Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 15 (1936) - farbig
- Issue
- 11 (12.3.1936)
- Date
- 1936-03-12
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Magister Kirsch der gute Likör, Magister Mönchen VII gab Montefiore Veranlassung zu einer Rechtsertiaung der Haltung der JCA. Er wies zunächst darauf hin, daß die JCA zugunsten der Hilfeleistung für Juden aus Deutschland bereits über 200 000 Pfund ausgegeben habe. In der Verwendung der Hinterlassenschaft der Baron Hirsch'schen Stiftung, auf der die gesamte Verwaltung beruht, müsse ein großer Teil der zur Verfügung stehenden Mittel für Juden aus dem Gebiet des ehemaligen Rußland sreibleiben. Bei dem Hinweis aus die Situation der Juden in Deutschland dürfe man nicht übersehen, wie die Situation der östlicher lebenden Juden sei. Die JCA habe die Verpflichtung, neben diesen akuten Hilfeleistungen die Gesamtarbeit der JCA fortzuführen. Man dürfe Leistungen nicht gering einschätzenwie die der Fortführung des' JCA-Werkes in Südamerika zur Zeit, als dort die Wirtschaftskrise am schwersten auf dem Lande lastete. Montefiore schloß mit dem Hinweis, daß es leicht sei, durch billigen Großmut Ruhm zu erlangen, aber die Arbeit für heute dürfe nicht auf Kosten der Arbeit für morgen durchgeführt werden. Wir möchten meinen, —■ wobei wir uns bemühen, eine allzu starke Subjektivität nicht in uns vorherrschen zu lassen — daß, wer im Augenblick umfassend und wirkungsvoll hilft, der gleichen Aufgabe in späteren Zeitpunkten möglicherweise enthoben sein könnte, und daß umgekehrt, wer alle nur erdenklichen Komplikationen der Zukunft bei seinem augenblicklichen Tun mit plastischer Phantasie sich vorstellt, die nötige Geschlossenheit und Einheitlichkeit seines aktuellen Handelns leicht erschüttert. Es wird wenige einsichtsvolle Juden in Deutschland geben, die nicht mit Dank und Anerkennung das großartige Hilsswerk der JCA rühmen werden. Aber man wird wenige finden, die dafür Verständnis aufbringen können, daß, aus Grund formaler Bestimmungen und überkommener Anschauung über das, was man vor einem Menschenalter konstruktive Hilfe nannte, konstruktive Hilfe heute zu gering oder zu spät geleistet wird. Oer Präsident der JCA berichtet Sir Osmond d'Avigdor Goldsmid, der Präsident der Jewish Colonisation Association, hat auf einer Tagung des Verwaltungsrats der ICA in London einen zusammenfassenden Bericht über die Arbeit der ICA abgegeben. Seine Ausführungen entsprechen im Kern dem Rechenschaftsbericht, den Leonhard. G. Montefiore auf einer Sitzung. der Anglo Jewisli Association, gegeben hat, und der sich gleichfalls mit' der ICA befaßte.. Unsere Stellungnahme zu den von S i r O s m o n d gegebenen Darlegungen entspricht der zu dem Referate von Montefiore. Sir Osmond führte aus: „Die Lage in Deutschland beschäftigte die ICA seit März 1933. Auswanderer, die in Frankreich eintrafen, wurden zum Teil von dem Vereinigten Jüdischen Auswandererverband HICEM weitergeleitet: mit den übrigen befaßte sich unter Zuhilfenahme von Mitteln, die die ICA. gemeinsam mit anderen jüdischen Organisationen zur Verfügung stellte, das Comite Nationale. Die Auswanderung anderer wurde durch Vermittlung von HICEM bewerkstelligt; dieser Verband leistete auch Hilfe bei der Lösung der Auswandererfrage in Belgien, Holland, der Tschechoslowakei, Polen, Oesterreich usw. Ueber 5393 Menschen w.urden nach Uebersee gebracht, weitere 8000 in Europa seßhaft gemacht. Gleichzeitig wurden Mittel für Auswanderer zur Verfügung gestellt, die unmittelbar aus Deutschland in eine neue Heimat gingen; in den sechs Monaten bis Ende Dezember 1934 konnten mit Hilfe der von uns gemeinsam mit anderen Körperschaften zur Verfügung gestellten Mittel 8148 Menschen Deutschland verlassen. Selbstverständlich sind in diesen Zahlen diejenigen nicht inbegriffen, die das Land aus eigene Kosten verließen. Eine Anzahl jüdischer Familien aus Deutschland haben wir in unseren Kolonien in Argentinien untergebracht; die ersten vierundzwanzig Familien, die von unseren Vertrauensleuten ausgesucht wurden, sind dort bereits eiugetrofsen. Ihnen steht die Hilfe der dortigen Instruktoren zur Verfügung, die sie während des ersten Jahres beraten werden, und wenn dieser erste Versuch erfolgreich sein wird, werden weitere Familien im Laufe des Jahres hingeschickt werden. Gleichzeitig wählen wir in Deutschland eine Anzahl junger Menschen aus, die in Argentinien selbst die Landwirtschaft erlernen sollen; von ihnen werden fünfzig bei unseren Kolonisten und weitere fünfzehn in Landwirtschaftsschulen untergebracht werden. Man hofft, daß diese jungen Leute am Schluß des Jahres ihre Angehörigen werden Nachkommen lassen können; damit würden weitere sünfundsechzig Familien auf unserem Landbesitz angesiedelt werden. Dazu kommen noch fünfzig junge Leute, die unmittelbar auf jetzt für sie zur Verfügung stehendem Boden angefiedelt werden. Gleichzeitig planen wir auch die Schaffung von Siedlungen in Brasilien auf Gebieten, die von den Städten aus verhältnismäßig leicht erreichbar und für intensive Bewirtschaftung geeignet sind. Einer unserer Geschäftsführer befindet sich jetzt in Brasilien, um ein geeignetes Terrain ausfindig zu machen, auf dem ausgesuchte Pionierfamilien angesiedelt werden sollen. In sehr beträchtlichem Umfang haben wir an der Durchführung von Umschichtungsplänen mitgearbeitet und durch die Foundation haben wir gemeinsam mit dem Joint Distribution Committee an der Errichtung von 59 Darlehnskassen in Deutschland mitgeholfen. Außerdem wurden Mittel für die kleinen Leihkassen zur Verfügung gestellt, die in Städten gegründet wurden, wo Ausgewanderte sich augenblicklich aufhalten, wie London, Paris, New-Pork und Amsterdam, und ein erheblicher Betrag wurde der Bank der Kooperativgesellschasten in Palästina zwecks Erleichterung der Niederlassung von Auswanderern aus Deutschland in diesem Lande übergeben/ Für die Zulassung von Einwanderern aus Deutschland nach Kanada Ein in Torento gegründete Initiativgruppe hat eine Aktion mit dem Ziele eingeleitet, die kanadische Negierung zu veranlassen, einer größeren Zahl von Einwanderern aus Deutschland die Niederlassung in Kanada zu ermöglichen. Im Zuge dieser Aktion haben 30 prominente Geistliche von Toronto einen feierlichen Appell an die Negierung unterzeichnet. * Einwanderung nach USA. Wie der Jta aus New-Aork gemeldet, sind an Bord des Dampfers „Washington" in diesen Tagen eine größere Anzahl von aus Deutschland ausgewanderten Juden, zum größten Teil Angehörige geistigerBeruse und Kausleute, im New-Vorker Hasen eingetrofsen, die ohne Inanspruchnahme zentraler Fonds oder Organisationen als reguläre Einwanderer nach Erfüllung der amerikanischen Einwanderungsbestimmungen landen durften. Beiträge zur Judenpolitik in England, Pölen, derTschechoslo wakei und Rumänien Das englische Unterhaus beschäftigte sich am 6. März mit den antijüdischen Kundgebungen im Ostende von London, nachdem bereits am 28. Februar das gleiche Problem angeschnitten worden war. Der arbeiterparteiliche Abgeordnete Morrison teilte mit, die Juden würden in den verschiedensten Formen beleidigt und mit Schimpfwörtern bedacht. In seiner Antwort erklärte der Innenminister Sir John Simon, nach dem Bericht des „Deutschen Nachrichtenbüros", er sei mit der gegenwärtigen Lage nicht zufrieden und stehe mit der zuständigen Polizeistelle in Fühlung, um wirksamere Maßnahmen herbeizusühren. Es sei beschlossen worden, in den in Frage kommenden Bezirken weiteren Polizeischutz zur Verfügung zu stellen. Er hoffe, daß die Oeffentlichkeit den staatlichen Organen beistehen werde, damit etwaige Friedensbrecher festgestellt werden könnten. Simon fügte hinzu, daß der Ernst dieser Frage bestimmt einige „hübsche Gerichtsurteile" rechtfertigen würde. Im weiteren Verlaus seiner Antwortrede gab der Innenminister der Meinung Ausdruck, daß es in England irgendeine weitverbreitete Feindschaft gegen die Juden nicht gebe. Es sei aber zweifellos richtig, daß in gewissen Bezirken und besonders in gewissen Bezirken Londons sich eine sehr beunruhigende Bewegung mit allen darin liegenden Gefahren entwickele. Der Grund sei, daß eine Lehre des Hasses gegen die Juden gepredigt werde, nur weil sie Juden seien. Er wünsche nicht, über irgendeine politische Philosophie zu richten. Aber er glaube, kaum fehlzugehen, wenn er seststelle, daß die Ursache,in der faschistischen Bewegung in England zu suchen sei. England sei nicht gewillt, irgendeine Judenhetze zu dulden. Er habe es sich persönlich zur Aufgabe gemacht, die ihm zur Kenntnis gekommenen Fälle zu untersuchen. Sir John Simon erklärte sodann, daß es zwei politische Philosophien gebe, die des Faschismus und die des Kommunismus. Er wolle weder gegen die eine, noch gegen die andere etwas sagen, obwohl sie sich insofern glichen, als sie beide zweifellos eine Bedrohung der Vorstellung von der Freiheit darstellten, an dre die große Mehrheit der britischen Nation glaube. In der Aussprache erklärte der Konservative Petherick, daß in der Zeit von 1921 bis 1933 368 000 Ausländer in England zugelassen worden seien. Wenn man die englische Arbeitslosenzisfer berücksichtige, müsse man sich fragen, ob diese Einwanderungspolitik klug sei. Es erhebe sich auch die Frage, einen gewissen Grad von Nassereinheit zu erhalten. Er sei der Ansicht, daß über diesen Punkt etwas gesagt werden müsse, denn England leide seit 20 oder 30 Jahren an einer völlig unbeschränkten Einwanderung aus Mitteleuropa und anderen Teilen der Welt. Er hoffe, daß der Innenminister die herrschenden Bestimmungen über die Einwanderung nach England gründlich überprüfen werde. # Die „W art a", ein polnisches Wochenblatt, das sich ausschließlich judenseindlicher Propaganda in schärfster Form widmet, hat einen „ernsten" Beitrag zur Lösung der Judensrage veröffentlicht, der deshalb Erwähnung verdient, weil eine große Tageszeitung, der konservative „Ezas", es für nötig befunden hat, aus die darin gemachten Vorschläge zu reagieren. In dem Artikel wird ausgeführt: Die Juden müssen isoliert werden, man muß für sie in Polen ein Reservat schassen. Als ein derartiges Jsolierungsgebiet wäre der Osten der Republik Pinsk und Brest Litowsk geeignet. Eine vollständige Absonderung der Juden von der ganzen polnischen Gesellschaft wird die Judenfrage ein für allemal lösen. Das Gebiet muß für die Juden durch den Staat gegen den aus dem Verkauf ihrer beweglichen und unbeweglichen Güter erzielten Erlös abgetreten werden. Auf dem Territorimn hätten die Juden vollständige Handlungsfreiheit auf administrativem, wirtschaftlichem und kulturellem Gebiet. Handelstransaktionen zwischen dem arischen Polen und der jüdischen Kolonie dürften nur durch einen organisierten Handel unter der Aussicht einer dazu berufenen Kommission durchgeführt werden. Das Jsolierungsgebiet muß durch eine besondere Wache und Grenzschranken abgeriegelt werden. Da die Juden in dem arischen Polen nichts zu tun hätten, wären auch alle Verbindungen mit dem nichtisolierten Landesteil unerwünscht. Dazu bemerkt der „Ezas": „Nein, der Antisemitismus ist scheinbar gar nicht so schrecklich, wie wir bisher gedacht haben. Auch 8er Laie weiß' ja, daß Nim niemandem ander? als von jüdischer Seite selbst wiederholt borgeschlagen wurde, in gewissen Teilen von Polesien eine jüdische Kolonisation dnrchzu führen. In dem Programm der Territorialisten war mehr als einmal von Polesien die Rede, und aus diese Weise werden wir aus unserer einzigen nationalen Minderheit, die nicht an ein bestimmtes Siedlungsgebiet geknüpft ist, eine territoriale ethnographische Minderheit machen. Charakteristisch für unseren Antisemitismus ist es, daß er die Schwierigkeiten des jüdischen Problems immer wieder aus andere Schultern abwälzt. Die Intellektuellen wollen keine jüdischen Aerzte und Advokaten, die Industriellen wollen keine jüdischen Fabrikanten, und darum sollen nach der Ansicht der „Warta" die Poleschuken Polesien verlassen." * Am 5. März 1936 empfing der Präsident der tschechoslowakischen. Republik, Dr. Eduard Bene s ch, das Präsidium des Obersten Rates der jüdischen Kultusgemeindeverbände der historischen Länder, und zwar Dr. Josef Popper, Dr. August Stein, Dr. Emil M a r g u l i e s, Norbert Adler und Rabbiner I. Hirsch. Dr. Popper, als Vorsitzender des Obersten Rates, begrüßte und beglückwünschte den Präsidenten und versicherte ihn der Ergebenheit der gesamten jüdischen Bevölkerung ohne Unterschied der nationalen und parteipolitischen Zugehörigkeit. Er verwies auf die Denkschrift, die er dem Präsidenten sodann übergab, und bezeichnete die darin enthaltenen Postulate als solche, die der Oberste Rat nicht nur iin Interesse der Judenheit stelle; durch deren Erfüllung soll der Oberste Rat in den Stand gesetzt werden, jene Pflichten gegenüber der Republik erfüllen zu können, die zu erfüllen er verpflichtet und bereit ist. In seiner Antwort wies der Präsident darauf hin, daß er schon als Minister des Aeußeren immer dafür Sorge trug, daß die religiösen und nationalen Rechte der Juden, von deren Ergebenheit zur Republik er überzeugt ist, respektiert werden. Diese Grundsätze werden auch weiterhin ausrecht bleiben. Zu den Postnlaten des Obersten Rates übergehend, das ist die Schaffung von höheren Organisationsformen der jüdischen Religionsgesellschast in den historischen Ländern und die Errichtung eines Rabbiner-Seminars in Prag, erklärte der Präsident, daß ihm diese Postulate bekannt sind, und daß er sie als richtig und notwendig billige. Die Schaffung von höheren Organisationssormen sei die.Voraussetzung für die Errichtung eines Rabbiner- Seminars. Uebrigens sei die betreffende Gesetzesvorlage Gegenstand eines interministeriellen Erinnerungsversahrens. Er sagte diesen Postnlaten seine Unterstützung zu und wünschte dem Obersten Rat ihre baldige Verwirklichung. * Der Zentralrat der Juden Rumäniens hat als oberste politische Repräsentanz der rumänischen Judenheit einen Appell an , das rumänische Volk gerichtet, in dem es u. a. heißt: Seit einigen Jahren sind wir die Zielscheibe einer Kampagne des Hasses und der Verleumdung, die sich gegen uns über das Land in seiner ganzen Ausdehnung und über alle Schichten des Volkes verbreitet. ... Alte Urkunden bezeugen, daß wir seit ältesten Zeiten, in allen rumänischen Gebieten seßhaft sind, die einst getrennt waren, heute aber dank gemeinsamer Opfer vereinigt sind. Wir sind nicht Fremde. Wir gehören dem Lande an, ebenso wie unsere Eltern, Großeltern und Ahnen. . . . Wir tragen keine Verantwortung für die Uebel, unter denen das Land leidet. Wir haben es nicht regiert, wir haben es nicht verwaltet. Wir haben uns den Gesetzen, Regierungen und Verwaltungen unterworfen und haben wie ihr unter schlechten Gesetzen, unfähigen Regierungen und unredlichen Verwaltungen gelitten,' gerade so wie wir den Vorteil guter Gesetze, weiser Regierungen und,gewissenhafter Verwaltungen genossen haben wie ihr. Das Vorbild der arbeitsamen Ahnen, die die ruhmvolle Vergangenheit des rumänischen Volkes gestaltet haben, spornt zu Liebe, nicht zu Haß, zu Verständigung, nicht zu Zwietracht an. Rumänische Mitbürger! Wir appellieren an euer Gewissen in diesen schweren Zeiten, in denen wir unrechtmäßiger behandelt werden als jemals. Wir appellieren an den Gerechtigkeitssinn und die Tradition harmonischen Zusammenlebens aller Bewohner des Landes. Gleichzeitig hat der Zentralrat der Juden Rumäniens einen Aufruf an die jüdische Bevölkerung gerichtet, in dem die der rumänischen Judenheit drohenden Gefahren dargelegt werden, die niemand verkennen dürfe. Der geschästssührende Vorsitzende des Zentralrats der Juden Rumäniens und Präsident der Union rumänischer Juden, Dr. Wilhelm F i l d e rm a n, gab Vertretern der Bükarester Presse Aufklärungen über die Aufgaben des vor kurzem von der Union rumänischer Juden und der Jüdischen Neichspartei geschaffenen Zentralrats der Juden Rumäniens. Der, Zentralrat der Juden Rumäniens, erklärte Dr. Filderman, hat keinerlei politische Färbung. Seine Aufgabe ist es, die Rechte der Juden im Rahmen der rumänischen Gesetze zu verteidigen. Der Antisemitismus in Rumänien hat ein Negierungsprogramm ausgearbeitet und verfügt über ein Budget von Hunderten Millionen Lei. Der Zentralrat wird die Aufgabe haben, die öffentliche Meinung über die wahre Lage der Juden in Rumänien zu informieren und die verantwortlichen Faktoren auf die dringendsten Probleme aufmerksam zu machen. Oie Schächtfrage in Polen Die für die Prüfung des beim Sejm eingebrachten Schächtverbotsantrags eingesetzte Verwaltungskommission hat sich fü r die Annahme des Antrags ausgesprochen, obwohl das Kultusministerium seststellte, daß der Antrag die Verfassung verletzt. In der Beratung befürworteten die Vertreter des Landwirtschafts- und Handelsministeriums den Antrag. Ueber die Stellungnahme des für die verfassungsrechtliche Seite der Frage zuständigen Innenministeriums erklärte der Vorsitzende, daß dieses sich als desinteressiert bezeichnet habe. Das Kultusministerium andererseits, so erklärte er weiter, sei nicht berufen, die Verfassung zu interpretieren. Gegen die Annahme des Antrages hatten sich außer dem jüdischen Ab- Das neue Reichswahlgesetz Zu dem Reichstagswahlgesetz, das im Zusammenhang mit der Reichstagsauflösung und der Reichstagswahl am 29. März auf der Basis des Reichsbürgergesetzes und der Ersten Verordnung hierzu ergangen ist, erläßt der Reichs- und preußische Innenminister eine Anordnung, bei der es unter III heißt: 1. Die Ausscheidung der Juden und solcher Mischlinge, die als Juden gelten, aus den Wahllisten war aus technischen Gründen nur teilweise möglich (vgl. meinen RdErl. v. 21. 2. 1936 IA 2055/2211 — nicht veröfsentl.). Die Eintragung in die Wahllisten allein bietet sonach keinen Nachweis für das Vorliegen des Wahlrechts. 2. Soweit Personen, die aus rassischen Gründen nicht wahlberechtigt sind, in den Listen noch geführt werden, wird einem Mißbrauch des Wahlrechts durch die Strafbestimmung des 8 2 des Gesetzes über das Rerchstagswahlrecht vom 7. 3. 1936 vorgebeugt. Die Bevölkerung Wird durch die Tagespresse entsprechend belehrt werden. Außerdem sind in jedem Wahllokal an auffallender Stelle Plakate mit hier nachfolgender Bekanntmachung (Anlage 2) anzubringen. Vergütung kür klinische Leistungen in jüdischen Privatkliniken Die jüdischen Klinikbesitzer haben sich entschlossen, den jüdischen belegenden Aerzten sür die klinischen Leistungen der Mitglieder und Familienmitglieder der RBO - Kassen 40 Prozent der Mindestsätze der Preußischen Gebührenordnung zu zahlen. Der Amtsleiter der Kassenärztlichen Vereinigung Deutschlands, Verwaltungsstelle Groß-Berlin, hat gegen diese Regelung keine Bedenken erhoben. geordneten Dr. Sommer st ein zwei ukrai» nische Abgeordnete erklärt. Nach der Beschlußfassung durch die Kommission sah sich der Vorsitzende veranlaßt, in der nächsten Sitzung eine Erklärung abzugeben, die einen vollständigen Widerruf seiner über das angebliche Desinteressement des Innenministeriums gemachten Mitteilung bedeutet. Das Innenministerium hatte keineswegs seine Uninteressiertheit bekanntgegeben, sondern lediglich erklärt, daß zu der Frage noch nicht endgültig Stellung genommen worden sei. Auf die somit objektiv unrichtige Mitteilung des Kommissionsvorsitzenden, der als radikaler Schächtgegner die Kommissionsmitglieder sehr unter Druck setzte, war zweifellos die entscheidende Wendung in dem Verlauf der Schächtdebatte zurück^" führen. Gegen den Kommissionsbeschlnß haben die jüdischen Parlamentarier eine Erklärung an die jüdische Oeffentlichkeit abgegeben, desgleichen der polnische Rabbinerverband, der sich insbesondere gegen die Stellungnahme des von der nichtjüdischen Seite benannten Sachverständigen, des Priesters Trzeciak, wendet. Der Rücktritt der jüdischen Senatoren und Abgeordneten wird in Erwägung gezogen. Dem Präsidenten der Polnischen Republik sowie einer großen Reihe politisch bedeutender Persönlichkeiten ist eine von 12 000 Rabbinern Unterzeichnete Erklärung überreicht worden, in der sestgestellt wird, daß die Vorschriften der Schechita in der Tora verankert und für die Juden bindend sind. Besondere Empörung herrscht über den einseitig parteiischen Standpunkt des polnischen Rundfunks in der Schächtfrage. Die mohammedanischen und k a r a i - tischen Verbände in Polen haben sich an die Zentralbehörden mit einem Protest gegen das Projekt eines Schächtverbotes gewandt. Sie weisen darauf hin, daß ihnen durch ein solches Verbot der Fleischgenuß unmöglich gemacht werden würde, da für sie dieselben religiösen Schüchtbestimmungen Geltung haben wie bei den Juden. Von zahlreichen Seiten ist an das jüdische Komitee zur Verteidigung der Schechita die Aufforderung ergangen, die jüdischen Abgeordneten zu veranlassen, dem Sejm einen Gesetzentwurf vorzulegen, der ein Verbot der Jagd auf Wild und Vögel vorsieht. Das Gesetz soll damit begründet werden, daß in einem Lande, das die Schechita aus „Humanitären" Gründen verbietet, die den elementarsten Humanitären Grundsätzen widersprechende Jagd nicht geduldet werden dürfe. Unter den ausländischen jüdischen Organisationen hat sich besonders die englische Judenschaft gegen das Schächtverbot eingesetzt. Nach Angabe'eines Mitglieds des Board of Deputies hat das englische Außenministerium ans Anregung des Chief-Rabbi Dr. Hertz durch die Warschauer Botschaft Gegenvorstellungen bei der polnischen Negierung erhoben. Eine Konferenz der strenggläubigen Juden Englands forderte die polnische Regierung auf, die Schechita in Polen ebenso für alle Zeiten zu sichern, wie dies in England durch Parlamentsakt geschehen sei. Ferner fand der Präsident der Holländischen Agudas Jisroel, Oberrabbiner Hirsch, Gelegenheit zu einer Unterredung mit dem polnischen Gesandten Im Haag. * O ertliche Schächtverbote sind inzwischen in verschiedenen ehemals deutschen Gemeinden aus Grund des dort noch geltenden preußischen Verwaltungsgesetzes ergangen. Das Innenministerium hält im Gegensatz zur Posener Woiwodschaft derartige Verbote für ungesetzlich. Im Namen der luxemburgischen Regierung hat Ministerpräsident Bech den in der Kammer von dem sozialistischen Deputierten Meirich eingebrachten Antrag, ein Schächtverbot zu erlassen, energisch zurückgewiesen. Ministerpräsident Bech, der der katholischen Partei angehört, erklärte in Beantwortung des Antrags, ein Schächtverbot würde mit dem in Luxemburg herrschenden Geist religiöser Toleranz unvereinbar sein.