen Kultusgemeinde Bamberg angeben. Die Gemeinde zählte im Jahre 1925 972 Seelen, 1933 824 und zählt gegenwärtig 738 Personen. In den Jahren 1933, 1934 und 1935 wurden insgesamt zwei Geburten verzeichnet, denen 35 Sterbefälle im gleichen Zeitraum gegenüberstehen. Mannheim Das Jahr 1 9 3 5/ weist für die Mannheimer jüdische Bevölkerung einige bemerkenswerte Axnderungen gegenüber den voraugegangenen Jahren auf. Die Zahl der G e b u r t e n (1933: 12; 1934: 10) ist auf 22 angestiegen; damit ist ungefähr die Ziffer des Jahres 1932 erreicht. Diese Zunahme dürste zum Teil auf die Zunahme der Eheschließungen im Jahre 1934 zurückzuführen sein. Demgegenüber gab es 1935 88 Todesfälle, lieber drei Fünftel betrafen die Altersgruppe zwischen 60 und 80 Jahren, über ein Fünftel die zwischen 40 und 60 Jahren. In der Altersgruppe über 80 Jahren waven ebensoviele Sterbesälle zu verzeichnen wie in der Altersstufe von 0 bis 40 Jahren (8 Prozent). Die Gesamtzahl der Mannheimer jüdischen Bevölkerung, hauptsächlich durch Auswanderung weiter zurückgegangen, betrug Ende 1935 5500. Zwar stieg die Geburtenzahl, bezogen auf die Gesamtbevölkerung, von 2 auf 4 vom Tausend, gleichzeitig aber erhöhte sich die Sterblichkeitsziffer von 13,8 v. T. im Jahre 1934 auf 16 v. T im Jahre 1935. Der S t e r b l i ch k e i t 8 ü b e r s ch u ß war also genau so groß wie im Jahre 1934,. nämlich 1 2 v. T. Die Eheschließungen sind zahlenmäßig von 35 im Jahre 1934 auf 42 jm Jahre 1935 gestiegen. Bei den Mischehen ist ein radikales Absinken festzustellen: nur eine von den 42 geschlossenen Ehen mit jüdischen Ehepartnern war 1935 eine Mischehe. Der prozentuale Anteil der Mischehen an der Gesamtzahl der geschlossenen Ehen (1933: 44 Prozent; 1934: noch 20 Prozent) ist 1935 auf 2,4 Prozent gesunken. vk. 8. 8. Aus der wissenschaftlichen Welt Professor Josef Jädassohn Vor einer Woche wurde die ärztliche Welt durch die Rachricht überrascht, daß Professor Josef Jadassohn, der bis zu seiner Emeritierung Ordinarius der Dermatologie an der Universität Breslau war, in Zürich, wo er zuletzt bei seinem Sohne lebte, im 73. Lebensjahre von einem qualvollen Leiden im Anschluß an eine Operation durch den Tod erlöst worden ist. Mit ihm ist ein Manu dahingegangen, der nicht nur eine Zierde seiner Wissenschaft gewesen ist, sondern der wohl auch nach dem Tode Dariers den größten internationalen Namen in der Dermatologie hatte. Gibt es doch in dieser kaum ein Gebiet, das er nicht in mikroskopischer, theoretischer und praktischer Beziehung bearbeitet und bereichert hätte. Seine zahlreichen, wissenschaftlichen Veröffentlichungen aufzuzählen, würde zu weit fühlen und den Rahmen dieser kurzen, schmerzlichen Mitteilung überschreiten; erwähnen möchte ich nur, daß er der Herausgeber des großen, dermatologischen Standardwerkes: „Handbuch der Hanl- und Geschlechtskrankheiten" war, und daß er Geschäftsführer und später nach Lessers Tode Präsident der „Deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten" und Mitherausgeber des Archivs für Dermatologie gewesen ist. Kein interner oder internationaler Dermatologenkongreß fand In den letzten Jahrzehnten statt, bei dem er nicht eine hervorragende Nolle gespielt hätte. Jadassohn wurde am 10. September 1863 in Liegnitz geboren und erhielt seine dermatologische Ausbildung bei Professor Reißer in Breslau. Die Stellung als erster Assistent der Universitätshautklinik verließ er, um die Leitung der dermatologischen Abteilung am Allerheiligenhospital zu übernehmen, von wo aus er qls Ordinarius für Dermatologie nach Bern berufen wurde. Hier wirkte er länge Jahre und erwarb sich durch seine exakten Arbeiten den glänzendsten wissenschaftlichen Namen und einen Weltruf. Rach dein Tode von Reißer wnrde er dessen Nachfolger ans dem Lehrstuhl in Breslau, den er bis zu seiner Emeritierung innehatte. Aus seiner Schule gingen zahlreiche Aerzte hervor, die später selbst hervorragende Dermatologen wurden, wie Bloch in Zürich, Naegeli, Arndt und Jeßner, der spätere Nachfolger von Jadassohn. ■ Der Tod von Jadassohn bedeutet einen schweren Verlust für die Wissenschaft, die mit ihm einen ihrer Besten verloren hat. i)r. Georg Seegall. Professor Gotthold Herxheinier Professor Gotthold Herxheimer, bis 1933 Prosektor am Krankenhaus in Wiesbaden, starb ans einer Reise in Kapstadt. Herxheimer ist durch die zahlreichen Arbeiten, btc seiner Feber entstammen, und durch viele Vorträge und Referate bei den Vertretern seines Faches sehr bekannt und geschätzt gewesen. Darüber hinaus war sein Naräe vielen Aerzten und Studenten wohlbekannt, denn er hatte den „Grundriß der Pathologischen Anatoinie" von Schmaus seit dessen Tode herausgegeben. Der „Schmaüs-Herxheimer" gehört dadurch, daß ihn sein Herausgeber bei jeder seiner zahlreichen Auslagen, die das Werk bis heute erlebt hat, aus den neuesten Stand der Wissenschaft brachte und durch seine eindrucksvolle, klare Darstellung, ergänzt durch ein hervorragendes Bildmaterial. zu den klassischen Lehrbüchern der Pathologie, Herxheimer war im Jahre 1932 Vorsitzender der Deutschest Pathologischest Gesellschaft. «. 8. Professor l)r. Opet 70 Jahre alt Am' 1. April feierte Professor Dr. Otto Opet seinen 70. Geburtstag. Opet, ein geborener Berliner, verbrachte seine Studienzeit in Berlin, habilitierte sich in Bern, um dann nach Kiel überzusiedeln, wo er lange Zeit als Privatdozent bzw. als außerordentlicher Professor, in den letzten Jahren als Ordinarius Rechtsgeschichte und bürgerliches Recht lehrte. Jm Studienjahr 1931/32 war er Dekan der juristischen Fakultät der Universität Kiel. Opet ist der Verfasser von Werken aus vielen Gebieten der Rechtswissenschaft, vor allem aus dem Bereich des Familien- und Namenrechts und des Theaterrechts. Aufsätze aus seiner Feder sind in bedeutenden Fachzeitschriften erschienen. Opet zählte zeitweilig auch zu den Mitherausgebern des Archivs für Urheber-, Film- und Theaterrecht. 1919 veröffentlichte er eine Schrift über den Schutz der nationalen Minderheiten. Seit seinem Ausscheiden aus der akademischen Lehrtätigkeit lebt Professor Opet in Hamburg im Ruhestand. E. G. L. Ehrungen für Professor H. Tiktin Im rumänischen Senat hielt der frühere Ministerpräsident Nicolae I o r g a , der bedeutendste Vertreter der rumänischen Geschichtswissenschaft, dem— wie in der vorigen Nummer gemeldet — vor kurzem in Berlin im 86. Lebensjahr verstorbenen jüdisch-rumänischen Philologen Professor H. Tiktin einen warmen Nachruf. Die rumänische Akademie der Wissenschaften widmete ihm eine feierliche Gedenksitzung, an der zahlreiche Mitglieder der Akademie, an ihrer Spitze der Historiker und frühere Ministerpräsident Professor I o r g a und Minister N i st o r. teilnahmen. Der Präsident der Akademie, Professor Radulescu M o t r u, eröffnete die Sitzung mit einer Ansprache, in der er die außerordentlichen Verdienste des Verstorbenen um die rumänische Sprachwissenschaft hervvrhob. Einen Vortrag über die Bedeutung des wissenschaftlichen Werkes Tiktins hielt Professor Jvrga. Die Akademie hat beschlossen, einen Betrag von 140 000 Lei für die Veröffentlichung des wissenschaftlichen Nachlasses Professor Tiktins zur Verfügung zu stellen. Atis den Familien Eugen Hoffmann (Berlin W 30) wird am 3. April 60 Jahre alt. — Frau Sqle Gumpel geb. Laser (Berlin) begeht am 4. April ihren 80. Geburtstag. — Gustav Wolf (Düsseldorf) feiert am 7, April seinen 80. Geburtstag. Unter sehr starker Beteiligung wurde in Kassel Leo Lazarus zu Grabe getragen, der über zwei Jahrzehnte das Amt eines Gemeindeältesten bekleidete, sodann zehn Jahre das des Kreisvorstehers. Des Verstorbenen öffentliches und privates Wirken und Helfen für die Armen war vorbildlich. Der C.-V. verliert einen alten treuen Freund. Moritz B a d t, der langjährige Vorsitzende und Gründer der Ortsgruppe S ch ö n l a n k e des Central-Vereins ist am 30. März im 76. Lebensjahr gestorben. Er war viele Jahre hindurch Repräsentantenvorsteher, Vorsteher der Synagogengemeinde Und über 25 Jahre Stadtverordneter. # Der Vorsitzende des Vorstands der SynagogettgeMetnde Köslin, Rechtsanwalt Hermann Fxiedlünder, ist nach langem, schweren Leiden in Berlin gestorben. Auch der Centralv'ereitt beklagt den Verlust eines treuen Freundes und Förderers. Kürzlich fand in Rostock die feierliche Einführung von Rabbiner Dr. D. A. Winter^ Lübeck, in das Landesrabbinat Mecklenburg statt. Die Mitglieder der Gemeindevertretung und der Gemeinde Rostock waren zu diesem Akt in der Synagoge vollzählig erschienen. Direktor Max Samuel, Rostock, begrüßte im Namen des Oberrats den neuen geistigen Führer. Am 15. März wurde Dr. Winter im Anschluß an dre, Landesversammlung den Gemeindevertretern aus ganz Mecklenburg in der über hundert Jahre alten Synagoge zu Güstrow vorgestellt. T-er Vorsitzende der Güstrower Gemeinde, Rechtsanwalt Max Marcus, wies aus die Größe der Anfgäben hin, die dem neuen Landesrabbiner gestellt sind. In Kassel verabschiedete sich am 27. Marz Landrabbiner Dr. Walter, nachdem er dort 17 Jahre segensreich gewirkt hat, von seiner Gemeinde, um in den Ruhestand zu treten. Dr. Walter, früher in Bromberg, trat sein Amt in Kassel im September 1919 an. Er hat in dieser Zeit sein Amt in Stadt und Land mit der ihm eigenen Willenskraft und Umsicht geführt. Jm Namen des Vorsteheramtes widmete Dr. Heß, rm Namen der Gemeinde Hans Mosbacher dem Scheidenden, der seinen Wohnsitz nach Berlin verlegt, Worte der Anerkennung und des Dankes. Das Elternhilfswerk für die jüdische Jugend E V, das seine Aufgaben darin erblickt, in enger Zusammenarbeit mit Behörden, Schulen und Elternschaft begabten Schülern die Vollendung ihrer Schulausbildung zu ermöglichen und zu erleichtern und sie in allen Bildungsfragen zu beraten, hielt seine ordentliche Mitgliederversammlung im Vortragssaal der Synagoge Fasanenstraße, Berlin, ab. Es war eine Neuwahl des Vorstandes erforderlich geworden, da sich einige bewährte Vorstandsmitglieder gezwungen sähen, aus persönlichen Gründen ihre Aemter zur Verfügung zu stellen, darunter auch der 1. Vorsitzende Rechtsanwalt S ch w a r z und die bisherige 1. Kassenführerin Frau M i d a s. Der die Versammlung leitende 2. Vorsitzende, Walter C a l l m a n n, sprach dem ausscheidenden Vorsitzenden den ganz besonderen Dank für seine dem E. H. W. geleisteten Dienste aus. Zum 1. Vorsitzenden wurde einstimmig Senatspräsident i. R. Dr. Spittel gewühlt, zum Kassenwart Emil F r i d b e r g. Auch dem erweiterten Vorstand wurden wertvolle neue Kräfte gewonnen. Ihrer und aller Mitglieder hingebungsvoller Mitarbeit bedarf das E. H. W. in Zukunft um so mehr, als die bevorstehende Neuordnung des jüdischen Schulwesens erhöhte Anforderungen an seine Tätigkeit stellt. Ein aus Mitgliederkreisen gestellter Antrag, den Mitgliedsbeitrag von bisher nur 4 RM jährlich zu erhöhen« wurde daher freudig begrüßt. Der Jugendverein Gabriel Nietzer, Köln, der vor einigen Wochen aus dem früher neutralen, jetzt zionistischen Verband der jüdischen Jugendvereine ansgeschieden ist, hat zu bestehen aufgehört.^ Das Vermögen wurde der Jüdischen Winterhilfe zugeführt. Der Verein zählte in seiner Blütezeit nahezu 1000 Mitglieder. Das Erholungsheim Lehnitz bleibt von Montag, dem 6. April, bis Mittwoch, dem 15. April, geschlossen. Am 15. April wird es wieder für erholungsbedürftige Erwachsene und Kinder geöffnet. Anmeldungen rechtzeitig erbeten im Büro des Jüdischen Frauenbundes, Berlin- Grunewald, Königsallee 11a. Tel. Hochmeister 3746. Sprechstunden: Dienstag von 4 bis 6 Uhr und Freitag von 11 bis 1 Uhr. Gymnastisch-orthopädisches Institut Alice Blych, Stuttgart, Zeppelinstrüße 32 (gefördert von der Reichsvertretung der Juden in Deutschland und vom Oberrat der Jsraelitschen Religionsgemeinschaft Württembergs), beginnt am 17. April einen einjährigen Lehrgang zur Ausbildung von Turn- und Sportlehrern. Schulgeld monatlich 35 RM. Das Kind suchte nach Ausdruck: „Aber Sie kämpfen ja noch —" erwiderte es schließlich. „Sie lausen herum im Regen mtd guälen sich, und sind geduldig —" „Was für Worte, du Kind — es wäre besser, du würdest mich nicht verstehen und lieber über mich lachen — Aber du hast deü Atem der Zeit verspürt — viel zu früh verspürt — —" Er legte seine große, ein wellig zitternde Hand auf den dunklen Jungenskopf: „Gott erhalte dich deinen Eltern :- „Vater ist fort murmelte Martin und sah mit beschwörender Bitte in dgs fremde Gesicht: „Wir bangen uns so sehr nach ihm, Mutter und ich —" „Er wird euch bald zu sich holen — du weißt doch, daß man glauben soll, nicht wahr? Was heißt denn, fromm sein? Sich Gott überlassen — — ob er nun deinen Vater von euch gerissen hat, oder ob er mich herumschickt mit dem Seifenkasten —> denke nach, mein Junge — was bedeutet es denn, in Gottes Hand zir sein?" Er stand aus, griff nach Hut und Koffer, dann beugte ep sich zu Martin herab und drückte seine Wange an die des Kindes. Martin ließ ihn gehen; er blieb reglos, auch nachdem die Türe ins Schloß gefallen war. Als er sein Alleinsein begriff, begann er plötzlich daran zu zweifeln, ob eben noch ejn Gast bei ihm gewesen war. Unwirklich und wie ein Bild seiner lebhaften Phantasie erschien ihm dieser alte Mann — — — Aber eine seltsam wohltuende Sicherheit hatte sich aus das Kind gesenkt. Er setzte sich an sein Pult und begann von neuem, den Bogen mit seinen Pinselstrichen zu bedecken. Es wurde eine zarte, goldene Morgenröte — darunter lag ein dunkles Feld, ganz im Dämmer. Aber die Wolke, die von Osten aufzog, warf einen Glanz über das nächtliche Tal-— Das Kind lächelte vor sich hin. Km den Musikzeitschriften Das Märzheft der deutschen Monatsschrift „Die Musik" besaßt sich mehrfach ausführlich mit dem Problem der Betätigung von Juden aus Musikalischem Gebiet. Die Zeitschrift bringt (größtenteils halbseitig) die Porträts von Weilt, T p ch, K l e m p e r e r, M a h [et, Offe li b n ch. Me herbeer, Mendelssohn, Schönberg. Die Aufsätze: „Felix Draeseke als Judengegner" von Erich Roeder, „Der Jude als Musiksabrikant" von Julius Friedrich, „M e n d e l s - sohN, Mahler und wir" von Richard Litterscheid. Dem zuletzt genannten Aufsatz entnehmen wir folgendes: „Die auffällige Tatsache, daß zwei jüdische Komponisten wie Felix Mendelssohn-Bavtholdy und Güstao Mahler sich in der Musikgeschichte des deutschen Sprachraums einen sö hervorragenden Platz eroberten, könnte auf den ersten Bück hin leicht zu einer irrigen Beurteilung jüdischer Schöpferkraft verleiten, die den Erfahrungen und der Auffassung der nationalsozialistischen Bewegung zuwiderliefe und ins Gesicht schlüge . . . Die Objektivität der nationalsozialistischen Weltanschauung ist zugleich die höchste Subjektivität in bezug aus das Volk, aus dem sie gewachsen ist. Also lautet die Frage nach der künstlerischen Schöpferkraft des Judentums . , . immer: handelt es sich objektiv um Schöpferkraft, um einen spezifisch jüdischen Formwillen? Oder handelt es sich nur subjektiv ürn ein Schöpfertum zufälliger Anlehnung und Einfühlung, näher bezeichnet: um eist Schöpfertum aus zweiter Hand?" Der Verfasser kommt zu dem Schluß, „daß Mendelssohn bei allem Respekt, den wir seiner Leistung zollen können, ohne uns etwas zu vergeben, nicht den Beweis für wirkliches Schöpfertum gegeben hat, das dem deutschen ebenbürtig oder gar noch gleichgeartet zur Seite zu stellen wäre". Zur Wiederaufführung der Bachschen „Matthäus-Passion" durch Mendelssohn schreibt der Verfasser: „Da damals nicht so wie heute das Gesetz der werkgerechten Bach-Wiedergabe bekannt war, läßt sich von uns aus sowiejo nicht überprüfen. w i e Mendelssohn Bach ausführte, und ob es nur darum der Mitwelt verborgen blieb, wie stark er Bach nach seinem eigenen Mustkgefühl musizierte, weil damals noch keine sichere Anschauung über Bach bestand." Ueber Mahler heißt es: „Mahler verkörpert einen anderen Typ des künstlerischen Judentums, als Mendessohn . . . Abet gerade diese völlig andere Haltung — Mendelssohn und Mahler erscheinen innerhalb ihrer Nassen trotz blutbedingrer Gemeinsamkeiten gerade als Gegenpole — liefert UNs das Material zu einer nochmaligen Verneinung des selbstschöpferischen Judentums innerhalb des deutschen Schaffensraumes. Selbst eine außerordentliche Begabung wie Mahler . . . unterlag dem unerbittlichen Zwange des Blutes, zerbrach an der großen inneren Zwiespältigkeit seiner Seele, die vergebens aus ihrer Welt hinausdrängte in Bezirke, die ihr nicht eigen waren." Ein jüdisches Konservatorium in Berlin Am 15. April wird in Berlin-Charlottenhurg die „Jüdische Private Musikschule Hollaender" eröffnet. Sie steht unter der künstlerischen Leitung von Susanne Landsberg-Hollaender; die Verwaltung des neuen Instituts liegt in den Händen von Kurt Holsaendör. Vorgesehen ist Unterricht in allen Fächern, die normalerweise an Konservatorien gepflegt werden. Als Lehrkräfte sind bisher u. a. gewonnen: Für Gesallg neben Susanne Landsberg- Hollaender Wilhelm G u t t m a n n, für Klavier, eingeteilt in fünf Stufen, Rita Hirschberg, Wolfgang Rose, Margarete R o s e n st e i n und ab August 1936 Theodor S ch a e n b e r g e r, für Violine, ebenfalls nach Ausbildungsstufen gestaffelt, Werner L y w e n, Kurt Oppenheimer und Frieda Peters-Mosheim, für Violoncello Ernst S i l b e r st e i n und Fritz Wallende r g, für Kontrabaß Äudvlf L e v y. Acht Blüserklassen werden von den Soloblüsern des Berliner Kulturbundorchesters geleitet. Für Schlagzeug, Accordeon und Gehörbildung wurde Kurt sali n g e r, der, wie auch einige andere Lehrkräfte, aus dem früheren Sternschen Konservatorium für Musik zu Berlin hervorgegangen ist, gewonnen, für Orgel Erwin I o s p e, für Zupfinstrumente Helmut Spittel. Gertrud Wertheim hat die Eembaloklasse übernommen und leitet außerdem ein Collegium Musicum, in dem Kammermusik und chorisches Musizieren gepflegt wird. Rudolf Schwarz ist für die Kapellmeister- und Orchesterklasse, den weltlichen Chorgesang und die Unterrichtung in Kammermusik vorgesehen, während für geistlich-synagogälen Ehorgesang, Theorie. tarmonielehre und Kontrapunkt Dr. Oskar U t t m a n n verpflichtet worden ist. Er ist auch der Leiter des der Musikschule angegliederten Beth-Hachasanim. einer regelrechten Borbeters ch u l e, in der hauptamtlich tätige Vorbeter für größere Gemeinden ausgebildet werden sollen. In dieser Kantorenschule, deren Schaffung die Zustimmung des Schuldezernäts der Berliner Indischen Gemeinde wie auch der Jüdischen Lehrerbildungsanstalt zu Berlin gefunden hat, werden jüdische Wissenschaftler durch Kurse und Vorträge die Kenntnisse der Besucher, die übrigens nickst Abiturienten sein müssen, ans allen Gebieten jüdischen Wissens erweitern und vertiefen. In dem neuen Konservatorium halt Dr. Anneliese Landau Vorträge über Musikwissenschaft und Dr. Hermann Schildberger Sondervorträge über noch zu bestimmende Themen. Die Höhe der Schüler Honorare ist den Zeitumständen entsprechend festgesetzt. Am Semesterschluß werden jeweils Nebergangsprüfungen abgehalten, die endgültigen Abschlühprüfungen, über die eine Bescheinigung ausgestellt wird, vor einer gemischten externen Kommission. Alles weitere ergibt sich aus dem Prospekt, der von der Geschäftsstelle der^ Musikschule, Berlin-Charlottenburg 4, Sybelstraße 9, I., zu beziehen ist. E. G. L. Das in Nr 12 der C.-V.-Zeitung vom 19. März erwähnte Heft „Zehn Lieder" vvn Hugo Adler ist neuerdings in den Verlag M. W. Kaufmann, Leipzig 0 1, übergegangen.