Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 15 (1936) - farbig
- Issue
- 7 (13.2.1936)
- Date
- 1936-02-13
- Page
- [Seite] (sequence 18)
- Language
- German
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Felix Salten: „Kleine Brüder“. Paul Zsolnay-Verlag, Wien. Durch Uebergänge verbunden kann man doch grundsätzlich zwei Arten von Tierschilderungen unterscheiden: solche, in denen die Tiere in geistigen, ja seelischen Regungen, in Beweggründen ihres Tuns wie im Folgern eigentlich doch Menschen in anderer Erscheinungsform, unter mehr oder weniger veränderten Lebensbedingungen find, und solche, deren Verfasser umgekehrt versuchen, stch in etwas völlig anderes hineinzuversetzen, das Tier als Wesen ganz selbständiger und eigener Prägung zu begreifen und uns zu vermitteln. Bekannter^ Vertreter der ersten Art war der trotz Neigung zur Mystik humorvolle Balte Manfred Kyber, der zweiten sehr nahe steht Kipling, vollständig zu ihr gehören unter anderen Svend Fleuron und auch Felix Salten mit „Bambi", der Lebensgeschichte eines Rehes, und mit dem Roman „Florian, das Pferd des Kaisers", diesem prachtvollen Dreiklang von Pferd, Hund und Mensch. Die jetzt vorliegenden „Neuen Tiergeschichten" liegen auf einer Zwischenstufe. Ein „Vorfpruch" bekennt sich voller Inbrunst und Begeisterung zu Tierschutz und Tierliebe, ja, er behauptet sogar, „kein Mensch hat jemals so Furchtbares gelitten, wie Tiere unter Menschenhänden leiden und litten". . So starker Beschwörung bedarf es gar nicht, die dem historischen Rückblick auf Kriege, Folterkammern, Autodafes und seelische Martyrien nicht einmal einschränkungslos stichhalten will. Auch ohne sie bleibt die sittliche Forderung der jüdischen Lehre wohl vertraut, zu Recht bestehen. Von den dreizehn Skizzen, die diesem leidenschaftlichen Appell folgen, gehören zwei, besonders reizvolle, zu jener Art, die das Tier als Geschöpf 8uj generis auffassen, die Geschichten von „Mako, der junge Bür", und „Ein schneeweißer Hase". Die anderen verleugnen den menschlichen Stand- und Ausblickpunkt nicht, ja, Salten bekennt sich sogar etwas überraschend als Jäger, dem die Jagd freilich nur immer erneute Möglichkeit zur Beobachtung der Natur in all ihren Wandlungen und zur Betätigung seiner Liebe zu ihr bietet. Ehrlicherweise verschweigt er nicht, daß auf der Jagd auch Urtriebe erwachen können, die nicht so sehr Liebe wie Vernichtung zum Inhalt haben —. doch immer wieder Mensch in seinem Widerspruch. Aber diesen Zwiespalt kennt jeder, auch der waidgerechteste Jäger. Salten läßt oft genug die Flinte überhaupt auf der Schulter und bereitet seinem Hunde schwere Enttäuschungen. Um so erfreulicher sind die Ergebnisse dieser stillen Stunden in der weiten Natur für seine Leser. Reh und Hirsch und Auerhahn, Jung- und Muttertier, Amseln und Forellen und all ihre Bereiche werden lebendig zu jeder Tageswie Jahreszeit. Fülle des Lichts ergießt sich, Dämmerung und Nebel schlucken jedes Leben, Wald rauscht, dürre Zweige knacken, Schnee knirscht, Steine rollen, im Liebesspiel tollen die Tiere, und der Mensch trinkt in tiefen Zügen aus unentweihter Quelle, Salten reicht uns einen vollen Becher davon. 1.1. Rudolf G. Binding: „Die Waffenbrüder.“ Rütten & Loening-Verlag, Frankfurt a. M. Zehn Jahre nach dem ersten Erscheinen veranstaltet der Verlag mit dem sechzigsten Tausend nun eine Einzelausgabe dieser Novelle, in deren Form Bindung eine "reichlich romantische Tragödie gegossen hat. Aber diese Form beherrscht et so meisterhaft, daß alle Kraßheiten des eigentlichen Inhalts, des — hier muß man wohl sagen: „bloß" — Stofflichen dem Bewußtsein kaum nahe, geschweige denn zu nahe kommen. Wie die zwei kunstvoll geschmiedeten Schwerter, die erst als Symbol unverbrüchlicher Brüderschaft und dann als totbringende Waffen gekreuzt werden, bis zum letzten in der Gewichtsverteilung ausbalanciert, in der Führung jeder Linie durchdacht und zur höchsten Feinheit geschliffen find, so sind auch in der Novelle Aufbau und Steigerung, Schilderung von Körper- und Seelenzustand, Sprachgebung und Wortwahl bis zur Vollendung ausgewogen, durchdacht und geschliffen. Das kleine Meisterwerk ist der buchhändlerischen Wiederauferstehung wohl wert gewesen. 1.1. m Marianne Philips: Hochzeit Europa. Verbano-Verlag, Locarno. Ein echtes Stückchen Wien, gezeichnet von einer richtigen Frau. Eigentlich skizziert im Ganzen, dagegen bis ins kleinste mit mütterlicher Liebe ausgemalt die einzelnen Bilder von Menschen und Geschehnissen in ihrem engsten Kreis. Dort, wo es ins Weite gehen will — Politik: Studentenunruhen, Wirtschaft: der große amerikanische Kongreß —, dort versagt die Darstellung, versagt mit' der rührenden und versöhnenden Gebärde einer Frau, deren Gebiet das nicht ist. Niemand wird ihr deswegen zürnen, auch nicht darum, daß eigentlich die letzte Geschlossenheit dem Buch fehlt. Der grosse Herder Nachschlags-vyerk für Wissen und Leben. Völlig nenbearbeitete Auflage von Herders Konversationslexikon. 12 Bände und ein Welt- und Wirtschaftsatlas. Als letzte der Neubearbeitungen der Großlexika ist jetzt der „Große Herder" mit dem 12. Band vollständig geworden. Aus dem ehemaligen „Konversationslexikon" — der in diesem Gebrauch mehr als hundertjährige Name ist überall, auch bei Meyer und Brockhaus, verschwunden, da es keine gesellschaftliche Konversation im alten Sinn mehr gibt — ist ein Ratgeber in allen Lebenslagen geworden. Zwar ist die Aufgabe, die der bekannte Verlag sich gestellt hat, vornehmlich die Pflöge des katholischen Schrifttums; doch diese Tendenz tritt in dem vorliegenden Werk nicht aufdringlich entgegen, wenn auch den Belangen des Katholizismus gebührend Rechnung getragen ist. Der erste Band der Neubearbeitung erschien 1931, so daß für das gesamte Werk der gewiß nicht lange Zeitraum von knapp 4)4. Jahren gebraucht wurde. Was in dieser Zeit zustande kam, liegt nunmehr abgeschlossen vor uns. Von der behaglichen Breite der Darstellung in früheren Auflagen mußte im Interesse der Raumersparnis abgesehen werden; die Fassung der meisten Artikel ist knapp, aber präzis und ausreichend für den gewollten Zweck. Wichtigere Gegenstände und insbesondere die aus dem laufenden Text herausgehobenen Artikel sind ausführlicher behandelt. Kürzung des lexikalischen Stoffs bedeutet also nicht Vernachlässigung von Wertvollem: die neuesten Forschungsergebnisse, die zeitgestaltenden Persönlichkeiten alter und jüngster Epoche wird man nicht vergebens in dem Werk suchen. Unterstützt wird das Gebotene durch eine reichhaltige Bebilderung, die vom einfachen Porträt in Strichätzung oder Autotypie bis zum feinkörnigen Tiefdruck oder erlesenen Vierfarbendruck geht; daneben sind Kartenbeilagen, auch Stadtpläne nicht vernachlässigt. Ein besonderer Band — gewissermaßen der dreizehnte — bringt einen Atlas mit Textdeilage (Statistiken und Wirtschaftsgeographie) in vorzüglicher Ausführung. Um eine Vorstellung von der Bedeutung der aus dem Text herausgehobenen, aber an der alphabetischen Stelle eingeschalteten Rahmenartikel zu geben, seien nur einige aus dem ersten und letzten Band des Werkes her erwähnt. Unter dem Buchstaben A finden wir: Abstammungslehre, Alkoholismus, Antisemitismus — wo die Stellung der nt Fern es mehr Nebeneinander als Miteinander der Handlung gibt. Manches Bild ist eigentlich nur in den Grundzügen angelegt, zum Beispiel das des jungen Jonathan, des Enkels eines menschlich wundervollen alten Juden, dessen Schicksal ins Ungewußte entströmt. Ganz hingehaucht wieder die Bilder der alten, ehemals weltberühmten Sängerin und der jungen, patenten Roserl Goldös; und viele hübsche Lichter spielen um all das herum. Die Kraft echten Frohseins, auch in bewegter Zeit, wohnt mit den vielen Personen, die vorgestellt werden, in dem alten Wiener Haus ’ hinterm Ring und in dem Buch, das die Zuneigung von Menschen verdient, die es auch nicht ganz leicht haben und gern wieder einmal sehen wollen, wie man, ob alt oder jung, ohne Illusionen dem Leben etwas abgewinnen kann. Die Uebertragung des Romans ays dem Holländischen ist Hanna W a l d e ck gut gelungen. Hilde Marx. Kirche zu der bei uns brennend gewordenen Frage dargelegt wird —, Arbeit, Auswärtige Politik, Ausstellungen, Autorität usw. Im letzten Band ist besonders ausführlich der Artikel „Weltkrieg" behandelt, der mit feinen 59 Spalten Text ein kleines Buch für sich darstellt; ferner seien genannt: Urchristentum, Versicherungswesen, Völkerbund, Volkslied, Währung, Wein und Weinbau, Weltwirtschaft, Wirtschaft, Wohlfahrtspflege, Zeitung usw. Aus den dazwischen liegenden 10 Bänden sei aus dem 6. Band auf den Artikel „Judentum" hingewiesen, der in seiner Kürze das Wesentliche vorurteilslos bringt; es wird anerkannt, wie viel das Christentum dem Judentum verdankt. Nur auf eine uns nicht ganz verständliche Stelle fei hier hingewiesen: bei der Erwähnung des Reformjudentums wird gesagt, daß es neben Nordamerika in Palästina stark vertreten sei. Soll dem Verfasser hierbei nicht eine Verwechslung mit der irreligiösen Stellung eines Teiles des jungen Jischuw unterlaufen sein? In demselben Band wird die „Katholische Kirche" auf etwa 40 Spalten mit einer Karte zur Verbreitung des Katholizismus in Deutschland behandelt. Ueber den vielgeschmähten „Talmud" äußert sich der „Große Herder" in ruhiger und fachlicher Weise: Das umfängliche Werk müsse aus seiner Zeit heraus verstanden werden. Es enthalte auch keine Geheimlehren, da es dem Kenner des jüdischen Schrifttums jederzeit zugänglich sei, und auch der Nichtkenner könne sich über den Inhalt mit Hilfe der Uebersetzungen informieren. Der Talmud enthält auch keine Anhaltspunkte für den Rituälmord, ebensowenig wie das übrige jüdische Schrifttum. Einwandfrei sei ein solcher niemals nachgewiesen worden. Den ganzen reichen Inhalt der 12 Bände auch nur andeutungsweise auszuschöpsen, ist natürlich in einer Besprechung unmöglich. Um eine Vorstellung von der Vielseitigkeit des Werkes trotz der Raumverminderung gegenüber früheren Auflagen zu geben, sei daraus hingewiesen, daß unter dem Stichwort „Karl" 29 Träger dieses Namens in kürzeren und längeren Artikeln behandelt werden. Uebertrofsen wird diese Zahl von den Trägern des Familiennamens „Weber", die mit 32 Personen auftreten. Je nach dessen Bedeutung werden dem einzelnen Träger dieses Namens zwei bis 35 Zeilen gewidmet. Man kaün den neuen, schön ausgestatteten, auf gutem Papier gedruckten „Großen Herder" nur angelegentlichst empfehlen. 8. Feist. A. J. Storfer: „Wörter* und ihrö Schicksale.“ Atlantis-Verlag, Berlin und Zürich. Dieses ausgezeichnete Buch hält, was fein Titel verspricht. Es sind in der Tat Schicksale, Abenteuer sogar, die hier dargestellt sind, Reisen von Land zu Land, von Zeit zu Zeit, von Kultur zu Kultur. Ueberraschend und erfreulich, wieviel Reiz einer vielen als trocken erscheinenden Materie hier abgenommen wird. Storser fährt schwerstes wissenschaftliches Geschütz auf, wird aber auf keiner der 400 Seiten auch nur einen Augenblick lang pedantisch. Der flüssige Stil, in dem eine Unmenge von Wissen vorgetragen wird, die reizvolle Gruppierung des Stoffes mit zahlreichen Exkursen, anekdotenhaften Beispielen und kulturhistorischen Ausblicken, machen die Lektüre zu einem spannenden Genuß. Man lese nach, wie das lateinische Wort „porcus" — Schwein, zu „Porzellan" wird, wie die Wörter „authentisch" und „Effendi" Zusammenhängen (es ist ein und dasselbe Wort), auf welche Weise der „Astrolog" zum „Strolch" wird, und man wird mir zustimmen. Ueber das reiche allgemeine Interesse hinaus ist aber das Buch für den jüdischen Leser noch von besonderem Belang. Einmal durch den häufigen Hinweis auf jüdische Autoren älterer und neuerer Zeit, mögen sie als Schriftsteller sprachschöpferisch tätig gewesen fein oder als Wissenschaftler sich mit sprachlichen Problemen beschäfigt haben. Sodann durch vielfaches Zitieren und Erklären von Stellen und' Worten des ,Alten Testaments (man vergleiche etwa „Schiboleth"). Ferner wird der Einfluß des hebräischen und in zweiter Linie des jiddischen Wortschatzes auf die europäischen Sprachen, insbesondere das Deutsche, durch zahlreiche Beispiele belegt und anschaulich illustriert. Daß das deutsche Wort „Gauner" nicht, wie vielfach angenommen ward, vom hebräischen „gamnab“ (daher Gauner, Ganove) abzuleiten ist, sondern ursprünglich auf die hebräische Bezeichnung des Griechen (jawan) zurückgeht und auf mancherlei Umwegen zu seiner heutigen Bedeutung kam, wird vielen neu fein, ebenso wie die Zurücksührung des deutschen „Rasse" und des hebräischen „Rosch" (z. B. in „Rosch haschana") auf eine gemeinsame (arabische) Wurzel. Lehrreich ist es auch — die Beispiele ließen sich beliebig mehren — die Abkömmlinge des hebräischen „schafal" (jiddisch „schofel") oder des hebräischen „schachar" (daher „schiker" betrunken) im europäischen Sprachgebiet zu verfolgen. Ein weiterer Punkt fchließlich, der das Buch dem jüdischen Leser empfiehlt, ist die Behandlung und neuartige und einleuchtende Erklärung von Worten wie „Ghetto", „Hep HeP" und anderen, über deren Herkunft die Gelehrten feit vielen Jahren streiten. — Das Buch ist eine Fundgrube für jeden sprachlich Interessierten; es zeigt dem Laien, wie unterhaltend Wissenschaft sein kann, wenn man sie richtig anpackt und über dem einzelnen die großen Zusammenhänge, über der bloßen Etymologie die Einordnung in das umfassendere Gebiet der Kultur- und Geistesgeschichte nicht vergißt. Dr. Alfred Löwenberg. Dr. Theodor Matthias „Das neue deutsche Wörterbuch“, Hesse u. Becken Leipzig. Im Verlag Hesse & Becker, Leipzig, erscheint soeben die 7. neubearbeitete Auflage des „Neuen deutschen Wörterbuches" von Theodor Matthias, bearbeitet von Karl Ouenzel und Dr. Hans Volz. Das 432 Seiten starke, handliche Buch enthält außer dem sorgfältig durchgearbeiteten und lückenlosen Wörterverzeichnis u. a. Ausführungen über Regeln für die deutsche Rechtschreibung, über den Sprachschatz der Bewegung und des dritten Reiches, Hauptregeln für die Zeichensetzung, sowie ein Verzeichnis der gebräuchlichsten Abkürzungen. Es kann zur praktischen Benutzung bestens empfohlen werden. Verteidigung ausgerollt, und der Akzent liegt immer stärker aus dem Nachweis, daß Lord Jim nicht anders handeln konnte. Obwohl diese Probleme in den anderen Nomanen Conrads anders und besser maskiert sind, spürt man doch hinter dem Revolutionsroman „Nostromo" und in dem Terroristenroman „Der Geheimagent" nicht weniger, daß es um diese eine große, letzte Frage geht,' um die Frage der Notwendigkeit und Vernunft gegen Treue, Irrsinn und Heroismus der allgemeinen Sache, um die Verpflichtung des einzelnen gegen eine gefährdete oder verlorene Gemeinschaft. Im ^Geheimagent" ist es offenbar, daß die „fremde Macht" das alte Rußland ist, im vielleicht tiefsten, mit Dostojewski „abrechnenden" Roman „Mit den Augen des Westens" ist das Revoluuonäre gegen Rußland offen ausgezeigt u d die Fragwürdigkeit der persönlichen Haftung des jungen Menschen vom gleichen Typ wie Lord Jim bis zur krassesten tragischen Höhe gesteigert. Dieses Buch ist also Conrads letzte Abrechnung mit dem Osten, mit der überkommenen Pflicht, sein moralisches Entr^billett in den Westen, in die Emanzipation von den dunklen Mächten der Vergangenheit. Es ist nun nicht notwendig, auch unsererseits die Parallelen zu ziehen, die Conrads Leben und Werke zu uns aufweisen, seine Bedeutung für uns ist klar. Und fo werden wir auch die Letzten fein, die zu ihm Stellung nehmen, zu ihm, dem Meister der mehrseitigen Charakterdarstellung, dessen Genie, wenn man überhaupt von nationalem Gewissen sprechen darf, mehr Rechtfertigung seiner selbst ist, als der untadeligste und korrekteste Leser begreifen kann. Leo Hirsch. ALLE BÜCHER können bezogen werden durch die Buchhandlung Martin Laiamon, Berlin NO 55 Heinrich Rollerstrasse 21. E3 2635 Die Liebermann-Ausstellung im Berliner jüdischen Museum D i e Eröffnung Vor einem geladenen Publikum wurde Sonntag vormittag die Gedächtnis-Ausstellung für Max Liebermann eröffnet. Man bemerkte neben der Gattin des Künstlers u. a. Geheimrat Adolf Goldschmidt und Professor Max I. Fried- Länder. Nach musikalischen Vorträgen von Paula Lindberg-Salonton, die Hermann Schwarz am Harmonium begleitete, eröfsnete Direktor Heinrich Stahl die Ausstellung. In seiner Rede dankte er zunächst allen denen, die das Zustandekommen einer Liebermanu-Ehrung aus Anlaß des ersten Todestages ermöglichten, der Familie des Meisters, dem Biographen Erich Hanke, Professor Landsberger, Dr. Max O s b o r n und nicht zuletzt den Besitzern der Gemälde, die ihre kostbaren Bestände der Ausstellung für die Dauer von sechs Wochen zur Verfügung stellten. Dann aber betonte Direktor Stahl, daß es zwar größere Liebermann-Feiern in Deutschland gegeben habe, daß aber die Schau in der Berliner Gemeinde die erste sei, die bewußt dem größten Maler des Judentums Rechnung trage. So erwachse aus ihr die Verpflichtung, das Andenken an den Künstler bei der Jugend zu vertiefen. Die Ausstellung „Diesem Ueberpersönlichen in Max Liebermann haben die deutschen Künstler und Kunstfreunde gehuldigt. Alle suhlten, daß sie ihm Dank schuldig waren. Mit ihm tragen wir eine ganze Zeit, auch im Künstlerischen, zu Grabe. Er war der symbolische Mensch einer Epoche. Aber er stirbt nur leiblich, sein Werk geht in die Geschichte ein. Es wird Jahrhunderte überdauern und unsere Kindeskinder werden es noch sehen. Und es wird ein Glück sein, dir, Max Liebermann, in Dankbarkeit treu zu bleiben." Man muß an diese Worte Karl Schefslers denken, die er im Namen der Künstlerschaft vor einem Jahr am Sarg Liebermanns gesprochen, wenn man die soeben eröfsnete Ausstellung durchwandert. Der Maler einer Epoche! Man kennt das Oeuvre Max Liebermanns zu gut, als daß man in dem Gedanken ins Jüdische Museum geht, neue Erkenntnisse zu sammeln. Man weiß zu genau, daß es der Meister des Impressionismus ist, der eine ganze Richtung beeinflußte, um nicht zu sagen schuf. Dessen Bilder der Arbeit, aus Holland und aus Deutschland, als Hohe Lieder menschlicher Arbeitskraft und Arbeitsweise den Weg in viele, viele Museen und Privatsammlungen gefunden. Jene beiden Studien zum Bild der „Freistunde im Amsterdamer Waisenhaus", die die Berliner Gedenkausstellung zeigt, rufen nicht nur die Erinnerung an das gleichnamige Gemälde im Frankfurter Staedel wach, sondern richten den Blick auch in den Liebermann- Saal der Bremer Kunsthalle, aus die beiden Bilder „Hof des Amsterdamer Waisenhauses" und „Die holländischen Näherinnen". Daneben die Wannseebilder, in reicher Zahl und aus allen Schaffenszeiten. Die ganze Fülle der Liebermannschen Palette tritt in diesen Gartenlandschaften hervor, Sinfonien in Grün verschiedenster Nuancen, in Rot und Lila, auch in Blau wie in dem „Wannseegarten" von 1921, wo die Schwertlilien blühen. Ja, blühen! Denn die da sagen, daß Max Liebexmann zu herb gewesen und zu gehalten in seinen Landschaften, daß er kaum jene seelische Erregtheit in den Blumenstöcken auslöse wie Lovis Corinth, sie werden eines besseren in dieser Ausstellung belehrt. In vielen Privatsammlungen hängen und hingen die Strandbilder Liebermanns, die fast alle etwas verschwommen und darin vielleicht für ihren Meister typisch sind. Zwei von ihnen sind in der Oranienburger Straße zu sehen, die „Jungen nach dem Bade" und die „Badenden im Meer". Aber auch die biblischen Stoffe des toten Künstlers, zu denen er am Lebensende seine Zuflucht nahm, hat man vorführen können. Die beiden Tobias- Darstellungen künden darüber hinaus von Liebermanns Altersftil, d. h. die Gegenüberstellung beider Fassungen des Themas vermag darüber zu berichten, daß flimmernde Farbflecken und Streifen im Verein mit gelben und grünlichen, auch bräunlichen Werten das Spätwerk kennzeichnen im Gegensatz zu Fassungen der Frühzeit. Und auch wenn man weiß, daß die vielen Bilder der Amsterdamer Judengasse im Atelier gearbeitet wurden, schon weil es unmöglich ist, so prägnante Typen wie die von Liebermann erwählten, im Gewirr des Marktes so zu gestalten, wie sie gestaltet wurden, find gerade diese Beispiele aus dem jüdischen Stofskreis für uns interessant. Ein ähnliches Bild wie jetzt in der Ausstellung hing früher in der Berliner Sammlung Max Böhm , und kam 1931 bei Lepke unter dem Hammer. Wie man sich bei einem Rundgang überhaupt an manchen kostbaren Bestand in Berliner Privatbesitz erinnert — Namen tun nichts zur Sache (meint die Museumsleitung!). Aber sie will jedenfalls, daß man berichtet, wieviele Pastelle und Zeichnungen neben den Gemälden aus dem Besitz der Familie Liebermann zur Verfügung gestellt wurden, vielfach aus der letzteren Zeit, in der die Gunst des Augenblicks dem Meister den Stift noch in die Hand drückte. Es ist also eine Gedenkausstellung geworden, aber eine Versammlung von Kunstwerken, die uns erhebt, weil sie in ihrer Art in die Zukunft weist. Nicht umsonst betont Professor Landsberger im Katalog, daß die Aufgabe, das Andenken des Toten hochzuhalten, jetzt in die Hände der Jüdischen Ge^ meinde gelegt ist. So wollen wir hoffen, daß das Jüdische Museum weiterhin Gelegenheit findet, Liebermann - Ausstellungen zu veranstalten. Draußen fallen die Schneeflocken über der Kuppel der Synagoge und den Dächern der Berliner Museen, mit denen er sein Leben lang verbunden gewesen. Mit der Erkenntnis, daß man in dieser Schau von Liebermann-Bildern Jahrzehnte durchwandert hat, empfindet man, daß eine Epoche ihr Ende gefunden. Dr. Olga Bloch P Die Liebermann - Gedächtnis -.Ausstellung im Berliner Jüdischen Museum, ' Oranienburger Straße 31, die am Eröffnungssonntag einen Massenbesuch aufzuweisen hatte, ist Montag bis Donnerstag von 10 bis 18 Uhr, Freitag und Sonntag von 10 bis 14 Uhr geöffnet. Bei der Kürze der nur vier Wochen laufenden Ausstellung empfiehlt es sich, den Besuch dieser außergewöhnlichen Veranstaltung bald vorzunehmen.