Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 15 (1936) - farbig
- Issue
- 12 (19.3.1936)
- Date
- 1936-03-19
- Page
- [Seite] (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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grosser Teil der Einwanderer, da er keine anderen Erwerbsmöglichkeiteu offen sieht, die Konkurrenz noch vermehrt. Schliesslich ist aber die Entwicklung der •Wirtschaft vollkommen abhängig von dem kontinuierlichen Zustrom von Kapital und Menschen und von dem richtigen Verhältnis beider zueinander. Mehr als die Hälfte der Arbeiterschaft ist in der Bauindustrie und den ihr verwandten Gewerben tätig und arbeitet praktisch für die Neueinwanderung. In dem Augenblick, in dem diese stockt oder in dem dem Baugewerbe kein neues Kapital mehr zur Verfügung gestellt wird, müssen Krisenerscheinungen auftreten, die durch öffentliche Aufträge, durch Reparaturarbeiten und anderes nur gelindert, nicht beseitigt werden können. Die Arbeitslosigkeit bringt eine weitere Verminderung der Kaufkraft, das Nachlassen der Bautätigkeit führt zunächst zu geringeren Umsätzen am Grundstücksmarkt, später zu einem Fall der Bodenpreise. Unzweifelhaft ist ein derartiger Rückgang, langfristig gesehen, gesund, er muss aber dahin wirken, dass sich auch der Hausbesitz entsprechend entwertet, was zunächst ebenfalls unangenehme Folgen haben, auf die Dauer allerdings zu einer Senkung der Mieten beitragen wird, der grössten Notwendigkeit für eine Hebung von Kaufkraft und Wohlstand der städtischen Bevölkerung, d. h. von drei Vierteln der jüdischen Einwohner. Wenn somit, was vor allem von ausser wirtschaftlichen, politischen Faktoren abhängt, die Einwanderung von Kapital und Menschen sich verlangsamt, ist die wichtigste Aufgabe, im Land vorhandene Kräfte zur Aufsaugung der Arbeitslosen einzusetzen. Alle Notstandsarbeiten können nur vorübergehend mildern, und von der Regierung ist kein Programm zu erwarten, das etwa dauernde Hilfe versprechen würde. Der Plan einer grossen jüdischen Anleihe, der jetzt zur Erörterung steht, ist ein Vorschlag, der Beachtung verdient, der aber nicht allein ausreichen wird. So müssen die frei werdenden Arbeitskräfte in' andere Produktionszweige übergeführt werden. Das bedeutet neue industrielle Betätigung auf neuen Gebieten und Rückkehr, zur Landwirtschaft oder verstärkte Ansiedlung. Bei allem darf ausserdem nicht vergessen werden, dass neue Arbeitskräfte ohne Kapital ständig einwandern, wenn auch nach der Herabsetzung der Quote in verringerter Zahl. Die Industrie wird sich, wenn sie Erfolge haben will, vor allem auf den Inlandsverbrauch an Konsulngütern einstellen müssen, wobei sie von der „Tozeret Haarez“-Bewegung, der Propaganda des Konsums heimischer Waren, und von der jetzt etwas günstiger gewordenen Zollpolitik der Mandatsregierung unterstützt wird. Ob die vorwiegend aus der Initiative deutscher Einwanderer neuentstandenen und jetzt in Betrieb kommenden Werke sich bewähren werden, kann erst die Zukunft zeigen. Der vielfach erörterte Absatz palästinensischer Industrieerzeugnisse nach dem Ausland, besonders dem nahen Orient, wird sich wahrscheinlich in erster Linie auf besondere Qualitätserzeugnisse beschränken müssen. Denn für arbeitsintensive Industrien sind die palästinensischen Löhne im Vergleich zu denen in den umliegenden Ländern zu hoch und müssen es, bei Verwendung jüdischer Arbeitskräfte, auch bleiben. Die Industriezweige, die für den Inlandsverbrauch arbeiten, werden versuchen müssen, an Stelle der noch reichlich eingeführten Konsumgüter Landeserzeugnisse für einen Orienthafen typische Leben rund um das Schiff und rasch auch auf ihm selbst, wie es bereits tausendfach beschrieben worden ist. Aus dem unergründlichen Innern des Schiffes werden grosse Ballen mit Wagen ausgeladen, gleichzeitig beginnt auch schon das Einladen von tausenden Kisten von Citrusfrüchten, die zwei Tage später nach Europa abdampfen sollen. Die ersten grossen Orangen und Grape flüchte werden zum Verkauf an Bord gebracht, wunderbare Früchte, die das Auge erfreuen. Währenddessen hat die Immigrationsabteilung der Mandatsregierung in den Gesellschaftsräumen der ersten Klasse ein kleines Büro errichtet. Nahezu zehn junge Regierungsangestellte verschanzen sich hinter Tischen, auf denen eine Unmenge verschiedenster Vordrucke liegt, und schon nach wenigen Minuten beginnt die Abfertigung zunächst derjenigen Personen, die in Jaffa aussteigen wollen. Jeder Passagier muss seinen Pass persönlich vorlegen, an Hand des Passbildes wird die Identität jedes einzelnen genauestens festgestellt, die Echtheit des Visums der englischen Konsulatsbehörden wird geprüft und für jeden Einreisenden eine grosse Kartothekkarte ausgefüllt. An Hand grosser Listen, die schon während der Ueberfahrt auf dem Schiff angelegt wurden, wird verglichen, ob auch jeder Passagier ordnungsgemäss verzeichnet ist; die Touristen müssen ein Photo hinterlegen, alle müssen ihre Adresse für die nächste Zeit angeben, um für die Gesundheitsbehörde erreichbar zu bleiben. Die Amtshandlungen der Regierungsangestellten gehen rasch hintereinander vor sich, das Verfahren ist lange eingespielt, alles greift gut organisiert ineinander. Der Ton der Beamten gegenüber den vielen Fragen der Passagiere ist zurückhaltend, allerdings sind die Angestellten der Immigrationsäbteilung zum grössten Teil ganz junge Leute, die natürlich nicht genügend Lebenserfahrung haben, um auch nur B I6EE& Ankauf / Hypotheken Verkauf ' durch Linkstr. 32 WilU'lSr B b H65M zu setzen und die Einfuhr mehr auf Rohstoffe und Halbfabrikate zu verschieben. Dazu müssen die Produktivkräfte der heimischen Landwirtschaft weiter verarbeitet werden, in Obsterzeugnissen, Konserven, Wein. Am geringsten beeinflusst von den Krisenerscheinungen blieb bisher die Landwirtschaft, die natürlich mit Recht auch am meisten gehegt worden ist. Sie konnte bisher beständig Arbeitskräfte aufnehmen in dem Mass, in dem neuer Boden urbar gemacht wurde. Sie hat aber in den Prosperitätsjahren auch Menschen in die städtischen Arbeiterberufe abgegeben gehabt, die man jetzt wieder zurückzuführen versucht. Die Landwirtschaft in Palästina ist aber ebensowenig ein einheitliches Ganzes wie die Gesamtwirtschaft oder das ganze Land. Die Citruskulturen sind ein Mittelding zwischen landwirtschaftlicher und industrieller Bewirtschaftung geworden, etwa so wie die grossen Pflanzerkulturen in Indien oder in Südamerika. Für sie gilt in erster Linie die Frage der jüdischen oder arabischen Arbeiter, eines der Probleme, an denen die Araberfrage am offensten zutage tritt. Auf längere Sicht müssen sich die Citruspflanzer mit der Eroberung neuer Absatzmärkte befassen, denn die inländische Erzeugung wird in den nächsten Jahren stetig zunehmen und die Absatzschwierigkeiten im gleichen Verhältnis. Da aber der Citrusexport der weitaus wichtigste Aktivposten der Handelsbilanz ist, kann die Regierung an dieser Frage nicht Vorbeigehen. Die Landwirtschaft im engeren Sinn, vor allem die intensiv betriebene in Verbindung mit Hühnerzucht und Milchwirtschaft, findet im Inland Absatz für ihre Erzeugnisse, freilich in scharfer Konkurrenz mit den oft wesentlich billigeren ausländischen Produkten. Auch die palästinensische Landwirtschaft, mit vielen Opfern aufgebaut und ausgebaut, leidet unter der internationalen Agrarkrise und hat in der Berücksichtigung ihrer Rentabilität die Spezialfrage eines teuren und begrenzten Bodens. Zu diesen rein wirtschaftlichen, gewissermassen akademischen Fragen tritt der politische Aspekt, Zusammenarbeit mit Mandatsregierung und Arabern. Weiter der menschliche, die Amalgamierung von Juden verschiedenster Herkunft und Prägung, mit Vorteilen und mit Fehlern, zunächst zu einem wirtschaftlichen Organismus, bevor eine weitere Verschmelzung erfolgen kann. Einem wirtschaftlichen Organismus mit allen wirtschaftlichen Gedankengängen, die in der Welt spuken: kollektive und private, geplante und freie, autarkische und freihändlerische Wirtschaft. Die Menschen, die aus den verschiedenen Himmelsrichtungen kommen, bringen natürlich Reibungsstoffe mit sich, und wenn man in Palästina Menschen spricht, die sich unglücklich fühlen, dann ist einer der wesentlichen Gründe immer mangelnde Anpassungsfähigkeit an Gewohnheiten, die von Einwanderern anderer Herkunft mitgebracht werden. In dem Sdnnelztiegel Palästina fehlt aber noch zum grössten Teil die Grundsubstauz, die als Dominante die neuen Elemente aufnehmen kann. Jede einzelne neue Ueberlegung enthüllt also Gegensätze, Widersprüche, Fragestellungen, die gelöst werden müssen. Der grosse Reiz des Landes liegt in diesen Problemen, in dem ständigen Fluss der Dinge, in dem Unbekannten der Wegrichtung. Die einzelnen Komponenten der wirtschaftlichen Fragen sollen in folgenden Betrachtungen erörtert werden. ahnen zu können, wie es einem Einwanderer — besonders älteren Menschen — zumute ist, sonst würden sie vielleicht ohne die geringste Einbusse der notwendigen amtlichen Korrektheit da und dort etwas verbindlicher sein. Schliesslich erhält man seinen Pass zurück und dabei eine für das Gesundheitsdepartement bestimmte Bescheinigung, die Mehrzahl der Einwanderer zahlt dann noch die Kopfsteuer und die Gepäckausladungsgebühren an einen Beamten der Jewish Agency, der ebenfalls pufs Schiff gekommen ist — und das Tor nach Palästina ist geöffnet, wenigstens für die, die in Jaffa das Schiff verlassen. Es ist eine sehr dankenswerte Einrichtung der Mandatsregierung, dass sie noch während des längeren Schiffsaufenthaltes vor Jaffa unmittelbar anschliessend an die Abfertigung der in Jaffa aussteigenden Passagiere sämtliche Passformalitäten der auch bis Haifa Fahrenden erledigt. Da durch den starken Ladeverkehr in Jaffa das Schiff sowieso einige Stunden vor Anker bleiben muss, ist dafür auch ausreichende Zelt, die dann bei der Landung in Haifa erspart wird. Auch der Schiffsarzt, der an Bord gekommen ist, waltet inzwischen seines Amtes. Nicht die Touristen, aber jeder Einwanderer wird kurz ärztlich untersucht und erhält dann Schutzimpfungen gegen Pocken und gegen Typhus. Infolge missverstandener Auskünfte bleiben einige Einwanderer auf dem Schiff ungeimpft, sie müssen diese Prozedur dann später an Land nachholen. Doch wird auch in der neuen Quarantänestation von Haifa die Typhusimpfung ein zweites Mal von einer geschickten Schwester freundlich und rücksichtsvoll ausgeführt. Endlich werden die Anker in Jaffa gelichtet, die Passagiere sind bereits etwas ungeduldig geworden, obgleich es von Bord aus eine Unmenge zu sehen gibt, wenigstens für die, welche einen Feldstecher haben. Nun noch vier bis fünf Stunden, erst an flachem Strand vorbei, fährt das Schiff an der Palästinaküste nach Norden, allmählich steigt das Karmelgebirge aus der Ebene empor, fern Briefwechsel zwischen zwei Staatsmännern Palästinas staatsrechtliche Entwicklung Im Vordergrund der Erörterungen über die zukünftige Palästina-Verfassung, die fortfährt, die englische Oeffentlichkeit zu beschäftigen, steht diesmal ein Briefwechsel zwischen dem Koloniemninister J. H. T h o m a s und Lord M e 1 c h e 11. Der Briefwechsel knüpft an den Empfang einer englisch-jüdischen Abordnung unter Führung von Lord Melchett beim Kolonienminister an und greift die in der damaligen Unterredung zutage getretenen Differenzpunkte wieder auf. Wir geben den Wortlaut der bedeutsamen Dokumente in ihren wesentlichen Teilen im folgenden wieder. In dem vom 20. Februar datierten Schreiben des Kolonienministers heisst es u. a.: „Lieber Melchett, ich habe die Vorstellungen betreffend den Vorschlag, in Palästina einen Legislative Council zu errichten, die Sie und Mr. Neville Laski als Mitglieder der bedeutsamen jüdischen Abordnung . . . mir gegenüber erhoben haben, sowie die Argumente, die in dem mir vorher . . . überreichten Memorandum enthalten sind, ‘einer sorgfältigen Erwägung unterzogen. Ich erkenne durchaus die -weit verbreiteten Gefühle, die bei den .Juden durch die Vorschläge der Regierung Seiner Majestät ausgelöst worden sind, und ich würdige die Besorgnis ..., dass die beabsichtigten Schritte sich zum Nachteil des Jüdischen Nationalheims auswirken könnten. Ich glaube jedoch, dass die jüdische öffentliche Meinung unnötige Befürchtungen in dieser Beziehung hegt, und dass man bei genauerem Studium der Vorschläge . . . erkennen wird, dass von der durch Sie ausgelösten Kritik vieles auf ungenügenden Gründen aufgebaut ist. Die für die Schaffung des Legislative Council gebilligten Vorschläge sind im allgemeinen Interesse Palästinas gemacht worden, und das Problem wurde von dem High Commission er und der Regierung Seiner Majestät unter dem Gesichtspunkt des Gesamt Wohls Palästinas betrachtet. Die Regierung Seiner Majestät hat im Jahre 1930 bestimmte Zusagen über ihre Absicht, einen Legislative Council einzusetzen, gemacht, und diese Absicht ist 1932 von Sir Arthur Wauchope mit Zustimmung der Regierung Seiner Majestät in seiner Eröffnungserklärung vor der Ständigen Mandatskommission in Genf bekräftigt worden. Sogar wenn Gründe dafür vorhanden wären, in der Einführung eines Legislative Council einen störenden Faktor zu sehen, würde die Tatsache, dass die Regierung ihr Versprechen nicht zu der frühest mö glichen Zeit erfüllt, wahrscheinlich in noch höherem Masse ein Faktor für die Störung der Ordnung sein, von dem die Entstehung eines weit verbreiteten Misstrauens zu erwarten wäre. Ausserdem sollte die Tatsache, dass gewisse Vertreter der Bevölkerung Palästinas in einer wenn allerdings grundlegenden Sache mit der Regierung nicht einer Meinung sind, sie nicht notwendigerweise an der Zusammenarbeit mit der Regierung bei vielen anderen wichtigen Massnahmen hindern. Ich bin überzeugt, dass Sie den Vorteil von Meinungsäusserungen in einer verfassungsmässig errichteten repräsentativen Körperschaft gegenüber einer Meinungsäusserung zugeben werden, die sich auf dem Wege der Parteipresse lind öffentlicher Kundgebungen vollzieht, von denen nur zu sehr zu erwarten ist. dass sie zur Störung der öffentlichen Ruhe führen. Wie ich Ihnen am 31. Januar versichert habe, ist das Mandat absolut gesichert; es gibt nicht© in dem Plan für die Schaffung eines Legislative Council, das die Erfüllung der Man- ———t——WBIIIIW Will datsverpflichtungen der Regierung Seiner Majej stät stören oder sie in irgendeiner Weise beeinträchtigen könnte. Bei der Kritik an den gegenwärtigen Vorschlägen wurde erheblicher Nachdruck auf die Tatsache gelegt, dass der Plan der Legislative Council eine Vertretung der jüdischen Gemeinschaft in Palästina vorsieht, und dass er nicht die jüdische Gesamtheit berücksichtigt. Es wird behauptet, dass diese Vertretung den Juden den Status einer Minderheit gibt. ... Ein Legislative Council muss, um für Palästina repräsentativ zu sein, die Interessen aller Teile der Bevölkerung des Landes in einem solchen Verhältnis berücksichtigen, wie es von der Regierung Seiner Majestät als ein angemessenes Spiegelbild der verschiedenen beteiligten Interessen angesehen wird. Andererseits findet das Interesse der Gesamtjudenheit an dem Jüdischen Nationalheim seinen Ausdruck bereits auf der repräsentativen Grundlage der Zionistischen Weltorganisation, und die ausdrückliche Anerkennung der Jewish Agency durch die Palästina-Verwaltung auf Grund des Mandats sieht einen wirksamen Kontakt zwischen der Verwaltung und der zionistischen Weltmeinung vor. Es ist nicht beabsichtigt, dass die gegenwärtig zwischen der Jewish Agency und der Palästina-Verwaltung bestehenden Beziehungen, wie sie in dem Mandat in Aussicht genommen sind, infolge der Einsetzung eines Legislative Council in irgendeiner Weise übergangen werden sollen. Es wird weiter behauptet, dass eine längere Probezeit vorangehen sollte, in der Erfahrungen über das Funktionieren der Stadträte (Organe der örtlichen Selbstverwaltung) gewonnen werden könnten, bevor ein so wichtiger Schritt, wie die Einsetzung eines Legislative Council, getan wird. Gegenwärtig bestehen munizipale Körperschaften in 15 arabischen Städten, und es arbeiten Araber und Juden nicht nur in den Stadträten der grösseren Städte harmonisch zusammen, sondern es ist auch auf Grund der Erfahrungen in Verwaltungsräten und Komitees, wie z. B. solchen, die sich mit Industrie und Handel, Landwirtschaft, Strassen- und Eisenbahnwesen befassen, klar, dass es Juden und Arabern möglich ist, zu gemeinsamem Wohl zusammenzuarbeiten. ... Diese lokale Selbstverwaltung war ein wichtiges und umfassendes Stück der Gesetzgebung, das der High Commissioner dringend vollendet zu sehen wünschte, bevor er in das Stadium aktiver Erwägung eines Legislative Council eintrat, und es wäre unrichtig, seine Aeusserung so darzustellen, als wäre in ihr die Absicht eingeschlossen gewesen, eine ausgedehnte Probefrist festzusetzen, während welcher die Gemeinschaften Palästinas durch die Art des Funktionierens der Stadträte den Beweis ihrer Eignung für die Uebernabme ihres Anteils an den Pflichten eines Legislative Council für ganz Palästina hätten erbringen sollen. Schliesslich meinen Sie, dass heute, insbesondere unter Berücksichtigung der internationalen Lage, nicht die geeignete Zeit sei, einen so wichtigen Schritt, wie die Einsetzung eines Legislative Council zu unternehmen. Ich würdige durchaus die Erwägungen, auf die Sie anspielen, aber ich glaube, dass, was immer man über mögliche störende Faktoren in der allgemeinen internationalen Lage denken möge, kein Zweifel in bezug auf die ernste Unzufriedenheit und Unruhe gehegt werden kann, die in Palästina zum Ausdruck kommen würde, wenn es den Anschein hätte, dass die Regierung Seiner Majestät nicht die Absicht habe, ihre wiederholten Zusicherungen in bezug auf den Legislative Council wahr zu machen. Ohne ernstere Folgen vorauszusetzeu, bin ich überzeugt, dass im Hintergrund sieht man die jetzt schneebedeckten Gipfel des Libanon. In einem grossen Bogen biegt das Schiff in den Hafen von Haifa ein. Ein erster Blick auf die Stadt, die in Sonnenuntergang getaucht daliegt, angelehnt an den Karmel, bunt verschleiert. Ein romantisches Häusermeer, vom Ufer bis zum Fuss der Bergketten ansteigend,, neue moderne Häuserreihen auf den erst sanft und dann immer stärker ansteigenden Hängen des Karmel. Leben und Arbeit in landschaftlicher Schönheit leuchtet uns beschwingend entgegen — das ist der erste Eindruck von Haifa. Vorbei an englischen Kriegsschiffen legt das Schiff am Kai an. Da die Passformalitäten erledigt sind, geht es rasch von Bord die Schiffstreppe hinab: Palästina, sei gegrüsst! Wer nun glaubt, dass er bereits die Stadt betreten darf, befindet sich in einem Irrtum. Denn zwischen dem Landungsplatz und dem bewachten Hafentor liegen die grossen Zollhallen, die zu langem, wenn auch nicht gerade freundlichem Aufenthalt auffordern. Schwierig, nervenaufreibend und grosse Geduld erfordernd ist das Kontrollverfahren, das die Zollbehörde für Einwanderer und Touristen gleichmässig durchführt. In dieser grossen, gedeckten Zollhalle werden Handgepäck, Kabinenkoffer und auch grosse Gepäckstücke ausgeladen. Jeder einzelne muss sich erst einmal selbst seine Stücke zusammensuchen. Bis das gelungen ist, vergeht im allgemeinen eine knappe Stunde. Es muss jedoch vermerkt werden, dass sich mit der Zeit alles einfindet, und dass die amtlichen — meist arabischen — Gepäckträger bereitwillig und zuverlässig Hilfe leisten, bis man dann vor die durchweg sehr jungen Zollbeamten^ kommt. Sie durchsuchen das Gepäck mit einer Genauigkeit in unerschütterlicher Ruhe und mit so eingehender Sachkenntnis, so völlig unbeirrt und gleichgültig gegen den Andrang und die Nervosität des Publikums, dass man sie geradezu deshalb bewundern muss. Jedes Medizinfläschchen, jeder Flakon, die harmloseste Pyramidonbüchse wird ebenso genau betrachtet wie eine angebrochene Likörflasche; jeder Stoffrest, der beim Schneidern eines Kleides übriggeblieben ist und eingepackt wurde, ist ein genau so wichtiges Verzollungsproblem mit allen sich daran knüpfenden Erörterungen, Ausinessen der Grösse und Feststellen des Wertes, als wenn irgend jemand einen hochwertigen zollpflichtigen Gegenstand „importieren“ würde. Die meisten Passagiere hatten wohl durch Briefe ihrer Freunde und Bekannten bereits vorher von dieser Nervenprobe gehört, sie behielten daher auch mit kleinen Ausnahmen ihre Ruhe, und das ist gut so, denn sie brauchen ihre Spannkraft auch nach dem Verlassen des Zollhauses noch genug. Dann, wenn die Verzollung beendet ist, reissen plötzlich mehrere Hände die freigegebenen Gepäckstücke an sich und verladen sie auf einen Karren. Der erstaunte Reisende, der zunächst an einem Schalter in einer Ecke der Halle einige Piaster Gebühren zahlen muss, ist zwar so rasch wie möglich hinter seinem Gepäck her, erreicht es aber erst wieder ausserhalb des Zollhauses, über das schnelle Wiedersehen hocherfreut. Inzwischen ist es längst finster geworden, man sieht nur einige Autolichter, entdeckt seine Gepäckstücke bereits auf ein Auto gebunden und in seinem Innern verstaut. Nun muss der Ankömmling erst mit Trägern und Chauffeur einen Preis aushandeln, das Sprachengewirr ist geradezu babelhaft, der Betrag, der von dem Neuling zunächst gefordert wird, erscheint ihm märchenhaft hoch; mit Hilfe von einheimischen Bekannten, die ausserhalb des Zollhauses inzwischen an ihre Freunde herankommen konnten, wird aber auch diese Sache befriedigend geregelt. Und dann fährt man in diesem Auto ab, kommt in einem provisorischen Quartier an uncl ist zunächst völlig gerädert. Einige Händedrücke mit Freunden und Bekannten, dann zieht man sich zurück, beseelt von dem Gefühl, in einem Lande Aufnahme gefunden zu haben, das jedem eine Chance gibt, der guten Willens ist und der das Gute sehen will, das zu schaffen sich alle hier zu Lande mit warmem Herzen und starken Armen bemühen. 3388