Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 15 (1936) - farbig
- Issue
- 12 (19.3.1936)
- Date
- 1936-03-19
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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19. März 1936 ^!r. 12 * 1. Beiblatt CMUrifaing Der schwarze Tag von Przytik Przytik ist ein kleines polnisches Nest in der Wojewodschaft Kielce, es liegt zwischen Kielce und tzladom. Der Raine dieses Ortes, in dem knapp dreihundert Juden, Handwerker und Kleinhändler leben, ist in der letzten Zeit häufig in den Zeitungen genannt worden; hier hat die radikalste Boykottpropaganda gegen die Juden begonnen, in dieser Gegend kam es mehrfach zu Exzessen. Am März erreichte die Hetze ihren Höhepunkt in eurem Pogrom, dessen Echo nun weit über die jüdischen Kreise Polens hinaus die Welt erschüttert. Die Einzelheiten des Pogroms, die -zunächst in keiner polnischen oder jüdischen Zeitung mitgeteilt werden konnten, sind erst durch die Feststellungen der Sejm-Abgeordneten R u b i n st e i n und Sommer st e i n und durch die erschütternde Rede des Senators Oberrabbiner Professor Schor r bekanntgeworden. Oie Senatssitzung In der denkwürdigen Sitzung des Senats am 12. März sprach zunächst der I n n e n m i u i - st e r R a c z k i e w i c z über das Verhältnis des polnischen Staates zu den Minderheiten. Mit Bitterkeit wird in der Presse sestgestellt, daß der Innenminister in seiner Rede für die aktuellste Minderheitsnot, die Lage der Juden in Polen, kein einziges Wort übrighatte. Dann begann Protestdemonstration Wie der ITA gemeldet wird, haben sich an dem von der jüdischen Arbeiterschaft Polens für den 17. März proklamierten Generalstreik zum Protest gegen die Bedrohung der wirtschaftlichen und physischen Existenz der polnischen Judenheit und gegen die Duldung der aufreizenden judenfeindlichen Propaganda durch die Negierung alle Schichten der jüdischen Bevölkerung ohne Unterschied ihrer sozialen Anschauungen oder politischen Einstellung beteiligt. Die Generalstreikparole wurde tatsächlich von der gesamten 3K Millionen zählenden polnischen Judenheit befolgt und viele Tausende nichtjüdischer Arbeiter schlossen sich den Protestkundgebungen an. Der vollkommen friedlich verlaufene Massenstreik wurde um 2 Uhr nachmittag abgebrochen. Bis dahin ruhte das gesamte Wirtschaftsleben in Polen fast vollständig. Es war eine der größten und eindrucksvollsten Kundgebungen, die Polen Professor Dr. Moses S ch o r r seine Darstellung der jüdischen Situation in Polen, die sich besonders in den Wojewodschaften Posen, Pomerellen, Lodz und Kielce bis zur völligen Lcbensunsicherheit verschlimmert habe, und schilderte die Ereignisse in Przytik und die Passivität der Behörden. „Alles in bester Ordnung“ Drei Agitatoren, deren Namen Professor Schorr dem Senat nannte, hatten die Bauern der Przytiker Gegend zu Exzessen ansgehetzt. „ Die jüdische Bevölkerung hat die Gefahr vorausgefühlt! Eine Delegation der Przytiker Inden intervenierte beim Starosten und bat um Verstärkung des Polizeischntzes. Der Starost aber fertigte sie mit nichts ab und behauptete, alles wäre in bester Ordnung, es gäbe keine Gefahr und keinen Grund zur Beunruhigung, „es gibt doch noch keine Getöteten". Eine ähnliche Antwort erteilte der Chef des Sicherheitsamtes der Wojewodschaft Kielce, Herr Lutvmski, der alles „der übertriebenen jüdischen Empfindlichkeit" zuschrieb. Die Delegation, die beim Polizeikommandanten vorsprach, erhielt den Bescheid, der Herr Kommandant wäre in Urlaub. Inzwischen wurde die Lage gefährlicher und immer geladener. Die besseren Elemente der christlichen Bevölkerung warnten die Juden, es würden für Nlvntag Unruhen vorbereitet. Der Przytiker jüdische Kansmannsverein telegraphierte nach Kielce, warnte von neuem vor der näherrüctenden Gefahr, und eine neue Delegation sprach beim Chef des Sicherheitsamtes vor, woraus Herr Lutomski mit Zorn antwortete, er brauche keine Ratschläge, und man sollte ihm eine Denkschrift einreichen. Nach seiner Meinung herrschte in Przytik ideale Ruhe, und es lvären keine Maßnahmen nötig. Oer schwarze Montag „Aber nun kam der tragische Nlvntag", fuhr Professor Schorr fort, „die Bauern der Gegend kamen zum Markt, unter ihnen auch Agitatoren, die hetzten und sie anfpeitschten und eine Gelegenheit für einen ernsten Zusammenstoß suchten, woraus die Geschehnisse schon von selbst sich entwickeln würden. Ein Bauer versuchte, bei einem jüdischen Bäcker zu kaufen, war bald von einer Horde umgeben, Polizei kam dazwischen, und bald ergossen sich die Unruhen über den ganzen Ort. Bor den Augen der Polizei, die gleichgültig dabei steht und passiv zusieht, entfalten sich Unruhen. Die Bauernmasse, mit Stöcken, die mit Draht tunwickelt sind und in Eisenspitzen auslausen, die nur zu diesem Zweck von verbrecherischer Hand verteilt worden sind, bewaffnet auch mit anderen Geräten, stürmt die jüdischen Wohnungen und Lüden, vernichtet, zerbricht, zerstört altes, was unter ihre Hände kommt. An hundert Wohnungen sind vollständig zerstört worden, nichts blieb darin ganz, keine Scheiben, keine Fenster, keine Türen, Möbel, Werkzeug, Glas Kleidungsstücke, alles zerhackt und zerrissen, die Decken zerschnitten, große Pflastersteine durch die Fenster geworfen, liegen noch, oft acht, zehn, zwölf Stück, in den. Räumen. Ans den Dielen — Blut. Endlich erreicht der Mob das vorletzte Hänschen, stürmt die Wohnung des armen Schusters Minkowski, irgendwo taucht ein Beil ans, womit der unglückliche Minkowski erschlagen und seine Frau so schwer verwundet wird, daß sie tags darauf im Radomer Spital stirbt. Die unglücklichen Minkowskis hinterlassen acht Waisen, von denen zwei während des Ueborsalls in der Stube waren, und anch sie, die kleinen Kinder wurden von den wilden Exzedenten nicht gevon 3-/2 Millionen Juden seit den Demonstrationen anläßlich des Beilis- Prozesses im Jahre 1912 erlebt hat. Rabbiner und Arbeiter, Kaufleute, Rechtsanwälte und Studenten hatten jede Tätigkeit eingestellt. Die Büros der jüdischen Gemeindeverwaltungen und der Organisationen blieben geschlossen. Das jüdische Geschäftsviertel Warschaus lag vollkommen tot, auch zahlreiche nichtjüdische Geschäfte blieben geschlossen. In den jüdischen Schulen entfiel der Unterricht, die jüdischen Tageszeitungen waren nicht erschienen. Alle jüdischen öffentlichen und privaten Unternehmungen ruhten. In Warschau allein wurden über tausend Kundgebungen veranstaltet, bei denen Transparente mit Aufschriften wie „Wir fordern Schutz des jüdischen Lebens", „Nieder mit dem Antisemitismus", „Dem Gedenken der Opfer von Przytik" usw. mitgeföhrt wurden. chen verstärkten Polizeischutz, und dies ist das Resultat: Drei Tote, zweiundzwauzig — davon fünf sehr schiver — Verwundete! Das sind die blutigen Früchte der verbrecherischen Agitation. Jetzt werde eine Untersuchung durchgeführt, 22 Personen seien verhaftet, sicherlich würden die Schuldigen sestgestellt werden, aber das mache die Toten nicht wieder lebendig, die Stimmung des Hasses gegen die Juden dauere an, und man drohe den Juden mit Rache, sobald die Polizeiverstürkung abziehen werde. Professor Schorr forderte vom Innenministerium die Verbürgung der Lebens- und Eigentumssicherheit für die jüdische Minderheit und appellierte schließlich an die große polnische Tradition der religiösen Toleranz und der Achtung nationaler Rechte. Oas Echo im Senat Professor Schorrs Rede wurde mit gespannter Aufmerksamkeit angehört und durch keinerlei Zwischenrufe unterbrochen. Nach ihm erklärte Senator Fürst Radziwill: „Ich verurteile diese Exzesse nicht nur als ein Mann, der im öffentlichen Leben steht, sondern auch als Christ und Katholik. Die Natioualdemokratische Partei, die den Anspruch darauf erhebt, die einzige politische Partei zu sein, die an den Grundsätzen des Christentums sesthält, hat eine Taktik eingeschlagen, die in vollständigem Widerspruch zum Christentum steht. Diese Taktik ist häßlich und gefährlich." Der Innenminister R a c z k i e w i c z erklärte, die Nationalitätenpolitik Polens müsse das innerstaatliche Zusammenleben aller Bürger im Nahmen der Republik anstreben. Diese innere Einigung könne nicht durch Gewaltmittel, sondern nur durch gegenseitige Beziehungen herbergeführt werden. In der Budget-Debatte des Senats verurteilten fast alle Redner die Ausschreitungen in Przytik. Der Handelsurinister G o r e ck i warnte besonders vor den wirtschaftlichen Folgen der judenfeindlichen Exzesse für Polen: „In einer Zeit schweren Kampfes gegen die Krise bedeuten solche Taten Anarchie, Anarchie aber ist Verrat!" Oie Bestattung der Toten Die Bestattung des 40jührigen Joses Minkowski fand laut Anordnung der Behörden in später Nachtstunde statt, damit kein Aussehen erregt Würste. Trotzdem hatte sich die gesamte jüdische Bevölkerung von Przytik am Grabe versammelt. Trauerreden dursten nicht gehalten werden. Die Bestattung der Gattin Joses Minkowskis, der 42jährigen Chaja Minkowski, fand in Radom statt. Die Behörden hatten die Ueberführung der Leiche nach Przytik zur gleichzeitigen Bestattung mit ihrem Gatten verboten. Die über 80jährigen Eltern der Frau Minkowski nahmen an der Bestattung teil. Die Polizei beschlagnahmte die von der jüdischen Gemeinde herausgegebene Beerdigungsanzeige. Die jüdische Gemeinde von Radom beschloß, die Kinder der Pogromopser von Przytik in das von ihr verwaltete Waisenhaus aufzunehmen. Erste Hilfe — Proteste — Warnungen Professor Schorr organisiert eine Hilfsaktion für die Opfer der Przytiker Ausschreitungen. Das New-Porker Hilfskomitee für polnische Juden hat einen -ersten Betrag von 5000 Zloty telegraphisch überwiesen. Die großen Warschauer jüdischen Zeitungen haben Sammlungen für die Opfer eröffnet. Das jüdische Arbeiterkomitee Amerikas publiziert eine Proklamation, in der die Empörung und Erschütterung über die Vorgänge in Polen zum Ausdruck gebracht wird. Am 29. März wird in New-Pork eine Protestkundgebung sämtlicher jüdischer Arbeiterverbünde Amerikas stattfinden. Aus einer außerordentlichen Konferenz sämtlicher jüdischen Arbeitergruppen in Warschau wurde zum Protest gegen die Boykottierung, Pogromierung und Verdrängung der Juden aus dem pvlnischenWirtschastsleben beschlossen, am 17. März einen Generalstreik der jüdischen Arbeiter und Angestellten durchzusühren. Dazu erklärte der Vorsitzende des polnischen Gewerkschastsbundes, er sympathisiere mit diesem Streik und werde in der nächsten Sitzung den Gewerkschaften den Vorschlag eines allgemeinen Polnischen Proteststreiks gegen judenseindliche Propaganda und Terrorismus machen. Die Exekutive des Gewerkschaftsbundes hat bereits einen Aufruf zur Bekämpfung der antisemitischen Kräfte des Landes erlassen. In Przytik wurden weitere Zwanzig Personen, unter ihnen der Vorsitzende der nationaldemokratischen Ortsgruppe, Wladislaw Korczak, verhaftet. Die Polizei in Przytik hat die katholische Zeitung „Mach Dziennik" wegen judenfeindlicher Aufreizung konfisziert. Bei der Durchsuchung der Nachbardörfer von Przytik wurden viele den Juden geraubte Waren gesunden und den Eigentümern zurückgegeben. Die jüdischen Nachbargemeinden haben Nahrungsmittel, Kleider und Arzneien für die Opfer nach Przytik gesandt. Von den jüdischen Gemeinden beauftragte Handwerker sind bereits mit der Ausbesserung der Schäden in den jüdischen Wohnhäusern und Läden beschäftigt. In zahlreichen Gemeinden Polens wurden Trauergottesdienste für die Toten von Przytik abgehalten. Inzwischen kommen fast täglich Nachrichten über weitere Exzesse aus Lemberg, Warschau und besonders über planmäßig veranstaltete Uebersällc auf jüdische Marktsahrer in Pomerellen, die mißhandelt und ihrer Waren beraubt wurden. Oie Auswanderung aus Polen Nach amtlicher Mitteilung sind im Jahre 1935 65 812 Personen aus Polen ausgewandert und 53 438 zurückgewandert. Die meisten Auswanderer, 27 758, gingen nach Palästina. Die große Mehrzahl der Auswanderer waren Juden, unter den Rückwanderern waren wenig Juden. Die Gesellschaft für Auswandererhilfe „Hias" hat im Januar 287, im Februar 271 Juden aus Polen Hilfe bei der Auswanderung nach überseeischen Ländern geleistet. Zum 1. März waren über 300 Emigranten vorgemerkt, die jedoch infolge Platzmangels auf den zu den englischen und französischen Häsen abgehenden Schiffen bisher noch nicht weitergeleitet werden konnten. Oie grosse Senatsrede des Professors Schorr In der großen Aussprache des polnischen Senats über die antisemitische Propaganda und die Exzesse stellten sämtliche Redner fest, daß die Unruhen der letzten Zeit auf die Hetze der Nativnaldemvkraten zurückzuführen seien, und forderten die Negierung auf, energische Maßnahmen gegen diese Propaganda zu treffen. , Senator Oberrabbiner Dr. Moses Schorr ging von der Feststellung aus, daß die gegenwärtige Politik gegenüber der jüdischen Bevölkerung erfüllt sei von dem Gegensatz zwischen schönen Worten' und den wirklichen Taten. Während die Juden aus dem Papier dieselben Rechte hätten wie die anderen Bürger, seien sie in der Praxis zu Bürgern zweiter Klasse herabgedrückt worden, und sogar ihre persönliche Sicherheit sei bedroht. Man müsse die Quellen dieser planmäßig, organisierten Aktion aufdecken, man müsse seststellen, wie es konune, daß nach Jahren der Sicherheit und Ruhe unter den Regierungen des Marschall Pilsudski nun plötzlich ohne irgendeinen Umstand, der dies schont. Erst eure Stunde später bekam das Städt- Sichern ■“ ■ " " , durch Aus- Sie die ItlllllCl , im: Landschulheim Florenz Höhere Schule und Internat ——■■■iHiiniii 1. Schulbildung bis zum Abifurium 2. Für Knaben und Mädchen von 6—18 Jahren 3. Unter Leitung bewährter Pädagogen 4. Studienberechtigung in fast allen Staaten — Sprachenpflege 5. Werkunterricht, Landarbeit. Haushaltkunde 6. Vorbereitung für Palästina 7. Aerztliche Ueberwachung, individuelle Förderung 8. Schönste Umgebung, gutes Klima, Sport 9. Erstklassige Verpflegung 10. Zeitgemässe Preise — keine Transferschwierigkeiten Auswanderer! Wie transferieren Sie Ihr Vermögen? 1. Beratung über die Einwanderungsstaaten aus eig. landeskenntnis (Europa und Uebersee) 2. 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Dann wolle man weiter sehen Die freigewordenen Plätze der Juden sollen von den Bauern eingenommen werden, und damit werde Polen im Wohlstand ausblühen. An die Erfinder dieser Theorie wolle der Redner . die Frage richten, wie. sie diese Pläne in Einklang bringen mit der Verfassung. Bestehe bürgerliche Gleichberechtigung darin, daß man einen Teil der Bürger aus dem Lande hinausschickt, um andere an ihren Platz zu setzen? Und, wenn man die andere Seite des Problems betrachtet, glaube man, daß die landlosen Bauern dank der Emigration von einer Million Juden imstande sein werden, sich in den kleinen Städtchen anzusiedeln und die Arbeitsplätze der Juden zu übernehmen? Es sei sehr zweifelhaft, ob die Bauern dieses „Geschenk" annehmen würden, das ihnen die Vertreter des adligen Großgrundbesitzes auf Kosten des kleinstädtischen Judentums anbieten. Die Bauern wollen Land, das sie bearbeiten können. Wenn der Großgrundbesitz aufrichtig daran denkt, den landlosen Bauern zu helfen, dann habe er Gelegenheit, dies auf eigene Rechnung zu tun, indem er von seinem eigenen Landbesitz Boden abtritt. Im übrigen sei zu den „prozionistischen" Reden der Leiden Mitglieder der Budgetkommission zu sagen, daß es sich hier um eine eigenartige Sympathie handle, hervorgegangen aus einer mit einem gehörigen Ataß von Unaufrichtigkeit gewürzten Antipathie. Der Zionismus, erklärte Professor Schorr, ist eine große sittliche Idee des Judentums der ganzen Welt, aber eine business-Fragc Der Zionismus ist eine Strömung jüdischer Renaissance, aber kein Mittel, um Juden aus ihren Heimatländern hinauszustoßen. Der Zionismus bedeutet nicht mechanische Ueberführung des ganzen jüdischen Volkes nach Palästina und gewiß nicht panische Flucht aus Ländern, in denen jüdische Bevölkerung vom Antisemitismus bedroht ist. Der Zionismus ist eine Freiheitsbeivegung. Sein Ziel ist der Aufbau Palästinas als nationaler Heimstätte. Unter seinem belebenden Hauch muß auch eine geistige Renaissance des ganzen 'jüdischen Volkes sich vollziehen. So wird der Zionismus von dem französischen Staatspräsidenten Lebrun und von den größten Staatsmännern und Kulturträgern Europas und Amerikas verstanden, und so muß er auch in Polen verstanden werden. Die Unsicherheit an der Spitze der staatlichen Hierarchie, fuhr Professor Schorr fort, erzeuge bei den untergeordneten Organen Nachlässigkeit und Taktlosigkeit. Deshalb mehren sich die Fülle von nur scheinbarem oder verspätetem Eingreifen bei Exzessen. Von den Schuldigen wird dieses Verhalten der Behörden als stillschweigende Duldung gedeutet. Die Stellen, von denen das Uebel ausgeht, bleiben unbehelligt. Gegen die den Exzessen regelmäßig vorangehende Propaganda durch die Presse und mit anderen Mitteln wird nicht eingeschritten. Wolle man den Exzessen ein Ende machen, dann müsse man gegen die Hetzer Vorgehen, die sich hinter dem Rücken der Massen verborgen halten. Senator Trockenheim über die Juden in der Wirtschaft Als letzter Redner kam in vorgerückter Abendstunde der zweite jüdische Vertreter im Senat, Jakob Trockenheim, zum Wort. Er entwarf ein Bild von der wirtschaftlichen Lage der Juden in Polen. Die Juden, von denen nur sechs Prozent in der Landwirtschaft und 66 Prozent in Handel und Handwerk tätig sind, machen einen Verelendungsprozeß durch, der schon 1934 ein Drittel der jüdischen Bevölkerung an den Bettelstab gebracht hat. Die letzten Maßnahmen der Regie- Neuaufnahmen zum 1. April 1936 Auskünfte und Prospekte durch die Leitung: Oberreg.-Rat a.D. Dr. Werner Peiser Dr. M. Goldstein Florenz, Villa Pazzi, Pian dei Guillari C$B