Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 15 (1936) - farbig
- Issue
- 11 (12.3.1936)
- Date
- 1936-03-12
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2277379-9449481-9449339--10135-9448789- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr» II » T.Beiblatt 12. März 1936 Im Wartezimmer des C.-V. Es ist ein grauer Tag, die Sonne hält sich versteckt. Im Wartezimmer sitzen fünf Menschen, sie sind still; um jeden schließt sich die Hülle eigener Gedanken, eigener Sorgen. Es ist vor 11 Uhr, die Sprechstunde hat noch nicht begonnen. Das Schweigen verdichtet sich in der Luft. Ein fünssaches Schweigen. Gleichsam als hätten sich fünf abgeschlossene Körper, glatte und undurchdringliche Kugeln, in einem Raum zusammengesunden. Die unruhige Wartezimmerruhe, das beredte Wartezimmerschweigen, die hörbare Wartezimmerstille währt minutenlang. In der äußersten Ecke der Bank sitzt ein Mann. Er ist vielleicht fünfzig, vielleicht sechzig Jahre alt; wie Jahresringe in den Baumstämmen lagern sich die Falten um seine Augen und auf seiner Stirn, aber es sind ihrer zu viel, als das man sie zählen könnte. Sein Winterrock, seine Schuhe, der Hut, der Anzug, alles zeigt ähnliche Falten, in irgendeiner seiner Taschen knistert manchmal Papier, cs ist ein bekümmerter, Laut, fast uuhörbar. Müde greift dann die große Wann und wo finden Sie Rat? Jiinksrliein Köln Agrippinahaus Breitestr. 92-1)6, III. Zimmer 76—78, Montag bis Freitag 10—13 Uhr Aachen Gemeindehaus. 16—18^ Uhr am 24. März. Bonn Gemeindehaus, Tempelstrasse, 17'i—1914 Uhr am 10. März. Koblenz Hotel Continental, 15y2—18*4 Uhr am 17. März. Kreuznach Gemeindehaus, Adolf - Hitler - Platz 11, 10—W/j Uhr am 18. März. Trier Im Büro von Rechtsanwalt Dr. Voremberg, Adolf-Hitler-Str. 9, lVÄ—W/2 Uhr am 25. März. Nord Westdeutschland Hannover Georgstrasse 14, 11—13. 14—16 Uhr am 20. März. Mitteldeutschland Magdeburg Mendelssohnloge, Gr. Schulstrasse 2h, Seiteneingang, I, Tel.: 25185. Hand in die Tasche, so als ob sie, sich besinnend, etwas herausholen wollte, jedesmal aber kommt sie entschlußlos aus der Tasche wieder zum Vorschein und bleibt zwischen den Falten des Mantels liegen, gerade dort, wo eine besonders abgenutzte Stelle sichtbar ist. Die Hand will sie nicht verdecken, nein, das scheint ihr angestammter Platz zu sein. Bon dieser abgenutzten Stelle gehen zwei glänzende Streifen ab, quer über die Vorderteile, deutlich wird ein helles Rechteck in dem grauen Stofs, und über den Schultern verraten vollends zwei abgewetzte Stellen die Ursache ihrer Abnutzung. Das ist das Aussehen eines Mantels, über den seit Jahr und Tag ein Hansiererkasten umgeschnallt wurde, hieran der Stelle hält die große Hand den Kasten und hier hängen über den Schultern die Riemen. Die Schuhe sind weite Wege über die Landstraße gegangen, in der Tasche knistert erinnernd, immer wieder vergeblich erinnernd, das Papier, in dem das Frühstücksbrot eingepackt ist, aber die Hand ist zu müde. — Daneben sitzt ein junger Mann. Helle, überraschte Augen, sie wandern von einer Zimmerecke zur anderen, immer im gleichmäßigen Takt, ungefähr ans der Hälfte des Weges machen sie einen kleinen Bogen nach oben, dann wieder geradeaus. Die Lippen, etwas geöffnet, begleiten die Augenwanderung mit regelmäßigen Schwingen, und wenn man genauer hinsieht, dann bewegt sich der ganze Kopf, der ganze Körper bis zu den Fußspitzen hinunter in demselben Rhythmus. Der junge Mann ist sehr jung und sehr abwesend, unbekümmert sitzt er auf der Bank, die Beine etwas gespreizt, wie auf einem Klavierschemel, die Füße stemmen sich gegen unsichtbare Pedale. Reben ihm unverkennbar sein Vater. Dieselben hellen überraschten Augen, dieselbe Haltung im Sitzen. Rur der Rhythmus ist älter, reifer, er schwingt tiefer. Einmal, als er näher an seinen Sohn heranrückt und das leise Vibrieren der Schultern zu spüren bekommt, gehen auch seine Augen denselben Weg an der Zimmerdecke. Nachher streicht er mit einer schnellen Handbewegung ein Lächeln aus seinem Schnurrbart. Abseits, die tiefliegenden Augen unverwandt in eine Zimmerecke gerichtet, ein liebes Frauengesicht. Geduldig halten ihre Arme ein Paket, geduldig beugt sich der Rücken etwas nach vorn und geduldig, nicht starr, blicken diese Augen. Geduldig müssen die Gedanken immer nur um einen Punkt kreisen, um einen Wunsch, eine Sorge, sie schweifen nicht ab, sie werden nicht irre. Der Fünfte in diesem Wartezimmer, ein großer Mann, hatte sich auf einmal unruhig von seinem Platz erhoben, sich aber gleich wieder hingesetzt, erschreckt über das Knarren seines Trittes. Jetzt zieht er seine Aktenmappe hervor, blättert viele Bogen durch, sieht auf seine Uhr, putzt sich die Brillengläser, faltet ein Blatt zusammen und legt es in seine Brieftasche. Welcher Gegensatz zu der geduldigen Frau. An den durchsichtigen Schläfen zeichnen sich die zarten blauen Aderlinien ab, dieselben, die die schmalen Hände noch schmaler erscheinen lassen. Die nervösen Finger tasten an der Brusttasche, vergewissern sich von neuem, ob Briefschaften und Dokumente da sind, zerren aus der glatten, edlen Zigarettendose eine Zigarette, klammern sich ums Streichholz, lassen es fallen. Das fünffache Schweigen der letzten drei Minuten wird unterbrochen: Die Sprechstunde hat begonnen. Die Tür öffnet sich, und der Herr von der Anmeldung bittet den alten Mann mit dem faltigen Gesicht heraus. Er steht . auf, die Gestalt strafft sich, der Hausierermantel mit den abgenutzten Stellen fällt glatt, und die bisher müde Hand greift rasch nach dem Hut. Es ist eine eilige, zuversichtliche Geste, sie ist hoffend und kräftig. Die Tür fällt hinter dem grauen Rücken ins Schloß, ein Ruck, — alle Zurückbleibenden haben auf einmal den Kopf gewendet, in jedes Gesicht kommt eine Spannung, gleichgerichtet zur Tür und dann sich wieder umblickend, sich ansehend, sich gegenseitig zur Kenntnis nehmend, wie wenn ein elektrischer Strom sie zur gleichen Zeit und in der gleichen Stärke durchfahre, sind die vier zurückgebliebenen Menschen nicht mehr vier Einzelschicksale, die sich gegenseitig nichts angehen, sie haben etwas gemeinsames bekommen. Gemeinsam sitzen sie im Wartezimmer, gemeinsam warten und hoffen sie. „Fremd und merkwürdig sah der Mann aus, der eben hinausging", beginnt der Junge und sieht seinen Vater an. „Gar nicht fremd und merkwürdig", sagt der Vater, „im Rheinland kannst du viele solche Gesichter sehen, er stammt bestimmt von Bingen oder Boppard, er mag sicherlich zwischen Rüdesheim und Aßmannshausen herumgewandert sein, hast du nicht an seinem „Ja, ich komme schon", den rheinischen Tonfall gehört? . . . und Sorgen wird er haben, viel Sorgen", fügt der Vater nach einer Weile hinzu — „so wie wir alle eben." Und er blickt zu dem nervösen Herrn hinüber, der endlich sein Streichholz in Brand gesetzt hat. Auch die geduldige Frau hat ihre Augen erhoben, und man merkt, daß sich zum erstenmal ihre Gedanken von ihrem bisherigen Kreislauf lösen, daß sie in eine andere Bahn gelenkt werden. „Ein jüdischer Hausierer von der Rheingegend", wiederholt sie sinnend und dann seufzt sie auf. „Hoffentlich wird ihm hier geholfen werden, man ist jetzt in vielen Dingen so ratlos, und es tut einem gut, einmal in aufrichtige und Nwhlmeinende Augen sehen zu können." — „Ach, es sind nicht nur die üwhlwollenden Augen", entgegnet schnell der Nervöse. „die Leute hier kennen sich doch in den Verfügungen aus, sehen Sie, ich habe hier einen Stoß Akten, ich finde mich einfach nicht mehr darin zurecht, obwohl ich alles sorgfältig geordnet und verfolgt habe. Man selbst wird täglich nervöser, ja es ist schon gut, daß man hierher kommen kann, ich bin schon viermal dagewesen, und wenn ich ehrlich sein soll, wäre ich der Referent, der mich behandelt, ich hätte mich längst hinausgeworfen. Aber was meinen Sie, der da drinnen verliert weder Geduld noch Güte, immer wieder sieht er meine Eingaben, die ich an die Behörden wegen meiner Zulassung machen muß, durch, immer wieder informiert er mich und bringt meiner Sache so viel Interesse entgegen, die ich nicht einmal Wieviel Juden gibt es in Baden? Von Oberregierungsrat!. R. Dr. Weissmann, Karlsruhe Die rückläufige Entwicklung der jüdischen Bevölkerung in Baden, über die für die Jahre 1933 und 1934 in Nr. 14 der „C.-V.-Zeitung" vom 4. April 1935 berichtet wurde, hat sich, inte nicht anders zu erwarten war, im Jahre 1935 in verstärktem Ausmaß fortgesetzt. Wurde die jüdische Bevölkerung in Baden am 1. Januar 1935 noch mit rund 18 700 Seelen ermittelt, so ergeben die Feststellungen des Oberrats der Israeliten am 1. Januar 1933 nur noch eine Seelenzahl von rund 16 800 Juden. Das Jahr 1935 brachte also einen Rückgang in der Bevölkerungsziffer von über 10 v. H. Im vergangenen Jahre wurden im ganzen Land 81 jüdische Kinder geboren. Die Zahl der Sterbefälle dagegen betrug 346. Der Sterbeüberschuß aufbringe, ein wahrer Segen . . .* Der Nervöse blättert wieder in den Akten, durchsucht wieder seine Brieftasche, macht sich neue Notizen. „Es ist wohl kein leichter Fall", fragt teilnehmend der Vater von gegenüber den Nervösen. „Wahnsinnig kompliziert", der Nervöse schaut nicht von seinem Notizbuch auf, „aber, wie gesagt, der drinnen findet sich in allem zurecht, ich meine den Doktor, na wie heißt er eigentlich, sehen Sie, ich bin schon so durcheinander, nicht einmal den Namen kann ich mehr behalten, zum Donnerwetter, wie heißt denn der . . ." und noch aufgeregter kramt er in seinem Notizbuch. „Sind Sie Vater und Sohn?" fragt die geduldige Frau, „Sie sehen sich einander so ähnlich! „Ja," sagt der Vater, „das ist mein Sohn", und legt seine Hand dem Sohn auf die Schulter. Der hält nun in seinem Schwung iyne, auf einmal muß er lachen. „Vater, ich habe eine entzückende Melodie im Kops gehabt, so ging sie," und er tippt mit drei Fingern aus des Vaters Kure einen Takt. „Was für eine Melodie?" fragt überrascht die geduldige Frau. „Ach, mein Sohn ist nämlich Pianist, das heißt, er möchte gern einer bleiben, und deswegen sind wir hier," sagt der Vater, und brummt dann noch etwas in seinen Schnurrbart, das vielleicht heißen kann. „Der Junge hat nur die Takte im Kopf, an alles andere denkt er nicht, man muß sich wie eine Kinderfrau um ihn kümmern." Die geduldige Frau muß lächeln. „Ja, das ist so mit den Kindern, ich bin wegen meiner Tochter da, sie hat vorläufig ihre Stellung noch behalten, aber nun will sie auch fort, und will auswandern, weit weg, — ich bin eigentlich wegen keiner sachlichen Auskunft hier, ich will nur hören, ob es richtig ist, feine Tochter so weit wegzuschicken, ich will wissen, ob ich mitsahren soll, ob ich hierbleiben soll, ich werde mit der Entscheidung nicht fertig, ich muß Rat haben, mit jemand sprechen, zu dem ich Vertrauen haben kann. Man sagte mir, daß ich mir hier auch gewissermaßen seelische Arznei holen kann, aber vielleicht ist es Unfug, mich mit Privatangelegenheiten an eine solche Organisation zu wenden. „Gar kein Unfug," mischt sich wieder der Nervöse ein, „ich sagte Ihnen doch schon, daß sich der Doktor ... Herrgott, wie heißt er denn nur, also es ist ja Nebensache; alle hier, und das ist die Hauptsache, kümmern sich mehr um Ihr Privatleben, als es ihnen in früheren Zeiten überhaupt nur geziemt hätte. Mir kommt es immer vor, als käme ich hier in die eigene Familie. Da sitzt entweder der Onkel oder der Bruder, irgendein guter Freund und sieht für dich in Gesetzbüchern nach und telephoniert für dich und setzt dir deine Briefe auf, und ist für dich gescheit und überlegt für dich und denkt für dich nach, kurz, er nimmt deine Sache für die eigene, er fühlt sich für dich verantwortlich." Der Nervöse hat sich ordentlich ruhig geredet. Die irrenden Glanzlichter seiner Brillengläser haben sich gesammelt und verharren in abgerundeten Flächen. Selbst der Rauch seiner Zigarette verteilt sich in gleichmäßigen, sanften, graublauen Wolken, ein beschwichtigender Schleier„ der die schweigenden Seufzer, die bisher fühlbar in der Wartezimmerluft hingen, emhüllt. Was sich noch vor ein paar Minuten schroff, peinigend, beklemmend auf Brust und Lunge legte und das Atmen erschwerte, mildert und löst sich. In die Wartezimmeratmosphäre kommt ein warmer Ton. Er klingt von den letzten Worten des großen schlanken Herrn wieder. Wie sagte er? „Ein guter Freund". Das sind Zauberworte. Sie schwingen durch den Raum, sie vervielfältigen sich, tönen aus allen Winkeln, von den Wänden und der Decke. Eindringlich und herzlich strecken sie dir die Hand entgegen und rufen dir zu: Gute Freunde erwarten dich, es erwartet dich unsere Bereitschaft, dir zu helfen, dich zu stützen,-du darfst Vertrauen zu uns haben. 6t. II. beläuft sich also auf 265, d. h. annähernd 1,5 v. H. der Wohnbevölkerung. (Die entsprechenden Zahlen des Jahres 1935 waren: 65 Geburten und 296 Todesfälle, also ein Sterbeüberschuß von 231 Personen oder 1,2 v. H.) Die Auswanderung aus badischen Gemeinden belief sich 1935 auf 1330 Personen gegenüber 889 Auswanderungen im Jahre 1934. Es darf aber angenommen werden, daß die Auswanderungsziffer noch um mindestens 10 bis 20 v. H. höher liegt, da erfahrungsgemäß eine erhebliche Zahl von Auswanderungen nicht oder sehr verspätet den jüdischen Gemeindeverwaltungen zur Kenntnis kommt. Von den badischen Auswanderern gingen 538 oder rund 40 v. H. nach Palästina, etwa 60 v. H. nach anderen Ländern. Die Auswirkungen der nicht unbedeutenden B i n n e n w a n d e r u n g vom Land in die Städte lassen sich noch nicht genau seststellen. In die größeren Gemeinden des Landes Baden sind etwa 200 Juden verzogen. Die Zahl der Abwanderungen nach anderen deutschen Gemeinden dürfte größer gewesen sein. slfdie Zukunft Ihrer Kinder Landschulheim Florenz Höhere Schule und Internat 1. Schulbildung bis zum Abiturium 2. Für Knaben und Mädchen von 6—18 Jahren 3. Unter Leitung bewährter Pädagogen 4. Studienberechtigung in fast allen Staaten — Sprachenpflege 5. Werkunterricht, Landarbeit, Haushaltkunde 6. Vorbereitung für Palästina 7. Aerztliche Ueberwachung, individuelle Förderung 8. Schönste Umgebung, gutes Klima, Sport?. Erstklassige Verpflegung 10. Zeitgemässe Preise — keine Tra n sf erschv/ier ig keite n HHdCU «CtiVll IN DIESEN TAGEN WIRD DER BRIEFTRÄGER 3*33*99 PFENNIG für das II. Quartal 1936 (April, Mai, Juni) für 13 Nummern der C.-Y.-Zeitung kassieren. Nur wer die Postquittung pünktlich einlöst, bekommt auch die Zeitung pünktlich zugestellt CKV Deswegen sollten auch alle die Bezieher, die glauben, dass der Briefträger die Gebühren zu unrecht oder falsch erhebt. aüfjtdm 7M dii QwiUüwi au.iwmt damit in der Lieferung der C. -V. - Zeitung keine Unterbrechung eintritt. SCHREIBEN SIE, wenn Sie sich „geschädigt" fühlen, Ihre damit die Differenz nachträglich geklärt und die zu unrecht erhobene Gebühr zurückerstattet werden kann. Nur die Bezieher, die vom Verlag eine Aufforderung (Rechnung) erhalten, zahlen ihren Abonnementsbeitrag auf unser Postscheckkonto ein. (AUo ltoUam: 99 Pfennig an den Briefträger für Abonnement der C.-V.-Zeitungl VERTRIEB DER C.-V.-ZEITUNG, BERLIN W. 15, EMSER STRASSE 42. TELEFON J 2, OLIVA 8141. Die Verstädterung der jüdischen Bevölkerung in Baden hat 1935 keine erhebliche Fortschritte gemacht. In den Leiden Großstädten Mannheim und Karlsruhe leben insgesamt Neuaufnahmen zum 1. April 1936 Auskünfte und Prospekte durch dieLeitung: Oberreg.-Rat a.D. Dr. Wernsr Peiser Dr. M. Goldstein Florenz, Villa Pazzi, Pian dei Guillari