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Central-Verein-Zeitung · 1936-03-12 · 11 (12.3.1936) · p. [Seite]

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
15 (1936) - farbig
Issue
11 (12.3.1936)
Date
1936-03-12
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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7950 Juden, 8. h'. rund '47 8. der badischen Juden gegenüber 46 v. H. im Jahre zuvor. Dabei muß berücksichtigt werden, daß 1935 die Auswanderung aus Mannheim mit 1016 Seelen (fast 75 v. H. der gesamtbadischen Auswanderung) außergewöhnlich groß war. Die Geburtenzahl in diesen beiden Großgemeinden ‘ lag auch im Jahr 1935 mit 30 Geburten (35 v. H.) unter dem Landesdurchschnitt. Gleiches gilt für die Zahl der Sterbesälle (130 - 37 v. H.) Weitere 4200 Juden wohnen in neun badischen Gemeinden mit einer Seelenzahl zwischen 270 und 1000. Die restliche -- jüdische Bevölkerung, etwa 4650 Seelen, verteilt sich auf 110 Gemeinden. Es wird sich nicht vermeiden lassen, daß eine größere Anzahl dieser Kleingemeinden in absehbarer Zeit der Auflösung verfallen. - Aufgabe der Badischen Landessynagoge wird es sein, trotz dieser Entwicklung dafür besorgt zu bleiben, daß auch die jüdischen Menschen in den Kleingemeinden die notwendige religiöse Betreuung und soziale Fürsorge erfahren. Die jüdische Ulinterhilfe Don der Jüdischen Winterhilfe wurden im Deutschen Reich Ende 1935 etwa 75 000 Personen betreut. Die Hilfsbedürftigen verteilen sich auf Preußen mit 57 000 (davon Berlin 26 000, Rheinprovinz 8500, Hessen-Nassau 7000, Niederschlesien 5000, Westfalen 3600, Hannover 2000, Ostpreußen 1600, Pommern 1300, Brandenburg 1000), Bayern 4800, Sachsen 3000, Hessen 2700, Hamburg 2600, Baden 2400, Württemberg 1000, Thüringen 500, Anhalt 200, Braunschweig *200, Bremen 200, Lippe, Lübeck, Mecklenburg und'Oldenburg je 100. Im Januar 1936 wurden in Berlin 27 508 Personen (bei einer geschätzten jüdischen Bevölkerung von 140 000) betreut, in Breslau 4552 (18 000), Frankfurt a. M. 4000 (23 150), Hamburg 2904 (16 300), Köln 2530 (14 000), Leipzig 1784 (10 000), Essen 988 (3800), München 978 (8500), Nürnberg 879 (5300), Dortmund 761 (3800), Königsberg 423 (2800), Gelsenkirchen 311 (1070), Tilsit 164 (620) und in Hamborn 148 (402). Ueber die in Kleingemeinden betreuten Hilfsbedürftigen unterrichten folgende Zahlen: Hessen-Nassau ohne Borsteheramt Kassel 2292 (9083), Darmstadt mit Provinz Starkenburg 889 (4226), Kassel mit Borsteheramt Kassel 812 (4000), Gießen mit Provinz Oberhessen 770 (2500), Ostpreußen ohne Königsberg, Tilsit und Insterburg 742 (2300), Grenzmark, Posen, Westpreußen 519 (1800). Die Jüdische Winterhilfe in Baden. Aus einem im Mannheimer Gemeindeblatt veröffentlichten Aufsatz ist zu entnehmen, daß von den zurzeit in Baden ansässigen knapp 17 000 Juden, dre auf 119 Gemeinden verteilt sind, 2800 oder 16,5 Prozent am 1. Januar 1936 durch die Jüdische Winterhilfe betreut wurden. Der Prozentsatz der zu Versorgenden ist in den einzelnen Gemeinden sehr verschieden. In manchen kleineren Gemeinden beträgt er über 50 Prozent der jüdischen Bevölkerung. An einzelnen kleineren Plätzen werden sogar fast alle Juden unterstützt. Nur 70 Prozent der Winterhilfseinnahmen der Gemeinden werden für örtliche Zwecke verausgabt; die darüber hinausgehenden Beträge werden zur Unterstützung der Notstandsbezirke einer Landesreserve zugeführt. Aus 51 Gemeinden wurden und werden der Landesreserve Ueberschüsse abgeliefert. Nach 68 Gemeinden müssen Zuschüsse zu den örtlichen Sammlungen, gegeben werden. Etwa 160 Juden werden unmittelbar von Karlsruhe aus versorgt. Seelische Winterhilfe 2 2. u n b 2 3. Veranstaltung: Im Berliner Lvgenhaus, Kleiststraße 10, am II.März Krndernachmittag, 15.30 Uhr, Bunter Abend 20 Uhr Mrtwirkende: E. Lowinsky sagt an: Nrcolar Elraschoss, Alfred und Elsa G l a ß , Gerhard G o t t - s ch a l k, Stella H a Y , Monica H e r r n f e l d Max Koninski, Eva Le o n t i - L e ff o n, Henny Loewenstein, Hanni Rosen, Jonny .Schwersenz, Vera Sprinz, Walkrng- B l u m. Am Klavier: Hanna Engel, Kurt H r r s ch. Karten für Hilfsbedürftige unentgeltlich rm Wrnterbilfsbezirk V, Steglitzer Straße 9, im Wrnterhrlfsbezirk IV,'Südwest, Münchener Straße 37, und rm Winterhilfsbezirk Via, Nvrdwest, Turmstraße 9. 2 4. Veranstaltung: In der Synagoge Lützowstraße, 21. März, 20 Uhr. Mitwirkende: Dr. Willi Aron (Klavier), Alice Geisenberg (Gesang), IlseGoldner-Ziegellaub (Rezitation), Erwin I o s p e (Orgel), Boxis K r o y t (Violine). Cläre Manczhk (Klavier), Oskar M a n e z y k (Cello), Professor Josef Weiß (Klavier). Karten für Hilfsbedürftige unentgeltlich im WinterhilfSwerk V. Steglitzer Straße 9, im Wohlfahrtsbezirk V, Lützowstraße 16, im Winterhilfsbezirk IV, Sudwest, Münchener Straße 37, und im Wohlfahrtsbezirk Südwest, Münchener Straße 37. Gesellschaftsabend der Jüdischen Winterhilfe Sonntag den 22. März, findet zu Gunsten der Jüdischen Winterhilfe in sämtlichen Sälen Ve8 Brüdervereinshauses, Kurfürstenstratze 115, ein Gesellschaftsabend statt. Im Rahmen dieser letzten Winterhilfsveranstaltung gelangt ein musikalisches Spiel in drei Bildern von Willy Prager, das den Titel trägt „Es dreht sich um Helena" und der griechischen Mythologie entlehnt ist, zur Aufführung. Die Musik ist Werken von Offenbach, Ziehrer, Heuberger, Meyerbeer, Willy Prager usw. entnommen. Die Regie führt Max Ehrlich. Die Hauptdarsteller sind Camilla Spira-Eisner, Trude Lehnberg, Willy Prager und Rahmer. Im dritten Bild dieser Kurz-Operette Kabarett-Einlage, Tombola und Bar vervollständigen das Programm des Gesellschaftsabends. Karten zum Preise von 5 RM sind nur in beschränkter Anzahl zu haben bei den Damen Dr. London, Joachimsthaler Straße 8, Julie Elias, Matthäikirchplatz 2, Dr. Glaser, Landsberger Straße 98, Dr. Samulewitz, Lietzenburger Straße 48, Elsner, Zehlendorf, Herderstraße 15, und Dr. Eisner, Shbelstraße 69, Festvorstellung des Kulturbund- Theaters Die Premiere der dreiaktigen Oper von Saint Saöns „Samson und Dalila" gelangt am 23. März als Festvorstellung des Kulturbund- Theaters zugunsten der Jüdischen Winterhilfe zur Aufführung. Karten zum Preise von 3, 4, 5 und 6 RM bei der Propagandaabteilung der Jüdischen Winterhilfe, 6 2, Rosenstraße 2—4 (Telephon D1 6711, Apparat 71), im Mitgliedsbüro des Kulturbund-Theaters, Kommandantenstraße 57, und bei den Zahlstellen: Aschaffeuburger Straße 18, Buchhandlung Poppelauer, Neue Friedrichstraße 59, Philo Verlag, Pariser Straße 44, und an der Abendkasse. Der Kartenverkauf zu dieser Festvorstellung beginnt am Donnerstag, 12. M ä r z. Außer den Mitgliedern deS Kulturbundes haben solche Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft die Möglichkeit, der Festvorstellung beizuwohnen, die im Besitz der N.-Ausweiskarte sind. 6m. Unterhaltungsabend „Alt-Berliner Humor um 1850" wird von der Jüdischen Winterhilfe der Jüdischen Gemeinde zu Berlin am 24. März, 20 Uhr 15 Min., im BrüdervereinShaus, Kursürstenstr. 115, veranstaltet. Es gelangen Dichtungen, Lieder und Tänze, in den Kostümen der damaligen Zeit zur Aufführung. Außerdem werden Lichtbilder zu Berliner Redensarten nach Originalen des Märkischen Museums gezeigt. Mitwirkende: Johanna Meyer, Camilla S p i r a, Lili Bera E l k a n, Erna Klein und Erich Fabian. Karten zum Preise von 2 und 3 RM sind in der Kantstraße 158 (Künstlerhilfe) erhältlich, außerdem bei den Mitwirkenden. Schulaufführungen Es ist ein Unterschied, ob man der Aufführung einer Volksschule im Osten Berlins oder — wie am vergangenen Montag im Brüdervereinshaus — einer Privatschule aus dem Grunewald beiwohnt. Das Spiel der Kinder aus dem Osten mag zuweilen schwerfälliger sein, derber, aber es ist bei aller Primitivität leidenschaftlicher, es ist echtes Spiel, echtes Bemühen, die einfachen Möglichkeiten, die'bei bescheidenstem Aüfwand an Zeit, Raum und Geld gegeben sind, bis zum letzten zu erschöpfen; und zwar — auch das ist wichtig — nicht um dieses oder jenes Talentchen im Rampenlicht zu produzieren, sondern um der Gesamtleistung willen,, um zu zeigen: So ist unser Spiel, als. Heller Ausschnitt aus unserer Arbeit, unserm Leben. Anders war das, was die Kinder der Waldschule Grunewald boten: allzu oft Spielerei statt Spiel, zuweilen sogar unkindlich prätentiöser Versuch, Dinge zu gestalten, die dem Bewußtsein der Kinder reichlich fernliegen wie etwa der „Chafsidische TaNz", aus dem ein Salonreigen gemacht wurde. Hier sei auch der Hinweis gestattet, daß man mit einem so dünnen Chor wie dem dieser Schule etwas vorsichtiger, genauer: bescheidener in der Wahl der Vortragsstücke sein sollte. Den Hauptteil des Programms bildete eine zweifellos sehr geschickt zusammengestellte Bildfolge: „Wir sehen fern!" Nach einem „Heimabend im Bund" wurde — „im Kulturbundtheater" — „Das Salomonische Urteil" von Hans Sachs gespielt, danach wohnten die fernsehenden Kinder einem „Tanzabend" bei — den Höhepunkt des Jubels bildete schließlich eine sehr lustige und gelungene Parodie auf eine Lehrerkonserenz. Nach der Pause wurden Szenen aus dem „Sommernachtstraum" gespielt. Es klappte alles tadellos, Shakespeares Text erwies sich von neuem als unverwüstlich, die Kinder spielten mit viel Temperament und die begeisterten Eltern im Parkett (was waren sie doch stolz auf ihre Jungen und Mädel, die alle mit vollem Namen im Programm aufgeführt waren!) klatschten auch entsprechend Beifall. Die stark besuchte Veranstaltung fand zugunsten der Jüdischen Winterhilfe statt. 8. L—n. * Die jüdische Volksschule in der Rykestraße hatte zu einem Elternabend in die Ayla der Schule Kaiserstraße geladen. Der Raum war so überfüllt, daß mit Mühe die Gänge sreigehalten werden konnten. Wie schon öfter, gewann man auch diesmal den Eindruck, daß hier eine Menge überdurchschnittlich begabter Kinder zusammen war. Die Gesänge in Deutsch und Hebräisch, die Rezitationen und Aufführungen kleiner Szenen aus der Welt der Bibel und des deutschen Kindermärchens in den. beiden Sprachen, die aufgeregte Begeisterung der Kinder, glänzende Vorführungen aus dem Gebiet der Gymnastik und des Geräteturnens — das alles war beglückend. Wann erreichen das Kinder nicht, wenn sie einen vollen Saal Erwachsener durch das Strahlen ihrer Augen, durch das Schwingen ihrer Hellen Stimmen bezaubern — und besonders in einer .solchen Zeit durch ihr freies, aufrechtes Sich- Bewegen? Nicht mir Eltern und Lehrer können stolz sein auf ein solches Stück unserer jüdischen Jugend — jeden von uns muß es mit Freude erfüllen. H, M. Im Ausbttdungslehrgang für jüdische Kindergärtnerinnen und Hortnerinnen, Berlin, der von der Röichsvertretung der Juden in Deutschland, Abt, Zentralwohlfahrtsstelle, und dem Jüdischen Frauenbund eingerichtet ist, sind für den Mitte April beginnenden 2. Lehrgang noch einige Plätze frei. Der Lehrgang ist staatlich genehmigt und dauert zwei Jahre, Voraussetzung für die Aufnahme ist: 1. die Vollendung des 1 7. Lebensjahres, 2. O 6 e r s e k u n d a r e i f e oder Zeugnis über den ersolgreichen Besuch einer sechsklassigen Mädchen- Schachaufgabe Nr. 58 . von Michael Levh (Krefeld) M Matt in drei Zügen Weis«: Kc4, Dh7, Sh3 (3) Schwarz: Ke5, Be7, f6 (3) » Es empfiehlt sich, die Lösungen der Aufgaben spätestens acht Tage nach deren Erscheinen abzusenden, damit die Namen der Löser in der nächsten Schach-Ecke gebracht werden können. * Lösung der Ausgabe Ar. 57: 1. T66—d4, Sf3Xd4; . 2. Sb5—c7 und 3. Sc7—a6 bzw. 66 matt * b , . S'f3Xe5; 2. Td4—c4f, SeoXc4; 3. dB—64 matt M « , c6Xbo; 2. 164—651-. Kc5—c6; 3. a4Xbä matt. P Richtige Lösungen gingen ein von: Michael Levh (Krefeld), Heinrich Lindner (Burgkunstadt), Rechtsanwalt Ludwig Mayer, Hans Cohn, Willy Michaelis, Sanitätsrat. Dr. S. Domke, Justizrat Kurt Jacusiel (Berlin), Tierarzt Max Koschminski (Landsberg), Julius Cohn (Neuwied), Max Pniower (Hindenburg), Kantor D. Cohn (Koblenz), Hans Steinberger (Bayreuth), Gottfried Gumbel (Stuttgart), Jacob Baumann (Köln), Jacob Bamberger (Köln-Sülz), Karl Nußbaum (Rheydt), Adolf Schück (Breslau), Gerhard Lewisohn (Quedlinburg), Dr. med. Meyer- Hofs (Rotenfels), Siegmund Austerlitz (Gießen), Dr. med. Oster (München), Rechtsanwalt Dr. Ernst Boehm (Brieg). * Weitere richtige Lösungen von Nr. 55 und 56 gingen ein von Michael Levh (Krefeld); von Nr. 56 von Georg K. R. Israel, Werner Wolf (Berlin). * Die folgende kurze und interessante Turnierpartie würde vor einer Reihe vpn Jahren von dem inzwischen verstorbenen Schachmeister Reti (Weiß) gegen Meister Dr. Tartakower (Schwarz) gespielt. 1. c2—e4, c7—c6 2. 62—64, 67—65 3. Sbl—c3 Sg8—fö 4. Ddl—d3, 65X«4 5. Sc3Xe4, e7—e5 6. d4Xeo, Dd8—a5+ 7. Lei—62, Da5Xe5 8. 0—0—0, Sf6Xe4 9. Dd3—d8fü Ke8Xd8 10. Ld2—g5f, Doppelschach mit folgendem Matt durch 11. Tdl—68 bzw. Lg5—68, Mittelschule. 3. hauswirtschaf t l i ch e Schul u n g. Falls die hauswirtschaftliche Schulung nicht in eiltet anerkannten Haushaltungsschule erworben wurde, ist eine hauswirtschaftliche Aufnahmeprüfung abzulegen. Die Ausbildungskosten betragen monatlich 25 RM und für Materialgeld 3 RM. Es besteht eventuell die Möglichkeit, daß auswärtige Schülerinnen in dem mit dem Seminar verbundenen Internat bei einem Pensionspreis von 55 RM monatlich wohnen können. Aufnahmegesuche, die einen selbstverfaßten Lebenslauf sowie das Abgangszeugnis der Schule bzw. Zeugnisse über die bisherige Ausbildung umfassen sollen, sowie alle Anfragen sind an die Ge? schäftsstells: Reichsvertretüng der Juden in Deutschland, Abt Zentralwohlsahrtsstelle, Berlin-Charlottenbürg 2, Kantstraße 158, zu richten. Die kntäeclcunz äer Nato Man hat zum Ruhme Mendeles sestgestellt, daß er für das ostjüdische Lebensgesühl die Natur erst entdeckt hat, und man hat nicht ohne leisen Vorwurf hinzugesügt, er hätte die Natur allerdings verjüdischt. Tatsächlich sieht er sie mit jüdischen Augen, tatsächlich „schockeln" sich die Bäume des Waldes bei ihm, als wenn sie beten, und die Birke trägt ein weißes Kleid, wie am Jom Kippur. Aber das ändert nichts an der Tatsache, daß Mendele Mocher Sforim als Erster die Natur überhaupt mit offenen Augen gesehen hat — und wenn nicht mit jüdischen Augen, mit was für Augen sonst hätte er sie sehen sollen? Bezeichnender für ihn und für die Art, in der sonst Juden die Natur sahen, ist eine Episode, die Scholem Alejchem erzählt. Da war also Mendele mit. seinem „Flügeladjutanten" Rawnicki bei Scholem Alejchem zu Gast in Odessa, man hatte im Schwarzen Meer gebadet, und der Seide Mendele hatte trotz seinen mehr als sechzig Jahren gezeigt, was Schwimmen und was Wassersport ist, sie gingen dann ein Stückchen spazieren, und plötzlich, an einem Gartengitter bleibt Mendele stehen und fragt: „Was sagt Ihr zu diesem Baum?" Das war aber auch ein Baum, erzählt Scholem Alejchem, und nicht so sehr der Baum hatte es ihnen angetan, wie die Birnen daran, runde, fette, gelbe, süßeglatte, weiche, große Birnen, die so süß duften, die so freundnch heruntergucken, die winken und uns zu bitten scheinen: Verdient euch eine Mizwe, jüdische Kinder, macht über uns Schehechejonu (den Segen über alles Neue und Gute). Und hinter dem Baum stand — noch ein Baum und noch ein Baum, und alle voller Birnen. Ein Meer von Birnen! Ohne ein Wort weiter sah uns Mendele mit seinen scharfen, klugen Augen durch die glänzenden Brillengläser an, mit einem Mephisto-Lächeln um die dünnen, bestlberten Lippen durchschaut er uns durch und durch, wie wenn er denkt: Kinderchen, ich sehe, ihr habt Appetit aus diese Birnen? Und als hätten wir uns von vornherein so verabredet, stand es für uns fest: wir gehen in den Garten nach Birnen. Juden überlegen nicht gern lange: was Birnen, wer Birnen, wessen Birnen? Das ließen wir osten, wahrscheinlich wird sich's schon rechtzeitig Herausstellen, Hauptsache: eine Tür finden, einen Weg in den Garten, da wird es schon einen Hausherrn geben, einen Verwalter oder Gärtner, für Geld. werden wir schon Birnen bekommen. Und so war's, wir fanden eine Tür, am Tor ein Sckjildchen, daraus stand mit goldenen Buchstaben: „Anatra." Also wußten wir, der Eigentümer des Gartens heißt Anatra, wir hatten gehört, Anatra ist ein Grieche, vielfacher Millionär und ein Bösewicht. Nur ob er Birnen verkauft, das war allerdings niemand zu wissen verpflichtet. Mag sein, ja, mag sein, nein. Er mag mehrfacher Millionär sein und die Birnen trotzdem verkaufen, es ist doch klar: wozu braucht ein Mensch soviel Birnen? In solchen Gedanken treten wir gemächlich in den Garten ein, spazieren die seingesäuberten Wege entlang, die mit kleinen Kieseln ausgelegt und an den Seiten mit Bäumchen begrenzt sind, da wachsen duftende Blumen, die uns zulächeln und freundlich grüßen: willkommen, willkommen! Und. wir gehen weiter und weiter, und plötzlich — woher kommt der — mit solcher Wucht, mit einem Sprung gleich auf uns los — ein Hund! Aber ein Hund! Ein Kalb,, kein Hund, ein Löwe, ein Leopard! Ein gelb glänzendes Fell, weiche, runde Tatzen wie bei einem Tiger, eine schwarze, feuchte Schnauze, weiße, .scharfe Zähne, rote Augen, voll Feuer wie bei einem Räuber, einem Kerl von einem Hund! Alle Tiere der Welt Hab ich lieb, alle ohne Ausnahme, auch -einen Hund hasse ich nicht, nur — was. denn? Ich fühle mich nicht sicher mit ihm. Wenn ich in ein Haus komme und einen Hund sehe, so höre ich nicht mehr, was man zu mir spricht, meine Gedanken sind da, um den Hund herum, und er kommt mir nahe, beschnuppert meine Schuhe, wedelt mit dem Schwanz, das ist natürlich sehr sein, wir verstehen uns, gewiß, nur — rühr mich nicht an, leg bl.oß deine Tatzen nicht aus mich Und komm mir nicht mit der nassen, kalten Schnauze ans Gesicht, ich Hab dich lieb, verstehst du mich, nur — von weitem. Ueber meinen Kollegen Rawnicki will ich nichts sagen. Vielleicht hat er noch mehr Angst vor Hunden als ich? Er will mir sogar einredey, daß er nicht solche Angst hat. Warum Angst? Hat er denn keinen Schirm vei sich? Und was für einen Schirm! Ich habe euch vergessen zu erzählen, daß Rawnicki keinen Schritt aus dem Hause tut ohne Schirm, Sommers und Winters: me ohne Schirm. Wenn ihr in Odessa aus der Sträße einem Juden mit Schirm begegnet, das ist Rawnicki. Und nun kenne ich das Geheimnis, warum er nie ohne Schirm geht: der Schirm ist für Hunde, Kurzum, wir beide, Rawnicki und ich, sehen das Geschöpf mit offenem Rachen auf uns zukommen, da ging uns die Seele aus dem Leib, und unser erster Gedanke war: laufen! Es ist auch gut zu laufen, wenn man A'che hat. Aber was werdet ihr tun, wenn die Füße an den Knöcheln wie gefesselt sind, wenn das Herz an einem Faden hängt, die Haare zu Berge stehen unddie Augen — da, da springen sie euch ans den Höhlen! Liebe Freunde, ihr braucht uns nicht zu beneiden, Herr der Welt, keinen Feind wünschen wir, in solcher Lage zu sein, wie wir es in dieser Minute waren. Und Mendele? Diesen Augenblick werde ich nie; nie vergessen. Kaum hatte der Hund das Maul geöffnet, um sich auf die ungebetenen Gäste zu werfen, da legt Mendele die Hand aufs Herz, seine Lippen fangen an zu lächeln, seine Augen blicken dem Hund in die Augen, und plötzlich fängt er laut an zu lachen, — ich wollte schwören, der Hund hat dies Lachen verstanden. Und nicht nur verstanden, er fand sich davon beleidigt. Eine halbe Minute wohl standen sie so und sahen einander in die Augen, Vielleicht war es auch nicht einmal eine halbe Minute und nur für mich eine Ewigkeit, Das war ein schwerer, ein kritischer Moment. Ein Mensch und ein Tiev begegneten einander und maßen einander mit Blicken, wer von beiden mächtiger wäre... Dann wurde die ganze Geschichte dem Hunde peinlich, er schlug die räuberhaften Feueraugen nieder, er gähnte aus seinem Rachen heraus, er leckte und streckte sich, straffte sein gelbes, glänzendes Fell und kehrte sich ab von uns, aber ohne den geringsten Respekt, er kehrte uns sein Hinterteil zu und ging, an seinen eigenen Spuren schnüffelnd, seiner Wege, An . diesem Tage, schließt Scholem Alejchem, haben wir Birnen gegessen. Keine schlechten Birnen. Es waren Birnen, die meine Frau in der Stadt gekauft hatte. L. H. Erlesenes Dich, Israel, hat in der Wüste J.h.v. wMiderbar geführt. Er hat dich zum Verheißungslande durch Irren vierzig Jahre geführt. Er hat dich wollen altern lassen, damit verjüngt du ziehest ein; Er hat, da unterwegs du starbest, dich heim als neue Schar geführt. Er hat dich wollen dursten lassen, um dir den Quell aus Felsgestein Zu schlagen; er hat tags im Donner, dich nachts in Blitzen klar geführt. Er hat dich lassen irre gehn, damit du kämst ans rechte Ziel; Er hat dich langsam, seltsam, aber er hat dich immerdar geführt. (Rückcrt: Ein Vierzigjähriger}

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