Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1936-03-19 · 12 (19.3.1936) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
15 (1936) - farbig
Issue
12 (19.3.1936)
Date
1936-03-19
Page
[Seite] (sequence 17)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2277379-9449481-9449340--10174-9448827
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Nr. 12 5. Beiblatt Palästma-lTinscliaii der C.-V.-Zeiinng 19. März 1936 Palästina — anders als erwartet Beginn einer Aufsatzreihe über die Palästina-Wirtschaft Von unserem L.B.-Mitarbeiter Presse, Film, Bild und Briefverkehr haben in den letzten Jahren auch im entlegensten Winkel der Juden Deutschlands Vorstellungen vo.n Palästina in so greifbarer Deutlichkeit erweckt, dass man glauben konnte, man sei bei einem Besuch des Landes so zu Hause, so wenig von Ueberraschungen betroffen wie bei einer ersten Reise nach Paris oder nach London. Gemeinhin treffen ja die oberflächlichen Begriffe vom anderen Land und Volk zu, die man sich zu Hause gemacht hat; die Welt ist meistens wirklich so, wie man sie sich im Bilderbuch vorstellt. Palästina aber bildet eine Ausnahme. Auf Schritt und Tritt findet man die mitgebrachten Urteile und Ansichten schief und unklar, weil die Voraussetzungen des Lebens und der Menschen andere sind als die gedachten. Es ist schon richtig, was manche alte Palästinenser sagen: man kann eigentlich das, was hier im Land geschieht, man kann auch unser Leben kaum beschreiben oder wo anders hin übermitteln. So erklären sich auch die Mängel der Palästina-Filme, die immer nur Teile, nie ein Ganzes vorführen, und also nur Teile vermitteln. Was aber als erstes im Land auf fällt und was gleichsam als Leitmotiv nicht nur eine Palästmareise, sondern das ganze Leben in Palästina bestimmt, das ist die Fülle der Widersprüche, die nebeneinander bestehen, der Probleme, die aus den einfachsten täglichen Dingen immer wieder neu vor einen hintreten, und die von vornherein einen Menschen, der gerne ein ruhiges Leben der Behäbigkeit und Gleichförmigkeit führen möchte, für Palästina ungeeignet machen. Der Besucher, der in Haifa vom Schiff steigt, glaubt zwar, wenn er die neuen jüdischen Stadtteile im Autobus, im Taxi oder auch dem alten Beförderungsmittel des Orients, der Pferdedroschke, erreichen will, einen kurzen Augenblick, in einem östlichen Land zu sein, denn er sieht einige arabische Händler mit dem Kopftuch und einer Bekleidung, die nur in einigen Fragmenten europäisch ist. Er sieht einige Häuser einer fremden Bauart, aber kaum hat er sich Rechenschaft darüber abgelegt, wie die Unterschiede gegen das Altgewohnte sind, befindet er sich in Strassen, deren Anlage und deren Verkehr mehr als europäisch, ja sogar mehr als amerikanisch ist. Mein französischen Reisegefährte, der seit vielen Jahren alle Teile des Orients durchstreift, der aber Palästina nicht kannte, fühlte sich hier freilich gar nicht wohl. „Das ist ja eine kubistische Stadt, ein Ort des 21. Jahrhunderts, hier können doch keine Menschen unserer Zivilisation leben“, war sein Urteil, das noch dadurch verstärkt wurde, dass er kein Restaurant fand, das französische Küche *so führte, wie er es wollte. In der Tat, dieses kleine Palästina mit seinen Gressstädten, mit seiner Landwirtschaft hat eine ganz andere Entwicklung als das übrige östliche Becken des Mittelmeers, also als die Länder, die unter ähnlichen geographischen und ethnographischen Verhältnissen stehen. Die eigenartige Mischung von bodenständigen Elementen und dem Einfluss der lateinischen Kulturen,, die wohl seit 2000 Jahren in wechselnder Zusammensetzung in Balkan und Levante vorhanden ist, wurde in Palästina aufgehoben. Auch der Aufbau der neuen Türkei ist revolutionär, alte, überkommene Ordnungen werden beiseite geräumt und durch neue, eingeführte Begriffe und Organisationen ersetzt, an Stelle einer mittelalterlichen Wirtschaft tritt der Staatskapitalismus; trotzdem aber sind es dieselben Menschen, die schon vorher das Land bewohnten und die nur ihre Erkenntnisse und Kenntnisse importierten. In Palästina aber schaffen Menschen eine neue Ordnung, die auf anderem Boden gewachsen sind und darum auch eine andere Kultur mitbringen als die von Levante und Orient. Palästina ist Kolonisationsland. Aufeinanderstossen von Kulturen, die alle wieder im einzelnen problemhaft sind in dieser Zeit und deren Berührung auf kleinem Raum neue, potenzierte Problemstellungen schafft. So, vom Aeusseren der Lebensform ganz abgesehen, bei dem, was natürlich die Menschen drüben in erster Linie beschäftigt, wenn auch manche es dem Einwanderer und dem Besucher nicht zugeben, der Krise. Ob der Begriff stimmt oder nicht, soll eine spätere Betrachtung zeigen. Jedenfalls steht fest, dass seit Herbst vorigen Jahres die seither eindeutig nach oben gerichtete Kurve der wirtschaftlichen Entwicklung einen Knick erfahren hat, ausgelöst durch weltpolitische Vorgänge, und dass bisher noch nicht die frühere Richtung der Kurve aufgenommen wurde, sondern dass man bestenfalls von einer Stagnation auf der niederen Ebene sprechen kann. Trotzdem kann man aber nicht ohne weiteres Begriffe der Rationalökonomie auf diese krisenhaften Erscheinungen anwenden. Man wird auch hier die Einzigartigkeit des Landes untersuchen müssen. Man muss feststellen, dass der Kreditapparat ein erheblich anderer ist als in fast allen Teilen der Welt, dass Geldmarkt und Kapitalmarkt Sonderbedingungen unterliegen, dass ein einheitlicher und ineinander überlaufender Kapitalverkehr noch nicht vorhanden ist. Die Industrie steht zum grossen Teil in einer Aufbauperiode mit Anlaufschwierigkeiten, die viel gravierender sind als das, was die Promotoren der Industrialisierung in Europa oder in Amerika kennengelernt haben. Das, und eigentlich alles im Lande, wird unternommen mit Menschen, die sich klimatisch, beruflich und in ihrer ganzen menschlichen Einstellung den veränderten Bedingungen der Umwelt erst anpassen müssen. Dabei fehlt der Industrie im allgemeinen die Orientierung, wohin sie ihren Absatz richten kann. Der innere Markt ist klein und kann erst allmählich eine Ausdehnung erfahren, denn er beschränkt sich auf höchstens eine viertel Mil¬ Reisenotizen eines Palästina-Einwanderers E. ß.-z. Haifa, den 4. März 1936. Fortsetzung Schiffe ohne Jugend — 14 Nationen Die Schiffsstatistik gibt ein sehr interessantes Bild über die Struktur der Passagiere nach den verschiedensten interessanten Merkmalen. Ausweislich der Passagierliste sind 228 Fahrgäste auf dem Schiff, die überwiegend die Touristenklasse belegt haben; die Zahl der I.-Klasse-Passagiere ist nur ein kleiner Bruchteil hiervon. Wenn auch die Gesamtzahl der Passagiere nicht gross genug ist, um die Ergebnisse aus dieser Statistik etwa als typisch oder auch nur als charakteristisch hinzustellen, so ist sie doch immerhin gross genug, um aus ihr Wesenszüge der gegenwärtigen jüdischen Wanderbewegung mit dem Ziele Palästina erkennen zu lassen. Zunächst ist festzustellen, dass nicht alle Passagiere Juden sind, aber immerhin sind es neun Zehntel. Unter den Nichtjuden befindet sich u. a. ein deutscher Gesandter aus dem nahen Orient, der von Haifa aus noch tief ins Land hinein fahren muss, ein höherer italienischer Diplomat, eine deutsche Staatsangehörige, die in der Türkei geboren ist, im Kriege einen Deutschen kennenlernte und heiratete und nun nach zwölf Jahren tief in der asiatischen Türkei ihre alten Eltern besucht. Aber immerhin sind unter den Juden die Staatsangehörigen von 14 Ländern vertreten. Genau die Hälfte der Passagiere sind deutsche Staatsangehörige, es folgen die Polen mit über 40. Die nächst grössere Zahl stellen die Staatenlosen, nun folgen mit kleineren Zahlen jüdische Staatsangehörige aus Oesterreich, aus Ungarn, Bulgarien, Italien, aus der Tschechoslowakei, aus Litauen, Lettland, Rumänien, aus der Schweiz, der Türkei, ja sogar aus Uebersee, aus Brasilien. In dieser Nationalitätenverteilung liegt ein sehr charakteristisches Zeichen, das man verstehen muss, wenn man die jüdische Wanderbewegung der Gegenwart in ihrer ganzen Bedeutung erfassen will. Wenn auch diese Wanderbewegung nach Palästina heute in grösstem Masse von den Juden aus Deutschland getragen wird, so hat doch die jüngste Entwicklung auch die Juden anderer Länder auf gerüttelt. Diese Behauptung kann nicht besser bewiesen werden als durch die Tatsache, dass so viele Juden anderer Länder auf einem einzigen, nicht einmal stark besetzten Schiff den Weg nach Palästina suchen, um dort in Ruhe zunächst ihre Uebersiedlung vorzubereiten, dann noch einmal heimzukehren und schliesslich erst nach einigen Monaten ganz überzusiedeln. Von den 228 Passagieren sind rund 80 Touristen. Etwa 50 sind Kapitalisten (sogenannte „Tausendpfündler“). Mehr als 20 gehen auf Arbeiterzertifikat herüber, etwa 45 sind angeforderte Angehörige, etwa 25 Menschen kehren nach Palästina zurück,, nachdem sie besuchsweise oder aus geschäftlichen Gründen in Europa geweilt hatten. Diese Grössenordnung der verschiedenen Kategorien lässt erkennen, wie stark die Zertifikatsbeschränkung der letzten Monate die nichtkapitalistische Einwanderung zurückgedrängt hat. Ist doch die Zahl der Angehörigen, die angefordert worden sind, grösser als die Zahl der neueinwandernden Arbeiter! Das mag keines- ' wegs typisch sein, aber es zeigt, wohin die Beschränkung der Arbeiterzertifikate führt: zur Zurückdrängung der Jugend bei der Einwanderung und zur Erhöhung der Konsumentenschicht. Für Palästina wäre eine gleichzeitige Zuführung von soviel Arbeitskräften, wie die sich vergrößernde Verbraucherschicht nach den ältesten, bisher nicht widerlegten Wirtschaftsgesetzen sie absorbieren kann, ebenso notwendig, wie vom Standpunkt der Menschenplanwirtschaft der Mandatsregierung vertretbar. Wie stark die Jugend zurückgedrängt wird, zeigt die Altersgliederung, deren Feststellung exakt möglich war. Sie ergibt das erstaunliche Bild, dass unter den 228 Passagieren nur zehn jünger als sechs Jahre waren, weitere fünf standen im Alter zwischen sieben und zehn Jahren. Insgesamt waren 42 Jungen und Mädel jünger als 20 Jahre, das sind nur etwa 20 Prozent der Passagiere! Das lion Menschen, das heisst auf die Einwohnerzahl einer Stadt wie Altona oder Stettin. Einer Einwohnerschaft aber, deren Kaufkraft viel beschränkter ist, als man sich vorstellen konnte, begründet auf den bescheidenen Einkommensverhältnissen aller Berufe, sowohl der kaufmännischen, der freien wie der Arbeiterschaft. Die Verdienstspanne in der Wirtschaft ist für mitteleuropäische Begriffe unvorstellbar klein, denn die Konkurrenz des Weltmarkts tritt in dem von Zöllen wenig geschützten Palästina viel stärker zutage als anderswo. Hinzu kommt, dass der Handel, wie in allen Ländern der Levante, übersetzt ist, und dass natürlich ein BliHillll!IIIIilllUiillllllli!iilIIIIII!llllllllllll!Hi!lllllll!!il!liilIli!HIIIHi!!inill!I!jH!llliil!lilllllllllHIIIÜiiIilllllH!lil!illlll!!!II!IHIIHinilllllllllill!l!H!II 4 mal Palästina Ein Jude der Neu-Ein Wanderung England Fot. Herbert Sonnenfeld Arabien Der alte Jischuw MMW SM WWW WWW Hanptkontingent stellen die 20- bis 40jährigen. Zu diesen beiden Dezennien gehören mehr als 90 der Passagiere. Die Zahl der 40- bis 50jährigen lag unter 40, die Zahl der Passagiere, die 50 Jahre und älter waren, betrug fast 60! Sie ist also um die Hälfte höher als die der Kinder, Jünglinge und jungen Mädchen in den ersten beiden Lebensjahrzehnten. Der Einwand, dass es sich bei den Aelteren ja vielfach um Touristen handelt, ist nur beschränkt richtig, denn gerade sehr viele dieser älteren Mitreisenden sind die angeforderten Angehörigen, über deren Zahl oben berichtet wurde! Die Beschränkung der Arbeiterzertifikate hat die weitere Folge, dass auch die Kapitalistenziffer ein relativ zu starkes Ausmass erhalten muss. Unter den einwandernden rund 120 Personen sind fast die Hälfte solche, die auf Grund des Kapitalistenvisums eines der Familienangehörigen ins Land kommen. 52 Passagiere haben ein sogenanntes A'l-Zertifikat, es sind also die Inhaber von 1000 PL mit Frauen und Kindern. Es ist ein Irrtum, anzunehmen, dass es sich hier nur um „Kapitalisten“ aus Deutschland handelt. Selbst in dem kleinen Kreise eines einzigen Palästinaschiffes sind vier Bulgaren, die auf ein Kapitalistenvisum herübergehen, neun Polen, drei Rumänen, zwei Litauer, ein Oesterreicher und schliesslich ein Jude aus der Tschechoslowakei gehen ebenfalls mit ihrem Vermögen nach Erez. So tropfenweise — nach der Personenzahl — die Kapitalistenwanderung aus anderen Ländern als aus Deutschland auch zunächst ist, so bedeutet sie doch summarisch, d. h. in der Summe aller nichtdeutschen Kapitalisten, für das Land eine starke Kapitalquelle, die erkennen lässt, dass die Anziehungskraft Palästinas allmählich auch dort spürbar wird, wo ein unmittelbarer Anlass zum Verlassen des Landes der Geburt und der Eltern und Voreltern nicht gegeben ist. Die schwierige Lage der Staatenlosen spiegelt die Tatsache, dass sie fast durchweg der „Angehörigen“-Kategorie angehören, nur wenige haben ein Arbeiterzertifikat. Die Schweizer, die nach Palästina fahren, sind übrigens durchweg Besucher. Bunt ist das Sprachengewirr der Juden der vielen Länder, aber es ist charakteristisch, dass auch die nicht aus Deutschland oder deutschsprachigen Ländern stammenden fast durchweg ein reines Hochdeutsch sprechen. Einwanderer ante po>r£as Am letzten Abend vor der Landung in Jaffa herrscht bereits Abschiedsstimmung; die geruhsamen Tage auf dem Mittelmeer haben da und dort einen kleinen Freundeskreis geschaffen, der nun am nächsten Tage wieder auseinandergeweht wird. In den Kabinen werden die Koffer gepackt, wer sich frühmorgens in Jaffa ausbooten lassen will, legt sich zeitig ins Bett, um möglichst ausgeschlafen zu sein, denn bei dem schönen Wetter kommt das Schiff pünktlich früh um V26 Uhr, V26 Uhr nach der Zeit im östlichen Mittelmeer, das heisst um VäS Uhr mitteleuropäischer Zeit, da die Uhr etwa in der Höhe von Kreta um eine Stunde vorgestellt wird, an. Alle, und aller Gedanken sind nunmehr allein auf das Reiseziel eingestellt. Nur wenige kennen das Land, die meisten kommen zum erstenmal nach Palästina. Die Freude der „Touristen“, die nach oft jahrelanger Trennung Angehörige besuchen, ist uneingeschränkt, bei den Einwandernden liegt eine etwas bange Ungewissheit über der freudigen Erwartung, wissen sie doch nicht, wie der erste Eindruck der neuen Heimat ausfallen wird, von dem seelisch ja ohne Zweifel sehr viel abhängt. Trotz der frühen Morgenstunde ist auf dem Meer vor Jaffa bereits lebhafter Betrieb, der durch eines vom ersten Augenblick an entscheidend gekennzeichnet ist: durch die Türme von Orangen- und Grapefruchtkisten, die auf schwankenden Barken auf eine grössere Anzahl von Passagier- und Lastdampfern geladen werden. Noch bevor die „Galilea“ einige hundert Meter vom Ufer entfernt Anker wirft, nähert sich uns eine Anzahl von Booten, die Vertreter der Hafenpolizei und Einwanderungsbeamte an Bord bringen. Nicht lange danach stürzen, mit den bekannten, aufgeregten Gesten des Orients,' arabische Träger an Bord; es entwickelt sich das

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.