Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 15 (1936) - farbig
- Issue
- 14 (2.4.1936)
- Date
- 1936-04-02
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
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Mennephtah ■ Fot.: Archiv Sonnenfeld-Berlin Die Weltgeschichte ist dem glmibigen Juden und all denen unter uns, welche den Aufenthalt Israels in Aegypten, wie ihn Bibel und Haggada erzählen, als wegweisende Schicksalsdeutung von ewiger Gültigkeit hinnehmen, identisch mit der Erlösung des jüdischen Stammes. Die gottgelenkte Geschichte des Auszugs aus Aegypten und die Sinai- Offenbarung sind in dem uralten jüdischen Geschichtsbewußtsein nicht geographisch und chronologisch beurkundete Vorkommnisse wie andere Vorgänge, sondern göttliche Fügungen in der Heils- und Erwählungsgeschichte Israels, kosmische Ereignisse in geschichtlicher Hülle. Alle im ersten Buch Mose, in der „Genesis" berichteten Ereignisse sind Vorbereitungen des „Auszugs": nachdem in der Genesis erzählt ist, wie das Volk der Kinder Israel entstanden und nach Aegypten gekommen ist, dreht sich der weitere Geschichtshergang um das große Wunder, wie Israel durch den Gott seiner Väter, den Gott Abrahams, den Gott Isaaks und den Gott Jakobs aus dem Hause der Knechtschaft herausgesührt worden ist. Von Dr. Ludwig Feu Gegenüber dem „religiös-moralischen Rationalismus" des 19. Jahrhunderts sind die Erzählungen vom Auszug aus Aegypten genau so unverwüstlich und abzugslos gültig wie gegenüber den Forschungen und Entdeckungen der modernen Aegyptologie, wie überhaupt gegenüber der noch so authentischen und philologisch-historisch gesicherten Zuteilung aller in der Bibel vorkommenden Personen, Zustände und Geschehnisse zu konkreten historischen Daten. Im Verhältnis zu der metaphysisch-theologischen Sphäre der Bibel in der Form der Geschichtswiedergabe hat die Aufbereitung des tatsächlichen historischen Stoffes ihrerseits in der ganzen Mannigfaltigkeit der Erscheinungen nach strengen wissenschaftlichen Methoden ihr. eigenes Recht. Der Mundschenk des Pharao und der Bäcker, deren Träume Joseph im ägyptischen Gefängnis deutet, bedürfen nicht des Kommentars unserer modernen Aegyptologen, die ausführliches archäologisches Material über die Beamtenhierarchie, über Küche und Keller am Hose der Pharaonen herbeigeschasft haben. Die tatfächlichen Gepflogenheiten, Sitten und Gebräuche im „alten", „mittleren" oder „neuen" Reich, wie sie uns jetzt aus den Ausgrabungen in überreicher Fülle erschlossen sind, mögen als ausschmückende Illustration zum biblischen Bericht wie zahlreiche berühmte spätere Midraschim, zur willkommenen Ergänzung unserer religiösen Erinnerungen, hingenommen werden. Dem gleichen Zweck kann ruhig etwa auch die Erörterung der von dem jüdischen Gelehrten P ahuda im Jahr 1929 behandelten und viel umstrittenen Frage dienen, ob die Sprache unseres Pentateuch sich wirklich, wie Pahuda bewiesen zu Haben glaubt, im Unterschiede von der aramäisch-kananäischen in einem ägyptischen Milieu gebildet habe und daß dies nur in der Zeit geschehen sein könne, als. Israel in Aegypten'war. Die höfischen Formeln und Wendungen aus der ägyptischen Zeremonial- und Amtssprache, Titel und Würden, ferner Redensarten und stehende Ausdrücke aller Art, ägyptische Lehnwörter und vieles andere deuten danach (nach den Ergebnissen in dem berühmten Werk „Die Sprache des Pentateuch in ihren Beziehungen zum Aegyptischen") auf die intime Bekanntschaft des Verfassers des ersten und zweiten Buches Mose mit der sprachlichen, religiösen und kulturellen Welt des Pharaonenreichs. Die besten Kenner wie Spiegelberg und htwanger-München Bergsträsser haben die überraschende These Pahudas mit zwingenden Gründen 'be- ■ stritten. Das Land Gosen, das Joseph (nach Genesis 45, 10) dem Vater, den Brüdern und ihren Sippen anweist, wollen die Sachverständigen als das heilige Wadi Tumilat, ein Tal auf der heute vom Suezkanal durchstochenen Landenge, die das Rote Meer und das Mittelmeer schied, wiedererkennen. Die in der Bibel (Genesis 47, 13 bis 26) ausführlich berichteten Maßregeln Josephs zur Ernährung des Landes in Notständen spiegeln sich in den Zeugnissen und Nachrichten, die uns aus dem „Neuen Reich" über die Ordnung der Agrarverhältnisse, namentlich über eine geordnete Vorratswirtschaft erhalten sind. Die Erwähnung der Hebräer in der ausnehmend großen Zahl wiederausgefundener ägyptischer Urkunden hat seit Jahrzehnten die Fachgelehrten beschäftigt. Seit den Untersuchungen des vor einigen Jahren verstorbenen Münchener Aegyptologen Wilhelm Spiegelberg vor mehr als 30 Jahren („Der Aufenthalt Israels in Aegypten", Straßburg 1904) wird als hochgradig wahrscheinlich angenommen, daß der Pharao der Bedrückung Ramses II. aus der 19. Dynastie war; seit den Jahren seiner Regierungszeit (1292 bis 1225) wurden Hebräerstämme, die in der Amarnazeit und schon seit Thutmosis III. über Palästina fluteten, in Aegypten zu Frondiensten verwendet. Die von ihm erbaute neue Königstadt lag in Unterägypten, im Delta; dorthin (von Theben in Oberägypten weg) hatte sich seit etwa 1300 vor Ehr., der veränderten Weltlage entsprechend, das politische Schwergewicht des Landes zu verschieben begonnen. Man staunt über die Dimensionen der damals errichteten Kolosse, die uns aus der ägyptischen Kunstgeschichte geläufig sind. Ramses II. hat in seinen gegenreformatorischen Bestrebungen nach der „Ketzerzeit" der Amenophiden die Tempel der alten Götter wiederhergestellt. „Man kann wirklich sagen", bemerkt Adolf Er man in seinem Grundwerk „Die Religion der Aegypter" (S. 130), „daß es kaum ein Heiligtum in Aegypten gibt, das nicht auch seinen (Ramses des II.) Namen trüge." Die riesigen Steinbauten wurden mit Hilfe eines staatlichen Arbeitsdienstes errichtet. An der »-neuen Königsstadt von Ramses II. waren die Hebräer beschäftigt. Ueber die damalige Steingewinnung, den Transport aus den Steinbrüchen, namentlich über die Arbeitsmethoden Ramses II. Fot.: Archiv Sonnenfeld-Berlin ilili ftlltifiSI und die Baustoffe (Stein, Holz, Ziegel) haben wir jetzt eingehende und ganz spezielle Kenntnisse (vgl. neuerdings die beste Darstellung des Göttinger Aegyptologen Hermann Kees im ersten Abschnitt der „Kulturgeschichte des Alten Orients", München, Beck 1933). Das Haupthilfsmittel zur Verwendung großer Baublöcke bestand in Materialrampen aus Lehmziegeln. Der Bedarf an Ziegeln, die die Hebräer damals mitherstellten, ist genau berechnet worden. Das eigentlich Große und Staunenswerte war die Organisation der Arbeitertrupps. L. Croon hat zusammen mit Borchardt (Entstehung der Pyramiden, 1928) den Versuch gemacht, aus den erhaltenen Rampenanlagen an der unvollendeten Medum-Pyramide des Soris Leistungsfähigkeit der Anlage und den Arbeiterbedarf abzuschätzen. Eine einzige Lehmziegel-Rampe bedurfte zur Bedienung 2400 Arbeiter, dazu 300 Mörtelträger; Herodot gibt übertriebenerweise für die Cheops-Pyramide die Beschäftigung von 100 000 Mann an; Borchardt hält 36000 bereits für zu hoch gegriffen (vgl. Kees a. a. O., timt I.TOKIO- Von Hilde Rosenthal 1. Fortsetzung. Kurz vor Irkutsk folgt der Expreß dem Flußlaus der Angara. Auf der einen Seite schweift der Blick in das breite Angaratal, aus der anderen verwehren schroffe, steil abfallende Felsen weite Sicht. Aus den dicht bewaldeten, hohen Bergen stürzen kleine Wasserfälle. Die Natur wird immer großartiger, die Berge gewaltiger, der landschaftlich schönste Teil der Reise hebt an — die Fahrt am Baikalsee entlang. Größer als ganz Belgien (die Gesamtfläche beträgt 34 000 Quadratkilometer), liegt dieser tiefste Süßwassersee der Welt öde und verlassen da. Kein noch so kleines Fahrzeug belebt den See. Stille, Einsamkeit, Größe. Man kann nur schauen, schauen. Stunden und Stunden. Bis die Dunkelheit sich wie ein Vorhang über die Herrlichkeit des Sees senkt. Sibirien, wie es zu sein hat! Am nächsten Morgen präsentiert sich Sibirien so, wie man es der Vorstellung nach von dem Land erwartet: in grimmigster Kälte und in tiefstem Schnee. Daß unser aller Nasen einem so raschen Temperaturwechsel nicht recht gewachsen sind, läßt sich denken. Alle bibbern vor Kälte, alles schnupft und schneuzt sich. Es wird gemessen, geschwitzt, Medizin genommen. Der Nus nach „Tschaii" (Tee) reißt nicht ab. Aber das hindert uns nicht, jeden kurzen Aufenthalt des Zuges zu benutzen, um herauszulausen, sich die Beine zu vertreten. Wir haben Hunger nach Luft, es gibt schon längst keinen Staub mehr. Die Physiognomien der Menschen auf den Stationen ändern sich von Mal zu Mal, der asiatische Typ beginnt vorzuherrschen, wir sind in der Burjato-Mongolei — Asien tritt in seine Rechte. Chinesen und Burjaten zeigen sich in malerischer Tracht (wenn auch zum Teil zerlumpt), Russen, in ihre dicken Pelze gehüllt, betrachten neugierig jeden Fahrgast, Kinder fragen nach Süßigkeiten. Viel russisches Militär fährt jetzt im Zug, viel auch sieht man auf den Bahnhöfen. Besonders in Tschita, der letzten größeren Stadt vor der Manschukuo-Grenze. . . Roch eine Nacht bis M a n ch o u l i, der Grenzstation. Langsam nur bahnt sich der Zug seinen Weg durch die Höhenzüge des Jablonow-Gebirges, schwer nur kommt er vorwärts. Keiner von uns kann in dieser letzten Nacht im Transsibirischen Zug ein Auge zutun, wir sind zu aufgeregt, warten sehnsüchtig auf den Morgen, aus Manchouli. Niemandsland... Morgens um MIO Uhr Abschied von Sibirien, Abschied von Rußland. Das geht natürlich nicht ohne nochmalige genaueste Untersuchung ab. Wieder wird das Unterste zu oberst gekehrt, Bücher werden Stück für Stück herausgenommen, geschüttelt, durchgesehen, begutachtet, wieder zur Verfügung gestellt. Also los! Wieder von vorne ansangen mit dem Einpacken. Dafür liefert man seine Zettel für Paß, Geld, Wertgegenstände ab, bekommt den Paß vom Zugführer persönlich ausgehändigt. Der Abschied dauert ungefähr eine Stunde. Dann ist auch der letzte Fahrgast nebst Gepäck aufs gründlichste examiniert worden, das Zugpersonal, „Mr. Jntourist" inbegriffen, bleibt, bis aus zwei Mann, zurück, langsam, ganz langsam setzt sich der Zug in Bewegung, fährt zehn Minuten lang durch —Niemandsland ... t Manchouli — Manchoukuo Eine Grenzstation ist, was Koffer untersuchen anbetrifft, wie die andere. Auch der junge Staat Manchoukuo macht darin keine Ausnahme. Koffer raus aus dem Zug, rein ins Stationsgebäude, wiederum eine Stunde stehen, wiederum genaueste Untersuchung. Dabei stellt sich heraus, daß meine Bücher über Japan, die ich in Berlin zum Abschied geschenkt bekommen habe, ganz besonderes Interesse erregen, in der Hauptsache wohl wegen der ausgezeichneten Photographien, für die man hier draußen eine große Schwäche hat. Immer wieder vertieft sich der Beamte in die Bilder, fragt mich, wie oft ich schon in Japan war, ob ich es sehr liebe, erzählt mir, was ich mir alles ansehen müsse. Von Rechts wegen hätte ich ihm das Buch schenken müssen, wenn ich mit den japanischen Sitten bereits vertrauter gewesen wäre. Nach der Kosferuntersuchung im Bahnhofsgebäude setzt die allgemeine Pilgerfahrt zur Paßstelle ein. Das Manchoukuo-Durchreisevisum wird erst an Ort und Stelle erteilt. Eiskalt weht der Wind über die Hochfläche in Manchouli, ungefähr 20 Minuten liegt die Visastelle vom Bahnhof entfernt. Wir können uns zu dem Weg ruhig Zeit lassen. Der Anschlußzug ist verpaßt. Der Fahrplan der nordmandschurischen Bahn ist drei Tage vorher geändert worden. Wir können erst am nächsten Tage weiterfahren. Daß wir viel Zeit hatten, wußten anscheinend auch die Konsulatsbeamten. Sie brauchten fast drei Stunden, um über die Persönlichkeiten und Reiseabsichten der Fahrgäste ins Bild zu kommen. Die Fragen, mit der größten Zuvorkommenheit und unter den vollendetsten Formen gestellt, entbehrten oft nicht der Komik. Die Engländerin beispielsweise wollte nach Hongkong. „Wozu?" „Um meinen Sohn zu besuchen!" „Wo ist Ihr Sohn?" „Bei der britischen Marine!" ,Was ist Ihr Sohn?" „Offizier." „Was für einen Grad?" „Commander." „Wie alt ist Ihr Sohn, ist er verheiratet, hat er Kinder?" So schwirrt es eine Viertelstunde lang hin und her. Daß er verheiratet war und Kinder hatte, schien für die Gewährung ihres Visums ausschlaggebend zu sein . . . Ich dagegen hatte dem Beamten erst einmal auseinanderzusetzen, daß ich meinen im Paß angegebenen Beruf an den Nagel gehängt habe und als Sekretärin bei der und der Firma in Japan engagiert sei. Daher die Reise. Aber bis sie das verstanden hatten, verging natürlich geraume Zeit. Bis nach Manchoukuo ist das Wort „Umschichtung" noch nicht gedrungen. Nach Erledigung der Stempelformalitäten wurde ich dann noch so nebenbei gefragt, wie mir Sibirien gefiele. Wahrheitsgetreu konnte ich dem Beamten nur erwidern, daß Eisenbahnschienen in der ganzen Welt wohl ziemlich gleich aussühen, denn die Schienen aus und ab wäre mein einziger Spaziergang innerhalb Sibiriens gewesen. Auch die zweite Frage, wie ich Manchoukuo fände, konnte ich beim besten Willen noch nicht beantworten. Ich war ja schließlich gerade erst angekommen, war völlig durchfroren, müde von dem vielen Rumstehen, Aussragen, hatte Sehnsucht nach einem geheizten Aufenthaltsraum, nach Essen und heißem Kaffee. Er hatte ein Einsehen und entließ mich mit einer Verbeugung und den Worten: „Die Untertanen Manchoukuos würden sich freuen, wenn sich die Gäste in ihrem Lande wohlfühlten." Spaziergang in Manchouli Die erste Mahlzeit seit zehn Tagen auf festem Boden. Bei Tisch wird hin und her überlegt, wo wir übernachten, ob ins Hotel ziehen oder in einem für uns hergerichteten russischen Eisenbahnwaggon, der verlassen auf freier Strecke liegt. Wir entscheiden uns für die Eisenbahn. Nach Tisch: Besichtigung Manchoulis. Es ist ein winziger Ort, und eigentlich gibt es BRhin,»i warn