Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 15 (1936) - farbig
- Issue
- 14 (2.4.1936)
- Date
- 1936-04-02
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 144, Fußnote 8). Die Erbauung der Pyramiden bietet trotz eingehender Untersuchungen (Kees S. 149, Fußnote 6) manches ungelöste technische Problem. lieber die zum Ziegelstreichen) Materialschleppen usw. verwendeten Hilfskräfte, namentlich im Neuen Reich unter Ramsesll., stammen unsere Kenntnisse hauptsächlich aus dem Bildermaterial. Die Masse der Stein- und Ziegelarbeiter wurde aus den Kriegsgefangenen und sonstigen Hörigen gestellt; die Arbeitertrupps waren unter Vorarbeitern und Airssichtsbeamten militärisch organisiert. Wie Rohlinge unter Fessach Von Lise Lewinnek (Königsberg i. Pr.) Einst zogen auf des Herrn Geheiss die Väter Aus bitt’rer Knechtschaft in dem fremden Land — Sie zögen durch die wilden Wasser, die sich teilten — Sie zogen durch der öden Wüste heissen Sand. Und wenn sie dürsteten, dann wurd’ der harte Stein Zur sprudelnd kühlen Wasserquelle wieder — Und wenn sie hungerten, dann fiel vom Himmel selbst Das Manna — köstlichste der Speisen —nieder. Und als im Tod sich Moses Augen schlossen, Kaum dass vom Berg sie Kanaan gesehn — — Da Hess der Herr sein Volk, von Ihm geführt, Froh in die Lande der Verheissung gehn. den Truppführern ihre Stellung schamlos mißbrauchen, ist uns aus erhaltenen Klagschristen bekannt (vgl. Kees S. 170). Als Pharao des Auszugs wird allgemein Menneptah (1225—1215) angenommen. Unter seiner Regierung traten nach dem Tode des Vaters, Ramses II., Ereignisse ein, welche die Existenz des ägyptischen Staates in Frage stellten. Ueberall an den Grenzen des Reiches erhoben sich kriegerische Horden und Nomaden und bedrohten das Land schwer. Der Siegeshymnus aus dem 5. Regierungsjahr des Menneptah ist auf einer Säule eingegraben, welche 1896 in der thebanischen Totenstadt von Flinders P e t r i e ausgegraben wurde; in dieser Inschrift wird als einer der besiegten Stämme auch der Israel-Stamm genannt. Die allgemeine politische Lage erforderte damals ein Einlenken des Pharao, der das unsichere Element dieses Stammes über die Grenze verwies. Die Auszugserzählungen der Bibel und unserer Pessach-Haggada sind von den historischarchäologischen Befunden unabhängig. Die Resultate der modernen Aegyptologie und die zum zeitlosen heilsgeschichtlichen Ereignis gewordene „Befreiung aus dem Lande Aegypten" sind grundverschiedene Konzeptionen: der historische Befund in Zeit und Raum wird wie jedes Einzelereignis aus unserer Geschichte jederzeit die höchste Aufmerksamkeit unter uns beanspruchen. Der biblische kanonische Text, den die Haggada rezipiert, bleibt unaytastbares religiöses Glaubensgut von hervorragend praktischer Bedeutung. Indem wir den Wortlaut dieser Bibelstellen rezitieren, ziehen wir selbst noch Zeit bleiben Zutat und Schmuck, nicht umgeeinmal aus dem „Haus der Knechtschaft", samkehrt; die Pharaonen der Bedrückung und des meln wir in uns Zuversicht und Gottvertrauen. Auszugs tragen in der religiösen Ueber- Tie historischen Bestätigungen der neuesten lieferung keine Namen. Von des Volkes Würde / A.: Als im Mittelalter die Juden einer englischen Stadt verfolgt wurden, zogen sie sich in eine Burg zurück. Lange verteidigten, sie sich tapfer, mußten dann jedoch erkennen, haß weiterer Widerstand nutzlos war. Die sichere Niedermetzelung vor Augen, forderten sie ihre geistigen Führer aus, sie zu töten. So starben sie einer nach dem anderen von Freundeshand. Als die Feinde in die Burg drangen, eroberten sie eine Leichenschar. 6.: Ein erschütternder Hergang. Ich kenne ihn. A.: Würdest du den Tod der Juden eine Heldentat nennen? 6.: Sie ist um so größer, als die Verfolgten nach tapferer Gegenwehr und mit hellem Bewußtsein sielen. A. : Wäre also in höchster Not würdiger, die Vernichtung zu suchen, als sie abzuwarten? B. : Das muß ich schon dem einzelnen verneinen, noch mehr einem ganzen Volk. A. : Bei jenem Ereignis.handelt es sich nicht um ein Volk, sondern nur um einen Teil der englischen Juden. Außer ihren Stammesgenossen im Jnselreich gab es noch Juden in Frankreich, Italien, Deutschland, Rußland und so fort. B. : Du hast recht. A. : Do bitte, begründe einmal deine Ansicht über äußerste Not des einzelnen und des" Volkes. B. : Schon der einzelne hat gewiß kein Recht, dem vermeintlich nahenden Tod zuvorzukommen, weil die Ansicht darüber, ob eine Lage verzweifelt sei oder nicht, immer unsicher sein wird. Nur wenige sind imstande, in höchster Gefahr auch nur einigermaßen klar zu beurteilen, ob eine Verlegenheit unabänderlich, abwendbar oder vorübergehend fei. A. : Weshalb sollte aber, wie du sagtest, ein Volk noch weniger verzweifeln dürfen als der einzelne? B. : Ein Volk hat unter keinen Umständen zu verzagen. A. : Auch nicht, wenn sein Lebensnerv, seine Ehre, verletzt ist? B. : Die wahre Ehre eines Volkes ist unverletzlich, sie kann gedrückt und gepreßt, aber nicht wirklich beschädigt werden. Schon in bezug auf den einzelnen sagte Bismarck, das Blaß seiner Ehre bestimme er selber, niemand könne ihm etwas dazu geben, niemand etwas davon nehmen. A. : So kann wohl nicht jeder sprechen. Das gilt wohl nicht immer. B. : Für ein Volk trifft es unter allen Umständen zu. In der Menschenwelt ist die Ehre ein Passierschein, der seinem Inhaber das Recht verleiht, unbehelligt und freundlich gegrüßt seinen Weg zu nehmen. Alles, was nur einmal da ist, kommt mit dem Ehrenschein aus die Welt, damit es in seiner Ein--*' maligkeit nicht verloren gehe. Es soll erhalten bleiben. Der einzelne besitzt den Ehrenschein, obwohl er sich von seinesgleichen nur wenig unterscheidet. Besonders große, feierliche Siegel hängen an der Ehrenurkunde eines Volkes. Seine Einmaligkeit ist strahlend deutlich, unverkennbar hebt es sich von jedem anderen ab. Würde es aus dem Völkerstrauß gezupft, wäre seine natürliche Fülle, seine Ordnung und Schönheit, dahin. A. : Da alle Völker gleich ewig sein sollen, haben wohl auch alle gleichviel Ehre? B, : Das sollte ich meinen. A. : Wenn ein Adels- oder Herrenvolk — B. : Jedes, an sich selbst gemessen^ist ein Adelsvolk. Es gibt aber nur das eine Maß. A. : Wenn eine sehr stolze Gemeinschaft wie die jener'englischen Juden von einer Macht überwältigt wird, könnte-doch auch die Ehre der Gemeinschaft verlorengehen und die Würde, oder was im Augenblick so scheint, es fordern, daß man freiwillig aus dem Licht der Sonne scheidet? B. : Uebersällt den einzelnen ein schweres Unglück, ist zu verstehen, wenn er den Kops verliert. Er hat nur seine eigene geringe Kraft. Fühlt er sich aber in der Gemeinschaft verletzt, so rst er nicht nur aus sich angewiesen. Er gehe in sich und dringe bis zu jener Tiefe, in der er mit seinem Ganzen zusammenhängt — wie Zweig und Stamm. Durch den Zweig strömt von den Blättern her Kraft zum Stamm. Noch mehr Kraft aber geht vom Stamm, der sie von der Wurzel empfing, in den Zweig über. So gibt die Gemeinschaft dem einzelnen viel mehr Selbstvertrauen, Mut und Stärke, als ihr von dem einzelnen zugeteilt wird. A. : Bewahrt die Hilfe sich in jedem Unglück? B. : In jedem! Wie nennt man Unglück noch? A. : Prüfung? B. : Prüfung! Was wird geprüft? Ob das Wesen verdiene, als etwas Eigenes, Unvergängliches zu bestehen. Prüfung ist keine Tändelei. Was geprüft werden soll, wird von Fluten überschwemmt, von Laugen geätzt,. von Feuer geglüht, auf dem Amboß gehämmert. Dabei springt hier und da ein Stück ab, doch das Ganze schrumpft zusammen, um fester zu werden, es wird härter und besser,« als es vorher war. Die unumgängliche Zertrümmerung der armen englischen Juden traf ja nur einen kleinen Teil. Die Hauptmasse sieht ihre Würde vor sich ausgerichtet in einer Fahne: „Lebe!" und folgt ihr nach. ___ Siegfried Jacoby. Alfred Stern Ein Nachruf von Dr. Guido Leser Die Geschichtswissenschaft und das Judentum haben einen unersetzlichen Verlust erlitten: Professor Alfred Stern in Zürich, der Nestor unter den Historikern, ist am 24. März im ehrwürdigen Alter von 89 Jahren entschlafen. Auch in ihm hat sich das Wort seines Lehrers Leopold v. Ranke , erfüllt, der Historiker müsse alt werden, weil ein kurzes Dasein für den unermeßlichen Umfang der Studien nicht genüge. Alfred Stern war als Sohn des berühmten Mathematikers Professor Moriz Abraham Stern (1807—1894) am 22. November 1846 in Göttingen geboren. Er besuchte dort das Gymnasium und widmete sich dann an den Universitäten Heidelberg, Güttingen und Berlin dem Studium der Geschichte, ^eine hauptsächlichen Lehrer waren Ranke und Georg Waitz. 1872 habilitierte er sich an der Hochschule seiner Vaterstadt. Schon im Jahre darauf wurde er als Professor an die Universität Bern berufen. 1887 erhielt er die Professur für Geschichte am Eidgenössischen Polytechnikum in Zürich, wo er bis vor wenigen Jahren in unermüdlicher Lehrtätigkeit gewirkt hat. Sterns wissenschaftliches Lebenswerk ist von erstaunlichem Reichtum. Seine wichtigsten früheren Veröffentlichungen sind: „Milton und seine Zeit" (zwei Bünde, 1877—1879); „Geschichte der Revolution in England" (1881, 2. Auflage 1898); „Abhandlungen und Aktenstücke zur Geschichte der preußischen Reformzeit 1807—1815" (1885); „Das Leben Mirabeaus" (zwei Bände, 1889). In die erste Reihe "der zeitgenössischen Geschichtsforscher aber trat er durch seine monumentale „Geschichte Europas seit den Verträgen von 1815 bis zum Frankfurter Frieden von 1871".' Dieses Zehnbändige Werk, von dem heute der größere Teil bereits in zweiter Auflage vorliegt, rst in den Jahren 1894 bis 1924 erschienen und stellt ein bewundernswertes Zeugnis höchsten Forscherfleißes dar. Aus einer Fülle gedruckter wie handschriftlicher, namentlich archivalischer Quellen schöpfend, ist Alfred Stern bemüht gewesen, innerhalb der Geschichte der einzelnen Völker und Staaten Europas die großen gemeinsamen Grunbzüge zur Anschauung zu bringen. Dabei ivar er von der Ueberzeugung geleitet, „daß trotz der lebensvollen Mannigfaltigkeit der einzelnen Erscheinungsformen die europäische Menschheit auch im neunzehnten Jahrhundert eine Gemeinschaft bildet, die gleichsam dieselbe Luft politischer, wirtschaftlicher, künstlerischer und wissenschaftlicher Ideen atmet". Während der dreißig Jahre, die zwischen dem ersten und dem letzten Bande lagen, hatte sich die äußere und die geistige Physiognomie Europas in tief einschneidender Weise verändert. Wehmütig mußte Stern im Vorwort zum letzten, zumal den Deutsch-französischen Krieg behandelnden, Bande feststellen: „Der angebliche Friede, der auf den vierjährigen Weltkrieg gefolgt ist, hat „die Ideen- und Interessengemeinschaft" der Völker Europas, die ich in der Einleitung meines Werkes geglaubt hatte, als eine in der Regel feststehende Tatsache annehmen zu dürfen, noch nicht wiederhergestellt." Neben seinen großen Werken hat Stern in zahlreichen Reden, Vorträgen und Abhandlungen Belehrung und Anregung geboten; eine Auswahl unter Ihnen hat er (1914) zu einem anziehenden Sammelbande vereinigt. Noch als Achtzigjähriger hat er für die Prophläen-Weltgeschichte den Abschnitt über die französische Revolution geschrieben, hat den Einfluß dieser Bewegung auf das deutsche Geistesleben untersucht und hat in einer kleinen Schrift eine ausgezeichnete Geschichte der demokratischen Ideen in den letzten vier Jahrhunderten gegeben. Erst seit ihm vor zwei Jahren die Gattin durch den Tod entrissen worden war, ist seine Schaffenskraft müde geworden. Aber er blieb der aufmerksame Beobachter der Zeitereignisse, und noch vor wenigen Wochen, als schon sein Körper mehr und mehr den Dienst zu versagen drohte, entzückte er die Besucher durch die unvergleichliche Frische und Klarheit des Geistes. Alfred Stern war ein treuer Sohn seiner Heimat, er hatte seit mehr als sechs Jahrzehnten in der, Deutschen Schweiz eine Zweite gefunden, hat sich aber nicht entschließen können, seine deutsche Staatsangehörigkeit abzulegen. Hatte er es doch nie vergessen, daß seinem Vater, der den Lebensabend im Hause des Sohnes verbracht hat, als erstem Juden in Deutschland (1859) eine ordentliche Professur übertragen worden war. Die gleiche Treue hielt der berühmte Historiker seinem jüdischen Glauben. Die „Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland" konnte ihn zu ihren Herausgebern zählen. Das Andenken an Alfred Stern, den großen Gelehrten, den weisen und gütigen Menschen, wird nicht erlöschen. nicht viel zu sehen. Der Markt prangt voller schönster Gemüse und Früchte, die alle Berliner Haussrauenherzen begeistert hätten. Mongolen verkaufen dort ihre Waren, überbieten sich im Unterbieten. In Manchouli sehe ich zum erstenmal eine Frau mit verkrüppelten winzigen Füßchen; die Unsitte wirkt bei ihr um so grotesker, weil sie ein Kind auf dem Rücken und eins unterm Herzen trägt und jeden Augenblick umzusallen droht. Vor einigen Häusern stehen merkwürdig geformte Holzkästen — Särge, wie man uns erklärt. Ein Zeichen, daß in diesem Haus vor kurzem jemand gestorben ist. Nach einstündigem Spaziergang haben wir alles Sehenswerte Manchoulis in Augenschein genommen, sogar eine Karawane, die sich für die Nacht im Wüstensand außerhalb des Ortes niedergelassen hat. Die Kehle ist rauh von dem Staub, den uns der Wind ins Gesicht weht, die Sonne schwindet, es wird eiskalt. Wieder ist das Stationsgebäude unsere Zuflucht, eine Unmenge Postkarten werden geschrieben, verschickt. Und dann geht auch dieser Tag unter Erzählen vorbei wie alle die übrigen Tage. Die Nacht beginnt. Mit Gelächter und Hallo werden die neuen Quartiere bezogen, man richtet sich, so gut es geht, für diese Nacht ein, findet sich mit Humor in das Ungewöhnliche der Situation, besichtigt jedes einzelne vollgepfropfte Abteil, um sich beruhigt in das eigene zurückzubegeben, mit dem Gefühl, daß die anderen auch nicht bequemer untergebracht sind als man selber. Schnell schläft man nach dem anstrengenden Tag ein. Wie lange ich so geschlafen habe — ich weiß es wirklich nicht. Ich weiß nur, mich juckt's. Hier und da und dort, unaufhörlich. Ich mache Licht. Ha! Eine Wanze! Schnell ist das Biest zerdrückt. Licht aus! Weiter ' schlafen. Wieder wache ich auf, wieder juckt's mich. Diesmal ganz wo anders. Ich habe doch das Ding getötet und nun? Ich hatte die Beileidsbesuche vergessen! Wieder geht die Jagd los, wieder erlege ich ein Getier, lege mich auf die andere Seite, döse ein. Bis mich ein neuer Plagegeist endgültig aus dem Abteil treibt. Nachts um 2 Uhr verlasse ich das gastliche Quartier, versuche erst mein Heil im Stationsgebäude. Das Restaurant ist selbstverständlich geschlossen, im Zollraüm stehen einige Bänke. Aber es sitzt sich Hart drauf, verdammt hart, und es zieht erbärmlich. Nach einer Stunde gebe ich es auf, gehe ins Freie, durch das Städtchen hinaus in den Wüstensand, zu der Karawane, die von hier aus morgen ihre Reise in die Wüste Gobi antreten wird. Wie in einem Märchen aus 1001er Nacht liegen die Silhouetten der Zelte, der Tiere, der schlafenden Menschen vor mir, überdacht von einem sternbesäten Himmel. Einsamkeit. Weltäbgeschiedenheit. Unwirklich dünkt mich meine Anlvesenheit an diesem Platz. Unbewußt falten sich die Hände. Bösartiges Gekläff eines Hundes weckt mich aus Versunkenheitz mahnt zur Umkehr. Immer wütender wird das Bellen, immer schneller laufe ich zurück, erreiche den Wagen, schlage die Tür zu. Wild springt der Hund an der Wagentür hoch, böse, verbissen funkeln die Augen. Nur ungern trollt er endlich ab. An Schlaf ist nicht mehr zu denken, ich starre im dunklen Gang zum Fenster hinaus. Stunden um Stunden. Endlich, endlich beginnt es zu dämmern. Bald ist es ganz hell. Noch eine Stunde und noch eine. Dann endlich gibt es für eine Uebernächtigte heißen Kaffee. Die Abfahrtszeit rückt näher, es ist kurz vor ILIO Uhr. Die Mitreisenden — unter ihnen jetzt viele Japaner — lassen sich schnell noch ein paarmal photographieren, photographieren auch selber unentwegt. Das scheint hier draußen eine große Leidenschaft zu sein. Dann geht es ans Abschiednehmen. Verbeugungen ohne Ende, bis zur Erde, immer und immer wieder. Dieses Zeremoniell ist noch neu für mich, ich kann mich gar nicht satt sehen. Pünktlich fährt der Zug ab, eskortiert von einer stattlichen Anzahl japanischer Soldaten, die den Zug gegen Ueberfälle chinesischer Banditen beschützen sollen. Schon in Manchouli hat man uns auf die Banditengesahr aufmerksam gemacht. Die Mitteilung erschüttert mich jetzt nicht mehr so sehr. Aber die Bemerkung, daß Banditen auch als Reifende den Zug besteigen und dann die Fahrgäste überfallen, macht mich nicht gerade besonders ruhig und glücklich. Einsam ist die Strecke dort oben in Manschoukuo. Steppe, Steppe, Steppe. Kein Baum, kein Strauch, nur gelbe von der Sonne ausgedörrte, verbrannte Steppe. Gegen Abend erst bekommt die Landschaft ein anderes Gepräge. Bewaldete Bergketten werden sichtbar. Sichtbar, aber wie! Meilenweit brennen die Bergrücken, hervorgerufen wohl von der ungeheuren Hitze. Stundenlang begleiten uns die Feuermassen aus der Ferne. Ein schaurigschöner Anblick, unauslöschlich. In dieser Nacht im mandschurischen Zug — ein japanischer Soldat wacht vor meinem Abteil — schlafe ich trotz Banditengesahr das erstemal seit der Reise fest und gut. Am nächsten Morgen muß ich mich von meiner Reisekameradin trennen. Zwei Stunden Aufenthalt habe ich in ihrer Heimatstadt. Zwei Stunden, die ich trotz ihres schweren Kummers und der Aufregungen, die sie daheim erwarten, bei ihr und ihren Eltern verbringen darf. Gastfreundschaft im Fernen Osten! Im Asia-Express bis Mukden Sechs „Reiseveteranen" finden sich zur Weiterfahrt ein. MuiDen ist unser vorläufiges Ziel. Diesmal ist es der Asia-Expreß, der uns unserem Reiseziel näherbringt, ein Wunder an Schnelligkeit und Schönheit. Das Erstaunlichste an diesem Luxuszug: er führt hauptsächlich 3.-Klasse-Wagen! Ihre Sitze, sind gepolstert und mit grünem Samt bezogen, durchaus bequem. Die Waggons sind übervoll. Die Abteile der 2. Klasse sind um etliche Nuancen komsortabler und auch noch leidlich gut besetzt. Die 1. Klasse ist höchst luxuriös eingerichtet, dasür aber — vollkommen leer. Sie besteht nur zur Hälfte aus Plätzen, die andere Hälfte des Wagens ist als Salon- und Aussichtswagen eingerichtet. Schreibtische sind ausgestellt, Briefpapier steht zur Verfügung. Schach- und Rauchtische. Bequeme drehbare Sessel, Bücher, Magazine, machen den Reisenden die Fahrt zur Annehmlichkeit. In Hsinking, der Hauptstadt Manchoukuos, gestattet uns ein etwas längerer Aufenthalt die Lokomotive (in einem tiefen Jndigoton gehalten) zu bewundern. Ihre Stromlinienform drückt den Luftwiderstand aus ein Minimum herab. Ihr Gewicht ist durch ein besonderes Kompositum in den Materialien stark reduziert. Darum das tolle Tempch in dem der Expreß durch Manchukuo braust. Im Asia-Expreß gewinne ich zum erstenmal einen Einblick in japanische Sitten. Warm ist es im Wagen, warm auch für die Japaner, die sich, ohne Schuhe, mit den bestrümpsten Beinen aus dem gegenüberliegenden Sitz, wohlig aus strecken. Besonders einem von ihnen scheint es in europäischer Kleidung nicht sonderlich zu behagen. Langsam, fast feierlich, fängt er an, sich auszuziehen, jedes einzelne Stück wandert, fein säuberlich und sorgsam zusammengelegt, in den Koffer. Das Jackett, die Weste, die Hosenträger, die Hosen — die Unterhosen. Es bleibt einem nichts erspart.^ Wiederum langsam, fast feierlich, wird der Kimono angezogen. Die Engländerin weiß vor Verlegenheit nicht, wo sie hingucken soll, ihr „shocking, shocking" macht die Sache nur noch komischer. Ich aber werde von unseren Reisebegleitern, die ja schon jahrelang im Fernen Osten leben, belehrt, daß ich mich von nun ab an so einen Anblick gewöhnen müßte, ebenso wie an das Ausspucken, das hier in ganz-großem Stil betrieben wird. (Fortsetzung folgt) j