Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 15 (1936) - farbig
- Issue
- 11 (12.3.1936)
- Date
- 1936-03-12
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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entralerein- XV. Jahrg. / Nr. 11 Berlin, 12. März 1938 Preis 10 Pfennig ALLGEMEINE ZEITUNG DES JUDENTUMS Geschäftsstelle (Verlag, Schriftleitnng, Anzeigenannahme, Vertriebsabteilung): Berlin W16, Emser Strasse 42. Fernsprecher: J2 Oliva 8141—45. Telegrammadresse: Centralglauben, Berlin. Postscheckkonto: Berlin 70344. Die „C.-V.-Zeitung“ erscheint wöchentlich am Donnerstag. Redaktionsschluss: Dienstag. Bestellungen nimmt jedes Postamt und die Geschäftsstelle entgegen. Zustellung erfolgt durch die Post, die die Gebühren durch den Postboten erhebt. — Bezngsgebühren: Abonnement vierteljährlich 99 Rpf. (Ausland 2,30 RM, umgerechnet in die Landeswährung) einschliesslich Zustellgebühren. Einzelnummer 10 Rpf. (Ausland 20 Rpf.). Im Falle höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Rückvergütung der gezahlten Beträge. — Anzeigengebühren: Preisliste 5 gültig. Die 12gespaltene Millimeter-Zeile 20 Rpf., für Stellengesuchs 10 Rpf., für Familienanzeigen 16 Rpf., weitere ermässigte Grundpreise siehe Preisliste. Einzelanzeigen nur gegen Vorauszahlung. — Anzeigenschluss: Dienstag. Platz- und Datenvorschriften ohne Verbindlichkeit. Die Quote Ä. H. Auch hinter verschlossenen Fenstern spürt man Veränderungen der Atmosphäre, und auch durch dickes Glas sieht man die Wirkungen der bewegten Lust. Wie wenig wir auch Subjekte der großen Ereignisse sein mögen, die sich um uns entwickeln, sie gehören auch uns zu, weil sie in der Welt menschlichen Seins und Wollens vor sich gehen und diese Welt eine Einheit ist. Es gibt — selbst durch dicke Wände und Glasscheiben — keine völlige Distanzierung von den Verhältnissen außerhalb unseres uns zugeteilten Bereiches. Das gilt schon für Meldungen und Entwicklungen im Fernen Osten wie zu beiden Seiten des Pazifik, für die Bulletins aus Addis Abeba und von Marschall Badoglio — um wieviel mehr für Vorgänge in unserer nächsten Nähe. Denn wir wollen ebenso wenig, wie wir es könnten, zu einem Dasein neben der Welt herabsinken. In der Welt leben, heißt versuchen, inmitten der allgemeinen Bewegtheiten seinen eigenen Platz zu finden. Wie bestimmen wir ihn? Es gibt bei dem Magnetzeiger Abweichungen, wenn große magnetische Massen außerhalb seiner natürlichen Richtung liegen. So werden auch Ideen und Tendenzen verzerrt, wenn sie durch zu nahes, tägliches Geschehen täglich korrigiert zu werden scheinen. Man übersieht dabei oft, daß nicht Ideen und Tendenzen korrigiert werden, sondern daß die gewollte Wirklichkeit ihre Korrektur durch entgegenstehende Entwicklungen erfährt. Wir möchten, daß die großen europäischen Ereignisse in ihren Ergebnissen der Befriedung der Menschen und Völker und der Annäherung an die großen Ideale der Gerechtigkeit und der allgemeinen Wohlfahrt dienen. Uns bleibt der Wunsch und die Verpflichtung, soweit unser eigener Bereich in Frage kommt, zu zeigen, daß wir dort, wo wir mehr als nur wünschen können, mehr tun als nur wünschen. Wir haben gar nicht so wenig Gelegenheit, das zu.beweisen. Gerade gegenwärtig läuft neben der großen Politik der großen Mächte eine Art großer jüdischer Außenpolitik. Wir meinen damit nicht einmal die palästinensischen Ereignisse um die Legislative-Frage herum, sondern die Vorgänge bei der Schaffung des Council for German Jewry. Wir wollen zunächst hoffen, daß aus dem stark angeheizten Herde der Weltpolitik unsere kleine jüdische Suppe nicht anbrennt oder vergessen oder an den kalten Herdrand geschoben wird. Was sie braucht, ist gleichmäßige Wärme, wie man sie früher dem guten jüdischen Herzen und dem klaren jüdischen Intellekt zugesprochen hat. Wenn man aber verfolgt, wie die Meldungen über die Londoner Council¬ Diese Nummer umfasst 24 Seiten Sie enthält u. a.: Hauptblatt: Russland, von Dt. E. R—z. 1. Beiblatt: Im Wartezimmer des. C.V., von G. H. — Schach-Ecke. 2. Beiblatt: Zum SO. Todestag von Leopold Zunz, von J. Elbogen. — Burgfriede zwischen den Generationen, von Heinz Berggrün. 3. Beiblatt: 'Buch und Kunst (u. a. Suezkint von Trimberg, von Max Serog). 4. Beiblatt: Sportblatt. —— Fälligkeit und Stundung von Hypotheken und Grundstücken, von Justizrat Georg Meyer. 5. Beiblatt: Wirtschaft der Woche. — Juristische Wochenschau. gründung lauten, gewinnt man den Eindruck, als ob ein Wettrennen aller irgendwie in Frage kommenden jüdischen Instanzen stattsände, bei dem der Sieger eine besonders große Portion aus dem im übrigen erst noch zu füllenden Topfe bekommen soll. Daß wir Juden in Deutschland und die Juden aus Deutschland besonders interessiert sind, was aus dem Council wird, und daß man bei seiner Programmgestaltung auf unsere Notwendigkeiten die stärkste Rücksicht nehmen soll, ist begreiflich. Aber wenn man in den Meldungen nichts von solchen Zahlen hört, wie etwa: soviel Existenzen werden für Südamerika garantiert, soviel für USA, soviel für Nand uss., sondern als Wichtigstes das Fisth-Fisty-Prinzip in der Leitung und bei der Verteilung in den Vordergrund geschoben sieht, so wandeln einen Empfindungen an, wie — nach einer schlecht zubereiteten Suppe. Handelt es sich denn bei der Lösung dieser unendlichen Probleme, mit denen Zehntausende von Menschenschicksalen verknüpft sind, um nichts anderes als um eine Art von Quotenkäufen? Niemals werden sich die Schöpfer des für die Jewish- Agency-Satzung glücklichen Prinzips des Fisth-Fisty eine so ins Groteske gesteigerte Anwendung vorgestellt haben, bei der aus Vernunft Unsinn wird. t, Schon in gewissen Zusammenhängen innerhalb des jüdischen Lebens in Deutschland wirkt das Fisty-Fisty-Prinzip lähmend, störend, verteuernd. Sollen alle diese Wirkungen nun auch in die jüdische Außenpolitik eingeführt werden? Soll man, wenn 53 Prozent nach Palästina kommen könnten, aus Quotengründen die 3 über die 50 zurückstellen? Oder soll man, wenn durch geglückte Dispositionen und durch die erfolgreiche Arbeit von Sir Malcolm, die wir wünschen, in einem Jahr einmal 75 Prozent des Bedarfs nach Auswanderung durch Plätze in Uebersee außerhalb Palästinas gedeckt werden könnten, dann aus Quotengründen nein sagen? Welches Mißverständnis, wird man einwenden. Niemand denkt doch daran, das so auszulegen! Aber schon hört man im zionistischen Lager neben klugen und verantwortungsvollen Stimmen aus dem Kreise der jüngeren Generation, die unter den gegenwärtigen Verhältnissen jede produktive Auswanderung gut heißen, wieder die Tonart der alten Propaganda. Es wird da gesagt, daß man mit einer Verpflanzung der Juden nach anderen Ländern als nach Palästina nur eine geographische Verpflanzung der alten Probleme herbeisührt. Wir finden diese Beweisführung etwas unvorsichtig; denn jeder weiß, daß in Palästina nur ein gewisser Teil der sogenannten Diasporasorgen sortsällt, daß aber ein anderer Teil von ihnen bleibt und durch neue zusätzliche, spezifisch palästinensische, vermehrt wird. Man soll nicht die Illusion in den Menschen wecken, als ob sie durch den Weg nach Palästina für alle. Zeiten allen üblichen jüdischen und menschlichen Schwierigkeiten enthoben seien und daß jede andere Auswanderung die alten Sorgen erhalte und vermehre. Die alten Zionisten in Palästina erkennen selbst die Problematik im Lande objektiver und propagieren dauernd die Notwendigkeit, einen großen Teil der auswandernden Juden auch um Palästinas willen nach anderen Ländern hinzusühren. Die Palästina-Frage hat ihre Eigengesetzlichkeit. Wer für sie verantwortlich ist, muß diese kennen und ihr dienen. Die Herzen Der Council Sor German Jewry im Werden Eine Reihe von Persönlichkeiten aus verschiedenen Ländern, die an der Schaffung des Council for German Jewry interessiert sind, haben in London bereits Besprechungen privater Natur ausgenommen. Die offizielle Einsetzung des Council soll in der kommenden Woche unter Wahrung des Fisth-Fisty-Prinzips vorgenommen werden. Der Council wird aus insgesamt neun Personen, je vier Vertretern der Zionisten und der Nichtzionisten und aus Sir HerbertSamuel als Vorsitzendem bestehen. Die amerikanische Judenheit wird in dem Council durch Felix M. Marburg, Dr. Stephen S. W i s e und Paul Baerwald vertreten sein. Falls diese Herren nicht in der Lage sein sollten, den Londoner Verhandlungen beizuwohnen, werden sie Vertrauensmänner benennen, die mit ihrer Vollmacht an den Beratungen des Council teilnehmen werden. Die Zionistische Exekutive hat einen eigenen Plan ausgearbeitet, der dem Council vorgelegt werden soll. In diesem Plan wird eine großzügige Siedlungsaktion in Palästina^ in Aussicht genommen. Es ist bekannt geworden, daß von jüdischer Seite in Deutschland auch die Förderung der Berufsausbildung von Jugendlichen im Hinblick auf eine Auswanderung nach Uebersee im Rahmen der neuen Aktion gewünscht wird nach dem Eintreffen Dr. Weizmanns, der Vertreter des Joint und der Beauftragten anderer zentraler, jüdischer Organisationen beginnen. In England wird der Council die Ausgabe haben, nicht nur Richtlinien für die Verteilung der Mittel zu geben, sondern auch ihre Aufbringung zu leiten, während diese zweite Aufgabe dem Council in Amerika nicht gestellt sein wird. Dort bleibt die Geldausoringung dem Joint Distribution Committee und dem Dniteck Dalestine Appear überlasten. Im Vordergrund der nächsten Beratungen des Council wird die Frage der Verteilung der Gelder stehen. Während die Zionisten verlangen, daß mindestens die Hälfte der Mittel für Palästina-Kolonisation bestimmt werden, glauben die Nichtzionisten, daß in diesem Augenblick eine solche Abgrenzung von vornherein nicht getroffen werden sollte. * - Auf einer Konferenz, die am 15. März im Dorchester Hotel stattfindet, wird der Drive zur Ausbringung von einer Million Pfund in England für die sogenannte Samuel-Aktion zugunsten der Berussumschulung und Auswanderung von Juden aus Deutschland eröffnet werden. Den Vorsitz in der Konferenz wird Anthony de Rothschild führen. Man erwartet, daß u. a. auch der Präsident der Jewisb Agency und der Zionistischen Organisation, Dr. Chaim Weizmann, eine Ansprache aus dieser Konferenz halten wird. Dringliche and vordringliche Anfgähen Aus einer Sitzung der Anglo Jewish Association, die Anfang März stattsand, gab Äderen Vorsitzender, Leonhard G. Montef i o r e, einen sehr unterrichtenden Ueberblick über die Lage der Juden in Mittel- und Osteuropa. Hierbei ging er auch aus die Hilfsaktion ein, die zugunsten der Juden dieser Länder unternommen worden war. Die Kritik an den Leistungen der JCA, die in den letzten Monaten laut geworden ist, und das Hoffen unzähliger Juden weit über den Kreis der organisierten Zionisten oder der unorganisierten Palästina-Freunde hängen an diesem Lande und seiner Entwicklung. Aber die Judensrage hat nicht btcfe eine, sondern unzählige Eigengesetzlichkeiten, und auch diese sind zu erkennen und ihnen ist zu dienen. Die Quotenlösung jedoch scheint uns die unjüdischste von allen. Mit einer Quotenrechnung wären wir einverstanden, nämlich mit der Berechnung, wie durch zweckmäßigste Verteilung eine Höchstzahl von Hilfe pro Kops geboten wird. Das wäre eine jüdische Rechnung, wie man sie auszustellen pflegte, ehe man jüdische Hilfsbereitschaft politisierte. Diese Rechnung ginge auch ohne die vielgesorderte Gesamtumstimmung des jüdischen Menschen aus. Er muß sich freilich aus die Tonlage des Weltorchesters von heute stimmen. Aber er braucht nicht ein völlig neues Instrument zu werden, damit der große Dirigent des Weltschicksals ihn verwenden kann. Es ist natürlich, daß man beim Schreiten der Sonne entgegen (oder was man für sie hält) die Konturen aus dem Wege nur sehr undeutlich unterscheidet, sie dagegen im Rückblick, mit der Sonne hinter sich, um so bester auseinanderhält. Gerade wir Juden, die wir mit Leidenschaftlichkeit uns dem Leuchten fast jeder Epoche hingegeben haben, wissen sehr gut, daß immer durch den Bruchteil echter Wärme, die übrigblieb, ein Stück unseres echten jüdischen Wesenskerns erneuert worden ist. Jede Zeit hat ihre Sonne und ihren Segen, ihren Schatten und ihren Unsegen. Die Nachwelt hat erst, die Möglichkeit der Wahl, was ihr für einen Zeitabschnitt charakteristischer erscheint, sein Licht oder sein Schatten. Nehmen wir nur kritische Rückschau vor, so treiben wir Geschichts d e u t u n g, gestalten wir unsere Zukunst aus den Erfahrungen der Vergangenheit, so versuchen wir Geschichtss ch ö p f u n g, schassen wir Zukunst. Niemals aber ist Geschichtsdeutung schon Zukunstsschöpsung, und Zukunft erwächst nicht aus Quoten, sondern aus einem großen jüdischen Willen, der das Glück des Menschen zum Maßstab seines Handelns machte und den Menschen vor die Idee, nicht die gedeutete Idee vor den Menschen stellt. Muitmrhmmd ah 1«J. 3iiirs Das Verbot der Veranstaltungen des Reichsverbandes der Jüdischen Kulturbünde in Deutschland und der angeschlossenen Organisationen ist mit Wirkung vom 15. März 1936 wieder aufgehoben. An diesem Tage beginnen wieder alle Veranstaltungen der Kulturbünde. Unser Dr. E. k—r-Mitarbeiter, der unfern Lesern vor allem durch die Aussatzreihe „D i e Zerstreuung der Juden über die Erde" bekannt geworden ist, hat mit seiner Uebersiedlung nach Palästina, die in den letzten Wochen erfolgte, die Ergänzung unserer Palästina-Berichterstattung nach der soziologischen, sozialpolitischen und. statistischen Seite hin übernommen. Die Aussätze werden in Ergänzung der Berichte unseres ständigen Wirtschasts- und jüdisch-politischen Palästina - Mitarbeiters regelmäßig veröffentlicht. Dr. E.R—z wird seine Berichterstattung daneben noch dem Vorderen Orient widmen, dessen Entwicklung und Formung nicht nur für Palästina von Bedeutung ist. Dr.E.R—z beginnt seine Mitarbeit in der vorliegenden Nummer mit einer Reportage.