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Central-Verein-Zeitung · 1936-02-27 · 9 (27.2.1936) · p. [Seite]

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
15 (1936) - farbig
Issue
9 (27.2.1936)
Date
1936-02-27
Page
[Seite] (sequence 15)
Language
German
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27. Februar 193Ü Nf. 9 * 4. Beiblatt 'l DWDW Vier Lebensbilder E. A. Rheinhardt, Der grosse Herbst Heinrichs IV. Leipzig und Wien, E. P. Tal & Co. 327 Seiten. — Friedrich Sieburg, Robespierre. Sozietäts-Verlag Frankfurt a. Main. 337 Seiten. — Andreas Latzko, Lafayette, der Held zweier Welten. Zürich, Rascher & Cie. AG, Verlag. 455 Seiten. — Jacob Burckhardt, Die Zeit Konstantins des Grossen. Grosse illustrierte Phaidon-Ausgabe. Phaidon-Verlag, Wien. 546 Seiten. Der in allen Ländern gleich starken Neigung des Publikums zu biographischen Darstellungen, die die großen Gestalten der Vergangenheit der Auffassung und dem Geschmack der Gegenwart nahe bringen, sind auch im letzten Jahr wieder zahlreiche Veröffentlichungen entgegengekommen. Von den hier angezeigten ist eine — Burckhardt — nur ein Neudruck, die anderen drei sind Neuerscheinungen, die Männer der französischen Geschichte gestalten. Von Heinrich IV. hat Ranke gesagt: er gehörte zu den Männern, die ohne Leidenschaft für eine Frau nun einmal nicht leben können. Von den Leidenschaften, die den Herbst seines Lebens, die Jahre 1599 bis 1610, erfüllen, erzählt Rheinhardt in seinem Buch, das stellenweise wie ein Roman klingt, das sich aber doch aus gründlichem Studium aufbaut. Fünf Frauen sind es, von denen hier die Rede ist. Zuerst Gabriele d'Eströes, Heinrichs schöne Geliebte, mit deren Tod im Kindbett die Erzählung beginnt. „Die Trauer und das Klagen werden mich bis zum Grabe begleiten/' schreibt er in der Erschütterung über dieses Unglück. Aber wenige Monate später wirbt er schon um eine neue Geliebte, die geistig bewegliche, witzige und berechnende Henriette d'Entragues, die doch nur nach Zahlung der damals ungeheuren Summe von hunderttausend Talern und der Ausstellung eines schriftlichen Heiratsversprechens für den Fall der Geburt eines Sohnes zu gewinnen war. Vorher mußte sich Heinrich freilich von der Königin Margarete v. Valois scheiden, mit der er einst in der Bartholomäusnacht Hochzeit gefeiert hatte, die aber seit Jahrzehnten ihm nur noch dem Namen nach vermählt war. Aber das Heiratsversprechen an Henriette hinderte ihn nicht, eine neue Ehe mit der Florentinerin Maria v. Medici zu schließen, der „dicken Bankierstochter", wie die empörte Henriette die glückliche. Rivalin zu nennen liebte. Die manchem stürmischen Wandel unterworfenen Beziehungen zu Henriette füllen doch fast den ganzen Zeitraum dieses Lebensherbstes aus. Er kehrt immer wieder zu ihr zurück und kann sich nicht von ihr befreien, selbst als sie an einer Verschwörung gegen ihn teilnimmt, die einer andern sicher das Leben gekostet hätte. Und dann kommt die letzte, heftigste und rücksichtsloseste Leidenschaft des sechsundfünfzigjährigen/ weißbärtigen Königs zu der fünfzehnjährigen Charlotte v. Montmorench, die — vielleicht — beinahe in die Weltgeschichte eingegrisfen hätte. Meinen doch manche Historiker, daß der Krieg gegen Spanien, den er am Ende seines Lebens betrieb und der zu einem großen europäischen Konflikt geworden wäre, nicht zum wenigsten auf Heinrichs Verlangen zurückzusühren sei, sich Charlottens zu bemächtigen, die von ihrem Gatten, dem Herzog v. Cond« — des großen Conds Vater —, aus spanisches Gebiet geflüchtet war. Da machte Ravaillars Dolch allen Liebesleidenschaften und allen großen politischen Plänen ein Ende. Eine ereignisreiche und bunte Geschichte also, die Rheinhardt gewandt in die politische und soziale Geschichte Frankreichs hineinflicht, um dem Leser ein abgerundetes Bild seines populärsten Königs mit all seiner Kraft und Klugheit, und. all seinen Schwächen zu geben. Manchmal freilich wünschte man, daß der Kommentar, mit dem er die Ereignisse begleitet, weniger wortreich ausgefallen wäre. Bilder Heinrichs und der ihn umgebenden Frauen schmücken das Buch. Unter den Männern der französischen Revolution zieht Robespierre gegenwärtig in besonderem Maße das biographische Interesse an. In der letzten Zeit sind sowohl in England wie in Deutschland je zwei Biographien des großen Schreckensmannes erschienen. Uns liegt die von Friedrich Sieburg verfaßte vor. Sieburg, der Pariser Korrespondent der „Frankfurter Zeitung", ist einem weiten Leserkreise durch sein aufschlußreiches und lebendiges Buch „Gott in Frankreich?" bekannt. Daß hier ein guter Kenner Frankreichs schreibt, merkt man auch bei seinem Robespierre-Buch. Aber das wesentliche Ziel ist ihm, die Persönlichkeit dieses Menschen zu veranschaulichen, der in seinem Vaterlande ein Reich der Tugend errichten wollte, und der es mit diesem idealen Ziel gequält und terrorisiert hat, bis diejenigen, die er bedrohte, sich in ihrer Todesangst zusammentaten und am 9. Thermidor der Schreckensherrschaft ein blutiges Ende bereiteten. Mit der Nacht des 9. zum 10. Thermidor hebt Sieburgs Buch an, mit jener letzten Nacht, da der vom mißglückten Selbstmordversuch blutende Robespierre mit zerschmetterter Kinnlade auf einem Tisch im Vorzimmer des Wohlfahrtsausschusses liegt, wie ein gefangenes wildes Tier angestaunt von den Menschen, die hereinströmen, um den überwundenen Tyrannen zu sehen, vor dem sie noch vor wenigen Stunden zitterten. Dann aber wird sein Leben erzählt, das „Leben eines traurigen Menschen", und eine Erklärung dafür versucht, wie er, der so wenige dem Durchschnittsfranzofen sympathische Züge hat, zu so unumschränkter Macht über sie kommen konnte, wie der Provinzadvokat, der stets den größten Wert auf eine gepflegte Erscheinung und eine tadellos gebundene Krawatte legte, der Abgott des Pariser Proletariats werden konnte. Und dann rollt sich die blutige Geschichte seiner Herrschaft, des Schreckensjahres 1794, ab, da Tag für Tag die Karren mit den unglücklichen „Aristokraten" beladen zur Guillotine rollen. Als Wesen feiner Politik bezeichnet . Sieburg die Anwendung der Rousseauschen Philosophie, die Gesinnungspolitik, als sein Werkzeug die Justiz, als seine Erfahrungswelt den Jakobinerklub. Diese Geschichte ist so aufregend, daß auch ein geringerer Schriftsteller als Sieburg sie kaum anders als spannend erzählen könnte. Unter feinen Händen gewinnt sie bewegtestes Leben und stellt den Leser dabei fortgesetzt vor ihre politischen, moralischen und psychologischen Probleme. Ob man feiner Auffassung stets zustimmt, ist dabei weniger wichtig. Da jede Quellenangabe weggelassen ist, kann man freilich seine Darstellung im einzelnen nicht nachprüfen, man muß und kann sich mit feiner Versicherung begnügen, daß alle Angaben ohne Ausnahme zeitgenössischen Quellen entnommen sind. Sehr zu rühmen sind die gut gewählten und vorzüglich ausgeführten Bilder, die den Text wirksam veranschaulichen. Robespierres Wirksamkeit währte nur wenige Jahre, sein ganzes Leben nur 36 Jahre. Lafayette kommandiert 1778 als General in den Diensten der Vereinigten Staaten in Amerika und setzte 1830 Louis Philipp auf den Thron Frankreichs. Die mehr als fünf Jahrzehnte, die diese Daten umschließen, sind voll großer Taten und großer Leiden. Von den Amerikanern als Retter und Befreier gepriesen, vom französischen Volk während der Revolution an die Spitze der Nationalgarde gestellt, dann von der weit über feine eigenen Ziele hinausbrausenden Bewegung davongeschwemmt, muß er fünf volle Jahre in den Kasematten des Kaisers von Oesterreich zubringen, der den Kriegsgefangenen wie einen. Verbrecher behandelt. Das wechselvolle, an Triumphen und Niederlagen reiche Leben des ewig jugendlichen Enthusiasten erzählt Andreas Latzkow zwar etwas breit, aber doch so, daß der Leser ihm willig folgt. Die Vorzüge und die Schwächen des unbeirrbaren Idealisten werden in gleicher Weise deutlich. Aergerlich ist nur, daß in der kurzen Bibliographie, Carlyle als Carlysle und Taine als Thaine erscheint. Bei so bekannten Namen sind auch Druckfehler anstößig. Jacob Burckhardts Constantin ist zum erstenmale 1835 erschienen, also ebenso alt wie Theodor Atommfens Römische Geschichte. Unzählige Leser haben sich seitdem an dieser Darstellung der Zeiten vom Auftreten. Diocletians bis .zum, Tode Constantins erbaut und auch die hervorragenden neueren Werke, die diese Zeit auf Grund eines außerordentlich vermehrten Materials und mit höher entwickelter Methode erzählen, wie etwa Seecks Untergang der antiken.Welt, haben es nicht überflüssig gemacht. Man wird daher freudig eine neue Ausgabe begrüßen, die Schönheit der Ausstattung mit erstaunlicher Wohlfeilheit vereint. Ihr größter Vorzug ist der von Ludwig Goldscheider besorgte Bilderanhang, der nicht weniger als 200 Wiedergaben zeitgenössisches Kunst- und Baudenkmäler umfaßt. Die Güte der Reproduktion befriedigt auch hochgespannte Erwartungen. Erich Eyck. Hermann Oncken, Nation und Geschichte. Reden und Aufsätze 1919—1935. Berlin, G. Grotesche Verlagsbuchhandlung. 517 Seiten. Preis 8,— RM. Der bisherige Professor der Geschichte an der Universität Berlin hat in diesem Bande einige zwanzig Arbeiten gesammelt, die er in den schweren Jahren nach dem Weltkrieg verfaßt hat, und die sich fast durchweg mit Problemen beschäftigen, die diese Zeit in der Vordergrund gestellt hat. Der Titel des Buches gibt den Grundge^ danken wieder, der sich durch sie hindurchzieht. Es handelt sich um den Lebenskampf der deut-i scheu Nation, in den Oncken mit den Waffen ge-i schichtlichen Wissens und geschichtswissenschafti licher Schulung eingreift. Dieser Aufgabe waren auch die g'roßen Werke gewidmet, die er in dem abgelaufenen Jahrzehnt veröffentlicht hat, und die durch diese kleineren Arbeiten vielfach er-« gänzt werden. Sein dreibändiges Werk über „die Rheinpolitik Kaiser lttapoleons III. und de» Ursprung des Krieges von 1870/71" findet hiev Ausdeutung und Ergänzung in fünf Arbeiten, dir unter dem Titel „Im Kampf um die Westfront"' zusammengefaßt sind und in einer Abhandlung über „die Rückkehr Saarbrückens" ausklingen. Ihr Hauptstück ist ein Vortrag aus dem Jahre 1922 über „die historische Nheinpolitik der Franzosen" von Richelieu und Ludwig XIV. bis zur Gegenwart; er setzt sich mit Politischen Kundgebungen französischer Wortführer aus jener Zeit auseinander, gibt aber dabei einen in seiner knappen Zusammenfassung besonders eindrucksvollen Ueberblick über fast drei Jahrhunderte teils versuchten, teils geglückten Vordringens Frankreichs nach dem Osten. Die im Abschnitt „Das deutsche Schicksal" zusammengefaßten Arbeiten zeigen in zum Teil ergreifenden Worten, wie tief Oncken unter dem Zusammenbruch von 1918 gelitten, wie er aber stets für die Mitarbeit am Wiederaufbau gewirkt hat, das .kommt sowohl in dem Vortrag über den Sinn der deutschen Geschichte (1924), wie in der Ansprache über Versailles aus dem Jahre 1929 und seiner Rede bei der Verfassungsfeier der Berliner Hochschulen aus dem gleichen Jahre zum Ausdruck; freilich bemerkt er zum Abdruck dieser Rede, daß sie „eine in der damaligen geschichtlichen Lage begründete innere Einstellung wiedergibt", und daß es „auf der Hand liegt, daß eine Reihe von Urteilen in »reiner heutige» Auffassung anders formuliert werden oder keine»' Platz finden würde". Oncken hat sich einst als Biograph des nationalliberalen Führers Rudolf v. Bennigsen und Ferdinand L a s s a l l e s einen Namen gemacht. Man begrüßt daher mit besonderer Freude auch hier zwei biographische Arbeiten. Sie find Deutschamerikanern gewidmet, dem General Ein Kranz von Immortellen „Einen Kranz von Immortellen . . ." Diese leise Zeile eines alten, vergessenen Gedichtes summt mir jetzt manchmal wieder durch die langen winterlichen Abende wie eine letzte Immortelle aus der gemächlich freundlichen Zeit, da an den langen Abenden die Bratäpfel in der Ofenröhre bruzzelten und eine alte Frau, die nun längst tot ist, mir am Tisch mit der Petroleumlampe wollene Strümpfe strickend gegenübersaß, während ich mit bangen Gefühlen vor dem Schulheft hockte und den Tücken des kleinen Einmaleins auszuweichen versuchte. Ja, die alte Dame ist tot. und selbst die Enkelkätzchen jener Katze, die damals mit dem Wollknäuel unter dem Tisch zu meinen Füßen spielte, sind wohl vergessen, das Städtchen, das die Heimat solcher Spiele war, ist verlassen und vergessen, und nicht einmal der erinnerungsxeiche Müllhausen ist mir bekannt, worauf feit vielen Jahren wohl die treue, milde Petroleumlampe einer neuen Bronzezeit entgegenharrt. Nur das Wort Immortellen ist aus dem Schutt der Reminiszenzen wieder einmal nach oben gekommen, und durch meine langen Abende summt die Zeile des alten Gedichtes. Und da die Oelsanktionen des technischen Fortschrittes mich vom Petroleum und feiner matten,. gelben Freundlichkeit, die so anheimelnd schlecht riechen konnte, befreit und unter die kalte, scharfe Helle der Elektrizität gesetzt haben, da die Zentralheizung alle Bratapselseutimentalität ausgedorrt hat, und die alte Dame, die man alles fragen konnte, still geworden ist und nur noch ein kleines, mürrisch wortkarges Lexikon mir solche Fragen manchmal müd und abweisend sachlich beantwortet, bin ich wieder nachdenklich geworden und rechne ein wenig verstört an meinem Jmmortellen-Einmaleins herum. Das Wort Immortellen, denke ich, heißt eigentlich: Unsterbliche, aber es ist doch kein heroisches Marmorwort, es ist lateinisch und doch unrömisch, es klingt ein bißchen winterabendlich und stubenwarm, es schmeckt beinahe nach Bratapfelbruzzeln und hat eine gewisse Wollknäuel-Rundlichkeit, und ich erinnere mich, daß die alte Dame rote Backen hatte wie ihre runden Aepfel vor dem Braten in der Ofenröhre, und ein wenig Herzweh hatte sie auch immer an den langen Abenden, und wenn die Aepfel noch nicht bruzzelten, dann aß sie wohl kleine Mürbekuchen. Wie könnte ich je diese Mürbekuchen vergessen? Es war ein Mitgeschmack von Zitronat, Ingwer und Vanille darin, und es ist nicht zu begreifen, daß das Rezept gestorben sein soll. „Einen Kranz von Immortellen . . ." summt es durch den Abend, und jetzt fällt mir wieder ein, warum mir dies Wort eingefallen ist. Ich ging neulich an den Ständen der Blumenfrauen vorüber, eine hatte Moosblumen zu verkaufen, Moosröschen!, rief sie mit einer ganz unmoosigen und unrosigen Stimme, einen Pelz hatte sie an, der echt Schindmähre gewesen sein mochte, als er noch hottehüh spielte. Moosröschen!, rief sie blechern, und als ich mich augenscheinlich in ein Moosröschen verliebt hatte, flüsterte sie geheimnisvoll: Die echten Immortellen. Da war's um mich geschehen, und mit einem Blick verzweifelter Sehnsucht, suchte ich zu schätzen, was die ganze Jmmortalität ihres Standes wohl kosten könnte. Aber weil ich gerade den einzigen Tausender, den ich bei mir hatte, nicht gern wechseln wollte, ging ich schnell nach Hause, warf mich über das Lexikon und sah, daß meine Unsterblichen, meine Immortellen deutsch nur Strohblumen heißen. Einen Kranz von Strohblumen . . .? Der Abend war lang, und ich las. Es waren aber doch keine Strohblumen, die ich las, sondern zarte Moosröschen, stubenwarme, gemächliche, liebe Immortellen. Da war ein Erinnerungsroman aus dem alten Weimar, ein feiner, zarter, reicher Roman,, in dessen schmalen, schönen Wortstraßen Goethe noch umgeht, oder vielmehr das leibhaftige Andenken an Goethe, in dessen wohlgehegten Parksätzen Franz Liszt und die Fürstin Wittgenstein noch ein Haus führen. In einem Gäßchen lebt da noch ein Buchbinder, der für Wagner und Hoffman» von Fallersleben Bücher gebunden hat und kaum eins einband, ohne. es gelesen zu haben und gegen die Aufträge seiner Kunden nach eigenem Urteil arbeitete, für gute Bücher war ihm kein Leder zu schade, die schlechten broschierte er nur so eben noch. An einer Straßenecke des Buches fragt der letzte Grandseigneur, Großherzog Karl Alexander, einen Jungen: Sind Sie der Enkel Ihres Herrn Großvaters?, und der Autor lacht nicht darüber, denn auch er liebt die Immortellen und hält es für lebenswert, wirklich zum Enkel solcher Großväter zu werden. Und mitten in diesem altweimarer Jmmortellenduft. läßt er einen Jungen ins neue Jahrhundert Hinüberwachsen, läßt ihn die Erinnerungsreichtümer der vergehenden Kultur ehrfürchtig leben und erleben, ohne ihn an jugendlichen Streichen zu hindern, läßt ihn als Kind eine Geigerin und später ein hinwelkendes Glasblüsermädchen aus dem Thüringer Wald lieben, und läßt ihn endlich im Krieg fallen. Er übergießt und verklärt die Episoden mit Zartheit und Humor, es ist eine anheimelnd kultivierte, verfeinernde Sprache, die er führt, und obwohl es niemals unsere Welt war, die er schildert, klingt es unsereinem doch wie zu Hause, wenn wir von einem alten Herrn lesen, auf dessen weißem, vollem Haar das braune Samtkäppchen wie eine Schokoladentorte aus Porzellan fitzt.. Das Buch aber, das ein Buch der Vergangenheit zu fein scheint und ein rechtes Jmmortellenbuch ist, seine Schätze nämlich in weitere Zeiten hinüberrettet, heißt „Ein Jahrhundert verklingt" und ist. von Edwin Redslob (Will). Gottl. Korn-Verlag, Breslau). Das andere Buch ist unserer Welt noch ferner, doch unseren Herzen nicht weniger nah.. Es ist reizend ausgestattet und heißt: „Leb wohl, alter Chips". Es ist die Jmmortellität von Old England, die uns hier bezaubert, mit ihrer höflich gemessenen, wohlig humorigen Kamin-Gemütlichkeit, die ja gegen unsere Ofenröhren-Gemütlichkeit den leise sensationellen Reiz von Exotik hat. Nun, der alte Chips ist ein Lehrer, weit über achtzig, ein leibhaftiges Stück Erinnerung und altenglischer Tradition, ein feiner Kerl, vor dessen Augen noch einmal, leicht lässig und ein wenig sentimental heiter, sein Leben vorüberzieht, sei» Leben für Tausende von Jungen, aus denen längst gute Männer geworden sind, und wieviele sind gefallen, — Chips hat keins der Gesichter vergessen, und sie haben keinen der Scherze vergessen, mit denen Chips den Unterricht zu würzen pflegte. Auch verheiratet war Chips. einmal, die Frau starb sehr früh, von den Schülern mögen sich nur wenige, die längst Großväter sein dürften, ihrer entsinnen, aber in Chips idyllisch seiner Geschichte ist das Pastellbild dieser Liebe und Ehe vielleicht der zarteste Ton. Ein Original, dieser alte Chips, ein erstaunliches, liebenswertes Stück gute alte Zeit. (Der Autor ist James H i l t o n, der deutsche Verleger des in England und Amerika mit Recht ungemein erfolgreichen Büchleins Herbert R e i ch n e r, Wien — Leipzig — Zürich.) Und nun nicht mehr Immortellen, nicht wahr? ^s ist sehr hübsch, sich ein wenig ins Gewesene zu verspinnen, und die winterlich trauliche Traurigkeit, die einen dann so wohlig weh überkommt, ist gut, ist moosigrosig gut — zum Abgewöhnen. Diese Moosblüten haben strohartige Hüllen, um besser zu überwintern, und ihr Nichtverblühenfollen ist gewiß so tröstlich wie anheimelnd. Aber es ist nun März, der Saft steigt bald in die Bäume, die Schneeglöckchen denken bereits an die Frühjährshütchen, die diesmal zartweiß fein sollen, Vogelmieren und Gänseblümchen eröffnen schon die Saison, und wir wollen die Zähne zufammenbeißen und weitergehen. L. H. Alle Ihre Bücher ron der Buchhandlung am Zoo Fritz Ring Charlottenburg, Joachfmsthaler Str. 43-44 Mitglied der jüdischen Gemeinde. Telefon Bitmarck 6506 Zuiendonr nech allen Stadtteilen JL.

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