Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 15 (1936) - farbig
- Issue
- 7 (13.2.1936)
- Date
- 1936-02-13
- Page
- [Seite] (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2277379-9449481-9449243--10051-9448709- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 7*4. Beiblatt ^rs.**-«*^"! 13. Februar 1936 „Das Erdbeben“ Max Samters neueste Novelle Mit drei Novellen, die während der letzten Jahre erschienen, hat sich der Berliner Max Samter an die Spitze der jüngeren jüdischen Erzähler in Deutschland gestellt. Nicht der Stoss, nicht das Problem, sondern Art und Technik von Samters Erzählung mache.n ihren Rang aus. ihren dichterischen Rang. Diese epische Form ist nicht die realistisch schildernde. Oder vielmehr: es kommt Samter nicht auf die realistische Schildederung an, sondern auf das, was hinter diesem nur scheinbar sachlichen Bericht sichtbar, fühlbar wird. Schon anläßlich seiner vorigen Novelle „Der Gast", die zuerst in diesen Blättern erschien, wurde hier darauf hingewiesen: Samter erzählt in knappen, kurzen, klaren, leidenschaftslos weiterschreitenden Sätzen, zwischen denen llnaussprechbares lebt und Gestalt annimmt; in der Helligkeit dieses Stils dämmert Geheimnis auf. Samters Erzählungsform erinnert an die große Kunst des Prager Juden Franz Kafka. Von ihn: sagt Max Brod, daß er „in seinen Werken in geheimer Chiffreschrist alles Wesentliche über das Judentum unserer Zeit, seinen Verfall und seine Erneuerung, niedergelegt hat". In Kafkas Büchern kommen aber Juden überhaupt nicht vor. Juden treten auch in Kafkas beiden letzten Novellen nicht auf. So ist Brods Satz über Kafka auch über dessen Nachfahr Samter gültig. Im „Gast" werden auf ferner Insel die Nachkommen eines einst als gleichberechtigt aufgenommenen Schiffbrüchigen nun als Fremde, aus Fernen Kommende, nach Fernen Sehnsüchtige empfunden. Jeder Jude wird das Gleichnis vom ewigen Juden, vom heutigen Juden, fühlen. In der neuen Erzählung „Das Erdbeben" (Vortrupp- Verlag, Berlin) erleben zwei Fünfzehnjährige, ein Knabe und ein Mädchen, in keimender Liebe einanderzugetan und aneinandergeschlossen, das Unwahrscheinlichste als Ereignis: die Stadt am Meer, in der sie wohnen, wird plötzlich nachts durch ein Erdbeben zerstört; die Eltern des Knaben, die Mutter des Mädchens sind tot. Die beiden jungen Menschen gehen zwischen den zusammenstürzenden, brennenden Häusern, den verzweifelnden, sterbenden Menschen hindurch, bis zu einer Waldwiese, von der ein Flugzeug die in tröstlichen Schlaf Versunkenen hinüberrettet zu „jenen Gewalten, denen die Beständigkeit alles Lebendigen anvertraut ist". Wie im „Gast", so ist auch im „Erdbeben" gegenwärtiges und ewiges jüdisches Schicksal zum zeit- und raumlosen Symbol geworden. Die Welt der Eltern stürzt zusammen, und die Kinder wandern mit unbewußtem Anf-sich-selbst-Vertrauen in eine andere Welt, die neues Leben gewährt. Noch bewundernswerter als im „Gast" ist hier Samters Kunst, das Wirkliche als unwirklich, das Unwirkliche als wirklich erscheinen zu lassen. Die Schauer dieser unwirklichen Wirklichkeit werden mit einfachsten, fast kindhaften Mitteln erzeugt, die wiederum das Krasse zu einer in die Ferne rückenden Vision werden lassen. „Hundertmal hat er von Erdbeben gelesen, von Tod und Verwüstung. Jetzt, da es geschieht, ist es ein fremdes Geschehen." „Er kommt über die Brücke. Schisse haben sich losgerissen und treiben über das dunkle Wasser." So baut sich aus vielen kleinen Beob- , achtungen die riesige Vision ganz wirklich; die Beobachtungen wirken immer ganz wirklich; das Gesamte, das Ineinander ganz unwirklich. Früher hat Meidner solche unvergeßlichen Visionen des Zusammensturzes mit prophetischer Feder gezeichnet. Ueber diese Novelle mußte ausführlicher gesprochen werden, als es ihr Umfang zu rechtfertigen scheint. Denn die in mehrfacher Bedeutung ungewöhnliche Begabung Samters kann nur gewürdigt werden, wenn sie so verstanden wird, wie sie hier andeutend gedeutet ist. Man lasse sich nicht irreführen durch den Untertitel, den Samter seiner Erzählung gibt, einen romantischen, ja kitschhafteu Untertitel: „Abenteuer einer Liebe." Freilich, auch die Darstellung der zarten, unbewußten Liebe der beiden Kinder zueinander ist Samter gelungen. Aber im Grunde ist diese Liebe das Kunstmittel, mit dem das zerfallende Geschehen gebunden und überwunden wird. Sie ist die Brücke zum anderen User. Sie macht, wie Buber solche Kunst charakterisiert hat, „die Körperhaftigkeit des Geheimnisses" offenbar. K. P. Ein polnischer Dichter „Man muß einmal im Leben ordentlich bis zum letzten gehungert haben, um dann bis an das Ende seines Lebens einen erworbenen Hunger nach Arbeit zu behalten . . . Ich habe also aus Hunger zu schreiben begonnen, nicht infolge eines künstlerischen Antriebs. Ich betone diese Tatsache, um mich von einer anderen, ziemlich populären Kategorie von Schriftstellern abzugren.zen, die erst Künstler sind und dann Programmäßig zu hungern beginnen." Das sagt der heute dreißigjährige, in der Ukraine geborene Schriftsteller Micha C h o r o m a n s k i in einer autobiographischen Skizze von sich. Wenn man seine beiden ins Deutsche übertragenen, beiW. G. K o r n in Breslau erschienenen Romane „Eifersucht und Medizin" und „Die weißen Brüder" liest, so glaubt man ihm den Hunger, und mau glaubt ihm die Krankheit, von der er spricht, die ihn durch Kliniken und Sanatorien, durch Krankenstuben und Operationssäle getrieben hat. Ehoromanski hat eine eigene Technik des Erzählens. Er rollt die Ereignisse von rückwärts auf und gruppiert sie um einen besonderen Zustand der Natur. In „Eifersucht und Medizin" sind es die böigen Herbstwiude, rn den „Weißen Brüdern" der Schneesturm, die als Grundakkorde bald laut, bald leiser erklingend die Handlung begleiten. In den „Weißen Brüdern" geht der Dichter sogar so weit, das Sturmmotiv in Noten einzufangen, das Rieseln des Schnees und das außer Rhythmus gekommene Leben des Helden. Dieser verlorene Rhythmus ist das Problem der „Weißen Brüder". Brajtis, der polnische Spionageoffizier, ist um den Bruchteil eines Taktes hinter seinem vom Schicksal bestimmten Lcbensrhythmus zurückgeblieben. Alles geht von diesem Augenblick au verkehrt, alles, er mag es noch so überlegt tun, treibt ihn nur um so rascher dem Ende zu. Das findet er im Schneesturm, der ihn auf einem Schlitten mit seinem Gegenspieler, dem jüdischen Tschekisteu Bielicz, zusammentreibt. Vor dem Hintergrund dieses grausamen Sturmes, bedroht von diesen „weißen Brüdern" — sicher eine der eigenartigsten Naturschilderungen unserer Zeit — rollt die Handlung ab. Daß Bielicz Jude ist, daß Graaß, der Kaufmann, Jude ist, drückt sich weder im Handeln, noch im Denken, noch im Charakter dieser Gestalten aus. Sie sind nur zufällig Juden, weil 10 Prozent der polnischen Bevölkerung Juden sind. Nicht der Wille des Dichters, sondern das Milieu des Landes stempelt sie dazu. Anders im ersten Roman „Eifersucht und Medizin", der dem Dichter den Großen Staatspreis der polnischen Literaturakademie eiutrug. Hier sind die jüdischen Gestalten als Juden gesehen, als Juden geschildert; sie handeln als Juden, als kleine, bedauernswerte, gehetzte, gerissene, tragische Figuren im östlichen Bilderbogen. Sie werden in das Schicksal der Großen, der anderen hineingezogen, mit Willen, wider Willen, magnetisch. Sie geben dem Buch ein eigenes Kolorit: der Schneider Gold mit seinen Kindern und seinem Bruder, dem Elektrotechniker, der die Hand am Hebel des Schaltwerkes hat, während sein Bruder vom Kurzschluß getroffen tot auf die Straße sinkt. Die Liebe eines Arztes zu einer Patientin und die Eifersucht des alternden Ehemanns auf diesen Rivalen schildert die nervenzerrende Handlung. Sie wird in Spiralen geführt, die sich überschneiden und überhohen und die uns von immer neuen Gesichtspunkten auf das gleiche Geschehen zurückblicken lassen. Hier klingt schon der Gedanke vom versäumten Rhythmus auf. Inmitten der Handlung steht als ein geschlossener Block die Geschichte von der Operation der Frau Ruth. Mit minutiöser, peinigender Naturtreue wird jede Phase des medizinischen Eingriffs nachgebildet. Widmar, der betrogene Ehemann, läßt sich schließlich nur allzugern auch um die bereits erkannte Wahrheit betrügen. So klingt das Buch versöhnend aus. Die Vergleiche mit Dostojewski, die die Presse gebraucht hat, liegen nahe, stimmen aber nur zum Teil. Nicht jeder Seelenzergliederer hat die Wucht und das Ethos des großen Russen. Viel eher werden wir an Ernst Weiß (seine Novelle „Die Herznaht", seinen großen Roman „Georg Letham") erinnert. In der Technik taucht als Vorbild oder Rivale etwa der Amerikaner William F a u l k n e r auf, dessen Roman „Licht im August" vor kurzem in deutscher Sprache erschien und der uns auch auf verwirrten Pfaden zum Ziel und zur Erlösung seiner Helden führt. Die seelischen Prozesse werden nicht in Handlung umgesetzt, sondern aus der Handlung heraus entwickelt. Das Leben wird nicht geformt, sondern die Form dem Leben entrissen. „Ich liebe die Tendenzliteratur nicht", sagt Ehoromanski, „und glaube, daß die Literatur ganz andere Aufgaben hat . . . Ich habe mich bemüht, im Leser tiefere Empfindungen auszulösen . für einen Ausschnitt des wirklichen Lebens." Choromanskis Romane bedeuten eine Bereicherung unserer europäischen Literatur, deren erzählende Elemente gerade in der jüngeren Generation bisher noch kaum zu einer erkennbaren eigenen Form durchgedrungen sind. Laus Oppenheimer. Ein Buch, wie es nicht sein soll Es gibt Bücher, in denen man bei allem Negativen einen Satz, einen Gedanken, eine Schilderung findet, die aufhorchen macht, die eine Entwicklung anzudeuten scheint, die man nicht hemmen, nicht verschütten möchte — dann schweigt der Kritiker, »veil er nicht loben kann und nicht tadeln will. Es gibt aber Bücher, die abgelehnt werden müssen, wenn der Kritiker sein Amt der Oessentlichkeit gegenüber gewissenhaft erfüllen soll. Zu dieser Kategorie zählt leider ein Buch, das vor kurzem Paul D o b r a n i ck i unter dem Titel „Die Tondo w ski s, eine Familie geht nach Palästina" im Verlag von Joachim Goldst ein, Berlin, hat erscheinen lassen. Diese Ablehnung muß sich in erster Linie gegen den Verlag richten, der glaubt, ein solches . Buch dem Publikum bieten zu dürfen. Das Problem der Auswanderung nach Palästina ist uns allen wahrhaft zu ernst, als daß es kolportagehaft in schlechtestem Deutsch durch eine Allerweltshandlung voll naiver Alltäglichkeit entweiht werden dürfte. Der Leser dieser Zeilen erwartet nunmehr weniger eine Inhaltsangabe als einen Beweis für diese Ablehnung. Er soll ihm nicht vorenthalten werden; hier einige Stilblüten: „Er umschlang sie mit seinen festen Armen und drückte einen heißen Kuß auf ihre Brust, deren Ansatz, da sie stark dekolletiert war, in makellosem Weiß schimmerte. Was kann aus einem solchen Mädchen werden? Die Mutter ‘ wurde bei dieser Frage etwas verlegen, endlich wagte sie die Antwort: „Eine Kokotte ist sie geworden. Besser ist's schon, man spricht gar nicht von. ihr, weder ihr Vater noch wir alle wollen etwas von ihr wissen" . . . „Hoffentlich begegnen nur uns nicht in Warschau", bemerkte Henrik, „das wäre mir außerordentlich peinlich." „Jankel Spiwak war in alle Familienangelegenheiten eingeweiht und hatte er auch vor Jahren an der Erziehung der Kinder teilgenommen." „Wie würde es um unsere Ernährung aussehen, wenn nicht du erprobt und erfahren in der Küche walten würdest", riesen die Kinder aus und umarmten ihre Mutter." „Frau Glücksmann war erkrankt und mußte operiert werden. Indem er ihr und ihren Angehörigen das Allerbeste wünschte, verab-, schiedete er sich von der Familie." „Damit sie aber nicht glauben, daß ich vielleicht irgendeine Beziehung zu der Dame anzuknüpfen beabsichtige, will ich Ihnen sagen, um was es sich handelt." „Nach reiflicher Ueberlegung wirst Du selbst zu dieser Einsicht kommen, daß eine solche Heirat eine^ große Torheit wäre und nicht Dein Ernst sein kann." Nach recht kurzer Ueberlegung wird jeder zu der Einsicht kommen, daß ein solches Buch eine große Torheit ist und nicht ernst genommen werden, kann. Wir alle wissen, wie groß der Mangel an' wirklich jüdischer Dichtung ist. Er zeigt uns aber auch, wie verantwortungsbewußte Menschen an anderen Stellen darüber wachen, daß eine Konjunktur nicht zum geistigen Ruin des jüdischen Schrifttums deutscher Sprache werde. Selbst wenn man demAutor den guten Willen zubilligen mag, so bleibt es völlig unverständlich, wieso sich ein Verleger für ein solches Buch finden konnte. Or. Der andere Conrad Paul Wohlfahrts Aufsatz (C.-V.-Zeitung Nr. 2 vom 9. 1. 36) über- Cvnrad war sicherlich für alle jüdischen Freunde dieses vielleicht größten Dichters unserer Zeit besönder-s interessant. Ist es erlaubt, ihn zu ergänzen? Dann möchte ich von Wohlfahrts Satz ausgehen, daß Conrad uns nicht bloß angeht, wenn er jüdische Menschen darstellt wie den liebenswerten Jankel und Jüdisches namentlich erwähnt. Sein Schicksal, sein ganzes Lebensproblem ist — unsere Sache. Der Pole, der so durch und durch Engländer werden konnte, spielt in der Weltgeschichte der Nationalliteraturen und des nationalen Gewissens eine Rolle von solcher Größe und Kompliziertheit und spielt sie mit solcher Verantwortung und Würde zu Ende, daß der Vergleich mit der Rolle des Judentums und der Judenheit in der Welt unsere Bedeutung und Kompliziertheit nur klären kann. Zunächst: Conrad war nicht bloß ein Dichter maritimer Begebenheiten und tropischer Erscheinungen, seine exotischen und Seegeschichten sind nur ein Teil seines Werkes, dessen Schwerpunkt weder im Milieu noch im Stofslichen liegt. Zweitens: man hat bisher nur beachtet, wohin Conrad kam, als er schon Conrad war, und übersehen, woher dieser Mann kam, der ursprünglich Korzeniowski hieß und vielleicht nur schreiben mußte, um seine letzte moralische Position gegenüber den Ansprüchen seiner Herkunft zu rechtfertigen. Sein Gesamtwerk ist ebenso als Hohelied der Treue wie als Motivierung der Abtrünnigkeit zu begreifen, und ist das jüdische Gesamtwerk seit Spinoza nicht unter den gleichen Aspekten zu sehen? Als Sohn eines in sibirischer Gefangenschaft gestorbenen polnischen Patrioten, eines nationalen Märtyrers, müßte er gewisse moralische Verpflichtungen gehabt haben, die er zu ignorieren schien, indem er Engländer, Seemann, Künstler wurde: er, ein Zeitgenosse Pilsudskis. Und er haßte seine Heimat so wenig, wie er sie verleugnete und verteidigte; ja, diese Tatsachen sind so ungewöhnlich und kompliziert, weil er, obschon ein Mann von Gefühl und Verstand, besonders Verstand, gleichwohl den Eindruck tiefer Ausgeglichenhell macht. Lag der Konflikt also nicht in ihm, sondern zwischen ihm und seiner Welt? In Polen mußte die Meinung auskommen, daß Conrad ein Verräter wäre. Die Polen, sagten die Polen, haben keine ausgeprägtere Eigenschaft als das Ehrgefühl. Wenn man nicht wüßte, daß Conrad als Pole geboren ist, am „Lord Jim" müßte man es erkennen. Es geht in diesem Roman um das Ehrgefühl, und der Tuan Jim, der an der verlorenen Ehre zugrunde geht, sei, sagten die Polen, Conrad selbst. Also hätte sich Conrad im „Lord Jim" selbst das Todesurteil geschrieben, den moralischen Untergang zur Strafe für seine Abtrünnigkeit diktiert. Dieser Vorwurf ist bestechend begründet worden, indem Conrads für einen Polen einzigartige Wendung zum Seemannsberuf als eine Flucht vor seiner nationalen polnischen Aufgabe erklärt wurde, nämlich als die Flucht vor dem Osten, vor der unheimlichen, damals unüberwindlich erscheinenden russisch-zaristischen Wirklichkeit. Dann aber wirkte das Meer ebenso aus den Romantiker wie das russische Regiment zu Hause: „Er sah die See wüten ohne Grund, sah gute, brave Kerle in ihren tausend wogendeu Armen ersticken, während die Bosen ungestraft davon kamen . . . Zerstörungswut — Herrschsucht, ihre unerträgliche Launenhaftigkeit und Verlogenheit ..." Kein Wunder, daß Conrad mit 38 Jahren dem Meer die Treue brach, daß es ihn drängte zu schreiben, welche Enttäuschung er erlitten." Obwohl solche psychoanalytische Auffassung, wonach Conrad quasi die polnische Sache ips Meer und dann das Meer in die Tinte verdrängt hätte, merkwürdig erscheint, ist sie nicht von der Hand zu weisen. Conrad selbst hat den kleinsten Dingen bedeutenden Wert zugemessen und auch viele Jahre lang gezögert und sich drängen lassen, ehe er, der doch längst Engländer war, sich auch als solcher naturalisieren ließ, nichts dergleichen war ihm nur Formsache. Ueberdies hat man Conrad schon, als er, fast noch ein Knabe, zur See ging, des Verrats bezichtigt. Die Kvmpatrioten haben ihn wahrscheinlich,hart bedrängt. „Ach, ich habe die Ueberzeugung," notiert er Jahrzehnte später in seinen Memoiren scheinbar unvermittelt, „daß es Männer von untadeliger Korrektheit gibt, die bereit sind, verächtlich das Wort Desertion auszusprechen." Und während für die nüchtern vernünftige englische Auffassung Conrads Uebertritt nur als ein Akt natürlicher irdischer Gescheitheit wirken konnte, war der polnische Patriotismus ein geradezu mystischer Kult, und ein bekannter polnischer Kritiker konnte noch im Nachruf aus Conrad 1923 predigen, es sei unbegreiflich, wie dieser Ueberläufer die „Tragödie seiner Nenegation", die Verleugnung seiner Herkunst solange habe überleben können, Joseph Conrad Korzeniowski, kein beliebiger Landsmann, sondern der Sohn eines großen polnischen Märtyrers, eines Nationalheiligen. Dann zöge sich durch sein Werk ein Kometenschweif von verdrängten Gewissensbissen. Lord Jim ist 23 Jahre alt, als er von seinem Schiff desertiert. Er desertiert nicht eigentlich aus Feigheit oder eignem Impuls, sondern man meint, das Schiss, dessen jüngster Offizier Jim ist, die „Patna" mit ihren vielen mohammedanischen Pilgern, müsse nntergehen. Die „Patna" ist leck, die Pilger sind nicht zu retten, so sollen wenigstens die Offiziere sich retten. Sie machen nachts ein Beiboot fertig, eine Stimme, ein Vorgesetzter ruft: Spring doch! — und Lord Jim springt, rettet sich mit, ist wie im Trance — desertiert. Und nun konzmt der seltsame Rückschlag: das Schiss hält noch einen Tag durch, wird von einem französischen Dampfer gesichtet, der die Pilger an Bord nimmt und rettet, den Offizieren wird vom Seegericht der Rang aberkannt, und Lord Jim wird am Ehrverlust zugrunde gehen. Nun die Parallelen: Die Hauptperson des Romans nennt sich seit der Desertion nur noch beim Vornamen Jim, Korzenowski nur noch beim Vornamen Joseph Conrad; Lord Jim sucht seit seiner Desertion nur noch die entlegensten tropischen Ortschaften aus, wo man davon nichts wissen kann, Conrad geistert zwanzig Jahre in tropischen Meeren herum, wo der polnische Freiheitskamps kaum eine Sage sein kann; die Offiziere des Schisses „Patna" sind Feiglinge oder Schurken oder beides wie zu jener Zeit nach seiner Meinung die meisten Führer der polnischen Bewegung, sonst wäre der unfreie Zustand undenkbar; der Stimme des Vorgesetzten, die „Spring doch! ruft, entspricht die jahrelange Mahnung }"n: Conrads Vaterstelle vertretendem Onkel Bobrowski, sich als Engländer naturalisieren zu lassen; Lord Jims Desertion ist ein Akt der Schwäche, der Jugend, wie im Trance, Conrads Entscheidung für den Seemannsberuf ein Akt romantischer Flucht, der Jugend, des Halbbewußtseins; die Pilger der „Patna" werden von einem französischen Schiff gerettet, Polen erwartete (und erreichte) die nationale Rettung und Auferstehung von Frankreich; der Name des von Offizieren verratenen Pilgerschiffs „Patna" endlich ist nüt einem Federstrich in „Patria" zu transkribieren. Das ganze Buch aber ist nicht objektiv episch erzählt, sondern von verschiedenen Beobachtern her wie Anklage, Indizienbeweis und Alle Ihre Bücher von der Buchhandlung am Zoo Fritz Ring Charlottenburg, Joachimsthaler Sir. 43-44 Mitglied der jüdischen Gemeinde Telefon Bismarck 6506 Zusendung nach allen Stadtteilen