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Central-Verein-Zeitung · 1936-03-26 · 13 (26.3.1936) · p. [Seite]

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
15 (1936) - farbig
Issue
13 (26.3.1936)
Date
1936-03-26
Page
[Seite] (sequence 18)
Language
German
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Orthodoxie Deutschlands. Es wird ergänzt' durch den Artikel von Rabbiner P. Kohn „Woher und wohin!", sowie die hebräisch geschriebene „Schaalvh" des Rabbiners Dr. Esra Munk über die Frage der Aussprache des Hebräischen in den Galutländern Mittel- und Osteuropas. Jsaac Breuer läßt in seiner temperamentvollen, pointierten Art den Ruf „Zurück zur Thora" ertönen. Die Thora ist die Kultur des jüdischen Volkes. Wer daher zum jüdischen Volk zurückkehrt ohne zur jüdischen Thora, steht vor dem kulturellen — Nichts. Wer zum jüdischen Land zurückkehrt ohne zur jüdischen Thora, landet in Asien." Nach einer zu persönlichen Auseinandersetzung mit dem Misrachi verlangt Breuer für die unabhängige Orthodoxie Respekt vor der Reinheit ihres Wollens, der Idee und der Größe ihrer Leistung. Dr. Elie Munk wendet sich der Frage zu, wie der Kreis innerhalb der deutsch-jüdischen Bewegung, der die Rückkehr zum traditionellen Judentum sucht, zum Ziel geführt werden kann. Die Ideologie des „Vortrupps" und der „Werkleute" wird kurz skizziert, Bubers Eigenart und Halbheit in prägnanter Weise beleuchtet, und Schwads verschiedenartige Bemühungen, die Herrschaft der Thora herbeizuführen, gekennzeichnet und dann vom Verfasser klargelegt, w i e dem Suchenden der Weg zum traditionellen Judentum zu weisen, wie ihm eine goldene Brücke durch die jüdische Mystik, durch das Studium der Kabbala zu bauen ist. „Die Schönheit ihrer Gedanken, die Tiefe ihrer Gemütswerte, die Erhabenheit ihrer Weisheiten" soll aus assimilierten Juden wieder echte Juden formen. Aufgabe der Orthodoxie ist es, den Entwurzelten den Weg zu Gott zu weisen. „Neue Wege" lehnt Rabbiner Dr. Fischer in seinem Aussatz ab. Aus pädagogischen Gründen wäre eine Verwirklichung der Munkschen Wege nicht möglich. Breuers „Neuer Kusari" und Samson Raphael Hirschs Werke wären allein die rechten Führer der Irrenden und Suchenden. Der Verfasser lehnt eine stilistische Neubearbeitung der Schriften Hirschs ab. Gerade aus pädagogischen Gründen müßte er sie fordern, würde er die Kreise kennen, denen Munk den Weg bereiten will. Nicht eine geringe Zahl Thorabeflissener, sondern die bisher indifferente oder liberale Masse der Juden Deutschlands soll Hirsch mit Genuß — darauf kommt es z u n ä ch st an — lesen und sich zu eigen machen. Dem juristisch oder kaufmännisch gebildeten Leser sei der Beitrag von Dr. Paul G a l e w s k i: „Der Rechtserwerb durch einen unbeauftragten Geschäftsführer nach biblisch-talmudischem Recht" empfohlen. Aus den theoretischen Teil des „Entwurfs eines Programmes für die agudistische Poalimorganisation in Palästina" von Dr. Jsaac Breuer seien alle der Uguda Fernstehende besonders hingewiesen. Das inhaltsreiche Heft enthält ferner einen Aufsatz von S. Schachno Witz über „die orthodoxe Organisation in der Geschichte", in dem die wenig bekannte Vier-Lünder-Synode (16. bis 17. Jahrhundert) als Vorläuferin der Agudas Jisroel charakterisiert wird. Von Jakob Katz wird die Fortsetzung seines Aussatzes: „Die Entstehung der Judenassimilation und deren Ideologie" gebracht, von Rabbiner Dr. L. Breslauer die Weiterführung der „Kurzen Geschichte des Gottesstaates". Einer exegetischen Arbeit von Salomon S p e i e r reiht sich ein kurzes Referat „Zur jüdischen Chronolgie" von Dr. PH. Biberseld an, eine Polemik gegen einen früheren Aussatz Dr. Kahans. Auf die Buchbesprechung folgt eine Chronik, die sich mit der Berufung des zum Oberrabbiner von Tel-Aviv gewählten bisherigen Amsterdamer Rabbiners Amiels, des bekannten Misrachiführers, beschäftigt. Im hebräischen Teil wird eine Fortsetzung der Zusammenfassung aller Bestimmungen, die gesetzliche Kraft durch die Offenbarung am Sinai erhalten haben, von Rabbiner Dr. Eduard Biberseld in sehr instruktiver Weise geboten. 8. Not und Hoffnung. Gedichtsammlung für jüdische Schulen. Hrsg, von Joseph Feiner, Elias Gut, Theodor Rothschild. Leipzig, Gustav Engel (1936), 111 S. 8° RM 1,60. _ „Für die Jugend ist das Beste gut genug." Dieses Wort könnte das Geleitwort der ausgezeichneten Arbeit der drei bekannten Pädagogen Feiner, Gut und Rothschild sein. Schöpsungstage und unsere Zeit — Alltag und Feiertag — Heimat seit. Vätertagen und..neue Heimat junger Menschen — der jüdische Mensch, wie er war und wie er ist. — Nach diesen Gesichtspunkten ist die Sammlung eingeteilt worden., Mittelalter und Neuzeit, Inland und Ausland, Judentum und Umwelt des Judentums sprechen in bekannten Namen zu uns. Das Buch wird, dem Schüler Freund, dem Lehrer Helfer sein. E. M.—Hamburg. Dr. E. Hirschfeld: „Neuhebräisch — altbekannt“. I. Teil. Joachim Goldstein-Verlag, Berlin. Es hält nicht leicht, diese kuriose Arbeit mit dem Ernst zu besprechen, mit welchem ihr Autor sie ausgenommen wissen will. Eines ist anzuerkennen: die gute Absicht, die den Verfasser bewogen hat, die Unterrichtsliteratur zu bereichern. Lobenswert ist nämlich seine Devise: „Kampf dem Vokabelpauken". Wie aber will er dieser recht ehrwürdigen und zugegeben ziemlich üblen Plage zu Leibe gehen? Dadurch, „daß jede Vokabel irgendwie angeknüpft wird", und zwar an „Wörter, Begriffe und Gegenstände, die dem deutschen Durchschnittsjuden bekannt sind", und dazu rechnet er auch viele Jargvnausdrücke aus dem Kaufmannsleben und dem Rotwelsch. „Wo es nicht anders geht, wird versucht, mit mnemotechnischen Mitteln zu Helsen . . . Die mnemotechnischen Hilfen bedeuten keine Spielerei (sagt Dr. Hirschfeld), sondern sie sind ein Bedürfnis. Absichtlich sind häufig etwas komische oder drastische Wendungen gewählt worden, weil sie besonders einprägsam sind." Es soll keineswegs verkannt oder bestritten werden, daß geeignete Gedächtnisstützen ihren Wert haben und zu begrüßen sind. Aber es geht nicht an, etwas, was gelegentlich, nebenbei, falls es sich zwanglos ergibt, von Nutzen sein kann, zum Prinzip für den gesamten Aufbau eines auf vier Teile berechneten Lehrbuches zu machen. Da müssen äußerst brüchige Verbindungsbrücken gebastelt, fragwürdige Assimilationen an den Haaren herbeigezogen werden; da sind vielleicht auch so groteske Seltsamkeiten nicht zu vermeiden, wie sie der Verfasser sich in großer Zahl leistet. Einige seien angeführt und der Beurteilung vorgelegt. Harmlos kann man die beiden folgenden bezeichnen: ki heißt „denn", zu merken an: Selenki d en. Stuhl heißt kisse; hier kann man an das französische ehaise denken, eventuell auch an das „Kissen", das für Großmutter auf den Stuhl gelegt wird. — Bedenklicher sind schon folgende: gehend heißt holech (ch wie in Buch zu sprechen), . . . man denkt sich in bezug aus den vor einem Gehenden: „Den hol ich ein". Verkaufen heißt maellor. Wer den jüdischen Namen Machir oder die jüdische Festung Machaerus aus dem Nömerkrieg kennt, merkt sich das Wort daran. Die andern mögen an das Gebetbuch Machsor denken, bei dem sie das 8 fortlassen. (Wo bleibt die Gedankenverbindung? Soll das Machsor gerade das einzige sein, das man verkaufe?) Ebenso fehlt in dem nächsten Beispiel das tertium comparationis: Einen törichten Menschen nennt man im Jargon: „Schaute", hebräisch |*j HIV schote (der) Tor. Daran (!) merken wir uns dasselbe Wort mit dem andern t-Laut schote, aus deutsch: trinkend. Was soll man zu den beiden letzten Proben von „Anknüpfung" sagen? Ware nennt man im Jargon „Ss’chaure“, einen Händler einen „Ssaucher". Der Infinitiv dazu : ssachor heißt also handeln. Wer die Jargonausdrücke nicht kennt, "denke etwa 'an „Sachertorke". — Und schließlich: „Du" heißtata. Die meisten von uns werden die Eingangsworte der Segenssprüche: daruch ata kennen, die andern mögen vielleicht an Atta Troll denken. Ein Beispiel wirklich netter Gedächtnisstütze soll nicht unterschlagen werden. Gabel heißt auf hebräisch masleg. Dr. Hirschfeld empfiehlt, sich dies an dem Satze zu merken: Thomas leg die Gabel weg. . Die hebräischen, und deutschen Uebungssätze, für erwachsene Schüler bestimmt, sind vst mehr als kindlich. Trotz alledem mag vielleicht auch dieser Lehrgang, wie Verfasser und Verleger sicherlich annehmen, seine Freunde finden. ' M. A. Oesterreichische Lyrik . Die literarischen und weltanschaulichen Erschütterungen Europas sind in der österreichischen Dichtung niemals so heftig fühlbar gewesen wie in der des Reiches; eine gewisse Milde des Temperaments hat seit jeher den geistigen Sturm gelindert, ob wir an Grillparzers Klassizität, an Stifters Erzählungskunst denken oder an dichterische Aeußerungen aus den Epochen des Naturalismus und Expressionismus. Die geschmeidigere Formkraft südlicher Kultur hat stets eine wohllautende Ausgeglichenheit geschaffen. Schnitzler, Hofmannsthal, Beer-Hofmann schritten in harmanischeren Bahnen, während das Suchen nach neuen Formen in nördlichen Bezirken das Herkommen sprengte. Ein neuer österreichischer Dichter, Joseph Hans Bunzel, stellt sich vor mit einem großen Band Lyrik „Der Liebe Zauberbogen" (Herbert Reichner Verlag, Wien) eine reiche Auslese aus seiner Produktion von mehr als zehn Jahren. Bunzel tritt mit großem Anspruch auf, mit großen Inhalten und großen Formen; er greift nach dem Höchsten und Tiefsten. Er ist eine sehr mannigfaltige und starke Begabung, aber er meldet seinen Anspruch zu anspruchsvoll an. Der traditionelle österreichische Wohlklang und eine staunenerregende Fülle an Bildern und Motiven zeichnet seine Dichtungen aus; doch vieles gibt sich zu ausführlich, zu geschwollen: dem Rausch, Klang und Glanz entspricht oft nicht der Gehalt; und immer hüllt er sein Denken und Fühlen in prunkhaste Formen der Vorgänger. Auch wenn er.seinen Gedichten programmatische und theoretische Erörterungen voranschickt, in der Meinung, das Neue, das er zu bringen glaubt, betonen und verteidigen zu müssen — seine Lyrik bleibt dennoch Eklektizismus aus altem Goethe, Rilke, Hosmannsthal, aus Expressionismus oder der kosmischen Dichtung Momberts. Vielleicht ist Bunzel gerade beim Abschluß dieser Summe aus seiner Dichtung zu der Einsicht gekommen, daß er nunmehr zu Eigenheit und Einfachheit gelangen muß, um seiner unbestreitbaren Begabung weitere Wirkung zu schaffen. Der Wiener Felix Braun legt zu seinem fünfzigsten Geburtstag eine Auswahl seiner Gedichte aus vielen Jahren vor: „Aus ge wäh l te Gedichte." (Herbert Reichner Verlag, Wien.) Felix Braun war immer ein stiller, innerlicher Dichter, der, fern dem Lärm der Zeit und den wechselnden Formen der Kunst, seit fast drei Jahrzehnten seinen Weg gegangen ist, den Weg jener wohlklingenden/ nachdenklichen, formsicheren Wiener Tradition. Von den einfachen zarten Gedichten der „Jugendverse", über die wachsende Vertiefung seiner Lyrik, die „Das innere Leben" und „Neue Gedichte" überschrieben sind, bis zu den großen und großartigen „Oden" — immer meistert er mit edlen und beherrschten Wortgefügen die Dinge, die ihn im Reigen bedrängen, die Gefühle, die wie Musik aus ihm strömen. Früh schon fchaudert er, wie er in dem Wort „ich" sich „so oft verlor und immer wieder fand", und er erkennt schließlich, daß das „klarstrenge Blau des Winterhimmels seine Farbe ist": „Lauter, fern; hoffnungslos; s; Eines erstarrenden Lebens, Letzte unfruchtbare Schönheit." Es ist Braun jederzeit gelungen, diese Schönheit zu finden und zu fassen in Gedichten, denen selber Schönheit solcher Art zugesprochen werden muß. Aber die Schönheit dieser Gedichte führt nicht ins Unfruchtbare, sondern in die Tiefen des Menschlichen. —us. Joe Lederer: „Blatt im Wind“. Zeitbild-Verlag, Wien-Leipzig. - Joe Lederer, die einst durch ihr „Mädchen George" die Blicke auf sich lenkte, weil dieses Erstlingsbuch ein ungewöhnliches schriststellerisches Talent verriet, legt den Freunden ihrer Kunst einen neuen Roman vor: „Blatt im Wind". Das Blatt im Wind ist eine junge Frau, die von Europa nach Asien verschlagen wird und sich vom Zufall und vom Schicksal ohne festen Halt treiben läßt. Diese zarte Gestalt hat einen unerhörten Reiz seelifcher und körperlicher Anmut. Das Buch umfaßt 496 Seiten, aber es hat eigentlich einen doppelt so starken Umfang; denn Joe Lederer versteht die große Kunst, zwischen den Zeilen Dinge zu sagen. Meisterhaft ist die Art, wie sie in ganz kurzen prägnanten Sätzen Entwicklungen und Schicksale seststellt: Eary kommt als junge Frau nach Schanghai. Ihr Gatte hat ihr in Europa von den weißen Reihern am blauen Himmel erzählt. An dem ersten Abend im eigenen Haus und Park in Schanghai fliegen die Reiher am blauen Himmel vorbei. Hubert zeigt sie ihr, doch sie sieht sie nicht. „Du wirst sie sicher noch sehen", sagt Hubert. Aber sie sieht sie nie. Ohne jede äußere Sentimentalität, in skizzenhafter Manier, die an Federzeichnungen erinnert, gestaltet sie die Länder der Erdteile, deren bunter Wechsel neben den Menschenschicksalen den Leser stark fesselt. Der Schluß allerdings ist etwas gewaltsam. Daß ein Autounfall m Wien dieses Leben enden muß, erinnert ein bißchen an die Romane, die ihren allzu leichten Schluß bei Kriegsausbruch zu finden pflegen. Und auch das Nachspiel, daß der Mann, von dem sie sich vorher schon getrennt hat, nun die kleine Freundin in China heiratet, hätte Joe Lederer sich schenken sollen. Wir wußten das ohnehin, denn sie hat uns. das Buch hindurch so sein gelehrt. Unausgesprochenes zu fühlen, daß wir aus diese Banalität gern verzichtet hätten. Aber alles in allem: ein Roman, der von dem Zeitgeschehen ablenkt und in dem Leser den guten Nachgeschmack zurückläßt, den man nach einer Delikatesse auf der Zunge zu schmecken pflegt. Dr. M. E. Dr. Felix A. Theilhaber teilt uns zu der Besprechung seines Buches „Im Kampf um Gott, Volk und Land", die in unserer Zeitung am 13. Februar 1936, Nr. 7, erschienen ist. Folgendes mit: „Ich möchte seststellen, daß ich kein Vorwort in den Druck gab. Trotzdem enthielt das nach meiner infolge der Licenzsperre beschleunigten Uebersiedlung nach Erez Israel erschienene Buch ein mit meinem Namen gezeichnetes Vorwort. Der Verleger hat diese von dritter Hand eingefügte Einführung inzwischen entfernen lassen." Im Querido-Verlag, Amsterdam, erscheint Anfang April ein neues Buch von Otto Zarek: „Moses Mendelssohn. Ein jüdisches Schicksal in Deutschland." Ernst Lissauer läßt nach zwölfjähriger Pause im Wiener Verlag „Oesterreichische Dichtung" einen G e d i ch t b a n d „Zeitenwende" erscheinen, der Lyrik aus den Jahren 1932 bis 1935 vereinigt. Er besteht aus den beiden Abschnitten „Apokalypse von heute" und „1933" und wird umrahmt von den Gruppen „Weltklage" und „Und immer ist wieder Auferstehung". Die Erzählung „Erste Mbe" von Micha Josef bin Gorion, die in Nr. 12 der C.-V.-Zeitung veröffentlicht war, wird mit anderen Erzählungen des gleichen Verfassers in einem Band der Schocken-Bücherei Berlin, erscheinen. Steine reden... Ein Kapitel Gregorovius In der Bücherei des Schocken-Derlages (Nr. 46) ist ein Neudruck von Ferdinand Gregorovius' Essay „Der Ghetto und die Juden in R o m", in der erweiterten, in die „Wanderjahre in Italien" aufgenommenen Fassung erschienen. Leo Baeck leitete die Arbeit des damals (1853) zweiunddreißigjährigen Ostpreußen, die seiner „Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter" voranging, mit wissenschaftlicher Kritik und einem feinfühligen Vergleich zwischen Ferdinand Gregorovius und Jakob Burckhardt ein. Der deutsche Kulturhistoriker steht der schildernden Art des französischen Jtalienxeisenden Stendhal näher, als der deutenden, weniger am Eindruck als an der Form gewordenen Endgültigkeit haftenden des Schweizer Gelehrten. Ihn reizt — wie Burckhardt — die Darstellung Anfang April beginnen wir mit dem Abdruck der Novelle Eine Filmidee von Käte Wienskowitz DS5TERN von Zeitaltern des Untergangs, aber er knüpft keine Geschichts- oder Kulturphilosophie daran: ihn lockt die Aufgabe, versinkende oder versunkene Epochen heraufzubeschwören, indem er Steine zum Reden bringt. In dieser Kunst ist er ein bis heute unübertroffener Meister geblieben, mag er auch gelegentlich bei der künstlerischen Abtönung von Landschaft und Staffage die Menschen mit den Ruinen mumifizieren. Der Anblick des römischen Ghettos hat Gregorovius verlockt, einen Abriß der Geschichte der Juden in Rom, der ältesten Judengemeinde Europas, zu schreiben. Seit einem halben Jahrhundert ist das (Gregorovius schreibt: der) römische Ghetto verschwunden. So hält die Schrift von Ferdinand Gregorovius' mit der Geschichte der Juden in Rom zugleich deren niedergerissenes Denkmal, das Ghetto in jenem „dumpfen und traurigen Winkel Roms, welchen der Tiberfluß von Trastevere scheidet", fest.' In einen großartigen Rahmen wird die Geschichte der römischen Juden von Pompejus bis zu Pio Nono eingefaßt: das antike Rom ging unter, das Rom der Päpste trat sein Erbe an, aber ununterbrochen lebten die Juden in der Hauptstadt ihrer Besieger, ein ewiges Volk in der ewigen Stadt. Jehova überdauerte Jupiter, die Torarolle den Titusbogen. Gregorovius befragt die.Gebäude. Noms nach der jüdischen Geschichte, und die Halle der Oktavia, in der Vespasian und Titus auf die Nachricht von der vollzogenen Hinrichtung des Simon bar Giora warteten, gibt Antwort, erzählt von ihrem Umbau in die Kirche St Angelo in Pescaria, in der die Juden gezwungen waren, Bekehrungspredigten anzuhören. Oder die Engelsburg, das einstige Mausoleum Hadrians, dessen Andenkew wie das des Titus den Juden ein Greuel ist, wurde zum Zeugen der schimpflichen Formen, unter denen die Päpste den Vertretern der jüdischen Gemeinde ihre Gesetze oder ihr Wohnen in Rom nicht durch „Recht", sondern aus „Gnade" bestätigten. Und die Steine reden von den jüdischen Besuchern Roms, von Herodes Agrippa und Philo, von Flavius Josephus und Baron Rothschild, reden von der Humanität des Caesar und des Uugustus von den Vergünstigungen der freien Religionsübung, die ihnen selbst Vespasian gestattete, reden von der jüdischen Prinzessin Berenike, die im Kaiserpalast des Titus als seine Geliebte lebte und ihren Wunsch, Kaiserin zu werden, nicht in Erfüllung gehen sah. Unter den Päpsten vergleicht Gregorovius das Schicksal der Juden mit einem Lotteriespiel: unter Paul IV. wurde im Jahre 1556 das Ghetto Zwang, die jüdischen Mieter bekamen die Häuser der römischen Hausbesitzer in Erbpacht; erhielt der Jude das Recht, das Haus zu verändern und zu ei> weitern, das „Jus Gazzaga", das er vererben oder verkaufen konnte, so galt ein Mädchen, dessen Bräutigam im Besitze solchen Mietkontrakts war, als besonders hochgepriesen. Während Paul IV. den Juden so sehr ein neuer Pharao war, daß sie nach seinem Tode gemeinsam mit dem römischen Volk sein Andenken verwünschten, gestattete ihnen Sixtus V., „frei im römischen Staat zu wohnen, jedes Gewerbe und Geschäft zu treiben, außer dem Weinschank, dem Getreide- und Fleischhandel". Aber auch unter judenfeindlichen Päpsten waren Juden häufig deren Leibärzte und Bankiers. In der Geschichte der römischen Juden fehlt nicht der Papst aus dem jüdischen Hause Pierleone und der Einfluß der heidnischen Renaissance auf die Welt des Ghettos, Im Palazzo Cenci, der Judengasse und der Synagoge benach- . bart,. malte Overbeck „seine christlichen Bilder . gleichsam unter der Inspiration Jehovas und der Propheten. Es ist also hier beisammen, wie sich gebührt. Altes Testament und Neues Testament, und wenn ich zwischen dem Cencipalast und der Judensynagoge stehe, so ist mir immer,- als liege beides vor mir aufgeschlagen: Alter Bund und Neuer Bund, Judentum und Christentum". Das ist eines der einprägsamen Bilder aus dieser Geschichte der Juden in Rom, die zuerst Orientalen waren wie andere römische Bürger auch und zur Zeit des Gregorovius meist nur italienisch sprachen; denn Gregorovius verwertet auch mündliche Mitteilung der Nachkommen der Gefangenen des Titus für seine Geschichtschreibung. Mit ihnen feiert er einmal das Passahsest, aber auch unschöne Szenen gehören in seine Schilderung des Ghetto-Lebens. Dann fügt der ostpreußische Humanist etwa hinzu, daß er. damit „weder so viele treffliche und würdige Menschen unter den Juden, noch überhaupt den ganzen Stamm kränken wolle." Ferdinand Gregorovius, ein Mann von starkem Geschichtsbewußtsein, hat zwei Jahre später noch unter dem Eindruck des römischen Ghettos jenen Klagegesang der Kinder Juda in Nom" gedichtet, der jüdischer anmutet als manche Poesie der' Juden in. unseren Tagen. Das Gedicht, das einer anderen. Veröffentlichung des Verlages zu ihrem Titel verholfen hat, ist im Anhang mitgeteilt. Darin heißt es: „Und wir sammeln uns zum Bunde Abrahams als treue Brüder ' Vor der heiligen Lade wieder, In der sabbatstillen Stunde, Und das siebenfache Licht Auf der siebenfachen Leuchte Stellen wir, das unerbleichte. Vor Eloahs Angesicht." Dr. Lutz Weltmann. Ausstellung Henny Lappe Im Rahmen ihrer kulturellen Veranstaltungen ist bei Gertrud Weil eine kleine Ausstellung von Wachsplastiken zu sehen, die Henny Lappe, Berlin, arbeitet. Es ist eine eigene und darum eigenartige Kunst, die hier - am Werk ist. Hände und Köpfe von Menschen aus Wachs, aus naturfarbenem und präpariertem Werkstoff, manchmal sind es auch größere.Figuren, kokette Frauen mit einem Kopfputz, der bunt angemalt ist, wodurch die vielfache Wirkungsmöglichkeit des Materials besonders ansprechend zutage tritt. Dürers Hände nach dem Vorbild der berühmten Silberstistzeichming des Museums, Frauenhünde mit Blüten zwischen den langen schmalen Fingern, Köpfe, die dem Leben abgelauscht sind, wie' das Gesicht des Schauspielers Gustaf Gründgens — wie gesagt, eine eigenartige Kunstäußerung, die immerhin zum Nachdenken anregt. Dr. 0. ö. Das in dem Gedächtnisaufsatz für den Maler Max Fabian (Nr. 12) erwähnte Bild stellt nicht Sanitätsrat Richard Iutrosinski dar, sondern Professor Dr. Moritz Iutrosinski, den ersten Direktor des Reichenheimschen Waisenhauses (1872 bis 1906). * Flimmerwege in die Welt. Allgemeine und große Enttäuschung brachte den Besuchern die Vorführung des Films „Wege in die Welt". In technisch unzulängliches Weise wurden Bildskizzen von allen Teilen der Erde zusammengeslickt, wahrscheinlich um zu zeigen, daß die Welt groß sei. Nach dem Eindruck, den fachkundige Zuhörer erhielten, bedurfte es eigentlich nicht der uns später übermittelten Feststellung, daß die Reichsvertretung und der Hilfsverein mit der ganzen Angelegenheit nichts zu tun habe.

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