Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 15 (1936) - farbig
- Issue
- 14 (2.4.1936)
- Date
- 1936-04-02
- Page
- [Seite] (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Der jüdische Weg des XIX. Jahrhunderte Arthur Eloesser: Vom Ghetto nach Europa. Jüdische Buchvereinigung und Erich Löwe Verlag, Berlin. Arthur Eloesser will mit dem Titel dieses Buches nicht seinen Inhalt angeben, sondern sein Leitmotiv, sein Leidmotiv: das Judentum auf dem Weg vom Ghetto nach Europa in der Epoche von 1740 bis 1890. Es ist oft gesagt, daß die Emanzipation des Judentums weniger durch das Judentum selbst bewirkt wurde als durch politische Ereignisse, weltanschauliche Strömungen, mächtige nichtjüdische Helfer. Eloesser fragt nun: was hat das Judentum selber für seine Emanzipation getan, durch geistige Kämpfe, durch geistige Leistung? Das Buch beginnt mit dem Aufbruch Moses Mendelssohns von Dessau nach Berlin, es schließt mit der Grablegung Berthold Auerbachs, der, am 8. Februar 1882, damals in aller Welt als deutscher Volksmann gefeiert, am Schluß seines Lebens, das als Vollendung der Emanzipation galt, erkennen mußte, daß diese vermeiutliche Vollendung ihr Ende bedeutete. Ein melancholischer, resignierter Grundton durchweht das Buch: der unwahrscheinlich rasche kulturelle Aufstieg des Judentums von Mendelssohn bis Auerbach, das Leitmotiv, — auch dieser Weg war, trotz der großen Leistung, nur ein Weg des Leidens, ein Leidmotiv der ewigen Wanderung. Als Verfasser einer großen Deutschen Literaturgeschichte geübt, umfangreiche Stoffmassen knapp zu fassen und klar zu gliedern, rafft Eloesser den großen, schweren Stoff in fünf Kapitel zusammen, und bedient sich des methodischen Mittels, „fast jedes Kapitel einer jüdischen Persönlichkeit zu unterstellen, die durch die Reichweite ihrer Erscheinung oder Ausstrahlung auch andere gleichzeitige mit einfaßt." So beherrscht Mendelssohn „das Judentum von der Aufklärung bis zu Kant", also die Entwicklung bis zu den jüdischen Kantianern und zu dem Reformer David Friedländer. Das letzte Kapitel rankt sich von Mosenthal und den österreichischen Ghetto- Erzählern über die Berliner jüdischen Literaten der Jahrhundertmitte, bis zu den Politikern Simson, Lasker, Bamberger um die Gestalt Berthold Auerbachs, als Typ des Juden der liberalen Aera. Das mittelste Kapitel gruppiert sich um Heine; es ist ebenso umfangreich, wie alle übrigen vier Kapitel des Buches zusammengenommen. Den Mittelpunkt nicht nur dieses Kapitels, sondern des ganzen Werkes bildet somit die Darstellung von Heines Leben und Dichtung, ein Buch für sich im Buch, die Proportionen des Aufbaus sprengend, offenbar aus einer anderen Arbeit hineingearbeitet. Eloesser verteidigt sich und das Uebergewicht der Heine-Gestalt damit: „daß seine so tragisch gewordene Existenz auch alle Problematik des jüdischen Daseins im 19. Jahrhundert und darüber hinaus einschließt". Auch wer solche Begründung nicht als Rechtfertigung für die Unprvportioniertheit des Buches gelten lassen will, wird zugeben, daß dieser Mittelpunkt zugleich der Höhepunkt des Werkes ist. Was Max Bxod in seiner dicken Heine-Biographie mit viel Mühe und Umständlichkeit versucht hat: die jüdische Komponente in Heines Leben und Dichten sowie die notwendige Kompliziertheit seiner Position äuszudecken, das ist Eloesser scheinbar mühelos, in einfacher und anmutiger Darstellung geglückt. Eine hohe Möglichkeit essayistischer Kunst wird erreicht, wenn Heines Gestalt um so plastischer und in ihrer Zwiespältigkeit um so einheitlicher erscheint, als sie vor einem sehr weiten und tiefen Zeithintergrund sich entfaltet. Eine Geistesgeschichte der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zieht in blitzhafter Erhellung vorüber, und wenn diese huschende Belichtung auf Figuren wie Börne, Gans, Zunz, Moritz Hartmann, Lassalle verweilt. so erwachsen sie, trotz ihrer Verschiedenartigkeit, ganz organisch aus dem Panorama dieser Epoche. Nicht nur im Heine-Kapitel, sondern auch in den anderen kommt Eloesser seine Kenntnis der' allgemeinen europäischen Kulturgeschichte, zugute. Man könnte sogar einwenden, daßim Gegensatz zu anderen Werken jüdischer Geschichte aus letzter Zeit — die allgemeine Kulturgeschichte zuviel Raum einnimmt, so daß die jüdische Geistesgeschichte selbst streckenweise allzu sehr schwindet oder verschwindet. Als seingestochene Kabinettbildchen, oft nur auf drei, vier Seiten, treten die Einzelfiguren aus dem unruhigen Mosaik des Hintergrunds hervor, in das sie nicht nach dem Willen des Autors eingesponnen sind, sondern in das sie sich selbst eingesponnen hatten. Denn gerade dies bewußte, aktive Eingehen in die europäische Entwicklung bedeutete ja Sinn und Ziel des kulturellen jüdischen Lebens im 19. Jahrhundert . .., muß also, nach dem gestellten Thema, auch Sinn und Ziel der Darstellung im Buch sein. Leicht wird man jüdische Persönlichkeiten auszählen können, die Eloesser nicht nennt, insonderheit kommen die Juden in der Publizistik und den Geisteswissenschaften zu kurz. Eloesser will jedoch absichtlich nur möglichst markante Gestalten hexausstellen, und zwar möglichst Gestalten, an denen die Tragik des leidenschaftlich gesuchtem Weges vom Ghetto nach Europa offenbar wird. Man wundert sich, daß im zweiten Kapitel „Zwischen Goethe und Romantik" nicht als selbstverständliche Gegebenheit die Gestalt Rahels in den Mittelpunkt gestellt ist. Wem aber das sonst oftmals ausführlich und eifrig geschilderte, bisweilen überschätzte Tun und Treiben der jüdischen Berliner Salons zu Anfang des 19. Jahrhunderts in Eloesfers Darstellung zu knapp erscheint, der wird entschädigt durch die lebensvolle Zeichnung sonst vernachlässigter Figuren, etwa des abenteuerlichen Koreff, des redlichen Hitzig, der an ihrer zwiespältigen Situation scheiternden Dramatiker Ludwig Robert und Michael Beer. Und jeder jüdische Leser wird Eloesser dankbar sein, daß er die weitgreifende und mannigfaltige Geltung Auerbachs in Fürstenhäusern und allen Volksschichten bis nach Amerika und bis zu Turgenjew und Tolstoi, die uns nicht mehr gegenwärtig ist, wiedererweckt, ohne doch des rührigen Mannes Mangel an Substanz von innen her und an wirklicher Tiefenwirkung nach außen hin zu verkennen. Eloesser läßt immer deutlich fühlen: der Kampf um die Emanzipation war von immer sich gleichbleibender schmerzlicher Problematik — auch in seiner energischsten und erfolgreichsten Epoche, in der Rießer (im 4. Kapitel) die Zenträlsigur wird. Es gilt, die Ergebnisse jüdischer Leistung in der abgelausenen Epoche für uns unter Dach und Fach zu bringen. Die Zeitumstände erfordern, baß dies schnell geschieht. Und so ist Eloesfers Buch vielleicht etwas zu rasch geschrieben, woraus sich Wiederholungen sachlicher Einzelheiten oft fast mit denselben Worten, nur durch wenige Seiten getrennt, und gelegentliche Flüchtigkeiten im Detail und jm Satzbau erklären. Dafür aber entschädigt die große Zähl von Stellen, die so sorgfältig geseilt,.s.o. leicht und doch scharf formuliertsind, wie man es in der heutigen jüdischen Literatur deutscher Sprache nicht oft findet. Zudem gibt Eloesser nicht nur manche neuartigen und eigenwilligen Gesichtspunkte, sondern überdies kluge aphoristische Einsprengsel aus Lebens- und Literaturkenntnis. Man empfindet das aus Notwendigkeit eng gestellte Thema nicht als Verengung; es wächst allenthalben über sich selbst hinaus. Die jüdische Farbe spielt, immer deutlich wahrnehmbar, hinüber und hinein in die Vielfarbigkeit des Regenbogens, der die Spur der Menschheit eines abgelaufenen Jahrhunderts bezeichnet. ' Das Schicksal des Judentums, das Eloesser schildert, hat er an sich selbst erlebt. Aber er verfällt nicht in den heute oft begangenen Fehler, Wert und Wichtigkeit der Emanzipation für das Judentum zu leugnen. Für ihn, der sich gern als „alten Mann, aber als jungen Zionisten" bezeichnet, ist auch der Zionismus ohne die Periode der Emanzipation nicht vorstellbar. Der Untertitel des Buches'lautet: „Das Judentum im geistigen Leben des 19. Jahrhunderts." War diese Situation, wie. Eloesser sie darstellt, auch eine tragische — tragischer als sie vom Judentum erkannt wurde —, so war sie dennoch oder vielleicht gerade deshalb nützlich und fruchtbar... und nicht nur für das Judentum selbst. Kurt Pinthus „Das Jahr des Juden“ Das hier anzuzeigende, im Schocken-Verlag erschienene . Werk heißt „Das Jahr des Juden in Brauch und Liturgie" von Moritz Z.v b.e.l. Es .ist nicht das erste Buch dieser Art, es gibt in den verschiedenen Sprachen, die Juden lesen, eine Fülle von Brauchtums-Darstellungen und neuerdings, aus der Zeitnot geboren und den Wünschen des zurückfindenden Judentums entgegenkommend, auch eine Reihe von deutschen Publikationen, darunter „Das jüdische Jahr" von Swarsensky und die „Praktische Judentumskunde" von mir. Ich erwähne das, weil man mir dann um so lieber glauben wird, wenn ich Zobels Arbeit für eigen, notwendig und gut erkläre. Swarsensky und ich konnten nur eine Einführung, eine Anleitung, eine Aufmunterung geben, am jüdischen Jahr teilzunehmen, Zobel gibt eine Darstellung. Wenn unsere Arbeit Erfolg haben soll, dann wird der gewonnene Leser gut tun, sich an Zobel zu wenden und sich nicht nur an dies neue Buch zu halten, sondern auch an seine Umfassende und vorbildliche Monographie „Der Sabbat". „Das Jahr des Juden" soll also sein und ist ein Beitrag zu einer bisher noch sehlenden systematischen Gesamtdarstellung der häuslichen, öffentlichen und - gottesdienstlichen Bräuche der jüdischen Gemeinschaft, und zwar vornehmlich des askenasischen Kulturkreises und des deutschen Sprachgebiets. Aus diesem Gebiet nun beschreibt Zobel zunächst nur den Jahreskreis_ der kollektiven Bräuck^ und überläßt alles Individuelle — also die Sitten bei Geburt, Beschneidung, Namen- Ebung, Verlobung, Hochzeit, Tod, Bestattung, Frauenpflichten usw. ■— einer späteren Publikation. Es beginnt mit dem Kalender eine allgemeine Einführung in das Wesen der Fest- und Fasttage, skizziert das tägliche und extraordinäre Gebetritual und stellt dann das jüdische Jahr, mit dem Monat Tischri beginnend, dar. Daß das alles nicht nur einwandfrei, sondern ganz vortrefflich geschieht, braucht nicht besonders betont zu werden; io er Zobels „Sabbat" kennt, für den ist es selbstverständlich. Was ist das Besondere daran? Die reine Sachlichkeit, das nichts als Darstellen, der Mangel an Psychologie, an Adjektiven, an Anpreisungen, an Stimmungsmäßigem, die wissenschaftliche Exaktheit, die Sorgfalt und Knappheit jeder Angabe, das Umfassende des Ganzen. Probleme gibts hier nicht, es herrscht, die vollkommene Sicherheit der Objektivität. Es ist. ein Buch, das. man besitzen muß. Leo Hirsch. Mit Efeu-Augen Es ist nicht ganz leicht, sich das Austräumen unerfüllbarer Wünsche abzugewöhnen, und manche Bücher bringen einen immer von neuem in Versuchung. Wenn man noch, zu den dummen Leuten gehört, die nicht unbeteiligt lesen können, sondern denen der eigene Rücken weh tut, wenn sie lesen, daß Oliver Twist geschlagen wird, dann mühte man eigentlich voll gemütlichsten Vergnügens sein, wenn man liest, wie Mr. Beverley Nichols sich sein Landhäuschen einrichtet, zum Wochenende im Auto vorfährt, ein neues Dach Vertrage im Berliner Kulturbund Es mag auf den ersten Blick verwunderlich erscheinen, daß Julius Bab in seinem Vortragszyklus über das religiöse Drama der neuen Zeit im Berliner. Kulturbund jüngst Hebbels „Genoveva" behandelt hat, eine dramatische Dichtung, die von einem ausgesprochen christlichen Legendenstoff ihren Ursprung herleitet, und deren Idee vom Dichter selbst als die christliche der Entsühnung und Genugtung durch Heilige bezeichnet worden ist. Das Thema erhielt indes dadurch seine Berechtigung, daß Bab dem Problem der „Genoveva" eine Erweiterung und Vertiefung ins Allgemein- Religiöse gab und es mit dem Hebbelschen Grundgefühl von den tragischen Grenzen der Menschennatur in Einklang zu bringen suchte. Aus diesem Gefühl heraus hat Hebbel den Aufbruch des Individuums ins Unendliche gestaltet, das sich gleichzeitig als das Göttliche offenbart: die vollkommene Inkarnation des Göttlichen ist Genoveva, das leidende, duldende Weib, dessen unantastbare Reinheit Golo, der Vertreter des Bösen, in plötzlich erwachter Leidenschaft herausfordert, um alsbald zu erkennen, daß in dieser Reinheit eine höhere Macht waltet, der er sich widerstandslos beugen muß. Um diesen menschlich-metaphysischen Zentralvorgang hat Hebbel seine Welt des Dramas aufgebaut, in der einzelne Zeichen des Göttlichen wie' Zeiger der Uhr sichtbar werden; sie sind, in der dramatischen. Oekonomie des Stückes, zugleich beziehungsvolle Episoden, wie die Figur des Inden, aus dessen Seele sich der Fluch der gequälten Kreatur losringt, oder wie die. Gestalt des tollen Klaus (eines Seitenstücks zum blindstummen Daniel in Hebbels „Judith"), dem plötzlich der Geist Gottes naht und das höchste Gebot „Du sollst nicht töten!" auf die Lippen legt. Babs Ausführungen sollten gewiß keine Apologie der Hebbelschen „Genoveva" fein, die, wie der Vortragende selbst zugab, bei aller Größe der Konzeption doch wohl nicht groß genug sei, um in der Idee restlos aufzugehen. Was Bab bot, war eine, wie stets, kluge und eindringliche Analyse des geistigen und dramatischen Ideengehaltes des Stückes, der eine aufmerksame Zuhörerschaft um so gespannter folgte, als gerade-der dichtende Denker Hebbel, wie Heinrich.Laube ihn gern 4*. nannte, seine tiefsten Absichten und Gedanken nicht immer durch seine Werke selbst erklärt. Jm gleichen Rahmen sprach Dr. Arthur Eloesser über Hugo von Hofmannsthal und die neue Romantik. Er gab, auf lebendigem^ literargeschichtlichen Hintergründe, ein fesselndes Bild der vornehm-bescheidenen, vielbewunderten Persönlichkeit des Dichters, der schon als sechzehnjähriger Knabe (unter dem Pseudonym Loris) in die Literatur eintrat, zu einer Zeit, als ein Kreis fast ausschließlich jüdischer Dichter, wie ’ Jakob Julius David, Peter Altenberg, Schnitzler, Beer- Hofmann sich um den Fahnenträger der neuen Romantik in Wien, Hermann Bahr, als das literarische Jung-Oesterreich versammelte. Innerhalb dieses Kreises hat Hofmannsthal,-der Sohn eines jüdischen Bankiers und einer Mutter aus gräflichem Hause, bis an sein Ende als Prosaist, Lyriker und Dramatiker von kultivierter Haltung gewirkt: immer mit einer gewissen Distanz vom Leben, dem er schon in seinem ersten Einakter „Der Tor und der Tod" die Melodie des Sterbens entgegensetzte; immer auch in einer Art Ueberbewußtsein, das ihn in der Lyrik, bei aller prachtvollen Gepflegtheit der Sprache, eigentliche Naturtöne nicht finden ließ, am eifrigsten aber der Kunstgattung des Dramas ergeben — wenn er auch, wie Eloesser hervorhob, feister ganzen Natur nach kein dramatischer Mensch war.. Ueber die mehr lyrisch gestimmten Dramen seiner romantischen Frühzeit hinweg, die auf dem Theater ohne nachhaltige Wirkung blieben, hat Hofmannsthal der modernen Bühne dennoch viel gegeben: neben den außerordentlich geschickt gemachten Textbüchern zu den Opern von Richard Strauß eine eigene Bearbeitung der Sophokleischen „Elektra", ferner das erschütternde Spiel von „Jedermann",, das zumindest in der sprachlichen Gestaltung als sein Eigentum gelten darf, schließlich das „Große Welttheater", das nur in der Anlage von Calderon ist, während. Rahmen und Erfindung von Hofmannsthal stammen. Am Schluß seiner Ausführungen berührte Eloesser die besondere Tragik im Leben dieses repräsentativen Dichters, für den Erbe zu sein stets heilige Verpflichtung bedeutete, dem es jedoch nicht gelang, die hohe Kultur der Nachkommenschaft zu übergeben. H. L. „Samson und Dalila", die Oper, die der Berliner Kulturbund in diesen Wochen ausführt, war der Mittelpunkt eines aufschlußreichen Vortrags über „Biblisches Oratorium — Oper — Musikdrama". Dr. Anneliese Landau verstand es, die grundlegenden Unterschiede zwischen Oratorium und Oper herauszuarbeiten, wobei sie. vor allem die Behandlung des Samspn-Stoffes durch Händel und Saint-«aens gegenüberstellte. Als eine Art Zwischengattung lernte man das biblische Bühnenspiel, Wiehes Anton Rubinstein forderte, kennen.. Saint-Saöns, Schöpfet auch eines Oratoriums („Die Sintflut"), erkannte, daß da die Bühne ihr Recht habe, wo es sich nicht allein um Auszumalendes, sondern um Darstellbares, handele. So ist um „Samson und Dalila", um ein wirkliches weltliches Dräma, eine echte weltliche Oper gebaut. Liszt verschaffte Saint-Saens in Weimar einen Namen, wo 1877 „Samson und Dalila" im Großherzoglichen Theater unter der Leitung des jüdischen Hofkapellmeisters Eduard Lassen zur Uraufführung gelangte. Zum Verständnis der Ausführungen von Dr. Anneliese Landau trugen die Mitglieder der Kulturbundoper, Ruth W o l f f r e i m, Hildegard L'indt und Max Mansfeld, begleitet von Wilhelm Altmann, best E. G. L. Jm Hause Gadiel fand die Vorlesung des Stückes „Generalprobe im Theater" (Ein Tag mit einer Schauspielertruppe) von Ellen Gadiel statt. Es ist kein gewöhnliches Stück, und es war keine gewöhnliche Vorlesung. Das Stück ist ungewöhnlich in der Form; es strotzt von ungewöhnlichen Geschehnissen, Verknüpfungen, Ueberraschungen. Mit kluger, leichter Hand ist die Rahmenhandlung geführt: die privaten Seelenwirrungen einer Schauspielertruppe während der Generalprobe, die sich aber schließlich als Bluff Herausstellen; Ibsen und Pirandellb haben hier eingewirkt und werden zugleich milde parodiert. Einfach und liebevoll ist das kleine Stück im Stück gestaltet, ein Märchenstück nach „1001 Nacht", ineinandergewoben die Geschichte der märchenerzählenden Scherasade und eine Geschichte, die sie erzählt: die Geschichte von der märchenhaften Treue der jungen Frau Zilda. Für diese Zilda- Erzählung ist wiederum, eine verschollene Oper Flotows benutzt, sowohl in der stofflichen Folge wie in der Verwendung einer zarten Musik. Dies ganze Gewebe aus psychologischem Drama, Komödie und Mürchenstück wird kurz und kurzweilig dargeboten, sozusagen als eine ganze Kollektion verschiedener Stücke, die mannigfaltige Begabung der Autorin.zeigend, auch nicht ohne tiefere Bedeutung. Ungewöhnlich auch die Methode der Vorlesung. Das Stück, wurde halb rezitiert und halb.gespielt von ausgezeichneten Sprechern. Dr. Erich Lichtenstein las die Regieerklärungen; die . Hauptrollen sprachen Jenny Schaffer-Bernstein, Erna Leonhard (Feld), Fritz Misten, Martin Brandt und Der Fachmann rar Gabardine-Mäntel BERNHARD BOHRMANN Herrenkleiderfabrik » Aschaffenburg aus Ried machen läßt, das für die nächsten Paar Jahrhunderte dicht halten dürste, und einige hundert Pfund für eine andere, nicht minder bezaubernde Verschönerung ausgibt. Aber wenn man kein Engländer mit all diesen Möglichkeiten ist, sondern ein armer Teufel, hier, ein jüdischer dazu und somit eigentlich Nichts besitzt als die Aussicht, zu nichts zu kommen, dann soll man solche Bücher nicht lesen? Esel, du verfällst am Ende noch aus das Gegenteil von Dienstbotenromantik. Deren Lieblingsschmöker spielen samt und sonders in einer fürstlichen. Welt aus purem Gold oder Talmi, und du willst nur grau in grau lesen, du Grauchen?, Bloß weil du. es sowieso bißchen graulich hast? In allen Sphären der Welt gibt es solche Wesen, hier gleich am Anfang des Buches einen Efeu, den Nichols sich in Amerika vors Fenster pflanzte, um im 30. Stock eines Wolkenkratzers etwas Grünes zu sehen. „Als ich Amerika verließ, warf ich den Efeu mitsamt dem Topf in einen alten Kohleneimer. Der wurde dann mit den übrigen Möbeln verpackt, stand monatelang im Speicher, und während dieser Zeih muß ich zu meiner Schande gestehen, vergaß ich die Pflanze völlig. Trotz alledem, als Ach schließlich ein Haus fand und die Möbel auspackte, entdeckte ich in einer alten Umzugskiste den Efeu . . . noch lebendig nach sechs Monaten ohne Licht und Wasser! Ich sehe ihn noch deutlich vor mir, wie wir ihn aus dem Kohleneimer heraushoben und das Stroh beiseite taten. Ein einziger blasser Schößling saß am Ende einer fast verdorrten Ranke — so bleich wie das wachsweiße Gesicht eines Toten. Aber nein, der Efeu war nicht tot." Er wird sogar wieder quicklebendig. „Spüren Sie auch diese sonderbare Zuneigung zu Geschöpfen, die wie mein Efeu einen unerhörten Mut der feindlichen Umwelt gegenüber zeigen? Zu Pflanzen und Tieren und Menschen, selbst wenn es gewöhnliche Pflansind?" Lieber Leser, wenn Sie den unerhörten Mut, jetzt hier ein schönes, handlungsarmes, nur ein altes Haus mit Strohdach beschreibendes, aber wie gelassen, wie geistreich, wie kultiviert, wie hell und heiter beschreibendes, rund herum umschreibendes Buch zu lesen/ nicht ausbringen, dann verzichten. Sie gefälligst auf die Lektüre von Beverley Nichols' „Unterm Strohdach", deutsch bei Dietrich Reimer, Berlin. L. H. Jiddische Ausgabe von Freuds „Einführung tni die Psychoanalyse". Anläßlich des 80. Geburtstages des Begründers der psychoanalytischen Wissenschaft Professor Dr. Siegmund Freuds am 6. Mai veranstaltet das Jiddische Wissenschaftliche Institut in Wilna eine jiddische Ausgabe des grundlegenden Werkes von Freuds: „Einführung in die Psychoanalyse". Die Uebersetzung wurde von Dr. Max W e i n r e i ch besorgt. Ein neues Buch über die „Prophetie" in deni Schriften der polnischen Akademie der Wissenschaften. Dr. Abraham Heschel, dessen erfolgreiche Maimvnides-Biographie dem Autor die Anerkennung der wissenschaftlichen Welt eingetragen hat, hat ein Buch unter dem Titel „Die Prophetie"' geschrieben, das soeben in den Schriften der polnischen Akademie der Wissenschaften erscheint und durch den Erich-Reiß-Verlag, Berlin W' 15, zu beziehen ist. Georg Iacobsohn (John), der mehr als ein halbes Dutzend Rollen, vom Hamburger Bühnenarbeiter brs zum Kalifen Harun al Raschid, mit verblüffend unterschiedlicher Sprechgebung charakterisierte. Alle Schauspieler zeigten eine überaus kultivierte Sprechkunst, wie man sie nicht immer in den Darbietungen des Kulturbundes findet. Die Leitung der Vorlesung hatte W i st e n, die musikalische Anordnung Helene Lachmanski-Schaul, die auch in zurückhaltender, stimmungsvoller Art den Klavier- und Gesangspart, unterstützt von dem Violinspiel Helene Fürsts, durchführte. Freundlicher Beifall lohnte die Unterhaltung, die mehr als eine Unterhaltung war. -u8. Kleinkunst im Berliner Kulturbund „Herr Direktor — bitte Vorschuß!" Eine Revue in 17 Bildern von Willy Rosen und Max Ehrlich, Musik von Willy Rose n, Ausstattung von Heinz Condell. Ein Abend voll übermütiger Laune, Witz, Geist, Lachen, das Publikum und Bühne miteinander verbindet. Max Ehrlich in verschiedensten Gestalten vom alles verdrehenden Verkäufer, über den lustig parodierenden Oberkellner im „Weißen Rößl" bis zum abgeklärten vornehmen Greis, der im Pariser Nachtlokal Jugenderinnerungen pflegt. Ein Künstler von großem Format, der das Ganze zusammenhält und, ohne die anderen in den Hintergrund zu drücken, doch immer der Mittelpunkt bleibt. Ruth L e h n b e r g, Heinz R o cf, Fritz Tachauer, Thea Stuckenschmidt, Jose Ernesto L e w y, Mia Pick und „das Mädel mit der Harmonika", Cläre A r n st e i n, machen sich, jeder auf seinem Platz, um die gute Laune des Abends erfolgreich verdient. M.E. Das Gesamtarchiv der Juden in Deutschland, Berlin N 24, Oranienburger Straße 28, teilt mit: Aus dienstlichen Gründen fallen die Spreche st u n d e n des Gesamtarchivs im April aus, Alle Anfragen während dieser Zeit sind schriftlich einzureichen. Plissee-Busch & Co. Berlin SW 19, Kommandantenstr. 721 Expedition nach auswärts am gleichen Tage #i